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Full text of "Zeitschrift für deutsche Philologie. Ergänzungsband"

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BBÜUEATHED    HV 

t&tovfie  JkUi«(m  ^etxclx 

PROFESSOR    OF 

Ocrmanic  Xanouaocö  ane  Xlterantccs 

IN    THE 

1896- 1899. 

1 

1 

BEQUEATHED     BY 

ISloret  ^lltaon  ^tttch 

PROFESSOR    OF 

Ocrmantc  xanfluageB  aii6  Xltetatures 

m  THE 

itnincrattu  »f  SätthiB««. 

18S6-JS99. 

^         ZEITSCHRIFT            ^^H 

^^^^^p                                         fUb                                                ^^^^^H 

■DEUTSCHE  PHILOLOGIE    1 

^1                         BEGRÜNDET   voK  JULIUS   /.ACHEK                             ^^H 

^^^^^H                                                           ^^^^^H 

^^B                                                                          VOK                                                                ^^^^^^^1 

H                   HllCn    RFSING    IIN1.    nSKlR     FRnMANN                                    1 

ATTENTION  PATRON: 

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B^^                                    HALLE».  S.                                                   ^H 

^^^^^^1                                RircHiiAin)i.uNn  df^  waiskniiatpsks.                      ^^^^^^| 

^^^^H                                                               ^^^^^H 

ZEITSCURIJT 


rfR 


DEUTSCHE  PHnx)LOGIE 


"     5    V    ■•• 

V  ^      »    '       t 


BEGRÜNDET  von  JULIUS  ZACHKR 


HKRAUSi^iEi^EBEN 


VON 


HUGO   GERING  und  OSKAR    ERDMANN 


FÜNFUNDZWANZK^STKIl    »AND 


HALLK  A.  S. 

VKRIiAQ   DER    BUCaHKANDI.VNd    nV»    WAIHKNIIAUHKH. 

18  9  3. 


ocif-     .*^'}4 


INHALT. 


Seite 

Zum  Eckenüede.    Von  F.  Vogt 1 

Liederhandschriften  des  16.  und  17.  Jahrhunderts  II.  III.    Von  J.  Bolte     .    .  29 

Ungedmckte  briefe  Herders  und  seiner  gattin  an  Gleim.    Von  J.  Pawel      .     .  36 

Zur  Klage.    Von  J.  Bieger 145 

Zwei  berichte  über  eine  Jerusalemfahrt  (1521).    Von  R.  Röhricht      .     .      163.  475 

Über  Wielands  Geron.    Von  L.  Singer 220 

Über  Goethes  bruchstüoke  des  gedichtes  ^der  ewige  Jude".    Von  H.  Düntzer  289 

Das  nhd.  pronomen.    Von  A.  Jeitteles 303 

Deutsche  Wandertruppen  in  Dänemark.    Von  J.  Paludan 313 

Hans  Sachs  als  moralist  in  den  fastnachtspielen.    Von  G.  Duflou 343 

Die  quellen  von  Klingers  ^Derwisch''.    Von  K.  0.  Mayer 356 

I^dreks  saga  und  Niflunga  saga.    Von  R.  C.  Beer 433 

Johann  Sebastian  Mittemacht    Ein  beitrag  zur  geschichte  der  schulkomödie  im 

17.  Jahrhundert.    Von  G.  Ellinger 501 

« 

Mitteilungen   über  handschriften   der  Zweibrückener  gymnasialbibliothek.    Von 

A.  Englert 537 

Lied,  genant:  das  menschliche  leben  ein  träum.    Von  A.  Jeitteles  .     .  544 

Nekrologe. 

Friedrich  Zarncke.    Von  F.Vogt 71 

Matthias  v.  Lexer.    Von  K.  Weinhold 253 

Theodor  Wisen.    Von  G.  Cederschiöld 362 

Miscellen. 

Zur  geschichte  des  begräbnisses  more  tetäonico.    Von  K.  Maurer 139 

Zum  drama  vom  verlornen  söhn.    Von  Th.  Odinga 140 

Nochmals  dribolde  scheren.    Von  M.  Pappenheim 140 

Zu  W.  Müllers  romanze  „Est  esf*.    Von  R.  Sprenger 142 

Gardinenwiese.    Von  R.  Sprenger 286 

Noch  einmal  täte  im  bedingungssatze.    Von  G.  Böttichcr  und  ö.  Erdmann  431 

Zu  den  neutralen  engoln.    Von  Ph.  Strauch 566 

Die  zeichen  >  und  <.     Von  H.  Gering 566 

Litteratur. 

A.  Schultz,  das  höfische  leben,  angez.  von  J.  Meier 91 

G.  V.  d.  Gabelentz,  die  Sprachwissenschaft,  angez.  von  H.  Oldenherg     .     .  113 

Hench,  the  Monsee  fragments,  angez.  von  H.  Wunderlich 117 

Herzfeld,  die  rätsei  des  Excterbuchos ,  angez.  von  E.  Kooppol    .     .     .         .  120 


IV  INHALT 

Seite 

Bielschowsky,  geschichte  der  deutschen  dorfpoesie  I;  Hartmann,  Heselohei's 

lieder,  angez.  von  F.  Vogt 121 

Seegers,  textkritik  von  Hartmanns  Gi*egorius,  angez.  von  G.  Rosenhagen    .  125 

Weiland,  die  Angeln,  angez.  von  0.  Bremer 128 

Holte,  de  düdesche  Schlömer,  angez.  von  H.  Brandes 130 

Schaub,  nd.  Übertragungen  des  Lutherschen  N.  T.;  angez.  von  demselben  .  132 
Bötticher  und  Kinzel,  denkmäler  der  älteren  deutschon  litt.  III,  2—4,  angez. 

von  G.  Kawerau 137 

Schönbach,  altdeutsche  predigten  III,  angez.  von  F.  Bech 256 

Genelin,  unsere  höfischen  epen,  angez.  von  H.  Suchior 265 

Zimmerli,  die  deutsch -französische  Sprachgrenze  in  der  Schweiz,  angez.  von 

demselben 266 

Schopss,  Conrad!  Hirsaugiensis  dialogus,  angez.  von  H.  Althof 267 

M.  V.  Waldberg,  Venusgärtlein ,  angez.  von  G.  Ellinger 273 

Braitmaier,  Goethecult  und  Goethephilologie,  angez.  von  0.  Erdmann      .     .  287 

Bechtel,  hauptprobleme  derindogerm.  lautlehre,  angez.  von  H.  Möller     .     .  366 

Ranisch,  Y^lsunga  saga,  angez.  von  B.  Sijmons 394 

E.  H.  Meyer,  eddische  kosmogonie,  angez.  von  F.  Eauffmann 399 

Weede,  diu  Wärheit,  angez.  von  H.  Wunderlich  .     .     .     • 402 

Garke,  prothose  und  aphaerese  des  h  im  ahd.,  angez.  von  demselben.     .     .  403 

Lichtenberger,  poeme  et  logende  des  Nibelungen,  aogez.  von  F.  Vogt    .     .  405 

Hauff en,  Caspar  Scheidt,  angez.  von  G.  Ellinger •  417 

Heine,  Schauspiel  der  deutschen  Wanderbühne,  angez.  von  demselben.    .    *  419 

Kraus,  böhm.  Puppenspiel  von  dr.  Faust,  angez.  von  demselben      ....  421 

Bolte,  der  bauer  im  deutschen  liedo,  angez,  von  demselben 423 

E.  Voigt,  Egberts  von  Lüttich  Fecunda  ratis,  angez.  von  R.  Peiper.     .     .     .  423 

Müllen  hoff,  deutsche  altortimiskunde  UI,  angez.  von  0.  Bremer  .  .  .  .  546 
Housler,   zur  geschichte  der  altdeutschen  vei-skunst,   angez.  von  F.  Kauff- 

mann 552 

Kraus,  „Vom  rechte**  und  „Diu  Hochzeit**,  angez.  von  H.  Löbner    ....  560 

Reuling,  die  komische  figur  in  deutschen  dramen,  angez.  von  Bolte     .     .     .  563 

J.  Reicke,  zu  Gottscheds  lehrjahren  in  Königsberg,  angez.  von  0.  Erdmann  565 

Neue  erscheinungen 143.  287.  431.  567 

Nachrichten 144.  288.  432.  568 

Berichtigungen 144.  568 

Register  von  E.  Matthias 568 


ZUM  ECKENLIEDE. 


Uns  seit  von  Lutringen  Helfrich 
wie  zwene  rechen  lobelich 
Ze  saemine  bechomen 
Erekke  unde  ouch  her  Dieterich 
Sie  waren  beide  vraislich 
da  von  sie  schaden  namen 
Als  vinster  was  der  tan 

da  si  an  ander  fanden 
Her  Dietrich  rait  mit  mannes  chrafift 

den  walt  also  unchunden 
Ereke  der  chom  dar  gegan 
er  lie  daheime  rosse  vil 

daz  was  niht  wol  getan. 


Hiemali  tempore 
dum  prata  marcent  frigore 
et  aquQ  congelascunt 
concurrunt  in  ^stuario 
qui  regnant  cum  Decio 
et  postquam  convalescunt 
socius  a  socio 

lud  US  incitatur 
qui  vestitus  venerat 

nudus  reparatur 
ei  trepidant  diviti^ 
cui  paupertas 

semper  servit  libere. 


10 


Die  metrische  Übereinstimmung  obiger  Strophen  der  Carmina 
Burana  ist  lange  unbemerkt  geblieben,  ob  wol  doch  in  der  handschrift 
auch  hier  die  deutsche  sti*ophe  unmittelbar  hinter  dem  entsprechenden 
lateinischen  liedchen  steht  (Bl.  90  und  90**;  Schmeller  nr.  180.  CLXXX'), 
von  dessen  drei  Strophen  ich  hier  probeweise  die  erste  mitteilte.  Mar- 
tin führt  vielmehr  Ztschr.  f.  d.  a.  20,  47  die  strophe  des  Eckenliedes 
ausdrücklich  unter  denjenigen  deutschen  auf,  welche  „keine  lateinischen 
gegenstücke  haben  *^,  und  weder  Burdach  noch  Meyer  haben  bei  ihren 
bemühungen,  teilweise  die  priorität  der  deutschen  Strophen  der  CB  vor 
den  mit  ihnen  zusammengestelten  lateinischen  gegen  Martin  zu  ver- 
teidigen, jenes  versehen  berichtigt.  Und  doch  handelt  es  sich  gerade 
hier  um  einen  fall,  in  welchem  die  deutsche  strophe  gewiss  die 
ursprüngliche  ist  und^dem  lateinischen  liede  nur  als  schema  der  bekan- 
ten  deutsclien  weise  angehängt  wurde,  nach  welcher  jenes  gesun- 
gen ward.  Denn  abgesehen  von  algemeinen  erwägungen,  die  es 
unwahrscheinlich  genug  machen,  dass  eine  der  beliebtesten  weisen 
der  deutschen  volksepik  aus  einem  kleinen  lateinischen  spielerlied- 
chen  herstammen  solte,  zeigen  die  lateinischen  verse  hier  in  dem 
dreimaligen   fehlen    der   Senkungen    (v6st6s    nüttäntür  2,   10;   hef   h^c 


ZJCITSCURIFT   F.    DKUTSCHK    PHILOLOGIE.       BD.    XXV. 


2  F.   VOGT 

est  rögulä  3,  11)  eine  eigen tümlichkeit,  die  Martin  selbst  a.  a.  o.  s.  56  fg. 
als  kenzeichen  für  die  nachbildung  eines  deutschen  musters  auffasst. 
Der  schlussvers  hat  im  Eckenliede  die  gewöhnliche  form  der  epischen 
langzeile:  3  hebungen  mit  klingendem  oder  4  mit  stumpfem  ausgange 
in  der  ersten,  3  hebungen  mit  stumpfem  schluss  in  der  zweiten  hälfte. 
Nacli  der  ersteren,  herschenden  form  könte  auch  in  dem  lateinischen 
üede  der  schlussvers  der  1.  und  3.  strophe  gelesen  werden  cui  pau- 
pertas  semper  servit  libere,  per  quam  noMs  cutis  erit  morbida;  aber 
der  schluss  der  zweiten  cui  so7's  magis  aut  fortuna  faveat  nötigt 
anzunehmen,  dass  die  cäsur  hinter  die  auf  die  zweite  hebung  folgende 
Senkung  verschoben  wurde,  so  dass  sich  also  der  typus  3v^  +  3  zu 
2w  +  4  wandeltet 

Aber  nicht  allein  für  die  frage  nach  dem  Verhältnis  der  vagan- 
tenlyrik  zur  deutschen  dichtung,  auch  für  die  beurteilung  des  Ecken- 
liedes selbst  ist  die  in  die  CB  aufgenommene  strophe  von  grosser 
bedeutung.  Zupitza,  der  in  der  Lassbergischen  handschrift  (L)  die 
„älteste  gestalt"  des  Eckenliedes  sieht,  tut  im  Deutschen  heldenbuch 
V,  XXXV  den  kritischen  wert  der  Benedictbeurener  str.  (B)  allerdings 
mit  der  bemerkung  ab:  „ihre  fassung  weicht  von  L  so  bedeutend  ab, 
dass  nicht  zu  zweifeln  ist,  dass  sie  aus  dem  gedächtnis  aufgezeichnet 
worden";  aber  noch  in  seinen  Prolegomena  ad  Alberti  de  Kemenaten 
Eckium  s.  16  scheint  er  nicht  abgeneigt,  B  den  vorrang  vor  L  zu  las- 
sen. In  der  tat  stelt  meines  erachtens  die  vergleichung  beider  Über- 
lieferungen die  ursprünglichkeit  von  B  ausser  zweifei.  Vers  9  und  10 
liest  nämlich  L:  her  Dietrich  u?id  der  kilene  man  wol  an  denselben 
stunde?i.  Das  sind  durchaus  nichtssagende  flickverse,  während  B  hier 
bestimte  angaben  bietet,  die  volständig  am  platze  sind:  Dietrich  kent 
den  wald,  durch  den  er  in  nächtlichem  dunkel  ziehen  muss,  tatsäch- 
lich nicht;  und  vor  allem,  was  hier  im  gegensatz  zu  vers  11  entschie- 
den bemerkt  werden  muss,  er  reitet,  während  Ecke  zu  fusse  geht. 
Das  Dresdener  heldenbuch  (d)  stimt  mit  L  überein;  die  dritte,  durch 
den  Augsburger  und  den  Strassburger  druck  vertretene  version  (as) 
liest  vers  7  — 10:  Ja  also  finster  tvas  der  than  Da  xü  den  selben  stun- 
den Herr  Eck  der  wolt  nie  abelan  Den  weg  het  er  gefunden.  Was 
den  anlass  zu  diesen  ungeschickten  änderungen  gegeben  hat,  ist  klar: 
der  cäsurreim  solte  eingeführt  werden,  während  in  der  ursprünglichen 
form  der  Eckenstrophe  zeile  7  und  9  reimlos  waren.  Diese  echte 
gestalt  der  Ecken  weise  liegt  allein  in  den  CB  vor;  in  der  lateinischen 
nachbildung  bleiben  die  entsprechenden  zeilen  ebensowol  konsequent 
'^*"^fi   reim    wie  in   der  deutschen  strophe,   während  alle  volständigen 


ZUM  EOEENLIEDE 


Überlieferungen  des  deutschen  gedichtes  diesen  ohne  ausnähme  ein- 
geführt haben;  keine  von  ihnen  kann  also  die  ursprüngliche  fassung 
des  Eckenliedes  darstellen.  Zu  diesem  ergebnisse  war  schon  vor  20  jäh- 
ren Wilmanns  (Altdeutsche  Studien  s.  97  fgg.)  auf  ganz  anderem  wege 
gelangt  Er  hatte,  was  insbesondere  die  form  betritt,  bemerkt,  das  L, 
d  und  as  auch  bei  sonstiger  Übereinstimmung  der  reimwörter  doch  in 
denen  des  siebenten  und  neunten  verses  in  der  regel  von  einander 
abweichen;  und  er  hatte  den  schluss  daraus  gezogen,  dass  diese  drei  texte 
auf  eine  verlorene  quelle  zurückgehen  müsten,  in  welcher  jene  zeilen 
noch  nicht  mit  einander  gereimt  waren.  Die  Strophen  der  CB  hatte 
auch  er  nicht  berücksichtigt;  sie  geben  seiner  annähme  eine  glänzende 
bestätigung,  wenn  anders  es  einer  solchen  noch' bedurfte. 

Wer  die  deutsche  strophe  der  CB  unbefangen  und  ohne  rück- 
sicht  auf  die  anderweitige  Überlieferung  des  Eckenliedes  liest,  dem 
wird  sie  sicherlich  als  der  anfang  desselben  erscheinen;  und  dass  gerade 
sie  als  Vertreterin  seiner  weise  dem  lateinischen  liede  in  der  Benedikt- 
beurener  samlung  angehängt  ist,  würde  sich  natürlich  am  einfachsten 
erklären,  wenn  das  deutsche  gedieht  wirklich  mit  ihr  begann.  Aber 
in  L  gehen  ihr  68,  in  d  77,  in  as  62  Strophen  voran.  Diese  berich- 
ten, wie  Ecke  von  drei  königinnen  ausgesant  und  ausgerüstet  wird, 
um  ihnen  den  Dietrich  von  Bern  zu  bringen;  wie  er  diesen  dann  zu 
Bern  und  anderswo  vergeblich  sucht,  bis  er  einen  von  Dietrich  tötlich 
verwundeten  ritter  findet,  der  ihn  erst  vor  dem  kämpfe  mit  dem  gefähr- 
lichen beiden  warnt,  dann  aber  auf  die  richtige  fährte  weist  Dieser 
todwunde  wird  in  L  Helferich  von  Lune,  in  D  Helferich  von  Lone, 
in  as  Helferich  von  Lutring  genant;  er  gilt  allen  Überlieferungen  als 
einunddieselbe  persönlichkeit  mit  dem  in  der  eingangs  mitgeteilten 
Strophe  genanten  gewährsmanne  der  erzählung  vom  kämpfe  Dietrichs 
mit  Ecke.  In  as  begint  diese  strophe  freilich  ohne  nennung  des  namens 
Wir  funden  hye  geschribeti  stan  Wie  das  xwen  vnicerxagte  man  In 
einen  wald  dar  kamen;  aber  hier  wird  vorher  str.  62  und  nachher 
str.  90,  6  Helfrich  ausdrücklich  zum  heimlichen  zeugen  des  kampfes 
gemacht,  und  str.  130  fg.  lässt  ihn  diese  version  nach  beendigung  des 
kampfes  hervorkommen  und  von  Dietrich  mit  der  nachricht  über  das 
vorgefallene  nach  Bern  geschickt  werden. 

Von  einer  solchen  Verbindung  dieser  person  mit  den  späteren 
ereignissen  wissen  nun  L  und  d  durchaus  nichts.  Helfrich  wird  nach 
der  in  rede  stehenden  strophe  (L  69  d  78)  überhaupt  gar  nicht  wider 
genant;  und  selbst  mit  der  vorangegangenen  erzählung  von  Helfrichs 
Verwundung  steht  jene  strophe  von  Helfrich  dem  gewährsmann  in  die- 

1* 


F.  VOGT 


son  beiden  Versionen  eigentlich  in  gar  keinem  zusammenhange.  Wäh- 
rend as  Str.  62  zu  erzählen  weiss,  dass  Helfrich,  der  sich  vorher  wie 
ein  sterbender  gebärdete,  zu  den  kämpfenden  schleicht,  indem  er  sich 
seine  wunden  mit  einem  rasenstücke  zuhält,  lässt  d  (74  —  77)  ihn  durch 
ein  Zwerglein  geheilt  werden,  so  dass  er  am  fünften  morgen  von  dan- 
nen  reiten  kann  —  wohin  wird  nicht  gesagt,  imd  man  gerät  nicht 
auf  den  gedanken,  dass  er  noch  zu  Eckes  und  Dietrichs  kämpf  gekom- 
men sein  solte,  da  dieser  doch  nicht  erst  am  fünften  tage  nachdem 
Helfrich  den  Ecke  zu  Dietrich  gewiesen  hatte  erfolgt  sein  wird.  Nach 
as  78,  11  — 13  begint  der  kämpf  Dietrichs  mit  Ecke  vielmehr  in  der 
auf  seinen  kämpf  mit  Helfrich  folgenden  nacht,  und  die  mit  dieser 
Strophe  eng  zusammenhängende  as  79  findet  sich  auch  in  d  (117). 
d  wird  durcli  die  erzählung  von  Helfrichs  h  eilung  wol  die  tatsache 
haben  erklären  wollen,  dass  der  todwunde  überhaupt  am  leben  blieb 
und  so  der  gewährsmann  für  die  folgenden  ereignisse  werden  konte; 
darüber  aber,  auf  welche  weise  er  sie  erfahren,  hat  der  urheber  die- 
ser Version  sich  augenscheinlich  keine  gedanken  gemacht.  An  eine 
gemeinsame  quelle  für  die  berichte  in  as  und  in  d  ist  natürlich  niclit 
zu  denken;  und  so  enthält  denn  auch  L,  die  in  der  ältesten  hand- 
schrift  überlieferte  und  zugleich  (so  viel  muss  man  meines  erachtens 
Zupitza  entschieden  zugeben)  die  verhältnismässig  ursprünglichste  die- 
ser drei  redaktionen,  keinen  von  beiden.  Auch  jene  Strophe  as  79 
d  117,  welche  den  der  begegnung  mit  Ecke  vorangegangenen  kämpf 
Dietrichs  mit  Helfrich  und  dessen  drei  begleitern  voraussezt,  fehlt  in  L 
ganz.  Das  einzige,  was  hier  möglicherweise  einer  Vorbereitung  der 
Strophe,  die  den  Helfrich  als  gewährsmann  nent,  ähnlich  sehen  könte, 
ist  die  mit  d  übereinstimmende  kurze  bemerkung  68,  2,  dass  Ecke 
den  wunden  Helferich  verbunden  habe,  insofern  nun  doch  wenigstens 
dessen  heilung  noch  möglich  gemacht  scheint;  da  aber  as  etwas  der- 
artiges nicht  enthält,  vielmehr  bestimt  voraussetzt,  dass  Helfrich  ohne 
verband  bleibt,  so  ist  es  sehr  zweifelhaft,  ob  in  der  quelle  Ldas  schon 
eine  entsprechende  strophe  stand. 

Jedesfals  haben  wir,  was  d  und  vor  allem  was  as  gegen  L  über 
Helfrich  angeben,  als  selbständige  zutaten  anzusehen,  die  wenigstens 
in  as  deutlich  dem  zwecke  dienen,  eine  in  der  quelle  vermisste  Ver- 
bindung zwischen  der  geschichte  des  verwundeten  Helfrich  und  der 
berufung  auf  Helfrichs  erzählung  vom  kämpfe  Dietrichs  mit  Ecke  her- 
zustellen. In  der  gemeinsamen  grundlage  von  Ldas  hat  sich  nichts 
deraii:iges  gefunden;  in  ihr  bestand  —  mögen  wir  nun  L  68  für  älter 
oder  für  jünger  halten  —  ein  erträglicher  Zusammenhang  zwischen  der 


ZUM    EGKRNLIRDE 


oben  mitgeteilten  Strophe  L  69  und  dem  vorangegangenen  so  wenig 
wie  in  L.  Wie  der  zum  tode  verwundete,  schon  mit  dem  sterbesakra- 
ment  versehene  Helfrich  dazu  komt,  den  kämpf  der  beiden  beiden  zu 
erzählen,  ist  ganz  unerfindlich;  Dietrich  und  Ecke  aber  werden  vol- 
ständig  neu  eingeführt,  als  wären  sie  noch  gar  nicht  genant,  als  wäre 
von  Eckes  langem  suchen  nach  Dietrich  nirgend  die  rede  gewesen,  und 
ebensowenig  davon,  dass  er  ein  pferd  verschmähte.  Dass  es  nacht  ist, 
wird  von  dieser  strophe  an  vorausgesezt,  während  von  ihrem  anbruch 
vorher  in  Ld  nicht  die  rede  war;  vielmehr  war  in  L  die  lezte  Zeit- 
bestimmung der  morgen  (52,  1  vgl.  auch  d  55,  12.  56,  1);  nur  nach 
der  auch  hier  auf  herstellung  eines  besseren  Zusammenhanges  bedach- 
ten Version  as  ist  es  abend  43 — 44,  nacht  58.  Ich  kenne  keine  ein- 
zige stelle  im  inneren  eines  unserer  volksepen,  an  der  so  deutlich  und 
unvermittelt  der  anfang  eines  augenscheinlich  selbständigen  gedichtes 
mitten  in  die  erzählung  hineinfährt.  Selbst  in  as  fängt  bei  allen  Ver- 
änderungen die  Strophe  doch  noch  wie  von  vorne  an.  L  zeigt  nur 
eine  für  die  frage  nach  ihrer  Selbständigkeit  bemerkenswerte  ab  wei- 
chung von  B:  es  schreibt  als  erstes  wort  erst  statt  tins.  Das  kann 
hier  nichts  anderes  heissen,  als  „erst  jezt".  Der  urheber  dieser  Ver- 
sion sezt  also  voraus,  dass  man  das  durch  erst  eingeleitete  eigentlich 
schon  früher  erwarten  konte.  Aus  der  vorausgegangenen  erzählung 
aber  ergibt  sich  nicht  der  mindeste  grund,  weshalb  Helfrich  schon  frü- 
her seinen  bericht  hätte  bringen  sollen;  nicht  durch  sie,  sondern  nur 
durch  eine  ältere  tradition  kann  daher  jene  erwartung  begründet  sein, 
durch  die  tradition,  nach  welcher  das  Eckenlied  eben  mit  dieser  strophe 
begann.  Der  redaktor  geht  also  hier  von  der  jüngeren  Vorgeschichte 
zu  dem  älteren  anfange  über,  indem  er  sagt:  „erst  jezt  komt  die 
(bekante)  erzählung  des  Helferich  von  Lune";  und  er  kenzeichnet 
dadurch  zum  überfluss  noch  ausdrücklich  die  stelle,  an  der  die  alte 
dichtung  begann. 

So  weiss  denn  nun  auch  die  I^idrcks  saga  (c.  96  fg.)  von  der 
ganzen  scene  zwischen  Ecke  und  dem  verwundeten  rittor  durchaus 
nichts,  und  nirgend  in  der  ganzen  erzählung  von  Ekka  wird  Hjalp- 
rikr  auch  nur  genant 

Fand  sich  also  der  name  Helferich  von  Lutringen  oder  von  Lune 
ursprünglich  allein  in  der  oben  mitgeteilten  strophe,  der  ei-sten  der  alten 
dichtung,  so  fragt  es  sich,  was  er  dort  zu  bedeuten  hatte.  Schon  frühe 
ist  die  ansieht  geäussert,  dass  der  name  des  dichters  dahinter  stecke; 
ohne  dass  man  aber  deshalb  die  vorausgegangene  erzählung  vom  ver- 
wundeten Helfrich  für  jünger  erklärt  hätte.     Und  zwar  haben  bekant- 


6  P.   VOOT 

lieh  Lassberg  und  ühland  angenommen,  dass  von  Ltine  Helfmch  ent- 
stell sei  aus  von  Linouw  Heinrich,  so  dass  der  Verfasser  des  Ecken- 
liedes demnach  identisch  wäre  mit  jenem  Heinrich  von  Linouwe,  wel- 
cher nach  der  litterarischen  stelle  in  Rudolfs  von  Ems  Alexander  de?i 
waücere  verfasste,  nach  der  im  Wilhelm  von  Orlens  Ekkenis  manJieit 
hat  geiihtet  und  geseit:  dax  ist  der  waUcere.  Bächtold  hat  in  seiner 
Litteraturgeschichte  der  Schweiz  s.  108  u.  anm.  diese  Vermutung  wider 
aufgenommen.  Da  aber  Ekkenis  oder  Ekkenes  nicht  der  genetiv  von 
Ekke  ist,  andrerseits  der  vers  an  der  stelle,  wo  jene  namensform  steht, 
drei  silben  erfordert,  so  habe  ich  in  Pauls  Grundriss  II,  323  nach  den 
von  Wackemagel  LB  I*,  607  mitgeteilten  Varianten  Eggen,  Erecke^ 
frageweise  ern  Ecken  vermutet.  Die  ganze  hypothese  wird  jedoch  wider- 
legt durch  eine  stelle,  durch  die  Bächtold  sie  gerade  stützen  zu  können 
meint  Er  beruft  sich  a.  a.  o.  auf  die  ihm  aus  einer  abschrift  bekan- 
ten  verse  7084  fg.  des  Wilhelm  swer  hat  vemoynen  oder  gelesen  von 
dem  wallcere  hem  Ekkenes  mcere,  aus  denen  hervorgehe,  dass  unter 
dem  Waller  Ecke  gemeint  sei.  Ich  weiss  nicht,  wie  sich  das  aus  die- 
sen versen  eher  ergeben  soll,  als  aus  den  längst  bekanten  litterarischen 
stellen  im  Wilhelm  und  Alexander.  Jedesfals  beweisen  die  verse, 
welche  den  von  Bächtold  mitgeteilten  in  den  handschriften  unmittelbar 
folgen,  und  deren  abschrift  ich  der  freundlichkeit  des  herrn  dr.  V.  Zeid- 
1er  in  Graz  verdanke,  dass  der  wallcere  unmöglich  der  Ecke  des  volks- 
epos  sein  kann.     Der  dichter  fährt  nämlich  im  satze  fort: 

dem  ist  wol  Jcunt,  toie  iegelich 

ein  tumei  du  hebet  sich 

in  der  mitten  obigsten  xtt, 

und  tvie  ein  speriver  dur  strtt 

aldar  üf  gesetxet  tvirt. 
Demnach  gehörte  der  held  dieses  gedichtes,  wie  schon  Docen,  Mise.  II, 
292  in  berichtigung  seiner  eigenen  früheren  ansieht  (ebenda  I,  75) 
bemerkte,  „in  einen  ganz  anderen  fabelkreis".  Freilich  steht  die  namens- 
form in  den  älteren  handschriften  nicht  fest;  von  5  pergamenthand- 
schriften  bietet  nach  Zeidlers  mitteilung  nur  eine  Ekkenes^  die  anderen 
erkeynes,  dkenes,  klies,  ereckes.  Die  erwähnung  des  dur  strtt  aufge- 
sezten  sperbers  legt  es  ja  nahe,  Ereckes  für  das  ursprüngliche  und 
wallcere  dann  für  eine  Verderbnis  von  Ouwcere  zu  halten;  aber  in  wair 
leere  stimmen  die  handschriften  überein;  da  wäre  es  denn  doch  merk- 
würdig, wenn  der  name  des  albekanten  Verfassers  des  Eree  in  ihrer 
gemeinsamen  quelle  in  dieser  weise  entstelt  wäre,  und  wenn  dann  wei- 
ter alle  handschriften  diesen  namen  eines  gar  nicht  existierenden  dich- 


ZUM    ECKENLIEDK 


ters  gläubig  hingenommen,  für  sein  werk  aber  an  stelle  des  bekanten 
Erek  der  vorläge  auf  ganz  verschiedene  namensformen  geraten  hätten, 
statt  vielmehr  Erek  beizubehalten,  für  den  entstelten  namen  seines  Ver- 
fassers aber  die  bekante  richtige  form  einzusetzen.  Die  abweichungen 
der  handschriften  würden  sich  viel  eher  erklären,  wenn  es  sich  um 
den  namen  eines  wenig  bekanten  gedichtes  handelte.  Und  so  finden 
sich  denn  auch  nach  Wackernagel  a.  a.  o.  605  in  der  litterarischen 
stelle  des  Wilhelm  zu  Ouwere  und  Ereckes  gar  keine  abweichungen, 
während  zu  Ekkenis  ganz  ähnlich  wie  hier  die  teilweise  schon  auf- 
geführten Varianten  eggenis  ekkeins  eilcins  eygen,  ja  auch  ereckes  auf- 
treten. Von  Erec  aber  kann  in  dem  dort  vorliegenden  zusammenhange 
unmöglich  die  rede  sein.  Wir  werden  daher  dieser  lesart  auch  an  der 
anderen  stelle  keine  entscheidende  bedeutung  beilegen  dürfen.  Dazu 
komt  nun  noch,  dass  bei  Hartmann  nicht  von  der  mitten  ougsten  xit^ 
und  auch  nicht  eigentlich  von  einem  turnier,  sondern  nur  von  einem 
einzigen  Zweikampf  die  rede  ist  Es  handelt  sich  also  augenscheinlich 
um  ein  sonst  unbekantes  höfisches  epos,  und  Heinrich  von  Linouwe 
wird  mit  dem  Eckenliede  nichts  zu  tun  haben.  Der  vomame  der  frag- 
lichen persönlichkeit  lautet  auch  nach  dem  zeugnis  aller  handschriften 
und  drucke  Helferich;  als  die  form  des  zunaraens  ist  durch  die  Über- 
einstimmung der  ältesten  und  ursprünglichsten  aufzeichnung  B  mit  der 
von  ihr  ganz  unabhängigen  version  as  von  Lutriiigen  (Lutring)  am 
besten  verbürgt. 

Dieser  name  komt  sonst  nur  noch  einmal  in  der  litteratur  vor: 
nach  Dietrichs  flucht  5156  heisst  einer  der  fremden  fürsten  an  Etzels 
hof  Helphrich  von  Luiringe.  Dass  wir  hier  nichts  über  diese  persön- 
lichkeit erfahren,  dass  er  anderswo  überhaupt  unbekant  ist,  beweist  an 
sich  noch  nicht,  dass  er  nicht  wirklich  der  sage  angehört  haben  kann. 
Zu  den  sagenmässigen  Überlieferungen  haben  sicher  auch  genealogien 
und  namenverzeichnisse  gehört,  ohne  dass  deshalb  über  leben  und 
taten  jedes  in  ihnen  vorkommenden  beiden  auch  weitere  traditionen 
bestanden  haben  müsten.  Ein  solcher  held  könte  Holfrich  von  Lutrin- 
gen  gewesen  sein.  Der  Verfasser  des  Eckenliedes  könte  ihn  als  gewährs- 
mann  erdichtet  haben,  lediglich  um  durch  die  berufung  auf  einen 
altüberlieferten,  mit  Dietrich  von  Bern  in  Zusammenhang  stehenden 
namen,  mit  dem  man  doch  frei  schalten  konte,  da  man  sonst  nichts 
rechtes  von  ihm  wüste,  seiner  erzählung  ein  ehr-  und  glaubwürdiges 
aussehen  zu  geben.  Nach  der  lesart  B  uns  seit  scheint  man  ja 
auch  annehmen  zu  müssen,  dass  der  redende,  also  doch  wol  der  dich- 
ter,  nicht  von  sich  selbst,   sondern  von  seinem  gewährsmanne  spricht. 


8  K.   VOGT 

Und  wenn  dessen  name  wirklich  der  alten  sage  von  Dietrich  und  Etzel 
angehörte,  so  konte  das  dann  späterhin  dazu  führen,  ihm  auch  an  dem 
hier  erzählten  abenteuer  Dietrichs  durch  zudichtung  einen  anteil  als 
handelnde  person  zu  verschaffen. 

Trotzdem  und  trotz  ztschr.  f.  d.  a.  6,  438  fg.  kann  ich  bedenken 
gegen  die  annähme  nicht  unterdrücken,  dass  dieser  Helfrich  von  Lut- 
ringe  wirklich  der  alten  heldensage  angehörte.  Ob  dem  Zeugnisse  des 
gedichtes  von  Dietrichs  flucht  eine  selbständige  bedeutung  beigelegt 
werden  darf,  ist  sehr  zweifelhaft,  da  Heinrich  der  Vogeler  das  Ecken- 
lied gekant  und  benuzt  haben  wird.     Die  verse  von  Ortnits  tod 

daz  hat  man  iu  (mch  geseii, 

2vie  in  der  vmrm  slafent  vant 

vor  einer  vrilden  steinwant 

er  truoc  in  hiyi  in  einen  berc, 

die  würme  sugen  in  durch  dax  tverc 

(Dietrichs  flucht  2238  fg.) 

stimmen  mit  keiner  der  überlieferten  Ortnit-  imd  Wolfdietrichdichtun- 
gen überein,  auffällig  dagegen  mit  dem  Eckenliede.  In  jenen  wird 
ausnahmelos  erzälilt,  dass  Ortnit  nicht  an  einer  felswand,  sondern 
unter  einer  linde  eingeschlafen  ist,  als  ihn  der  drachc  findet;  ein 
rosentragender  anger  umgibt  den  bäum  nach  Ortnit  DHE.  III  str.  565 
—  567,  eine  breite  beide,  eine  au,  ein  gefilde  nach  HB  ed.  Keller 
293,  38.  294,  1.  23.  Nun  weicht  Dietrichs  flucht  freilich  auch  sonst 
in  ihren  mitteilungen  aus  Ortnits  geschichte  von  den  überlieferten  Ver- 
sionen ab;  aber  einerseits  steht  denselben  nirgend  so  wie  hier  eine 
ganz  bestimte  angäbe  aller  in  betracht  kommenden  Ortnit-  und  Wolf- 
dietrichtraditionen gegenüber,  und  andrerseits  klingen  die  verse  so  wört- 
lich an  Eckenl.  21,  9  fg.  an  — 

eiyi  wurm  sldfende  in  xeiner  xit 
vant  vor  eins  steines  wende, 
der  truoc  in  in  den  holen  berc 
und  leite  in  vür  die  jungen: 

die  sugen  in  durch  dax  werc  — , 

dass  doch  entschieden  die  annähme  am  nächsten  liegt,  Heinrich  der 
Vogler  habe  diese  verse  des  bekanten,  auch  von  seinem  stamm-  und 
Zeitgenossen  Ottokar  (Grimm  HS  170)  erwähnten  gedichtes  im  köpfe 
gehabt,  als  er  die  fragliche  stelle  schrieb.  Da  aber  jene  verse  nicht 
in  der  erzählung  von  Dietrichs  und  Eckes  kämpf,  sondern  in  der  An- 
leitung  stehen,    so  hat    er  ebenso   wie  Ottokar  schon   die   erweiterte 


ZUM  ECKENLIEDE 


fessuDg  des  liedes  gekant,  konte  ihr  also  auch  die  Vorstellung  ent- 
nehmen, dass  Helfrich  von  Lutringen  ein  held  der  sage  sei.  Als 
solchen  stelte  er  ihn  dann  am  angeführten  orte  als  blossen  Statisten 
neben  den  Helferich  von  Lunders,  ähnlich  wie  er  neben  den  Witege 
noch  den  Witegouwe  und  Witegts  sezte.  Für  den  genossen,  den  er 
analog  dem  Eckewart  beigibt,  mag  er  den  sonst  nicht  bezeugten  namen 
Eckenot  widerum  dem  erweiterten  Eckenliede  entlehnt  haben  (Dietrichs 
flucht  4151  fg.     9715  fg.  vgl.  5860;  Ecke  210  fgg.). 

Ist  es  somit  höchst  zweifelhaft,  ob  die  echte  sage  jemals  einen 
Helfrich  von  Lutringen  gekant  hat,  so  verdient  die  frage,  ob  der  name 
nicht  einfach  so,  wie  er  überliefert  ist,  der  des  dichters  sein  könne, 
umsomehr  erwägung,  als  es  denn  doch  immerhin  ohne  beispiel  sein 
würde,  dass  ein  sagenheld  unmittelbar  als  erzähler  der  sage,  zu  wel- 
cher er  selbst  gehört,  vom  dichter  eingeführt  würde.  Das  y^uns  seit"' 
müste  man  sich,  wenn  Helfrich  der  Verfasser  wäre,  im  sinne  des  vor- 
tragenden spielmannes  gesprochen  denken,  ebenso  wie  die  Morolf 
CXXXYII  behandelten  formehi  und  wie  vermutlich  vers  1840  fg.  von 
Dietrichs  flucht  der  uns  daz  mcere  xesamne  sl6%  der  tuot  uns  an  dem 
buoche  kunt  —  wenn  in  diesem  lezten  falle  nicht  eine  interpolation 
der  handschrift  P  vorliegt.  Auch  die  nennimg  des  Albrecht  von  Keme- 
naten Goldemar  str.  2  passt  mehr  in  den  mund  eines  reproduzierenden 
als  in  den  des  dichters^.  Lutringen  (Lutringe  DFL,  Lutring  as)  würde 
als  Zuname  des  dichters  wol  nicht  auf  das  land,  sondern  auf  einen  ort 
zu  deuten  sein.  Noch  heute  gibt  es  ein  dorf  Lüttringen  in  Westfalen 
(kreis  Soest);  als  heimat  des  dichters  könte  etwa  das  heutige  Liggerin- 
gen (aus  Liutgeringen)  bei  Konstanz  in  betracht  kommen,  welches  in 
der  form  Lutteringen  in  Gallus  Oheims  Chronik  von  Reichenau  (Lit. 
Ter.  84)  48,  21  vorkomt. 

Die  ehre,  von  dem  erweiterer  zu  einem  beiden  der  Dietrichsage 
gemacht  zu  werden,  würde  dann  dem  dichter  dadurch  widerfahren  sein, 
dass,  wenn  auch  nicht  gerade  ein  Helfrich  von  Lutringen,  so  doch  ein 
Helfrich  tatsächlich  zu  ihr  gehörte.  Er  ist  einer  von  Dietrichs  getreuen 
(nach  DFL  ursprünglich  einer  der  unter  Etzels  schütz  stehenden  für- 
sten),  und  er  findet  nach  dem  Nibelungenliede  in  den  kämpfen  mit  den 
Burgunden  an  Etzels  hof,  nach  der  I^idrekssaga  in  denen  mit  Erman- 
rich  seinen  tod,  während  DFL  und  Rabenschlacht  nur  von  seinem 
tätigen  anteil  an  den  lezteren  wissen.  Nibelungen,  Alphart,  I's.  nen- 
nen ihn  schlechtweg  Helpfrich  (Hjalprikr),  DFL  und  Rabenschlacht  teil- 
weise ebenso,  teilweise  Helfrich  von  Lunders.  Dass  es  dieser  getreue 
dienstmann  oder   bundesgenosse   ist,   der   durch   Eckenlied  59   in    die 


10  K.    VOGT 

Vorgeschichte  zu  Dietrichs  und  Eckes  kämpf  hineingezogen  wird,  kann 
nicht  zweifelhaft  sein,  da  ihm  dort  genossen  beigegeben  werden,  die 
in  den  gedichten  von  Dietrichs  kämpfen  gegen  Ermanrich  mit  ihm 
gemeinsam  im  bundes-  oder  dienstverhältnis  zu  dem  Born  er  stehen, 
nämlich  Huc  von  Tenemark,  der  im  Alphart,  Ortwin  von  Metz,  der 
in  DFL  und  Rabenschlacht,  und  Liudegast,  der  wenigstens  DFL  5900* 
in  dieser  Stellung  auftritt.  Dazu  passt  es  denn  freilich  schlecht  genug, 
dass  eben  diese  recken  im  Eckenliede  von  Dietrich,  man  weiss  nicht 
aus  welchem  gründe,  bekämpft  werden,  dass  er  den  Helfrich  zum  tode 
verwundet,  die  drei  anderen,  die  hier  —  widerum  ganz  gegen  die 
sonstige  tradition  —  als  feiglinge  erscheinen,  sogar  totschlägt.  Ich 
vermute,  dass  es  sich  hier  um  eine  ganz  wilkürliche  Verwendung  die- 
ser namen  handelt.  Der  beiname  von  Lune,  welchen  Ld  an  stelle 
des  von  Lutringen  dem  Helfrich  beilegen,  macht  die  sacho  nicht  bes- 
ser. Ein  held  dieses  namens  tritt  sonst  nur  noch  in  der  Virginal  auf, 
aber  unter  Verhältnissen,  die  widerum  mit  den  im  Eckenliede  gegebe- 
nen umständen  ganz  unvereinbar  sind.  Er  herscht  als  herzog  (Virg. 
538,  12)  von  Septmer  üf  die  Tüne,  nimt  Dietrich  und  Hildebrand, 
der  seinen  söhn  Rentwin  aus  dem  Schlund  eines  drachen  befreit  hat, 
freundlich  auf  seiner  bürg  c(e  Ardne  auf  und  freut  sich  noch  den  tag 
erlebt  zu  haben,  dass  er  den  Berner  von  augesicht  zu  angesicht  sieht 
(184,  8).  Dann  schliesst  er  sich  ihm  und  Hildebrand  als  treuer  beglei- 
ter  und  mitkämpfer  auf  ihren  weiteren  fahrten  an.  Also  für  jenen 
kämpf  Helfrichs  mit  Dietrich,  von  dem  die  einleitung  des  Eckenliedes 
zu  erzählen  weiss,  ist  auch  hier  nirgend  räum. 

Solte  dies  motiv  demnach  lediglich  zu  dem  zwecke  erfunden  sein, 
um  dem  in  der  anfangsstrophe  des  alten  liedes  (L  69)  genanten  Helf- 
rich, dessen  namen  man  als  den  eines  beiden  der  sage  kante,  auch 
einen  an  teil  an  der  handlung  zu  geben,  so  müste  man  freilich  erwar- 
ten, dass  die  episode  in  einen  bessern  Zusammenhang  mit  jener  Strophe 
gebracht  wäre,  als  er  nach  den  obigen  darlegungen  besteht.  Nun  wird 
aber  der  durch  Dietrich  verwundete  recke  überhaupt  nur  in  einer 
Strophe  Helfrich  genant  —  auf  Eckes  befragen  nent  er  seinen  namen 
und  die  seiner  erschlagenen  gefährten  —  und  die  Strophe  hängt  so  lose 
mit  ihrer  Umgebung  zusammen,  dass  Ld  einerseits  und  as  anderseits 
sie  ohne  nachteil  an  ganz  verschiedenen  stellen  aufnehmen  kouten; 
weder  an  der  einen  noch  an  der  anderen  wird  sie  durch  das  voran- 
gegangene vorbereitet,  durch  das  nachfolgende  vorausgesezt,  und  der 
name  des  verwundeten  ritters  kann  ebenso  wie  die  seiner  gefallenen 
genossen  ungenant  bleiben,  ohne  dass  man  etwas  wesentliches  vermisst 


ZUM   ECKRNLIEDE  11 

Ich  halte  es  für  nicht  unmöglich,  dass  sie  ursprünglich  auch  wirklich 
ungenant  blieben.  Der  Verfasser  der  Vorgeschichte  hatte  dann  weiter 
keine  absieht,  als  das  alte  lied  von  Dietrichs  und  Eckes  Zweikampf  durch 
die  ausführliche  Vorbereitung  ihrer  begegnung  zu  erweitem.  Ein  sehr 
brauchbares  motiv  dafür  war  das  zusammentreffen  des  den  kämpf  mit 
dem  Berner  suchenden  Ecke  mit  einem  durch  den  gesuchten  verwunde- 
ten recken,  der  ihm  die  fährte  weist,  zugleich  aber  durch  den  leben- 
digen beweis,  den  seine  wunden  für  Dietrichs  fürchterliche  heldenkraft 
geben,  durch  die  erzählung  vom  Schicksal  seiner  gefährten  und  durch 
die  eindringliche  warnung,  die  er  an  Ecke  richtet,  nur  umsomehr  die 
erwartung  auf  den  bevorstehenden  kämpf  der  beiden  spant.  Dies  motiv 
findet  sich  nicht  hier  allein.  Ebenso  wird  schon  Parz.  504,  7  fg.  von 
Gawan  erzält,  wie  er  einen  todwunden  ritter  findet,  dem  er  beistand 
leistet,  der  ihm  dann  den  siegreichen  gegner  nent  und  ihn  eindringlich 
vor  dem  kämpfe  mit  demselben  warnt,  während  Gawan  sich  so  wenig 
wie  Ecke  einschüchtern  lässt  und  auf  der  fährte  des  verwundeten  des- 
sen überwinder  verfolgt  Den  in  der  Vorgeschichte  zum  Eckenliede 
ursprünglich  namenlosen  verwimdeten  mag  also  erst  ein  interpolator 
mit  dem  Helfrich  identificiert  haben,  welcher  in  der  auf  diese  scene 
folgenden  strophe  genant  wurde,  da  er  diesen  namen  aus  der  Dietrich- 
sage kante;  den  beinamen  von  Lutringen  übertrug  er  dabei  um  so  eher 
auf  den  recken,  als  dieser  nach  str.  57  vom  Rheine  kam;  und  er  legte 
seinen  gefährten  namen  von  genossen  des  Helfrich  der  sage  bei,  ohne 
sich  weiter  darum  zu  kümmern,  welche  rolle  diese  4  beiden  sonst  in 
Dietrichs  Umgebung  spielen  und  ohne  durch  weitere  zusätze  oder  gar 
änderungen  einen  besseren  Zusammenhang  mit  dem  anfange  des  alten 
liedes  herzustellen.  Erst  die  version  as  erstrebte  dann  die  engere  Ver- 
bindung zwischen  der  erzählung  von  dem  verwundeten  Helfrich  und 
der  nennung  desselben  als  berichterstatter  über  Dietrichs  und  Eckes 
Zweikampf,  ohne  doch  das  wunderliche  der  ganzen  kombination  besei- 
tigen zu  können.  Ld  bemühten  sich  nicht  die  kluft  auszufüllen,  änder- 
ten aber  das  der  sage  nicht  entsprechende  von  Lutringen  in  von  Lune, 
Was  die  Vorgeschichte  sonst  noch  enthält  —  Eckes  gespräch  mit 
Vasolt  und  Ebenrot,  sein  beschluss  mit  Dietrich  zu  kämpfen,  sein 
gelöbnis  ihn  vor  die  3  königinnen  nach  Jochgrimm  zu  bringen,  seine 
ausrüstung  durch  diese,  sein  langes  suchen  nach  dem  Berner  (sein 
kämpf  mit  dem  meerwunder  in  Ld)  —  alles  das  ist  gleichfals  für  den 
kern  der  dichtung,  Eckes  und  Dietrichs  Zweikampf,  entbehrlich,  und 
es  fehlt  ebenso  wie  die  Helfrich -episode  in  der  Pidreks  saga.  Die 
kurze    einleitung,    welche    diese    der    begegnung   der   beiden    beiden 


12  ■  F.   VOGT 

vorausschickt,  weicht  von  der  unseres  Eckenliedos  so  volständig  ab, 
dass  an  eine  gemeinsame  quelle  hier  nicht  zu  denken  ist.  Dass  Ecke 
durch  die  königinnen  zum  kämpf  mit  Dietrich  ausgerüstet  ist  und  ihn 
als  gefangenen  vor  sie  bringen  will,  erfahren  wir  freilich  auch  in  der 
l^idreks  saga;  aber  wir  erfahren  es  hier  nicht  in  der  einleitung,  die 
Eckes  zusammentreffen  mit  Dietrich  als  ein  zufälliges  erscheinen  lässt, 
sondern  es  ergibt  sich  erst  aus  Eckes  und  Dietrichs  Zwiegespräch;  und 
ebenso  wird  dies  im  alten  liede  der  fall  gewesen  sein.  Dieses  noch 
aus  der  Überlieferung  völlig  herauszuschälen  ist  allerdings  nicht  mög- 
lich. Schon  die  gemeinsame  gnindlage  von  Ldas  kann  nicht  mehr  her- 
gestelt  werden,  da  ja  jeder  text  durch  das  einführen  der  cäsurreime 
den  Wortlaut  der  quelle  wesentlich  geändert  hat,  zudem  aber  auch  noch 
augenscheinlich  durch  die  ungenauigkeit  einer  zwischen  den  verschie- 
denen stufen  schriftlicher  aufzeichnung  liegenden  mündlichen  Überlie- 
ferung bedeutende  Umgestaltungen  erfahren  hat.  Und  weiterhin  deckte 
sich  jene  nächste  quelle  von  Ldas,  wie  auch  Wilmanns  schon  annahm, 
nicht  mehr  mit  dem  original;  wie  in  ihr  zu  diesem  die  Vorgeschichte 
hinzugekommen  war,  so  kann  sie  natürlich  auch  andere  zusätze  und 
Veränderungen  erfahren  haben,  eine  möglichkeit,  die  überall  zu  erwägen 
ist,  wo  innere  gründe  die  durch  Ldas  beglaubigte  version  verdächtig 
machen,  oder  wo  die  Hdreks  saga  abweicht.  Denn  diese  stimt  in  der 
erzählung  von  der  herausfordcrung  Dietrichs  durch  Ecke  und  dem 
beginne  ihres  kampfes  mit  den  deutsclien  gedichten  stellenweise  so 
überein  (ohne  sich  doch  von  ihnen  oder  ihrer  nächsten  grundlage  irgend 
abhängig  zu  zeigen),  dass  hier  der  erste  teil  des  Originalliedes  als  die 
allen  gemeinsame  quelle  zu  betrachten  ist.  Nach  massgabe  dieser 
umstände  aber  aus  der  vergleichung  der  erhaltenen  texte  den  Inhalt 
jenes  originalliedes  zu  orschliessen,  muss  versucht  werden,  wenn  die 
hypothese,  dass  dasselbe  erst  mit  strophe-69  begonnen  habe,  sich 
bewähren  soll. 

Ob  auf  diese  eingangsstrophe  von  vornherein  schon  ein  den  Stro- 
phen L  70  —  73,  d  79  —  82,  as  58  —  61  entsprechender  passus  gefolgt 
ist  oder  nicht,  lässt  sich  schwer  entscheiden.  Es  wird  hier  erzählt, 
dass  die  beiden  beiden  durch  den  glänz  ihrer  das  waldesdunkel  hell 
durchstrahlenden  rüstungen  zusammengeführt  seien,  dass  Dietrich  den 
Ecke  gefragt  habe,  warum  er  ihm  nachlaufe,  und  dass  er  auf  dessen  ent- 
gegnung,  er  sei  von  drei  königinnen  nach  dem  Berner  gesant,  sich  als 
diesen  zu  erkennen  gibt.  Für  die  ursprünglichkeit  dieses  Stückes  spricht, 
dass  Dietrich  sich  sonst  nirgend  nent,  während  ihn  doch  Ecke  im  fol- 
genden kent;  ferner  dass  in  str.  74  vorausgesezt,  str.  69  aber  nicht  angc- 


ZUM  ECEENUBDE  13 

geben  wird,  dass  Ecke  hinter  ihm  herläuft.  Dagegen  falt  ins  gewicht, 
dass  Str.  74  mit  den  werten  als  Ecke  Dieterichen  vant,  dd  rief  e)' 
über  Schildes  rant  sich  an  die  erste  erwähnung  der  begegnung  der 
beiden,  also  an  69,  doch  zweifellos  besser  anschliesst,  als  an  die  erzäh- 
lung  von  ihrem  ersten  Wortwechsel;  und  dass  in  as  diese  folge  (69  L 
=  63  as,  74  L  =  64  as)  wirklich  vorliegt,  während  die  fraglichen 
Strophen  hier  vor  69  L  63  as  stehen  (70  — 73L  =  58— 61as),  wo 
sie  entschieden  noch  weniger  am  platze  sind.  Betrachtet  man  sie  daher 
als  einen  zugleich  mit  der  Vorgeschichte  gemachten  zusatz,  der  in  der 
einen  version  hier,  in  der  anderen  dort  untergebracht  wurde,  so  muss 
man  annehmen,  dass  der  dichter,  wenn  er  erzählte,  dass  sich  die  bei- 
den fanden,  nicht  für  nötig  hielt  anzugeben,  wodurch  sie  sich  erkan- 
ten;  wie  denn  auch  Ecke  tatsächlich  seinen  namen  nicht  nent,  ohne 
dass  es  klar  würde,  dass  Dietrich  mit  einem  unbekanten  gegner 
kämpfte,  auch  wenn  man  die  Strophen  in  L,  in  welchen  er  ihn  bei 
namen  anredet,  mit  Wilmanns  für  zusätze  hält.  Dass  Ecke  den  Die- 
trich verfolgt,  kann  dann  erst  aus  str.  74  entnommen  werden.  Die 
J)i(lreks  saga  weicht  hier  zu  stark  ab,  als  dass  sie  helfen  könte  die  frage 
zu  entscheiden.  Zwar  nent  sich  auch  in  ihr  Dietrich  auf  Eckes  frage, 
aber  er  gibt  sich,  um  ihm  zu  entgehen,  zunächst  für  Heime  aus; 
davon,  dass  die  beiden  durch  den  glänz  der  rüstungen  zusammen- 
geführt werden,  findet  sich  nichts,  und  die  scene  ist,  augenscheinlich 
erst  durch  den  sagaschreiber,  mit  dem  vorangehenden  kapitel  von  Die- 
trichs kämpf  mit  Vidga  in  Verbindung  gebracht  Jedesfals  war  die 
Strophe  als  Ecke  Dieterichen  vant  ursprünglich  nicht  wie  in  L  durch 
die  verse  an  alliu  ros  ich  iier  bin  konien  durch  die  dri  küneginnen, 
also  du  selbe  hast  vernomen  mit  der  lezten  strophe  des  fraglichen 
passus  verknüpft,  denn  die  entscheidenden  werte  sind  ei^st  zugleich 
mit  dem  cäsurreim  hineingebracht,  vgl.  on  ross  so  pin  ich  komen  her 
durch  drey  her  konigine,  die  santen  mich  noch  dem  Ferner  d,  on 
rossx  so  bin  ich  kmnfnen  danii,  mich  sandten  drey  kilniginne  nach 
dir  du  munderküner  man  as  —  lesarten,  welche  es  sehr  wol  möglich 
erscheinen  lassen,  dass  die  erste  erwähnung  der  drei  königinnen 
ursprünglich  erst  hier  statfand. 

Mit  dieser  sicherlich  aus  dem  originalliede  geflossenen  strophe 
begint  nun  auch  schon  Eckes  anpreisung  seiner  waffen,  diu'ch  die  er 
Dietrich  zum  kämpfe  zu  locken  sucht.  Ihre  einzelnen  abschnitte  haben 
in  den  verschiedenen  texten  eine  sehr  verschiedene  reihenfolge.  In  L: 
brünne  75  —  77,  heim  78,  schwort  79  —  86,  brünne  (und  sahs)  91.  92, 
ponit   93  —  95.      In  d:    schwort  85  —  88,    heim  89,    brünne  91  —  92, 


14  F.    VOGT 

Schwert  93  —  95.  In  as:  brünne  65,  schwert  66  —  67,  brünne  74.  In 
Ps.:  heim,  brünne,  schild,  schwert,  geldgart.  Wilmanns  hat  wol  mit 
recht  vermutet,  dass  ursprünglich  wie  in  as  die  die  brünne  betreffende 
ablehnende  antwort  Dietrichs  (as  65,  d  92,  L  92)  vorangestanden  hat, 
wenn  sich  auch  bei  den  starken  abweichungen  der  einzelnen  texte  ihr 
Wortlaut  nicht  mehr  herstellen  lässt.  Aber  zwischen  ihr  und  der  alge- 
meinen erwähnung  der  sarwät  am  Schlüsse  von  as  64,  L  74  mag  doch 
eine  Strophe  gestanden  haben,  in  der  Ecke  seine  brünne  insbesondere 
angepriesen  hat;  wenigstens  deutet  darauf,  dass  eine  solche  strophe 
existiert  habe,  die  Übereinstimmung  der  verse  Er  sprach  genendä  her 
an  mich,  eine  brünne  trage  ich  L  77  und  Nun  kere  Held  daher  an 
mich,  von  gold  ein  Brinn  die  trage  ich  as  74,  während  die  übrigen 
verse  dieser  strophe  ganz  auseinander  gehen  und  weder  nach  der  Ver- 
sion L,  welche  die  brünne  als  weiss  (nicht,  der  sonst  herschenden 
Vorstellung  gemäss,  als  golden)  bezeichnet,  noch  nach  der  version  as, 
welche  hier  schon  zum  beginne  des  kampfes  übergeht,  dem  original 
entsprechen  können.  Sehr  bemerkenswert  ist  es,  dass  nach  der  über- 
einstimmenden angäbe  der  drei  Versionen  in  der  Vorgeschichte  Ecke 
die  berühmte  brünne  des  Ortnit  trägt,  während  in  dem  der  alten  dich- 
tung  entsprechenden  teile  nirgend  darauf  hingedeutet  wird.  Nur  L 
nimt  im  gespräche  zwischen  Dietrich  und  Ecke  einmal  auf  diese  Vor- 
stellung bezug  in  einer  strophe  (91),  die  ihr  ganz  allein  eigen  ist,  die 
an  ungehöriger  stelle  noch  einmal  wider  auf  die  schon  abgetane  brünne 
zurückkomt  und  die  in  ihrem  ersten  teile  nichts  weiter  ist  als  eine 
Variation  von  L  87  as  72.  Auch  die  ebenfals  nur  in  L  überlieferten 
Strophen  75  und  76  scheinen  schon  darauf  hinaus  gewolt  zu  haben, 
ohne  doch  zum  ziele  zu  kommen;  wie  unpassend  sie  sind,  hat  schon 
Wilmanns  nachgewiesen.  Die  einfügung  dieser  Strophen  in  L  zeigt 
gerade,  dass  man  hier  den  Zusammenhang  mit  der  Vorgeschichte  noch 
vermisste.  d  suchte  in  einer  gleichfals  die  brünne,  zugleich  aber  auch 
das  schwert  betreffenden  strophe  in  ganz  anderer  weise  einen  solchen 
herzustellen  (d  91.  93,  1  vgl.  24.  35);  und  ähnliche  versuche  finden 
sich  hier  an  anderen  stellen,  as  fügt  viel  später  zwei  Strophen  ein, 
in  denen  Ortnit  als  früherer  besitzer  der  brünne  genant  wird  (124. 
125);  und  wie  eben  diese  version  auf  ganz  eigenem  wege  durch  die 
auf  Helfrich  von  Lutring  bezüglichen  zusätze  eine  bessere  Verbindung 
zwischen  hauptteil  und  einleitung  zu  erzielen  strebte,  haben  wir  ge- 
sehen. 

In  den  lezten  versen  der  die  brünne  betreffenden  strophe  (L  92, 
7  — 13,   as65,  10  — 13)   hat  Dietrich   sich   bereit  erklärt  zu  kämpfen, 


ZUM    ECK£NLIEDE  15 

jedoch  erst  am  nächsten  morgen.  Ecke  fährt  fort  ihn  zu  reizen  durch 
den  hinweis  auf  sein  begehrenswertes  schwort.  In  der  den  Ursprung 
desselben  betreffenden  ersten  hälfte  dieser  strophe  stimmen  die  drei 
texte  überein  (L  79,  1  —  6,  d  85,  1  —  6,  as  66,  1  —  6);  in  der  zweiten 
hälfte  gehen  as  schon  zu  der  aufforderung  zum  kämpfe  über,  welcher 
Dietrichs  entgegnung  folgt  (as  67  =  L  84),  während  L  und  d  hier 
und  in  4  (bezw.  3)  weiteren  Strophen  zunächst  noch  in  der  geschichte 
des  Schwertes  fortfahren.  Dass  dabei  L  und  d  in  den  schlussversen 
von  L  79  d  85  und  in  strophe  L  82  d  87  auf  eine  gemeinsame  vorläge 
zurückgehen,  ist  nicht  minder  sicher,  als  dass  der  text  in  d  gröblich 
entstelt  ist  d  86  weicht  von  L  zwar  sehr  erheblich  ab,  aber  sie  ist 
doch  augenscheinlich  nichts  weiter  als  die  unsinnige  Verarbeitung  einer 
ganz  ungenauen  Überlieferung  von  L  80.  81.  Und  auch  in  d  88  blickt 
bei  aller  Verschiedenheit  von  L  83  doch  in  den  versen  do  er  den  ris- 
sen groß  erschlug,  er  thet  im  laides  gar  genug  schliesslich  noch  die- 
selbe quelle  durch  wie  in  L  da  mite  er  Hugebolden  sluoc  und  worhte 
vmnders  gar  genuoc  . . .  der  . . .  wa^  ein  rise  tmmäxen  gröx.  Der 
ganze  abschnitt  in  d  wird  also  nur  auf  eine  unzulängliche  und  ebenso 
ungeschickt  wie  wilkürlich  ergänzte  Überlieferung  derselben  Strophen 
zurückzuführen  sein,  welche  in  L  im  wesentlichen  getreu  widergegeben 
sind.  Dagegen  hat  d  in  94  eine  strophe  vor  L  voraus,  die,  von  den 
entstelten  anfangsversen  abgesehen,  aus  dem  original  stammen  wird. 
Sie  ist  in  d  von  den  übrigen  auf  das  schwort  bezüglichen  Strophen 
durch  die,  welche  von  heim,  brünne  und  ortband  handeln,  getrent, 
stimt  aber  in  den  schlussversen  mit  as  66  überein :  nun  streit  mit  mir, 
du  Werder  man  . . .  getvinest  duß  mit  deyner  hant,  dich  furchten  alle 
konige,  vnd  die  doch  ye  geumnnen  landt  d;  tvilt  du  darujnb  mein 
warten,  erstreitst  du  das  in  deine  hand,  dich  förchtend  alle  künig 
tmd  die  ye  geivunnend  land  as.  Vers  6  und  7  eben  dieser  strophe 
lauten  in  d:  kein  heim  wart  so  vesten  {:  pesten  v.  3),  man  schrit  in  do 
mit  als  ein  swan  (lies  stvam).  An  ihrer  stelle  stehen  in  as  verse,  die 
sich  noch  auf  die  bereitung  des  Schwertes  beziehen,  und  deren  erster 
(as  66,  6)  in  einem,  holen  berge  mit  L  79,  6  d  85,  6  buchstäblich 
übereinstimt,  also  zweifellos  noch  ebenso  wie  die  ihm  vorangehenden 
5  verse  aus  der  quelle  Ldas  geflossen  ist.  Andrerseits  aber  müssen 
auch  die  verse  d  94,  6.  7  schon  in  der  quelle  von  d  und  as  an  der 
stelle  gestanden  haben,  wo  sie  d  überliefert;  denn  auf  sie  bezieht  sich 
übereinstimmend  in  der  folgenden  strophe  d  95,  7  as  67,  9  äo  es  durch 
alle  heim  einschlecht  Danach  ist  as  66  jedesfals  aus  2  Strophen  zusam- 
mengezogen,  die  den  anfang  und  das  ende  von  Eckes  schwertanprei- 


16  F.   VOOT 

sung  enthielten  und  von  denen  die  eine  L  79  d  85,  die  andere  d  95 
entsprach.  Freilieh  ist  damit,  dass  die  zweite  der  grundlage  von  d 
und  as  angehört  hat,  noch  nicht  schlechthin  bewiesen,  dass  sie  auch 
schon  in  Ser  quelle  Ldas  enthalten  gewesen  sein  rauss.  Da  sie  aber 
hier  der  rede  Eckes  entschieden  einen  besseren  abschluss  gibt  als  L  83, 
so  wird  es  doch  im  hohen  grade  wahrscheinlich.  Dann  haben  natür- 
lich in  Ldas  die  verse  84,  1.  2  auch  gelautet:  stt  dax  dtn  swert  ist 
also  gtcot  daxz  allen  künegen  schaden  tuot  und  v.  9 :  dax  man  ex  durch 
die  helme  sieht. 

Dass  as  mit  der  beschränkung  der  schwertrede  Eckes  auf  nur 
eine  Strophe  nicht  das  ursprüngliche  bietet,  hat  sich  eben  gezeigt  In 
der  gemeinsamen  quelle  kann  die  Strophe,  deren  erste  hälfte  as  66, 
1  —  6  entspricht,  noch  nicht  wie  as  in  die  erneute  ausforderung  aus- 
gelaufen sein;  Ld  müssen  hier  das  richtigere  überliefern,  indem  sie  in 
der  erzählung  vom  Schwerte  fortfahren;  die  ausforderung  machte  dage- 
gen so  wie  in  d  den  zweiten  teü  einer  späteren  strophe  aus.  Ist  also 
hier  in  as  gekürzt,  so  ist  es  auch  von  vornherein  viel  wahrschein- 
licher, dass  as  dasselbe  verfahren  auch  sonst  in  diesem  abschnitte 
beobachtete,  als  dass  die  andere  version  hier  interpolationen  erfahren 
habe;  dass  also  die  für  die  quelle  Ld  nachgewiesenen  Strophen  L80  — 
83  nicht  in  Ld  zugesezt,  sondern  in  as  fortgelassen  wurden,  vermut- 
lich weil  der  einer  alten,  damals  wenig  bekanten  sage  entstammende 
Inhalt  derselben  wie  auf  d  so  auch  auf  as  schon  in  unzulänglicher  und 
unverstandener  gestalt  gelangt  war. 

Die  ursprünglichkeit  dieser  Strophen  wird  nun  aber  auch  durch 
die  I^idreks  saga  bestätigt,  die  gerade  hier  bis  ins  detail  hinein  mit  L 
übereinstimt.  Vergleiche:  der  worhte  im  knoph  und  heizen  klär  als 
ein  Spiegelglas  L  79,  12,  oc  eftra  hialtit  er  scygt  se^n  gier  ts.  98;  die 
scheide  warhtens  üxer  golde,  der  vexxel  was  ein  parte  giiot  L  80,  oc 
oll  vmgerä  fra  hiolto7n  oc  til  odx  er  med  ravdo  gvlM  logd.  oc  fetlar 
allir  ero  gvlli  lagäir  Ps.  Das  schwort  heisst  Eckisax  Ps.,  ein  sahs 
L  80,  dieses  gewiss  statt  eines  ursprünglichen  Eckesahs  (vgl.  her  Ecke?i 
Sachs  d  205),  wonach  denn  dem  berühmtea  Schwerte  dieser  name  schon 
eigen  war,  ehe  Ecke  es  bekam;  auch  Ps.  leitet  den  namen  nicht  von 
Ecca  ab,  sondern  bringt  ihre  eigene  kuriose  etymologie.  Weiter  tra- 
gen dann  nach  beiden  Versionen  die  zwerge  (oder  der  zwerg),  von 
denen  es  geschmiedet  ist,  das  schwort  durch  neun  königreiche,  bis  sie 
an  das  wasser  kommen,  in  welchem  sie  es  härten;  dies  heisst  die  Dräl 
diu  da  xe  Troige  rinnet  in  L,  die  Treya  in  der  f  s.  Dann  geht  es  in 
teilweise  wörtlicher  Übereinstimmung  fort: 


ZUM  SOKRNLIBDE 


17 


Dax  swert  dax  was  ml  lange  verholn, 
iedoch  so  wart  ex  stt  verstoln 
von  einem  argen  diebe. 

der  kam  gesliehen  in  den  berc 

reht  aisam  ein  tvilde  gehverc. 

dem  künge  RuotUebe 

dem  wart  ex  stt  xe  handen  bräht: 

der  ku7ide  ex  wol  behalten. 

. . .  unx  dax  stn  sun  vmohs  xeinem 

man 
der  tvart  da  mite  xe  ritter, 
des  menger  7iot  gewan. 


En  pat  sverä  var  stolit 

oc  leynt  lengi, 

en  pat  geräi  Alfricr  dvergr 

hinn  midi  stelari, 

Hann  com  i  pat  berg  . . .  feyw? - 

oc  gaf  hann  siäan 
kononge  Roxeleif. 
par  var  pat  vel  varäveitt 
par  til  er  hinn  ungi 

Roxeleif  bar  pat. 

oc  par  med  drap  hann  marg- 

an  mann. 

Eine  L  83  entsprechende  Strophe  mag  f  s.  nicht  bekant  gewesen 
sein,  im  übrigen  aber  wird  man  hier  die  Übereinstimmung  zwischen  L 
und  Ps.  einfach  aus  der  allen  erhaltenen  Versionen  gemeinsamen  quelle, 
dem  alten  Eckenliede,  ableiten.  Ich  kann  also  Wilmanns  nicht  in  der 
annähme  beipflichten,  dass  das  L  und  I^s.  gemeinsame  zwar  alt,  aber 
doch  nicht  beiden  aus  dem  originale  zugeflossen  sei,  dass  vielmehr  die 
nächste  grundlage  von  Ldas  die  betreffenden  Strophen  nicht  enthalten 
habe  und  dass  sie  erst  in  L  aus  einer  abweichenden  version,  die  eine 
ausführlichere  beschreibung  des  Schwertes  gab  und  die  auch  der  fi- 
drekssaga  zu  gründe  lag,  in  den  text  eingefügt  seien.  Wir  haben 
gesehen,  dass  sich  spuren  der  fraglichen  stücke  auch  in  d  zweifel- 
los zeigen,  ja  dass  solche  auch  in  as  noch  erkenbar  sind.  Dass  der 
inhalt  dieses  abschnittes  aber  auf  uns  den  eindruck  einer  „überflüssigen 
Weiterung  macht'',  was  an  sich  gewiss  richtig  ist,  kann  meines  erach- 
tens  nur  wider  einmal  beweisen,  wie  wenig  wir  solchen  eindrücken 
bei  der  kritik  unserer  volksepen  trauen  dürfen.  Wir  müsten  sonst 
such  in  der  I'idrekssaga  das  stück  für  ein  einschiebsei  halten,  denn  in 
ihr  scheint  die  viel  knappere  darstellung  in  noch  weit  auffälligerer 
weise  durch  diese  ausführliche  geschichte  des  Schwertes  unterbrochen 
und  aufgehalten.  Die  alte  sage  vom  Eckesahs  galt  dem  dichter  des 
Eckenliedes  gewiss  nicht  für  überflüssig;  und  er  brachte  sie  an,  wo 
sich  ihm  die  erste  gelegenheit  dafür  bot. 

Auf  die  anpreisung  des  Schwertes  erwidert  Dietrich  in  L  84  d  95 
as  67  übereinstimmend,  dass  er  jezt,  wo  er  wisse,  eine  wie  gefährliche 
waffe  er  gegen  sich  habe,  ein  tor  sein  würde,  wenn  er  sich  noch  auf 
den  kämpf  einlassen  wolte,   zu  dem  er  vorhin  schon  geneigt  gewesen. 

ZEITSCHRIFT   F.    DEUTSCHE  PHILOLOGIE.      BD.    XXV.  2 


18  F.    VOGT 

Seiner  furcht  vor  dem  Schwerte  gibt  er  auch  in  der  fs.  ausdruck:  hvi 
ma  ec  pitt  sverä  fltfia,  meäan  ec  nia  eigi  sialvan  pic  sia;  aber  diese 
Worte  leiten  hier  nicht  zur  ablehnung  des  kampfes,  sondern  zu  einer 
drohenden  widerholung  der  erklärung  über,  dass  er  den  Ecke  bei  ta^^- 
anbruch  bestehen  werde.  Es  ist  unsicher,  wie  sich  hier  das  weitere 
gespräch  ursprünglich  abgewickelt  haben  mag.  Nur  in  L  85  entgegnet 
Ecke  auf  jene  Weigerung  Dietrichs,  er  habe  die  treflichkeit  seines 
Schwertes  nur  erlogen;  aber  der  schluss  dieser  Strophe,  der  eine  Ver- 
wünschung des  kampfscheuen  gegners  enthält,  stimt  wenigstens  in  den 
versen  du  mäht  tvol  heixen  Dietei'ich:  dem  v^iirsien  da  von  Beme  tuost 
aber  nicht  geltch  mit  d  97,  12  fg.  überein.  Besser  verbürgt  scheint 
schon  die  folgende  Strophe  (86);  denn  wenn  auch  ihr  hauptteil,  in  wel- 
chem der  Berner  Ecken  den  Übermut  seiner  werte  vorwirft,  L  allein 
unter  den  deutschen  texten  eigen  ist,  so  schilt  doch  in  der  f  s.  Dietrich 
ebenfals  nach  der  schwertepisode  Eckes  prahlrede,  und  den  schluss 
(86,  11  fg.)  doch  beite  unx  ynorniint  kome  der  tac:  ich  Itd  von  dinefi 
handeUj  sivax  mir  geschehen  mac  bietet  ausser  L  nicht  allein  die  Ver- 
sion d  (106),  sondern  auch  as  (69).  Auf  diese  schlussverse  folgt  in 
as  (70)  die  L  99  entsprechende  Strophe,  welche  begint  (der  Wortlaut 
nach  L):  Her  Ecke  xornecltchen  sp'ach,  ich  hcete  ouch  gerne  guot 
gemach,  möhte  ex  sich  gefüegen  .  .  .  nach  dir  ich  vil  gelaufen  hän. 
Das  ist  gewiss  die  ursprüngliche  Verbindung,  denn  diese  werte  enthal- 
ten die  unmittelbare  erwidening  auf  die  in  86,  11  fg.  (as  69,  11  fg.) 
liegende  aufforderung  Dietrichs  an  Ecke,  ihn  bis  zum  morgen  in  ruhe 
zu  lassen.  Völlig  deutlich  aber  wird  das  erst  durch  den  nur  in  L 
vorausgehenden  vers  86,  9,  in  welchem  der  Bemer  Ecken  vorwirft, 
dass  er  ihn  nicht  7nii  gemache  lasse.  Es  wird  hier  also  in  L  der  alte 
text,  in  as  die  alte  folge  erhalten  sein,  sodass  sich  L  99  ursprünglich 
an  L  86  anschloss.  Dazwischen  müsten  dann  freilich  schon  in  Ldas 
die  Strophen  97.  98  nachträglich  eingeschoben  sein;  denn  es  kann  nicht 
wol  auf  Zufall  beruhen,  dass  die  folge  L97.  98  1—3.  99  der  reihe  as  68. 
69  1—5.  70  entspricht  und  dass  auch  d  diese  anordnung  wenigstens  noch 
durchblicken  lässt.  In  str.  97  weist  Ecke  den  Borner  darauf  hin,  dass 
sein  lob,  wenn  er  den  kämpf  meide,  bei  den  Jungfrauen  zu  schänden 
werde  und  dass  er  auch  seinen  bruder  Fasolt,  der  ihn  als  einen  mann 
gelobt  habe,  lügen  sti-afe.  Worauf  denn  Dietrich  in  str.  98  zunächst 
mit  einer  Fasolts  lob  betreflenden  wendung  begint.  In  den  übrigen 
versen  dieser  Strophe  gehen  alle  texte  volständig  auseinander:  L  98, 
4—13  stimt  mit  L  125,  4—13  (=  as  106  d  159)  fast  ganz  wörtlich 
überein;    d,  welches  ebenso   wie  L  die  eingangs  wendung  in  der  form 


ZUM  EOKBNUBDB  19 

eines  dankes  gegen  Eckes  bruder  überliefert,  faselt  in  diesem  tone  auf 
eigene  faust  noch  die  ganze  strophe  hindurch;  as  geht  schliesslich  in 
die  vorhin  angeführten,  L  86,  11  — 13  entsprechenden  verse  über. 
Wilmanns,  der  meint,  dass  Fasolts  erwähnung  schon  in  der  einleitung 
jüngeren  Ursprunges  sei,  hält  (a.  a.  o.  135  fg.)  dem  entsprechend  auch 
die  Strophen  97  —  98,  die  einzigen  in  der  erzählung  von  Dietrichs  und 
Eckes  kämpf,  welche  den  Fasolt  nennen,  für  später  eingefügt  Zu  der 
gleichen  annähme  wird  natürlich  neigen,  wer  die  ganze  einleitung 
überhaupt  für  einen  zusatz  hält;  denn  obgleich  ohne  diese  die  erwäh- 
nung Fasolts  hier  an  sich  wol  möglich  wäre,  so  liegt  es  doch  am 
nächsten,  sie  dem  zuzuschreiben,  welcher  die  Strophen  8  fgg.  gedich- 
tet hatte;  und  dazu  komt  nun,  dass  sie  zwischen  zwei  ursprünglich 
zusammengehörigen  Strophen  stehen.  Sie  werden  also  in  der  tat  schon 
in  Ldas  interpoliert  sein.  Wie  es  aber  nicht  selten  vorkomt,  dass  als 
schluss  einer  Interpolation  zur  erleichterung  des  Überganges  zum  fol- 
genden die  ihr  zunächst  vorangehenden  echten  verse  mit  oder  ohne 
Variation  widerholt  werden  (vgl.  das  in  dieser  Zeitschrift  XXII,  488  fg. 
über  Orendel  2207—32.  587  —  628.  1315  —  26  bemerkte),  so  mögen 
auch  in  unserem  falle,  der  lesart  as  69,  11  fgg.  entsprechend,  die  verse 
doch  beii  um  momunt  kome  der  tac,  welche  schon  die  str.  86  abschlös- 
sen, zugleich  den  schluss  der  interpolation  97  —  98  gebildet  haben. 

Von  den  übrigen  Strophen,  welche  in  L  die  strophe  86  von  99 
trennen,  finden  sich  87  und  88  mit  teilweise  erheblichen  abweichun- 
gen  des  Wortlautes  in  allen  drei  Versionen  an  ganz  verschiedenen  stel- 
len, ohne  eigentlich  irgendwo  zu  passen.  Ecke  verwünscht  hier  die 
wege,  die  ihn  zu  dem  feigling  Dietrich  trugen,  und  dieser  erwidert 
darauf.  Das  folgt  in  as  ganz  ungehörig  hinter  str.  L  100  as  71  d  104, 
in  welcher,  nach  der  in  dieser  beziehung  zweifellos  ursprünglichen  Ver- 
sion Ld,  Dietrich  sich  endlich  bedingungslos  bereit  erklärt  zu  fechten. 
In  d  zerreissen  die  beiden  Strophen  die  nach  dem  eben  ausgeführten 
bereits  in  der  nächsten  quelle  von  ^Ldas  aufeinander  folgenden  L  98. 
99,  as  69.  70,  d  100.  103.  In  L  schliessen  sie  sich  wenigstens  in  der 
hier  vorliegenden,  auch  durch  d  bestätigten  fassung  er  sprach:  scheid 
ich  alstis  von  dir,  so  solt  du  wol  gehuben  mir,  ich  inöhte  sanfter 
sterben  schlecht  genug  an  86,  11  fg.  an,  wo  Dietrich  eben  gesagt  hat, 
dass  er  morgen  mit  Ecke  kämpfen  wolle.  Viel  besser  würde  das  auf 
die  völlige  ablehnung  des  kampfes  in  84  folgen;  87  allein  würde  hier 
an  stelle  der  mangelhaft  verbürgten  85  sehr  gut  am  platze  sein,  aber 
88  würde  nirgend  mehr  passen  und  sie  etwa  für  später  als  87  zu  hal- 
ten existiert  sonst  kein  grund.     Ich  komme  auf  diese  beiden  Strophen, 

2* 


20  P.   VOGT 

für  die  Wilmanns  s.  128  übrigens  jüngeren  Ursprung  vermutet,  noch 
zurück.  —  Die  ausschliesslich  in  L  überlieferten,  an  sich  durchaus 
entbehrlichen  Strophen  89.  90  sind  zu  schlecht  verbürgt,  als  dass  man 
sie  schon  der  quelle  Ldas  zuweisen  könte.  Dass  für  str.  91  nicht 
allein  dasselbe  gilt,  sondern  dass  auch  ihr  erster  teil  nur  eine  schlechte 
Variation  der  grundlage  von  L  87  d  101,  der  zweite  ein  hier  ganz 
ungehöriger  versuch  ist,  die  zurückfühmng  der  brünne  Eckes  auf  Ort- 
nit  aus  der  einleitung  heranzuziehen,  hat  sich  schon  oben  gezeigt; 
ebenso,  dass  str.  92  zwar  alt  sein  wird,  aber  nicht  hierher,  sondern 
hinter  74  bezw.  hinter  eine  77  entsprechende  strophe  gehört. 

Str.  93  —  96  sind  dann  wider  L  allein  eigen.  In  ihnen  preist 
Ecke  dem  Dietrich  noch  ein  von  den  königinnen  köstlich  geschmück- 
tes ponit  an,  welches  er  vor  der  brüst  trage,  erwähnt  dann  noch  ein- 
mal die  brünne,  beschwört  Dietrich  um  aller  frauen  ehre  willen  zu 
kämpfen  und  geht  dann  mit  der  bemerkung,  dass  man  ihn  mit  unrecht 
lobe,  zu  dem  Inhalte  der  schon  besprochenen  str.  97  über.  So  wie  diese 
Strophen  vorliegen  sind  sie  gewiss  erst  in  L  ausgeführt,  aber  der  keim, 
aus  dem  sie  erwuchsen,  wird  schon  im  original  vorhanden  gewesen  sein. 
Was  das  ponit  eigentlich  ist,  wird  trotz  seiner  ausführlichen  beschreibung 
nicht  klar,  und  in  einer  bedeutung,  die  hier  aufschluss  geben  könte,  ist 
das  wort  sonst  nicht  nachgewiesen,  vgl.  Zupitzas  anm.  und  Schultz,  Höf. 
leb.  I,  39.  Aber  an  entsprechender  stelle,  nämlich  als  lezter  der  gegen- 
stände, die  Ecke  dem  Dietrich  rühmt,  wird  in  I^s.  ein  geldgurt  genant, 
imd  Ekka  sagt,  wie  das  gold  in  diesem,  so  brenne  und  glühe 
sein  herz,  weil  er  ihn  nicht  erreichen  und  mit  ihm  fechten  könne;  aber 
wenn  Dietrich  es  um  des  goldes  und  der  waflfen  willen  nicht  tun  wolle, 
so  möge  er  doch  um  der  courtoisie  der  9  königinnen  willen 
kämpfen;  und  aus  diesem  gründe  zeigt  sich  denn  Dietrich  auch  end- 
lich bereit.  In  as  wird  nach  den  wafifen  kein  weiteres  stück  mehr 
genant;  statt  dessen  komt  Dietrich  zum  schluss  ganz  unvermittelt  noch 
einmal  auf  die  brünne  mit  den  versen  as  74,  1.  2  zurück,  die,  wie  wir 
sahen,  sicher  nicht  hierher  gehören  (vgl.  L  77).  Dann  fährt  er,  wider 
ohne  Übergang,  vers  5  und  6  fort:  mein  hertz  ist  heisser  dann 
ein  glüt,  vor  xorn  so  iviU  es  brinnen,  worauf  denn  Dietrich  v.  7  — 
13  erklärt,  nun  wolle  er  mit  ihm  kämpfen  doch  allermeist  durch 
werde  weib  und  auch  durch  gottes  ehre  so  icag  ich  den  meinen 
pib,  was  abermals  mit  dem  zunächst  vorhergehenden  in  keinem 
befriedigenden  gedankenzusammenhange  steht.  Diesen  gewinnen  wir 
erst  durch  I^s.  Sicher  hat  im  originale  Ecke  zulezt  noch  einen  mit 
gold  versehenen  gegenständ  genant,  gesagt  dass  sein  herz  noch  mehr  als 


ZUM   BCKENLIEDR  21 

dies  gold  (vor  kampfgier  oder  vor  zorn)  glühe  und  dass  üietricli,  wenn 
nicht  wegen  dieser  kostbarkeiten,  so  doch  um  der  edlen  frauen  willen 
mit  ihm  sich  schlagen  möge,  worauf  denn  Dietrich  einwilligt  Daraus 
erwuchs  einerseits  die  breitere  ausführung  in  L,  andrerseits  die  aus 
trümmerhaften  reminiscenzen  zusammengestückte  Strophe  as  74.  Und 
auch  in  d  schimmert  wenigstens  in  Eckes  werten  108,  4  fg.  wie  wee  das 
meinem  hertxen  thut:  es  print  vor  gir  recht  als  ein  glitt  und  in 
denen  Dietrichs  104,  11  fg.  vnd  auch  durch  alle  reine  weib  mid 
hie  durch  got  von  himel  so  wil  ich  ivagen  meinen  leib  eine  schwache 
erinnerung  an  die  gemeinsame  quelle  durch.  In  as  folgt  nun  jene 
Strophe  (74)  unmitelbar  auf  die  vorhin  besprochenen,  in  den  drei  deut- 
schen texten  an  verschiedener  stelle  überlieferten  L  87.  88.  Und  in  L 
schliesst  sich  an  eben  diese  beiden  Strophen  jener  abschnitt  über  das 
ponit  (93  —  96),  wenn  wir  von  den  erst  in  L  dazwischen  getretenen 
Strophen  89 — 92  absehen.  Strophe  87.  88  mögen  also  schon  in  Ldas 
mit  dem  eben  besprochenen  passus,  der  as  74  und  L  93  —  96  zu  gründe 
lag,  zusammengehört  haben,  ihm  unmittelbar  vorausgegangen  sein. 
Auch  dann  würde  sich  87  an  84  gut  anschliessen;  aber  das  ganze 
würde  sich  gleichwol  nicht  in  den  Zusammenhang  der  überlieferten 
dichtung  einfügen,  denn  keine  der  vorliegenden  Strophen  würde  geeig- 
net sein  es  fortzusetzen.  Die  vergleichung  der  angezogenen  stellen 
von  as,  d  und  I^s.  kann  es  kaum  zweifelhaft  erscheinen  lassen,  dass 
Dietrich  wie  hier  so  auch  ursprünglich  auf  die  beschwörung  um  der 
edlen  frauen  willen  den  kämpf  aufnimt.  Andrerseits  aber  verbürgt  die 
Übereinstimmung  von  L  99/100,  d  103/104,  as  70/71  für  die  nächste 
vorläge  von  Ldas  die  version,  nach  welcher  Dietrich  daraufhin  den 
kämpf  aufnimt,  dass  Ecke  auf  gottes  hilfe  verzichtet.  Dass  sich  daran 
wie  in  L  so  auch  schon  in  jener  vorläge  die  erzählung  vom  beginne 
des  kampfes  (L  101  as  75  d  113)  ansohloss,  scheint  sicher,  denn  es 
zeigte  sich  bereits,  dass  die  in  as  dazwischen  stehenden  Strophen  nicht 
hierher  gehören,  und  über  die  törichten  einschiebsei  d  105  — 112  lohnt 
es  nicht  ein  wort  zu  verlieren.  Man  wird  demnach  annehmen  müssen, 
dass  in  der  quelle  von  Ldas  zwei  berichte  über  den  schluss  des  Zwie- 
gespräches zwischen  Dietrich  und  Ecke  neben  einander  bestanden: 
einer,  welcher  in  den  wichtigsten  punkten  mit  der  fs.  übereinstimte 
und  den  Strophen  L  87.  88.  93  fg.,  as  72  —  74  zu  gründe  lag;  ein 
anderer,  geistlich  gefärbter,  welcher  wesentlich  den  Strophen  L  85.  86. 
99.  100  (d  97,  11  fg.  106,  11  fg.  103.  104;  as  69,  11  fg.  70.  71)  ent- 
sprach; dieser  leztere  muss  dann  als  der  jüngere  gelten;  er  wird  im 
folgenden  mehrfach  vorausgesezt  und   wird  bestimt  gewesen  sein,   den 


22  F.   VOGT 

anderen,   älteren  zu  verdrängen,   der  dann  aber  doch  neben  ihm  bei- 
behalten wurde. 

Die  ursprüngliche  reihenfolge  der  Strophen  vom  anfange  des  ori- 
ginalliedes  bis  zum  beginne  des  kampfes  würde  also  in  der  nächsten 
grundlage  von  Ldas  diese  gewesen  sein  (ich  bezeichne  zweifelhaftes 
durch  runde,  schon  in  Ldas  interpoliertes  durch  eckige  klammem, 
Strophen,  die  nur  teilweise  die  quelle  durchblicken  lassen,  durch  den 
exponenten  x):  69.  (70—73).  74.  77'.  92.  79  —  83.  d  94^  84;  darauf 
a)  87.  88.  93'— 96"  bezw.  as  74'  —  b)  85'.  86.  [97  —  98].  99  fgg. 

In  derselben  weise  auch  noch  die  erzählung  von  Dietrichs  und 
Eckes  kämpf  bis  ins  einzelne  zu  verfolgen,  halte  ich,  da  es  sich  ja 
doch  nicht  mehr  um  eine  widerherstellung  des  echten  handeln  kann, 
für  unnötig.  Die  vergleichung  der  drei  texte,  die  Wilmanns  durch 
eine  tabelle  s.  138  fg.  erleichtert,  zeigt,  dass  die  strophenfolge  in  den 
einzelnen  Überlieferungen  hier  weniger  gestört  ist,  dass  aber  jede  von 
ihnen  selbständige  interpolationen  enthält,  und  dass  der  Wortlaut  der 
gemeinsam  überlieferten  Strophen  widerum  sehr  starken  Schwankungen 
unterworfen  ist.  Für  das  Verhältnis  zur  einleitung  komt  eine  stelle  in 
betracht,  wo  Wilmanns  der  version  as  vor  der  meines  erachtens  ursprüng- 
licheren L  den  vorzug  gibt,  nämlich  as  77  —  84,  L  103  — 107.  Nach- 
dem Dietrich  nach  seiner  langen  Weigerung  endlich  eingewilligt  hat, 
nicht  erst  am  nächsten  morgen,  sondern  sofort,  trotz  der  finstemis  zu 
kämpfen,  schlagen  nach  as  77.  78  die  beiden  auf  einander  los,  dass  die 
hellen  funken  stieben,  die  äste  von  Eckes  streichen  von  den  bäumen 
fliegen  und  dem  Berner  zahlreiche  hiebe  heim  und  schild  versehren. 
Da  fleht  dieser  Ecken  inständig,  dass  er  ihm,  der  den  tag  über  gekämpft, 
von  hunger  und  müdigkeit  erschöpft,  von  vieren  gar  sehr  verwundet 
sei,  doch  bis  zum  nächsten  morgen  ruhe  gewähren  möge  (as  78  —  79). 
Ecke  erfült  diese  bitte  sofort.  Zunächst  legt  er  sich  nieder  und  Diet- 
rich hält  wache;  nach  mitternacht  weckt  ihn  Dietrich.  Dann  schläft 
dieser,  während  Ecke  wacht;  als  der  tag  naht,  schreckt  Ecke  den  Ber- 
ner durch  einen  fusstritt  aus  dem  schlafe  und  der  kämpf  begint  von 
neuem  (as  80  —  84).  Da  ist  es  denn  doch  sehr  auffallig,  dass  Ecke, 
der  zuvor  Dietrichs  wünsch,  ihm  die  nacht  noch  ruhe  zu  lassen,  hart- 
näckig und  höhnisch  abwies,  nun  plötzlich  ohne  jede  Widerrede  darauf 
eingeht;  nicht  minder,  dass  Dietrich  mit  dem  gründe,  dass  er  durch  den 
vorangegangenen  kämpf  und  die  dabei  erhaltenen  wunden  erschöpft 
sei,  erst  jezt  und  nicht  schon  bei  seinem  früheren  verlangen  nach  auf- 
schub  zum  Vorschein  komt,  wozu  er  doch  umsomehr  veranlassung  hatte, 
als  Ecke  seinem  verlangen  nach  nachtruhe  gegenüber  darauf  hinwies, 


ZUM   ECKENLIEDE  23 

dass  er  selbst  durch  das  laufen  nach  ihm  müde  genug  sei  und  dennoch 
derselben  nicht  bedürfe.  Und  vollends  unpassend  scheint  es,  dass 
Dietrich  jezt  den  Ecke  wie  ein  kampfunfähiger  um  Schonung  bittet, 
Dachdem  er  ihm  eben  erst  (L  102  as  76)  unter  der  bemerkung,  dass 
er  nicht  fingerzahm  auch  nirgend  am  leibe  lahm  sei,  mit  zornigem 
drohen  seine  überhebung  verwiesen  hat.  Wenn  nun  der  durchschnitlich 
zweifellos  ursprünglichere  text  L  diese  wunderlichen  dinge  nicht  ent- 
hält, sondern  statt  dessen  eine  gut  zusammenhangende  erzählung  bietet, 
so  wird  es  gewiss  richtiger  sein,  diese  für  die  ursprüngliche,  als  sie 
mit  Wilmanns  für  die  spätere  zu  halten,  die  erst  der  redactor  L  an 
stelle  des  ihm  zu  auffalligen  abschnittes  der  quelle  eingesezt  hätte. 
Anschaulich  treten  nach  L  in  der  erzählung  des  kampfes  die  einzelnen 
momente  des  Überganges  von  der  nacht  zum  morgen  hervor.  Als  die 
beiden  in  der  finstemis  auf  einander  loshauen,  sehnen  sie  sich 
beide  nach  dem  anbruch  des  tages  (103)  —  nicht  vor  der  zeit, 
wie  Wilmanns  annimt,  denn  seine  Voraussetzung,  dass  der  kämpf  schon 
am  abend  begonnen  hätte,  ist  durch  den  Zusammenhang  nicht  begrün- 
det (s.  oben  s.  5);  erst  späte  Interpolationen  in  d  (106.  110)  trugen 
diese  Vorstellung  gegen  den  Zusammenhang  hinein  — .  Dann  lassen 
sich  die  ersten  verboten  des  nahenden  morgens,  die  vöglein 
vernehmen,  ohne  dass  die  kämpfenden  ihrer  achten,  bis  die  erschöpfung 
sie  zu  kurzer  rast  zwingt  (104).  Darauf  hauen  sie  mit  erneuter  kraft 
auf  einander  ein;  die  streiche  dröhnen  wie  donnerschläge,  das  feuer 
aus  ihren  helmen  entzündet  die  äste,  dass  rauch  wie  nebel  empor- 
steigt, das  gras  wird  niedergetreten,  dass  es  aussieht,  als  hätte  nie 
etwas  dagestanden  (105  —  107).  Nun  zeigt  sich  ihnen  das  licht 
des  tages.  Dietrich  erhält  einen  gewaltigen  schlag  durch  den  schild 
(108).  Die  sonne  steigt  in  das  gebirge  empor:  da  ist  Dietrich 
ganz  ohne  schild  und  niuss  weichen  (110).  —  Die*  version  as  enthält  nur 
die  beiden  lezten  momente,  d  alle  vier,  bringt  aber  zwischen  dem 
ersten  und  zweiten,  d.  i.  zwischen  L  103  und  104  auch  noch  die  as 
entsprechende  erzählung  von  Dietrichs  und  Eckes  nachtruhe  (d  117  — 
122  =  as  79  —  84)  und  überliefert  trotzdem  statt  der  als  nötige  Vor- 
bereitung dazu  gehörigen  Strophen  as  77.  78,  welche  die  arge  bedräng- 
nis  des  Bemers  berichten,  vielmehr  die  L  103  entsprechende  Strophe 
115,  nach  welcher  die  beiden  den  anbruch  des  tages  herbei  sehnen 
und  nach  der  gar  keine  veranlassung  zu  Dietrichs  bitte  um  waffen- 
stilstand  erkenbar  ist.  Es  ist  klar,  dass  hier  in  d  nicht  etwa  die 
älteste  und  volständigste  version  zu  gründe  liegt,  aus  der  das  eine  stück 
in  L,   das  andere  in  as  aufgenommen  wäre,   sondern  dass  d   in   die 


24  F.    VOOT 

Version  L  die  version  as  hinein  interpoliert  hat;  d  kann  also  för  die 
ureprüngliclikeit  der  episode,  welche  es  in  Übereinstimmung  mit  ai 
berichtet,  nicht  die  mindeste  gewähr  bieten.  Dagegen  wird  die  ver 
sion  L  auch  hier  widenim  durch  die  f  s.  bestätigt.  Der  vergleich  des 
Schwerterklanges  mit  donnerschlägen  findet  sich  nur  einerseits  in  L  10£ 
(«=  d  125),  einer  der  in  as  durch  die  erzählung  von  der  nachtruh( 
ersezten  Strophen,  andrerseits  in  der  I^s.  c.  100:  ir  helme  s&re  erklun- 
gen von  grdxen  siegen  durch  den  hac  .  . .  reht  als  der  tvilde  dunersüu 
V071  himel  kceme  gerixxen,  vgl.  oc  sva  niikill  g?iyr  oc  storir  brestii 
ero  af  hoggom  peirra  sem  hinar  fnesto  reidarprumur.  Überliefen 
also  in  diesem  teile  des  gedichtes  L  das  ursprünglichere,  so  ergibi 
|!  sich  damit  auch  die  spätere  entstehiing  der  einzigen  Strophe  aus  den 

,jl  der  alten  dichtung  entsprechenden  teile  der  erzählung,   in  welcher  c 

"?|  und  as  übereinstimmend  auf  Helfrich  und  seine  genossen  bezug  neh 

^;  men:    ich  meine  die  von  Dietrichs  Verwundung  durch  die  viere  han 

1 1 

|[  delnde  as  79  d  117.     Sie  ist  nicht  anders  aufzufassen  als  die  Strophen 

in  denen  as  allein  dem  Helfiich  eine  rolle  in  der  erzählung  zuweisl 
um  eine  bessere  Verbindung  mit  der  später  hinzugekommenen  vor 
geschichte  herzustellen. 

:|  Von  den  auf  Eckes  Überwindung  folgenden  teilen  der  dichtunj 

sind  für  die  beurteilung  der  einleitung  nur  noch  zwei  in  betracht  zi 
ziehen. 

1.  Dietrichs  kämpf  mit  Fasolt.  Er  steht  mit  der  einleitung  ii 
gar  keiner  Verbindung  und  ist  demnach  gewiss  älter  als  sie,  umsomeh 
als  auch  die  fs.  ihn,  nicht  aber  die  einleitung  enthält.  Die  ausführunj 
ist  in  der  nordischen  und  in  der  deutschen  Überlieferung  eine  ganz  vei 
schiedene;  mir  scheint  die  einfachere  nordische  ursprünglicher  als  di 
mit  anderweitig  belegbaren  sagonmotiven  verbundene  deutsche.  Docl 
ist  hier  keine  Sicherheit  zu  gewinnen,  so  wenig  wie  über  die  altest 
gestalt  der  in  beiden  gleichfals  schon  ganz  abweichenden  erzählunj 
vom  ausgange  des  kampfes  zwischen  Dietrich  und  Ecke.  Das  original 
lied  wird  übrigens  wol  schon  mit  dem  lezteren  ursprünglich  abgeschlos 
sen  haben  (vgl.  Wilmanns  s.  135  fg.).     Anspielungen  auf  die  einleitun] 

■'■  bringt  erst  as  in  die  Fasolt- episode  hinein  (as  167.  176);  zur  kenzeich 

nung  ihres  späten  Ursprunges  genügt  schon  ihre  beziehung  auf  da 
sogar  in  die  einleitung  erst  nachträglich  hinein  gebrachte  Köln. 

2.  Dietrichs  besuch  bei  den  königinnen.  Hier  gehen  samt 
liehe  traditionen  derartig  auseinander,  dass  es  zweifelhaft  wird,  ob  di 
gemeinsame  grundlage  überhaupt  schon  ein  entsprechendes  stück  ent 
halten  hat.    Die  fs.  sezt  diesen  besuch  schon  vor  den  kämpf  mit  Fasoll 


ZUM   ECKBNLIEDE  25 

die  deutsißhen  Versionen  bringen  ihn  als  leztes  abenteuer  Dietrichs.  In 
der  fs.  komt  Dietrich  nur  bis  vor  die  bürg  der  königinnen;  als  er 
bemerkt,  dass  sie  ihre  mannen  gegen  ihn  rüsten,  kehrt  er  um.  In  as 
wird  er  aufs  beste  von  ihnen  empfangen  und  scheidet  von  ihnen,  nach- 
dem sie  sich  und  ihr  land  in  seinen  schütz  begeben  haben.  In  d  wirft 
ihnen  Dietrich  unter  den  heftigsten  vorwürfen  Eckes  haupt  vor  die 
füsse  und  reitet  ohne  abschied  davon  (vgl.  Wilmanns  97).  L  ist  unvol- 
ständig  überliefert  und  enthält  infolge  dessen  keine  von  den  drei  erzäh- 
lungen,  bereitet  aber  durch  str.  149  fg.  die  in  d  überlieferte  vor. 

Gemeinsam  ist  also  hier  nur  die  Überlieferung,  dass  Dietrich  sich 
aufmacht,  um  die  königinnen  zu  sehen,  die  Ecken  nach  ihm  ausgesant 
hatten.  Solte  das  wirklich  schon  in  der  quelle  aller  erhaltenen  texte 
berichtet  sein,  so  würde  es  natürlich  schon  durch  das,  was  Ecke  dem 
Dietrich  über  die  königinnen  sagte,  volständig  ausreichend  begründet 
und  vorbereitet  sein,  und  es  läge  nicht  die  geringste  veranlassung  vor, 
deshalb  etwa  anzunehmen,  dass  in  jener  quelle  die  königinnen  schon 
vor  Dietrichs  und  Eckes  begegnung  erwähnt  worden  seien,  dass  sich 
also  doch  in  ihr  schon  etwas  der  einleitung  ähnliches  befunden  haben 
müste.  Aber  Eckes  bericht  von  den  drei  königinnen,  vor  die  er  den 
Berner  bringen  will  und  die  den  kämpf  überhaupt  veranlasst  haben, 
konte  auch  schon  allein  den  einzelnen  Versionen  hinreichenden  grund 
geben,  die  erzählung  anzufügen,  wie  nun  Dietrich  wirklich  zu  ihnen 
komt,  aber  ganz  anders  als  sie  es  gedacht  und  gewolt  hatten.  Ich 
halte  es  für  das  wahrscheinlichste,  dass  die  angäbe  der  Kdrekssaga 
diesen  Ursprung  hat.  Gerade  sie,  oder  diejenige  fassung  der  Ecken- 
dichtung, aus  der  sie  unmittelbar  floss,  hat  ja  auch  sonst  die  geschieh te 
jener  königinnen  selbständig  fortgebildet,  indem  sie  aus  den  dreien 
neun  töchter  mit  ihrer  mutter  macht  und  über  sie  in  einer  kurzen  ein- 
leitung ihre  ganz  eigenen  angaben  vorbringt,  denen  in  den  deutschen 
texten  nicht  das  mindeste  entspricht  und  die  merkwürdiger  weise  nicht 
einmal  das  nachher  in  der  erzählung  des  kampfes  doch  aus  dem  origi- 
nale beibehaltene  motiv  von  Eckes  entsendung  durch  die  königinnen 
beriicksichtigen. 

Für  Ldas  andrerseits  bot  die  Vorgeschichte,  die  hier  hinzugekom- 
men war,  ganz  besonders  veranlassung,  die  geschieh  te  von  den  drei 
auf  Dietrich  und  Ecke  wartenden  königinnen  zu  ende  zu  führen.  Dass 
Ld  und  as  dies  ganz  unabhängig  von  einander  taten,  ist  trotz  der  völ- 
ligen Verschiedenheit  ihrer  darstellung  deshalb  nicht  wahrscheinlich, 
weil  in  ihnen  die  scene  übereinstimmend  auf  Dietrichs  kämpf  mit  den 
beweglichen  bildwerken  folgt.     Sie   fügt   sich  übrigens  in  keiner  von 


26  F.   VOGT 

beiden  Versionen  ganz  glatt  und  widerspruchslos  an  das  vorangangene. 
In  as  denkt  Dietrich  nach  Eckes  Überwindung  gar  nicht  daran,  die 
königinnen  aufzusuchen;  er  wird  erst  nachträglich,  nachdem  er  allerlei 
weitere  abenteuer  bestanden,  durch  Fasolt  dazu  gebracht.  Als  er  zu 
ihnen  komt,  ist  zwischen  ihnen  eitel  friede  und  freundschaft,  während 
er  vorher  seinen  zom  darüber,  dass  sie  Ecken  auf  ihn  gehezt  haben, 
kräftigsten  ausdruck  gegeben  hatte  (L  125  as  106).  Stimt  das  nicht  recht 
zum  kerne  der  dichtung,  so  steht  nun  auch  mit  der  Vorgeschichte  nicht 
recht  in  einklang,  dass  die  königinnen  gottes  gnade  preisen,  weil  Diet- 
rich sie  aus  Eckes  und  Fasolts  gewalt  erlöst  habe,  während  man  nach 
der  eingangsscene  nicht  ahnen  konte,  dass  ein  derartiges  zwangs Ver- 
hältnis bestand  und  dass  sie  so  sehr  den  tod  eben  jenes  Ecke  wünsch- 
ten ,  den  sie  dort  mit  unverletzbaren  waflfen  zum  kämpf  gegen  Dietrich 
ausrüsteten.  Viel  besser  passt  inhaltlich  zu  allem  vorausgegangenen  die 
Version  (L)d;  sie  ist  ihm  auch  von  vornherein  weit  fester  dadurch 
angefügt,  dass  Dietrich  hier  gleich  nachdem  er  dem  Ecke  das  haupt 
abgeschlagen  hat,  erklärt,  dass  er  nun  zu  den  königinnen  wolle  (L  150. 
159.  232.  d  214);  diese  fahrt  führt  ihn  dann  zu  den  weiteren  aben- 
teuern. Und  doch  zeigt  sich  gerade  hier  noch  deutlich  die  naht,  die 
das  stück  mit  dem  älteren  teile  der  dichtung  verbindet.  Es  ist  die 
merkwürdige  scene,  in  der  Dietrich,  als  er  schon  die  rüstung  des 
gefallenen  Ecke  angelegt  hat,  von  diesem,  der  nur  betäubt  war,  gebe- 
ten wird,  er  möge  ihm  das  haupt  abschlagen,  da  er  doch  verloren  sei. 
Dass  dieser  passus  erst  später  eingefügt  sei,  hat  Wilmanns  s.  97  fg. 
einleuchtend  genug  gemacht;  ebenso  dass  in  d,  wo  es  fehlt,  die  erwäh- 
nung  der  enthauptung  (d  214)  noch  ungeschickter  ist  Die  erzählung 
von  Dietrichs  unfreundlicher  begegnung  mit  den  königinnen  aber  hängt 
unauflöslich  mit  ihm  zusammen.  So  verrät  die  erzählung  dieser  bege- 
benheit,  weit  enfernt  davon,  etwa  für  die  ursprünglichkeit  der  Vor- 
geschichte zu  sprechen,  sowol  in  der  version  Ld  wie  in  der  version  as 
ihren  späteren  Ursprung;  hat  sich  etwa  eine  der  beiden  schon  in  der 
nächsten  grundlage  von  Ldas  gefunden,  so  rauss  sie  einer  jüngeren 
Schicht  derselben  angehört  haben. 

Von  denjenigen  Zeugnissen  über  das  Eckenlied,  welche  einen 
schluss  auf  die  jeweilige  gestalt  der  dichtung  gestatten,  setzen  nur  die 
jüngeren  die  Vorgeschichte  voraus,  nämlich  Dietrichs  flucht,  Ottokar 
und  Wittenweilers  ring  (DHb.  V,  289);  die  älteren  sprechen  gegen  ihre 
existenz,  nämlich  die  I^idrekssaga,  die  Carmina  Burana  und  auch  Jans 
Enikel.  Denn  wenn  dieser  im  Fürstenbuch  von  Österreich  sagt  (Grimm, 
HS  160): 


ZUM  EGKSNLIEDE  27 

lüir  habn  dicke  vemomen, 

vde  der  Bemer  (hs.  prenner)  wcer  komen 

da  er  kern  Ekken  vant, 

so  hat  er  doch  wol  die  einleitung  nicht  gekant,  die  ja  gerade  umge- 
kehrt erzählt,  wie  Ecke,  gegen  Dietrich  ausgesant,  diesen  durch  ver- 
schiedene länder  hin  sucht,  bis  er  ihn  endlich  findet;  vielmehr  hat  er 
auf  die  anfengsstrophe  des  alten  liedes  bezug  genommen  (vgl.  oben  s.  1 
V.  1  —  4.  8),  ohne  sich  die  erst  aus  dem  folgenden  deutlicher  hervor- 
tretenden umstände  der  begegnung  beider  recken  genau  zu  vergegen- 
wärtigen. 

Anmerkim^eii« 

1)  Als  ich  schon  im  begriff  stand  diesen  aufsatz  abzusenden ,  gieng  mir  Mar- 
tms  recension  meiner  geschichte  der  mhd.  litteratur  (bd.  XXIV  s.  229  fg.  dieser  Zeit- 
schrift) mit  ihren  einwendungen  gegen  die  dort  zuerst  von  mir  behauptete  abhängig- 
keit  der  Strophen  der  CB  von  der  weise  des  Eckenliedes  zu.  Aus  folgenden  gründen 
glaube  ich  ausser  den  oben  angegebenen ,  an  meiner  auffassung  festhalten  zu  müssen. 
1)  Wenn  Martin  erwähnt,  dass  ich  a.  a.  o.  die  Übereinstimmung  selbst  nur  als  eine 
fast  ganz  genaue  bezeichnet  habe,  so  will  er  damit  doch  wol  nicht  sagen,  dass  die 
deutsche  Strophe  und  die  lateinischen  in  der  handschrift  hier  nicht  ebensowol  als 
gegenstücke  zusammengestelt  seien,  wie  in  anderen  fällen,  in  denen  er  sie  als  solche 
gelten  liess  und  verglich.  Tatsächlich  stimmen  sie  ja,  von  der  unbedeutenden  modi- 
fikation  der  Schlusszeile  abgesehen,  bis  ins  einzelste  überein.  2)  Dass  die  bildung  der 
Strophe  weit  mehr  zu  fremden  als  zu  deutschen  formen  stimme,  kann  ich  nicht 
finden.  Weit  ähnlicher  wenigstens  als  die  von  Martin  herbeigezogenen  beiden  pastou- 
rellon,  deren  abgesang  volständig  abweicht,  ist  z.  b.  Steinmars  weise  MSH  U,  154' 
und  besonders  auch  die  unter  Dietmar  von  Eist  überliefei*te ,  jedesfals  noch  dem 
12.  Jahrhundert  angehörige  MF  40,  19,  welche  bis  auf  die  mangelnde  cäsur  der  lezten 
zeile  und  das  fehlen  der  beiden  den  anfang  des  abgesanges  bildenden  langzeilen  genau 
übereinstimt.  Die  beiden  klingend  ausgehenden  langzeilen  in  der  zweiten  strophen- 
hälfte  aber  zeigen  sich  dafür  z.  b.  im  ersten  und  dritten  Spervogelton  sowie  beim 
jungen  Spervogel,  und  sie  bilden  wie  im  Eckenliede  zusammen  mit  einer  Verbindung 
von  stumpf  gereimter  kurz-  und  langzeilo,  nur  in  umgekehrter  folge  und  mit  voller 
form  der  langzeile,  den  abgesang  in  dem  liede  MF  36,  23,  welches  G  zusammen  mit 
Strophen  des  jungen  Spervogel  unter  Dietmar  von  Eist  überliefert.  Der  abgesang  der 
Eckenstrophe  besteht  also  aus  kombinationen  national -epischer  versgattungen,  zu 
denen  sich  analogieen  schon  früher  in  der  deutschen  lyrik  finden.  Dass  nun  in  dem 
lateinischen  gegenstück  die  vorlezte  zeile  eine  „in  der  lateinisch  -  romanischen  dich- 
tong  beliebte  und  ursprüngliche '^  form  hat  (Martin  s.  231,  wo  reimzeile  statt 
rcimsilbe  zu  lesen  ist),  könte  für  die  bildung  der  deutschen  strophe  nach  der  latei- 
nischen doch  nur  dann  sprechen,  wenn  jene  charakteristische  form  unverändert  in 
die  deutsche  fassung  übergegangen  wäre.  Da  sich  aber  statt  dessen  in  dieser  eine 
auch  in  der  deutschon  dichtung  beliebte  und  ursprüngliche  form  findet,  nämlich  die 
erste  hälfte  der  epischen  langzeile,  so  sehe  ich  nicht  ein,  weshalb  diese  nicht  auf 
dem  oben  angegebenen  wege  in  die  beliebte  lateinische  form  verändert  sein  solte. 
Bei  Martins  auffassung  fehlt  auch  die  erklärung  dafür,   weshalb  in  der  lezten  zeile 


28  F.   VOGT,    ZUM  ECKENLIEDE 

den  4  hebungen  der  lateinischen  atrophe  nur  3  in  der  deutschen  gegenüberstehen.  — 
Was  endlich  die  reimstellung  aab  ccb  des  aufgesanges  betrift,  so  war  dieselbe  ein- 
mal zur  zeit  der  abfassung  des  Eckenliedes  der  deuischon  dichtung  schon  bekant 
Sodann  aber  ist  es  mir  zweifelhaft,  ob  sie  überhaupt  in  diese  lediglich  eret  aus  der 
lateinischen  oder  romanischen  übergieng.  W.  Meyer,  Münchener  SB  1882  11 ,  150  fg. 
erklärt  sie  für  die  lateinische  dichtung  aus  der  widerholung  der  ersten  hälfte  der 
langzoile,  zu  der  dann  reimbindung  trat.  Dereelbe  Vorgang  lässt  sich  selbständig  in 
aUen  einzelnen  Stadien  in  deutsch  nationalen  Strophenformen  bestimt  nachweisen.  Die 
widerholung  jener  ersten  hälfte,  der  weise,  findet  sich  bekantHch  im  ersten  Küren- 
bergston, bei  Meinloh  und  MF.  3,  22;  den  zutritt  des  reimes  zeigt  sodann  MF.  4,  35. 
Wenn  in  diesem  lezten  tone  die  langzeile  mit  gedoppelter  und  in  sich  gereimter 
erster  hälfte  auf  eine  einfache  langzeile  gereimt  wird  (3u  +  4a  :  3ub4-3ub-|-4a), 
so  lässt  sich  daraus  schon  durch  die  naheliegende  angleichuog  der  einfachen  langzeile 
an  die  erweiterte  das  in  rede  stehende  Schema  auf  das  natürlichste  ableiten.  —  Die 
ganze  Eckenstrophe  ist  demnach  gegründet  auf  die  einfache  und  die  reduplizierte 
form  der  alten  epischen  langzeile,  für  deren  erste  hälfte  die  gestalt  3o  oder  4,  für 
deren  zweiten  teil  die  form  3  oder  3u  oder  4  zulässig  ist;  dieser  leztgenanten  ent- 
spricht auch  der  einzige,  vierhebige  kurzvers  z.  10;  für  eine  zweihebige  zeile  ist  in 
diesem  System  kein  platz;  so  zeigt  sich  auch  von  dieser  seite,  dass  die  deutsche 
form  die  urspmnglichere  ist.  —  Übrigens  empfand  man  auch  eine  vei'wantschaft  zwi- 
schen den  Stollen versen  der  Eckenstropho  und  einer  andern  sehr  beliebten  Volksweise, 
jener  alten,  zuerst  MF.  3,  7  belegten  abart  der  Morolfstrophe  mit  regelmässigem 
Wechsel  stumpfen  und  klingenden  reimes.  Man  ergänzte  demnach  die  eratoren  nach 
massgabo  der  lezteren,  indem  man  den  schon  übereinstimmenden  drei  versen  noch 
die  mit  dem  dritten  reimende  langzeile  anhängte.  Zugleich  wurde  nun  auch  der  schluss 
der  Eckenstrophe  durch  einführung  klingenden  ausganges  und  Verschiebung  des  zur 
Morolfstrophe  gehörigen  ersten  reimpaares  nach  dem  gleichen  Schema  umgemodelt, 
so  dass  sich,  unter  aufnähme  des  cäsurreiraes  aus  der  7.  und  9.  zeile  der  Ecken- 
strophe jüngerer  form,  folgende  weise  ergab  (die  zusätze  schliesse  ich  in  eckige  klam- 
mern): 4a  4a  3ub  [4  +  3ub],  4c  4c  3uC  [4+3uc];  4d  +  3v.e  4d  +  3ue,  [4f  4f] 
3ug  4  +  3vg.     Sie  findet  sich  in  den  unechten  Neidhai-tliodcrn  MSHIII,  296  fgg. 

2)  Nach  Erck  1900  fg.  fand  der  kämpf  um  den  sperber  vielmehr  vor  pfing- 
sten  statt.  Über  dasselbe  motiv  in  anderen  Artusepen  s.  Foerstor,  Christian  v.  Troyes 
ni,  XV. 

3)  Falsch  ist  hier  im  DHB  der  punkt  hinter  v.  5.  Das  7ncere  von  Goldemar 
soll  doch  nicht  berichten,  dass  der  Bemer  niemals  den  frauen  liold  gewesen;  es  soll 
vielmehr  erzählen,  wie  er,  der  sonst  weiberscheue,  zum  ersten  male  von  liebe 
bezwungen  wurde.  V.  9.  10  hängen  also  von  v.  5  ab  und  die  drei  dazwischen  ste- 
henden verse  sind  gemeinsam  in  parenthese  zu  setzen. 

4)  Im  Widerspruch  damit  wird  Liudegast  DFl.  8629  und  Rabenschlacht  734 
unter  Ermanrichs  recken  genant. 

BRESriAU.  F.    VOGT. 


29 

UEDEEHANDSCHEIFTEN  DES    16.   UND    17.  JÄHE- 

HUNDEETS.1 

n. 

Das  liederbuch  des  prinzen  Joachim  Karl  Yon  Braunschweig. 

Die  Wolfenbütteler  bibliothek  bewahrt  als  mscr.  extravag.  264. 
26.  4^  eine  aus  35  quartblättem  bestehende  liedersamlung,  auf  deren 
lederdeckel  die  initialen  „IKHZBVLTZS|1601''  eingeprägt  sind. 
Die  deutung  der  inschrift  ergibt  sich  unschwer  aus  der  Überschrift  des 
4.  gedichtes  als:  „Joachim  Karl,  herzog  zu  Braunschweig  und  Lüne- 
burg, thumpropst  zu  Strassburg".  Der  genante  prinz  war  ein  jüngerer 
bruder  des  als  dramatischer  dichter  bekanten  herzogs  Heinrich  Julius, 
geb.  1573  und  gest.  1615.  Das  liederbuch  hat  nicht  er  selbst,  son- 
dern sein  Sekretär  niedergeschrieben,  wie  die  bemerkungen  zu  zwei 
dichtungen  des  prinzen  (nr.  22  und  28)  beweisen. 

1.  bl.  la:   Aus  trewen  hertzen  mein 

habe  ich  mich  außerkoren  (4  str.). 

2.  bl.  Ib:   Venus,  ich  gern  wißen  woltt  (6  str.). 

Auch  in  einem  fl.  blatt  des  16.  Jahrhunderts  (Berliner  bibl.  Yd  7850,  18  nr.  2). 

3.  bl.  2a:    Stetiglich  nur  an  dich  gedenckett  mein  hertze  (6  str.). 

Auch  im  Liederbüchlein,  Nürnberg,  Lantzenberger  1607  nr.  13  und  auf  einem 
fl.  blatte  des  16.  Jahrhunderts  (Berlin  Yd  7850,  24  nr.  3). 

4.  bl.  3a:    Ach  moder  die  zartt  vnd  schoen 

der  eheren  eine  krön  (9  str.). 
Überschrieben:   Des  hern  Jochim  Carln  hertzog  zu  Braunschweig  vnd  Lüne- 
burgk  aufzügk   auf  dem   ringrennen   zu  Stuckgart.  —    Vgl.  über  die  zu 
Stuttgart   gehaltenen   tumiere   K.  Pfaff,    Geschichte   der   statt  Stuttgart  1, 
218—221  (1845). 

5.  bl.  4b:    Gedenck  eß,  drewes  hertz  in  ehren, 

waß  ich  für  schmertz  vnd  pein  (5  str.). 
Überschrieben:    Des  hertzogen  von  Württenberges  liedt.  —    Gemeint  ist  wol 
herzog  Friedrich  I,  geb.  1557,  t  1608. 

6.  bl.  5a:   Bey  mir  mein  hertz  gantz  iemerlich 

sehr  quelett  sich.  (5  str.). 
Namenlied:  BEATA.  —  Auch  in  dem  liederbuche  des  Eostocker  Studenten 
Petrus  Fabricius  (Bolte,  Niederdeutsches  Jahrbuch  13,  55)  nr.  7.  Lantzen- 
bergers  liederbüchlein  1607  nr.  8.  Val.  Haußmann,  Newe  melodien  1608 
nr.  6.  Niederdeutsche  Volkslieder  1883  nr.  149.  Weiler,  Annaion  1,  265 
nr.375.  Fliegende  bll.  in  Berlin  Yd  7850,  29  nr.  1.  32  nr.  4.  Ye  1001,  4. 
Melodie  im  lautenbuch  des  Job.  Nauclerus  v.  j.  1615  (Berliner  mscr.  mus. 
H.  250)  bl.  76a.  Dresdener  hs.  M  297,  s.  148.  Fried.  Tautts  lautenbuch 
(Danzig  X.  fol.  25)  bl.  49  b. 

1)  Fortsetzung  zu  bd.  XXII,  397  dieser  Zeitschrift. 


30  BOLTB 

7.  bl.  6a:   Mus  dan  die  trewe  mein 

so  ghar  aus  falschem  hertzen 
von  dir  beihonet  sein  (6  str.). 

Akrostichisches  namenlied:  MAETHA.  Ähnlich  in  Lantzenborgers  liedeibüchlein, 
Nürnberg  1607  nr.  3.  Haußmann  1608  nr.  7.  P.  Fabricius  nr.  8.  Ditfurth, 
Yolks-  und  geselschaftslieder  1872  nr.  4.  Fliegendes  bL  in  Berlin  rd7850, 
37  nr.  3.     J.  Nauclerus  1615  bl.  43  b. 

8.  bL  7a:    0  holdseliges  bildtt, 

erzeige  dich  nicht  so  wüdt  (9  str.). 
Eine  vierstrophige  fassung  bei  Regnart,  Teutsche  lieder  1578  3,  21.  Aeist, 
De  arte  amandi  1602  bl.  Cvija  =  Hoffmann  von  Fallersleben ,  Geselschafts- 
lieder 1860  nr.  109.  Niederdeutsche  Volkslieder  1883  nr.  150.  Lantzen- 
berger  1607  nr.  27.  AUerley  kurtzw.  teutsche  liedlein.  Nürnberg  1614 
nr.  13.    Weller,  Annalen  1,  265  nr.  375.    Berliner  mscr.  germ.  quart  733. 

9.  bl.  9b:     Mit  liebes  flammen  ist  gantz  entzundt 

mein  junges  hertz,  auch  engstiglich  wundtt  (16  str.) 

10.  bl.  12  a:    Ach  lieb  in  leidt  vnd  gefehrligkeit  (4  str.). 

Namenlied:  ANNA.  —  Auch  bei  P.  Fabricius  nr.  56. 

11.  bl.  13a:    Es  will,  schönes  lieb,  das  hertz  in  mir 

für  schmertzen  ghar  zuspringen  (7  str.). 
Vgl.  Aelst,  Blum  vnd  außbundt  1602  nr.  82.    P.  Fabricius  nr.  190.    Fliegendes 
blatt  bei  Weller,  Annalen  1,  263  nr.  363. 

12.  bl.  14  b:   Frolich  woltte  ich  singen, 

ich  kans,  ich  kans  da  nicht  (7  str.). 
P.  Fabricius  nr.  97.    Niederdeutsche  Volkslieder  1883  nr.  143.     Fl.  blatt  von 
1600  in  Berlin  (Yd  7850,  30  nr.  2).    J.  Nauclerus  1615  bl.  94b. 

13.  bl.  10  a:    Betrübe  dich  doch  nicht  so  ghar, 

nimb  selbst  dein  junges  leben  whar  (9  str.). 
Woller,  Annalen  1,  264  nr.  366.  Fliegende  blätter  in  Berlin  Ye  806  und  1656  nr.  3. 

14.  bl.  17  b:   In  einer  hirßen  jaget 

Acteon  jung  vnd  zartt  (5  str.). 
P.  Fabricius  nr.  20. 

15.  bl.  18  b:    Betrübet  ist  mir  mein  hertz 

vnd  leidett  große  schmertz  (7  str.). 
Niederdeutsche  Volkslieder  1883  nr.  136. 

16.  bl.  19b:    Ach  hertziges  hertz,  mit  schmertz 

erkennen  thue,  ich  habe  kein  ruhe  (3  str.). 
Übei"schrift:  Hertzog  Friedrichen  aus  Churlandt  liedt.  —  Friedrich,  der  söhn 
Gotthards  von  Ketteier,  lebte  von  1569  —  1642.  Dasselbe  lied  bei  Böhme, 
Altdeutsches  liederbuch  1877  nr.  132.  Niederdeutsche  Volkslieder  nr.  142. 
Ambraser  liederbuch  1582  nr.  37.  Celscher  1600  nr.  9.  P.  Fabricius  nr.  23. 
Beriin,  mscr.  germ.  fol.  636  s.  28  und  mscr.  germ.  quart  733.  Fliegende 
blätter  in  Beriin  Yd  7850,  8  nr.  3.  12  nr.  2.  Ye  321,  1.  E.  Radecke, 
Vierteljahi-schr.  f.  musikwiss.  7,  321. 


LIEDERHANDSCHBIFTEN  DES   XVI.    U.   XYH.   JHS.   U.   Ttt  31 

17.  bl.  20  a:   Die  fische  ihm  waßer  whonen, 

das  wildt  auch  in  dem  waldt  (8  str.). 

Böhme,  Altdeutsches  liederbuch  nr.  316  (aus  Hainhofers  lautenbüchern).  Lan- 
tzenberger  1607  nr.  21.  Rosenberg,  Zeitschr.  f.  d.  geschichte  der  Juden  2, 
242  (1888).    Weller,  Annalen  1,  266  nr.  383. 

18.  bl.  21b:   Megdlein  jung  mein  Sonnenschein, 

ach  du  mein  hertziges  zuckermündelein  (6  str.). 

Überschrift:  Der  Dresensche  aufzugk. 

19.  bl.  22b:   Ach  Amor,  wie  gantz  wiederwertigh  sein 

deine  werke  dem  schönen  nhamen  dein  (8  str.). 

Weller,  Annalen  1,  265  nr.  373:  fl.  blatt  vom  j.  1601  (Berlin  Ye  1005).  P.  Fa- 
bricius  nr.  80.  Berliner  mscr.  germ.  fol.  270  bl.  IIb.  Mel.  bei  J.  Nauclerus 
1615  bl.  99a.  Dresdener  hs.  M  297,  s.  147.    Danziger  hs.  X.  fol.  25,  bl.  48a. 

20.  bl.  24a:   Einiges  lieb,  getrewes  hertz, 

dir  ist  verborgen  nicht  mein  schmertz  (7  str.). 
Weller,  Annalen  1,  265  nr.  373:  fl.  blatt  vom  j.  1601  (Berlin  Ye  1005).   P.  Fa- 
bricius  nr.  181.    Niederdeutsche  Volkslieder  1883  nr.  137. 

21.  bl.  25  a:    Aus  meinem  gemüth  ein  newes  liedtt 

will  ich  singen  von  einem  zartten  jungkfrewlein  (6  str.). 

22.  bl.  26b:    Gedenckh,   schönes  lieb,  wie  schwer  mir  thutt  ankhom- 

men  (7  str.). 
Überschrift:  Meines  gnedigen  fürsten  vnd  hem  hertzogk  J.  C.  liedt,  von  I.  F.  G. 
selber  gemacht. 

23.  bl.  27  b:    Sage  mir  gut  rath,  zarth  schönes  jungkfrewlin  (6  str.). 

Namenlied:  SOPHIA.  —  Auch  bei  P.  Fabricius  nr.  38.  V.  Haussmann  1594 
nr.  17.    J.  Rudenius,  Flores  musicae  1600. 

24.  bl.  28  b:   Betrubnuß  vnd  trawrigkeitt 

mich  plagett  alle  stundt  (7  str.). 

25.  bl.  29b:    Scheiden  bringett  mir  schwere  plag 

von  euch,  schönes  liebelein  (7  str.). 

26.  bl.  31a:   Erfrewen  thutt  mein  junges  bluett 

hertz  allerliebste  mein  (13  str.). 

27.  bl.  33b:    Mir  liebet  auf  dieser  erden 

ein  frewlein  hupsch  vnd  fein  (5  str.) 

28.  bl.  34b:    So  scheide  ich  nun  mit  schmertz 

von  dir,  mein  einiges  hertz  (6  str.). 
Überschrift:  Ein  ander  liedt  von  meinem  g.  fursten  vnd  hem  I.  C.  selbst  com- 
ponirt.  —  Ebenso  begint  nr.  1  eines  1603  zu  Augsburg  gedruckten  fl.  blat- 
tes  (Berlin  Yd  7850,  37)  und  ein  lied  in  Hainhofers  lautenbüchern. 

Von  den  hier  und  dort  verstreuten  reimsprüchen  führe  ich  an: 
bl.  9a:     Lieben  ohne  lust,  drincken  ohne  durst,  essen  ohne  hunger: 

lebestu  lange,  so  nimbt  mir  es  wunder. 
bl.  27a:  Gedenckh  an  mich,  wie  ich  an  dich;  niht  mher  begher  ich. 


32  BOLTB 

bl.  26  a:  So  mannig  laüb  auf  bhömen  stehet, 
so  mannig  thier  auf  erden  gehet, 
so  mannig  blum  ist  auf  dem  feldt, 
so  mannig  mensch  lebet  in  der  weldt, 
so  mannig  tropfe  ist  im  Rein, 
so  mannig  stem  am  himmel  sein: 
so  viell  glückh,  heil  vndt  frewdt 
wünsche  ich  meinem  liebsten  zu  aller  zeit. 

Zu  solchen  liebesgrüssen  vgl.  Uhland,  Schriften  3,  261  fg.  R  M. 
Meyer,  Ztschr.  f.  deutsches  altertum  29,  128  — 131.  M.  v.  Waldberg, 
Die  deutsche  renaissancelyrik  (1888)  s.  19  fg.  51.  Weimarisches  Jahr- 
buch 2,  92.   113.   241,   und  auch  einen  im  Wolfenbütteler  mscr.  nov. 

637.  7  enthaltenen  glückwunsch  Joh.  Phil.  Ridels  v.  j.  1679: 
So  viel  die  Sommerszeith  den  Bauern  bringet  Rokhen, 
So  viel  als  Winterszeith  hingegen  Schnegen  flokhen, 
So  viel  am  Firmament  die  schönen  Sterne  stehn. 
So  viel  im  Meer  vndt  Flussz  der  Fische  annoch  gehn, 
So  viel  alß  schwingen  sich  der  Voglein  in  den  Lüfften, 
So  viel  alß  nehren  sich  der  Thierlein  in  den  IQüfften: 
So  viel  geb  Ihm,  mein  Printz,  der  Höchste  Glükh  vndt  Seegen, 
An  welchen  alles  ist  alleine  nuhr  gelegen! 

Im  liederbuche  des  freiherrn  Albrecht  Ernst  Friedrich  von  Crails- 
heim (um  1748  zu  Altdorf  angelegt.  Berliner  mscr.  germ.  quart  722) 
s.  386  Str.  3   und   in   einem  fl.  blatt  des  18.  jahrh.   (Berlin  Td  7909, 

32,  1)  heisst  es: 

Bis  die  wasser  aufwärts  rinnen 

und  all  berge  neigen  sich, 

bis  kein  feuer  mehr  thut  biinnen, 

so  lang  will  ich  lieben  dich; 

bis  die  mühlstein  tragen  reben 

und  darauf  wächst  süsser  wein, 

bis  der  todt  mir  nimt  das  leben, 

so  lang  will  ich  dein  eigen  sein, 
bl.  35b:  Finis  ein  ende,  des  frewen  sich  meine  hende. 

in. 

Das  liederbuch  der  prinzessin  Luise  Charlotte  Ton  Brandenburg. 

Auf  der  bibliothek  der  Petersburger  akademie  der  Wissenschaften 
liegt  unter  der  Signatur  XX.  L.  5  quart  ein  liederbuch  einer  deutschen 
fürstin.     Es  führt  den  titel: 

Tabulatur  Büchlein.  Der  Durchlauchtigsten ,  Hochgebornen  Fürstin  vnd  Frew- 
lein,  Frewlein  Loysae  Charlotten,  Marggrävin  vnd  Churfl.  Frewlein  zu  Bran- 
denburg, In  Preufieu,  zu  Gülich,  Cleve,  Berge  Heitzogin,  Meiner  gnedigsten 
Fürstin  vnd  Frewlein.     Im  Jahr  1632.     (Pergamentband  in  hoch  4°). 


LIEDKRHANDSCjmiFTEN  DES  XVI.   U.    XVH.   JHS.   H.   IH  33 

Luise  Charlotte,  die  ältere  Schwester  des  grossen  kurfürsten,  war 
1617  als  die  tochter  des  kurfürsten  Georg  Wilhelm  von  Brandenburg 
geboren,  vermählte  sich  1645  zu  Königsberg  mit  dem  herzog  Jakob 
von  Kurland  (f  1681)  und  starb  1676^.  Aus  der  zeit,  welche  sie  am 
hofe  ihres  bruders  zu  Königsberg  verlebte,  rühren  die  beziehungen  her, 
die  den  dichter  Simon  Dach  mit  ihr  verbanden.  In  verschiedenen 
gedichten^  besingt  er  sie;  er  feiert  vor  1638  eine  lustfahrt  auf  dem 
Pregel,  an  der  sie  teilnahm,  er  wünscht  1645  zur  Verlobung  und  zur 
Vermählung  widerholt  glück,  ebenso  1648  zur  geburt  ihres  ersten  Soh- 
nes und  richtet,  als  sie  1657  nach  Königsberg  gekommen  war,  vdderum 
ein  gedieht  an  sie.  Heinrich  Albert  widmete  ihr  und  der  prinzessin 
Hedwig  Sophie  1642  die  zweite  aufläge  des  1.  teiles  seiner  Arien.  Wenn 
dies  alles  auch  noch  nicht  notwendig  auf  ein  lebhaftes  Interesse  der 
fürstin  an  der  dichtkunst  hinweist,  so  gewint  es  um  so  mehr  bedeu- 
tung  in  Verbindung  mit  dem  Inhalte  des  1632  für  sie  angelegten  und 
in  der  folgezeit  weiter  fortgeführten  liederbuches. 

Dasselbe  enthält  zuerst  einige  stücke  in  deutscher  lautentabulatur 
ohne  text  (Bargomasco,  Sarpande  Gautiers,  Psalm  39  und  134.  „Wie 
soll  mir  dan  geschehen,  wann  ich  dich  meiden  soll"),  dann  aber  40 
lieder  mit  ihren  weisen  in  mensuralnoten  und  einer  einstimmigen 
begleitung  (viola  di  gamba).  Da  es  von  wert  ist  zu  erfahren,  welche 
lieder  damals  in  der  vornehmen  geselschaft  eingang  gefunden  hatten, 
so  wird  man  die  mitteilung  eines  Inhaltsverzeichnisses  nicht  für  überflüs- 
sig halten,  zumal  auf  das  Verhältnis  der  komponisten  des  17.  Jahrhun- 
derts zu  den  werken  der  gleichzeitigen  dichter,  wie  Opitz,  Fleming, 
Weise,  bisher  kaum  geachtet  worden  ist.  Von  Dach  rühren  2  num- 
mern  (7  und  14)  her,  beide  von  seinem  freunde  Heinrich  Albert  in 
rausik  gesezt  und  vielleicht  noch  vor  dem  erscheinen  seiner  Arien 
(1638)  aufgenommen;  aus  Opitz'  dichtungen  entlehnt  sind  4  texte  (8. 
26.  27.  32).  Die  melodien  sind,  wie  es  scheint,  aus  den  werken  von 
Joh.  Hermann  Schein  (Musica  boscarescia  1.  1621),  Caspar  Kittel  (Arien 
und  cantaten.  Dresden  1638.  30  lieder,  darunter  16  von  Opitz),  An- 
dreas Hammerschmied  (Weltliche  öden  oder  liebesgesänge  1  —  3.  1642 
— 1649)  und  andern,  deren  nachweisung  weiterer  forsch ung  überlassen 
bleibt,  entnommen;  viermal,  bei  nr.  9.  15.  22  und  30,  ist  der  kompo- 
nist  durch   die  anfangsbuchstaben  W:  R:   oder  Wal:  Ro:    bezeichnet. 

1)  K.  W.  Gruse,  Curland  unter  den  herzögen  1,  148.  183  (1833). 

2)  In  der  bibliographie ,  welche  Oesterley  seiner  grossen  Dachausgabe  (1876) 
angehängt  hat,  sind  es  die  nr.  16.  57.  75.  239.  417.  534.  1131.—  Ihre  hochzeit  ver- 
herlicht  auch  J.  C.  Finx,  Preuscher  ehrenpreis  (Königsberg  1G45)  bl.  Fla. 

zvrrscimiFT  p.  drutschr  phtlologte.    bd.  xxv.  3 


34  BOLTK 

Unzweifelhaft  haben  wir  darin  den  „berühmten  musicanten **  Walter 
Rowe  aus  England  widerzuerkennen,  von  dem  H.  Albert  1645  in  der 
Widmung  zum  6.  teil  seiner  Arien  ^  spricht  Nur  ist  es  nicht  ganz 
klar,  ob  wir  darunter  den  älteren  musiker  dieses  namens,  welcher  am 
24.  juni  1614  zu  Colin  a.  Spree  seine  bestallung  vom  kurfürsten  zu 
Brandenburg  erhielt  und  1626  sich  als  violist  am  mecklenburgischen 
hofe  zu  Güstrow  hören  liess,  zu  verstehen  haben  oder  seinen  gleich- 
namigen söhn,  welcher  1638  mitglied  der  kurfürstlichen  kapeile  wurde. 
Die  grössere  Wahrscheinlichkeit  spricht  wol  für  den  älteren  Rowe,  und 
dieser  wird  auch  der  lehrer  der  prinzessin  und  der  Schreiber  ihrer  lie- 
dersamlung  gewesen  sein.  Eigentliche  Volkslieder  enthält  die  leztere 
gar  nicht,  wol  aber  drei  französische  (15  — 17)  und  zwei  englische  (3. 
13)  lieder.  Das  erscheinen  der  lezteren  ist  bei  der  englischen  abstam- 
mung  Rowes  und  dem  starken  einfluss  der  englischen  instrumentisten 
und  komödianten  leicht  begreiflich. 

1.  Was  ich  itzundt  anfang  zu  tichten  (12  str.). 

2.  Wan  ich  thu  ansehn  meinen  schmertzen  (5  str.). 

3.  Delightles  why  sitzt  thou  soe,  fa  la  la, 

those  foulded  armes  are  signes  of  woe?     Fa  la  la  (4  str.). 
Dahinter  folgt  ein  deutscher  text  zu  derselben  melodie: 
Kom,  0  schöne,  kommö  baldt,  fa  la. 
die  vöglein  singen  in  dem  wald:  fa  la  (12  str.). 

4.  Frau  nachtigall  mit  süssem  schal  (3  str.). 
Aus  JH.  Schein,  Musica  boscai'escia  1,  nr.  2  (1621). 

5.  Sich  da,  mein  lieber  Coridon  (3  str.). 

Schein  a.  a.  o.  1,  nr.  4. 

6.  Ihr  deutschen  gutt,  wo  ist  der  muth  (4  str.). 

7.  Edler  pregel,  dessen  fluss  (5  str.). 

Gedichtet  von  S.  Dach  s.  574  ed.  Oesterley.     Komponiert   von  H.  Albert, 
Arien  1,  21. 

8.  Jetzund  kömpt  die  nacht  herbey  (9  str.). 

Opitz,  Teutsche  Poemata  1624  s.  92  (über  spätere  nachahmungen  vgl.  das  yor- 
trefliche  buch  von  M.  v.  "Waldberg,   Die  deutsche  renaissance-lyrik  1888 

1)  In  Fischers  neudruck  (1883)  s.  181.  —  Über  die  Rowes  vgl.  L.  Schneider, 
Geschichte  der  oper  in  Berlin  (1852)  beilage:  Geschichte  der  kuifürstlichen  kapelle 
s.  27  fg.  33.  40  fg.  44.  Chrysander,  NiedeiTheinische  musikzeitung  1855  nr.  45  s.  355. 
Danach  C.  v.  Ledebur,  Tonkünstlerlexicon  Berlins  (1861)  s.  480.  —  Ein  W.  Rowe 
starb  im  april  1671  zu  Berlin.  Kompositionen  der  Rowes  ausser  den  in  unsrer  hand- 
schrift  vorliegenden  haben  sich  nicht  erhalten.  Ein  der  Berliner  bibliothek  gehörendes 
oxemplar  von  G.  Yoigtländers  Oden  und  liedem  (Lübeck  1650)  trägt  auf  einem  vor- 
e  die  inschrift:  „E  grege  "Waltheri  Rfowe]**. 


LIEDERHAND8CHRIPTBN   DES   XVI.   U.   XVn.    JHS.   II.   IH  35 

s.  218  fg.).    Komponiert^  von  C.  Kittel,   Arien  (1638)  nr.  11  ,,8opra  Taria 
di  Ruggiero*. 

9.   Ach  gott,  warumb  muß  ich  so  lamentiren  (10  str.). 
Melodey  W.  R[owe]. 

10.  Ach  liebste,  laß  uns  eilen  (3  str.) 

Opitz  1624  s.  100  ,,im  thon:  Ma  belle  je  vous  prie".  —  Komponiert  von  Kit- 
tel (1638)  nr.9  und  A.  Hammerschmied,  Weltliche  odeu  1,  3  (1642). 

11.  0  wie  bist  du,  arge  weit  (16  str.). 

12.  Es  ist  warlich  betrübte  zeit  (2  str.). 

13.  Though  you  are  yongue  and  I  am  ould  (3  str.). 

14.  Hie  habt  ir,  jr  Jungfrauen  (4  str.). 

Text  von  S.  Dach  s.  422  ed.  Oesterley.    Melodie  von  H.  Albert,  Arien  1,  7. 

15.  N'obtiendra  je  rien  mon  amour  fidele  (8  str.). 
Melodie  von  W[alter]  R[owe]. 

16.  Sejour  digne  d'un  roy,  qu'adore  Tunivers  (2  str.). 

17.  Jamals  vne  si  belle  flame  n'entra  dans  le  coeur,  d'un  amant 

(4  Str.). 

19.  Melancholey  ist  mein  beste  plaisir  (10  str.). 

20.  Vergangne  freudt,  wo  bistu  hin  (8  str.). 

21.  Vor  traurigkeit  vnd  schmertzen  (12  str.). 

22.  Wie  gantz  erbärmlich  ist  doch  diese  zeit   (6  str.). 
Melodie  von  W.  R[owe]. 

23.  Nimpfhen,  was  gedenckt  ihr  das  (12  str.). 

24.  Amor,  du  falsche  list  (6  str.). 

25.  Lerne  dich  wohl  kennen  zuvor  (8  str.). 

26.  Tugend  ist  der  beste  freundt  (4  str.). 

Opitz  1625  8.  204.    Komponiert  von  J.  We  i  c  h  m  a  n  n ,  Sorgen  -  lägerin  (Königs- 
berg 1648)  1,  nr.  9  und  Hammerschmied  3,  23  (1649). 

27.  Was  wirffstu,  schnöder  neid  (6  str.). 
Opitz  1624  8.  88. 

28.  Diana  (Astrea)  schon  ihr  Geladen 
liebt  sie  mit  grosser  passion  (6  str.). 

29.  Gleich  wie  das  feur,  wen  mans  nicht  loscht  (4  str.). 

30.  Adieu  all  trauren  und  klagen  (6  str.). 
Melodey  Wal:  Ro[we]. 

31.  Gott  ist  mein  heil,  gluck,  hulff  vnd  trost  (4  str.). 

Angeblich  von  der  dänischen  königin  Sophia  (1498  — 1568)  gedichtet.   Wacker- 
nagel, Kirchenlied  4  nr.  1018.    Vgl.  5,  nr.  261. 

1)  Die  von  Waldberg  s.  46  erwähnten  kompositionen  von  Joh.  Erasmus  Kin- 
dermann zn  13  liedem  von  Opitz  (Opitzianischer  Orpheus,  das  ist  musikalische 
eigetzlichkeit,  erster  teil.    Nürnberg  1642)  habe  ich  nicht  einsehen  können. 

3* 


36  BOLTE,   LIEDERHANBSCHBIFTKN   DES  XVT.  TJ.  XVH.   JHS.  H.   HI 

32.  0  du  gott  der  süssen  schmertzen  (7  str.). 

Opitz  1624  s.  56  nach  T).  Heinsius.  ^Auff  die  Courante:  Si  c'est  pour  mon 
pucelage''.  —  Komponiert  von  Kittel  1638  nr.  20  und  von  C.  C.  Dedekind, 
Aelbianische  musenlust  (Dresden  1657)  bl.  Blb.  —  Eine  parodie  bei  Hom- 
burg, Schimpif-  und  erasthaffte  Clio  1642  bl.  G8b.  Die  melodie  „Si  c'est 
poui*  mon  pucelage'',  welche  auch  J.  Plavius,  Hochzeitsgedichte  (1630)  s.  17 
anfühi-t,  findet  man  z.  b.  bei  G.  L.  Fuhrmann,  Testudo  gallo -germanica, 
Noribergae  1615  s.  38. 

33.  Alles  leidt  wendt  sich  zu  mir  (4  str.). 

34.  Kurtz  ist  die  zeit,  kurtz  sind  die  jähr  (6  str.). 

35.  Man  sagt,  das  treuw  sey  s^ber  mer  geflogen  (5  str.). 

36.  Die  pein,  so  in  meim  hertzen  (10  str.). 

37.  In  lieb  vnd  leidt  jch  stehe  jm  streitt   (5  str.). 

38.  Hier  muß  ich  mich  doch  verwundem  (4  str.). 

39.  Wer  da  will  frisch  und  gesundt 
was  lang  auf  erden  leben  (10  str.). 

G.  Voigtländer,  Oden  und  lieder  (1642)  nr.  57. 

40.  Das  glücke  braucht  mich  wie  ein  ball  (15  str.). 

A.  Hammerschmied  2,  5  (1643)  Dresdener  hs.  M297,  s.  196.  —  Eine  nach- 
ahmung  bei  J.  Sieber,  Poetisierende  Jugend  (1658)  s.  358:  „Ich  bin  deß 
glückes  ball,  es  wirfft  mich  auff  und  nieder'',  eine  andre  bei  Schoch,  Poe- 
tischer lust-  und  blumengarten  (1660)  s.  193  nr.  93:  „Das  glück  braucht 
mich  doch  nur  zur  lust  und  wii-flPt  mich  nach  belieben". 

BERI.IN.  JOHANNES    BOLTE. 


UNGEDEUCKTE  BETEFE  HEEDEES  UND  SEINEE  GATTIN 

AN  GLEIM.1 

29.   Herders  gattin  an  Gleim.     Weimar  d.  18.  Mai  1795. 

Wir  wollten  Ihnen,  Herzensfreund,  den  Dank  für  die  Fabeln*, 
die  wir  sogleich  zum  Nachtisch  gelesen  und  uns  an  Ihrem  menschen- 
freundlichen Gemüth  erfreut  haben,  nicht  so  lange  schuldig  bleiben  — 
nun  endlich  bringt  ihn  mein  Mann  hiebei,  und  ich  lege  ihn  auf  den 
Altar  der  treuen  schönsten  Freundschaft  auf  Erden !  ^  Nur  seit  4  Tagen 
haben  wir  die  Exempl.  und  Sie  erhalten  es  sogleich  mit  dem  ersten 
Postwagen.  0  mögen  Sie  unsrer  liebend  dabei  gedenken.  —  Von  den 
Briefen  der  Humanität  hat  mein  Mann  noch  keinen  Probebogen  gese- 
hen!    Ohnerachtet  das  Manuscript   seit  4  Monath  fort  ist.  —    Sobald 

1)  Fortsetzung  zu  bd.  XXTV,  368  dieser  Zeitschrift. 

2)  Das  erste  bändchen  sendete  Gleim  am  20.  juli  1794.  Vgl.  die  anmerkung  zu 
nr.  28.  3)  Herders  Terpsichore. 


PA  WAL,   BBIEFE  HBRDKHS  AN   QLEIM  37 

Sie  kommen,  sollen  Sie  zu  Ihnen  i.  Lesen  Sie  indess  im  3.  Stück  der 
Hören  das  eigne  Schicksal,  es  ist  von  ihm^.  —  Wielands  Freude 
muss  ich  Ihnen  doch  melden.  Seine  4^  Tochter  Lottchen,  ein  artiges, 
gar  gutes  liebes  Mädchen  heurathet  den  Buchhändler  Gesner  aus  Zürch, 
ein  Sohn  des  Dichters^.  — 

Vgl.  hiezu  Gleims  antwortschreiben  vom  24.  mal,  im  besondem  aber  folgenden 
noch  imgedruckten  brief  Gleims. 

Halberstadt  d.  2*~  Juny  1795. 

Ich  komme  von  den  Spiegelbergen  Herzensbruder!     Unter  Nach- 

tigallgesängen    sang   Terpsichore.     Vortreflicher   Gesang!     Herder,   ihr 

Liebling,  spielte  die  Leyer!     0  Herder!  Herder! 

Wer  mag  nach  Dir  die  Leyer  spielen? 

Ich  nicht,  ich  hange  sie  für  immer  an  die  Wand! 

Und  schwömm'  ich,  überschwemmt,  in  lyrischen  Gefühlen, 

Ich  nähme,  nähme  sie  nicht  wieder  in  die  Hand! 

Du  spielst  sie  wie  der  alte  Spieler, 

Dem  Felsen  tanzten,  der  den  Höllenhund  bezwang! 

Ich,  einst  Anakreons,  und  des  Tyrtäus  Schüler, 

Ein  Schüler  lausch'  ich  dir!    Vortreflicher  Gesang! 

Ich  sass  allein,  wo  wir  einst  beysammen  sassen,  und  lass  in 
den  neuesten  Briefen  zur  Beförderung  der  Humanität:  „Der  königliche 
Jüngling  hätte  einen  Anti-Prencipe  schreiben  sollen!^  Der  königl. 
Jüngling  nicht,  der  königliche  Mann  schrieb  einen  in  seinen  Schriften, 
hin  und  wieder,  in  seiner  Epistel  an  seinen  Geist,  seinen  Codicill  usw. 
Lassen  Sie  von  Einem  Ihrer  Herder  die  Stellen  zusammenschreiben, 
so  haben  wir  einen  Anti-Prencipe.  Herrlich  ist  alles  in  diesen  Brie- 
fen! 0  wie  werden,  wie  müssen  sie  würken.  Ach!  war'  ich  ein 
Jüngling  wie  wollt'  ich  mich  würken  lassen!  „Wenn  ich  das  Schwerste 
und  Grosseste  gethan  hätte,  habe  ich  nichts  gethan!  ich  weiss  nicht, 
dass  ichs  gethan  habe,  dem  Ziele  aber  fühl'  ich  mich  näher,  ein  Ret- 
ter, ein  Erhöher  der  Menschheit  in  mir  und  andern  zu  werden,  aus 
innerer  Lust  und  Neigung**.  0  Herder!  Herder!  Du  bist  ein  Erhöher 
der  Menschheit!  0  dass  die  Götter  dir  Gesundheit  gäben  und  langes 
Leben.  Gebt,  o  ihr  Götter!  ihm  und  mir 

Das  längste  Leben!    Ihm,  dass  er 

1)  Die  Sendung  erfolgte  schon  am  2.  pfingsttag. 

2)  ^Ich  erkannte  bey  der  dritten  Zeile  meinen  Mann**  schreibt  Gleim  am  24.  mai, 
^wer  ihn  nicht  sogleich  erkennet,  ist  blind!  An  jeder  Zeile  hängt  das  Wappen  sei- 
nes Geistes  und  Herzens!'^ 

3)  „Sie  wären  herrliche  Menschen'^,  antwortet  Gleim  im  angef.  br. 


38  PAWBL 

Uns  gebe,  was  ihr  Götter  ihm 
Vertrautet,  mir,  dass  ich,  was  er 
Uns  geben  wird,  noch  alles  les'. 
Und  alles  lesen  höre!     Gebt 
Ihm  die  Gesundheit,  die  der  Mann, 
Der  für  den  Magen  leben  will, 
Erfleht  von  euch,  und  nicht  erhält! 

Die  gebt,  ihr  guten  Götter!  ihm! 
Und  hättet  ihr  derselben  nicht. 
So  bitt'  ich,  0  ihr  Götter!  nehmt 
Dieselben  mir,  und  gebt  sie  ihm! 

Was  mir  an  Leibnitz  nicht  gefällt?  Er  wollte  deutsche  Rath- 
schläge  schreiben,  und  schrieb  sie  nicht,  weil  etc.  An  dieses:  weil 
muss  sich  kein  Leibnitz  kehren.  Worte  werden  nicht  in  den  Wind 
verhaucht,  sie  kommen  durch  den,  der  sie  eingiebt  an  Ort  und  Stelle! 
Wer  weiss,  hätt'  er  sie  geschrieben,  ob  wir  die  jetzige  Gräuel  erlebt 
hätten.  Hier  sind  Nesseln!  Sie  stechen  oder  brennen  nicht  scharf 
genug,  ich  weiss  es,  aber  ich  Angeschmiedeter,  wie  kann  ich's  besser 
machen?  Ach  dass  Ihr  bey  mir  auf  dem  Spiegelberge  gesessen  hättet! 
Es  war  eine  Lust  wie  Himmelslust,  ein  Himmel,  so  dunkelblau  schön, 
wie  die  Engel  nur  ihn  sehn,  und  die  Nachtigallen  sangen  wie  Herder. 

Ich  umarme  euch  herzlich 

Gleim. 

Lest  doch  ja  die  Gedichte  der  Fräulein  von  Schlieben.  Ich  kannte 
sie  längst  aus  einer  Epistel  in  kleinen  Versen,  die  ich  in  der  Sanmx- 
lung  noch  nicht  gefanden  habe. 

Göthens  Gedicht:  Kennst  du  das  Land  usw.  im  2.  Theilo  v.  Mei- 
sters Lehrjahren  möcht'  ich  singen  hören  von  ihm  selbst,  es  ist  vor- 
treflich! 

30.   Herder  an  Gleim^. 

Hier,  bester  Gleim,  sind  die  Briefe 2.  Diese  2  Theile  enthalten 
mehr,  als  die  vorigen  4  enthielten.  Gott  gebe  ihnen  Glück  und  Ein- 
gang; Er  ist  der  Menschlichkeit  und  der  Menschheit  Vater.  Herzlichen 
Dank  für  Ihre  Kriegsüeder.  Gewiss  haben  wir  Sie  nicht  für  einen 
Kriegsrath,  sondern  für  einen  Friedensfreund  gehalten.  0  könnten  Sie 
nur  bald  auch  der  Herold  dieser  schönen  Göttinn  Irene  werden.     Aber, 

1)  Gleim  empfieng  den  brief  am  3.  juni  1795. 

2)  Vgl.  nr.  29. 


BBIBFS  HJEBDSBS  AN  GLBQI  39 

aber!  —  Der  Himmel  jage  alle  dunkeln  Wolken  vom  Horizont  unsres 
armen  Europa  und  Deutschlands.  — 

Vale.  2  t  Pfingstag  [1795]  in  Eile 

Herder. 

31.  Herders  gattin  an  Gleim.     Weimar  d.  3.  Juny  1795. 

ganz  bei  Ihnen!^  Ihr  Wunsch,  die  Stücke  in  Bälde  angezeigt  zu 
haben,  soll  erfüllt  werden,  sobald  er  sich  findet.  Das  Buch  hat  sich 
seit  einiger  Zeit  verlohren.  Vielleicht  kann  ich  noch  einiges  diesem 
Brief  beifügen.  Hier  ist  einstweilen  ein  vollständiges  Exempl.  der  zer- 
streuten Blätter.  Die  andern  2  erhalten  Sie  durch  Ettinger  aus  Gotha. 
Der  hiesige  Buchladen  ist  auch  so  schlecht,  dass  man  nichts  vorfindet. 
So  werden  Sie  aus  Leipzig  2  vollständige  Exempl.  der  Briefe  über  die 
Humanität  erhalten,  durch  den  Buchhändler  Kummer.  Dann  folgt  noch 
hiebei  die  verlangte  3.  und  4.  Sammlung  auf  Velin  Papier.  Sodann 
ein  Exempl.  der  Terpsichore  für  den  wackern  Karsten  zum  Andenken 
von  meinem  Mann.  In  Ihrer  Nähe  werde  der  Jüngling  an  Geist  und 
Herz  Ihnen  ganz  ähnlich.  Die  5.  u.  6.  Samml.  der  Humanit  Briefe 
werden  Sie  nun  auch  erhalten  haben.  — 

32.  Herders  gattin  an  Gleim.      Weimar  d.  7.  Dec.  1795. 

Uns  so  ganz  und  gar  zu  vergessen!  ^  Ist  das  recht?  ist  das 
christlich  und  freundschaftlich?  Haben  Sie  uns  kein  Wörtchen  mehr 
zu  sagen  —  keine  Ihrer  Morgengedanken  uns  mitzutheUen?  Liebster 
Freund!  Ich  habe  diese  Nacht  so  viel  von  Ihnen  geträumt,  dass  ich 
diesen  Morgen  sogleich  au  Sie  schreiben  muss.  —  Werden  Sie  nicht 
auch  gerne  hören,  dass  mein  Mann  fleissig  ist?^  Senden  Sie  ihm  Ihre 
guten  heitern  Wünsche!  Angefangen  hat  er  nun,  er  muss  aber  sehr 
fleissig  seyn,  wenn  er  fertig  werden  wUl.  (Eine  frohe  Aussicht  auf 
künftiges  Jahr  haben  wir:  Sie  wiederzusehen!  Wann  und  wo,  das 
sollen  Sie  noch  erfahren.  Wenn  die  Bäume  Knospen  und  Blüthen  trei- 
ben, 0  dann  ist  es  so  schön,  die  Freunde  zu  sehn!  Oder  wenn  die 
Barschen  sich  röthen,  sanfte  Gottesluft  uns  umwehet!  Frau  von  Berg 
ist  im  Octob.  einige  Wochen  hier  gewesen,  mit  ihrer  Tochter,  einem 
recht  lieben  verständigen  Wesen.  —  Im  10.  Stück  der  Hören  ist  Ho- 
mer und  Ossian  von  meinem  Mann;  im  Uten  das  Fest  der  Gra- 
zien, im  12ten  Iduna  oder  der  Apfel  der  Verjüngung.  — 

1)  D.  8.  193  zeile  10  von  oben. 

2)  Gleim  schrieb  das  leztemal  am  4.  September.  Vgl.  dazu  Gleims  antwort- 
brief  vom  13.  december. 

3)  Herder  arbeitete  am  3.  teil  der  Terpsichore. 


40  PAWEL 

33.  Herders  gattin  an  Gleim.     Weimar  d.  12.  Merz  1796. 

Liebster  Herzensbruder  und  Freund,  So  eben  kommt  Ihr  lieber 
Briefe  und  ich  soll  mit  der  rückkehrenden  Post  bestimmen,  wann  uns 
die  glücklichen  Tage  zu  Theil  werden  sollen  bei  und  neben  Ihnen  zu 
sitzen!  Ach  liebster  Freund,  der  2.  april  hätte  Lockendes  genug  für 
uns,  ein  Einzigesmal  das  Fest  mit  Ihnen  zu  feyern;  aber  die  leidige 
Unmöglichkeit  hält  uns  ab  nichts  anderes  in  der  "Welt.  —  Nach 
allem  Berechnen  und  Ausrechnen  seiner  Amtsgeschäfte  kann  mein  Mann 
vor  Ende  July  nicht  aus  Weimar 2.  — 

34.  Herders  gattin  an  Gleim.     Weimar  d.  7.  April  1796. 

Verzeihen  Sie,  allerbester  Freund,  dass  ich  Gottfrieds  lateinisches 
Werk  3  und  seinen  Brief  einige  Tage  aufbehalten  habe  es  Ihnen  zu  sen- 
den —  es  sollte  die  Terpsichore  zugleich  mitkommen,  die  wir  nur  eben 
erhalten  haben ^.  Möge  dieser  Theil  Ihnen  doch  auch  so  gefallen,  wie 
die  ersten.  Ich  empfehle  Ihnen  und  den  zwei  Lieben,  die  Maria, 
die  meine  Schutzpatroninn  geworden  ist,  und  die  gewiss  auch  die 
Ihrige  ist.  Ihr,  wollen  wir  irgend  eine  Laube  ein  heiliges  Plätzchen 
weihen  und  im  August  miteinander  dahin  wallfalirten,  die  Herzens- 
schwester und  Luise  werden  schon  für  die  Lilien  und  Rosen  sorgen 
die  wir  ihr  streuen  wollen.  Leben  werden  Sie,  und  nicht  sterben,  Sie, 
unser  Treuester!  Das  junge,  rothe,  warme  Blut,  gegen  unser  kaltes, 
frostiges  verbürgt  es  nicht,  dass  sie  eher  auf  unsre  Gräber  Rosen  pflan- 
zen werden  als  wir  auf  das  Ihrige?  Nein,  Theuerster,  Sie  sterben 
nicht  und  sterben  nie!  Ende  Juli  oder  Anlang  August  wollen  wir 
uns  bei  Ihnen  verjüngen^  wie  bei  einem  Lebensquell.  Aus  Friedrich 
Richter  wollen  wir  das  Gold  heraussuchen  und  froh  und  glücklich 
seyn^.     Ganz  recht  hat  die  Schwester,   sagte  mein  Mann,   dass  sie  ihn 

1)  Vom  16.  märz. 

2)  Siehe  Gleims  antwort  vom  26.  märz. 

3)  Seine  dissertation,  auf  grund  welcher  er  am  19.  märz  d.  j.  zu  Jena  pro- 
movierte. 

4)  Der  dritte  teil.    Vgl.  Gleims  antwortschi-eiben  vom  13.  april. 

5)  Herder  traf  auch  am  17.  august  in  Eislebon  mit  Gleim  zusammen.  Vgl. 
hierzu  die  folgenden  briefe  vom  29.  juli,  5.  und  8.  august.  Über  den  besuch  selbst 
den  brief  von  Herders  Gattin  an  Gleim,  Weimar,  den  25.  august. 

6)  Als  antwort  auf  Gleims  äusserung  vom  16.  märz:  „Mit  allen  seinen  Sonnen 
und  Sonnenflecken  ist  er  ein  guter,  heiTÜcher  Genius,  ein  Regenbogen,  ein  Donner- 
wetter, ein  Veilchen,  eine  Rose?  was  ist  er  nicht  alles?  auch  ein  Dornstrauch  ist 
er**.  Vgl.  auch  das  urteil  von  Gleims  nichto  Dorothea  in  Gleims  brief  an  Herders 
gattin  vom  26.  märz.     Gleim  selbst  äussei-t  seine  meinung  über  Jean  Paul  in  seinem 


BBIEFE  HBRDEBS  AN  GLEIM  41 

den  desperaten^  nennt.  Allerlei  Namen  hat  er!  an  Gemüth  ein 
Kind,  an  Geist  ein  Mann;  dies  sanft  zu  verbinden,  ist  die  grosse 
Kunst  —  dies  hoffe  ich,  soll  ihm  noch  gelingen.  — 

(Nachschrift  von  Herders  hand.) 
Hier  kommt  Terpsichore  zuerst  2,  liebster  Gleim,  statt  meiner. 
Nehmen  Sie  sie  froh  und  freundlich  in  Ihre  Hütte  auf.  Sie  ist  zwar 
nur  ein  Echo  der  vorigen  Theile;  aber  alles  in  ihr  war  nöthig.  —  Die 
Br.  über  die  Humanität  (die  ich  mir  so  sauer  werden  lasse)  werden 
zu  ihrer  Zeit  folgen  ^.  —  Dann  auch  der  2  Th.  der  zstr.  Bl.  neue  Ausg. 
Und  weil  Sie  doch  die  Theologie  vor  Allem  haben,  ein  altchristliches, 
ächtkatholisches,  theologisches  opus^.  —  Richter,  den  die  Schwester 
Gleims  mit  Recht  einen  desperaten  Menschen  nent,  hats  meiner  Frau 
an-e-than^  (man  muss  das  "Wort  niedersächsisch  aussprechen)  und  es 
scheint  Eurem  Kreise  auch  ziemlich.  Gestern  ist  mir  im  Fixl  die  Ma- 
gie der  Phantasie  vorgetragen  worden,  wo  dann  einige  Recepte  des 
An-e-thans  merkbar  sind.  Es  ist  eine  schöne  und  reiche  Abhand- 
lung, sonst  kenne  ich  ihn  noch  wenig;  weil  mir  die  Zeit  fehlt,  mich 
in  diesen  süssen  Abgrund  zu  werfen.     Lebt  wohl,  ihr  Lieben!  —  Meine 

(einem  noch  ungedruckton  briefe  an  die  frau  von  Klenk,  geborene  Karschin  bei- 
gegebenen) gedieh te  vom  22.  januar  1800: 

Unser  Jean  Paul  ist  ein  grosser  Geist, 

Aber  seine  TVitzeskraft  reisst 

Oft  ihn  aus  den  Schranken 

Wahrer  menschlicher  Gedanken 

In*s  Gebiet  der  falschen,  und  in  dem 

Zu  verweilen  ist  ihm  angenehm! 

Waer'  er  immer  ihrer  maechtig, 

Wenn  sie  lieblich  oder  praechtig 

Wie  der  Aar  in  hohen  Lüften  kieisst. 

Dann  waer'  er  der  groessto  Geist! 
Und  in  dem  noch  ungedruckten  brief  an  dieselbe  vom  17.  juli  1800  schreibt  er  über 
ihn:  „Ich  lieb'  ihn  auch,  halt  ihn,  wie  meinen  Friederich  den  zweyten  für  einen  Ein- 
zigen, wünsche  mit  ihm  zu  leben,  wie  Sie's  nur  immer  wünschen  mögen". 

1)  „Dieser  Richter",  schreibt  Gleim  an  Herders  gattin  am  26.  märz,  „sagte 
beim  vorlesen  seines  Hesperus  gestern  die  Nichte  Dorothea  Gleim,  ist  ein  furchtbarer 
Mensch.     Heute  sagte  sie,  dass  er  ein  Desperater  sey,  und  meinte  sehr  was  Hohes". 

2)  Vgl.  dazu  Gleims  urteil  in  seinem  antwortbrief  vom  13.  april. 

3)  Schon  am  16.  mai  sendet  sie  Herders  gattin  an  Gleim:  „Erst  vorgestern 
sind  die  Briefe  der  Humanität  angekommen,  und  sogleich  müssen  Sie  sie  haben". 

4)  Herders  Erlöser. 

5)  Gleim  schreibt  hierauf  am  13.  april:  „Ja  wohl  hats  Jean  Paul  Friedrich 
Richter  uns  ane-dahn,  nicht  ano-tan.  Wir  leben  und  weben  in  ihm.  Kein  Haus, 
in  dem  man  ,He  hätt  et  uns  anedahn!"  nicht  sagt". 


42  PAWEL 

Terps.  reicht  härtere  Kost    Ich  wünsche  guten  Appetit  und  Prosit  die 
Mahlzeit     Vale ! 

35.  Herders  gattin  an  Gleim.  Weimar  d.  30.  Mai  1796. 
Veränderlich  sind  die  Gedanken  der  Menschen  und  die  Dinge  die 
sie  bewegen!  Da  ich  eben  heute  an  Sie,  Herzensfreund,  schreiben  und 
unsre  Ankunft  in  Mitte  des  Juny  bei  Ihnen  melden  wollte,  kommt  der 
Brief  der  uns  sagt  dass  Vossens,  die  wir  seit  Pfingsten  bei  Ihnen  dach- 
ten, erst  den  2.  Juny  zu  Ihnen  kommen  werden  i.  |  Dörfen  wir  Sie  nun 
bitten,  Theuerster,  uns  zu  melden,  wie  lange  Vossens  bei  Ihnen  blei- 
ben werden?  und  ob  Sie  von  der  letzten  Woche  im  Juny  bis  zum 
20.  July  frei  von  Geschäften,  frei  vom  Capitel  und  von  Fremden  seyn 
werden?  Ob  sich  in  diesem  Zeitraum  10  —  24  Tage  in  Ihrem  Hütt- 
chen für  uns  finden  werden  um  der  theuersten  Freundschaft,  dem 
Wohlwollen  und  der  Liebe  ungestört  zu  leben.  Aber  ganz  auMch- 
tig.  —  Im  Fall  einer  Hinderniss  richten  wirs  alsdann  so  ein,  dass  wir 
den  25.  July  von  hier  abreisen,  d.  26.  bei  Ihnen  eintreffen,  und  bis 
zum  7.  August  bei  Ihnen  bleiben,   wenn  Sie   so  lange   uns   behalten 

mögen?  — 

(Nachschrift  von  Herders  band.) 

Weimar  d.  18.  July  1796. 
Was  meine  Frau  schreibt,  lieber  bester  Gl.  ist  alles  reine  Wahr- 
heit, die  Sie  selbst  einsehen.  Wir  sind  in  üble  Zeiten  gefallen,  imd 
mit  unsern  Kindern  in  theure  Zeiten.  Könnten  wir  uns  in  Eisleben  auf 
einige  Zeit  sehen,  so  wäre  es  ein  Mittelweg;  aber  es  muss  Sie  nicht 
beschweren.  Schreiben  Sie  frei,  wie  es  Ihnen  ums  Gemüth  ist  —  Wo 
nicht,  und  Gott  uns  leben  lässt,  so  kommen  wir  künftiges  Jahr  zu 
Ihnen.  Können  wir  uns  aber  in  Eisleben  ohne  Ihre  Beschwerde  sehen, 
wohlan.  Job.  Paul  wird  Sie  sehr  freuen.  Von  meinen  Hum.  Br.  7.  8. 
haben  Sie  mir  ja  noch  kein  Wort  gesagt  2.  —  Leben  Sie  wohl,  bester, 
mit  Besuchen  ermüdeter.  — 

1)  Über  Vossens  besuch  vgl.  den  brief  an  Gleim  vom  27.  juni  1716  (Briefe 
von  J.  fl.  Voss  herausg.  v.  Abr.  Voss.  Leipzig,  1840.  2.  bd.  s.  319).  Dazu  Gleims 
nachruf:  ,,Euch  Götter  ruf  ich  an,  die  er  im  Herzen  trug, 

Wenn  er  an  Leier  oder  Pflug 

Die  Hand  anlegte,  schüzt  auf  seiner  weiten  Keise 

Den  Mann,  den  edlen  Mann,  den  Mann,  der  eure  Weise 

Zu  singen  aus  Jonia, 

Aus  Andes,  aus  Siciüa 

Verpflanzte**. 

2)  In  dem  nicht  abgesendeten  noch  ungedruckten  antwortschreiben  vom  20.  juli 
äussert  er:  -Also  hätV  ich  meinem  Herder  über  seine  beyden  letzten  Sammlungen  s. 


BBIEFE  HEBPKR8  AN   OLFOH  43 

36.  Herders  gattin  an  Gleim.      Weimar  d.  29.  July  1796. 

Wir  erhalten  so  eben  Ihren  Brief  vom  24.  liebster  Freund.  Den 
friedlichen  Nachrichten  des  H.  Ob.  C.  V.  Sack  können  wir  nicht  trauen. 
TJnsre  neuesten  Nachrichten  von  gestern  und  heute  lauten  ganz  änderst. 
Nemlich  die  Franzosen  wollen  wirklich  in  Chursachsen  einfallen.  — 
Liebster  Freund,  reisen  können  wir  in  diesen  Tagen  auf  keinen  Fall; 
das  sehen  Sie  selbst.  Wir  wollen  nur  ein  14  Tage  noch  abwarten  — 
da  muss  es  sich  doch  zu  etwas  entschieden  haben.  Und  wenn  wir 
uns  erst  Ende  August  in  Eisleben  sehn,  so  ists  ja  immer  noch 
schön.  Mein  Mann  kann  seines  Amts  wegen  nicht  weg  —  und 
unser  Hauss  können  wir  nicht  Preiss  geben,  wenn  sie  in  unsrer  Ab- 
wesenheit kommen  sollten.  Melden  Sie  uns  nur  vorläufig,  welche 
Tage  im  August  Capitultage  seyn  könnten;  damit  wir  nicht  dergleichen 
wählen.  — 

37.  Herders  gattin  an  Gleim.    Weimar  d.  1.  August  1796. 

Hier  schicke  ich  Ihnen  unsern  Erlöser,  liebster  Freund!  Wemi 
es  nun  schon  ein  theologisches  Buch  ist,  so  erlasse  ich  Ihnen  das 
Lesen  nicht  Wenn  Sie  Nachts  nicht  schlafen  können  so  nehmen  Sie 
es  in  die  Hand;  es  muss  in  einer  stillen  Stunde  gelesen  werden.  — 

Briefe  zur  Beförderong  der  Humanität  noch  nichts  gesagt?  Kann  seyn,  kann  seyn! 
Es  wäre  kein  "Wunder;  beym  ersten  Lesen  erstaunt'  ich,  beym  zweyton  lernt'  ich, 
beym  dritten  bemerkt'  ich  das  Schönste,  das  Beste.  Zwischen  den  dreyen  Lesungen 
waren  der  Zerstreuungen  namentlich  viele;  schrieb  ich  meinem  Herder,  so  wärs  eine 
flüchtige  Schreiberey.  Sollt  ich  etwas  nur,  wehrt  von  ihm  gelesen  zu  werden,  ihm 
sagen,  so  müsst  ich  Zeit  haben  aufzuschreiben,  und  auszustreichen;  wie  Er  ins  Reine 
gleich,  kann  ich  nicht  schreiben  —  Herder  ist  unser  grösster  Mann ,  er  hat  Lessingen 
und  Winckelmann  uns  ersetzt,  sag'  ich  den  Freunden,  die,  dass  man  seine  Meinun- 
gen ihnen  sage.  Freunde  genug  sind;  sagt  ichs  meinem  Herder,  so  war  es  etwas 
Überflüssiges!  Er  ist  ein  erstaunlicher  Mann!  —  Mit  allem,  was  ich  lass,  war  ich 
in  höchstem  Grade  zufrieden,  nur  nicht  mit  seinem  Schimpfen  und  Schelten  auf  die 
Deutschen  und  ihre  Fürsten.  Bittrer  Spott  ist's  eigentlich,  und  bittrer  Spott  erbittert, 
bessert  nicht  —  darüber  aber  möcht'  ich  meinem  Heixler  nichts  sagen,  weil  ich,  die 
Stellen  auszuschreiben,  ins  Einzelne  zu  gehen  die  Zeit  nicht  habe;  der  schlimmsten 
Eine  war,  wo  er  des  Stranges  erwähnt,  was  in  zweyen  Stellen  geschieht,  diese  Stellen 
hat  die  Muse  Carolina  zuverlässig  nicht  gelesen,  sie  wäi'on  gewiss  sonst  ausgestrichen; 
wo  sonst  alles  durchaus  vollkommen  ist,  da  wird  mau  durch  einen  Sommersprossen, 
durch  einen  einzigen  beleidigt! —  Heut,  Theurer!  hoff  ich  Briefe  von  Euch  zu  erhal- 
ten! und  den  bestinmiten  Tag  zum  Abreisen  zu  erfahren!  Sehn  müssen  wir  uns,  und 
wären  auch,  wies  gestern  hiess,  die  Fi-anzosen,  auf  dem  Wege  nach  Leipzig  bei 
Euch,  80  müssen  wir  doch  in  diesem  Jahre  noch  uns  sehn,  ich  kann  sonst  nicht 
rahig  sterben.  Ihr  Gleim. 


44  FAW£L 

38.  Herders  gattin  an  Gleim.  Weimar  d.  5.  Aug.  1796. 
Wir  erhalten  so  eben  Ihren  Brief  vom  31.  July  liebster  Freund  ^ 
Die  Franzosen  .  .  finden^.  Künftigen  Montag  kann  ich  Ihnen  über 
die  Gewissheit  der  Neutralität  schreiben  und  wenn  alles  gut  steht,  so 
könnten  wir  den  14  oder  löten  in  Eisleben  seyn;  richten  Sie  sich 
vorläufig  ein  wenig  darauf  ein 3.  Eben  ...  herbei  schaffen^.  Rich- 
ters Portrait  sollen  Sie  mit  der  Zeit  schon  bekommen^,  ich  will  mich 
darum  bemühen.  — 

39.  Herders  gattin  an  Gleim.  Weimar  d.  8.  Aug.  96. 

Liebster  Freund,  man  sagt  sich  für  gewiss  ins  ohr  dass  Sachsen 
einen  Separatfrieden  geschlossen  habe.  Wir  haben  nun  nichts  mehr  zu 
fürchten  und  wünschen  dass  Ihnen  der  17.  August  (der  fallt  auf 
einen  Mittwoch)  zum  Rendcz  vous  in  Eisleben  angenehm  seyn  möge. 
An  diesem  Tage  reisen  wir  von  hier  früh  aus  und  gedenken  Abends 
8  Uhr  in  Eisleben  zu  seyn^.  — 

40.  Herders  gattin  an  Gleim.        Weimar  d.  2.  Sept  96. 
Unendlich  haben  Sie  uns  erfreut  durch  die  Nachricht  Ihrer  glück- 
lichen Heimkunft^.  —  Mein  Mann  wollte  Ihnen  heute  über  Hederich^ 
sogleich  schreiben,  aber  an  diesem  mit  Arbeit  von  7  Uhr  an  besetzten 
Tage,  werden  Sie  ihm  verzeihen  wenn  ich  schreibe.     Hederich  ist  ein 

1)  Zu  diesGDi  brief  vgl.  Gleims  leben  von  Körte  s.  86. 

2)  D.  s.  211  zeile  12  von  oben. 

3)  Herder  und  Herders  gattin  waren  am  abend  dos  17.  im  gasthof  zum  gol- 
denen löwen  in  Eisleben  mit  Gleim  zusammengetroffen. 

4)  D.  Zeile  1  von  unten. 

5)  Gleim  verlangte  es  für  seinen  Freundscliafts-tempel.  Herders  gattin  schreibt 
deswegen  an  Jean  Paul  selbst,  Weimar,  juni,  1797:  „Unser  Gleim  liebt  und  Hest  sie 
mit  allem  Feuer  der  Jugend  und  Theilnehmung.  '  Ich  soll  ihm  ein  Bild,  ein  Gemähide 
nähmlich,  von  Ihnen  verschaffen". 

6)  Vgl.  die  anmerkung  im  vorhergehenden  briefe. 

7)  „Wie  war's  im  goldenen  Löwon  mir  so  woW  schreibt  Gleim  am  17.  Sep- 
tember an  Herder.  „So  wie  wir  im  goldenen  Löwen  waren,  wären  wir  auf  Erden  im 
Himmel,  so  müssen  wir  immer  nicht  beysammon  seyn!  0  wie  waren  wir  die  zwey 
Tage  so  glücklich!"     In  vollem  gefühle  seiner  Einsamkeit  schreibt  er: 

In  dieser  Lumpenwelt  soll  ich  noch  lange  weilen? 

In  dieser  Lumpenwelt,  in  welcher  Wölfe  heulen, 

Und  Schlangen  zischen,  soll 

Ich,  zwischen  Fröschen,  Raben,  Eulen 

Noch  singen?    Gnädiger  Apoll, 

Triff  mich  mit  deinen  schärfsten  Pfeilen, 

In  dieser  Lumpenwelt  ist  —  ist  mir  nicht  mehr  wohl! 

8)  Vgl.  die  folgenden  briefe. 


BRIEFE   HERDERS   AN   GLKTM  45 

ausgezeichneter  genievoller  Mensch;  er  hat  möglich  viel  gelernt,  ist  zu 
seinem  Schaden  die  Kantische  Philosophie  durchgegangen  und  nahm 
hernach  zur  Medecin  seine  Zuflucht  um  wieder  menschlich  zu  werden. 
Er  verdient  Ihre  Liebe  und  Empfehlung.  — 

41.  Herders  gattin  an  Gleim.       Weimar  d.  18.  Nov  1796. 

Es  scheint  mir  ein  Jahrhundert  dass  ich  Ihnen  nicht  geschrieben 
habe^  —  Damit  ich  nicht  leer  vor  Ihnen  erscheine,  sende  ich  Ihnen 
als  einen  Beitrag,  die  3  ersten  Bogen  des  6.  Th.  der  Zerstreut.  Blät- 
ter 2.  Zwar  ist  darinnen  nur  von  dem  ehelichen  Glück  die  Rede  — 
ist  es  aber  nicht  schön,  nicht  aufmunternd,  dass  die  Muse  diesem 
Glück  auch  einmal  ihre  Töne  weihet!  Ein  ganz  glückliches  Ehepaar 
wird  nicht  leicht  Krieg  mit  seinem  Nachbar  anfangen.  —  Kurz,  lieb- 
ster Freund,  ich  finde  die  Dichterin  Faustina  so  schön,  und  glaube 
sogar  dass  sie  etwas  deutsches  Blut  in  den  Adern  hatte.  Wenn  Sie 
jetzt  nicht  Zeit  haben  hineinzublicken,  so  muss  die  liebe  Luise  daraus 
vorlesen  beim  CafF6e  und  den  stillen  Abendstunden.  Ich  schicke  Ihnen 
diese  Gedichte  gegen  den  Willen  meines  Mannes,  er  sagte,  einem  Dich- 
ter solle  man  keine  Gedichte  schicken,  sie  steckten  alle  in  ihm  selbst  — 
er  bedörfe  keiner  fremden.  Wenn  das  so  ist,  so  bitte  ich  Sie,  sie  als 
Prosa  zu  lesen.  Ich  habe  diesmal  meinem  Willen  gefolgt  —  (Wie 
gewöhnlich.  Das  was  mir  gefällt,  ist  das  Symbol  der  Frauen.  (Zusatz 
von  Herders  band)  ich  dachte,  was  mir  gefällt,  gefällt  Ihnen  gewiss  auch 
—  und  diesmal  behielt  mein  Mann  unrecht.  — 

(Nachschrift  von  Herders  band.) 

Gefalle  Ihnen  die  Faustina 3.  Und  sei  das  Capitel  glücklich  abge- 
laufen. Schreiben  Sie  ja  bald^.  Ich  bin  zerknickt  und  ausgemergelt. 
Lebt  alle  wohl,  ihr  lieben.     Euer  treuer  H. 

42.  Herders  gattin  an  Gleim.       Weimar  am  2.  Feiertag 

d.  26.  Dec.  1796. 
Ich  will  den  Feiertag  mit  Ihnen  feiera.    ewigtheurer  Freund!  — 
Zuerst  ..  durchwehte     Die  nächstfolgenden  Stücke^  sollen  Sie  nach 
und  nach  haben.     Mir  dünkt  es  sei  angenehmer  die  Stücke  einzeln  zu 

1)  Der  lezte  brief  war  vom  7.  Oktober. 

2)  Herder  begann  mit  der  samlung  erst  am  24.  august. 

3)  Das  erste  buch  der  gedichte  und  reime  des  6.  teiles  der  zorsti*euten  blätter. 

4)  Gleim  antwortet  am  10.  dec.  (D.  I  s.  218). 

5)  D.  s.  220  zeile  14  von  oben. 

6)  Der  zerstreuten  blätter. 


46  PAWEL 

lesen.  Die  liebe  Luise  ist  so  gut  und  nimmt  diese  einzelnen  Bogen 
in  Verwahrung  bis  das  ganze  beisammen  ist  und  wird  alsdann  die 
Besitzerin  davon.  Sie  erhalten  Ihr  eigenthümliches  auf  andenu  Papier 
wie  von  Rechtswegen.    Das  erste  Buch  soll  Ihr  dedicirt  seyn.  — 

(Nachschrift  von  Herders  band.) 

—  reichlich  ^  Die  Rec.  über  Voss  Homer  hat  nicht  Böttiger,  sondern 
Gottlieb  Schlegel  gemacht 2,  d.  i.  der  ältere  Schlegel,  der  auch  den 
Shakesp.  nun  übersetzt,  Stücke  aus  Dante  geliefert  hat  u.  s.  f.  Es 
kann  kein  Krieg  werden.  Valete  optüni. 

43.   Herders  gattin  an  Gleim.      Weimar  d.  27.  Jan.  1797. 

Sie  Ewigtheurer  Freund,  haben  uns  eine  Freude  mit  dem  Ge- 
burtstagslied gemacht^.  Wahrhaftig  Schmidt  verdient  es,  dass  Sie  die 
Saiten  so,  so  für  in  rührten.  Jedes  Wort  ist  Wahrheit.  Nun  müssen 
die  reichen  Stolbergs  ihm  noch  eine  Klamersruh  verschaffen!  sie  müs- 
sen für  die  Musen  es  thun,  die  durch  ihn  so  manche  Freuden  ihnen 
verschafften.  Hören  Sie,  Freund  Gottes,  das  Domcapitel  muss  die  Kla- 
mersruh auch  bauen  helfen  —  sinnen  Sie  darüber  nach,  wenn  die 
Morgenröthe  Sie  weckt,  Edler  Lieber!  der  Dichter  muss  nicht  erbärm- 
lich sorgen,  nicht  wie  die  Raupe  Blätter  nagen  —  Nectar  muss  er 
trinken  mit  den  Göttern  —  amen!  Helfe  Ihnen  Deutschlands  Genius 
dazu.     Nun  bitte  ich  um  eine  Erläuterung  der  Stelle  Ihres  Gedichts: 

Ein  Gottgeschöpf  für  einen  Thron, 
macht  er  aus  eines  Müllers  Sohn! 

Darüber  hat  der  Vater,  die  Mutter  und  Gottfried  jedes  eine  besondere 
Lesart;  und  ich  wette  es  ist  keine  die  rechte,  denn  es  bleibt  in  jeder 
etwas  dunkles.  Geben  Sie  uns  Licht,  Herzensfreund.  Nun  müssen  Sie 
auch  dem  wiedererstandnen  Voss  ein  lied  singen.  Er  muss  nicht  ster- 
ben ,  der  treue  Vater  und  Mann.  Ich  denke  mir  das  Ehepaar  wie  Phi- 
lemon  und  Baucis  —  nur  mit  dem  Unterschied  dass  Sie  fromme  gute 
Kinder  haben.  Wieland  hat  im  Januar  97.  den  Anfang  gemacht  die 
Musen  Almanache  zu  recensieren.  Er  musste  diesmal  einen  strengem 
Weg  einschlagen  —  der  Dichter  der  Grazien.  Künftigen  Monath  kommt 

1)  D.  8.  221  zeile  21  von  oben. 

2)  Gleim  schrieb  am  16.  okt.  an  Herder:  ^ Böttiger  nimmt  an  den  Katzbalge- 
reien gewiss  noch  keinen  Anthoil.  Die  Rocension,  das  Urtheil  über  Yossens  Homer 
ist,  glaub'  ich,  von  ihm,  kann  von  keinem  andern  sein. 

3)  Gleims  Clamersnihe. 


BRIBFR   HBRDERH    AN   QLEIM  47 

der  Schillersche.  Bester  Freund,  was  die  Revolution  nicht  vollendet 
hat,  das  vollenden^  die  Xenien  beim  deutschen  Pamass.  —  Aber  es 
gibt  einen  Aether  über  dem  Parnass. 

Wohlauf  dann. 
Auf  in  die  Lüfte  des  heitern  Himmels 
Urania  wird  unsre  Führerin!  — 

1)  ,Die  Xenien  vollenden"  nift  Gleim  in  einem  briefe  an  Herder  den  1.  febr. 
1797,  ,,Ich  leg'  es  aus,  die  Xenien  sind  reissende  "Wölfe,  noch  ärger  als  die  Jaco- 
biner.  Die  gegen  sie  ausgegangenen  Jäger  sind  gar  schlechte  Schützen.  Wieland, 
hoff  ich,  wird  sie  treffen,  und  so  Gott  will,  der  alte  Polens,  Euer  Gleim".  Aber 
noch  am  10.  december  1796  schreibt  er  an  Herder:  „Wieland  war  imwiUig  auf  die 
Angriffe,  die  sich  Goethe  und  Schiller  gegen  mich  erlaubt  hatten.  Wo  find'  ich  diese 
Angriffe?  In  den  Xenien  hab'  ich  sie  nicht  gefunden,  und  Klamer  Schmidt,  auf 
dessen  Commentar  Ihr  mich  verwiesen  habt,  hat  sie  nicht  nachweisen  können,  also 
müssens  wohl  heimtückische  Angriffe  seyn,  in  Schrifteleyen,  die  ich  jetzt  nicht  mehr 
lese.  Die  Zeit  ist  mir  zu  edel  geworden!  Sie  mögen  übrigens  angreifen,  so  viel 
und  so  arg  sie  wollen,  mich  kümmerts  nicht,  es  wäre  mir  unlieb  nur,  weil  ich  mit 
ein  paar  Worten  gegen  die  Xenien  mich  erklären  wollte.  Hätt  ichs  angegriffen,  so 
schien  ich  nicht  unparteiisch.  Sagt  mir  Einzige,  Eure  Meinung! '^  BekanntUch  erschie- 
nen am  2.  april  1797  fünfzig  stück  Xenien  Gleim,  „dem  Stifts-  und  Musenjubilar  an 
seinem  Geburtstag  gewidmet"  als  gegenschiift  zu  den  bekanten  Schiller- Goetheschen 
Xenien.  Ygl.  hierzu  das  36.  Peleus  überschiiebene  stück.  Darüber  FieUtz,  Aus  der 
Xenienzeit  in  Schnorrs  Archiv,  VI.  s.  258fgg.  Bezeichnend  ist  Gleims  urteil  in  einem 
noch  ungedruckten  brief  an  frau  von  Klenke  vom  12.  okt.  1796:  „Bald  wird  auf  dem 
deutschen  Pamasse  für  ehrliche  rechtschaffene  Leute  nichts  mehr  zu  thun  seyn! 
Schiller  und  Goethe  sind  die  reissenden  Wölfe  geworden,  und  morden  auf  ihm !  Sagen 
Sie's  keinem  Menschen,  Tigeni  mögen  Sie's  sagen;  ich  habe  mit  ihnen  nichts  zu 
thun,  will  mit  ihnen  nichts  zu  thun  haben.  Halten  Sie  auch  die  beyden  guten  Kin- 
der bey  sich  zu  Hause;  giengen  sie  aus,  sie  würden  von  den  Wölfen  zerrissen!  Es 
ist  noch  nicht  böse  genug  in  der  Welt,  Goethe  dünkt  mich  ein  Tirann,  wie  Robes- 
pierre auf  dem  Pamasse  ".  Interessant  ist  Gleims  äusserung  in  einem  noch  ungedruck- 
ten briefe  an  frau  von  Klenke  vom  14.  april  1797:  „Von  vor  Kurtzem  auf  dem  deut- 
schen Pamass  erschienenen  Weimarischen  Faunen  der  alte  Peleus  genannt,  hat  aus 
Liebe  zu  seiner  Muse,  dem  guten  getreuen  alten  Mädchen ,  eine  Göttin  ist  diese  Muse 
nicht,  sich  verführen  lassen,  ein  gewisses  Etwa.s  drukken  zu  lassen!  Ich  leg'  es 
nicht  bey,  weils  schlecht  gedrukkt  ist!  Wirds  noch  einmahl,  wie  ich  vermuthe,  les- 
barer abgedrukkt,  dann  send'  ichs,  und  sage  meiner  Freundin,  dass  die  Zeit  mit  die- 
sem Etwas  getödtet  zu  haben,  mich  gereut,  ins  Ohr  ganz  leise!"  Schiller  selbst 
äussert  bei  der  angelegenheit  über  Herders  duldsamkeit,  mit  der  er  sich  des  ange- 
griffenen Peleus  angenommen  hatte,  an  Goethe:  „An  Herders  Confession  über  die 
deutsche  Literatur  verdriesst  mich  noch  ausser  der  Kälte  für  das  Gute  auch  die  son- 
derbare Toleranz  gegen  das  Elende **.  Vgl.  Hoffmeister,  Bemerkungen  zu  den  Xenien, 
im  besondem  aber  Voss,  brief  an  Gleim  vom  9.  april  1797,  und  Abr.  Voss,  Über  Vos- 
sens Verhältnis  zu  Schiller  und  Goethe. 


48  PAWEL 

44.  Herders  gattin  an  Gleim.  Weimar  d.  19.  Merz  1797. 
Froh  und  glücklich  hat  uns  Ihr  lieber  Brief  und  Ihre  holden 
Blätter^  gemacht  ewig  theurer  Freund.  Sie  haben  uns  lange  warten 
lassen,  um  uns  destomehr  zu  erfreuen.  Eben  lese  ich  wieder  Amor 
und  Psyche.  Unschuld  und  Weisheit  hat  es  Urnen  dictirt  Auf  Rosen- 
hlättem  bringen  Sie  uns  die  goldenen  Lehren.  Wie  schön  ist  Nro  5. 
24.  25.  26.  33.  37.  38.  39.  42.  49.  61.  63.!  wie  schön  und  treflich 
ist  alles!  Man  sollte,  man  könnte  jedes  Stückchen  mahlen.  Das 
wären  Rosen,  unvergängliche  Rosen.  —  Auch  für  die  zwey  einzelnen 
Gedichte  tausend  Dank.  An  mein  Vaterland  kannten  wir  schon, 
und  fanden  Ihre  Patriotische  Seele  schon  im  Titel,  so  wie  im  ganzen 
Gedicht.  Wem  schlägt  doch  noch  irgend  so  das  Herz  für  das  Gute. 
Auch  an  Europas  grosse  Frauen  ist  vortreflich,  wöchten  sie  doch 
beherzigen  die  Heldinnen  und  auch  verstehen!  Die  Anecdote  mit 
der  vornehmen  Frau  ist  recht  hochadelich!  Es  ist  beinah  so  schön, 
wie  wenn  die  fränkischen  (Bamberg-  und  würzburgischen)  vornehmen 
Frauen  im  Kissinger  Bad  sagen:  es  ist  heute  das  Modejournal  ange- 
kommen, wir  lösen  aber  nich  beim  Brunnen.  Nun  auch  ein  Wort  von 
uns.  — Wo?  und  wie  hat  Polens  geantwortet?  Das  hätten  Sie  hübsch 
sagen  sollen.  Wir  lesen  fast  keine  Journale.  Wir  wollen  das  Berl. 
Archiv  jetzt  halten.  Es  sind  so  hübsche  Sachen  darinnen,  auch  um 
Ihrentwegen.  Es  sollen  Parodien  der  Xenien  herausseyn  worunter  Hal- 
berstadt steht.  Von  wem  sind  sie?  ich  habe  sie  nicht  gesehen;  nach 
allem  was  ich  von  ihnen  gehört  habe,  können  sie  nicht  von  Ihnen 
noch  von  Schmidt  seyn;  und  so  trage  ich  daher  kein  Verlangen  dar- 
nach. Hier  ist  nun  das  vollständige  Exemplar  der  zerstreut  Blätter, 
Allerbester;  Ihre  Theilnehmung  und  Beifall  ist  süsser  Lohn.  Die  Ge- 
dichte imd  Legenden  sind  auch  meine  Lieblinge  2.  Die  einzelnen  Rosen 
gehören  der  holden  Luisa.  —  Noch  etwas  sehr  gutes  muss  ich  Ihnen 
sagen.  Wieland  hat  in  vergangener  Woche  ein  nahegelegenes  Gut  mit 
einem  schönen  grossen  Hai^s  für  22000  Rth.  gekauft  und  zieht  mit  der 
ganzen  Familie  im  Frühjahr  hin.  Lesen  Sic  sein  Briefchen  hierüber 
und  freuen  Sie  sich,  dass  sein  guter  Genius  ihm  manches  Herbe  jetzt 
durch  seinen  ländlichen  Aufenthalt  versüssen  will.  Er  ist  ein  vortref- 
licher  Vater,  und  verdiente  ein  grösser  Geschenk  von  der  deutschen 
Nation,   als  diese  20000  Rth.  die   er   nur  durch   das  Wunder  seiner 

1)  Gleim  sendete  am  1.  März  sechs  Exemplare  von  Amor  und  Psyche. 
•  2)  So  schreibt  er  auch  schon  am  30.  dtn;.  1796  au  Gleim:    ^In  den   zerstreu- 
*<Jn  Blättern  kommen  liegenden,   für  die  Ihr  mich  als  einen  Kirchenvater  verehren 
t*. 


BRIEFE  HERBERS  AN  GLEIM  49 

neuen  Ausgabe  erhalten  hat.  Nun,  freuen  wir  uns  mit  ihm  über  sein 
Sabinum,  und  wünschen  ihm  die  schönste  Abendröthe  des  Lebens. 
Mündlich  habe  ich  ihn  noch  nicht  gesprochen;  er  wollte  heute  kom- 
men, ward  aber  zur  Herzogin  Mutter  gebeten.  — 

45.  Herders  gattin  an  Gleim.      Weimar  d.  14.  July  1797. 

Theurer  Einziger  Freund.  Sie  werden  es  mir  verziehen  haben, 
dass  ich  meinen  versprochenen  Brief  bisher  nicht  geschickt  habe^  — 
Herr  Merkel  2,  den  Sie  so  freundlich  aufgenommen  und  einen  so  1. 
Brief  auch  ihm  geschickt  haben,  ist  so  ganz  zufrieden  und  entzückt 
von  Ihnen  gekommen,  und  hat  uns  durch  die  Nachricht  erfreut  dass 
Sie  sehr  sehr  wohl  und  munter  sind,  und  unser  liebevoll  gedenken. 
0  das  ist  alles  was  wir  wünschen.  Nun  rückt  allmälich  der  August 
heran,  wo  wir  Sie  sehen  sollen  geliebter  Freund 3.  Wie  stehts  aber 
um  Ihre  Harzreise,  die  Sie  diesen  Sommer  zu  den  gräfl.  Stolbergischen 
thun  werden?*  und  wann  erwarten  Sie  Voss?  Fast  vermuthe  ich,  dass 
Sie  im  August  noch  nicht  vom  Harz  zurückseyn  werden,  und  dass  wir 
mit  unserm  Besuch  jetzt  ganz  zur  Unzeit  kommen.  Mein  Mann  und 
ich  haben  schon  darüber  deliberirt  wie,  welche  Zeit  wir  wählen  um 
Ihnen  nicht  lästig  zu  kommen.  — 

Denken  Sie,  der  trefliche  Hederich  ist  vor  6  Wochen  an  einem 
Nervenfieber  ohnweit  Wien  gestorben:  Eine  so  glückliche  Organisation 
so  frühe  aufgelöst  Zu  der  Zeit  da  alle  Fremde  Wien  räumen  mussten 
und  er  (aus  Mangel  vielleicht)  nicht  wohl  zurück  kommen  konnte,  so 
ging  er  als  Feldarzt  mit  ins  Feld  und  musste  nun  in  einem  Feldlaza- 
reth  seinen  Tod  finden.  Es  ist  nur  Eine  Stimme,  Eine  Klage  um  ihn. 
Nun  er  ruhe  sanft!  und  wohl  denen  die  ruhen. 

46.  Herders  gattin  an  Gleim.     Weimar  d.  24.  Sept  1797. 
Einziger  Freund.     Tausendmal  Verzeihung   wegen    meines  Still- 

1)  Mit  bezug  auf  ein  in  dem  briefe  vom  9.  juni  gegebenes  versprechen ,  „näch- 
stens durch  die  Post  ein  Mehreres  zu  schreiben". 

2)  Der  bekante  gegner  Goethes  und  der  romantiker.  Vgl.  den  eingang  dieses 
briefes  und  Gleims  brief  vom  17.  juni  d.  j. 

3)  „Voss  und  Herder  besuchen  mich  im  Hüttchen**,  schreibt  Gleim  an  frau  von 
Elenke  am  28.  noY.  d.  j.  Über  Herders  mitte  august  erfolgten  besuch  siehe  den  brief 
von  Herders  gattin  an  Gleim  vom  25.  aug.  d.  j. 

4)  Gleim  unternahm  zwei  reisen,  die  eine  nach  Dessau,  Leipzig,  Halle,  Gie- 
bichenstein,  Aschersleben,  Magdeburg,  die  andere  nach  Braunschweig,  wohin  auch 
Voss  gereist  war.    Siehe  Gleims  brief  an  frau  v.  Klenke  vom  2.  aug.  d.  j. 

ZnrSCHRIFT  F.   DRT7T80HR  PHTLOLOOIE.      BD.   XXV.  4 


50  PAWEL 

Schweigens.  —  Auch  möchten  wir  gern  von  Ihrer  grossen  Beiso  etwas 
hören.    Böttiger  sagte  uns,  dass  Sie  nach  Leipzig  gegangen  sind^.  — 

(Nachschrift  von  Herders  Hand.) 

Willkommen  zu  Hause,  Ihr  Lieben,  von  Eurer  schwärmerischen 
Reise  nach  schönen  Gärten  und  Lustörtern.  Wir  sind  frommer  wie  Ihr; 
wir  reisen  nach  Menschen  und  zu  Menschen.  Nun  sitzen  wir  zu  Hause 
und  ich  stehe  den  Tag  über  vorm  Pult.  Gearbeitet  ist  in  der  Zeit 
nichts  oder  wenig;  die  Tage  vergehen  wie  im  Schlaf.  —  Die  Musen 
sind  fem  und  der  1.  Geist,  nach  dem  Begrifl  der  Schwester  Gleminde, 
hölzern.  Die  Bücher  kann  ich  also  auch  nicht  zurückschicken:  denn 
ich  habe  sie  noch  nicht  gebraucht.  Danke  für  den  Luther;  ich  wollte, 
dass  Sie  mir  auch  etwas  von  seinem  Muth  geschickt  hätten,  der  mir 
ganz  fehlet.  Wenn  ich  Eine  Seite  seiner  Schriften  lese,  entfallt  mir 
der  Meinige  ganz  und  gar.  —  Sie,  liebster  Gleim,  wird  Wörlitz  ohne 
Zweifel  zu  etwas  Neuem  begeistert  haben;  sie  sind  noch  aus  Luthers 
Jahrhundert  und  Geschlecht;  wir  sind  die  peior  progenies.  —  Was  sagen 
Sie  zu  den  neuen  Auftritten?  Ach,  in  welche  Zeiten  sind  wir  gefal- 
len! und  was  werden  wir  noch  erleben?  Der  Himmel  stehe  uns  und 
den  Unsrigen  bei.  In  Amerika  die  schreckl.  Erdbeben;  in  Europa  ein 
Auflösen  aller  Bande  der  Treue  und  liebe.  —  Wir,  ihr  Lieben  wollen 
einander  treu  seyn  und  bleiben;  auch  der  Tod  soll  uns  nicht  scheiden. 
Lebt  alle  herzlich  wohl. 

47.  Herders  gattin  an  Gleim.       Weimar  d.  16.  März  98. 

—  nun  wieder 2.  Es  wird  nun  ernstlich  auf  eine  Badreise  gedacht 
Wenn  es  bestimmt  ist,  so  will  ich  Ihnen  schreiben.  Schade,  dass 
Lauchstädt,  wohin  Sie  diesen  Sommer  gehen  werden,  nicht  das  Bad 
ist  das  ihm  Hülfe  bietet.  Schwefeldampfbäder  sind  die  einzigen  die 
ihm  helfen.  Und  so  werden  wir  Sie  mit  der  Herzensschwester  und  L 
Luisen  hier  in  loco  bei  uns  sehen,  nach  der  Badezeit  —  Dass  Sie 
sich  des  Catechismus^  so  annehmen  freut  meinen  Mann  gar  sehr.    Die 

1)  Vgl.  die  anmerkung  zum  briefe  vom  14.  juli.  Über  die  reisen  selbst  vgl. 
noch  Gleims  briefe  vom  19.  sopt  und  8.  okt.  d.  j. 

2)  D.  s.  238  zoile  6  von  unten. 

3)  Gleim  hatte  ein  exemplar  an  einen  seiner  Berliner  verwanten,  den  gehei- 
men tribunalrat  und  oborconsistorialrat  Lamprecht  mit  der  bitte  gesendet,  es  dem 
oberconsistorium  zum  zwecke  amtlicher  einführung  vorzulegen.  „Mein  Eatechismus* 
schreibt  darüber  Horder  an  Gleim  als  nachschrift  zu  dem  obigen  briefe,  „wird  in 
Preussen  nicht  eingeführt  werden;  dazu  sind  Eure  Pröbste  zu  aufgeklärt*'.  Vgl. 
Gleims  antwortschreiben  vom  31.  märz. 


BRIEFE  HERDERS   AN  GLEIM  51 

erste  Auflage  war  in  den  ersten  4  Wochen  vergriffen;  die  2te  musste 
sogleich  fertig  gemacht  werden.  Er  wird  auf  der  Messe  zu  haben  seyn. 
Wollen  Sie  indessen  noch  Exemplare  von  hieraus  haben,  so  befehlen 
Sie  wie  viel?  Bald  schicke  ich  Ihnen  einen  neuen  Theil  christl.  Schrif- 
ten i.     Nun  leben  Sie  tausendmal  wohl.  — 

48.  Herders  gattin  an  Gleim.       Weimar  d.  11.  Nov.  99. 
Ich  habe  Ihnen  auf  Ihren  lieben  Briefe  auf  der  Stelle  antworten 

wollen,  einziger  treuer  Fi-eund,  wenn  ich  gekonnt  hätte.  —  Hier  ist 
der  Schillersche  Musenalmanach.  Sie  müssen  ihn  aus  unsrer  Hand 
haben,  da  die  Buchstaben  v.  E.  f.  von  meinem  Mann  sind.  Schiller 
hatte  ihn  angelegentlich  um  Beiträge  gebeten  in  dem  Augenblick  als 
gedruckt  wurde  und  das  Gedicht  der  Fräul.  v.  Imhof  nicht  den  Kalen- 
der ausfällte^.  In  wenig  Wochen  schicke  ich  Ihnen  etwas  besseres, 
einen  Naturhymnus  von  Schafkesburi,  den  auch  Sie  gesungen  haben  so 
vielfach*.     Das  rechte  Gefühl  hat  nur  eine  Stimme.  —  Dank,  Dank^ 

49.  Herders  gattin  an  Gleim.     Weimar  d.  14.  Febr.  1800. 
—  ahnden^.    Die  Stelle  von  Amor  und  Psyche  Gott  weiss  wo  sie  steht! 
mein  Mann  hat  sich  selbst  rein  vergessen  7.    Wir  haben  in  den  zer- 

1)  ^Wenn  die  geistlichen  Schriften  ankommen,  denn  ist  mein  Festtag I*^  schreibt 
Gleim  an  Herder  am  2.  mai.  Bald  darauf  kamen  sie  an.  Ygl.  den  folgenden  brief 
und  Gleims  dankschreiben  an  Herders  gattin  vom  9.  mai  d.  j. 

2)  Vom  27.  Oktober  d.  j. 

3)  Vgl.  Gleims  antwortschreiben  vom  27.  november. 

4)  Die  Sendung  erfolgt  nebst  beilage  von  Herders  neuerdings  ausgegebenem 
,,Gott*  am  27.  december. 

5)  D.  s.  262  zeile  1  von  oben. 

6)  D.  s.  267  zeile  13  von  oben. 

7)  In  dem  noch  ungedruckten  brief  vom  6.  Januar  1800  schreibt  Gleim:  „In 
einem  Ihrer  "Werke,  lieber  Freund,  lass  ich:  die  schöne  Mythe  von  Amor  und  Psyche 
wäre  nicht  genug  genutzt,  und  wurde  begeistert  zu  meinem  Amor  und  Psyche.  Nun 
such  ich  dieses  gelesene  und  kann*s  nicht  finden,  und  muss  es  wieder  lesen,  eh  ich 
meinen  mit  schönen  Zeichnungen  veraehenen  Amor  aus  der  engen  in  die  weite  "Welt 
versende.  Haben  Sie  1.  Fr.  doch  die  Güte,  die  Stelle  dieser  Auferweckung  der  schö- 
nen Fabel  mir  anzuzeigen.  Sie  sparen  mir  den  Ärger  über  mich  selbst,  dass  ich 
nicht  besser  im  Gedächtnis  sie  behalten  habe^.  In  demselben  briefe  äussert  er  über 
Herder:  „Sie  thaten  so  viel,  als  menschliche  Kräfte  thun  konnten;  standen  im  Dienste 
der  Menschheit  auf  einer  der  höchsten  Stufen.  Von  den  kritischen  Wäldern  bis  zur 
Ausgabe  des  Kleinsten  ihrer  Geistesmuse  solche  Bäume!  welche  Früchte!  Im  Tem- 
pel der  Humanität  waren  Sie  bis  zu  seiner  Finreissung  als  erster  Priester,  sahen  ihn 
einreissen,  und  waren,  soll  ichs  heraussagen?  nur  mir  vielleicht  zu  geduldig;  sehn 
die  Träumer  gerathen  in  ein  heiliges  Feuer,  schlagen  uns  die  bösen  Geister,  die  so 
stolz  vor  ihren  Augen  auf  den  Trümmern  sitzen ,  nicht  mit  ihres  Geistes  Schwert  und 

4* 


52  PAWEL 

streuten  Blättern  nachgesucht,  aber  vergebens.  Man  wird  Ihnen  ja  die 
angeführte  Stelle  glauben.  NB.  Briefe  der  Humanität  6.  Sammlung, 
p.  11.  da  steht  es.  Unendlich  freuen  wir  uns  auf  Ihren  mit  Zeichnungen 
versehenen  Amor  und  Psyche.  Ja  wohl  ist  in  dieser  Mythe  alles  was 
schön  und  erhaben  in  der  menschlichen  Seele  ist  —  wo  Psyche  das 
Wasser  des  Lebens  holt  —  gibt  es  was  erhabeners?  — 

50.  Herders  gattin  an  Gleim.  Weimar  d.  3.  Mai  98. 

Theuerster  liebster  Freund.  Anstatt  Einem  Theil  christl.  Schrif- 
ten, schicke  ich  Ihnen  zwei.  Scheuen  Sie  sich  nur  nicht  vor  den 
dicken  Büchern;  das  Papier  ist  Ursache  daran;  auf  gewöhnlichem  Pa- 
pier sinds  nur  2  dünne  Bändchen.  Diese  wünschen  denn  nun,  in 
Ihren  stillen  Morgenstunden  von  Ihnen  gelesen  zu  werden.  Ich  wünsdite 
dass  der  Inhalt  der  5ten  Sammlung  Sie  reizen  möchte.  —  Ihr  Urtheil, 
Ihre  Empfindung,  Ihr  Beifall  gilt  meinem  Mann  für  1000  Leser.  Aus 
Ihrem  Herzen  hat  er  gewiss  geschrieben;  lassen  Sie  uns  das  Echo 
bald  hören  K  —  Vorigen  Sonntag  hat  Wieland  eine  Tochter  von  14  Jah- 
ren, Wilhelmine,  an  der  Auszehrung  verlohren.  Es  war  ein  vorzüg- 
liches Mädchen  voll  Gutmüthigkeit  und  Grazie,  auch  hatte  er  sie  sehr 
lieb;  und  leider  ist  sie  gestorben  da  Vater  und  Mutter  hier  in  der 
Comödie  waren.     Leben  Sie  wohl  einziger  Freund.  — 

51.  Herder  an  Gleim. 

An  Ihrem  Geburtstage,  liebster  Gl.  muss  an  kein  Weggehen  der 
Freunde  gedacht  werden;  vivamus,  dum  vivimus  et  nos  amemus*.  Dies 
sei  unser  Motto,  wie  bisher,  so  fortan. 

Der  Frühling  kommt;  er  wird  mit  allen  seinen  Blumen  kommen 
und  den  Minnesinger,  den  vielfachgcliebten  und  bekränzten  kränzen. 
Ist  auch  Einer,  sind  auch  zwei,  die  ihn  mit  bekränzten  nicht  mehr 
sichtbar,  sie  feiern  sein  Fest  droben. 

Wir  in  unserm  Kreise.  Der  Geist  waltet  hinüber.  Richter  ist 
noch  mit  uns  und  feiert  es  mit;    der  Sommer  wird  ihn  wahrscheinlich 

Feuer,  thatens  aber  so  schonend,  so  human,  dass  die  Einreisser  ihre  Schläge  Dicht 
fühlten!  Sie  schlugen  mit  Simsons  Schwert  drein  und  Schande  floss  von  der  Ver- 
brecher Wunden!  Böse  Buben  bewarfen  den  hohen  Priester  mit  ihres  Geistes 
Schneebällen,  und  wohl  vielleicht,  ich  weiss  es  nicht,  ich  komme  nicht  ams  dem 
Hüttchen,  mit  etwas  Ärgerm.  Diese  muss  mein  Herder  werfen  lassen ,  nur  wie  ein 
Fels  im  Meere  stehen,  die  Schaum  wellen  stossen  sich  an  ihm  zurück*^. 

1)  Vgl.  die  anmerkung  zum  vorhergehenden  briefe. 

2)  Gleim  hatte  am  22.  märz  geschrieben:  „Lasst  uns,  so  lange  wir  hier  Doch 
sind,  hier  sein  für  einander!^ 


BBIEFE  HRRDKRS  AN  QLEQi  53 

auch  von  uns  rufen  i,  aber  vor  der  Hand  nicht  in  eine  andere  Welt, 
als  die  Hymenäus^  ihm  anweiset.  Yale,  dum  vivimus,  et  nos  amemus. 
Vale,  vale,  valete.  Unser  Herzog  ist  bei  Klopstock  in  Hamburg  gewe- 
sen, der  wohl  auf  ist;  mich  freut  herzlich  der  bejahrte  Jüngling.  Gleim 
und  Klopstock  sind  meine  Götter  der  alten  Ordnung;  das  übrige  ist 
meist  alles  junges  Gemüete. 

Mein  ist  der  alte  Wein! 
Der  alte  Wein  ist  mein; 
Den  jungen  mag  ich  nicht 
Wie  Jesus  Sirach  spricht. 

Und  er  sprach  recht  Ist  Ihnen  das  Magimum  oder  Archimetrium  latei- 
nisch, und  ein  paar  Bogen  desselben  Yerf.(assers)  die  Gelehrtenwelt 
deutsch  zu  Händen  gekommen?  Wo  nicht,  schicke  ich  Ihnen  die 
letzte:  denn  des  lat.  Buches  überhebe  ich  Sie  gern.  Hinten  ist  auch 
eine  namentliche  Anrede  an  Richter. 

Nochmals  herzlichen  Wunsch,  mehr  als  Glückwunsch,  Geliebter, 
unsem  besten  Gruss  unserer  Schwester,  Himli's,  Dohms,  und  wer  Ihren 
lieben  Tag  feiert  H. 

52.   Herders  gattin  an  Gleim.     Weimar  d.  21.  April  1800. 

Einziger!  Die  Beschreibung  Ihres  Festes  hat  uns  unendlich 
gefreut,  und  vor  allen  der  Vogel  der  Sie  früh  morgens  begrüsste.  0 
wir  sangen  aus  diesem  Vogel!  Ihre  entfernte  bezauberten  Freunde 
waren  in  ihm.  Das  hat  die  Herzensschwester  gewusst  Aber,  Bester, 
wir  müssen  alles  haben  was  geschrieben  und  gedruckt  worden  ist,  auf 
diesen  Tag  —  halten  Sie  es  uns  nicht  vor  Theuerster!^    Unser  Mit- 

1)  Er  war  schon  mitte  kommenden  monats  nach  Leipzig  und  von  da  mit  sei- 
nem Verleger  Matzdorf  nach  Berlin  gereist. 

2)  Vgl.  den  brief  von  Herdei-s  gattin  an  Gleim  vom  23.  mai  d.  j.  Dem  brief 
fehlt  die  Zeitangabe.  Dem  inhalte  nach  dürfte  er  gegen  mitte  des  monats  apnl 
abgefasst  worden  sein.  Herder  fügte  zu  seinen  briefen  selten  ein  datum  hinzu,  so 
dass  sich  seine  freunde  fortwährend  beklagten,  er  schreibe  seine  briefe  sine  die  et 
consule. 

3)  Bald  darauf  sendet  Gleim  das  für  den  2.  april  bestimte  gedieht  mit  einer 
Widmung  für  Caroline  Herder: 

Den  2ten  April  1799. 
Lasst  mich  meine  Muse  lieben! 
"Wenn  ich  ihr  getreu  nicht  war, 
Ist  sie  mir  getreu  geblieben, 
Heut  sinds  volle  sechzig  Jahr! 


54  PAWKL 

gefiihl  bekräftigt  und  bestätigt  das  Gute  noch  mehr.  —  Ich  würde 
Ihnen  heute,  mit  meinem  kranken  Körper  nicht  schreiben,  wenn  es 
nicht  die  Freundschaft  geböte,  für  die  guten  Wielands.  —  Suchen  Sie, 
so  finden  Sie  einen  guten  passenden  Ort  für  den  armen  jungen  Men- 
schen! und  dass  er  je  eher  je  lieber  kommen  darf.  Sie  thun  ein 
"Werk  der  Menschenfreundlichkeit,  das  Ihnen  Gott  belohnen  wird.  Wie- 
lands wissen  kein  Wort  davon,  dass  ich  Ihnen  schreibe.  Wie  werden 
Sie  über  Ihre  Freundschaft  überrascht  werden.  Mein  Mann  bittet  auch 
darum,  was  Sie  irgend  zu  thun  im  Stande  sind^.  — 

53.   Herders  gattin  an  Gleim.     Weimar  d.  27.  Juny  1800. 

Glückliche  Stimmungen  treffen  zusammen,  Herzensfreund  und 
Bruder!     Ihr  Brief  vom   lOten   hat  uns  electrisirt!     Wir   kommen. 

Heut  ist  Festtag!  frohe  Gäste 
Sind  im  Hüttchen  heut  bey  mir! 
Heut  an  diesem  hohen  Feste, 
Sing  ich  ihre  Lieder  ihr! 

Ihre  Lieder  sind  die  besten, 
Singen  meinen  Herzensdank 
Ihr,  und  meinen  lieben  Gästen, 
Kann  kein  eigener  Gesang! 

Einen  alten  lasst  uns  singen. 
Aufgeschoben!     Scherz  und  Spott! 
Singen  lasst  uns,  lasst  uns  singen: 
Nun!  und  danket  alle  Gott! 

Kam  itzt  Herr  Taoitus  in  unsre  deutsche  Hütton, 
Schrieb  er  ein  Buch  vonunsem  Sitten 
So  gut,  wie  schon  einmahl,  der  Wahrheit  all  so  rein, 
Wie  damals,  er!    Wie  ganz  ein  andres  wird  es  seyn! 

1)  Gleim  antwortet  hierauf  am  5.  mai  1800:  „Ich  komme  zurück  von  einer 
kleinen  Reise  zum  Amtsrath  Zimmermann,  einem  unsrer  besten  Landwirthe,  hab^ 
aber  für  unsem  W.  nichts  ausgerichtet!  Alle  jungen  Preussen  weitien  Soldaten,  aUe 
Hauswirthe  geben  beträchtliches  Lehrgeld.  Z.  meinte,  dass  eine  Verwalterstelle  mit 
Jahrgehalt  schwer  zu  erhalten  seyn  werde,  auch  will  er  sich  noch  alle  Mühe  geben. 
Der  Nähme  des  Vaters  spricht  für  den  jungen  Mann.  —  Wie  so  gerne  trüge  ich 
zum  Vergnügen  unsres  Wielands  etwas  bey!  Haben  Sie,  Theuerste,  doch  die  Güte, 
das  einliegende  zweyzeiligtc  Schreiben  baldmöglichst  an  ihn  zu  befördern.  Es  betrift 
ein  ihn  angehendas  Gespräch  mit  dem  itzt  bey  uns  sich  aufhaltenden  Herzog  yon 
Braunschweig!  Kam  die  Tage  her  ein  Wagen  vor  meine  Thür,  gleich  sprang  ich  zu 
sehen,  ob  er  die  heiligen  Engel  Herder  und  Jean  Paul  zu  mir  ins  Hüttchen  brächte. 
Bey  der  herrlichen  Witterung  wäre  den  beyden  guten  Geistern  eine  Gesundheitsreise 
wohl  sehr  nützlich  gewesen.  In  vier  Wochen  sagte  der  eine  vor  sechsen  send  ich 
Ihnen  meinen  Titan  —  Titan!  ruffcs  nun,  und  Kalligone  rufts  nun  im  Hüttchen 
und  in  allen  seinen  Winkeln^. 


BBISFE  HERDERS  AN  GLEIM  55 

treuer  Freund,  wir  kommen!  Wo  könnte  mein  Mann  für  seinen 
Geist  und  für  sein  Herz,  das,  wie  Wekerlin  sagt: 

durch  und  durch  wund  ist, 

gesunderen  Balsam  holen  als  bei  Ihnen,  Mann  Gottes  und  der  Wahr- 
heit Ihre  Stimme  ruft  ihn  unwiederstehlich  zu  Ihnen  —  und  wir 
heben  unsere  Augen  schon  auf  zu  jenen  Bergen,  wir  athmen  schon 
die  balsamische  Luft  von  Halberstadt!  —  Ach  wenn  wir  Ihnen  aber 
nicht  zu  früh  kommen,  Allerbester?  Im  August  kann  mein  Mann  nicht; 
die  Ursache  sollen  Sie  mündlich  hören.  Ende  July  ist  Schulexamen; 
also  bleibt  uns  nur  der  Anfang  July  übrig  und  so  gedenken  wir,  uns 
den  2.  July  in  den  Wagen  zu  setzen  und  den  3.  Abends  bei  Ihnen  zu 
seyn^.  — 

Ach  Sie  können  nicht  glauben,  wie  seit  dem  Montag,  da  Ihr  1. 
Brief  kam  und  mein  Mann  den  Entschluss  fasste,  wir  alle  belebt  sind  — 
Und  so  geleite  uns  dann  ein  guter  Engel  zu  Ihnen!  Wir  werden  den 
3.  Abends  etwas  spät  kommen.  —  Unsere  Arme  sind  schon  nach  Ihnen 
ausgebreitet,  unser  Herz  ist  bei  Ihnen. 

(Zusatz  von  Herders  band.) 

Wir  kommen,  wir  kommen  mit  starker  Kraft, 
Vater  Gleim  ists,  der  uns  Gesundheit  schafft 
Und  Freuden  schafft.    Wir  kommen! 

Bis  dahin  Gott  empfohlen. 

54.   Herders  zusatz  zu  dem  briefe  seiner  gattin  an  Gleim 2. 

Weimar  d.  25.  July  1800. 
Nach  dem  Christ  -  freundlichen ,  ökonomisch  -  politischen ,  auch 
cameralistischen  Sendschreiben  meiner  werthen  Hälfte  will  ich  etwas 
genealogisch -poetisches  beifügen,  und  zwar  eine  Frage.  In  einer  An- 
merkung zu  Ws.  Gedichten  älterer  Ausgabe  steht  folgendes:  „Von  dem 
Vater  dieses  Dichters,  (Gleims  Anakreons)  habe  ich  noch  3  Stücke  in 
Händen,  woraus  ich  sehe,  dass  er  in  der  deutschen  Elegie,  wenn  er 
gewollt,  dem  Tibullus  hätte  gleichen  können,  dem  kein  Römer  beige- 
kommen   und   noch   kein   Teutscher  nachgegangen  ist^.     Besitzen   Sie 

1)  Herder  traf  auch  am  abend  des  3.  mit  seiner  gattin,  einem  söhne,  der 
tochter  und  einer  freundin  bei  Gleim  ein;  der  besuch  beschränkte  sich  nur  auf  einige 
tage.  Siehe  Gleims  brief  vom  14.  juh.  Ebenso  den  brief  von  Herders  gattin  yom 
15.  juli  und  die  folgenden  briefe. 

2)  D.  a.  a.  0.  s.  275. 

3)  „Mein  seeliger  Vater •*,  antwortet  Gleim  am  30.  juli,  „mag  ein  Tibull,  ein 
Properz  gewesen  seyn,  ich  weiss  nichts  davon '^. 


56  PAWEL 

diese  Stücke  ihres  treflichen  Vaters,  dessen  Angesicht  sich  meiner 
Frauen  und  mir  so  auszeichnete?  warum  haben  Sie  mir  nie  etwas 
davon  gesagt?     Und  darf  man  sie  lesen? 

Mein  effigies  wird  nun  glückl.  angekommen  seyn^  und  wird, 
hoffe  ich,  sein  Plätzchen  besser  einnehmen,  als  der  schläfrige  matther- 
zige Herr,  der  ehemals  dahing,  ja  wohl  recht  hing.  Dieser  steht 
wenigstens,  wenn  auch  der,  den  er  vorstelte,  der  Stelle  nicht  sonder- 
lich werth  seyn  sollte.  Allenfalls  gelte  er  für  einen  italienischen  Abbatt 
oder  Prälaten ,  der  auch  zu  singen  hat:  sicut  erat  in  principio  et  nunc 
et  semper.  Ich  hoffe  noch  einmal  zu  sehen,  wie  sich  der  H.  da  aus- 
nimmt. Dass  ich  in  Ihre  und  der  Schwester  Leinwand  gekleidet  werde 
und  zwar  bei  lebendigem  Leibe,  freuet  mich  sehr;  da  trage  ich  Ihr 
Andenken  recht  an  mir.  Lebt  wohl,  ihr  Lieben.  Nach  einer  beschwer- 
lichen Woche,  da  ich  alle  Schulen  examinirt  und  visitirt  habe,  waren 
wir  heute  auf  dem  Ettersberge;  ein  herrlicher  Tag  und  eine  schöne  Ge- 
gend. Ich  legte  mich  in  den  Wald  und  schlief  ein  herzlich  ermattet 
von  den  vorigen  Tagen  und  umweht  von  lieblichen  Lüften.  An  Euch 
dachten  wir  oft.  Ja  wenn  wir  Vöglein  wären,  oder  Ihr  Vöglein  wärt, 
nach  dem  alten  Liede!  Nun  lasse,  zu  folge  eines  noch  älteren  Liedes 
Anakreon  nur  seine  Tauben  fliegen,  das  sind  Briefe;  Er  selbst  wage 
sich  nicht  auf  die  Reise,  bis  er  sich  gesund  wie  ein  Fisch  und  frisch 
wie  ein  Vogel  fühlt.  Dem  Bohlenbaumeister  unsern  Gruss  gleichfalls 
allen  Lieben  des  Hauses. 

55.   Herders  gattin  an  Gleim.       Weimar  d.  7.  Nov.  1800. 

Geschwind  liebster  Herzensfreund,  lesen  Sie  die  Recensionen  — 
indessen  wird  sich  Ihr  heiliger  Eifer  gegen  uns  ein  wenig  gelegt  haben. 
Könnten  wir  nur  diesen  Augenblick  den  Caff6e  morgends  mit  Ihnen 
trinken,  und  die  beiden  ehrwürdigen  Männer  zusammen  rauchen,  so 
könnte  alles  von  beiden  Seiten  ins  Reine  gesprochen  werden.  Aber  es 
war  alles  meine  Schuld!  denn  nun  ist  es  der  zweite  Brief  den  ich 
an  Sie  geschrieben  und  wieder  verbrannt  habe.  Ich  hatte  darinnen 
mein  Herz  zu  laut  über  die  Fürst.  Gallizin  ausgeschüttet  Da  fand 
ich  nun  dass  sich  das  für  eine  Frau  nicht  schickt  gegen  eine  Frau  von 
so   viel   überwiegendem   Verstand  wie   die  Fürstin    besitzt,   sich    dies 

1)  Herders  Grattin  wollte  es  bereits  am  17.  juli  an  Gleim  senden,  doch  geschieht 
es  erst  den  nächsten  tag.  Vgl.  den  brief  vom  15.  juli:  „Ich  wollte  Ihnen  gestern, 
wie  ich  versprochen  hatte,  meines  Mannes  Bild  schicken,  es  war  aber  nicht  möglich. 
Störungen  aller  Art  belästigten  uns  vom  morgen  bis  Abend,  ich  konnte  zu  nichts 
kommen.     Hier  ist  es  nun". 


BBIKFK  HTCRDRBS  AN   GLEDf  57 

heraoszunehmen.  Kurz  und  gut,  ich  schämte  mich,  und  verbrannte 
den  Brief.  Aus  diesem  Brand,  oder  vielmehr  aus  diesem  heiligen  Feuer, 
stieg  der  Engel  der  Menschlichkeit  heraus  und  erzehlte  uns  folgende 
Geschichte:  An  die  Himmelsthür  kam  einmal  ein  Mann  und  wollte  ein- 
gelassen werden.  Petrus  sprach:  wer  bist  du?  er  antwortete:  ich  bin 
ein  Römisch -Katolischer,  von  der  alleinseligmachenden  Religion.  Petrus 
sprach:  Setze  dich,  und  warte.  Darauf  kam  ein  zweiter,  klopfte  an 
die  Thür  um  eingelassen  zu  werden;  Petrus  sprach:  wer  bist  du?  ich 
bin  ein  Lutheraner,  von  der  allein  seligmachenden  Religion  der  Pro- 
testanten. Petrus  sprach:  Setze  dich  und  warte.  Dann  kam  ein  drit- 
ter und  klopfte  an.  Petrus:  wer  bist  du?  ich  bin  ein  Calvinist,  von 
der  allein  seligmachenden  Religion  der  Reformirten.  Petrus  sprach: 
Setze  dich  und  warte.  Dann  sahen  die  drei  Wartenden  sich  einander 
gewaltig  an  —  es  stürmte  und  war  übles  Wetter;  sie  froren;  die  Zeit 
wurde  ihnen  lang,  sie  gähnten  (oder  wie  mein  Mann  sagt:  sie  hojahn- 
ten)  —  da  sangen  sie  das  lied  miteinander:  „Wir  glauben  all'  an 
einen  Gott**.  Hierauf  schloss  Petiiis  die  Thüre  auf  und  sprach:  „Ge- 
het ein ,  zu  des  Himmels  Freuden ! " 

Ach  bester  Herzensfreund,  lassen  Sie  uns  über  kranke  und  irrende 
Menschen,  ein  mitleidiges  und  menschliches  Urtheil  fällen!  Stolb.^  war 
schon  lange  ein  Katholik  —  ihm  wars  unter  den  Protestanten  unwohl  — 
er  wollte  seine  Meinung  ihnen  despotisch  aufdrücken,  es  gelang  nicht 
und  so  ging  er  zu  seiner  Partei  über,  wo  er  sich  frei  und  glücklich 
fühlen  mag.  —  Im  Vertrauen  aber  muss  ich  Ihnen  sagen,  dass  wir 
nicht  ganz  zufrieden  sind  über  das  Betragen  von  dem  H.  Geheimen 
Rath  Jacobi  und  Voss.  Betragen  sich  Freunde  gegen  einen  kranken 
Freund  also?  Schreiben  Sie  uns  doch  bald  liebster  Freund ,  und  freund- 
lich und  gut  wie  der  Sohn  Gottes  im  Rothen  Buch  —  und  behalten 
uns  lieb.  — 

Zusatz  von  Herders  band: 

Die  Geschichte  meiner  Frauen  ist  zwar  erbaulich  aber  lang;  die 
meine  ist  kürzer.  Schwester  Gleim  mag  sie  erzählen:  Er  is  afe- 
stahn!  Und  damit  gut.  Lebt  wohl,  Liebe.  Wir  singen,  lieber  Vater 
Gleim,  wie  wir  sangen  und  uns  in  dem  Gartensaal  verschrieben:  Sicut 
erat  in  principio  —  lebt  bestens  wohl. 

1)  Gleim  hatte  schon  in  mehreren  vorhergehenden  briefen  auf  das  schärfste 
und  leidenschaftlich  übertriebenste  über  Stolbergs  übertritt  geurtoilt.  So  in  dem 
briefe  vom  3.  September,  10.  September  und  12.  Oktober.  Herder  zieht  in  scharfer 
polemik  dagegen.     „Was  geht  Sie  der  verii-rte,    oder  kranke  Stolberg  anl    Hat  jeder. 


58  PAWEL 

56.   Herders  gattin  an  Gleim.      Weimar  d.  19.  Jan.  1801. 

Was  werden  Sie  denken,  Einziger,  dass  ich  so  spät  auf  Ihr 
freundliches  Andenken,  und  auf  das  holde  Geschenk,  wenn  schon  kei- 
nen Dank,  doch  ein  Echo  der  Liebe  zurücksende!  Was  soll  ich  sagen? 
Haben  Sie  uns  nicht  im  alten  Jahrhundert  mit  so  manchen  Beweisen 
Ihrer  treuen,  seltenen  Freundschaft  überhäuft?  Und  soll  das  neue 
Jahrhundert  auch  so  anfangen  —  Gottgeliebter  Freund  —  es  ist  süss 
zu  geben  —  aber  es  ist  eben  so  süss  von  Ihnen  zu  empfangen!  Man 
hofft,  man  wünsclit  den  Werth  zu  besitzen,  den  Ihr  Herz  uns  giebt  — 
Ja  man  ist  in  dem  Augenblick,  wenn  wir  Ihre  Briefe  erhalten,  bes- 
ser —  wir  sind  im  Himmel!  —  Es  ist  eine  ungesunde  Witterung. 
Auch  Goethe  lag  tödtlich  krank  an  einem  Rothlauf  am  Kopf  Durch 
unsem  vortreflichen  und  glücklichen  Arzt  Hofrath  Starke  in  Jena 
(unsers  Gottfrieds  Lehrer)  wurde  er  gerettet!^  — 

(Nachschrift  von  Herder.) 

Glück  auf!  im  neuen  Jahrhundert  *.  Wie  Ulysses  nach  Ithaka 
sind  wir  schlafend  hineingeschifft,  wenigstens  ich,  da  ich  mich  eben 
zu  Bett  legte;  und  wusste  am  grossen  Neujahr,  wo  man  viel  Glänzen- 
des erwartete,  über  nichts  Angelegentlicheres  als  das  alte  „Vater  unser, 
der  du  bist  im  Himmel"  zu  predigen;  es  ist  mir  die  Summe  aller 
Wünsche.     Wir  Alten  gehen    mit    ihm    in    die   Schlafkammer    einer 

nicht  sein  Gewissen,  seine  Religion  frei?''  ^Über  den  Abtrünnigen*,  antwortet 
darauf  Gleim  am  13.  november,  ^wollen  wir  nicht  mehr  streiten.  Der  "Wahrheit 
aber  kann  ich  nichts  vergeben,  also  muss  ich  sagen,  was  ich  für  wahr  halte,  dass 
man  erkannte  Wahrheit  ihren  Feinden  nicht  Preiss  geben  müsse,  dass  in  gegenwär- 
tigem Falle  von  Toleranz  nicht  die  Rede  sey.  Von  der  Abfallgeschichte  wisst  ihr, 
meine  Lieben  in  dem  Herrn,  bey  weitem  nicht  genug,  das  z.  B.  nicht  dass  der 
Vater  seine  Kinder  zwingen  wollte,  dass  er  rasste  wie  ein  Toller,  Voss  und  Jacobi 
thaten  meines  Erachtens,  was  sie  thun  mussten,  das  gegebene  Ärgemiss  war  Ihnen 
zu  gross.  "Was  sie  thaten,  hätten  an  ihrer  Stelle  wir  auch  gethan!  Bruder  Her- 
der, sagt'  ich,  ist  ein  guter  Protestant,  zum  Beweise  braucht's  seiner  Predigt  nicht, 
die  metaphysische  "Wahrheit  aber  liegt  ihm  mehr,  als  die  protestantische  am  Herzen, 
sonst  könnt'  er  bey  der  ernsthaften  Sache  nicht  lachen!  Der  Pi*äsident  lacht,  und 
der  grosse  Consul  arbeitet  an  Herstellung  des  alten  feyrspeyenden  Pabstthums,  das 
sind  Zeichen  kommender  böser  Zeiten!" 

1)  Gleim  antwortet  hierauf  am  8.  februar:  „Dass  Euer  Goethe,  der  dann  und 
wann  nur  meiner  nicht  auch  gewesen,  die  fatale  Krankheit  überstanden  hat,  freut 
mich  sehr.    Gott  erhalte  den  Bessern  der  besten  "Welt!*' 

2)  Herder  dichtete  aus  diesem  Anlasse  „die  Vermählung  des  achtzehnten  und 
neunzehnten  Jahrhunderts ''. 


BBISFB  HEBDEBS  AN  QLEIM  59 

jungen   Braut,    da    es    uns   dann    so   so    ums   Herz    ist;    wir  gehen 

indess  und 

die  Götter  seyn  mit  uns. 

Zum  Seckend.  Taschenbuch,  Quart  1.  habe  ich  nichts  gegeben. 
Die  Elegieen  sind  von  Seckend.  und  Knebel;  A.  weiss  ich  nicht,  von 
wem?  Die  Spanische  Romanze,  Blanka,  ist  allein  von  mir;  vor  vie- 
len Jahren  ins  Tiefurter  Journal  gegeben,  das  damals  als  Zeitveilxeib 
geschrieben,  nicht  gedruckt  ward.  Daher  hat  Seckend.  den  verges- 
senen Schmetterling  erbeutet  Im  2ten  St  kommen  einige  Stücke  von 
mir  vor,  worunter  Ihnen  ein  paar  gefallen  werden.  Ich  habe  mich 
genannt:  denn  die  Namlosigkeit  wird  mir  immer  mehr  zuwider.  Lei- 
der habe  ich  am  Namen  nichts  mehr  zu  verlieren  und  Gottlob  nichts 

m 

mehr  zu  erbeuten.     So  gehe  ich  ins  Neue  Jahrhundert 

Gegen  Ostern  wird  Sie  eine  Göttin  besuchen  i,  die  Sie  einst 
wünschten.  Möchte  sie  auch  seyn,  wie  Sie  sie  wünschten.  Vielleicht 
geschieht  mit  ihr  auch  ein  Wunder,  dass  sich  ihr  buntes  Gewand  in 
ein  Schnee-  oder  vielmehr  Silberweisses  verwandelt 

Wohlan  dann,  Lieber,  Glück  auf!  mit  allen  den  Ihrigen  im  Hütt- 
chen. Wie  viele  unsrer  Freunde  haben  das  Jahrhundert  8  nicht  erlebt; 
GotÜob  wir  leben.     Vivamus  igitur,  nosque  amemus. 

^^  Herder. 

57.   Herders  gattin  an  Gleim.       Weimar  d.  6.  März  1801. 

Unser  Stillschweigen  wird  Ihnen  gesagt  haben,  Theuerster  Unver- 
gesslicher,  dass  es  mit  uns  auch  nicht  zum  besten  stand  2.  Mein  Mann 
war  den  ganzen  Februar  unwohl  und  gedrückt.  Er  verlohr  durch  den 
Tod  zwei  sehr  wackre  Collegen,  worunter  der  Eine  der  Instructor 
imsres  Erbprinzen  und  seiner  Geschwister  gewesen  war  —  ein  treflicher 
Lehrer  —  der  andere  war  die  rechte  Hand  des  Consistoriums  für  die 
Waisen  und  Armen.  Beide  Verluste  haben  meinen  Mann  sehr  ange- 
grijBfen. 

Nun  Gottlob  dass  Sie  leben  und  dass  Sie  noch  Freude  imd 
Wohlseyn  um  sich  verbreiten.  Dass  nur  das  Gute  des  Charakters 
nur  das  menschenfreundliche,  liebende,  thätige  im  Andenken 
zurückbleibt,  das  haben  wir  bei  diesen  zwei  Männern  lebhaft  gefühlt  — 
Man  hat  bisher  soviel  von  Tod  und  Sterben  gehört  —  aber  das  Hören 
aus  der  Feme  ist  nicht  das,   als  wenn  uns  bekannte  verdiente  Männer 

1)  Adrastea.    Siehe  den  folgenden  brief  vom  30.  märz. 

2)  Das  lezte  schreiben  war  das  vorhergehende  vom  19.  Januar. 


60  PAWKL 

in  der  Nähe,  von  der  Seite  verschwinden.  Solche  Erfahrungen  spre- 
chen dann  sehr  ernsthaft  zu  einem.  Ach  ich  habe  Ihnen  so  lange 
schon  schreiben  wollen  —  aber  ich  habe  nebst  meinem  eignen  Leiden 
mit  meinem  Mann  gelitten.  Der  schlaffe  Winter  hat  ihm  gar  nicht 
wohl  gethan.  Der  beständige  Wechseleindruck  vom  Körper  auf  die 
Seele  und  von  der  Seele  auf  den  Körper  hat  unsers  Doctors  Kunst 
recht  in  Athem  gehalten.  Nun  Sie  verzeihen  unser  Schweigen,  nach- 
sichtsvoller Freund!  Bleiben  Sie  nur  jetzt  gesund  und  senden  uns 
freundliche  Worte;  denn  der  Mensch  lebt  nicht  allein  vom  Brodt  usw. 

Ihr  schönes  Gedicht  fängt  den  Monath  März  an^.  Der  erstaun- 
lich gelehrte  Böttiger  war  recht  entzückt  über  Ihr  Lob^.  Ich  soll 
das  schönste  von  ihm  Ihnen  wieder  zurücksagen.  Es  ist  sonderbar  wie 
diese  ernste  Zeiten,  uns  auch  ernst  und  streng  selbst  machen.  —  Wir 
sehen  den  erstaunlich  gelehrten  Mann  seltner.  —  Mein  Mann  hat  aller- 
dings dem  braven  Körte  eine  Vorrede  zum  rothen  Buch^  versprochen; 
er  will  auch  sein  Wort  halten,  sobald  Körte  die  Stücke  in  Ordnung 
hat.  Denn,  theurer  verständiger  Freund,  Sie  schmähen  doch  nicht 
über  unsem  Wunsch  wenn  wir  1)  die  schweren  Namen,  die  der  Jugend 
nicht  leicht  genug  im  Gedächtniss  bleiben,  etwas  verändert,  oder  be- 
kannter gemacht  wünschten?  2)  Sollten  nicht  die  Perioden  hie  und 
da  auch  leichter,  einschmeichelnder  für  die  Jugend  gemacht  werden 
können?  Würden  sie  nicht  dadurch  selbst  orientalischer,  d.  i.  noch 
einfacher,  schöner,  und  für  die  Jugend  (der  Sie  es  doch  einmal  bestimmt 
haben)  passender  werden?*  Ich  lege  Ihnen  dies  ans  Herz.  Spricht  Ihr 
Geist  und  Genius  Ja  dazu  —  so  werden  Sie  mit  oder  ohne  Körte 
Hand  anlegen  und  das  Werk  alsdann  meinem  Mann  senden.  Sie  selbst 
aber  müssen  ja  nicht  der  Verleger  werden,  sonst  bleibt  das  liebe  Gut 
wieder  oben  auf  dem  Boden  liegen,  und  Sie  haben  ja  immer  ungeheu- 
ren Schaden  davon.  Ich  sollte  nur  die  Herzensschwester  seyn,  ich 
wollte  ihnen  hübsch  vorrechnen  wie  unrecht  Sie  thun,  auf  eigne  Kosten 
drucken  zu  lassen.  Das  muss  kein  gescheuter  Mann  thun.  —  Mein 
Mann  —  kann  heute   nicht  schreiben  —    ich  soll  Ihnen  aber  sagen, 

1)  An  den  ersten  Jänner  1801.    N.  T.  Merkur  1801  s.  163. 

2)  Gleim  äusserte  sich  in  einem  briefe  an  Herder  (8.  febr.)  sehr  lobend  über 
Böttigers  Recension  von  Herders  Terpsichore  und  bat  Herder,  ihm  für  das  gemachte 
vergnügen  „seinen  Geistdanf  zu  sagen. 

3)  Die  von  Körte  veranstaltete  zweite  ausgäbe.  Das  buch  erschien  ohne  die 
vorrede.    Siehe  die  folgenden  briefe. 

4)  Vgl.  Gleims  widerlegeude  entgegnung  in  seinem  antwortschreiben  vom 
11.  märz. 


BHIKFE  HERBERS   AN  GLEIM  61 

dass  sich  im  Orient,  im  Persischen,  ungemein  schöne  wohlklingende 
Namen,  bedeutend  auf  die  Stelle  sich  auffinden,  worüber  Sie  selbst 
die  grösste  Freude  haben  werden.  Er  grüsst  Sie  1000  mal  —  und 
will  bald  gedruckt  bei  Ihnen  erscheinen  i. 

58.   Herders  gattin  an  Gleim.     Weimar  d.  30.  März  1801. 

Ich  möchte  das  köstlichste  Räucherwerk  auf  den  Altar  des  2.  Aprils 
streuen,  um  die  Nebel  zu  vertreiben,  die  um  Sie  waren,  da  Sie  den 
letzten  Brief  schrieben  2,  Einziger.  Die  Abendröthe  Ihres  Lebens  muss 
der  Morgenröthe  und  dem  Tag  gleichen. 

An  jenem  Tage  wehten  die  Winde  sanft. 
Und  kündigten  der  Erde  den  Lusttag  an; 
Die  Blumen  blühten,  und  am  Abend 
Träufelte  leiser  der  Abendregen. 

Als  dich  0  Sohn  der  schöneren  Grazie, 

Die  Mutter  sanft  im  Arme  zuerst  umfieng. 

Aus  einer  Himmelsmutter  Armen 

Dich,  ein  Geschenk,  an  das  Herz  sich  drückte. 

Feiern  wir  doch  diesen  goldenen  Augenblick  und  vergessen  die 
ganze  Welt. 

Mein  Mann  wird  Ihnen  sagen,  dass  Sie  wegen  dem  rothen  Buch 
recht  haben.  —  Ich  habe  in  der  Dumpfheit  meines  Sinnes  Ihnen  erzehlt, 
was  hie  und  da  ein  Leser  über  das  rothe  Buch  gewünscht  hatte.  Das 
hätte  ich  nicht  sollen.  Das  rothe  Buch  ist  kein  gemeines,  hin  und 
herzudrehendes  Machwerk,  es  ist  Eingebung,  und  muss  es  bleiben. 
Der  Leser  lese  es  dem  ungewohnten  Ohre  einmal  vor,  und  es  wirds 
vernehmen.  Also  darinnen  völlig  Eins  —  und  also  freundlich  umher- 
geschaut Bester.  Sie  haben  des  Edeln  Samen  viel  gestreut  —  er  ist  auf- 
gegangen und  wird  femer  aufgehen,  denn  es  ist  ein  ewiger  und 
unvergänglicher.  Auch  mich  schauen  Sie  wieder  freundlich  an.  Aus 
liebe  zu  Ihnen  hatte  ich  etwas  albernes  geschrieben  —  übergeben  Sie 
jenen  Brief  den  Flammen,  wenn  es  nicht  schon  geschehen  ist.  Sie 
haben  indessen  die  Adrastea  erhalten,  Theuerster  —  lesen  Sie  sie  jnit 
Ihrer  alten  treuen  Liebe,  mit  Ihren  Grundsätzen,  die  ja  ganz  die  mei- 
nes Mannes  auch  sind.  Nur  Bande  des  Herzens  und  Charakters  kön- 
nen eine  Freundschaft  knüpfen,  wie  die  unsrige,  übers  Grab  hin. 

1)  Adrastea.    Siehe  den  folgenden  brief. 

2)  In  dem  schreiben  vom  30.  dec.    D.  s.  305. 


62  PAWEL 

Dass  mein  Mann  Ihren  Beifall  hofft,  und  wünscht  —  das  sagen 
Sie  sich  ja  selbst  schon.  —  Diese  Adrastea  macht  uns  die  Herzen  kund 
und  offenbar  —  Ach  fallen  Sie  nicht  auch  ab,  sonst  könnte  der  Spruch 
erfüllt  werden:  „und  sie  verliessen  ihn  alle".  Doch  wie  könnten  Sie 
das  —  da  Sie  selbst  den  Geist  und  die  Anwendung  der  Geschichte, 
den  Gebrauch  und  die  rechte  Anwendung  der  Wissenschaften  zur  Cul- 
tur  der  Menschen  nur  zu  betrachten  und  diese  Grundsätze  ins  Leben 
zu  verbreiten  gewohnt  sind.  Auf  diesem  Standpunct  lösen  sich,  auch 
die  schmerzhaftesten  Misklänge,  doch  endlich  in  Harmonie  auf. 

Seyn  imd  bleiben  Sie  uns  hold  und  gut  Einziger  —  unsre  liebe 
und  Verehrung  ist  unvergänglich.  Wir  grüssen  die  Herzensschwester 
und  was  Sie  lieben  herzlich.  Ihre 

C.  H 

Zusatz  Herders  an  Gleim. 

An  die  Adrastea,  Bester,  haben  Sie  mich  so  oft  erinnert,  dass 
ich  sie  gewissermassen  für  Ihr  Werk  halte.  Für  Wahrheit  und  Eecht 
stehn  Sie  gewiss,  gesetzt,  dass  Sie  auch  hie  und  da  dies  und  jenes 
anders  ansehn  und  beurtheilen  sollten.  Das  schadet  der  Göttinn  nicht. 
Also 

Herder  an  Gleim. 

Gleimio 

Adrasteam  Nemesin 

d.  d.  d. 

Herder. 

Dass  Sie  mich  von  der  Vorrednerei  zu  einer  Schrift,  die  keiner 
Vorrede  bedarf,  erlöset  und  absolvirt  haben;  dafür  Dank!!!  Ich  wüste 
nicht,  was  ich  sagen  sollte,  wüste  eigentlich  auch  vom  ganzen  Ver- 
sprechen nichts:  wie,  wenn,  bei  welcher  Gelegenheit  es  gesagt  worden. 
(Siehe  hinten  die  Anmerkung).  Das  weiss  ich,  dass  Sie  zu  Olims  Zeit 
eine  Vorrede  zu  den  Fabeln  von  mir  verlangten;  wie  lange  ist  das 
eben  ?  Seitdem  sind  die  Fabeln  ohne  Vorrede  erschienen  und  befinden 
sich  wohl;  was  soll  ich  zum  rothen  Buch  vorreden?  Mahomed  sagte: 
„ich  bin  vom  Himmel  gesandt.  Euer  Prophet;  wer  will  mein  Wezir 
seyn?  (ohne  Vorrede.)  Ali  stand  auf  und  sagte.  Ich!  Du  bist  der 
Prophet  des  Herren!  Der  ganze  Stamm  folgte".  Du  bist  der  Prophet 
des  Herrn!  und  ich  dein  Ali,  sage  ich  gehorsamst  sans  phrase  et  sans 
preface.  —  Veränderung  der  Namen  ist  auch  nicht  nöthig.  Man  ist 
an  diese  und  an  ähnliche  gewohnt;  sie  sind  wohlklingend,  und  im 
Himmel,   wo   bekanntlich   nur   orientalisch  gesprochen   wird   und  wir 


BRIEFK  HERDERS   AN   OLRIM  63 

uns  alle  verstehen,   spricht  man  in  dieser  Mundart.     Dank  Ihnen  für 
die  Worte  über  Erdmannsdorff.    Videbimus  ubi  reponendus  sit  dominus. 

"Wenn  Sie  an  Bälde  gedenken,  sprechen  Sie  wie  aus  dem  Todten- 
reich.     Wer  denkt  jetzt  an  Bälde? 

Chor:  Ja  Bälde! 

Leben  Sie  wohl.  Wenn  ich  einmal  Zeit  habe,  will  ich  sehen, 
ob  er  nicht  einen  Bruder  findet,  und  Terpsichore  sich  zur  Adrastea 
gesellen  kann.  Bis  dahin  bin  ich  mit  Wünschen  zum  häuslichen  Fest- 
altar, wie  mit  Gruss  und  Treue  Ihr 

alter  H. 

Zusatz  von  Herders  gattin. 

Ei,  ei,  mein  lieber  Gemahl,  Sie  haben  ein  schwaches  Gedächt- 
niss  —  es  war  vor  2  Jahren  da  der  Wilhelm  Körte  seinem  Oncle  eine 
heimliche  Freude  mit  einer  neuen  Ausgabe  des  rothen  Buchs  machen 
wollte  und  meinen  Mann  um  eine  Vorrede  bat  —  nemlich  um  ein 
hübsches  Wort  —  es  sollte  ja  keine  Deduction  seyn  —  und  da  ver- 
sprachs  mein  Mann  dem  guten  Neffen  der  dem  guten  Oncle  Freude 
machen  wollte  —  Wenn  Körte  unsre  Briefe  aufgehoben  hat,  so  kön- 
nen Sie  als  Belege  gegen  den  H.  Yicepraesident  dienen.  Adio,  adio. 
Ich  wünsche  Ihnen  allen  ein  besseres  Gedächtniss  und  einen  recht 
freundlichen  Tag. 

59.   Herders  gattin  an  Gleim.     Weimar  d.  10.  Aug.  1801. 

Theuerster,  Geliebtester. 
Ihre  dictierten  Zeilen  vom  20.  Jul.^  haben  wir  erhalten;  ich  kann 
aber  heute  nicht  darauf  antworten,  sonst  müsste  ich  bitter  klagen  um 
Ihre  Augen.  Nur  einige  Nachricht  muss  ich  Ihnen  von  unsrer  Keise 
geben,  die  wir  nach  Baiem  zu  Adelbert  thun.  übermorgen  gehts 
durchs  Voigtland,  über  Baireuth,  Amberg  und  Waldmünchen,  nach 
Arnschwang,  wo  wir  unter  dem  Dach  unsres  Sohnes  einige  Wochen 
zu  leben  gedenken.  Mein  Mann  hat  eine  Entlastung  seiner  Geschäfte 
höchst  nöthig.  In  ein  Bad  wollte  er  nicht  Adelbert  wünscht  unsre 
Gegenwart;  und  so  macht  sich  die  Reise.  Wir  werden  etwa  5  —  6  Wo- 
chen ausbleiben.  Bei  unsrer  Heimkunft  sollen  Sie  sogleich  von  uns 
hören*,  und  ich  will  Ihnen  von  den  Bergen  und  Wäldern  Baiems 
erzehlen.     Merkwürdige  Städte   dieses  Landes   werden  wir  nicht  auf- 

1)  D.  8.  292. 

2)  Herders  gattin  schrieb  erst  am  1.  november. 


64  PAWBL 

suchen ;  dazu  gehört  Zeit  und  Geld.  Nur  Einsamkeit  und  Stille  suchen 
wir,  und  die  hoffen  wir  bei  Adelbert  zu  finden.  0  könnte  ich  ein 
Mittel  für  Ihre  Augen  finden!  Auch  Ihre  dictierten  Briefe  sind  uns 
theuer  und  werth.  Senden  Sie  uns  dergleichen  unter  der  gewöhn- 
lichen Adresse  hierher  —  unser  Doctor  sendet  sie  uns  zu.  Mein  Mann 
ist  unter  Rechnungsabnahmen  und  athmet  kaum.  Verzeihen  Sie  dass 
er  Ihnen  nicht  selbst  Adieu  schreibt.  Sein  Geist  und  Herz  ist  bei 
Ihnen!  Sie  sind  ihm  doch  noch  gut  und  glauben  doch  nicht,  dass  er 
aus  der  Gnade  Gottes  gefallen  ist?  Bonstetten,  der  Begnadigte,  ist 
nicht  bei  uns  gewesen.  Ach  Tlieuerster,  wir  sind  alle  arme  Sünder 
vor  Gott  —  nur  die  liebe  hält  die  Freunde  und  die  Welt  zusammen. 
Entziehen  Sie  uns  Ihre  Liebe  nicht.  Auch  entfernt  sind  wir  Ihnen 
und  den  Theuren  im  Hüttchen  nahe. 

Ihre 

ewige  C.  H. 

60.  Herders  gattin  an  Gleim.      Weimar  d.  18.  Dec.  1801. 

—  die  Hüllet  Es  wird  ja  auch  wohl  wieder  anders  werden.  Das  3.  St. 
der  Adrastea  wird  in  3  —  4  Wochen  fertigt.  —  An  dieser  späten  Er- 
scheinung ist  nun  mehr  der  Drucker  als  der  Autor  schuld.  Die  Welt 
hat  gar  zu  viel  Geist  und  muss  ihn  bekannt  machen  —  die  Geschäf- 
tigen laufen  ihm  alle  den  Rang  ab. 

—  Lessing  steht^  Nun  lassen  Sie  uns  bald  ein  freundliches  Wort 
hören  und  dictiern  einen  langen  grossen  Brief,  geliebter  Freund,  und 
sagen  uns  wie  es  Ihnen  geht  und  der  Herzensschwester,  die  Ihre  Lei- 
den gewiss  doppelt  mit  trägt.  Vernehmen  Sie  die  innere  Sonne  seines 
Lebens,  treue  Gefährtin,  Pflegerin  und  Herzensschwester!  Was  macht 
Körte?  wo  ist  er?*  Sagen  Sie  uns  auch  etwas  von  seinem  Leben  imd 
Thun.  Das  ganze  Hüttchen  und  was  Ihnen  angehört,  die  gute  Madll 
Keller^  mit  eingeschlossen,  ist  von  uns  allen  herzlich  gegrüsst.  Und 
bei  Ihnen^  — 

1)  D.  s.  294  zeile  4  von  unten. 

2)  Den  1.  Januar  1802  sehreibt  sie  noch:  „Bald  wird  dieser  Raphael  Ihnen  das 
dritte  Stück  der  Adrastea  vorlesen".  Die  Sendung  erfolgte  erst  am  18.  februar.  Siebe 
den  folgenden  brief  gleichen  datums. 

3)  D.  z.  17  von  unten. 

4)  Körte  begab  sich  in  folge  eines  bruchs  zwischen  ihm  und  dem  seines  angen- 
leidens  wegen  launischen  Gleim  anfangs  november  nach  Berlin. 

5)  Tochter  eines  benachbarten  pfarrers,  Gleims  ^gehülfin". 

6)  D.  zeile  18  von  unten. 


BBIEFE  HERDERS  AN  GLEDf  65 

61.  Herders  gattin  an  Gleim.      Weimar  d.  15.  Jan.  1802. 
Theuerster,  an  den  wir  täglich  denken!  —  Ach  Gott  könnten  wir 

nur  Abends  ein  Stündchen  zu  Ihnen  fliegen !  Wäre  die  Jahreszeit  nicht 
so  strenge  und  der  Patienten  weniger,  Gottfried  würde  zu  Ihnen  flie- 
gen und  wenigstens  seine  Kunst  versuchen,  Ihnen  den  Schlaf  wieder 
zu  verschaffen. 

Über  Bothes  Unglück  sind  wir  recht  erschrocken  ^  Mein  Mann 
hat  seiner  Übersetzung  des  Euripides  in  der  Adrastea  mit  überzeu- 
gendem Lob  gedacht.  Er  achtet  das  poetische  melodische  Gefühl  die- 
ses Mannes  recht  hoch.  Welch  eine  hai*te  Prüfung  ist  ein  solchog 
Unglück.  —  Ich  habe  gestern  nach  Leipzig  um  das  Buch  geschrieben 
„Auf  der  Erde  giebts  ärgere  Teufel".  Sobald  es  kommt,  sollen  Sies 
gleich  erhalten.  Hier  in  Weimar  ists  nicht.  Wir  umarmen  Sie  und 
die  Herzensschwester  mit  ewiger  Liebe. 

62.  Herders  gattin  an  Gleim.     Weimar  d.  18.  Febr.  1802. 
Theuerster  Einziger.     Das  3te  Stück  der  Adrastea  kommt  endlich 

hiebei.  Verzeihen  Sie  die  Verspätung.  Wir  waren  aber  in  Disput  mit 
Hartknoch  —  wir  wollten  dass  er  einen  Titel  wie  zu  den  vorigen 
Stücken  liefern  sollte  —  er  that  es  aber  nicht  und  meinte  das  3te  und 
4te  Stück  soll  nah  aufeinander  folgen,  die  Leute  würden  gleich  in  Einem 
Band  zusammenfinden  und  brauchten  daher  nur  Einen  Titel.  Dies  ist 
die  Ursache  dieses  Misstandes  der  mir  sehr  misfällt.  Möge  Ihnen  der 
Inhalt  dieses  3ten  Stückes  gefallen  bester  Freund.  Ihr  Urtheil  über 
die  Fabel,  ob  es  mein  Mann  so  getroffen  hat,  ist  ihm  vom  grössten 
Werth.  Sagen  Sie  ihm  bald  ein  freundliches  Wort,  Meister  des  Schö- 
nen, Guten  und  Wahren.  Sie  selbst  und  Ihre  grossen  Verdienste  kom- 
men in  die  Stücke  wenn  Friedrich  kommt.  Sie,  Patriot  der  Deut- 
schen von  Herz  und  Geist!  darauf  freue  ich  mich!  —  Leben  Sie  für 
heute  wohl,  Ewigtheuerstcr  Freund,  und  liebste  Herzensschwester. 
Gott  schenke  Ihnen  und  uns  Gedult  bis  der  erfreuende  Frühling  kommt 
und  Sie  die  Nachtigallen  im  Garten  wieder  hören.  0  die  Natur  ist 
die  einzige  Trösterin  für  alle  Leiden!  dass  wir  doch  das  Bild  von  ihr, 
einer  liebenden  Mutter  nie  vergessen.  Ewig  sind  wir  und  bleiben 
wir  die  Ihrigen. 

63.  Herders  gattin  an  Gleim.       Weimar  d.  5.  April  1802. 
Ewig  theuerster.     Ich  habe  an  Ihrem  lieben  Fest,   dem  2.  april, 

von  morgens  2  Uhr  an  —  nur  in  Schmerzen  denken  können  an  die- 

1)  Vgl.  Gleims  brief  vom  20.  Januar  und  das  antwortschreiben  von  Herders 
gattin  vom  5.  februar. 

ZEITSCHBIFT   F.   DEUTSCHE   PHILOLOGIE.      BD.    XXV.  5 


66  PAWEL 

sem  frohen  Tag.  Auch  mein  Mann  war  zwischen  Arbeit  und  fremden 
Besuch  getheilt  dass  er  auch  nicht  zum  Athem  kommen  konnte,  sonst 
hätte  er  Ihnen  wenigstens  Kuss  und  Gruss  diesen  Tag  zugeschickt  — 
Wir  hoffen,  dass  Sie  uns  in  Ihrem  Herzen  nicht  vermisst  haben,  wenn 
der  Kreis  der  Freunde  an  diesem  Tag  um  Sie  war.  Wir  waren  bei 
Ihnen  mit  Herz  und  Seele.  —  die  bessere  Zeit  bringend  Im  IV. 
Stück  der  Adrastea  p.  287  steht  über  Bothes  Übersetzung  die  Anmer- 
kung ■)  „Wer  die  Griechen  in  ihrer  Sprache  nicht  lesen  kann,  lese 
sich  Bothes  Übersetzung  des  Euripides  laut  vor.  Ein  erster  kühner 
Versuch  dem  andere  folgen  mögen.  In  ihm  wird  ein  Geist  laut  und 
lebendig,  an  den  uns  eine  schleichende  Prosa- Übersetzung  kaum  erin- 
nert" 2.  Die  Stimmen  ..  folgen  mögen^.  Wieland  hat  den  Ion 
des  Euripides  übersetzt;  er  kommt  in  das  nächste  Stück  des  attischen 
Museums.  Er  kam  darauf,  da  eben  auf  dem  hies.  Theater  ein  Ion 
von  Schlegel  aufgeführt  worden  ist;  ein  freies  freches  Stück,  eine  Ver- 
sündigung an  den  Griechen,  und  an  dem  Schönen  und  Edeln.  Statt 
der  Pallas,  wie  sie  beim  Euripides  erscheint,  erschien  Apollo  und 
bedankte  sich  für  die  schöne  Lust  die  er  in  der  Hole  mit  der  Dame 
gehabt  hatte!!!  Man  traute  nicht  mehr  aufzusehen.  Solche  schamlose 
Frechheit  will  man  hier  für  griechischen  Geschmack  ausgeben.  Dass 
Sie  dergleichen  Versündigungen  weder  sehen  noch  hören  —  darüber 
freuen  Sie  sich.     Nun  genug  für  heute. 

64.   Herders  gattin  an  Gleim.       Weimar  d.  13.  Mai  1802. 

Wieder  eine  so  lange  Pause,  theurer  Herzensfreund!  Verzeihen 
Sie  der  armen  Geplagten,  und  noch  mehr  verzeihen  Sie  meinem  Mann, 
dem  armen  Geplagten!  Sehen  Sie  die  hier  kommende  5te  Adrastea 
als  den  Inhalt  seiner  Briefe  an,  die  er  Ihnen  bisher  hätte  schreiben 
können  und  sollen*.  Die  Preussische  Krone  ist  Ihnen  gewidmet, 
ächter  Patriot!  Wir  verlangen  Ihre  Gedanken  hierüber  zu  hören. 
Mann  Gottes  und  Prophet.  Schreiben  Sie  nur  bald,  Ihre  Stimme  ist 
ein  Ton  aus  der  Welt  der  Wahrheit!  Sie  sind  mir  doch  nicht  böse, 
dass  ich  einige  Gedichte  aus  den  Zeitgedichten,  denen,  die  Sie  für  den 
Merkur    sandten,    beigestellt   habe.      Es   war    gegen    Ihren    Willen. 

1)  D.  s.  302  zeile  11  von  unten. 

2)  Und  am  5.  febr.  schreibt  sie  an  Oieim :  „Meines  Mannes  Note  in  der  Adra- 
stea 4  1.  St.  heisst  also:  "Wer  die  Griechen  in  ihrer  Sprache  usw. 

3)  Zeile  8  von  unten. 

4)  Vgl.  Gleiins  antwortschreibeu  vom  26.  mai. 


BBIEFB  HERDERS  AN  GLEEM  67 

Uns  allen  dünkte  aber,  es  wäre  nicht  unrecht,  dass  sie  bekannt  wür- 
den. —  Ich  bin  aber  nicht  ruhig  bis  ich  Ihre  Absolution  liierüber  habe. 

Mit  dem  Besuch  unsres  guten  Doctors  heissts  denn:  der  Mensch 
denkt  und  Gott  lenkt  — 

Ich  beneide  die  treffliche  Voss  dass  sie  für  den  Bothe  diess 
zusammengebracht  hat.  Die  Emigranten  haben  mir  hier  alle  Brunnen 
und  Quellen  erschöpft.  Auch  habe  ich  3  Wittwen  mit  6  unversorgten 
Kindern  auf  meine  Schultern  und  mein  Herz  genommen.  Sie  können 
sich  nicht  denken,  wie  sehr  dieser  Theil  hier  verlassen  ist,  und  wie 
es  mir  schwer  hielt  einige  Beiträge  für  diese  sichtbar  Leidenden  zu 
erhalten.  Bei  'solchen  Gelegenheiten  muss  man  wie  König  Karl  XII, 
selbst  vorangehen. 

Indessen  will  ich  es  noch  nicht  aufgeben  für  Bothe  etwas  zu  hof- 
fen, wenn  Sie  mir  nur  einen  kleinen  Aufsatz  hierüber,  den  ich  pro- 
ducieren  könnte,  gefällig  schicken  wollten.  Ich  mag  unsere  paar  Louis- 
d'or  nicht  so  allein  schicken^.  Mein  Mann  und  ich  umarmen  Sie  und 
die  Herzensschwester  mit  ewiger  Liebe.  Gottes  Engel  seien  bei  Ihnen 
—  sie  machen  Urnen  das  liebe  Hüttchen  zu  einem  Sonnentempel.  Wir 
alle  gross  und  klein  senden  Ihnen  unsre  Wünsche,  die  das  Wort  nicht 

ausspricht  Ihre 

C.  H. 

65.   Herders  gattin  an  Gleim.     Weimar  den  16  July  1802. 

Theuerster  Einziger.  Es  steht  nicht  gut  bei  mir,  darum  habe 
ich  bisher  geschwiegen.  Warum  sollte  ich  durch  unsre  Leiden  die 
Ihrigen  vermehren.  Der  Rheumatism.  der  sich  hartnäckig  bei  meinem 
Mann  auf  die  Augen  geworfen  hat,  und  andere  Übel,  erfordern  ohne 
Aufschub  eine  ernstliche  Cur.  Er  geht  daher  in  wenig  Tagen  nach 
Achen  und  hofft  bei  dieser  Quelle,  die  ihm  einmal  so  grosse  Dienste 
geleistet  hat,  auch  jetzt  wieder  Hülfe  zu  finden.  — 

Der  gute  Bothe  hat  meinem  Mann  einen  Theil  des  Euripides 
zugeeignet,  und  ihm  eine  wahre  Freude  damit  gemacht  Gern  würde 
er  ihm  selbst  dafür  danken,  seine  Augen  aber  erlauben  es  nicht. 
Bester,  er  bittet  Sie,  ihm  in  seinem  Namen  dafür  zu  danken  —  er 
sinnt  darauf  wie  er  ihm  seinen  Dank  thätig  zeigen  kann.  Was  heute 
nicht  geschieht  kann  morgen  geschehen. 

1)  Gleim  trug  sich  mit  der  Idee,  für  Bothe  eine  subscription  oinzuleitoii,  gab 
sie  aber  später  auf.  ^Den  Plau**,  schreibt  er  den  20.  mai  aii  Hordere  gattiu,  „für 
den  guten  Bothe,  den  Hut  in  der  Hand,  ein  Almosen  zu  sammeln,  hab'  ich,  weU 
ich  ihn  seihet  nicht  ausführen  kann,  aufgegeben*^. 

5* 


68  PAWKL 

Und  Sie  Einziger  verzeihen,  dass  auch  Ihnen  mein  Mann  nicht 
schreibt  Er  sitzt  noch  unter  Acten  und  Einrichtung  zur  Abreise,  die 
seine  Augen  über  Gebühr  angreifen.  —  Das  6te  Stück  der  Adrastea 
werden  Sie  durch  unsem  Buchhändler  spedirt  erhaltend  Nun  leben 
Sie  wohl  geliebter  Einziger  und  Mann  der  alten  Zeit  Gedenken  Sie 
unsrer  auch  mit  alter  Liebe  —  mein  Herz  brannte  mir  oft  Ihnen  zu 
schreiben,  aber  meine  Kräfte  reichen  nicht  hin. 

Mein  Mann  schickt  Ihnen  hier  einen  Orpheus  von  Thorild,  da 
er  Ihnen  von  sich  selbst  nichts  schicken  kann.  0  leben  Sie  wohl  — 
alles  Gute,  was  Sie  so  reichlich  thaten,  versammle  sich  jetzt  um  Sie 
wie  eine  Gesellschaft  guter  Engel  und  mache  Ihnen  das  Hüttchen  zum 
Himmel. 

66.   Herders  gattin  an  Gleim.      Weimar  d.  28.  Oct  1802. 

Wir  haben  Sie  nicht  vergessen,  einziger,  unvergesslicher  Freund!  — 
Seit  dem  Uten  dieses  sind  wir  erst  wieder  hier*.  Ich  war  aber  in 
den  ersten  14  Tagen  recht  krank,  und  unfähig  zu  allen  Geschäften. 
Mein  Inneres  rufte  mich  schon  lange,  Ihnen  zu  schreiben  —  und  jetzt 
kommt  Ihr  lieber  Brief  und  beschämt  mich.  Die  Cur  in  Achen  ist 
meinem  Mann  ziemlich  wohl  bekommen  —  er  spürte  abwechselnd  dass 
es  mit  seinen  Augen  besser  geht  —  auch  seine  andern  Beschwerden 
des  Körpers  fühlte  er  erleichtert  —  Wir  waren  vom  27.  July  bis  zum 
3.  Sept  in  dem  theuren  theuren  Achen!  Das  warme  heisse  Wetter  war 
für  des  Vaters  Cur  vortreflich,  aber  für  mich  höchst  angreifend  war 
der  Schwefeldunst  der  heissen  Quelle,  die  in  dem  Hause  war,  worin- 
nen  wir  logirten.  Indessen  zogen  wir  mit  Dank  gegen  Gott  von  die- 
ser Gesundheit  bringenden  Quelle.  Mein  Mann  fühlte  nach  und  nach 
eine  bessere  Gesundheit  bei  sich  einkehren.  Die  Bewegung  der  Reise, 
die  gesunde  Luft  in  Stachesried  trugen  das  ihrige  bei.  Wir  fanden 
Adelbert  in  voller  Thätigkeit  — 

Auf  dies  alles  drückte  das  Siegel,  die  Ankunft  der  Frau  von 
Berg  in  Stachesried.  Sie  hatte  in  Eger  den  Brunnen  gebraucht  und 
da  sie  sich  in  der  Nähe  von  Stachesried  glaubte,  so  brachte  sie  selbst 
einen  jungen  Menschen,  der  ihr  anvertraut  ward,  ins  Oconomische 
Institut.     Ihr  Ersclieinen  war  uns  überraschend  und  wohlthätig.  — 

Wir  reisten  vergnügt  von  Stachesried  ab.  Jetzt  ist  mein  Mann 
in  die  volle  Amtsarbeit  wieder  versunken.  Ach  könnte  er  seine  Augen 
nur  diesen  Winter  schonen! 

1)  Gieim  antwortet  hierauf  am  14.  nov.:  ^Noch  haV  ich  so  viel  Leben,  dass 
ich  ein  Stück  von  der  herrlichen  Adrastea  noch  erwarten  kann*^. 

2)  Von  Aachen. 


BRIEFE  HERDERS  AN  OLEIM  69 

Tausendmal  umarmt  er  Sie  seinen  ewigen  Freund,  imd  sendet 
statt  seines  Briefs  seine  Ariadne  in  Viewegs  Taschenbuch ^  Geden- 
ken Sie  seiner  in  den  schlaflosen  Nächten.  Täglich  und  stündlich 
schicken  wir  Wünsche  zum  Himmel  für  Sie,  und  die  gute  Schwester, 
die  wir  eben  so  herzlich  und  treu  umarmen. 

Ihr  Lied  hat  uns  sehr  sehr  gefallen.  Böttger  hat  es  zwar  schon 
in  den  Septemb.  einrücken  lassen  und  die  ihm  nachgeschickte  Strophe 
hinten  andrucken  lassen  —  es  ist  aber  gemeinschaftl.  beschlossen,  dass 
es  in  den  November  ordentlich  und  ganz  eingerückt  werde,  damit,  es 
seine  volle  Wirkung  thue.  In  diesem  Lied  sind  Sie  ein  Priester 
der  heiligen  Natur.  Nun  vor  heute  genug  Freund  Gottes!  Ich  bin 
nach  der  langen  Abwesenheit  noch  nicht  so  recht  bei  mir  zu  Hause  — 
oder  vielmehr  fühle  ich  mich  abgespannt,  und  möchte  nur  Ruhe,  Ruhe 
gemessen. 

Mit  unsterblicher  Liebe  auf  Erden  und  im  Himmel  sind  wir  die 
Ihrigen,  Einziger.  Carol.  Herder. 

67.   Herders  gattin  an  Gleim.      Weimar  d.  30.  Dec.  1802. 

.  .  Lebensgefährtin  umgesehen^.  Die  Vorsehung  hat  ihn  eine 
finden  lassen  —  die  zweite  Tochter  des  Herrn  von  Münchhausen,  wohn- 
haft auf  seinem  Gut  Herrn -Gosserstädt  (5  Stunden  von  hier)  ist  seine 
Braut.  H.  v.  Münchhausen  ist  der  Sohn  des  ehemaligen  Ministers  bei 
Friedrich  dem  Einzigen,  bekannt  durch  seine  vesten  Grundsätze.  Der 
Sohn  gleicht  ihm  auch  hierin;  er  ist  dabei  ein  vortreflicher  Landwirth, 
und  erzieht  seine  Kinder  häuslich  und  für  die  Landwirthschaft.  —  Seine 
zweite  Tochter  ist  ein  verständiges  gutmüthiges  sanftes  Wesen,  die 
einmal  eine  liebende  Gattin  werden  wird  —  ihre  Jugend  allein  machte 
mich  sorglich,  denn  sie  ist  erst  15  Jahre  alt.  Adelbert  wül  aber  noch 
1  —  IV2  Jahr  auf  sie  und  sein  Glück  warten.  Und  so  wird  denn  die 
Vorsehung  alles  zum  Besten  lenken.  H.  v.  Münchhausen  ist  so  honett 
und  übernimmt  den  an  Ostern  zu  zahlenden  Termin  von  7600  Rth. 
wodurch  Adelbert  sehr  erleichtert  wird. 

Geben  Sie  nun  auch  Ihres  Herzens  Segen  dazu,  Geliebter.  Gott 
lasse  uns  Freude  und  Glück  an  diesem  Bündniss  erleben!  Adelbert 
ist  in  der  Woche  vor  Weihn.  wieder  nach  Stachesried  abgereist.  Es 
gab  bei  seiner  Anwesenheit  so  viele  und  mannigfaltige  Geschäfte,   dies 

1)  flÜDseres  Herders  Melodrama  ist  ein  vortreffliches  Gedicht"  äussert  darüber 
Gleim  an  Herders  gattin  am  14.  november. 

2)  D.  s.  305  Zeile  8  von  oben. 


70  PAWJiL,   BBIEFB  HERDERS  AN  aLEDI 

Anliegen  mit  eingeschlossen,   dass  Ihre  Liebe  und  Güte  mein  Schwei- 
gen verzeihen  wird. 

Über  Ihre  gesandten  lieben  Poesien  ^  nächstens  von  dem  was  uns 
vorzüglich  gefallen  hat  —  lichte  Blättchen  von  ihm^.  Von  Will- 
manns sollen  wir  noch  Calenders  erhalten,  worinnen  meines  Mannes 
Kalligenia  steht.    Sie  müssen  sie  sich  vorlesen  lassen. 

68.   Herders  gattin  an  Gleim.      Weimar  d.  4.  Febr.  1803. 

Sie  sind  krank  gewesen,  schreibt  mir  der  gute  Schmidt  —  Ach 
warum  können  wir  Sie  nicht  die  Abendstunden  besuchen!  Statt  unser 
schickt  Ihnen  mein  Mann  den  entfesselten  Prometheus,  wovon  ich  Ihnen 
letzthin  geschrieben  habe.  Er  fängt  das  7te  Stück  der  Adrastea  an. 
Sobald  das  7.  Stück  fertig  ist,  sollen  Sie  es  haben.  Ach  vergessen  Sie 
uns  doch  nicht,  und  dictiren  nur  einige  Worte  an  uns  —  oder  die 
Herzensschwester  dictirt  Lassen  Sie  uns  nicht  ganz  ohne  Ihre  Worte 
der  Liebe. 

Dem  lieben  Schmidt  danke  ich  vorläufig  für  seinen  freundschaft- 
lichen Brief  —  ich  bin  seit  drei  Wochen  nicht  wohl  —  die  Kälte  ist 
mir  sehr  empfindlich  und  macht  mich  leiden  —  der  Freund  wird  mich 
entschuldigen.  Ich  bin  der  Hauss-  und  Familien -Secretaire  —  Da 
giebts  dies  und  jenes  zu  rathen,  zu  ordnen,  zu  sorgen  —  Niemand 
kennt  der  Eltern  Liebe,  der  Eltern  Sorge,  als  der  sie  selbst  im  Her- 
zen trägt  Aber  noch  Einer  ist,  der  sorgen  hilft  über  alles  Hoffen 
und  wünschen.  Sein  Auge  reicht  weiter  als  das  unsrige  —  Er  macht 
das  Schwerste  leicht,  durch  Liebe  und  Gedult 

Die  Augen  meines  Mannes  machen  mir  noch  viele  Sorgen.  Ver- 
zeihen Sie  ihm  dass  er  schweigend  ist  —  er  muss  sich  schonen.  Im 
Geist  ist  er  bei  Ihnen  —  wie  oft!  wie  oft  sind  wir  beide  bei  Ihnen 
beiden  Herzensfreunden! 

Auf  immer  und  immer 

die  treue 

C.  H. 

Finde  Sie  doch  dies  Briefchen  heiter  und  liebend  an  uns  denkend! 

1)  „Ihnen,  Herzensschwester,  ein  Zeichen  meines  Lebens  zu  geben,  send'  ich 
Ihnen  hierbey  ein  Möpschen,  das  einst  der  Schoosshund  der  Gräfin  Christine  Stolberg 
gewesen  ist,  und  ihr  gestohlen  wui'de,  worüber  sie  un tröstbar  war.  Eingemischte 
ernsthafte  Gedanken  mögen  den  kleinen  Trostgedichten  einigen  "Werth  geben". 

2)  D.  s.  305  zeile  25  von  oben. 

WÄHRING-WIEN.  J.    PAWEL. 


71 

FRIEDRICH  ZARNCKE.i 

In  der  nacht  vom  14.  zum  15.  Oktober  1891  starb  Friedrich  Zarncko  nach 
mehrwöchigem  schwerem  leiden.  Sein  name  ist  in  der  germanistischen  weit  und 
über  sie  hinaus  ein  so  bekanter  und  vielgenanter,  sein  einfluss  auf  die  im  lezten 
vierteljahrhundert  ausgebildete  Germanistengeneration  ein  so  weitreichender,  dass  auch 
der  leserkreis  dieser  Zeitschrift,  zu  deren  mitarbeiten!  er  nicht  gehörte,  gern  einen 
blick  auf  dies  nunmehr  vollendete,  arbeitsvolle  leben  werfen  wird. 

Friedrich  Zamcke  wurde  am  7.  juli  1825  in  dem  dorfe  Zahrenstorf  bei  Brüel 
in  Mecklenburg -Schwerin  geboren.  Sein  vater  war  ein  würdiger  geistlicher,  der,  frei 
von  dogmatischer  befangenheit,  mit  echter  frömmigkeit  eine  edele  geistesbildung  zu 
vereinigen  wüste,  ein  hochgeachteter  prediger,  Seelsorger  und  berater  seiner  gemeinde, 
ein  vortreflicher  lehrer  und  erzieher  seiner  kinder.  Seine  gediegenen  kentnisse  sezten 
ihn  in  den  stand,  seinem  Friedrich,  den  er  mit  einigen  Zöglingen  zusammen  unter- 
richtete, eine  gute  Vorbildung  für  obersekunda  zu  geben;  und  seine  lehrart  war  eine 
so  ausgezeichnete,  dass  der  söhn  noch  in  seinem  lezten  lebensjahre  bekent,  ihn  habe 
nie  der  gedanke  verlassen,  dass  er  alles,  was  er  etwa  wissenschaftlich  zu  leisten 
vermocht,  doch  nui*  dem  wunderbar  klaren  untenichte  verdanke,  durch  den  der  vater 
ibm  die  grundlage  seines  denkens  geschaffen  hatte.  Lehre  und  vorbild  dieses  man- 
nes,  zugleich  der  einfluss  einer  rastlos  tätigen  mutier,  treuer  familiensinn  und  alle 
die  woltätigen  eindrücke,  die  gerade  das  ländliche  pfarhaus  einem  jungen  gemüte  zu 
geben  vermag  —  das  waren  die  gaben,  die  ihn  begleiteten,  als  er  ins  leben  hinaus- 
trat In  drei  jähren  absolvierte  er  die  oberaten  klassen  des  Eostocker  gynmasiums, 
und  ostem  1844  konte  er,  mit  einem  glänzenden  abgangszeugnis  versehen,  die  dor- 
tige Universität  beziehen,  um  theologie  und  philologie  zu  studieren. 

Die  freudigen  erwartungen,  mit  denen  er  an  die  theologischen  Vorlesungen 
herantrat,  scheinen  nicht  befriedigt  zu  sein.  Schon  im  verlaufe  des  ersten  Seme- 
sters gab  er  dies  fach  auf,  während  ein  coUeg  über  deutsche  litteraturgeschichte 
beim  professor  Christian  Wilbrandt  den  wissbegierigen  jungen  Studenten,  der 
schon  damals  schrieb,  die  litteratur  sei  von  jeher  sein  Steckenpferd,  auf  das  lebhaf- 
teste zu  germanistischen  und  ästhetischen  Studien  anregte.  Nachdem  er  diese  noch 
das  folgende  semester  hindurch  unter  Wilbrandt  fortgesezt  hatte,  wante  er  sich 
{ostem  1845)  nach  Leipzig.  Und  hier  gab  nun  vor  allem  Moriz  Haupt  seiner  wis- 
senschaftlichen bildung  die  festere  gmndlage.  Haupt,  der  ihn  im  zweiten  semester 
zu  seinem  famulus  machte,  muss  ihm  von  vornherein  ein  wohlwollendes  Interesse 
entgegengebracht  haben.  Gleich  anfangs  ermahnte  er  den  sanguinischen  jungen  bur- 
schenschafter,  sich  nicht  in  politische  händel  zu  verwickeln;  denn  so  sehr  er  selbst 
auch  der  aufkeimenden  politischen  bewegung  zustimme,  so  sei  doch  noch  soviel 
Unklarheit  in  ihr,  dass  eine  tätige  betoiligung  an  ihr  nur  ein  hemnis  für  die  ent- 
wickelung  eines  Jünglings  sein  würde.  Als  er  Zamckes  „verliebe  für  das  altdeutsche** 
erfuhr,  billigte  er  sie  durchaus,  warnte  ihn  aber,  ja  nicht  etwa  die  klassische  philo- 
logie über  ihr  zu  vergessen.  Zamcke  hat  den  rat  getreulich  befolgt,  und  während 
der  drei  semester  seines  Leipziger  aufenthaltes  hat  er  beiden  fächern  ein  eifriges  Stu- 
dium gewidmet  Bei  Gottfried  Hermann  hörte  er  Aeschylus,  Thucydides  und 
Aristophanes;   bei  Haupt  Babrius,   Horaz,   Dias,   Tacitus  Germania,   geschichte  der 

1)  Für  flreimdliche  anskonft  aaf  mancherlei  anfragen  und  für  bereitwillige  mitteilong  biographi- 
schen roaterials  sage  ich  aach  an  dieser  stelle  horm  professor  Ed.  Zamcke  und  fräolein  Ottilie 
Zarncke  in  Leipzig,  sowie  herm  prof.  Zenker  in  Erlangen  henlichen  dank. 


72  voöT 

altdeutschen  poesie,  Parzival,  deutsche  grammatik;  bei  Danzel  geschichte  der  neue- 
ren deutschen  poesie  und  geschichte  der  bildenden  künste.  So  sehr  ihm  Hermanns 
philologische  kritik  und  sein  fliessendes  latein  in  den  interpretationskollegien  impo- 
nierte, so  unklar  schien  ihm  seine  griechische  und  lateinische  poetik  und  so  kauder- 
welsch sein  deutsch.  Durchwog  des  lobes  voU  ist  er  dagegen  in  briefen  an  seine 
eitern  über  Haupts  Vorlesungen,  an  denen  er  sich  gar  nicht  satt  hören  konto.  So 
schreibt  er  am  12.  mai  1845:  „Haupt  gefält  mir  von  tag  zu  tag  mehr.  Du  glaubst 
nicht,  mit  welcher  klai'heit  und  ruhigen  besonnenhoit  er  spricht  ....  Was  er  im 
coUeg  gibt,  ist  in  der  tat  ausgezeichnet;  nicht  sowol,  weil  es  etwas  neues  ist,  son- 
dern weil  er  es  so  deutlich,  in  so  correcter  form  und  fassung  demonstriert  Er  spricht 
ganz  frei  und  zeigt  überall  gründlichen  fleiss  und  hellen  verstand,  zugleich  gemüt 
und  hingebung  genug,  sich  in  ein  produkt  der  litteratur  hineinzuleben  und  den  ein- 
druck  schön  zu  reproduzieren".  Besonders  wurde  er,  gleich  im  ersten  Semester, 
durch  die  Gennania-vorlesuDg  zu  Tacitus  hiogezogen,  in  dessen  Schriften  er  sich  mit 
einer  wahrhaft  schwärmerischen  andacht  und  ehrfurcht  vertiefte.  Auch  an  Haupts 
lateinischer  goselschaft  nahm  er  tätigen  anteil,  und  seine  erste  arbeit,  über  die  prae- 
fatio  des  Livius,  erhielt  das  für  Zarnckes  art  sehr  charakteristische  prädikat  einer 
dissertatio  accuraiissime  conscripta,  ne  dicam  fiimis  accurate.  —  Daneben  boten 
ihm  das  Leipziger  theator  und  die  Dresdener  kunstsammlungen  reiche  gelegenheit, 
auch  seine  ästhetische  bildung  zu  vervolkomneu ;  den  genossen  von  der  burschen- 
schaft,  mit  denen  er  im  wissenschafQichen  kränzchen  fleissig  die  dramen  unserer  klas- 
sikor  behandelte,  galt  er  auf  littcrarisch- ästhetischem  gebiet  als  zuverlässigster  führer. 

Mit  empfohlungen  von  Haupt  an  Lachmanu  versehen,  siedelte  er  für  das 
Wintersemester  1846/47  nach  Berlin  über.  Ob  er  seine  absieht,  in  Lachmanns 
Seminar  und  in  seine  deutsche  geselschaft  einzutreten,  wirklich  ausgeführt  hat,  scheint 
sich  nicht  mehr  ermitteln  zu  lassen.  Auf  seinem  Berliner  abgangszeugnisse  ist  nichts 
davon  bemerkt,  so  wenig  wie  von  den  Vorlesungen,  die  er  bei  Boeckh,  Enke,  Ranke, 
Ritter,  Trendelenburg  wenigstens  anfänglich  gehört  hat;  nur  je  ein  colleg  bei  Joh. 
Franz  und  E.  Ciirtius  ist  dort  verzeichnet*.  Jedesfals  hat  er  Weihnachten  1850  bei  einer 
kürzeren  anwesenheit  in  Berlin  Lachmann  und  die  brüder  Grimm  besucht  imd  freund- 
lichen empfang  bei  ihnen  gefunden.  Auch  suchte  ihn  Lachmann  ebenso  wie  Haupt 
in  Leipzig  auf.  Von  briefen  der  beiden,  die  er  gelegentlich  erwähnt,  hat  sich  nichts 
erhalten. 

Gegen  ende  der  Berliner  Studienzeit  beschäftigten  ihn  voi'ai'beiten  zu  einer 
doctordissei*tatioD.  Eine  im  jähre  1845  von  der  Rostocker  Universität  gestelte  preis- 
aufgabe:  „Ist  das  tragische  prinzip  des  Shakespeare  und  des  Sophokles  dasselbe?* 
solte  ihren  gegenständ  bilden.  Doch  ist  die  ai'beit  augenscheinlich  nicht  zur  Vollen- 
dung gekommen.  Nachdem  er  mit  dem  sommersemester  1847  in  Rostock  seine  Stu- 
dien abgeschlossen  und  ohne  einreich ung  einer  schriftlichen  arbeit  das  examen  rigo- 
rosum  im  deutschen,  englischen  und  griechischen  summa  cum  laude  bestanden  hatte, 
wurde  er  am  20.  Oktober  zum  doctor  der  philsosophie  promoviert'. 

Nach  einiger  zeit  bot  sich  ihm  eine  beschäftigung,  die  seinen  wissenschaft- 
lichen neigungen  und  besti'ebungen  vortreflich  entsprach:  die  katalogisierung  der  wert- 
volsten  mid  reichhaltigsten  samlung  älterer  deutscher  litteratur  werke,   der  Meuse- 

1)  Doch  mag  Ijachmann  ihm  gestattet  haben ,  an  den  Übungen ,  die  er  damals  im  anschluss  an 
die  Vorlesung  über  deutsche  grammatik  abhielt,  teilzunehmen,  ohne  diese  zu  belegen. 

2)  Reinhold  Bechstein  hatte  die  gute,  diese  notizen  aus  den  akten  der  Roßtocker  philoso- 
phischen fakultät  für  mich  zu  ermitteln. 


FBUDBICH  ZABNCKE  73 

baohsohen  bibliothek.  Diese  im  hinblick  auf  ihren  etwaigen  ankauf  durch  die 
preussische  regierung  zu  verzeichnen,  war  seit  anfang  des  Jahres  1848  Zacher  beru- 
fen; im  juni  desselben  Jahres  wurde  Zamcke  beauftragt,  zunächst  neben  Zacher,  dann 
allein  die  arbeit  fortzusetzen.  Ostern  1850  konte  er  den  katalog  ab^hliessen,  und  im 
herbste  desselben  Jahres  wurde  der  ankauf  für  die  königliche  bibliothek  in  Berlin  vol- 
zogen.  Zacher  hat  in  einem  (in  dieser  Zeitschrift  XX,  393  fg.  mitgeteilten)  briefe  an 
Weinhold  ein  anschauliches  bild  von  seinem  leben  inmitten  der  bücherei  auf  Meuse- 
bachs  gut  Alt-6eltow  bei  Potsdam  entworfen.  Unter  diesen  schätzen  weilte  auch 
Zamcke,  und  die  lange  beschäftigung  mit  ihnen  ist  gewiss  nicht  nur  für  die  ent- 
wickelung  einer  gewissen  samlerliebhaborei  bei  ihm,  sondern  auch  für  die  ausbil- 
dung  der  hauptrichtung  seiner  Studien,  der  richtung  auf  litte  rar  historische  quel- 
len forschung,  von  nicht  geringer  bedeutung  geworden.  Insbesondere  forderte  der 
reichtum  an  deutschen  inkunabeln  zu  eingehender  beschäftigung  mit  der  litteratur  des 
ausgehenden  mittelalters  heraus;  Brants  nan'enschiff  lockte  in  13  ausgaben,  darunter 
ein  trefliches  exemplar  der  editio  princeps;  und  dass  die  ihm  zugewante  arbeit  dem 
fetten  boden  der  Meusebachschen  bibhothek  entspross,  hat  Zamcke  späterhin  dadurch, 
dass  er  die  ausgäbe  des  Narrenschifö  dem  andenken  des  verdienten  samlers  widmete, 
pietätvoll  anerkant. 

Zunächst  aber  galt  es  nun,  nach  beendigung  der  bibliothekarischen  arbeit  sich 
nach  einer  festen  tätigkeit  umzusehen,  die  zugleich  die  weitere  Verfolgung  seines 
eigentlichen  lebensziels,  des  lemens  und  lehrens  der  deutschen  philologie  ermöglichte. 
Wider  lenkten  sich  seine  blicke  nach  Leipzig,  welches  als  Universität  wie  als  mittel- 
punkt  des  deutschen  buchhandels  die  gewünschte  gelegenheit  am  besten  gewähren 
konte.  Mit  dem  bnchhändler  Georg  Wigand  verabredete  er  ein  untemehmen,  zu 
dessen  leitung  Zarncke  bei  der  Vielseitigkeit  seiner  wissenschaftlichen  interessen,  wie 
er  sie  später  in  seinen  Schriften  bewährte,  vorzüglich  geeignet  war.  Es  galt  die  grün- 
dung  einer  Wochenschrift,  die  eine  volständige  und  schnelle  Übersicht  der  gesamten 
litterarischen  tätigkeit  Deutschlands  vermitteln  würde.  Sie  solte  daher  alle  in  den 
deutschon  buchhandel  fallenden  werke  bibliographisch  möglichst  genau  anzeigen,  von 
allen  bedeutenderen  wissenschaftlichen  Zeitschriften  eine  gedrängte  übersieht  des 
inhaltes  bringen  und  zu  allen  wichtigeren  büchem,  sowie  zu  solchen,  deren  inhalt 
und  zweck  aus  dem  titel  allein  nicht  erkant  werden  könten,  erklärende  notizen  und 
kurze  berichte  liefern,  um  den  leser  mit  dem  werke  seinem  inhalt  und  seiner  form 
nach  im  algemeinen  bekant  zu  machen  und  die  Stellung  desselben  zu  der  übiigen 
litteratur  kui'z  anzudeutend  So  ei'schien  denn  am  1.  Oktober  1850  die  erste  nummer 
des  „Litterarischen  centralblattes  für  Deutschland*^,  dem  Zamcke  als 
redakteur  von  da  an  eine  hingebende  tätigkeit  bis  an  sein  lebensende  gewidmet  hat. 
Anfänglich  macht  sich,  dem  ursprünglichen  plane  gemäss,  in  den  ai'tikeln  des  blattos 
das  rein  bibliographische  noch  mehr  bemerklich;  blosse  titelangaben  sind  nicht  selten; 
die  reforate  sind  meist  kurz,  wenn  auch  in  der  regel  schon  mit  einer  beurteilung 
verbunden;  die  gesamte  deutsche  litteratur  wird  berücksichtigt.  Almählich  tritt  das 
wissenschaftlich -kritische  dement  stärker  hervor,  die  mbrik  „poesie**  fält  fort,  rein 
bibliographisch  werden  nur  noch  die  Zeitschriften,  dissertationen  und  programme  ver- 
zeichnet, die  blossen  inhaltsangaben  werden  seltener,  auf  die  Charakteristik  der  ein- 
zelnen werke  und  auf  das  ui'teil  über  sie  fält  mehr  und  mehr  der  eigentliche  Schwer- 
punkt   Es  gelang  Zamcke  sehr  bald  die  hervorragendsten  gelehrten  als  mitarbeiter 

1)  Vgl.  das  Programm  iu  der  ersten  nommer. 


76  VOGT 

und  naseweise  abschrift*^  dieser  vorläge  (Litt,  centralbl.  1854,  sp.  116.  Zur  Nibelun- 
genfrage  s.  20).  Es  ist  sehr  zu  bedauern,  dass  Zamoke  in  der  alzu  bescheidenen 
meinung,  die  Wissenschaft  habe  nur  gewonnen,  wenn  ihm  ein  mann  zuvorgekommen 
sei,  „dessen  längst  anerkante  Verdienste  dazu  beitragen  würden,  der  Wahrheit  die 
gebührende  geltung  zu  verschafEen*^,  die  eigene  arbeit  um  der  Holtzmannschen  willen 
zurückhielt.  Denn  darüber  herscht  jezt  gewiss  kein  zweifei  mehr  unter  den  germa- 
nistcn,  dass  die  anschauungen,  welche  er  in  seiner  schrift  niedergelegt  hatte,  der 
Wahrheit  erheblich  näher  kamen  als  die  Holtzmanns.  Aber  er  gab  sich  gefangen. 
Schon  in  der  ersten  anzeige  der  Untersuchungen  (Litt.  cbL  a.  a.  o.)  erklärt  er  die 
meisten  einwendungen  gegen  C  aufgegeben  zu  haben,  ja  er  wünscht  geradezu,  sich 
schon  volständig  überzeugt  erklären  zu  können:  „denn  welch  gewinn  wäre  es,  wenn 
man  sich  mit  voller  gewissensruhe  dem  genusse  des  textes  jener  prachthandschrifk 
hingeben  könte,  deren  edler,  aus  einem  gusse  geflossener,  massvoller  stil  auch  in 
dem  blossen  handschriften-abdruck  zur  bewunderung  hinreisst*.  Und  in  seiner 
antritsvorlosung  hat  er  dann,  sichtlich  unter  dem  eindruck  solcher  empfindungen,  den 
Übergang  volzogen. 

Die  fteundlich  bescheidenen,  ehrenden  werte,  mit  denen  Zamoke  am  Schlüsse 
dieser  Vorlesung  Moriz  Haupts  als  seines  lebrers  und  Vorgängers  gedachte,  werden 
bei  diesem  wenig  Widerhall  gefunden  haben.  Denn  gross  war  die  entrüstung  über 
den  angriff  auf  Lachmanns  kritik.  Im  decemberheffce  der  Kieler  monatsschrift  ergieng 
sich  Müilenhoff  über  „die  herren  Holtzmann  und  Zarncke  und  das  ABC  der  Nibe- 
lungen'^ —  leider  in  einem  tone,  der  nur  dazu  angetan  war,  die  gegner  auch  seinen 
stichhaltigen  argumenten  unzugänglich  und  die  sachliche  fortführung  der  discussion 
unmöglich  zu  machen.  Es  war  „ein  gift  gefallen*^,  an  dem  die  germanistischen  Stu- 
dien lange  krankten.  Gegensätze  wissenschaftlicher  methode,  wissenschaftlicher  nei- 
gungen  und  fähigkeiten  hatten  sich  schliesslich  so  persönlich  zugespizt,  dass  mistrauen 
und  geringschätzung  zwischen  anhängem  und  gegnem  der  Lachmannschen  Nibelun- 
genkritik geradezu  traditionell  wurde.  Auch  Zarncke  hat  darunter  gelitten;  nicht 
allein  insofern,  als  man  auf  jener  seite  seinen  Verdiensten  die  gebührende  anerken- 
nung  versagte.  "Wer  ihn  wahrhaft  schäzt,  wird  noch  mehr  bedauern,  dass  auch 
ihm  in  der  einzelkritik  wie  im  gesamturteil  über  seine  gegner  der  blick  mehrfach 
getrübt  ward. 

In  der  Nibelungenfrage  verteidigte  er  —  von  den  recensionen  im  Centralblatt 
abgesehen  —  vor  allem  zwei  jähre  später  in  seiner  ausgäbe  und  in  den  Beiträgen 
zur  erklärung  und  zur  geschichte  des  Nibelungenliedes  (Berichte  der 
Sachs,  akad.  VIII,  153  —  266)  seinen  Standpunkt.  Auch  wer  diesen  nicht  teilt,  muss 
ihm  für  die  saubere,  handliche  ausgäbe  der  redaktion  C  mit  den  zweckmässigen  bei- 
gaben, vor  allem  der  musterhaft  knappen  und  klaren  einleitung,  dank  wissen;  nicht 
minder  aber  für  die  aus  einem  reichen  schätze  litterarischer,  historischer  und  kultur- 
geschichtlicher kentnisse  geschöpften  Sacherklärungen,  die  sich  in  jenen  „Beiträgen*' 
finden.  Ein  teil  des  aufsatzes  im  Jahrgang  1859  der  Germania  und  die  abhandlung 
über  die  jagd  im  Nibelungenliede  in  Paul  und  Braunes  Beiträgen  vom  jähre  1885  kön- 
nen als  foi*tsetzung  dieser  erläuterungen  beti'achtet  werden,  die  leider  nicht  zu  einem 
ui-sprünglich  beabsichtigten  roalkommentar  vervolständigt  und  abgerundet  wurden. 
Schon  seine  Vorlesungen  und  die  neuen  auflagen  seiner  ausgäbe  boten  ihm  die  ver- 
anlassung zur  fortdauernden  beschäftigung  mit  der  Nibolungenfrage.  In  weitere  kreise 
drang  noch  einmal  das  kampfgetöse,  als  ihn  im  jahie  1877  eine  gar  zu  souveiftne 
äusserung  Scherers  über  Lachmanns  gegner  zu  einem  heftigen  angriff  auf  des  meisters 


FBD&DBICH  ZABNCKE  77 

heptadengläubige  jünger  veranlasste.  Drei  jähre  später  spürte  er,  wie  er  mir  damals 
schrieb,  grosse  lost,  ,, wider  einmal  mit  frischen  kräften  in  die  Nibelungenfrage  hin- 
einzutreten*. Nach  den  weiteren  werten  dieses  briefes  hatte  er  sich  schon  damals 
seinem  ursprünglichen  Standpunkt  und  demjenigen  Bartschs  insofern  genähert,  als  er 
einen  grossen  teil  der  plusstrophon  in  C  aufgab,  während  er  doch  meinte,  dass  C  in 
viel  mehr  punkten  als  B  die  originale  lesart  biete;  eine  ansieht,  die  er  dann  1887 
auch  in  der  ausgäbe  formulierte  \  An  der  Verwerfung  der  handschrift  A  hat  er  bis  zulezt 
festgehalten;  und  damit  erachtete  er  auch  die  hedertheorie  von  vornherein  für  abgetan. 

Mitten  unter  den  stürmen  des  ersten  Nibelungenstreites  legte  der  junge  pro- 
fessor  den  grund  zur  eigenen  häoslichkeii  Am  9.  april  1855  wurde  er  in  der  hei- 
mat  vom  vater  mit  Anna  Pauline  Geitner  aus  Leipzig  getraut.  Neun  jähre  war 
er  mit  ihr  vereint;  dann  wurde  sie  ihm  durch  den  tod  entrissen;  sie  blieb  ihm  fürs 
leben  unersetzlich.  Aber  eine  verwitwete  Schwester,  sein  söhn  und  drei  töchter,  die 
in  seiner  näheren  und  nächsten  Umgebung  blieben,  haben  ihm  bis  zulezt  die  Segnun- 
gen des  familienlebens  erhalten. 

Die  junge  ehe  schien  zunächst  durch  eine  andere  gefahr  bedroht  In  rastloser 
tätigkeit  hatte  Zamcke  neben  den  Nibelungenarbeiten  auch  die  ausführung  eines  teiles 
des  von  Benecke  vorbereiteten,  von  W.  MüUer  weiter  bearbeiteten  mittelhoch- 
deutschen Wörterbuches  übernommen  und  zugleich  die  von  den  Brant-studien 
ausgegangenen  forschungen  zur  älteren  speciellen  und  algemeinen  Universitätsgeschichte 
eifrigst  fortgesezi  Die  reihe  seiner  ausgaben  von  urkundlichen  quellen  zur  geschichte 
der  Universität  Leipzig  war  im  3.  bände  der  abhandlungen  der  königlich  sächsischen 
geselschafk  der  Wissenschaften  eröfnet  Zur  Verwirklichung  des  planes  einer  zusam- 
menfassenden chai'akteristik  des  deutschen  Universitätslebens  im  mittelalter  war  mit 
der  vorrede  zu  dieser  publikation  und  mit  dem  ersten  bände  der  unter  dem  titol 
,iDie  deutschen  Universitäten  im  mittelalter*^  vereinigten  quellenschriften 
von  algemeiner  bedeutung  der  erste  schritt  getan.  Eine  anzahl  ähnlicher  bändchen 
solte  schnell  folgen.  Der  ansehnliche  quartband  der  Acta  rectorum  universitatis  Lip- 
äiensis  war  dem  erscheinen  nahe.  Eine  Untersuchung  über  das  Muspilli  war  begon- 
nen. Schon  war  auch  seinen  bestrebungen  und  leistungen  durch  die  im  Oktober  1858 
erfolgte  beförderung  zum  Ordinarius  die  wolverdiente  anerkennung  zu  teil  geworden. 
Da  schien  es,  als  solte  seinem  mannigfaltigen  schaffen  vorschnell  ein  ende  gesezt 
werden. 

Ein  blutsturz  warf  ihn  im  juli  1859  auf  das  krankenlager,  und  die  ersten  zei- 
chen einer  tuberkulösen  lungenerkrankung  wurden  bemerkt.  Im  Oktober  war  er  so 
weit  erholt,  dass  es  ihm  möglich  schien,  sich  zum  winteraufenthalto  nach  Nizza  auf- 
zumachen. Aber  auf  der  reise,  in  "Wien,  befiel  ihn  eine  neue,  schwerere  lungenblu- 
tung,  der  bald  noch  andere  folgten.  Ei-st  ende  november  konte  die  reise  fortgesezt 
werden;  doch  wurde  jezt  Venedig  als  näher  liegendes  ziel  gewählt.  Am  2.  december 
schrieb  der  kaum  vom  tode  errettete  in  Venedig  die  vorrede  zu  den  Acta  rectonmi, 
und  bis  zum  april  1860  verbrachte  er  dort  eine  zeit  fortschreitender  genesung.  Durch 
längeres  verweilen  in  Meran,  in  Berneck  im  Fichtelgebirge  und  in  der  mecklenbur- 
gischen heimat  wurde  seine  gesundheit  weiter  gefestigt,  so  dass  er  im  Wintersemester 
1860/61  seine  lehrtätigkeit  wider  aufnehmen  konte.  Aber  ei'st  nachdem  er  im  früh- 
ling oder  sommer  1862  eine  schwere  brustfelentzündung  durchgemacht  hatte,  war  das 
leiden  endgültig  überwunden;  und  es  folgten  nun  29  jähre  festester  gesundheit  und 
nngeschwächter  arbeitskraft. 

1)  Vgl.  aach  Lit.  cbl.  1875  sp.  457  fg. 


78  voOT 

Von  dem  am  mittelhochdeutschen  Wörterbuch  übernommenen  anteil 
konte  Zamcke  infolge  der  krankheit  nur  die  halfte  zur  ausführung  bringen;  ihrer 
YoUendung  widmete  er  während  des  winters  1862 — 63  seine  ganze  kraft;  so  konte 
im  frühjahr  1863  der  die  buchstaben  M — R  umfassende  band  erscheinen.  Das  mit- 
telhochdeutsche Wörterbuch  wurde  eine  wahre  fundgrube  nicht  allein  für  die  deutsche 
Wortkunde,  sondern  auch  füi*  die  realien,  für  die  grammatik,  kritik  und  Interpretation 
der  mittelhochdeutschen  denkmäler,  das  wichtigste  hilfsmittel  für  den  wichtigsten  teil 
der  altdeutschen  Studien.  Der  dank  dafür  ist  noch  heute  eine  ehrenpflicht  jedes  ger- 
manisten  gegen  Benecke,  Müller  und  Zamcke.  Wenn  gegner  der  beiden  lezten  es 
vorzogen,  ihnen  in  recht  gehässiger  weise  einzelheiten  aufzumutzen,  ohne  ein  wort 
der  anerkennung  für  die  gesamtleistung  zu  finden,  so  ist  das  nur  ein  trauriges  Zeug- 
nis für  jene  parteiverhältnisse,  welche  aller  gesunden  jkritik  den  boden  entzogen. 

Hatten  Zamckes  yoröffentlichungen  bisher  ausschliesslich  der  litteratur  und 
dem  bildungswesen  der  blute  und  der  spätzeit  des  mittelalters  gegolten,  so  lieferte 
er  demnächst  auch  den  beweis,  dass  seine  Studien  weit  genug  über  diesen  Zeitraum 
hinweg  nach  yorwärts  und  rückwärts  ausgegriffon  hatten.  Das  lebhafte  interesse  für 
die  neuere  deutsche  litteratur  hat  ihn  von  der  universitätszeit  weiter  durch  das  leben 
begleitet,  zeitweilig  auch  die  richtung  seiner  philologischen  forschung  bestimt.  Als 
am  19.  Oktober  1865  die  Universität  Leipzig  den  Jahrestag  begieng,  an  dem  vor 
100  Jahren  Goethe  unter  ihre  studierenden  aufgenommen  war,  erschien  als  festschrift 
Zamckes  abhandlung  „Über  den  fünf füssi gen  Jambus  mit  besonderer  rücksicht 
auf  seine  behandlung  durch  Lessing,  Schiller  und  Goethe".  Von  ihrem  ersten  auf- 
treten in  der  altfranzösischen  und  in  der  mittelhochdeutschen  litteratur  an  wird  hier 
diese  versart  durch  ihre  nach  zeiten,  nationalitäten  und  dichtungsgattungen  verschie- 
denen entwickelungsformen  hindurch  bis  in  das  vorige  Jahrhundert  verfolgt,  wo  sich 
nun  für  die  deutsche  nachbildung  zunächst  die  französische,  dann  die  englische 
gestalt  des  fünffüsslers  als  massgebend  erweist,  bis  Lessing  aus  dieser  einen  für  seine 
dichterische  Individualität  sehr  charakteristischen  dramatischen  vers  fi-ei  herausbildet 
An  diesen  knüpft  dann  Schiller  umittclbar  an,  während  Goethe  vom  italienischen 
olfsilbler  ausgeht  (der  ihm,  wie  Zamcke  später  zeigte,  durch Heinse  vermittelt  wurde). 
Die  verschiedenen  kunststufen,  die  der  fünffüssler  in  Schillers  und  Goethes  dichtung 
durchläuft,  die  besondere  art  seiner  rhythmik  und  deren  Zusammenhang  mit  dem 
Charakter  ihrer  poesie  werden  nun  auch  hier  feinfühlig  aufgespürt  und  klar  gelegt 

In  demselben  jähre  aber,  welches  diese  trefliche  studio  zur  geschichte  unserer 
modemen  metiik  und  litteratur  eintmg,  hat  Zamcke  einen  förderlichen  kleinen  bei- 
trag  zur  geschichte  einer  unserer  ältesten  dichtimgen  geliefert,  indem  er  das  Verhält- 
nis der  auf  den  Ursprung  des  Heliand  bezüglichen  Praefatio  zu  den  Versus  de 
poeta  feststelte,  die  iuterpolationen  jener  bestimte  und  so  widerum  zeigte,  wie  wol 
er  auch  höhere  kritik  zu  üben  verstand,  wenn  die  Überlieferung  ihm  nur  genügende 
anhaltspunkte  für  dieselbe  zu  bieten  schien.  Gleich  das  nächste  jähr  brachte  zwei 
weitere  Untersuchungen  zur  litteraturgeschichte  der  zeit  des  fränkischen  reichs,  deren 
eine  die  Sage  von  der  trojanischen  abkunft  der  Franken  auf  ein  gelehrtes 
misverständnis  zui'ückführte,  während  die  andere,  schon  vor  der  krankheit  begonnen, 
jezt  zum  ersten  male  den  christlichen  Ursprung  der  im  Muspilli  zu  tage  tretenden 
voi"stellungen  quellenmässig  feststelte.  In  späteren  jähren  reihten  sich  diesen  beson- 
ders auf  die  quellen  gerichteten  Untersuchungen  zur  vormittelhochdeutschen  periode 
die   über  das  Georgslied  und  über  das  Annolied  au. 


FBISDBIOH  ZABNCKE  79 

Aber  die  gegenwart  war  dazu  angetan,  der  Vergangenheit  das  interesse  auch 
des  eifrigsten  forschers  streitig  zu  machen.  Mit  nicht  geringer  Spannung  wird  er, 
der  schon  als  burschenschafter  für  Deutschlands  einheit  geschwärmt  hatte,  die  ereig- 
nisse  des  Jahres  1866  verfolgt  haben,  und  ohne  einen  inneren  konflikt  zwischen 
preussischem  und  sächsischem  Patriotismus  mag  es  wol  nicht  abgegangen  sein.  Mit 
um  so  rückhaltloserer  begeisterung  konte  er  im  jähre  1870  die  verheissungsvolle  Ver- 
einigung aller  deutschen  stamme  zum  kämpfe  gegen  Frankreich  begrüssen,  und,  schon 
seit  Oktober  1869  rector  der  Universität,  fand  er  reiche  gelegenheit  seinen  feuereifer 
für  die  grosse  sache  in  wort  und  tat  zu  bewähren.  Wie  es  ihm  gelang  dadurch  die 
herzen  der  coUegen  und  der  commilitonen  zu  gewinnen,  zeigten  jene,  indem  sie  ihm 
auch  für  das  jähr  1870 — 71  wider  das  rectorat  übertrugen,  während  alle  aus  dem 
feldzuge  heimgekehrten  Studenten  ihm  durch  Überreichung  eines  mit  ihren  bildom 
geschmückten  albums  ihren  dank  bekundeten.  Mit  einem  kurzen,  aber  schönen  und 
gedankenvollen  rückblick  auf  die  schwere,  herHche  zeit  des  grossen  krieges  legte  er 
im  Oktober  1871  sein  ehrenamt  nieder. 

Auch  ich  kam  damals  nach  beendigtem  kriegsdienste  nach  Leipzig  und  wurde 
mit  freuden  zeuge  der  Verehrung,  die  ihm  Studenten  aller  fakultäten  entgegentrugen. 
An  einem  oktobertage  stand  ich  ihm  zum  ersten  male  in  dem  behaglichen  arbeitszim- 
mer  an  der  Qoethestrasse  gegenüber.  Noch  sehe  ich  den  statlichen  mann  vor  mir, 
wie  er  die  dunkelen,  lebhaften  äugen  unter  hoch  zusammengezogenen  brauen  for- 
schend auf  mich  richtete,  als  weite  er  aus  mir  herauslesen,  was  wol  nach  einem 
£dda-colleg  bei  Adelbert  von  Keller  und  einem  kriegsjahre  an  altnordischem  wissen 
in  mir  vorhanden  sein  könne;  denn  mein  anliegen  galt  der  aufnähme  in  seine  nor- 
dische geselschaft.  Ich  erreichte,  was  ich  weite;  und  einen  abend  jeder  woche  konte 
ich  mich  nun  in  seinem  gelehrtenheim  mit  einer  anzahl  gleichstrebender  genossen  unter 
seiner  leitung  in  der  Übersetzung  der  Gylfaginning,  später  der  Eyrbyggja  saga  üben. 
Seine  anforderungen  waren  nicht  gering.  Es  ging  von  vornherein  flott  vorwärts,  und 
jeder  muste  mit  schritt  halten,  mochte  er  sehen,  wie  er  es  fertig  brachte.  Aber 
immer  war  sein  urteil  human,  niemals  spöttisch  oder  souverän  abweisend,  immer 
fordernd,  niemals  entmutigend.  So  war  es  auch  in  den  deutschen  Übungen,  die  er 
seit  dem  sonmier  1872  abhielt  und  aus  denen  sich  dann  das  eifrigst  durch  ihn  geför- 
derte germanistische  scminar  entwickelte;  so  auch  in  den  persönlichen  besprechungen, 
für  die  der  vielbeschäftigte  rat  suchenden  schülem  bereitwillig  seine  zeit  opferte. 
Sein  freimdliches,  herzlich  wolwoUendes  wesen,  die  lebhaftigkeit,  mit  der  er,  selbst 
rastlos  tätig,  zur  energischen  förderung  einer  einmal  ergriffenen  arbeit  trieb,  der 
eifer,  mit  dem  er  ernsthaftem  und  ehrlichem  sü'eben  die  wege  zu  ebnen  bemüht 
war  —  das  war  es,  wodurch  er  persönlich  am  meisten  wirkte.  Dem  einzelnen  das 
ziel  seiner  arbeit  stecken,  ihm  den  weg  dahin  weisen  oder  ihn  auf  seinen  eigenen 
pfaden  hinter  sich  herziehen  war  nicht  seine  art.  Er  hat  es  nie  darauf  angelegt 
schule  zu  bilden,  sondern  nur  der  freien  entwickelung  des  einzelnen  die  grundlage 
zu  geben. 

In  seinen  Vorlesungen  gieng  er  mehr  ins  detail,  als  es  manchem,  dem  nur 
an  den  hauptpunkten,  nicht  an  specialfragen  lag,  nötig  erscheinen  mochte;  die  jezt 
immer  wachsende,  von  der  öffentlichen  meinung  und  den  prüfungsreglements  eifrigst 
unterstüzte  zahl  derjenigen  studierenden,  welche  nichts  mehr  fürchten,  als  dass  sie 
auf  der  Universität  etwas  lernen  könten,  was  für  ihr  examen  oder  für  das  amt  nicht 
unmittelbar  notwendig  ist,  mag  sich  vollends  durch  das  gebotene  „überbürdet^  gefühlt 
haben.    Aber  wer  nur  ein  fünkchen  forschenstrieb  besass,  der  muste  gefesselt  und  mit- 


78  VOBT 

Von  dem  ain  mittolhoohdeutschen  Wörterbuch  übernommenen  ante 
koDto  Zarncke  iufolge  der  knmkbeit  aar  die  bnlfto  ziir  ausführuDg  brii^eii;  ihn 
TolleDdung  widmete  er  wührend  des  winters  1863—63  seine  ganze  kraft;  so  kont 
im  frühjahr  1863  der  die  bachstaben  M— R  umfassende  band  erBcheioen.  Das  mil 
telbocbdautache  würtorbnch  warde  eine  wahre  fiuidgnibo  nicht  allein  für  die  dentsoli 
Wortkunde,  sondern  aach  für  die  realien,  für  die  grammatik,  kritik  und  inteiprotatio 
der  mittelhochdeutschen  deoltmäler,  das  wichtigste  hilfsmittol  für  den  wichtigsten  te 
der  altdeutschen  Studien.  Der  dank  dafür  ist  noch  heute  eine  ehrenpflicbt  jedes  goi 
inanisten  gegen  Beuecke,  Müller  und  Zarncke.  Wenn  gegner  der  beiden  lesten  ( 
vorzogen,  ihnen  in  recht  gehässiger  weise  einzelbeiten  aufzumutzen,  ohne  ein  woi 
der  anerkennuug  für  die  geaamtleistung  zu  finden,  so  ist  das  nur  ein  trauriges  zeu^ 
iiis  für  jene  parte iverliültoisso,  welche  aller  gesunden  kritik  den  bodeu  entzogen. 

Ilattcn  Zanickes  Veröffentlichungen  bisher  aosschliesslicb  der  littonitur  an 
dem  bildungswcscn  der  blute  und  der  spätzeit  des  nitttelAltora  gegolten,  so  liefert 
er  demnächst  auch  den  beweis,  dass  seine  Studien  weit  genug  über  diesen  zeitraui 
hinweg  nach  vorwärts  und  riickwHrte  ausgogriffen  hatten.  Das  lebhafte  intoresso  fü 
die  neuere  deutsche  litteratur  hat  ibn  von  der  universitStszeit  weiter  durch  das  lebe 
begleitet,  zeitweilig  auch  die  richtung  seiner  philologischon  fonohung  bestirnt.  AI 
am  19.  oktolwr  18C5  die  univeisität  Leipzig  den  jEihrestag  begieng,  an  dem  \t 
100  jähren  Oocthc  unter  ihre  studierenden  anfgenommen  war,  erschien  als  festschii 
Zamckos  albandlung  „Über  den  fünf/üsaigen  Jambus  mit  besonderer  rücksid 
auf  seine  Behandlung  durch  Lossing,  Schiller  und  Goethe".  Ton  ihrem  eraten  au 
treten  in  der  altfranzösischen  und  in  der  mittelhochdeutschen  litteratur  an  wird  hi( 
diese  versart  durch  ihre  nach  Zeiten,  nationalitäten  und  diohtnngsgattangen  Tersobii 
denen  entwickelungsfonnen  hindurch  bis  in  das  vorige  jahiiiiuideit  TSifolgt,  wo  üa 
nun  für  die  deutsche  naohbildnng  zunächst  die  frusBsiBQlu,  dann  die  <>'igli>M* 
gestalt  des  fünnusslcrs  als  massgebend  erweist,  bis  Lesaing  Hns  dieser  daBn  Ar  tan 
dichterische  iodividualitSt  sehr  charakteriBtisohen  dnimatisolifln  Tsn  faä  hanniUUl 
An  diesen  knüpft  dann  Schiller  nmittelbar  an,  während  Goethe  \ 
olfsilbler  ausgebt  (der  ihm,  wie  Zarncke  ap&ter  leigtc,  durch  Heinae  ver 
Die  verschiedenen  kunatstufen,  die  dar  fünSüsslei  in  Bcliillera  und  Goetliee'^ 
durchläuft,  die  besondere  ort  sdner  rhythmik  und  deren  Zusammenhang  i 
Charakter  ihrer  poesie  werden  nnn  auch  hier  feintfi)ilig  aufgespürt  und  klar  gelegt 

In  demselben  jähre  aber,  weluhea  diew  bcfliübe  Studie  zur  gcseliiohto  t 
modernen  metrik  und  litteratur  eintrug,   hat  Zarnoke  einen  fördorlicljon  Vluiue 
trag  zur  geschichte  einer  unseror  filtestm  diehtongen  geliefert,  indem  or  du  vat 
nis   der  auf  den  Ursprung  des  Heliand  betO^iohen  Proffatio   : 
poeia  foststelto,    die  inteipolationen  je        kMtimte  und  gd  widerum  z 
er  aucli  höhere  kritik  zu  üben  veistani       ^^die  üherlieferung  ibni 
anhaltapnnkte  für  dieselbe  zu  bieten  ^^Beieh  dos  nfiobste^ 

weitere  Untersuchungen  zoi  littoratarg        ^^V'  ^'*  ''<^^  ^ 
eine  die  Sago  von  der  trojanisch        ^^H"  <^'"'  ^''Ajj^ 
mis Verständnis  zurückführte,  während         ^^^  Bl^i^  vi 
jezt  zum  ei'ston  male  den  christlichen  t 

voretellungen  quellenmäaaig  feststelte.  Jn 

dura  auf  die  <iucllen  gerichteten  unto  BT 

die   über  das  Georgslied  und  Über  dae 


frudbicb  zabncke  79 

Aber  die  gegenwart  war  dazu  angetan,  dor  yergangeuhoit  das  iutoresse  auch 
dea  eifrigston  forschere  streitig  zu  mauhcn.  Mit  nicht  geritiger  spaDuung  winl  er, 
der  schon  als  borschenEcliaFter  für  DeutschlandH  einholt  geschwärmt  hatte,  die  ereig- 
nisse  des  Jahres  1866  verfolgt  haben,  und  ohne  einen  inneren  konflikt  zwischen 
preuBsischem  und  g£ohsischem  Patriotismus  mag  es  wol  nicht  abgegangeu  sein.  Mit 
nm  so  rückhaltloserer  begeisterung  konte  er  im  jähre  1870  die  verheissungavollo  ver- 
eiuigang  aller  deutschen  atfimme  zum  kämpfe  gegen  Frankreich  begriissen,  und,  schon 
seit  Oktober  1869  rector  der  uniTsisitat,  fand  er  reiche  goleg^ihoit  seinen  feuereifer 
für  die  grosse  Sache  in  wort  und  tat  zu  bewähren.  Wie  es  ihm  gelang  dadurch  die 
herzen  der  collegen  und  der  oommilitonen  zu  gewinnen,  zeigten  Jene,  indem  sie  Ihm 
auch  für  das  jabr  1870 — 71  wider  das  rootorat  übertrugen,  währeud  alle  aus  dem 
feldzuge  heimgekehrten  Studenten  ihm  durch  überreichuag  eines  mit  ihren  bildern 
geschmückten  albums  ihren  dank  bekundeten.  Hit  einem  kuizen,  aber  schönen  nnil 
gedankenvollen  rückbliok  auf  die  schwere,  herliche  zeit  des  grossen  krieges  legte  er 
im  Oktober  1871  sein  ehrenamt  nieder. 

Auch  ich  kam  damals  nach  beendigtem  kriegsdienste  nach  Leipzig  und  wurde 
mit  frenden  zeuge  der  Verehrung,  die  ihm  stndenten  aller  fakult£ten  entgegen  trugen. 
Au  einem  oktobertage  stand  ich  ihm  zum  ersten  male  in  dem  behaglichen  arbeitszitii- 
mer  an  dor  Qoothestrasse  gegenüber.  Noch  sehe  ich  den  statlicben  mann  vor  mir, 
wie  er  die  dunkelen,  lebhaften  äugen  unter  hoch  zusammengezogenen  brauen  for- 
sehend  auf  mtoh  liohtete,  als  wolto  or  aus  mir  herauslesen,  was  wol  nach  emem 
Edda-coUeg  bei  Adelbert  von  Keller  und  einem  kriegsjahre  an  altnordischem  wissen 
in  mir  voihanden  sein  kSnne;  denn  mein  anliegen  galt  der  anfnahme  in  seine  nor- 
dische geselsohaft.  Ich  erreichte,  was  icb  weite;  und  einen  abend  Jeder  woche  konte 
iah  mich  nim  in  aeinem  gelehrtenheim  mit  einer  antah]  gleich  streben  der  genossen  unter 
seiiieT  iaitang  io  der  übeisetiung  der  Oylfaginning,  später  der  Eyrbyggja  saga  üben. 
Sein«  anfordernngaa  TOran  nicht  gering.  Es  ging  tod  vornherein  flott  vorwärts,  und 
jeder  mute  mit  adiTitt  haitau,  moohte  er  sehen,  wie  er  es  fertig  brachte.  Aber 
imiiwr  wv  Bein  nrt^  human,  niemals  spöttisch  oder  sonverän  abweisend,  immer 
fiMsind,  aieniaU  eotmntigend.  So  war  ee  auoh  in  don  deutschen  Übungen,  die  er 
r  1672  abhialt  und  bds  dmen  sich  dann  das  eifrigst  durch  ihn  gefdr- 


dertu  (;ermauiatLSühe  somiiia 

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lat  suchoiidcQ    achülern    bereitwillig   seine    zeit   opferte. 

Sein  freundliches. 

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weaen,   die  lebbaftigkeit,   mit  der  er,   seibat 

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80  VOGT 

gezogen  werden  durch  den  lebendigen  eifer,  mit  dem  er  jede  wissenschaftliche  frage 
anfasste  xmd  klar  legte,  durch  seine  offenkundige  freude  am  spüren  und  finden  auch 
im  kleinen,  durch  seine  anregenden  hinweise  auf  gebiete,  die  der  wissenschaftlichen 
forschung  noch  offen  standen.  Immer  war  er  sorgsam  beflissen  seine  Vorlesungen 
auf  dem  Standpunkte  der  neuesten  forschung  zu  halten,  mochte  es  die  gramma- 
tik  sein,  deren  gebiet  er  als  lebhaft:  interessierter  beobachter  fremder  Untersuchungen 
betrat,  oder  die  deutsche  litteraturgeschichte  des  mittelalters,  bei  der  er  recht  aus 
der  fülle  eigener  Studien  schöpfen  konte.  Auch  in  seinen  übrigen  Vorlesungen,  über 
Walther  von  der  Yogelweide,  das  Nibelungenlied,  den  Parzival,  den  Faust,  hat  er  die 
orgebnisse  eindringender  selbständiger  forschungen  verwertet,  von  denen  dies  und 
jenes  auch  veröffentlicht  wurde.  Eine  herausgäbe  seiner  collegienhefte  hat  er  aus- 
drücklich untersagt;  er  hat  sie  auch  nicht  durchweg  wöiiüch  ausgearbeitet,  vieles 
nur  durch  stichworte  angedeutet.  So  blieb  auch  seinem  vortrage  der  reiz  des  unmit- 
telbaren. Die  äugen  auf  das  heft  gerichtet,  sprach  er  doch  mit  grosser  lobhaftigkeit 
Die  Zuhörer  strömten  ihm  damals  in  menge  zu;  neben  G.  Curtius  hatte  er  unter  den 
philologisch -historischen  docenten  das  grösste  auditorium. 

Unter  den  arbeiten  der  siebziger  jähre  treten  die  eng  zusammenhängenden 
über  den  priester  Johannes  und  über  den  jüngeren  Titurel  als  die  weitaus 
umfassendsten  in  den  voi*dergrund.  In  dem  einen  falle  galt  es,  eine  überaus  weit 
verbreitete  litterarisohe  sage  auf  ihren  Ursprung  zurückzuführen  und  aus  der  über- 
reichen tradition  die  einzelnen  Stadien  ihrer  entwickelung  klarzustellen ;  in  dem  ando- 
i-en  falle  selten  einige  stücke  eines  inhaltUch  au  einem  punkte  mit  der  Johannessage 
verknüpften  gedichtes  kritisch  horgestelt  und  erklärt,  zugleich  dessen  sehr  verwickelte 
und  ausgebreitete  handschriftliche  Überlieferung  gesichtet  und  in  oin  bestirntes  Schema 
gebracht  werden.  Ein  gewaltiges  material  war  für  beide  arbeiten  zu  bewältigen. 
Allein  für  eine  der  verschiedenen  quellen  der  Johannestradition,  welche  Zarncke  im 
zusammenhange  mit  seinen  Untersuchungen  kritisch  herausgab,  gelang  es  ihm96hand- 
schriften  nachzuweisen  und  etwa  80  teils  im  original,  teils  nach  mitgeteilten  proben 
zu  verwerten.  Die  Untersuchungen  aber  führten  ihn  weit  über  den  kreis  seiner 
fachstudien  hinaus  in  die  orientalische  geschichte  des  mittelalters.  Die  ausdauer, 
Vielseitigkeit  und  klarheit,  mit  der  er  solche  aufgaben  zu  lösen  verstand,  zeigte  er 
auch  hier.  Leider  ist  er  nicht  zum  abschluss  des  Werkes  gekonmion.  Die  erste 
abteilung  der  in  den  Abhandlungen  der  sächsischen  geselschaft  erschienenen  endgül- 
tigen, zusammenfassenden  gestalt  desselben,  eine  neubearbeitung  von  4  in  den  jähren 
1874/75  erschienenen  Universitätsprogrammen,  folgte  im  jähre  1879  der  schon  3  jähre 
früher  erschienenen  zweiten  abteilung;  die  verheissenen  beiden  schlusskapitel  blieben 
aus.  In  der  Titurelstudie,  welche  die  auf  den  graltempel  bezüglichen  stücke  umfasst, 
zeigt  er  wider,  wie  ausgiebig  er  die  realien  mittelhochdeutscher  dichtung  zu  behan- 
deln wüste.  Die  handschriftenfrage  ist  wol  durch  die  vorsichtig  abwägende  erörterung 
der  schwierigen  Verhältnisse  nicht  endgültig  erledigt.  Jedesfals  hat  er,  wie  er  es 
beabsichtigte,  durch  sie  eine  sehr  wichtige  Vorarbeit  für  die  dringend  zu  wünschende 
ki'itische  ausgäbe  des  gedichtes  geliefei-i 

Für  das  nächste  Jahrzehnt  wurde  seine  forschung  mehr  als  je  durch  die  neuere 
litteratur  angezogen,  um  sowol  ihre  niederungen  wie  ihren  gipfel  zu  streifen:  Chri- 
stian Reuter  und  Goethe  bildeten  den  mittelpunkt  seiner  Studien.  Auf  jenen  bis 
dahin  so  gut  wie  unbekanten  poeteu  eines  unerfreulichen  Zeitalters  wurde  Zamckes 
aufmerksamkeit  gelenkt,  als  ihm  der  buchhändler  dr.  A.  Eirchhoff  mitteilungen  über 
Leipziger  städtische  akten  machte,   durch  die  Reuter  als  vei-fasser  des  SohelmofEsky 


FBISDRICH   ZABNCKE  81 

erwiesen  und  über  sem  leben  und  schriftsteilem  überhaupt  ein  ungeahntes  licht  ver- 
breitet wurde.  Durch  weiteres  nachforschen  in  archiven,  kirchenbüchem ,  standes- 
amtslisten,  durch  briefliche  anfragen  bei  bibliotheken  und  bei  personen,  von  denen 
nur  irgend  auskunft  zu  erwarten  war,  brachte  er  dann  das  material  zusammen,  aus 
dem  er  ein  lebhaft  anschauliches  bild  des  dichters  und  seiner  Umgebung  entwerfen 
konte,  eine  litterarisoh- kulturgeschichtliche  Charakteristik,  wie  er  sie  seit  seinem 
Sebastian  Brant  nicht  geliefert  hatte.  Und  wer  dann  das  erscheinen  seiner  weiteren 
einzelpnblikationen  über  Reuter  imd  die  litterarhistorische  Stellung  seiner  dichtung 
verfolgte,  wird  mit  lebhaftem  interesse  gesehen  haben,  wie  sich  jenes  bild  mehr  und 
mehr  vervolständigte  und  abrundete.  Des  Verfassers  spürfreude,  die  vielseitige  betrieb- 
samkeit,  die  er  bei  dergleichen  aufgaben  entwickelte,  sein  unverdrossenes  streben, 
den  gegenständ  bis  in  alle  Verästelungen  hinein  zu  verfolgen  —  kurz  Zarookes  ganze 
ai'beitsweise  tritt  hier  besonders  charakteristisch  und  anteilheischend  hervor. 

An  der  spitze  der  Goethe-aufsätze  steht  eine  gratulationsschrift  an  Karl 
Hase,  der  durch  die  Verheiratung  seines  sohnes  mit  Zai'nckes  ältester  tochter  diesem 
verwantschafÜlch  verbunden  war  und  den  Zaincke  schon  früher  (1873)  durch  eine 
kleine  litteraiische  gäbe  geehrt  hatte.  Diesmal  war  es  eine  scharfsinnige  Studie  über 
den  Elpenor,  welche  im  zusammenhange  mit  dem  anlass  und  der  quelle  des  dra- 
mas  den  geplanten  verlauf  desselben  über  das  erhaltene  bruchstück  hinaus  zu  recon- 
struieren  suchte.  Ein  anderes  antikisierendes  fragment,  nach  Zarncke  zur  Befreiung 
des  Prometheus  gehörig,  gab  ihm  später  (1888),  so  klein  es  ist,  doch  gelegenheit 
sein  geschiok  im  entziffern  schwer  lesbarer  niederschriften  wie  in  ihrer  umsichtigen 
und  scharfsinnigen  erläuterung  zu  bewähren,  eine  kunst,  die  er  in  reichem  masse 
schon  in  der  festgabe  gezeigt  hatte,  mit  welcher  er  im  jähre  1884  die  Dessauer  phi- 
lologenyersamlung  beschenkte,  nämlich  in  der  ausgäbe  und  erkläruug  des  iin  übelsten 
zustande  überliefeiien  notizbuches  Goethes  von  der  schlesischen  reise  des  Jahres 
1790.  Seine  eingehende  beschäftigung  mit  der  Faustsage  hatte  schon  im  jähre  1874 
die  bibliographie  des  Faustbuches  in  Braunes  neudruck  eingetragen;  ihr  folgten  im 
jähre  1884  ein  aufsatz  über  Joh.  Spiess,  im  jähre  1888  wichtige  ergänzungen.  Zarn- 
ckes  umfänglichste  und  verdienstvolste  Goethe -publication  aber  war  das  erzeugnis  einer 
langjährigen,  aus  inniger  Goethevei'ehrung  iliessendon  liebhaberoi.  Eine  mit  der  rich- 
tuüg  seiner  Studien  auf  litterarhistorische  qucllenkunde  eng  zusammenhängende  und 
ihr  dienstbar  gemachte  sammeil ust  mag,  wie  schon  oben  angedeutet  wurde,  bereits 
durch  die  tätigkeit  in  Meusebachs  bibliothck  angeregt  sein.  So  legte  er  es  denn 
darauf  an,  einzelne  teile  seiner  eigenen  schönen  büchei*samlung  nach  und  nach  ganz 
besonders  zu  vervolständigen ;  abgesehen  von  Christian  Reuter  wurden  Ijcssing  und 
Goethe,  vor  allem  die  Faustlitteratur,  reichlich  und  sorgfaltig  bedacht;  so  manche 
dahin  gehörige  Seltenheit  wui'de  erworben,  manche  bibliographische  entdeckung 
gemacht.  Den  glanzpunkt  aber  bildete  (}ine  auf  die  Vereinigung  der  reproduktionen 
sämtlicher  Goethe-bildnisse  gerichtete  samlung.  Hier  sezto  er  wider  seine  unver- 
gleichliche ausdauer,  rührigkeit  und  Sorgfalt  ein,  um  nach  und  nach  tausende  von 
naohbildungen  zusammenzubringen,  unter  denen  \iele  nur  für  ihn  hergestelt  wurden 
und  sonst  nicht  vorkommen.  Wie  überall,  so  verband  sich  aber  auch  hier  für  ihn 
selbstverständlich  mit  der  mühsamen  samlung  aucli  die  eingehendste  wissenschaftliche 
Untersuchung  und  sichtung.  Ihr  entstamt  ausser  einer  reihe  von  cinzelaufsätzen  das 
mit  gewohnter  hingäbe  und  akribio  ausgeführte,  giimdlegende  Verzeichnis  der 
originalaufnahmen  von  Goethes  bildnis,  mit  seinen  wertvollen  illustrativen 
l>eigal)en;  ein  wichtiger  und  vordienstlicher  beitrag  zur  (iocthobiographie. 

ZEITSGHRirT  F.   DEUTSCHE  PHD.OLOOIR.     BD.  XXV.  ^ 


82  VOGT 

In  den  beiden  lezten  jähren  seines  lebens  nahm  heimatliches  Interesse  seine 
foder  vorwiegend  in  anspruch.  Ein  kapitel  aus  der  universitätsgeschichte  seiner  zwei- 
ten heimat,  Leipzig,  der  um  die  mitte  des  15.  Jahrhunderts  geführte  merkwürdige 
process  des  studiosus  Nikolaus  Winter,  hatte  schon  vor  langen  jähren  bei  der 
amtlichen  beschäftigung  mit  den  Universitätsakten  seine  aufmerksamkeit  auf  sich  gezo- 
gen. Wie  es  ihm  stets  widerstrebte,  in  den  dingen,  mit  denen  er  sich  zu  beschäf- 
tigen hatte,  irgend  etwas  unklares  und  verwon'enes  bei  seite  zu  lassen,  so  hatte  er 
auch  in  diesem  falle  keine  mühe  gescheut,  in  die  schwierige  und  verwickelte  ange- 
legenheit  licht  zu  bringen.  Jezt  mochte  die  beschäftigung  mit  Christian  Reuters  pro- 
zessen  die  sache  des  Nikolaus  Winter  wider  in  erinnerung  bringen,  der  mit  Beuter 
das  Schicksal  der  relegation  von  der  Universität  Leipzig  teilte.  Dem  gegenständ  fehlte 
diesmal  das  litteraihistorische  interesse,  ja  er  war  an  sich  so  unbedeutend  wie  mög- 
lich. Aber  er  eröfnete  unter  Zamckes  behandlung  einen  ausblick  auf  bedeutende 
rechtsgeschichtliche  Verhältnisse,  und  so  lieferte  der  Verfasser  widerum  den  beweis, 
wie  er  auch  an  sich  geringwertige  dinge  durch  eindringende,  nach  allen  selten  aus- 
greifende erörterung  wissenschaftlich  fruchtbar  zu  machen  verstand.  —  In  die  mecklen- 
burgische Jugendheimat  führte  ihn  sein  leztes  werk  zurück,  die  nur  für  die  familie 
geschriebenen  und  gedruckten  Erinnerungen  an  den  vater  und  grossvater. 
Charakteristisch  genug  hat  er  selbst  hier  seine  darstellung  auf  die  gewissenhaftesten 
und  umständlichsten  urkundlichen  forschungen  gegründet,  hat  ihr  selbst  hier  den 
grösseren  kulturgeschichtlichen  hintergrund  gegeben.  Aber  nur  in  diesem  falle  konte 
sich  mit  der  wissenschaftlichen  gründlichkeit  die  der  persönlichen  anschauung  ent- 
stamte  lebenswarme  schildoi-ung  geliebter  personen  und  Umgebungen  verbinden.  Ein 
woltuender  hauch  kindlicher  pietät  ruht  über  dem  buche;  und  trotz  der  alzu  beschei- 
denen Zurückhaltung,  die  der  Verfasser  über  die  eigene  person  beobachtet,  hat  er  in 
ihm  seinem  edlen  herzen  das  schönste  denkmal  gesezt. 

Es  ist,  als  hätte  er  eine  ahnung  davon  gehabt,  dass  seinem  leben  ein  ziel 
gesezt  sei,  da  er  jezt  den  blick  zu  dess^i  anfangen  zurückwante.  Und  doch  blieb 
ihm  körperliche  rüstigkeit  und  arbeitsfrische  bis  zulozt  gewahrt.  Plötzlich  überfiel 
ihn  am  17.  September  ein  unterleibsleiden,  welches,  bald  von  heftigen  fieberanfällen 
begleitet,  trotz  der  liebevollen  pflege  seiner  kinder  den  bedrohlichsten  Charakter 
annahm.  Ein  innerer  entzündlicher  durchbruch  von  gallensteinen  hatte,  wie  sich 
später  herausstelte,  eine  eitervergiftung  des  blutes  zur  folge  gehabt.  Und  doch 
schien  seine  kräftige  natur  dem  übel  noch  wideratand  leisten  zu  wollen.  Es  war 
eine  zeit  banger  Spannung  für  die  ganze  Universität.  Denn  keines  ihrer  mitgüeder 
war  wol  enger  mit  ihr  verwachsen  als  Zamcke.  Fast  40  jähre  hindurch  hatte  er  ihi* 
seine  beste  kraft  gewidmet:  dreimal  war  er  —  ein  in  neuerer  zeit  unerhörter  fall  — 
durch  das  vertrauen  seiner  kollegen  als  rector  an  ihre  spitze  gestelt  gewesen  \  hier 
und  in  andern  ehronämtern  hatte  er  eine  seltene  umsieht  und  gewantheit  bewährt; 
die  philologisch -historische  klasse  der  sächsischen  geselschaft  der  Wissenschaften,  der 
er  lange  als  eines  ihrer  eifrigsten  mitglieder  angehörte,  leitete  er  seit  1888  als  Vor- 
sitzender; als  director  actoinim  der  philosophischen  fakultät  hatte  er  sich  wie  kein 
anderer  in  die  geschichto  der  Universität  eingelebt;  er  war  ein  lebendiger  träger  ihrer 
traditionen  und  er  sparte  nicht  sein  wissen  für  eigennützige  zwecke;  er  war  ein 
allezeit  liülfbereiter  berater,  und  gerade  die  jüngeren  kollegen  fanden  in  dem  von 
amts-  und  altersstolz  zeitlebens  unberührten  manne  stets  das  freundlichste  entgegen- 
kommen.    So   hörte   man   denn  wol   die  äusserung,    dass  man  sich  die   aniversität 

1)  18G9,/70.  1870/71.  1881/82. 


FSISDRIOH   ZARNCKE  83 

ohne  Zarncke  gar  nicht  vorstellen  könne;  und  als  dann  endlich  doch  das  schmerz- 
liche ereignis  eintrat,  da  wurde  algemein  aufrichtige  trauer  und  herzliche  teilnähme 
laut  Am  schönsten  haben  Georg  Rietschel  und  Wilhelm  "Wundt  an  seinem  sarge 
mit  einer  lebendigen  Charakteristik  des  vei'storbenen  öffentlich  zeugnis  abgelegt  für 
die  seltene  liebe  und  Verehrung,  deren  er  sich,  wie  in  der  familie,  so  auch  unter 
den  freunden  und  unter  den  amtsgenossen  erfreut  hattet 

Und  einen  nicht  minder  herben  verlust  als  seine  kollegen  betrauerten  in  sei- 
nem hingang  seine  schüler,  die  ehemaligen  sowol  wie  die  gegenwärtigen.  Hatten 
doch  auch  jene  noch  lange  nach  ihrer  Studienzeit  wenigstens  im  brieflichen  gedan- 
kenaustausch  seinen  rat,  seine  hülfe,  sein  liebevolles  interesse,  kurz  die  tieue  fort- 
führung  jenes  freundschaftlich  teilnehmenden  und  fördernden  Verhältnisses  erfahren, 
in  welches  er  einst  auf  der  Universität  zu  ihnen  getreten  war.  Jener  oben  geschil- 
derten art  seines  akademischen  wirkens  entsprechend  fühlten  sie  sich  mehr  persönlich 
als  durch  die  besondere  richtung  ihrer  Studien  an  ihn  gebunden.  Nicht  wenigen 
unter  ihnen  blieb  Zamckes  eigentliches  arbeitsgebiet,  das  litterarhistorische,  am  fern- 
sten, während  sie  ihre  kraft  gerade  auf  das  von  ihm  kaum  bebaute  sprachwissen- 
schaftliche concentrierten.  Und  doch  würde  man  Zarnckes  bedeutung  in  der  geschichte 
der  germanistischen  Wissenschaft  unterschätzen,  wolte  man  nicht  zugestehen,  dass 
die  wissenschaftliche  denkweise  seiner  schüler  durch  ihn  wesentlich  mitbeeinflusst  ist. 

Ich  wüste  die  seinige  nicht  besser  zu  charakterisieren  als  durch  das  urteil, 
welches  er  mir  einmal  über  einen  von  mir  sehr  geschäzten  germanisten  schrieb:  „er 
ist  ja  ein  feiner  köpf,  aber  er  gehört  ganz  der  schule,  die  den  Scharfsinn  höher  stelt 
als  das  gefühl  für  Wahrscheinlichkeit  und  glaublichkeit ''.  Er  hielt  es  für  durchaus 
notwendig,  dass  wissenschaftliche  aufstellungcn  niemals  den  engen  Zusammenhang 
mit  den  objektiven,  jedermann  wahrnehmbaren  tatsachen  verlieren.  Diese  zu  ver- 
mehren und  zu  sichten  galt  ihm  für  förderlicher,  als  der  noch  so  kunstvolle  und 
scharfsinnige  auf  bau  von  hypothesen,  die  seines  erachtens  nicht  auf  ausreichender 
sachlicher  grundlage,  sondern  auf  einem  aufbauscheu  an  sich  düiftiger,  auf  ein- 
seitiger auslegung  an  sich  vieldeutiger  tatsachen  ruhten,  oder  die  auch  mehr  von 
geschmacksurteilen  als  von  beweisen  abhiengen.  Wurde  nun  vollends  solchen  auf- 
stellungen  durch  die  zuversichtlichkeit  der  behauptungen  und  durch  das  voi*weg- 
vordammen  alles  Widerspruches  der  schein  einer  Sicherheit  gegeben,  von  der  sie 
tatsächlich  weit  entfernt  waren,  und  wurden  sie  in  einem  bestimten  kreise  als  fest- 
stehende dogmen  behandelt,  deren  Wahrheit  nur  von  untergeordneten  geistern  niclit 
recht  erf&sst  zu  werden  vermöge,  so  sali  er  hier  ein  verderbliches  und  hassens- 
würdiges  treiben,  dem  er  mit  dem  ganzen  zorn,  dessen  sein  erregbares  herz  fähig 
war,  entgegentrat.  Jener  seiner  gi'undanschauung  entsprechend  betätigte  sich  sein 
eigener  Scharfsinn  nicht  zum  kleinsten  teile  in  dem  aufspüren  und  fruchtbarmachen 
bisher  ungcnüzten  wissenschaftlichen  niaterials;  und  es  liegt  in  der  natur  der  sache, 
dass  ihn  dieser  sein  entdeckungstrieb  besonders  auf  entlegenere  gebiete  führte.  Aber 
niemals  fand  er  im  blossen  stofsammeln  genüge.  Gerade  das  sichten  und  klären 
besonders  verworrener  und  weitläufiger  Verhältnisse  war  sein  eigentliches  element. 
Hier  entwickelte  er  seine  ganze  bewunderungswürdige  ausdauer,  mochte  es  den  liei- 
ligen  gral  oder  den  rock  des  Nikolaus  Winter  gelten.  Die  anschauung,  die  sein 
lehrer  Haupt  einmal  aussprach,   dass  der  philologe  so  gut  wie  der  botaniker  auch 

1)  Zur  erinnerang  an  den  heimgang  von  dr.  Friedrich  Zarncko  (Leipzig,  Breitkopf 
tuid  HKrtel,  1891)  b.  7  fg.  14  fg.  Kurze,  treüicho  worte  im  namen  der  schüler  sprach  Sievers  (ebenda 
».  18  fg.). 

6* 


84  VOGT 

das  luikraut  zu  berücksichtigen  habe,  machte  sich  auch  bei  ihm  geltend.  Dass  er 
seine  ausserordentliche  arbeitskraft  nicht  mehr  auf  höhere  und  grössere  aufgaben  con- 
centiiert  hat,  ist  bei  alledem  gewiss  zu  bedauern.  Schliesslich  i-ächte  sich  doch  auch 
die  an  sich  heilsame  abneigung  gegen  den  wissenschaftlichen  subjectivismus,  indem 
sie  ihn  zu  einer  übergrossen  Zurückhaltung  gegen  eine  im  gi'össeren  stile  konstruktive 
wissenschaftliche  tätigkeit  überhaupt  und  in  weiterem  zusammenhange  damit  auch  zu 
einer  unterechätzung  der  besonders  auf  diesem  gebiete  liegenden  Verdienste  MüUen- 
lioffs  und  Scherers  führte. 

Auch  in  anderer  beziehung  wirkte  auf  ihn  sein  wissenschaftliches  prinzip  zu- 
gleich fördernd  und  beschränkend.  Den  festen  boden,  welchen  er  immer  unter  den 
füssen  haben  weite,  fand  er  nur  in  den  schriftlichen  quellen.  Gregen  alles,  was 
ganz  oder  zum  guten  teüe  aus  mündlicher  Überlieferung  floss,  war  er  von  einem 
gewissen  mistrauen  nicht  frei.  So  blieb  das  eigentlich  volkstümliche,  mythus  und 
mündliche  sage,  sitte,  brauch  und  mundart  seinem  Studienkreise  fem.  Auch  darin 
bemhrte  er  sich  mit  Haupt.  Aber  anläge  und  neigung  führten  ihn  nicht  wie  diesen 
auf  die  textkritik.  Ihn  zog  vor  allem  das  verfolgen  weiti-eichender  litterai'historischer 
zusammenhänge  an,  wie  er  .sie  in  den  mittelalterlichen  sageustoffen  fand;  nur  muss- 
ten  diese  beziehuugen  sich  quellenmässig  nachweisen  lassen.  So  reizte  es  ihn  beson- 
ders, wo  man  volksmässige  traditionen  mythischer  oder  sagenhafter  art  annahm,  an 
deren  stelle  schriftliche  oder  gelehrte  Überlieferung  nachzuweisen.  Das  gelang  ihm 
zweifellos  bei  der  Trojasage;  ebenso  beim  Muspilli  und  bei  der  tiersage,  über  die  er 
in  seiner  litterarhistorischen  Vorlesung,  längst  ehe  MüUenhoffe  aufsatz  erschien,  diesem 
im  wesentlichen  entsprechende  anschauungen  detailliert  vortrug.  Auch  die  Nibelun- 
gensage, die  Gralsage  und  die  Faustsage  wurden  in  den  bezüglichen  coUegien  aus- 
führlich erörtert,  und  immer  suchte  er  so  viel  wie  möglich  der  schriftlichen  tradition 
zu  ihrem  rechte  zu  verhelfen.  Auf  die  Überlieferungen  vom  priester  Johannes  wurde 
er  natürlich  widerum  durch  das  besondere  interesse  an  den  litterarischen  sagen 
geführt. 

Der  einfluss  der  grundanschauimgen  Zarnckes  auf  seine  schüler  ist  wol  nicht 
zu  verkennen,  wenn  diese  sich  zum  guten  teile  möglichst  an  das  zweifellos  wahr- 
nehmbare, greifbare  zu  halten  suchen.  Dieser  umstand  mag  wenigstens  mitwirken, 
wenn  nicht  wenige  von  ihnen  exacte  sprachliche  Untersuchungen  vor  allem  bevor- 
zugen, und  wenn  andere  bei  der  kritischen  behandlung  der  texte  sich  weit  enger, 
als  es  bisher  geschehen  war,  an  die  handschriftliche  Überlieferung  anschliessen, 
gegen  conjekturalkritik  aber  und  gegen  das  auflösen  eines  überlieferten  textes  in  angeb- 
lich einst  verschiedene  demente  sich  mistrauisch  verhalten.  Es  scheint,  dass  diese 
konservativere  richtung  und  die  Überzeugung,  dass  man  die  Sicherheit  der  bisher 
geübten  kritischen  methode  überschäzt  habe,  sich  in  weiteren  kreisen  bahn  bricht, 
was  voraussichtlich  manche  weitere  Umgestaltung  in  unserer  Wissenschaft  zur  folge 
haben  wii*d.  Freilich  machen  sich  auch  schon  ausschreitungen  genug  bemerklich, 
und  die  tatsache,  dass  ein  jeder  zunächst  von  den  altmeistem  der  kritik  ausserordent- 
lich viel  lernen  muss,  ehe  er  es  versuchen  dai'f  sie  zu  berichtigen,  wird  noch  nicht 
überall  genügend  gewürdigt.  —  Auf  denjenigen  gebieten ,  welche  Zamcke  feraer  lagen, 
zeigt  sich  auch  bei  seinen  schillern  der  einfluss  Müllenhoffs  und  Scherera. 

Dem  persönlichen  Verhältnis  zwischen  ihm  und  seinen  schülem  tat  eine  Ver- 
schiedenheit dieser  oder  jener  wissenschaftlichen  meinung  keinen  einti*ag.  Wer  sei- 
nen beistand  brauchte,  fand  ihn  allezeit  auf  dem  platze;  wo  er  nichts  zu  helfen  hatte, 
zog  er  sich  leicht  zurück. 


FBIEDRICU  ZARNCKE  85 

Der  einband  dos  lezten  buches,  welches  er  geschrieben  hat,  ist  niit  einem 
omblem  geziert:  ein  mächtiger  eichbaum  überschattet  einen  bieneukorb,  um  den  der 
schwärm  sich  tummelt;  darunter  steht  der  wahrspruch  „tätig  und  treu**.  Er  hat 
ihn  gehalten  bis  zum  tode. 

CHRONOLOGISCHES  VERZEICHNIS  VON  ZARNCKES  SCHRIFTEN. 

1850—91. 
Recensionen  im  littorahschen  centralblatt. 

1850. 
Die  Meusebachsche  bibliothek. 

Deutsche  zeitung  1850  nr.  40  2.  beilage  und  Naumanns  Serapeum  jahrg.  XI 

8.89  —  96.     109—112. 

1851. 

Ein  Spruch  und  ein  rätsei  von  Hans  Folz.    Zs.  f.  d.  alt.  8,  537  —  42. 

1852. 
Der  deutsche  Cato.     Geschichte  der  deutschen  Übersetzungen  der  im  mittelalter  unter 
dem  namen  Cato  bekanten   distichen   bis    zur   Verdrängung   derselben   durch  die 
Übersetzungen  Seb.  Brants  am  ende  des  15.  jahrh.  von  dr.  Fr.  Zarncke.    Leip- 
zig (Georg  Wigand)  1852.    VI,  198  s.    8. 

1853. 
Hans  Vindlers  Blume  der  tugend.    Zs.  f.  d.  a.  IX,  68 — 119. 
Über  die  Quaestiones  quodlibeticae.    Ebenda  s.  119  — 126. 
Zur  frage  nach  dem  Verfasser  des  Reineke.    Ebenda  s.  374 — 88. 
Zum  pfaffen  Amis.    Ebenda  s.  399  —  400. 

1854. 
Sebastian  Brants  narronschiff  herausgegeben  von  Friedrich  Zarncke.    Mit  4  holz- 

schnitten.    Leipzig  (Georg  Wigand)  1854.     CXLII,  495  s.    4. 
Zur  Nibelungenfrage.    Ein  vertrag  gehalten  in  der  aula  der  Universität  Leipzig  am 
28.  juli  von  Friedrich  Zarncke.     Nebst  zwei  anhängen  und  einer  tabelle.  Leip- 
zig (S.  Hirzel)  1854.    42  s.    8. 

1856. 

Beiträge  zur  erklärung  und  geschichte  des  Nibelungenliedes. 

Berichte  über  die  Verhandlungen  der  köuigl.  sächs.  geselschaft  der  Wissenschaf- 
ten zu  Leipzig.    Philol.  histor.  Masse.    Band  8  s.  153  —  266. 
Das  Nibelungenlied  herausgegeben  von  Friedrich  Zarncke.    Leipzig  (G.  "Wigand) 
1856.    LXXX,  444  s.    16.  —  2.  aufl.  1865.  —  3.  aufl.  1868.  —  4.  aufl.  1871.  — 
5.  aufl.  1875.  —  6.  aufl.  (12.  abdinick  des  textes)  1887. 
Kaspar  von  der  Roen.    Germania  1,  53  —  63. 
Zum  Nibelungenlied.    Ebenda  s.  202—7. 

1857. 
Die  urkundlichen  quellen  zur  geschichte  der  Universität  Leipzig  in  den  ersten  150  jäh- 
ren ihres  bestehens. 

Abhandlungen  der  philol.  histor.  Masse  der  königl.  sächs.  geselschaft  der  Wis- 
senschaften.   Bd.  2,  509—922  und  2  tafeln. 
Die   deutschen  Universitäten  im  mittelalter.    Beitrage  zur  geschichte  und  Charakteri- 
stik  derselben,   mitgeteilt   von   Friedrich   Zarncke.     Erster  beitrag.     Leipzig 
(T.  0.  Weigel)  1857.   X,  266  s.   8. 


86  VOGT. 

1859. 

Acta  rectorum  universitatis  studii  LipsieDsis  in  de  ab  anno  MDXX 1 1 II  usque  ad  annum 
MDLYnn  auctontate  et  auspiciis  Joannis  Pauli  de  Falkenstein  a  potentissimo 
Saxoniae  rege  rebus  ecclesiasticis  et  institutioni  publicae  administrandis  praefecti 
edidit  Fridericus  Zarncke.  Anno  post  conditum  Lipsiae  Studium  generale 
CCCCL  post  Christum  natum  MDCCCLVIIU  typis  et  impensis  Bemhardi  Tauch- 
nitz.    Xn,  526  s.  und  2  tafeln,    fol. 

Zum  Nibelungenliede.     Germania  4,  421  —  39. 

1861. 
Die  Statutenbücher  der  univei'sität  Leipzig  aus  den  ersten  150  jähren  ihres  bestehens 
im  namen  der  philol. -histor.  klasse  der  k.  sächs.  geselschaft  der  Wissenschaften 
herausgegeben  von  Friedrich  Zarncke.   Leipzig  (Hirzel)  1861.  Xu,  625  8.  gr.  8. 

1863. 
Mittelhochdeutsches  wöi*terbuch.     Mit  benutzung  des  nachlasses  von  G.  F.  Benecke 
ausgearbeitet  von  "W.  Müller  und  F.  Zarncke.     2.  band  l.abteilung  M — R.     Bear- 
beitet von  Friedrich  Zarncke.    Leipzig  (S.  Hirzel)  1863.    VI,  825  s.    8. 
Beiträge  zur  mittellateinischen  Spruchpoesie :  2  gereimte  Übertragungen  der  sog.  Disticha 
Catonis,  über  den  Facetus,  ein  Supplementum  Catonis. 

Berichte  über  die  verhandl.  der  k.  sächs.  geselsch.  usw.  bd.  15,  23  —  78. 
Über  die  neuaufgefundenen  ältesten  statutenbücher  der  juristischen  fakultät  der  Uni- 
versität Leipzig.    Ebenda  s.  79 — 92. 
Rede  zum  gedächtnis  von  Jacob  Grimm  und  zur  eröfnung  der  germanistischen  section. 
Verhandlungen  der  22.  versamlung  deutscher  philologen  und  Schulmänner  in 
Meissen.    Leipzig  1864.    4.    S.  62—66. 

Jacob  Grimm.  1^^^- 

Die  Wissenschaften  im  19.  Jahrhundert Eine  rundschau  für  das  gebildete 

Publikum.    Band  9  heft  1.    Sondershausen  1864. 

1865. 
Der  hundertjährigen  widorkehr  des  tages,  an  welchem  "Wolfg.  Goethe  am  19.  Oktober 
1765  in  die  zahl  ihrer  studirenden  aufgenommen  ward,  widmet  die  univei'sität 
Leipzig  die  nachfolgende  abhandlung  ihres  mitgliedes  dr.  Friedrich  Zarncke. 
Über  den  fünffüssigen  jambus  mit  besonderer  rücksicht  auf  seine  behandlung  durch 
Lessing,  Schiller  und  Goethe.  Leipzig,  druck  von  A.  Edelmann.  [1.  abteilung.] 
VI,  93  s.  4. 
Weitere  beitrage  zur  mittellateinischen  Spruchpoesie.  I.  Eine  dritte  gereimte  bear- 
beitung  der  s.  g.  Disticha  Catonis  s.  Cato  interpolatus. 

Berichte  über  die  Verhandlungen  der  königl.  sächs.  geselsch.  usw.  17,  54 — 103. 
Über  die  praefatio  ad  librum  antiquum  lingua  Saxonica  conscriptum  imd  die  versus 
de  poeta  etc.    Ebenda  s.  104—112. 

1866. 
Über  das  althochdeutsche  gedieht  vom  Muspilli. 

Berichte  über  die  Verhandlungen  usw.  18,  191  —  228. 
Über  die  sogenante  Ti'ojanersage  der  Fi'anken.    Ebenda  18,  257 — 85. 

1868. 
Zui*  Vorgeschichte  des  narrenschifs.     Naumanns  serapeum  29,  s.  29  —  54. 
Zum  Nibelungenliede.     Germania  13,  445  —  67. 


FBIfBDBICH   ZARNCK£  87 

1870. 

Eine  vierte  Umarbeitung  der  sogenanten  Disticha  Catonis. 

Berichte  über  die  Verhandlungen  usw.  bd.  22,  181  — 192. 
Miscellaneen  germanistischen  inhaltes:    1.  Zum  zweiten  Helgiliede.     2.  Zum  Hilde- 

brandsliede.    3.  Metrum  alemannium.    4.  Zu  Wolframs  Parzival.    5.  Zu  Wolframs 

leben.    6.  Friedrich  der  grosse  und  das  Nibelungenlied.    7.  Kaspar  von  der  Rhön. 

8.  Zur  geschichte   des   fün^ssigen  jambus.     9.   Des  Paulus  Aemilius  Romanus 

Übersetzung  der  bücher  Samnelis.    Ebenda  s.  193 — 226. 

1871. 

Zwei  mittelalterliche  abhandlungen  über  den  bau  rhythmischer  verse. 

Berichte  über  die  Verhandlungen  usw.  23,  34  —  96. 

Hede  bei  der  Übergabe  des  rektorates. 

Reden  gehalten  in  der  aula  der  Universität  Leipzig  beim  rectoratswechsel  am 

31.  Oktober  1871.    Leipzig,  druck  von  Edelmann.    4.    S.  1 — 23. 

Zur  Vorgeschichte  des  narrenschifs.     2.  mitteilung.    Leipzig  (T.  0.  Weigel)  1871.   8  s. 

gr.  8. 

1873. 

Fides.  Constantia.  Robur.    Die  drei  freunde  von  der  rasenbank  und  das  denunciations- 

protokoll.    Ein  beitrag  zu  den  idealen  und  irtümern.    Herrn  geheimen  kirchonrat 

dr.  Th.  Carl  Hase  am  4.  juni  1873  mit  freudigen  glückwünschen  überreicht  von 

einem  Freundschaftlich  Zugethanen.  [Druck  von  Drugulin  in  Leipzig.    In  25  exem- 

plaren  abgezogen.]    30  s.   8. 

1874. 

Über  den  althochdeutschen  gesang  vom  heiligen  Georg. 

Berichte  der  k.  sächs.  geselschaft  usw.  bd.  26,  1—40. 

Ex  ordinis  philosophorum  mandato  renuntiantm*  philosophiao  doctoros. . . .  MDCCCLXXIII 
— MDCCCLXXIV  creati.  Praemissa  est  Friderici  Zarncke  h.  t.  decani  com- 
mentatio  „de  epistola  quae  sub  nomine  presbyteri  Johannis  fertur''  patrio  sermone 
conscripta.    lipsiae,  typis  A.  Edelmanni.    66  s.    4. 

1875. 
Memoriam  Frid.  Aug.  Guil.  Spohnii  die  XX.  mens.  jan.  anni  MDCCCLXXV  . . .  cele- 

brandam  indicit  Frid.  Zarncke  h.  t.  decanus.    Praemissa  est  Friderici  Zarncke 

commentatio  „de  patriarcha  Johanne  quasi  praocursore  presbyteri  Johannis''  patrio 

sermone  scripta.    Lipsiae,  typis  A.  Edelmauni.     18  s.    4. 
Memoriam  Joh.  Aug.  Ernestii  die  XX.  mens.  Jan.  anni  MDCCCLXXV  . . .  celebran- 

dam  indicit  Frid.  Zarncke  . . .    Praemissa  est  Friederici  Zarncke  conunentatio  „  de 

epistola  Alexandri  papae  UI  ad  presbyterum  Johannem''  patrio  sermone  scripta. 

Lipsiae,  typis  A.  Edelmanni.     21  s.     4. 
Memoriam  Car.  Frid.  Kregelii  de  Stombach  die  XVn.  mens.  Julii  anni  MDCCCLXXV 

...  celebrandam  indicit  Frid.  Zarncke  ...     Praemissa   est  Friderici  Zarncke 

commentatio  „de  rege  David  filio  Israel  filü  Johannis  presbyteri"  patrio  sermone 

scripta.    Lipsiae,  typis  A.  Edelmanni.    23  s.    4. 
Ex  ordinis  philosophonim  mandato  renuntiantur  philosophiao  doctores. . .  a MDCCCLXXIV 

— MDCCCLXXV  creati.    Praemissa  est  Friderici  Zarncke  commentatio  patrio 

sermone  conscripta,   in  qua,   quis  fuerit  qui  primus  presbyter  Johannes  vocatus 

sit,  quaeritur.     Lipsiae,  typis  A.  Edelmanni.     35  s.    4. 
Über  Olivers  historia  Damiatina  und  das  sog.  3.  buch  der  historia  orientalis  des  Jacob 

von  Vitry.    Berichte  der  k.  sächs.  geselsch.  usw.  bd.  27,  138 — 148. 


88  VOGT 

Eine  zweite  redaktion  der  Georgslegende  ans  dem  9.  Jahrhundert. 
Berichte  der  k.  sächs.  geselsch.  usw.  bd.  27,  s.  256  —  277. 

Das  Nibelungenlied.    Ausgabe  für  schulen  mit  einleitung  und  glossar.     5.  (6.)  abdrack 

des  textes.     Leipzig  (G.  Wigand)   1875.   —   2.  aufl.  1876.  —   3.  aufl.  1879.  — 

4.  aufl.  1881.  —   5.  aufl.  (10.  abdr.  des  textes)  1884.  —   6.  aufl.  (11.  abdr.  des 

textes)  1887. 

1876. 

Kleinigkeiten:  1)  Zu  Walthers  olegie.    2)  Zu  den  gedichten  vom  herzog  Ernst. 

Beiträge  zur  gesch.  der  deutsch,  spr.  u.  litt.  2,  574  —  585. 

Zur  geschichte  der  gralsage.    Ebenda  3,  304 — 334. 

Der  Graltempel.    Voi*studie  zu  einer  ausgäbe   des  jüngeren  Titurel  von  Friedrich 

Zarncke. 

Abhandlungen  d.  phil.-hist.  kl.  d.  k.  säohs.  geselsch.  bd.  VII  nr.  5  s.  373  —  554. 

Der  priester  Johannes,    zweite  abhandlung,    enthaltend  kapitel  IV,  V  und  VI,   von 

Friedrich  Zarncke. 

Abhandlungen  der  phil.-hist.  klasse  der  k.  sächs.  geselsch.  bd.  VIII  nr.  1  s.  1 

—  186.    (Vgl.  jähr  1879). 

Wolfenbüttler  bruchstück  des  Jüngern  Titurel.     Germania  21,  431 — 434. 

1877. 
Über  das  fragmeut  eines  lateinischen  Alexanderliedes  in  Verona. 

Berichte  der  k.  sächs.  geselsch.  bd.  29,  s.  57  —  69. 
Über  eine  neue  lateinische  redaktion  des  briefes  des  priesters  Johannes. 

Ebenda  s.  111  —  156. 
Die  Heptadeu  mid  die  Heptadisten.    Preussische  Jahrbücher  40,  475—486. 
Die  Berleburgor  haudschrift  des  Titurel  und  der  schluss  dieses  gedichtes. 

Germania  22,  1  — 16. 
Die  Tübinger  Titurelbruchstückc.    Ebenda  16  — 19. 
Zur  kritik  der  Goethebildnisse. 

Augsburger  alg.  zeitung  beil.  1877  nr.  173.  178.  188.    Hauptblatt  225. 

1878. 
Zur  kritik  der  Goethebilduisse.     Augsb.  alg.  zeitung  beil.  1878.     Nr.  278.  288. 
Zu  den  Heptaden.    Preussische  Jahrbücher  bd.  41  s.  108  — 109. 
Zui'  Waltherfrage.     Berichte  der  k.  sächs.  geselsch.  bd.  30,  32 — 40. 
Zur  coUatiou  der  haudschrift  A  der  klage.     Ztschr.  f.  deutsch,  altert.  22,  316  —  319. 
Nachtrag  zu  seinem  vortrage  über  zwei  neue  lateinische  redaktionen  des  presbyter- 

briefes  (vgl.  1877,  s.  111  fg.).     Berichte  der  k.  sächs.  geselsch.  bd.  30,  41 — 46. 
[Bibliographie  der  Faustbücher,  unterzeichnet  F.  Z. 

Braunes  neudrucke  nr.  7  und  8.    S.  III  —  XIX.J 

1879. 
Der  priester  Johannes,  erste  abhandlung,  enthaltend  kapitel I,  II  und  III,  von  Frie- 
drich Zarncke. 

Abhandlungen  der  phil.  -  hist.  kl.  der  k.  sächs.  geselsch.  bd.  VE  nr.  Vin  s.  827 

-  1030.     (Vgl.  jähr  1876.) 

Zwei  Goethebüsten.     Augsb.  allg.  zeitung  beil.  1879  nr.  100. 

1880. 
Zu  Germania  24,  392  fg.     (Gegen  Nageies  vei*such,  die  Romfahrt  des  biscbofs  Wolf- 
ger in  das  jähr  1199  zu  setzen).     Geiinania  25,  71  —  72. 


PRIEDRIOH   ZARNCKE  89 

Zu  Walther  und  Wolfram.    Beiträge  z.  gesch.  d.  deutscheu  spr.  u.  litt.  7,  582 — 609. 

Zur  50 jährigen  widerkehr  des  tages,  welcher  einst  K.  A.  Hase  der  Universität  Jena 
zuführte  zum  15.  7.  80  widmet  innige  gltiok-  und  Segenswünsche  der  Freund- 
schaftlich Zugethane.  Leipzig,  druck  von  W.  Drugulin.  44  s.  kl.  fol.  Abgezo- 
gen in  50  bezifferten  exemplaren  (über  Elpenor). 

Eine  verschollene  und  wider  gefundene  Goethe  -  Statuette  von  Rauch. 
Augsb.  alg.  Zeitung  beil.  1880  nr.  215. 

1881. 

Zu  den  Eügelgen'schen  Ooethebildnissen.    Augsb.  alg.  zeitung  1881  nr.  101. 

Karl  Augast  und  Goethe  von  Juel.    Ebenda  beilage  nr.  231. 

Über  geschichte  und  einheit  der  philosophischen  facultät.   (Rede  gehalten  beim  antritt 

des  rectorats).    Leipzig  1881. 

1882. 

Theodor  Kömers  relegation  aus  Leipzig.    Nach  den  akten  I.  U. 

Augsb.  allg.  zeitung  1882.    Beil.  nr.  249.  250. 

Zu  der  rhythmischen  version  der  legende  von  Placidas-Eustathius  (Zs.  23,  273  fgg.) 

Ztschr.  f.  deutsches  altert  26,  96  —  98. 

Rectoratswechsel  an  der  Universität  Leipzig  am  31.  Oktober  1882.  1  (s.  1  — 16).   Rede 

des  abtretenden  rectors  dr.  Friedrich  Zarncke.    Bericht  über  das  Studienjahr 

1881 — 82.    Leipzig,  druck  von  Edelmann.    4. 

1883. 
Zwei  neue,  von  herm  dr.  Milchsack  in  Wolfenbüttel  aufgefundene  bruchstücke  einer 
handschrift  der  gedichte  Walthers  von  der  Vogelweido. 
Berichte  der  k.  sächs.  geselsch.  bd.  35,  145  — 158. 
Goethes  Jugendporträts.    Goethe -Jahrbuch  4,  141  — 154. 

Einst  und  jezt.  Aus  dem  verfassungsieben  der  Universität  Leipzig.  Festrede  zui*  feier 
des  geburtstages  sr.  m^'.  des  königs  Albert  am  23.  april  1883  in  der  aula  der 
Universität  Leipzig  gehalten  von  dr.  Fr.  Zarncke,  d.  z.  prorector.  (S.  A.  aus 
der  wissenschaftlichen  beilage  der  Leipziger  zeitung  1883,  nr.  36). 

1884. 
Christian  Reuter,  der  Verfasser  des  Schelmuffsky.    Sein  leben  und  seine  werke.    Von 
Friedrich  Zarncke. 

Abhandl.  der  phil.-hist.  klasse  d.  k.  sächs.  geselsch.  bd.  IX  nr.  Y  s.  455  —  661. 
Zu  Goethes  doctordissertation.    Goethe -Jahrbuch  5,  345. 
Johann  Spiess,  der  herausgeber  des  Faustbuches,  und  sein  vorlag. 

Augsb.  alg.  zeitung  beil.  1884  nr.  246. 
Goethes  notizbuch  von  der  schlesischen  reise  im  jähre  1790.     Zur  begrüssung  der 
deutsch -romanischen   section  der  37.  versamlung  deutscher  philologen  und  Schul- 
männer in  Dessau  am   1.  Oktober  1884  herausgegeben  von  Friedrich  Zarncke. 
Leipzig,    druck  von  Breitkopf  und  Härtel.     In  100  exemplaren  gedruckt.    32  s. 

und  1  tafel.  gr.  4. 

1885. 

Die  jagd  im  Nibelungenliede.    Beiträge  z.  gesch.  d.  d.  spr.  u.  litt.  10,  384  —  402. 

Althochdeutsche   paradigmata   von   F.  Z.      Sommersemester  1885.      Als   manuscript 

gedruckt  (von  Breitkopf  und  Härtel  in  Leipzig).    8  s.  gr.  8. 

Zu  den  Goethebildnissen.    I.  Zu  den  Kügelgenschen. 

Augsb.  alg.  zeitung  beil.  1885  nr.  263. 


90  VOGT,   FRIEDRICH   ZARNCKE 

Zu  den  Goethebildnisson.    IL  Das  Fraserporträt.    Ebenda  nr.  266.  267. 

Zu  den  Goethebildnissen,    m.  Die  porträis  des  Jahres  1779.    Ebenda  nr.  268. 

1886. 

Zum  niederdeutschen  hochzeitsgediohte  aus  dem  jähre  1694. 

Korrespondenzbl.  d.  Vereins  f.  niederd.  Sprachforschung  11,  83. 
Zwei  neue  Ooethebildnisse  und  einiges  andere.    Augsb.  alg.  zeitg.  beil.  1886  nr.  13. 

1887. 

Christian  Reuter  redivivus.    Berichte  der  k.  sächs.  geselsch.  bd.  39,  44 — 104. 

E.  Schnippel,   Über  das  runenschwert  des  kgl.  historischen  moseums  zu  Dresden 

mit  einleitenden  bemerkungen  von  Zarncke.    Ebenda  125  — 170  mit  3  tafeln. 
Weitere  mitteilungen  zu  Christian  Reuters  Schriften.    Ebenda  253 — 277. 
Christian  Reuter  als  passionsdichter.    Ebenda  306  —  368. 
Zum  Annoliede.    Ebenda  283  —  305. 
Das  englische  Volksbuch  vom  dr.  Faust.    Anglia  band  9,  610 — 612. 

1888. 

Eurzgefasstes  Verzeichnis  der  originalaufhahmen  von  Goethes  bildnis.  Zusammenge- 
stelt  von  Friedrich  Zarncke.    Mit  15  tafeln. 

Abhandl.  der  phil. -bist.  kl.  der  k.  sächs.  geselsch.  bd.  XI  nr.  I  s.  1  — 132. 
Neue  mitteilungen  zu  den  werken  Christian  Reuters. 

Berichte  der  k.  sächs.  geselsch.  bd.  40,  71  — 136. 
Zur  bibliographie  des  Faustbuches.    Ebenda  s.  181  —  202. 

Bruchstücke  aus  Goethes  befreiung  des  Prometheus.    Goethe -jahrb.  9,  3u.  4.  77 — 82. 
Aus  dem  uotizbuche  von  der  schlesischen  reise. 

Goethes  werke  herausg.   im  auftrage   der  grossherzogin  Sophie  von  Sachsen. 
Abt.  m  bd.  2  s.  20—24.    331  —  333. 
Nochmals  allerlei  über  Goethebildnisse.    Augsb.  alg.  zeitung  beü.  1888  nr.  94.  97.  100. 

1889. 

Berichtigung  fremder  und  eigener  angaben  zu  Christian  Reutor. 
Berichte  der  k.  sächs.  geselsch.  bd.  41,  28 — 35. 

1890. 

Zur  Ecbasis  captivi.    Berichte  der  k.  sächs.  geselsch.  bd.  42,  109  —  126. 
Zu  Goethes  schlesischer  reise.     Goethe -Jahrbuch  11,  64. 

Causa  Nicolai  Winter.  Ein  bagatelprocess  bei  der  Universität  Leipzig  um  die  mitte 
des  15.  jahrhundeits.    Von  Friedrich  Zarncke. 

Abhandl.  der  phiL-hist.  kl.  der  k.  sächs.  geselsch.  bd.  12  nr.  1  s.  1  — 114. 
Zu  den  reduplicierten  pi"äteriten. 

Beitr.  z.  gesch.  d.  deutsch,  spr.  u.  litt.  15,  350 — 359. 

1891. 

Aus  dem  leben  des  grossvaters  und  dem  jugondleben  des  vaters.  Den  geschwistem 
erzählt  von  bruder  Friedrich.  Als  manuscript  gedruckt.  Leipzig,  draok  von  Breit- 
kopf und  Härtel.     XII,  224  s.  und  1  tafel.    8. 

BRESLAU.  FRIEDRICH  VOQT. 


MfilEB,   ÜBER   SCHULTZ,    HÖFISCHES   LEBEN  91 

LITTEEATUR 

Alwin  SehnltZ)  Das  höfische  leben  zur  zeit  der  minDesinger.  Zweite  ver- 
mehrte nnd  verbesserte  aufläge.  Leipzig,  S.  Hirzel.  1889.  1.  band  XVI,  688  s. 
mit  176  holzschnitten.    16  m.    2.  band  504  s.  mit  196  holzschnitten.    14  m. 

(Schluss.) 

S.  538]  Zabdtcorte  bedeutet  an  den  angeführten  stellen  nicht  das  von  Schultz 
angegebene,  üi'sprünglich  hatte  es  zwar  wol  diesen  sinn;  aber  später  heisson  alge- 
mein alle  werte,  die  während  des  spiels  gesprochen  werden,  xabelworte,  xobelrede, 
und  es  scheint  dann  eine  scherzhafte,  witzig  pointierte  conversation  zu  bedeuten.  Es 
komt  uns  wunderbar  vor,  dass  man  bei  dem  Schachspiel  viel  gesprochen  haben  soll, 
während  imsere  vorfahren  daran  keinen  anstoss  nahmen. 

8.  540]  Zu  anm.  2  vgl.  noch  Renner  21813. 

S.  542]  Anm.  1  füge  hinzu  Teichner  Earaj.  anm.  221. 

S.  544]  Das  ringspiel  (anm.  2)  wird  auch  Parz.  368,  12  und  Willohalm  327,  8 
{vingerlin  snellen)  erwähnt.  —  Das  oben  genante  fragen  scheint  öfter  angewant  zu 
sein:  So  spielt  ein  liebhaber  mit  seiner  geliebten  um  ein  ^Yvb%  an*^  Lieders.  1,  140, 
498).  Erst  würfeln  sie,  wer  die  frage  tun  daif,  dann  entscheiden  sie  durch  das  zie- 
hen eines  halmes:  wer  den  längsten  erhält,  darf  fragen  (145,  675  fgg.).  Bedingung 
ist  auch  hier  wol,  dass  auf  die  frage  wahrheitsgemäss  geantwortet  werden  muss. 
Ebenso  wird  um  die  frage  gespielt  in  der  anm.  3  aus  dem  kloster  der  minne  (Lie- 
ders. 2,  vers  200)  angeführten  stelle.  (Solte  übrigens  statt  vifiger  xelln  vielleicht  vin- 
ger  sneUn  zu  lesen  sein?) 

S.  545]  Bei  dem  tanze  nimt  der  herr  die  schleppe  der  dame  mit  in  die  band: 
Der  künee  leite  dö  den  tanx:  Er  iia/m  die  v^rouwen  mit  ir  stcanx.  St  sungen  tvun- 
necliche  Virg.  1007,  1;  Der  herre  üf  slahen  liex  einen  tanx,  Er  9iam  die  künegin 
mit  ir  swanx  Virg.  1032,  1;  vgl.  ebd.  1091,  4  fgg.  —  Auch  die  mänuer  tragen 
kränze  beim  tanzen,  so  Karl  (Karlm.  292,  50  fgg.)  und  Godyn  (Kailm.  210,  58).  Über 
die  art  des  zusammentanzens  von  zweien  oder  dreien  vgl.  lol.  4831  und  5303.  Fer- 
ner tanzen  zwei  herren  und  eine  dame  noch  Gärel  4875  fgg.  4893  fg.  Gesang  und 
musik  verschiedener  instrumente  begleiten  den  tanz  Virg.  1033,  2  fgg.:  Die  herren 
tanxten  im  gexelt  Und  ouch  die  edelen  m'otiwen.  Si  sungen  vnmneclich  gesanc, 
Dar  under  suchen  harpfen  kla?ic:  Man  fnac  st  gerne  schouwen.  Bumnen  wurden 
ouch  erschalt    Und  seitenspil  du  mite:    Man  horten  verre  durch  den  walt. 

Auch  der  tanz  ist  in  seinen  formen  der  mode  unterworfen.  Mit  dem  ausgang 
des  mitteMters  wird  er  immer  wilder  und  toller,  und  es  scheinen  zum  teil  welsche 
tanze  die  neuen  zu  sein.  Im  Ring  (39  b,  3;  30  b,  7)  wird  alte  e  und  niuwer  sit 
unterschieden,  und  der  Teichner  ergeht  sich  schon  fiiiher  in  dem  raisonnemont:  Der 
mit  xühten  tanxen  pfUege,  Da^  wmr  hundertstunt  so  weege,  Dan  da^  treten  üf  und 
nider.  Er  ist  gote  raste  wider  Umh  den  seihen  ridewanx,  Dan  umh  xiihticlichen 
tanx  (Karaj.  anm.  213).  Genauer  geht  derselbe  dann  noch  an  folgender  stelle  auf 
den  unterschied  ein:  J?  dö  sach  man  tanxen  lis,  Darnach  huop  sich  reigen  sider, 
Nu  ist  c^  nit  dan  üf  und  nider.  Ich  wei^  nit,  wie  ich§  nennen  solt,  Ob  ich;^  über- 
nemen  (Übernamen  geben)  wolt.  Er  vergleicht  den  tänzer  dann  mit  den  auf  und 
nieder  hüpfenden  weinpressem,  mit  einer  kuh  die  mit  ihrem  Schwanz  die  fliegen 
veijagt  oder  mit  einem  hii*sch ,  der  sein  geweih  abreibt.  Und  dann  erzählt  er  das  von 
Neidhart  (HMS.  3,  205;   XVm,  7)    als  niuwer  fiovcsin   erwähnte   dahinschleiohen 


92  H£I£R 

mit  ciuem  mit  weiu  gefültcu  bcclier  auf  dorn  baupt,  das  auch  auf  bildom  dargestelt 
wild :  Ich  dmick  hoch  icol  da^  e^  nit  was  Und  da^  einer  ein  lüter  gla^  Uf  dem 
houpt  im  reigen  füert  Volley  win  da§  nie  verrüert:  Da^  war  nu  eim  tcmxcßr  Vü- 
liht  des  vil  swcbt.  Halt  umb^  glas  wil  ich  gedagen:  Er  möht  Verliesen  ab  sim 
kragen  Mantel  roc  und  gtigelhuot  Mit  dem  schütten  so  er  tuot.  Ich  gedenk  noch 
wol  den  tac  Da^  man  senfter  reien  pfUic  Dan  man  ietxunt  tanxen  siht  Lie- 
dei-s.  3,  295,  20. 

S.  546]  Es  wurde  sowol  nach  instrumentalmusik,  wie  nach  tanzliedern  der 
reihe  getanzt;  vgl.  Ring  38  c,  32  fgg.  Weniger  künstliche  tanzlieder,  als  gewöhnlich, 
die  aber  wol  mehr  den  tatsächlichen  Verhältnissen  entsprechen,  finden  wir  im  Ring 
38  c,  41.    39,  18.    39,  40.    39  c,  25. 

S.  549]  Über  im  virelai  vgl.  zu  lol.  3103;  der  von  Schultz  mit  Böhme  davon 
getrente  Fierlefei  ist  wol  der  gleiche  tanz,  und  nur  der  name  ist  entstelt.  —  Der 
boxolt  ist  an  der  angeführten  stelle  und  sonst  immer  nur  ein  ausdruck  für  minnespil 
(vgl.  DWb.  2,  271),  wie  der  gimpelgampel. 

S.  551]  Über  die  namen  von  musikinstrumenten  war  noch  zu  vergleichen  Ro- 
quefort, j^at  de  la  Litterature  fran^ise  s.  98  fgg.  und  Hoffmann  von  Fallersleben 
IIor(ß  BelgiccB  6,  190  fgg.  Im  einzelnen  werde  ich  die  citate  an  den  fraglichen  stel- 
len geben.  Vgl.  auch  das  verbot  des  rates  zu  Speyer  (Eßlgard  nr.  503  s.  445,  38  fg. 
a.  1347):  (man  soll  nicht  bei  nacht  gehen)  tnH  deheinre  phiffen,  drumen,  orgeln, 
quifüemen,  rotden,  videln  oder  ander  seilen  sptl,  wie  dax  heisset. 

S.  554]  Über  die  rotte  siehe  auch  Horae  Belg.  6^  198. 

S.  555]  ghitertie  Horae  Belg.  6,  197;  vgl.  noch  Verdam  en  Verwys,  Mndl.  wb. 
2,  1984.  —  citole  Richars  li  biaus  4125,  sitole  Horas  Belg.  6,  199;  Mndl.  wb.  1, 
1508.  —  rtü)ebe  Cieom.  17275,  rebebie  Horse  Belg.  6,  198.  —  Zu  anm.  7  vgl.  Hoff- 
mann, Hoi"88  Belg.  6,  197. 

S.  557]  Über  Symphonie  vgl.  Hone  Belg.  6,  199.  —  Anm.  11:  Frauend.  211,  9 
ist  wol  fioler,  floyten  zu  schreiben,  vgl.  noch  Ottok.  v.  St.  cap.  639:  Herphen,  Rot- 
ten und  Fidein  Dex  wax  da  der  Paumgart  voller j  Pusawn,  Pfeiffer  und  Holler 
Dex  wart  so  vil  da  gehört  usw. 

S.  558]  Anm.  3  füge  hinzu  schalmeinn  Ottok.  von  St.  cap.  687;  Durmars  7726. 
—  Anm.  4  war  wol  auf  s.  559  anm.  10  zu  verweisen.  —  Anders  als  Coussemaker 
fasst  Hoffmann  den  chorus  auf,  vgl.  Hör®  Belg.  6,  196.  —  In  dieser  anmerkung  (5) 
war  auch  wol  die  später  (s.  573  anm.  4)  angeführte  stelle:  Roman  de  Brut  18832  zu 
citieren. 

S.  561]  Anm.  2  war  auf  s.  559  anm.  10  zu  verweisen.  —  Zu  anm.  4  vgl.  Hone 
Belg.  6,  197,  zu  anm.  5  ebd.  6,  197,  zu  anm.  7  ebd.  6,  196.  —  Gar  nicht  erwähnt 
Schultz  das  licion,  mlat.  liciniay  lichina,  ein  blasinsti'ument,  eine  art  trompete, 
vgl.  Du  Gange  5,  100,  Horse  Belg.  6,  197  und  De  Trojaensche  oorlog  699  (von 
Schultz  s.  558  anm.  5  citiert). 

S.  502J  Zu  anm.  2  vgl.  noch  Mhd.  wb.  3,  45  a,  Grieshaber,  Pred.  2,  20  fg.  — 
Über  die  armonie  siehe  noch  Du  Gange  1,  396,  Horse  Belg.  6,  196,  Troyen  5566 
(Mndl.  wb.  3,  160).  —  Anm.  7  ist  ein  merkwürdiges  misverständnis  in  folge  des 
ausfalleus  eines  citates  zu  verzeichnen:  Tundalus  und  Roths  dichtungen  sind  zweierlei, 
und  das  angeführte  citat  ist  aus  Roth  entnommen.  Aber  es  gehört  hier  eben  so  wenig 
her  als  Tund.  51,  47  {da  was  xitern  unde  glien):  beide  male  ist  der  substantivierte 
Infinitiv  glieti  gemeint.     Und  das  verbum  gUen  bedeutet  „kreischen,    einen  hellen, 


ÜBER   SCHULTZ,   HÖFISCHES   LEBBN  93 

pfeifenden  ton  von  sich  geben **.  —   Mit  der  herleitung  von  Schirtnelle  hat  Schultz 
sicher  recht,  vgl.  noch  Flani.  598. 

S.  563]  Vgl.  zu  den  im  zweiten  absatz  gegebenen  ausführungen  noch  das  von 
Hoffmann  (Horae  Belg.  6,  190  —  200)  gesagte. 

S.  564]  Man  hört  gerne  vorlesen:  so  sizt  die  tochter  des  königs  von  Persien 
in  ihrem  zeit  und  lässt  sich  aus  einem  buche  die  Eneide  vorlesen,  wie  Träfe  xefüe- 
rH  wiBre  Und  wie  jeemerltche  tlmas  der  rtche  Sich  dannen  stal  mit  sinem  her . . . 
Als  e^  iu  ofte  ist  geseit  (Wig.  73,  6).  —  An  den  höfen  unterhielt  man  sich  gern 
und  oft  mit  der  erzählung  von  abenteuern:  Oewonheit  hänt  sc  (Helfrichs  samenunge) 
al  vtretage,  Die  alten  und  die  jungen,  Si  enpflegen  sanc  noch  Seiten  spil,  Die 
Jierren  van  dventiure  sagen:  Des  hdnt  st  getriben  vil  Virg.  295,  9.  —  Der  Teich- 
ner beklagt  sich,  wie  der  geschmack  seiner  zeit  verschieden  ist:  So  spricht  jener : 
^Lusent  her!  Sagt  uns  von  hem  Ecken  klingen*^  ^,  So  spricht  der  ander:  ^Er 
sol  singen!  Wir  hän  an  lihter  predige  genuoc  usw.  (Kang.  anm.  215). 

S.  565]  Der  beruf  des  Sängers  und  des  Schreibers  ernährte  seinen  mann:  Sin- 
gen wnd  sagen  vnd  halbes  heute  (pergament)  Nerent  noch  vil  tumber  vnd  wiser  leute 
ßemier  4309.  —  Schon  damals  gab  es  hoflieferanten ,  hofbarbiere,  hofschauspieler. 
Wolfger  gibt  in  Rom  Minutori  antiqui  ducis  LiupoMi  ij.  tat.  bon,  (s.  28.  45).  Ein 
ander  mal  wird  apud  Niwemhurch  loculatori  episcopi  die  summe  von  XXX.  defi. 
überreicht  (s.  21).  Die  discantores  domini  pape  erhalten  ein  talent  (s.  27).  Zwei 
Spielleute  des  königs  von  NavaiTa  erwähnt  die  Vie  domestique  (s.  55).  Ein  Rupertus 
ioculaior  regis  unterzeichnet  eine  Urkunde  Heinrichs  IV.  (Toeohe,  Heinrich  VI. 
s.  504).  —  Über  die  Stellung  der  spielleute  und  das  verhalten  der  Mrche  ihnen  gegen- 
über vgl.  noch  Wilmanns,  Walther  von  der  Vogelweide  s.  296  zu  II,  5.  Über  spiel- 
leute in  Tirol  vgl.  Schönbach,  Ztschr.  f.  d.  a.  31,  171  fgg.  —  Anm.  3:  Das  thema, 
was  es  bedeute,  guot  umb  ere  Giemen,  und  ob  es  beschämend  sei,  erörtert  der  Teich- 
ner (Earaj.  anm.  217)  sehr  ausführlich  in  einem  gedichte.  Um  misverständnisse  iu 
der  Interpretation  des  ausdruckes  zu  vermeiden,  hätte  Schultz  vielleicht  kurz  in  klam- 
mern zufügen  können,  dass  guot  umb  ere  nennen  heisst:  „gut  nehmen  für  die  ehre, 
die  man  einem  andern  mit  seinen  liedern  orweisf*.  —  Der  zom  der  geistlichkeit  war 
im  einzelfaUe  nicht  so  schwer;  er  richtete  sich  immer  nach  der  Individualität  des 
betreffenden.  In  Wolfgers ,  des  patriai'chen  von  Aquileja,  reiserechnungen  finden  wir 
z.  b.  cuidam  Lodderpfaffo  XII  den.,  cuidam  wallero  girovago  XXX.  den.  (s.  21), 
euidam  lodderpfaffo  V.  sol.  bo7i.  (ebenso  viel  wie  Walther  von  der  Vogelweide  erhält; 
ß.  45). 

S.  566]  Hier  war  wol  noch  der  bericht  Otlohs  von  St.  Emmeram  zu  erwähnen. 
Tgl.  Wilmanns,  Walther  von  der  Vogelweide  s.  40.  —  Wie  Rüdeger  im  Rosengarten 
(1001  fg.)  dem  spielweib  seinen  mantel  schenkt,  so  geben  auch  die  gesellen  Dietwarts 
ihre  kleider  hin  (Dietr.  Fl.  730  fgg.).  Meister  Otte  weiss  im  Eraclius  noch  von  der 
fi^igebigkeit  der  herren  seiner  zeit  zu  erzählen:  man  gab  in  phärt  und  gewant.  E^ 
leite  etelicher  an,  Da^  sin  vater  und  s1n  ati  So  guotes  nie  niht  geican.  Sus  ge- 
schiht  noch  manegem  man  (ed.  Graef  2400). 

S.  568]  Für  das  marionettentheater  der  spielleute  vgl.  noch  die  stelle  im  Mala- 
gis,  die  von  der  Hagen  in  seiner  Geimania  8,  280  fgg.  heraushebt. 

S.  569J  Zu  den  verschiedenen  arten  der  beschäftigung  eines  joculators  ver- 
gleiche: tamhüren  ind  seilen  spil,  Dar  was  sagen  ind  singen,  Dar  %d  van  mestern 

1)  Dieee  stelle  zeigt,  dass  Karajan  im  irtum  ist  (a.  n.  o.  s.  106),  wenn  or  meint,  der  Teichner 
enrihne  die  deatscho  heldonsage  nirgends  ausdrUclclich. 


94  MEIER 

springen  Sack  men  hunstltchen  vil  Crane  4539.  Un  menestrel  qm  jouet  d'oiseaux 
und  einen  menestrel  de  cornet  erwähnt  die  Vie  domestique  (s.  55).  "Wolfger  gibt 
einem  ioetdator  cum  ctdtellis  taL  veron.  (Beiserechnungen  s.  29  und  48).  Zu  dem 
messei-spiel  vgl,  noch  Herb.  Troj.  9307  fgg.  und  unsere  obigen  bemerkungen  zu 
s.  168. 

S.  570]  Über  die  spruchsprecher  vgl.  HoraB  Belg.  6,  200  fgg.  —  Die  mora- 
listen  nahmen  wohl  nicht  bloss  an  den  spässen  der  leute,  sondern  an  ihrem  ganzen, 
uusitlichen  lebenswandel  anstoss. 

S.  573]  Die  Stellung  der  kirchenfürsten  zu  den  spielleuten  war  bei  den  einzel- 
nen, je  nach  ihrer  Individualität  ganz  verschieden.  Freigebig  gegen  sie  ist  Wolfger 
von  Aquileja,  der  ^uf  seinen  reisen  förmlich  von  ihnen  überlaufen  wui*de.  Merkwür- 
dig ist  der  unterschied  zwischen  Deutschland  und  Italien:  sobald  Wolfger  über  die 
grenze,  im  süden,  ist,  verdoppelt  sich  der  ström  der  gehrenden.  Ich  habe  mir 
notiert:  Inter  diuerscts  istriones  distrihuehantur  apui  Paduam  XXXIL  soL  venet,, 
Aput  Ferrariam  in  palmis  ctiidam  vetulo  ioculatori  in  rufa  tunica  V.  sol,  mexa- 
twrum,  Cuidam  alii  vociferatori  V.  sol.  mexanorum,  Aput  Bononiam:  Florda- 
mor  ioculatori  tal.  bon.  (s.  25);  Ajmt  Florentiam  euidam  Ebberardinorum  epi- 
scopo  et  cuidam  alii  mimo  dim.  tal.  veron.\  domino  episcopo  XII.  den.  frisac. 
Cuidam  vetulo  discantori  et  flliis  eius  tal.  (s.  26);  Uli  francigene  cum  giga  ei 
socio  suo  dim.  ial.j  Cuidam  alii  clerico  in  viridi  tunica  IL  sol.,  Qilioto  mimo 
V.  sol.  sen.  apui  Aquam  Pendentem^  Cuidam  alii  mimo  U.  sol  sen.  (s.  27);  Qua- 
tuor  ioculatoribus  IL  tal.  bon.  (s.  28);  Aptä  Mutinam  cuidam,  Lombardo  istrioni 
dim.  lat.  mexafwrumy  Aput  Veronam  Ioculatori  cum  ctdtellis  tal.  verofi,  Alii  mimo 
V.  sol.  veron.  (s.  29).    Über  die  in  Deutschland  genanten  vgl.  ebd.  s.  31  und  57. 

Nicht  erwähnt  sind  in  dieser  aufzählung  die  spilmip,  die  ich  jezt  besonders 
nachtragen  werde.  Schultz  hat  manches,  was  über  sie  künde  gibt,  übersehen.  Zu- 
erst seien  die  genant,  welche  sich  in  Wolfgers  reiserechnungen  finden:  Aput  Ferra- 
riam Cuidam  cantatrici  V.  sol.  inexajiorum  (s.  25);  Aput  Senas  cuidam,  canta- 
trici  et  duobus  ioculatoribus  VIL  sol.  et  VI.  den.  sen.y  Aptä  Sutrium  puellis  cun^ 
tantibus  IL  sol.  veron.  (s.  26);  Aput  Veronam  puellis  cantantibus  V.  sol.  veron., 
Apui  Boxam  cuidajn  ioculatrici  dim.  tal.  veran.  (s.  30);  Aput  Augustam  locula- 
tricibus  Uli  sol.  (s.  31)  —  Vor  Kriemhilde  musiziert  ein  spielweib:  Mn  maget  spilte 
mit  einer  rotten  cor  der  künegin  richj  Alle  die  e^  horten  die  icurdeti  freuden  rieh, 
Rinder  sich  trat  der  margrdve  (Rüdeger)  unt  xoch  abe  dux  gewant  Und  gap  c^ 
der  spilmennefi  mit  stner  muten  haut  (Grimm,  Roseng.  999).  Auch  Agnes,  die 
geliebte  und  mörderiu  könig  Wenzels  von  Böhmen,  war  wol  eine  ioculatrix.  Es 
heisst  von  ihr:  Die  chund  videln  vnd  singen  Und  was  xu  solhen  Dingen  Hübsch 
und  chlug  (Ottok.  v.  St.  cap.  754).  Ein  edles  und  reiches  spielweib  schildert  Berthold 
von  Holle  im  Bemäntln  (6170  fgg.)-  L>dr  quam  ein  vrouwe  gemeit  Oereten  di  gut 
umm  ere  7Uim.  Swär  vorsten  vil  xesampne  quam,  Dar  reit  si  nd  dorch  manig 
laut.  Di  tcas  so  w^ten  bekant.  Or  phert  was  mit  rtcheit  Oextret  unde  or  sei- 
bir  cleit. 

S.  576]  Anm.  1  waren  wol  in  dem  citat  die  folgenden  verse  mit  anzuführen 
oder  aber  ein  usw.  zu  setzen.  —  Zu  anm.  2  füge  hinzu:  Der  schall  der  fahrenden 
erklang  allenthalben,  Die  sungen  manig  Lid  Zu  Lob  und  xu  Preis  Von  (Ester- 
reich  dem  Fürsten  weis  Vmb  die  Er,  die  er  da  begie  Ottok.  v.  St.  cap.  653;  Mani- 
ger  hannde  Liet  Sy  von  detn  Hof  sangen.   Wem  da  was  gehnigen,  Der  lobt  da  aer 


ÜBER  SCHULTZ,   HÖFISCHES   LEBEN  95 

Den  Chtmig  und  Hofes  Er;    Wer  sein  aber  engalt  Der  flueekt  und  sehalt    Vnd 
tcam  vfignmi7ier  Phlicht,  als  noch  heivt  geschieht  Ottok.  v.  St.  cap.  689. 

S.  578]  Schultz  führt  hier  (anm.  2)  aus  Salimbene  1287  (s.  377)  eine  stelle 
an,  die  als  interessaDte  parallele  zu  Ulrichs  von  Liechtenstein  Yenusfahrt  noch  nicht 
gewürdigt  ist.  Es  zeigt,  wie  dergleichen  sachen  in  der  luft  lagen,  und  dass  Ulrichs 
tun  durchaus  nicht  so  aussergewöhnlich  war,  wie  es  uns  jezt  scheint.  Da  die 
stelle  kurz  ist,  führe  ich  sie  hier  an:  (In  der  fastenzeit)  aeceperunt  {Regini,  die 
vonReggio)  enirn  a  dominabus  mtäuo  vestes  muliebres  plures  eoru7n  quibus  ifiduti 
eoeperunt  ludere  et  per  civitatem  cum  Imstiludio  discurrebant  et,  ut  midieres 
melius  apparerent,  cum  cerusa  alba  dealbabant  larva^,  quas  suis  mUtibtis  appo- 
nebant. 

S.  579]  Zu  Sant  Gertruden  minne  ist  noch  nachzutragen  Ruodlieb  od.  Seiler 
IV,  162,  Nie.  de  Bibera  1980—85  und  zu  vergleichen  Böckel,  Volkslieder  aus  Ober- 
hessen XXXV  fgg.  und  Grimm ,  D.  myth.*  49  fg.  Der  ursprüngliche  grund  für  St.  lo- 
hannis  sogen  war  wol  die  z.  b.  Rabenschi.  286,  6  fg.  erwänte  tatsache:  Ich  bevilhe  dir 
diu  kint  Als  got  sin  mtwter  Bevalch  Saiü  lohan  Do  er  fiam  den  tot.  Vgl.  noch 
Grimm,  D.  myth.*  49.  Nachtr,  31,  Zingerle,  Wiener  Sitzungsberichte  40,  Weimai*. 
Jahrb.  6,  28  fg.,  Böckel,  Volkslieder  aus  Oberhessen  XXX Vn  fgg.  und  füge  hinzu 
Ottok.  V.  Steyer  cap.  827:  Der  herzog  Albrecht  ist  reisefertig.  Dar  trug  man  jm  san 
Safid  Johanns  Mynn,  Ring  223,  37  und  St  Martin  Stricker  5,  165  (Mhd.  wb.  1, 
177  b). 

S.  582]  Zu  anm.  3  war  noch  Wilmanns,  Beitr.  1,  21  —  31  zu  vergleichen.  In- 
teressant ist  auch  ein  erlass  des  erzbischofs  Wemher  von  Mainz  an  die  geistlichen 
seiner  diöcose,  in  dem  er  ihnen  verbietet,  das  haar  gelockt  zu  tragen  (vulgariter 
cruUe),  waflFen  zu  führen,  sowie  panzer  und  weltliche  tracht  anzulegen,  auf  öffent- 
lichen platzen  zu  tanzen,  beginen  in  ihren  häusern  zu  halten  usw.  (Barn*,  Hess, 
urkd.  2,  278  fgg.  nr.  303  a.  1277). 

S.  583]  Der  pfaffe  war  den  frauen  lieber  als  der  ritter:  Der  ritter  macht  mich 
[IVU]  xe  schänden  (hs.  standen)  Oder  der  kneht  in  den  landen.  Wann  sie  sint  gar 
unversehwigen  (var.  sie  sint  g.  vnderschwigen) :  Dar  umb  ist  der  pfaffe  gesigen 
(=  ist  gesigende;  var.:  verschivigen):  Oen  ich  nü  bt  den  pfaffen  ligen,  So  muox 
er  den  munt  xuo  tuen  und  steigen  Keller,  Altd.  ged.  1,  106,  25  fgg. 

S.  584]  Von  dem  bischof  sagt  Nie.  de  Bibera  (1170):  Angarians  clerum  ia^et 
in  sinibus  mulierum  und  (1179)  Devorat  et  potat,  natam  cum  cmiiuge  dotat,  Chri- 
ste,  tua  dote,  reputans  quasi  pro  nihilo  te.  —  Die  auch  von  Schultz  näher  ausge- 
führte lebensweise  des  höheren  clerus  lässt  mich  auch  bei  dem  in  Wolfgers  reise- 
rechnimgen  (s.  7  und  17)  erwähnten  Odackariis  filius  episcopi  an  einen  natürlichen 
söhn  und  nicht,  wie  Zingerle  im  glossar  will,  an  einen  geistlichen  söhn,  einen  cle- 
riker  denken.  —  Anm.  6:  auch  Alex.  Neckam ,  De  nonünibus  utensilium  s.  66  (Schultz 
1,  207  anm.  1)  erwähnt  machinamenta  in  modum  virilis  membri:  (Die  stubenmagd 
hat  acus)  grossiores  ad  laqueos  inducendos,  grossissimas ,  cu?n  amoris  illecebris 
indulgecU.  Doch  lässt  sich  die  kunst  oder  natur  dieser  acus  grossissiinae  nicht  ganz 
sicher  entscheiden.  —  Über  den  zuchtlosen  lebenswandel  der  mönche  und  nennen 
siehe  lieders.  1,  422,  40  fgg.  Über  die  nennen  führe  ich  hieraus  folgendes  an:  Nu 
tint  man  selten  ain  nunnen  Si  hab  in  dem  hertxen  ain.  Wenn  si  soll  den  salter 
main  So  ist  anders  nicht  ir  acht,  Denn  da§  si  jenem  kleinot  macht  Vnd  jm  min- 
nen  (bs.minen)  brieff  erxüget  (Lieders.  1,  422,  65).  Vgl.  lohannes  dietus  der  Nun- 
san  de  Stey^nfurt  Baur,  Hess.  urk.  1,  677  nr.  1021  a.  1368. 


96  MJSIEB 

S.  585]  Auch  die  beginen  leben  unsitlich;  ihren  lebenswandel  schildert  uns 
Nie.  de  Bibera  1629  fgg.,  vgl.  noch  zu  lol.  3133. 

Das  hibelinum  sucht  Wilmans,  Beitr.  1,  10  anm.  1  zu  erklären.  Ich  gestehe, 
dass  ich  nicht  so  ganz  überzeugt  bin,  obgleich  ich  die  deutung  nicht  für  unmöglich 
halte.  Vgl.  übrigens  auch  pipinna  (parva  mentula)  Mart.  11,  72,  1.  Ich  möchte 
eher  an  einen  Zusammenhang  irgendwelcher  aii  denken  mit  bibilionarey  bibionare, 
sanguine  inquinari.  Bibinarium  autem  est  sanguis  menstruus  mulierum,  Bibinutn 
menstruum,  id  est  fluor  sanguinis  (Du  Gange  1,  649  c). 

S.  586]  Ob  die  erzählung  im  Lanz.  5964—69  (vgl.  5944—53)  sich  auf  den 
von  der  kirche  später  heftig  und  oft  bekämpften  cotitis  a  posteriore  bezieht,  weiss 
ich  nicht  mit  bestimtheit  zu  sagen,  halte  es  aber  für  wahrscheinlich. 

S.  587]  Von  Karl  dem  Grossen  wird  berichtet,  dass  er  sich  der  verborgen 
sunde  schuldig  gemacht  habe  (Karlm.  317,  8  fgg.,  321,  26).  Vgl.  femer  Der  Borte, 
(OA.  1,  174,  737  fgg.):  Her  Heinrich  (frau  als  man  verkleidet)  sprach:  y,Min  gerine 
Ist  einer  ha7ide  dinc:  Ich  minne  gerne  die  7nan,  Nie  deJiein  tvip  ich  getcan.  Tuot 
ir  da^  und  swa^  ich  wil,  Wüide  unde  vederspil  Oib  ich  iu  mit  willen.  Dix  muo^ 
gescheiten  stille'^. 

Unter  den  sicheren'  Zeugnissen  für  die  Verbreitung  der  Sodomie  in  Deutschland 
während  des  13.  Jahrhunderts  wai'  noch  anzuführen  Frauend.  266,  4 fgg.:  Man  sprach: 
diu  künegimie  hat  verseit  Hern  Hademär  (von  Küemingen)  ir  tyoste  hie;  Da^  tet 
si  für  war  ritter  7iie.  Ich  wcen,  si^  dar  utnbe  hat  getan  y  Da^  man  des  giht,  er 
7ninne  die  man.  Die  verirrung  war  um  so  weitgreifender,  als  die  höchsten  sich 
nicht  von  ihr  freihielten:  Defi  selben  werren  (die  paedei*astie)  Brüefeni  sumelich 
herren  Die  in  wenden  sotten  Obs  ere  hohen  wollen:  Nil  sint  si  in  so  heimelich, 
Da^  si  da  von  sint  schänden  rieh  Und  man  des  offcnlichen  gihty  Si  haben  der 
schände  mit  in  phliht  Ulr.  von  Liechtenstein,  Frauenb.  616,  31. 

S.  588]  Ganz  so  schlimm  wie  in  Paris  war  das  treiben  der  dirnen  in  Deutsch- 
land nicht,  kaum  mehr  in  die  öffentlichkeit  dringend  als  heutzutage  in  grösseren 
Städten.     Der  oft  genante  Nie.  de  Bibera  (2025)  schildert  uns  die  Erfuiier  zustände: 

Forsan  adhuc  dices:  age  die,  vhi  sunt  meretriceSj 

Aut  in  quo  vico?     Veraciter  hoc  tibi  dico 

Pectore  quo  gesto:  pauce  sunt  in  manifesto, 

Qiwt  sint  occulte,  si  scire  cupis^  homo  stulte, 

Indagare  satis  potes  hoc  sine  dogmate  vatisj 

Quippe  nefas  tale  tempus  quadragesimale 

Ne  loqUfare  exposcit.     Veneris  quicunque  iocos  seit 

Aut  delectatur  in  talibus,  ille  loquatur 

Aut  perscrutetur,  quia  per  me  non  prohibetur. 

Aus  dem  Eraclius  (2220  fgg.)  erfahren  wir  den  preis  ihrer  hingäbe:  Ir  mugt 
hie  manege  vinden  Diu  iuch  iuwers  willen  wert  Und  wan  drter  phenninge  geri. 
Später  scheint  der  preis  heruntergegangen  zu  sein.  Im  anfange  des  16.  Jahrhunderts 
sagt  Jörg  Graff  in  seinem  liede  von  dem  heller:  Vier  Mller  man  vor  xeiten  gab 
Einer  bälerin:  iex  ist  es  ab,  Ist  auf  drei  hcUler  kunien  Da^s  machen  die  faulen 
hau^fneid.  Die  in  der  stat  geen  umbe  (Böhme,  Altd.  Idb.  m*.  488  v.  7).  Zwei  hel- 
ler machten  etwa  einen  pfennig  aus,  vgl.  Schmeller'  1,  1076. 

S.  592J  Anm.  2  füge  hinzu:  Shi  dienest  was  gen  wiben  kranc  Und  dat^  er 
manegei'  über   ir  danc   An  gewan  ir  ere  Tand.  10744,    Dort  kamt  ein  man  fttid 


ÜBER   SCHULTZ,   HÖFISCHES   LEBEN  97 

ein  totp!  Dem  manne  wil  ich  Jietnen  den  lip,  Bi  dem  ivibe  sullen  wir  alle  („  vier- 
zig oder  mehr*)  ligen  Tand,  10774;  vgl.  Tand.  10975  fgg. 

S.  593]  Hier  wären  vielleicht  noch  die  ideale  des  ritterlichen  lebens  im  13.  Jahr- 
hundert darzustellen  gewesen,  wie  sie  Ulrich  von  Liechtenstein  im  Frauenbuch  fixiert: 
einmal  schöne  frauen,  dann  gutes  essen  und  trinken,  endlich  edele  rosse  und 
prächtige  gewänder  und  zimiere.  Zu  diesen  idealen  ti*eten  dann  noch  vier  dinge 
hinzu,  die  man  vergeblich  miteinander  zu  vereinen  sich  bemüht:  gottes  huld,  welt- 
liche ehre,  bequemlichkeit  und  reichtum  (Frauenb.  587,  1  fgg.).  So  ist  der  gesichts- 
kreis  der  ritter  auch  im  algemeinen  kein  weiter.  Die  passionen  für  jagd  und  spiel 
gehen  über  ihre  berechtigung  sehr  oft  hinaiis  (Frauenb.  607,  3  fgg.;  635,  15  fgg.). 
Sonst  sind  es  nur  schöne  weiber,  rosse  und  männliche  taten,  die  den  ritter  zu 
interessieren  vermögen,  vgl.  Kaiserchr.  1,  135,  25  fgg.  und  weiter  Grane  4062  fgg. 
(Demantin  4005  fgg.):  ^^^  ^(^l  ^i^  rote,  so  stunt  ein  dort:  Sie  sungen  lief,  sie 
sprächen  wort,  Ir  rede  was  van  der  jaget  ein  deil,  Sie  sprächen  umb  der  minneii 
heil  Ir  itlich  ^^  den  stunden.  Dar  wart  geret  ü^  manegen  munden  Umb  der  even- 
türe  wer. 

Der  wichtigste  punkt  in  dem  Verhältnis  der  beiden  geschlechter,  das  Verhält- 
nis zwischen  ehe  und  dienst,  ist  noch  nicht  genügend  aufgekläi*t  und  erfordert  eine 
nochmalige  umfassende  durcharbeitung  des  gesamten  materials.  Ulrich  von  Liechten- 
stein muss  wegen  seiner  schon  gekenzeichneten  neignng  zu  reminiszenzen  im  frauen- 
dienst  mit  grosser  vorsieht  benuzt  werden.  Anders  dagegen  steht  es  mit  dem  lange 
nicht  genug  beachteten  Frauenbuch.  —  Über  das  ideal  eines  frauenritters  äussert 
sich  Ulrich  im  Frauenbuch  (649,  17  —  650,  15):  „Er  soll  stät  sein  und  soll  nur  eine 
üebe  haben;  sonst  ist  es  keine  herzensliebe,  und  er  ist  kein  guter  minnen  diep. 
Wer  viele  frauen  auf  einmal  liebt,  vor  dem  sollen  die  frauen  ekel  empfinden,  wie 
ein  ritter  vor  einer  gemeinen  dime.  Es  gibt  ritter,  die  lieber  zehn  jähr  ohne  freun- 
din  wären,  als  dass  sie  eine  dime  umarmten,  und  die  nacht  und  tag  den  frauen  in 
der  hofnung  auf  süssen  lohn  dienen*^.  Aber  man  scheint  doch  nicht  nach  diesem 
rezept  gehandelt  zu  haben:  man  saget  uns  an  detn  meere  Da^  dö  minnete  7iieman 
wtp  Er  enhcete  dan  ir  lip  Ze  siner  rehten  e  genomen.  Nu  ist  e^  ü^  den  xüJiten 
kernen:  Ob  einer  möhte  drizic  hän.  Er  wolt  sich  niht  genüegen  län,  Er  het  ir 
dannoch  gerne  me  Bit.  490. 

Der  dienst  des  rittei*s  soll  sich  aber  nicht  seiner  frau  oder  seiner  henin  allein 
widmen,  sondern  in  ihrer  person  soll  er  allen  dainon  dienen:  ^mmn  dinest  solt  ir 
(seine  frau)  eine  hdn*^.  ^Ich  aleine? ^  sprach  dat  wifj  y,Ir  solt  umtner  durch 
mtnen  lif  Allen  vrouwen  denen  gar  Ind  nemen  ir  mit  grd^e  war.  S6  wert  üwe 
lof  gepriset,  Da  ir  üch  mit  dinste  lotset  Andern  vrowen  swe  se  sin:  Der  sdve 
dtnst  ich  och  bin^  Grane  4619.  Ob  aus  solchen  und  ähnlichen  ansichten  die  auffas- 
snng  der  ehelichen  treue  geflossen  ist,  wie  sie  Wolfdieterich  (DIX,  33,  1)  äussert? 
Wai^  schändet  iu,  scheine  frouwe,  minnete  ich  joch  drt?  (d.  h.  Griechinnen) 
Wil  ich  an^  reht  gedenken,  so  muo^  ich  iu  wesen  bi. 

Auch  von  ihren  frauen  scheinen  die  männer  mitunter  nicht  feste  ti'eue  zu  ver- 
langen, ja  sie  verkauften  sie  wol  selbst:  Also  man  vint  mangen  swachen  Der  umb 
p fennine  leien,  pf äffen  Lot  bt  sinme  unbe  släfen,  Der  selbe  nimt  für  ere  guot 
Teichner,  Eany.  anm.  217.  Aber  auch  ohne  diese  ein  willigung  des  ehemannes  sind 
die  frauen  aus  der  guten  geselschaft  käuflich.  Ulrich  von  Liechtenstein  tadelt  sie, 
dass  sie  feil  sind  für  geld  (Frauenb.  611,  21  fgg.),  oder  aber  doch  durch  geschenke  sich 
mit  bestinunen  lassen  (ebd.  612,   15  fgg.),  endlich  dass  sie  einem  unter  ihrem  stände, 

ZEITSOHBIirr  F.   DEUTSCHE  PHILOLOGIE.      BD.   XXV.  '^ 


98  MEIER 

einem  menschen  geringer   herkunft  sich  hingehen,    hloss  deshalb,    weil  er  in  ihrer 
Umgebung  ist  und  sich  ihnen  zu  allen  zeiten  bequem  nahen  kann  (ebd.  612,  25  fgg.). 

S.  594]  Anm.  1:  Auch  Marpaly  sagt:  Mhi  magetuom  hdn  ich  behalten  iex 
wol  fünfxec  jdr  Einem  werden  fiirsten,  da^  sage  ich  iu  für  war,  Der  heilet  Wolf^ 
dietertch,  ü§  Kriechenlande  gebom  Wolfd.  D.  89,  1. 

S.  595]  Ebenfals  ein  eiserner  keuschheitsgürtel  wird  in  der  folterkammer  der 
bürg  zu  Nürnberg  aufbewahrt 

S.  598]  In  anm.  3  ist  die  zweite  stelle  aus  dem  Tandareis  (15176)  zu  streichen: 
es  ist  eine  einfache  höflichkeitsformel,  die  nur  besagt:  „ich  wäre  froh  gewesen,  hätte 
ich  ihm  mehr  helfen  können''.  —  Anm.  7:  Aussetzen  von  kindeiii  und  kindsmord 
erwähnt  auch  Nie.  de  Bibera  1641  und  1650.  —  Anm. 8  füge  hinzu  Ring  15,  1  fgg.: 
Doli;  gibt  der  ai*zt  der  Motze  genaue  anweisung,  wie  sie  eine  künstliche  Jungfern- 
schaft herstellen  soll. 

S.  599]  Hier  wäre  wol  der  ort  gewesen,  wo  Schultz  die  einteilung  der  frauen, 
wie  sie  tatsächlich  bestand,  hätte  besprechen  können:  si  habe  man  oder  ein  witwe 
st  Oder  ein  maget,  die  7iamen  dri  Hab  wir:  da^  vierd  sifU  ledigiu  w1p,  Der  mt^ih 
hat  manegiu  sehosnen  Itp,  Die  fünften  friundin  sint  genant.  Nimmer  nameti  ist 
mir  bekant,  Die  man  uns  müge  von  rehte  geben  Frauenb.  618,  11.  Über  die  a7nw 
(friundin)  handelt  Ulrich  dann  noch  628,  31.  631,  2;  über  die  ledigiu  unp  620, 
7  fgg.  626,  27  fgg.  Ehe  ich  auf  die  erklärung  eingehe,  will  ich  noch  zwei  stellen 
anführen,  die  auch  hierher  gehören:  Ich  gesach  nie  mit  ougen  frowen  noch  möge- 
dm  Die  dir  hie  xc  lande  mugen  geno^am  sin  Wolfd.  B.  11,  3.  Ledic  wtp  auch 
bei  Walthor  47,  24;  vgl.  Wilmanns  zu  dieser  stelle.  Aus  der  doppelten  technischen 
bedeutung  von  meit  ist  möglicherweise  Gudr.  801 ,  3  zu  erklären.  —  Welches  sind 
nun  die  von  Ulrich  angegebenen  fünf  kategorien?  Doch  wol  1)  frau.  2)  witwe. 
3)  haustochter,  noch  in  der  gewalt  der  eitern  oder  des  Vormundes  oder  am  hofe  als 
dame  der  herrin.  4)  eine  Jungfrau  mit  dem  rechte  der  Selbstbestimmung,  wie  "Wil- 
manns (a.  a.  0.)  gut  und  knapp  sagt.  Man  kann  vielleicht  in  mancher  beziehung  die 
peeress  in  her  oum  right  damit  vergleichen.     5)  concubiue. 

S.  605]  Die  kleinode,  welche  die  schüler  von  ihren  geliebten  bekommen  haben, 
sind  folgende:  Do  wtste  der  erst  ein  giddrn  vingerlin,  Der  ander  xwei  kleider 
stdin,  Der  dritte  ein  badela^hen  Oe^icet  von  höhen  Sachen,  Der  vierde  ein  gürtet 
wol  beslagen,  Da^  sott  er  durch  stn  vrouwen  tragefi,  Dirre  einen  biutel  würzen 
vol  Von  golde  geworht  wol.  Jener  ein  houhen  stdtn,  Der  eine  ein  vürspan  guldht 
GA.  3,  583,  233. 

S.  609]  Zu  dieser  frage  sind  wol  Henrici's  ausfühningen  in  seiner  dissertation 
Zur  geschichte  der  mhd.  lyrik  (s.  42  fgg.)  zu  vergleichen.  Sie  gehen  zwar  weit  über 
das  ziel  hinaus,  enthalten  aber  in  einigen  punkten  unbestreitbar  richtiges. 

S.  615]  Anm.  6  füge  hinzu:  Burgceren  und  ouch  andern  letxen,  Den  muo^  ick 
dan  ran  armuot  Mtn  tohter  geben  xuo  d&tn  guot  Dai^  hie  vor  min  eigen  was, 
Wander  da^  guot  an  sich  gelas.  Da  nimt  er  dan  mm  tohter  mite,  Diu  wol  eins 
hiderbc7i  mannes  bite  Teichner,  Karaj.  286. 

Vor  der  öffentlichen  Schliessung  der  ehe  galt  die  faktische  volziehung  dersel- 
ben als  unschicklich:  Solher  xuht  der  degen  pflac,  Da^  er  bt  ir  niht  enlae,  ünx 
er  die  maget  wol  getan  Vor  künegen  und  vor  fürsten  nam  Ze  einer  ettchen  konen 
Mel.  11525. 

S.  618]  Den  frühen  Zeitpunkt  des  heiratens  tadelt  auch  der  dichter  von  Diet- 
richs almen  und  flucht  (179):    SU  der  site  ist  hin  getan,    Da^  man  die  vrouwen 


ÜBER   SCHULTZ,    HÖFISCHES   LEBEN  99 

und  ir  man  Ü  ir  tage  %e  einander  git  Des  ist  diu  werlt  hl  dirre  xit  An  mnnegmi 
Sachen  gar  %e  kranc:  Daz  er  haben  muo^  undanc  Der  uns  den  site  brähte  Und 
sin  von  erste  geddhte.  —  Über  das  heiratsalter  vgl.  Wackemagel  z.  A.  Heinr.  225, 
zu  lol.  1253  und  femer:  Hugdietrich  ist  zwölf  jähr  alt  (Wolfd.  B.  9,  1),  da  sagt  er: 
luieh  einer  schcsnen  frouwe^i  so  stät  mir  der  muot  ebd.  10,  1.  Demantin  passiert 
OS,  dai^  Jie  eine  maget  sach  Ein  kint  von  xicelf  jären  (98).  Er  will  sie  zui*  frau, 
aber  ihr  vater  sagt:  y^nein*^,  sprach  di  wert,  y^desn  mag  nicht  sin  Mtn  tochfer  is 
noch  ein  kint^  (160).  Vgl.  noch:  Wax  man  von  min  ye  gela-sx  Dex  wist  si  7iit 
umb  ein  har.  Wol  vff  fünfxehen  jar  Was  du  jU7ig  wirtin  Lieders.  1,  599,  8.  Wei- 
ter siehe  noch  die  zu  1,  152  angeführte  stelle  aus  Ottokars  Reimchronik  (cap.  174). 

S.  625]  Ein  gemisch  von  volkstümlichem  und  kh'chlichem  brauch  bei  der  hoch- 
zeit  bietet  Heinrichs  von  Fieiberg  Tristan:  Der  bischof  ti*aut  zwar  das  paar,  aber  die 
trauung  hat  statt  während  des  festtanzes,  wo  das  junge  paar  in  den  kreis  geführt 
wird  (633  fgg.).  Nach  dem  ringwechsel  setzen  sie  sich:  vil  kerxen  icurden  iif  gexunt. 
Man  brächte  in  trinken  sä  xustunf.  Do  sie  getrunken,  dö  hiez  man  Tristane  sä 
XU  bette  gän  (657).  Sind  das  kerzenanzünden  und  das  weintrinken '  alte  rechtsge- 
brauche?  Sonst  komt  die  adustatio  zur  besitzorgreifung  vor  (RA.  194  fg.),  und  über 
weintrinken  beim  verloben  siehe  Böckel,  Volkslieder  aus  Oberhessen  s.  XXV  und  LV 
fg.;  vgl.  auch  den  leitkauf  (die  heirat  uraprünglich  ein  kaufgeschäft).  Solte  so  auch 
das  weintrinken  in  der  brautnacht  zu  erklären  sein? 

S.  634]  Das  bringen  von  suppe  in  der  brautnacht  erwähnt  Ring  43 ,  30  fgg. 

8.  636]  Dass  ursprünglich  jungfrauschaft  die  bedingung  sine  (|ua  non  für  die 
Verleihung  einer  morgengabe  war,  scheint  auch  Ring  43  c,  21  fgg.  zu  bezeugen: 
Wisst  dax  sey  ein  junchfraw  was!  Dar  umb  so  gib  ich  ir  ril  drat  Ein  par 
sehuoch  xe  morgen  gab. 

S.  641]  Bei  dem  einzug  ihres  heiTn  kommen  die  einwohner  des  landes  ihm  festlich 
geschmückt  mit  den  reliquien  unter  dem  geläut  der  glocken  entgegen.  So  ist  es 
bei  dem  einzug  Otto's  von  Bayeni  und  seiner  geraahliu  in  sein  land:  Das  Volch  all- 
gemein Orosx  und  klein  Wo  er  cham  in  ain  stnt  Do  eylt  gegen  jm  drat  Mit  dem 
Chrefcx  und  Heyltum.  Ooft  xu  Lob  und  xn  Frum  Muest  man  dy  Glocken  letcten, 
Damit  sy  pedewten  Dax  sy  alle  do  Seiner  Ghnnft  warn  fro  Ottok.  v.  St.  cap.  771. 
(Ebenso  eine  Schilderung  vom  jähre  1436  Ztschr.  f.  d.  ph.  23,  28  v.  13  fgg). 

S.  647]  Füge  hinzu:  Dieter wh  einz  (ein  land)  Wolfharten  lech  Mit  siben 
vanen  riehen  Bit.  11602;  dö  man  dö  gaz.  Vür  den  degen  ralsches  laz  Die  rarsten 
mit  vanen  giengen  Ir  lehen  sie  enphiengen,  Diu  sie  von  im  solden  hän  Tand. 
18112.  —  Zu  der  cäremonie  der  belehuung  gehört  manchmal  wol  nocli  der  kuss,  den 
der  lehnsträger  dem  herm  gibt,  vgl.  Grimm,  RA.  143,  Tand.  15229  fgg.:  Der  werde 
künec  lech  ir  sdn  Ein  herxoctuom  rirhc.  Er  sprark  xer  meide  minnenliche: 
yfVrowe,  ir  sult  küssen  mich  Nach  lehens  rehf"".  „/M^  tu/)n  ieh""^  Sj>rach  diu  min- 
necltche  maget  und  Sauer,  Cod.  dipl.  Nass.  1,  3,  196  nr.  2173  a.  1339,  wo  Gode- 
frid  V.,  herr  zu  Eppensteiu,  seinen  enkeln  alle  seine  lehen  überträgt:  bit  geralden 
henden,  bit  gekusten  mwule,  alx  7nan  lehen  xu  recJtte  lihen  sal. 

S.  652]  Die  dreimalige  frage  war  überhaupt  rechtsvoi-schrift;  vgl.  noch  das  von 
Schultz  (1 ,  624  anm.  7)  angeführte  verbot  der  bürgerlichen  eheschliessung  mit  der 
dreimaligen  frage  ^Placet  vobis?^ 

8.  653]  Auch  im  Ring  (33,  7)  findet  die  eheschliessung  ohne  priestor  statt. 
Erst  später  gehen  sie  in  die  kiruhe,    wo  der  pfaiTer  geg<.>u   die  heimliche  ehe  heftig 

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100  MEIER 

opponiert  (Ring  33  d,  5  fgg.).     Diese  inconsequenz   ist  dadurch  hervorgerufen,    dass 
"Wittenweiler  im  Ring  das  gedieht  von  Metxen  köchxtt  verarbeitet  hat.* 

Zum  zweiten  teile. 

S.  2]  Anm.  4  vgl.  noch  Netz  3948  und  den  namen  Strebekox  Wyss,  Hess.  urk. 
1,  85  a.  1250;  1,  244  a.  1276;  1,  258  a.  1277  u.  ö.  —  Anm.  5  füge  hinzu  Türh. 
Trist.  532 — 541  und  Yirg.  948,  7  fgg.:  St  stechent,  sehie^enty  werfent  stein,  Die 
Herren  algetneine.  St  tvurde^i  xe  rate  under  ein:  Swelher  wtirfe  %e  kleine. 
Der  solde  ein  vuoder  tctnes  geben.  Über  das  spiel  den  sieget  werfen  vgl. 
PBrBeiü-.  15,  221  fg. 

S.  3]  Zu  der  ganzen  erläuterung  der  waffen  ist  jezt  W.  Boeheims  WafTenkunde 
(Leipzig  1890)  zu  vergleichen,  wo  manche  abbildungen  gegeben  sind,  die  bei  Schultz 
fehlen.  Auf  eine  im  einzelnen  durchgeführte  vergleichung  mit  Schultzens  werk  und 
eine  auseinandersetzung  dessen,  was  zur  ergänzung  seines  Werkes  dient,  kann  ich 
mich  hier  nicht  einlassen,  sondern  muss  mich  mit  dem  algemeinen  verweise  begnü- 
gen. —  Anm.  2  füge  hinzu  Karlm.  55,  52  fgg.    56,  46  fgg. 

S.  6]  Das  im  Biterolf  als  aufenthalt  Mimes  erwähnte  Azzaria  bei  Tolet  ist  wol 
das  heutige  Medinet  Azzahrä  bei  Cordova  (Ztschr.  f.  d.  a.  16,  111);  anders  W.  Grimm, 
HS.  148. 

S.  8]  Vgl.  Ein  hrünn  stn  todfenroc  was  Diu  was  geworht  xe  Kaukasas 
Walb.  807. 

S.  9]  Über  die  Erfui-ter  Waffenschmiede  äussert  sich  Nie.  deBiberal691.  Auch 
die  von  Kolmar  hatten  einen  guten  namen,  denn  die  von  Neidhart  (XXV,  24)  und 
Goeli  (HMS.  2,  78  b)  erwähnten  Kolmerhüete  sind  wol  dort  gefertigt.  Vgl.  auch 
loJmnnes  dicttis  platinmaghere  (Mainzer  canonicus)  Baur,  Hess.  urk.  2,  863  nr.  865 
a.  1321;  apotheca  qicondam  Qerhardi  Platenmecher  (Mainz)  ebd.  3,  30  nr.  957 
a.  1328. 

S.  11]  Schultz  erklärt  unrichtig  eisenhüte  von  Romente  als  „romanische''  und 
meint  in  der  parenthese  „griechische?*'  Über  die  geographische  läge  und  bedeutung 
von  Romante  vgl.   Ztschr.  f.  d.  a.  15,  322. 

S.  12]  Es  war  vielleicht  auch  auf  1,  507  anm.  2  zu  verweisen,  wo  ebenso  den 
kaufleuten  geboten  wii'd  das  schwort  nicht  umzugürten,  sondern  an  dem  sattel  zu 
befestigen.  Das  den  knappen  und  kaufleuten  gemeinsame  wäre  in  diesem  falle  das 
fehlen  der  ritterwürde. 

S.  13]  Anm.  2:  Ein  swert  brün  unde  breit  Scharpf  unde  wol  erleit,  Ze  bei- 
defi  ecken  vil  gereht  Eracl.  ed.  Graef  1309. 

S.  14]  Klafterlange  swert  erwähnt  Ottokar  von  Steyer  cap.  714. 

S.  16]  Auch  silberne  scheiden  werden  genant:  Er  fuorte  umbe  ein  guot  swert, 
Diu  sclieide  diu  was  silberin,    Oehilxe  und  knöpf  gtädin  Eracl.  4998. 

S.  22]  Anm.  1 :  Einen  schaft  aus  neun  stücken  erwähnt  Bit  7450  fgg.  —  Anm.  4 
füge  hinzu:  einen  schaft  humin  Bit.  880.  —  Anm.  7  fehlt  Itinerar.  IV,  19. 

S.  24]  Trockenes  holz  schien  für  speerschäfte  am  besten  geeignet:  Schefte  grö^ 
dürr  als  ein  bein  Dar  an  vil  scharpfe  tsen  (besonders  berühmt  waren  die  von 
Angram  und  Kalte  Bit.  2202)  Namen  üf  den  vürsten  haß  Virg.  97,  9.     Aber  man 

1)  Herr  professor  H.  Sachier  macht  mich  freondlichst  darauf  anftnerksam ,  dass  die  in  der  Vie 
domestique  (s.  112)  auftretende  enore  violatj  die  von  uns  in  dieser  Zeitschrift  bd.  XXIV,  889  (zu  1 ,  202) 
und  XXIV,  651  fg.  (zu  1 ,  506)  besprochen  wurde ,  wahrscheinlich  fftr  sucre  viokU  veischrieben  oder  vw- 
lesen  ist  und  verweist  mich  auf  die  bei  £.  v.  Lippmann  Geschichte  des  zuckers  (Leipng  189Ü)  im 
Sachregister  unter  veUchenxucker  für  das  vorkommen  von  suore  viokU  gegebenen  nachweise. 


ÜBER   SCHULTZ)   HÖnSCUES   LEBEN  101 

Dahm  im  notfall  auch  eineu  frischen  bauinstamm,  von  dem  nur  die  äste  abgehauen 
waren:  Er  (Wolfdieterich)  Äie^  im  bringen y  hoeren  wir  noch  8agen\  Ein  tannen  wol 
gesneitet,  swa^  xwene  mokten  getragen  (Wolfd.  DVII,  195,  3).  Die  sper  grd^  (d.  h. 
dick)  und  unbesniten  werden  sehr  oft  erwähnt:  Mel.  3421.  8253.  9499.  Gärel  3569. 
Tand.  6053.  14260.  Ein  sper  umnähen  gro^  Frauend.  219,  26  fg.  220,  21  fgg.  Ein 
armdicker,  kräftiger  speer  wird  erwähnt  Demant.  785.  Gewöhnlich  waren  aber  die 
Speere  geglättet  und  gefärbt  (Mol.  3419.  Lanz.  2772.  Frauend.  82,  29  fg.  161,  15  fg. 
453,  19)  und  zwar  mit  den  wappenfarben  ihrer  träger:  Sin  sper  war  gevarwet  bld, 
Sin  wäpen  wol  dar  an  bekant  Mel.  3358 ,  Sin  sper  oueh  geverwet  was  Rehte  grüene 
alsam  ein  gra^y  Als  wäm  diu  andern  wäpen  sin  Mel.  3391,  Des  dbents  ich  sehs 
sper  verstaehy  Oeximiert  nach  dem  Schilde  min  Frauend.  76,  4  fg.;  vgl.  73,  27  fg. 
Ein  roter  glänzender  sper  wird  erwähnt  Tand.  13558,  ein  zweifarbiger,  schwarz  und 
rother  Tand.  9102.  Aber  man  hatte  auch  andere  mittel  den  speer  zu  verzieren:  Man 
umwand  den  schaft  mit  gold  (Ein  sper  fuort  e^  [Laurin]  in  stner  hant  Bewunden 
wol  mit  golde  Lamin  154)  oder  schmückte  ihn  mit  blumonketten  (Er  fuort  ein  sper 
xe  mdi^en  grö:^  Von  pluomen  ruoch  ufid  niender  blo^  Frauend.  219,  11).  Sind  so 
auch  die  geflortiu  sper  im  Lanzelet  (geflortiu  sper  und  gügerel  Unde  kovertiur  von 
siden  646)  aufzufassen?  Ich  möchte  es  beinahe  glauben,  wenn  ich  auch  keineswegs 
die  von  Schultz  mit  den  wbb.  angenommene  bedeutung  leugnen  will. 

S.  25]  Anm.  7 :  Diu  stange  was  apfaltertn  Und  also  gebunden  Mit  tsen  oben 
und  unden  Da^  der  ungefüege  schaft  Von  des  holten  küneges  kraft-  Gewinnen  mohte 
keinen  schranx  Part.  B.  5288. 

S.  27]  Zu  anm.  4  war  die  stelle  Bit.  2301  fgg.  anzuführen :  Der  schaft  der  was 
oueh  überwogen  ....  Mit  einem  phelle  tusenvary  Da^  des  nieman  wart  gewar  Da^ 
er  von  helfenbeine  schein,  —  Anm.  6:  nü  bunden  si  die  banier  an  Lanz.  8346.  — 
Mit  unrecht  sagt  Schultz,  dass  Ulricli  von  Liechtenstein  Frauend.  209,  1  seine  aus- 
lüstung  schildere:  er  beschreibt  die  seines  landsmannes,  Ilsunc  von  Scheuflich,  wie 
schon  Bechstein  zu  der  stelle  richtig  bemerkt.  Daher  fallen  auch  Schultzens  folge- 
rungen  weg. 

S.  28]  Ein  wertvolles  banner  wird  beschrieben  Bit.  7491  fgg.  —  Weiter:  Da^ 
er  xeiner  banier  solt  haben  Da^  was  ein  van  unx  an  die  hant  Vofi  dem  besten 
saben  den  man  vant  In  des  küneges  lant  von  Marroc  Lanz.  4424.  Bei  nichtgobrauch 
werden  die  fahnen  um  den  lanzenschaft  gewunden :  dö  man  den  vatien  uf  gewaiüy 
Den  schaft  den  nam  an  die  hant  Randolt  ü^  Meilan  Bit.  7447.  Sie  werden  also 
grade  so  behandelt  wie  die  heerfahnen;  vgl.  2,  234  anm.  11.  Die  banier  wii'd  mit 
dem  Wappen  oder  seinen  färben  geziert,  das  zeigt  die  folgende  stelle:  Oräve  RH- 
schart  hie^  dö  Ein  vremde  banier  binden  an  Lanz.  3166,  sin  banyr  glich  dein 
Schilde  Job.  v.  Michelsberg  v.  73  (v.  d.  Hagen,  Germ.  2,  95).  —  Auch  reliquien  band 
man  an  den  speer:  Amolt  der  w7gant  Eine  kefsin  her  an  da$  sper  banty  Die  her 
in  dem  tome  nam  Eother  4102.  Dieser  mit  reliquien  versehene  speer  dient  aber 
zugleich  als  heerzeichen  (vgl.  Rother  4159  fg.),  und  so  ist  es  mit  dem  oben  erwähn- 
ten banner  (Bit.  7447.  7491)  wol  ebenfals.  Es  lässt  sich  beides  nicht  gut  auseinan- 
deriialten,    da  hier  der  köpf  des  banners  auch  mit  einer  scharfen  spitze  versehen  ist. 

8.  33]  Anm.  2:  Wa^  in  emerte  Da^  sult  ir  hoßren  hie  xe  stunt:  Da§  tet  ein 
kernt  stdtne  Da^  truoc  er  under  dem  halsperge  sine  (Rabenschi.  651,  3).  In  dem 
hemd  sind  vier  reliquien  versiegelt  (ebd.  652,  1  fgg.),  Palmätstdtn  hemde  von  72 
poehen  mit  Sant  Pangrazien  Heiltum  Wolfd.  B  2,  349,  2  fgg.;  Da^  stdin  hemdc 
macht  er  für  die  brüst  wol  hundertvalt  Wolfd.  D.  VI,  160,  3.  —   Anm.  6  war  auf 


102  MEIER 

2,  82  anra.  1  zu  verweisen.  Füge  hinzu  Krone  2830.  2835,  Crane3892  fgg..  Demant. 
7527 :  Ein  tepet  wart  dar  nedir  gebreit  Dar  üf  sa^  der  geticerg  gemeity  Do  schütte  he 
an  di  holten^  sin.  Ferner:  Do  hie^  er  im  gewinnen  Allen  stnen  liamas  Der  im 
schiere  kamen  was.  Ein  tepech  wart  nider  gespreit  Und  ein  küsse  darüf  geleit, 
Da  der  Jierre  üf  sa^  ....  Ma7i  schuohte  im  an  siniu  bein  Zwo  hosen  iserin  (Eraol. 
4938).  Dann  zieht  er  seinen  halsberg  und  darauf  den  waffenrock  an,  nimt  das 
Schwert  und  lässt  sich  die  sporen  umgürten  (4951 — 4969). 

S.  34]  Ourthosen  werden  von  Ottok.  v.  Steyer  kap.  536  erwähnt:  Ourthosefiy 
halsperig  und  swert  Chursit  utid  Platten  Must  er  sich  da  satten.  —  In  der  erklä- 
ruDg  der  anm.  1  angeführten  Willehalmstelle  wird  Schultz  Wolfram  nicht  ganz  gerecht: 
Es  ist  zugleich  ein  Wortspiel  zwischen  senftenier  als  stück  der  bewafnung  und  senf- 
tenier  als  einem  dinge  „c?a^  sanfte  tuot*^  beabsichtigt.  Dadurch  gewint  dieses  spiel 
erst  wider  die  echt  Wolframische  färbung. 

S.  35]  Anm.  4:  Nun  wei^  ich  doch  niht  rehtCj  wa^  Witege  an  im  roch,  Da^ 
er  im  xuo  dem  slitxe  ein  swert  durch  sincn  lip  stach  Alph.  304,  3;  der  vierde  gert 
Da§  er  ain  gespicx  Swert  Durch  jn  stach  durch  den  Slicx  Ottok.  v.  St.  kap.  738. 

S.  38]  Bei  Joppe  hätte  auf  1,  264  und  bei  Auqueton  auf  1,  302  verwiesen 
werden  sollen.  Ein  wambe^  von  hiiggeran  wird  Mor.  v.  Craon  828  erwähnt.  —  Über- 
gangen ist  von  Schultz  der  gleichbedeutende  purpunt  (franz.  pourpoint):  Eyn  pur- 
punt  daden  sy  eme  omme  Van  (hs.  Va)  wyssen  pellen  als  eyn  swane  Karlm.  55,  7; 
vgl.  62 ,  32  fg. 

S.  39]  Ich  halte  das  spaldenier  trotz  seiner  Zusammengehörigkeit  mit  lat 
spaJla,  fi'z.  espaule  nicht  mit  Schultz  für  ein  nm*  die  Schulter  deckendes  klei- 
dungsstück,  sondern  meine,  dass  es  den  Oberkörper  bedeckte.  Ich  glaube  in 
der  gleich  zu  citierenden,  auch  sonst  wichtigen,  stelle  würde  der  zweck  des 
spaldeniei"S  anders  umschrieben  sein:  Sin  schiniere  (v.  d.  Hagen:  schiviere;  zu 
Schultz  2,  37  anm.  6)  tcären  guot  Mit  golde  übergo:^en.  Uf  der  huf  gedo^^en  Lac 
ein  stdin  huffenier.  Von  blankeit  ein  spaldenier  Zieret  im  den  lip  wol;  Sin  plate 
was  yesteines  vol.  Sin  artne  heten  spo^^enier  Bedecket  unde  mu^zefiier  GA.  1,  472, 
644.  Forner:  Da;^  spalier  giwt  von  siden  da^  mtwz  ich  von  im  hdn  Wolfd.  D,  12,  3. 
Do  ejitwdpenf  man  in  sd  xe  haut;  Man  lie  dem  degen  wert  erkant  Niht  dan  sin 
spaldenier  an  Und  viiorte  in  üf  den  turn  dan  Tand.  11162.  —  Anm.  3:  Da^  gaote 
colliere  muoz  ich  von  im  tragen  Da^  der  degen  xiere  hat  umbe  sinen  krctgen 
Wolfd.  D.  13,  3.  Die  deutsche  übei*sotzung  von  colliere  ist  halsbant.  Auf  das  pur- 
punt unter  halsberg  und  waffenrock  legt  Karl  an :  einen  halsbant  der  was  goet 
Karlm.  55,  9,  vgl.  62,  34. 

S.  42]  Die  wichtigen  stellen  aus  der  Vii'ginal  scheint  Schultz  übersehen  zu 
haben;  ich  führe  sie  hier  an:  Die  ringe  sach  man  rtsen:  Von  ir  swerten  da^  ge- 
Schach.  Wie  ril  der  starken  nieten  brach  Von  stahel  und  oußh  von  isen  62,  3;  Sin 
swert  was  der  heiden  hngel.  Ez  wolf  th  sj)alten  manegen  nagele  Die  wol  vernie- 
tet wären  96,  1;  Vil  borten  klar  von  siden  Die  enthaften  sich  von  siegen  gro^ 
Und  liei^n  manigen  nagelnief,  Der  sich  von  .starken  blechen  slöz  109,  10. 

8.44]  Zu  anm.  1  vgl.  noch  Du  Gange  1,  659.  8,  183.  Auch  über  den  Jaxe- 
ra?it  bringt  Du  ('ange  beachtenswertes  bei  (4,  282). 

S.  45 1  Die  rüstung  wurde  bald  nach  dem  gebrauch  gereinigt:  Sin  hamasch 
schouwet  man  gar j  Man  macht  ez  lieht  unde  glanx  Mel.  7962;  Min  hamasch  er  vofi 

1)  Fals  die  form  koüen  richtig  golesen  ist .  so  liegt  eino  ähnliche  falsche  ana]ogie  vor ,  wie  bei 
niederd.  this  für  %ins  ( <;   lat.  ceiisus) ,  da  kolx^  aus  lat.  cakeiis ,  ital.  cdixo  entstanden  ist. 


ÜBER   SCHULTZ,    UÖnSCHES   LEBEN  103 

mir  enpfie:  Dar  an  so  hie^  er  legen  vli^,  Da^  er  gemachet  mirde  loi^  Frauend. 
238,  30;  Sie  hie;^en  ir  fialsperge  Ü4  sehüUen  U7ide  vegen,  Die  durch  iou  und 
durch  regen  Na:;  unde  rostic  wären  Eracl.  ed.  Graef  4726;  (Es  wurde)  in  den  gren- 
den  Diu  sarwät  gereinet  JJjid  die  helme  beleinet  Mit  rtltchen  ximieren  Krone  22118. 
Ebenso  Krone  665,  wo  nach  Niedner  (Turnier  s.  75)  vegete  zu  lesen  ist.  Vgl.  noch 
San  Marte,  Waffenkunde  s.  18. 

Schultz  hätte  die  formen  für  frz.  hauhergeon  nicht  so  unvermittelt  neben  ein- 
ander setzen  sollen,  da  so  leicht  mis Verständnisse  entstehen  können:  hauhergeon  geht 
auf  mlat  halbergium  (Du  Gange  4,  160),  hdberjml  aber  auf  mlat.  halbergeolum, 
afrz.  haubregetä  zurück.  Anm.  8  war  noch  auf  Lucae's  nachtrag  zu  seiner  bemer- 
kung  über  häberjcel  Ztschr.  f.  d.  a.  33,  256  zu  verweisen. 

S.46]  Anm.  4  füge  hinzu  Ferguut495  (Schultz  2,  30  anra.  13).  Femer:  Wolfd. 
D.  33,  3  heisst  es:  ein  brünje  vest  van  home  het  er  geleit  an  sich]  ac  lesen:  %wo 
hrunigen;  Grimm,  Roseng.  1654:  Stvie  da^  Stfrit  hünnn  wrere,  drt  halsberge  leit 
er  an,  Dass  es  ganz  gut  möglich  war,  mehrere  halsberge  über  einander  anzuziehen, 
zeigt  die  erzählung  Ottokars  von  Steyer  (cap.  314),  wie  jeder  krieger  aus  der  bela- 
gerten Stadt,  da  ihnen  freier  abzug  mit  dem  was  sie  auf  dem  leibe  tragen  bewilligt 
ist,  sich  den  besten  hämisch  heraussucht,  den  er  finden  kann:  Mit  giä  Halsperigen 
drein  Sach  man  manigen  da  gen,  Da  het  Ettleicher  xwen  Doch  sach  man  da 
ehainen  Er  het  xe  mynnist  ainen.  —  Drei  bmnnen  sind  OrendelXIU,  31  erwähnt. 

S.  47J  Anm.  2  füge  hinzu:  mu^^efiier  GA.  1,  472,  652.  —  Die  spo^^enier  aLs 
armbedeckung  (GA.  1,  472,  651  fg.)  kent  Schultz  gar  nicht.  —  Die  platte  scheint  einen 
notwendigen  bestandteil  der  rüstung  ausgemacht  zu  haben :  Do  wax  er  (der  von  Schar- 
fenberg)  verricht  Wann  dax  er  der  Platten  hiet  Glicht.  Den  Grdven  da^  hart  Vnd 
die  andern  peswart.  Man  suecht  alain  in  der  Stat  Ob  yeman  dhaine  hai.  Es 
wird  aber  keino  gefunden  (Ottok.  v.  St.  cap.  569). 

S.  48J  Zu  der  orörterung  über  bonit  sind  unsere  obigen  bemerkungen  zu  1,  315 
zu  vergleichen.  Goldene  bonit  werden  Rother  1851  eiwähnt:  Sie  trogen  bontt  gul- 
din    Da  inne  göt  gesteine. 

S.  49]  Über  kuret  ist  Lexer  1,  1794  und  Du  Gange  sub  curetum  zu  verglei- 
chen. —  Zu  anm.  3  füge  hinzu:  Die  maget  die  iserinen  hant  Enphie  wid  hiex  in 
üfe  stdn  Gärel  1810. 

S.  50]  Es  ist  wol  zu  erwähnen,  dass  hersenicr  eine  ableitung  aus  ndl.  hersen 
ist,  welches  widemm  mit  hir^i  eng  zusammengehört,  das  aus  *hirsni,  *hir^ni  out- 
standeu  ist  (Kluge,  Etym.  wb.''144). 

S.  51]  Mit  unrecht  ändert  Schultz  aum.  6  in  dem  citat  aus  Türheims  Willehalm 
das  koufen  des  drackes  in  koifen\  das  orstere  ist  nicht  zu  beanstanden,  vgl.  goufe 
Wolfram,  Wüleh.  92,  12. 

S.  52]  Vgl.  Sin  Mrsenier  er  al  xe  hant  Wider  üf  sin  houbet  xoch  Tand.  6800 ; 
letweder  sin  heim  abe  baut.  Ouch  losten  üf  die  härsenier  Durch  den  luft  die 
helde  fier  Erkuolten  ufide  ruoten  da  Mel.  6090;  vgl.  6121  fgg. 

S.  55]  Zu  anm.  7  füge  hinzu:  Helme  und  ouch  die  hüetelin  Diu  wurden 
schiere  ah  genomen  I^anz.  6838. 

S.  56]  Anm.  3:  vgl.  Jänicko  zu  Bit.  639.  —  Anm.  4:  vgl.  Cmiradus  dictus 
Beckenhuhe  (Mainz)  Baur,  Hess.  urk.  2,  523  nr.  538  a.  1297, 

S.  58]  Das  anm.  5  angeführte  beispiel  aus  dem  Frauendionst  ist  zu  streichen, 
da  Uliich  hier  als  frau  Venus  kämpft,  und  also  Schlüsse  daraus  auf  die  tracht  der 
ritter  anzulässig  sind.     Ebenso  kann  die  erzählung  von  Ilsän,  der  als  mönch  mit  sei- 


104  MEIER 

nea  brüdern  schwarze  kutten  über  der  rüstung  führt,  nichts  beweisen.  Endlich  sind 
die  stdin  moutoerij  die  Lanz.  4431  erwähnt  werden,  als  wappenzeiohen  oder  sonstige 
zierraten  zu  betrachten:  der  könig  führt  sie  an  allen  stme  gereite.  —  Ein  vierfar- 
biger wafFeni'ock  wird  im  Meleranz  (10053  fgg.)  geschildert:  Stn  w&penrocy  stn  cur- 
sU  Was  von  richem  pfellel  wit,  Der  vo?i  vier  varwen  wa^s^  Rot  und  grüen  cUsam 
ein  gras  Wi^  und  blä  die  vierde.  Der  waffenrock  ist  mit  dem  wappen  verziert:  Der 
fielt  wart  sä  vil  schiere  bereit,  Ein  wäfenroc  dar  üf  geleit.  Der  was  von  balmat- 
stden.  Dar  in  xwen  am  von  golde  rot,  Als  ime  diu  wäre  schulde  gebot  Yivg,7b5^  1. 
Besonders  betont  wird  immer  die  weite  des  rockes:  Sin  wäpenroc  wa^  stdin  Von 
gesteine  gap  er  liehteii  schin,  Vo7i  tnangerhande  sachen  Mit  vwein  und  sibenxec 
vachen  Laurin  205. 

S.  65]  Anm.  1 :  lumiere  Chast.  de  Couci  1699.    Vgl.  noch  PfafP,  Germ.  33,  33. 

S.  72]  An  dem  ximier  wurde  vor  allem  der  ritter  erkant.     Es  wird  an  dem 

4 

heim  mit  einer  binde  festgebunden:  Dalkors  der  degen  ellenthaft  Uf  dem-  velde  sä 
xuha/nt  Stn  ximier  von  dem  helme  bant  Da^  er  mit  ritters  handen  Dester  e 
bestanden  Würde  in  der  äventiure  tan:  Wan  in  getorste  nicht  bestdn  Kein  ritter 
dem  er  was  bekant  Hcinr.  v.  Freib.  Tiist.  2046.  Das  ximier  konte  leicht  abge- 
stochen werden.  So  geschieht  es  dem  Tristan  mit  seiner  sträle.  Später  findet  er 
sie  wider  und  bindet  sie  auf  seinen  heim  (ebd.  2137).  Ein  anderes  beispiel  bietet 
Garel  (3647  fgg):  Der  ar  wart  ouch  gerüeret  Der  üf  des  wirtes  helme  stuont;  Dem 
wart  ein  slac  mit  eilen  kuni  Da^  er  rwnen  muost  den  heim:  Er  viel  verhouwen 
in  den  melm.  —  Besonders  genau  und  insti-uktiv  wird  das  ximier  des  Tandareis 
(Tand.  12516  fgg.)  geschildert;  ein  anderes  beschreibt  der  Pleier  im  Meleranz  (5943  fgg.) 

S.  73]  Schollen  am  ximier  erwähnt  Ulrich  von  Liechtenstein  Frauend.  208,  14 
fg.     Andere  belege  siehe  Lexer,  2,  692  sub  schelle. 

S.  75]  Anm.  3  ist  an  der  aus  dem  Frauendienst  angeführten  stelle  (452,  3) 
Diu  w(bI  statt  Diu  wol  zu  lesen,  wie  ich  PBrBeitr.  15,  332  wahrscheinlich  zu 
machen  gesucht  habe.  —  Eine  der  wichtigsten  stellen  für  die  kentnis  des  helmschmuckes 
hat  Schultz  nicht  beachtet;  sie  findet  sich  in  Job.  von  Michelsberg  Ritterfahrt  in 
Frankreich  (von  der  Hagen,  Germ.  2,  93  fgg.).  Es  heisst  dort  v.  57:  sin  heim  von 
brunem  stahel  klar  Oab  lichten  spiegelvarbeti  schin.  Ein  krantx  prislichen  giU- 
din  Ölest  vf  des  helmes  kröne,  Dar  in  gestecket  schone  Vergulter  gyres  vedem  vil, 
Dar  an  gehangen  ane  xil  Von  golde  wunenklich  talier.  Der  minnen  xeichen,  ein 
slogier,  Vlovk  ob  des  gyres  vedern.  Den  man  da  sa^h  vledem.  Od  siden  mide 
wol  geworcht, 

8.  77]  Crinale  als  helmdecke  aufzufassen,  wie  Schultz  will,  scheint  mir  nicht 
gut  angängig.  Crinale  ist  mlat.  in  keiner  zu  den  angeführten  stellen  passenden  be- 
deutung  belegt.  Aber  für  crinarium  und  crinile  ist  die  bedeutung  sertum  mehrfach 
nachweisbar  (Du  Gange  2,  620),  und  das  mag  auch  an  unserer  stelle  die  meinung  sein. 

S.  78]  Auf  der  reise  trug  man,  wenn  nicht  gefahr  in  unmittelbarer  nähe  war, 
keine  waffen,  ausser  das  schwort,  das  den  ritter  nie  verliess:  Tandareis  hat  nur 
sein  schwort  umgegürtet  (Tand.  4222  fg.);  er  trägt  einen  pfellerrock,  ein  kappe 
und  einen  pfauenhut  (ebd.  4216  fgg.).  Wie  er  angefallen  wird,  ergreift  er  noch 
einen  schild,  den  ihm  —  wie  auch  wol  die  andern  stik)ke  der  rüstung  —  ein  knabe 
führt  (4230  fg.).  Die  rüstung  wird  oft,  wie  hier,  von  den  knappen  getragen  (die 
königin  hie:^  disem,  werden  man  Zwen  knaben  mit  im  vüeren  dan  Helm  schilt  unde 
sper  Tand.  9022)  oder  aber  man  lud  sie  auf  saumtiere:   Wafit  sy  meist  vngewapent 


t^BEB  SCHULTZ,   HÖFISCHES  LEBEN  105 

reden,  Sy  Iiadden  do  na  yren  seden  Op  ir  somer  geladen  Ir  wapeti  des  sy  groes- 
sen  scheiden  Namen  in  der  seluer  nacht  Karlm.  122,  9;  dor  ungetreue  "Willis  wird 
auf  ein  ross  gebunden :  Hynder  yn  sy  (seine  Wächter)  loden  Er  alre  halsberge  Karlm. 
494,  44;  Ir  stdt  xe  disen  xtten  Niht  in  hamasch  rtt&n  Ir  sult  da^  hamasch 
swctre  üf  mtnen  soumcere  Durch  iuwer  Itbes  ruowe  legen  Tand.  12720;  Sin  wäpen 
lif  den  s6men  lach  Der  he  mafichen  vor  om  sach  Demant.  7421;  Mit  golde  harte 
xiere  Vil  schilte  sach  jnan  glts^en,  Manegen  heim  tdt^n  Gebunden  üf  die  soume 
Wig.  271 ,  26. 

Ebenso  galt  es  scheinbar  für  unschicklich  mit  dem  hebn  auf  dem  haupt  und 
dem  Speer  in  der  band  einer  dame  gegenüber  zu  treten:  Sus  reit  er  xuo  der  müre 
Da  er  diu  küneginne  vant.  Stnen  heim  er  abe  bant  Und  saxt  in  üf  den  satel- 
bogen.  Er  was  hövesch  und  wol  gexogen:  Stn  houbet  da^  enttväfent  er.  An  die 
müre  leint  er  sin  sper  Wig.  15,  27. 

S.  79]  Anm.  3  füge  nach  Virg.  821,  5  hinzu:  866,  5. 

S.  80]  Anm.  7  füge  hinzu:  Ich  enma^c  7nin  harnasch  niht  getragen  Zc  viie^n, 
dest  mir  xe  swcere  Tand.  10233. 

S.  83]  Zu  anm.  2  vgl.  noch  Lieders.  3,  305,  30:  E:^  lit  nit  an  den  gelwen 
sporn,  Da  mit  man  frowen  verdienen  sol. 

S.  84]  Der  Schild  war  von  holz :  2khant  enxtinde  sich  da^  bret  Und  verbran 
im  vor  der  hant  Wig.  179,  33;  Ein  guldinen  lewen  er  truoc  Der  wa^  üf  da^  bret 
erhaben  Lanz.  4422.  —  Um  den  schild  herum  gieng  ein  rand,  der  kantet:  Als  vmb 
des  Schildes  rande  Oenck  eyn  kantet  van  golde  geslagen  Earlm.  56,  13.  kuntel,  das 
wol  von  griech.  xavd^og  (radreif)  abgeleitet  ist,  lässt  sich  auch  in  dieser  seiner  bedeu- 
tuDg  „schildreif,  -rand'*  leicht  mit  jenem  vermitteln.  Eine  andere  bedeutung  ist 
durchaus  die  gewöhnlichere:  vgl.  Fr.  PfafF,  Germ.  33,  33. 

S.  86]  Zuweilen  wird  die  buckel  künstlerisch  gestaltet,  so  in  den  formen  einer 
blume:  Da:^  diu  buckel  solde  sin  Da^  was  eifi  bluojne  guldln  Gcworht  mit  groz^m 
fli^  Wig.  169,  16. 

S.  88]  Zu  anm.  8  ist  noch  zu  vergleichen  Alph.  192  fg.,  Crane  3111  fgg., 
Frauend.  72,  12  und  PBrBeitr.  15,  327  fg. 

S.  89]  Nicht  bloss  zur  konservierung  der  maierei,  wie  Schultz  (2,  97)  meint, 
diente  das  tegimen  in  clypeis,  der  hulfl,  sondern  auch  um  die  wappenbilder  zu 
verhüllen,  wenn  man  unerkant  bleiben  weite:  {röter  samit)  Der  ouch  den  schilde?i 
decke  bot,  Da:^  si  da  bi  iht  wehren  bekant  Swd  si  riten  durch  diu  lant  Wig.  245, 
11;  KarUes  schilt  was  ouertreckt,  Hey  en  woulde  en  ncit  voren  endeckt  Durch  xei- 
ehen,  dat  da  ynne  stunt,  Hey  en  woulde  neit,  dat  eman  worde  kunt,  Dat  hey  were 
de  konynk  Earlm.  379,  22;  Den  schilt  von  golde  spamien  tmt  Den  bedaJitcfi  si  so 
gar  Da^  des  da  nieman  wart  gewar  Bit.  2298. 

S.  93]  Unter  den  wappenzeichen  ist  auch  das  türbant  zu  erwähnen,  vgl.  A.  f. 
d.a.  15,  218  fg.  —  Zu  halbieren  vgl.  noch  A.  f.  d.  a.  15,  220  und  PBrBeitr.  15,  331. 

8.  95]  Bei  den  bestimmungen  über  die  wappenfrage  scheint  zu  erwägen  zu 
sein,  dass  der  fürst,  wie  er  so  viel  fahnen  hatte,  als  ihm  länder  gehörten,  auch  so 
viel  Schilde  besass:  Do  sprach  Ospinel  der  vrie:  Her,  ich  bin  van  Orbie.  Myn 
vader  hadde  vunff  schilde  Ind  was  hoesch  ind  mylde  Karlm.  413,  5. 

8.  96]  Das  wappen  auf  den  Schilden  war  gemalt:  Mac  ich  dir  (dem  löwen) 
niht  gehelfen,    ich  wil  dir  widersagen,    Deich  dich  nie  mere  gemälet  an  minem 

» 

schilie  wette  tragen  Wolfd.  A.,  601,  3;    Hoerstu  e^,   geselle  leice,    den  ich  an  dem 


106  MKIER 

schiltc  habe:  Hilfstu  niht  dinem  gesellen y  ich  hei^  dich  schaheti  abe  Wolfd.  D.  VIII, 
97,  3;  vgl.  noch  AVolfd.  D.  VIU,  82,  3,  Da  xuo  v^uorfe  er  eifien  schilt,  Dar  an 
ron  rotem  golde  was  Gestrichen  man^c  edel  wilt  Virg.  4,  11.  —  Zu  anm.  7 
füge  hinzu:  (Sie)  frumten  ir  gereite  Mit  spceher  rtehheite  Von  golde  kosth(Bre  Als 
e^  diu  schiltcere  Wol  geniacfien  künden  Die  nian  xe  den  stunden  Ze  Ackers  vant 
in  der  Iiabe  Lanz.  8839.  —  Anm.  9 :  üf  einem  schilde  der  was  gel  Einen  eher  xobe- 
Hu  Undr  eifiem  backet  guldln  Mel.  8159;  Diu  buckel  diu  gap  lichten  schin  Von 
arabischem  golde  Als  er  selbe  uolde;  Dar  under  ein  pantel  xobelhi.  Die  spangen 
wären  guldin  Die  üf  dem  schilte  warn  geslagen  Gärel  3104. 

S.  97]  Anm.  3  ist  zu  bemerken,  dass  an  der  Erecstelle  (5540)  hulft  eine  con- 
jektur  Haupts  ist. 

S.  100]  Vgl.  zu  aiun.  11  noch:  Si  dahten  diu  vil  guoten  niarc:  Von  stdle 
ma.?ne  decke  starc  Leiten  si  üf  ir  ka^teldn  Dietr.  Fl.  8701 .  Eine  covertiure  silberin 
wird  Klage  B.  2909  erwähnt. 

S.  101]  Über  die  eisenpanzeruug  wurden  seidene  decken  gebreitet:  Teivr  Phelle 
lagen  Auf  de7i  Raveiten,  Die  fnan  xe  paiden  seyten  Vber  dax  Eisen  het  gestrekcht. 
Wo  sich  dax  Eisen  phekcht  Vnd  die  tewrn  Sameit  Die  gaben  Olast  widerstreit 
Wo  die  Sunn  daran  schain  Ottok.  v.  St.  cap.  148;  Er  reit  ein  ors  swarx  gevar 
Mit  einer  kovertiure  gar  Bedecket  von  samite.  An  der  xeswen  site  Was  si  grüene 
alsam  ein  gras:  Da  xe  der  linken  haut  si  was  Tunket  rot  als  ein  bluot  Wig.  169, 
8;  Ein  decke  lanc  und  wit  Wa^  der  tserinen  decke  dnch,  Der  man  richer  koste 
jach:  Ein  phelle  rot,  dar  in  gesjiiten  Mit  vil  kostliclien  siten  lAehart  wi^  hermin, 
Ir  klä  wären  guldin,  Ir  ougen  wären  gränät  Tand.  2108,  edeliu  ros  Mit  sidin 
wdfen  wol  bcdaht  Virg.  952,  4.  Femer  werden  wappen  auf  der  kovertiure  noch 
Gärel  3082  fgg.  und  3100  fgg.  erwähnt. 

S.  102]  Es  wird  weiter  als  teil  der  kovertiure  das  lankenier  erwähnt:  rot 
was  oiich  sin  lankenier  GA.  1,  471,  607.  472,  667.  473,  669;  kovertevr  undc 
lankenier  neben  einander  Joh.  v.  Michelsberg  v.  51  (v.  d.  Hagen,  Germ.  2,  95).  — 
Aus  der  ersten  aufläge  ist  das  versehen  stehen  geblieben,  dass  die  croupibre  den 
„bug"  des  rosses  beschützen  soll:  im  gegenteil,  sie  liegt  vielmehr  über  der  kruppe 
des  pferdes. 

S.  103]  Anm.  2  füge  hinzu:  Covertiure  und  tehtier,  Diu  wären  schoene  unde 
guot  Eracl.  ed.  Graef  4988.  Die  angeführte  stelle  aus  Wolfdietrich  (D  V,  202,  3)  ist 
wol  hier  zu  streichen  imd  eher  anm.  1  anzuführen,  vgl.  unsere  obige  bemerkung  zu 
1,  499. 

S.  106]  Diesen  abschnitt  kann  ich  in  manchen  punkten  nicht  guthelssen:  mir 
scheint  Niedner  (a.  a.  o.)  bei  abweichenden  ansichten  meistens,  obwol  nicht  immer, 
im  recht  zu  seio.  Leider  beeinträchtigt  die  übertriebene  schematisieiiing  die  klarheit 
der  darstellung  bei  ihm  nicht  wenig.  Ich  kann  hier  auf  eine  alseitige  Würdigung  von 
Schultzens  ansichten  nicht  eingehen,  sondern  beschränke  mich  darauf,  einzelne  punkte 
liier  zu  berühren  und  im  algemeinon  auf  Niedners  arbeit  zu  verweisen. 

S.  110]  Anm.  2  war  wol  auch  an  Alphart  402,  Rosengarten  ed.  Grimm  s.  78, 
9,  1  und  Frauend.  199,  13  fgg.  zu  erinnern. 

S.  114]  Die  waffou  waren  stumpf:  rfof^  (ein  scharfes  Speer)  Wolter  bt  deft  xiten 
hun  üf  den  keiser  t;erstochen,  swie  man  furnierte  doch  Part.  B.  15107.  —  Die  im 
turnier  gefallenen  von  füi-stlicher  abkunft  verzeichnet  Du  Gange  Diss.  VI,  26,  Räumer, 
Hohonstaufen  VI,  557.     Auch  Ulrich  weiss   im   Frauondienst   (86,  14  fgg.    87,  24) 


ÜBER    SCHULTZ,    HÖFISCHES    LEBEN  107 

von  im  turniei'  gefalleneu  zu  berichten,  die  vom  treten  der  rosse  übel  mitgenommen 
werden.     Es  wird  jemand  von  den  pferden  zeiireten  GA.  3,  458,  116  fgg. 

S.  117]   Bei  der  „tafeirunde*   war   auch  Reinfr,  190  und  284   zu  erwähnen, 
stellen,  die  schon  Niedner  (a.  a.  o.  41)  bei  der  erörteiimg  der  tavelrunde  citiert. 
S.  118]  Anm.  2:  vgl.  Diez,  Leben  der  troubadoui-s  ed.  Bai'tsch  s.  236. 

S.  120]  Ulrich  von  Liechtenstein  gibt  vor  (iYauend.  116,  9  fgg.),  es  seien  ein 
hündchen,  ein  gürtel,  ring  und  heftel  von  einer  dame  als  tumiorgewinn  gesant 
worden. 

S.  122]  Besonders  habgierig  beim  turnier  sind  die  österhet-ren  nach  Wig.  216, 
22  fgg.  Ebenso  urteilt  die  Krone  2938:  niht  nach  den  osterherren  disiu  tjostiure 
stuont\  vgl.  Niedner  a.  a.  o.  s.  17.  Auch  die  vom  Rheine  kämpfen  um  gewinn  (Bit. 
8202):  Die  recken  von  dem  Rtne  Ällextt  phlegen  ritterspil  Und  wie  si  tumieren 
Vit  hediu  üf  vhist  und  ouch  gewin. 

S.  124]  Die  krojierer  beschreiben  die  wappen  und  wissen  sie  zu  erklären:  dai^ 
schilt  hrüvieren  Turnei  von  Nautei?  B.  954.  So  erhelt  sich  auch  der  dem  homus- 
geber  unverständliche  ausdruck  in  der  Virginal  (1047,  1  fgg.):  Der  ivdfen  knapj>en 
krtren  so  Und  ouch  die  vürsten  priviertent  (=  prüviertent)  do  Und  ouch  die  rit- 
ter  gemeine. 

S.  127]  Anm.  7  ist  der  beleg  Parz.  465,  24  als  nicht  hergehörend  zu  strei- 
chen, hingegen  Parz.  738,  28  hinzuzufügen.  Die  gleiche  bedeutung  hat  voilenj  ver- 
vcelen-,  ich  verweise  nur  auf  die  zahlreichen  belege,  die  das  mhd.  wb.  (3,  214  fg.) 
gibt  und  hebe  die  aus  dem  Frauendienst  als  besonders  instruktiv  heraus.  —  Anm.  9 
füge  als  beleg  hinzu:  Crane  3071  fgg.  4364- fgg.,  Demant.  1187  fgg. 

S.  128]  Die  anm.  3  von  Schultz  angeführte  stelle  aus  dem  "Wolfdieterich  (D  VII, 
198,  2)  gehört  nicht  hierher:  es  ist  dort  davon  die  rede,  dass  Wolfdietrich  den  gra- 
fen  vom  ross  nimt  imd  mit  ihm,  den  er  mit  den  armen  hält,  eine  strecke  fortreitet 
und  ihn  dann  zur  ei-de  wirft.  Ähnliche  reiterstückchen  werden  Bit.  8870  fgg.  und 
Parz.  73 ,  18  fgg.  erwähnt. 

S.  129]  Die  knappen  sorgten  im  turnier,  dass  ihr  herr  frische  Speere  erhielt: 
Sin  gesellen  bat  der  ritter  klär  Da^  sie  im  etlich  knaben  liej^en,  Die  solden  des 
icol  genießen  j  Die  stn  pflcegefi  in  dem  ^wrwc/Tand.  12829.  Und  als  Tandareis  später 
im  kämpf  einen  ritter  heransprengen  sieht,  sagt  er  zu  seinen  knappen:  stt  mir  mit 
den  spem  bi  (Tand.  13812).  —  Zu  anm.  11  vgl.  noch  Demant.  3900.  4100. 

S.  130]  Wenn  Schultz  sagt:  „man  nante  solch  einen  mann  (einen  tüchtigen 
ritter)  einen  waldzerstörer  (waltswe^ide)'^^  so  ist  das  nicht  ganz  richtig:  nicht  „mau*' 
tut  es,  sondern  die  dichter,  welcho  Wolfram  nachahmen  und  ihn  bewundem,  gebrau- 
chen diesen  wol  von  ihm  geprägten,  jedesfals  aber  von  ihm  in  curs  gesezten  aus- 
druck. 

S.  131]  Über  die  bedeutung  des  fride  beim  einzelkampf  und  beim  turnier 
äussert  sich  Schultz  nicht,  und  doch  ist  diese  frage  sehr  wichtig,  vgl.  Niedner  a.  a.  o. 
26  fgg.  —  Unverständlich  ist  mir  der  Vorgang,  dass  bei  einer  ritterlichen  ^jost  der, 
welcher  den  andern  zu  boden  geworfen  hat,  über  ihn  mit  absieht  weg  reitet.  So 
verstehe  ich  wenigstens  die  beiden  mir  bekanten  stellen:  Meleranx  den  truhste^en  stach 
Hinder  da^  ors  iif  den  plan:  Daj^  was  im  selten  e  getan.  Er  reit  uf  in  und  trat 
in  nider.  Des  erholt  er  sieh  wider  Mel.  5108;  Tandaieis  fält  den  Kandaljon  vom 
ross:  mit  xames  siten  reit  er  Uf  in  imd  trat  in  nider,  Do  hidfen  im  die  sincn 
leider,  Da^  er  niht  den  lip  verlos  Tand.  10881. 


108  HEIEB 

S.  133]  Mit  recht  bemerkt  schou  Niedner  (a.  a.  o.  68  fg.),  dass  au  den  in  den 
anm.  4  und  5  angeführten  stellen  das  schlagen  mit  den  Schwertern  auf  die  ritter, 
das  mit  den  prügehi  auf  die  kipper  geht. 

S.  134]  Auch  Ottokar  von  Steyer  weiss  in  zwei  berichten  über  tumiere  zu  Graz 
und  zu  Wien  davon  zu  erzählen,  dass  das  spiel  im  turniere  bald  zu  blutigem  ernst 
geworden  wäre,  fals  die  fürsten  nicht  das  tumier  aufgehoben  hätten  (Ottok.  v.  St. 
cap.  738,  fol.  706  a.  708  a). 

S.  135]  Zu  Ulrichs  erzählung  von  dem  vereitelten  Friesacher  tumier  vgl.  auch 
PBrBeitr.  15,  321.  —  Schultz  meint,  dass  die  kipper  gewöhnlich  vom  tumier  aus- 
geschlossen gewesen  seien.  Indessen  hätte  er  das  richtige  aus  der,  auch  von  ihm 
imten  in  der  anmerkung  citierten ,  stelle  aus  Niedners  tumier  (s.  68)  entnehmen  kön- 
nen, wo  es  heisst:  „sie  (die  kipper)  werden  wol  bei  den  meisten  tumieren  damaligor 
zeit  nicht  gefehlt  haben*. 

S.  137]  Berthold  von  Holle  schildert  im  Demantin  (613  fgg.)  die  tribüne  der 
damen:  Beännmde  gemachet  was  Ei7i  so  hoch  palas  Von  holze  Mch  unde  rieh. 
Manig  frouwe  vmnnigltch  Was  ht  der  juncfrouwen  dar  Und  manig  ritter ^  da^  is 
war,  Di  or  di  wäfen  sagete.  —  Eine  gute  Schilderung  eines  turnierplatzes  gibt  der 
Ring  (8 ,  26) :  Dar  xuo  ward  geschaffen  Da^  man  auch  schalte  machen  Einen  xaun 
all  umh  den  plan  Da^  wa^  jo  also  schier  getan  Und  dar  auf  scholt  man  prügi 
legen  Durch  der  schönen  fratcen  wegen  Die  den  turner  schalten  sehen.  —  Anm.  5: 
Weitere  und  zum  teil  charakteristischere  belege  hätte  Schultz  aus  Niedner  a.  a.  o. 
s.  73  entnehmen  können.  —  Dass  bei  mancher  tjost  auch  lieder  von  den  rittem 
gesungen  werden ,  berichtet  Ulrich  von  Liechtenstein  (Trauend.  458 ,  8  fgg.) :  Diu  liet 
gesungen  tcurden  vil:  Für  war  ich  iu  da^  sagen  ivtl,  Bt  den  lieden  wart  geriien 
Manie  tjost  tidch  ritters  siten.  Diu  liet  fnan  vil  gerne  sanc  Da  fiwer  üz  tyast 
von  hclme  spranc:  Si  dühten  manegefi  ritter  guot,  Si  rieten  ritterlichen  mtwt. 

S.  139]  Mit  unrecht  hat  Schultz  die  Lachmaun'sche  textconstitution  von  Parz.812, 
ü  fgg.  aufgenommen.  DiePaul'sche  darlegung  (PBrBeitr.  2,  97),  die  weiterhin  Niedner 
(a.  a.  0.  s.  32  fg.)  vervolständigt  hat,  hebt  klar  ihre  unzulässigkeit  hervor  und  zeigt,  dass 
zu  schreiben  ist:  der  dritte  ist  xen  muoten:  Ze  rehter  tjost  den  guaten  Ich  hurteeliclien 
hau  gcriten\  vgl.  auch  noch  die  von  Paul  angeführten  stellen  Willeh.  29,  15  und 
361,  21  fgg.  —  Was  die  weitere  interpretation  der  fünf  stiche  anbetrift,  so  kann  ich 
mich  mit  Köhler  und  Schultz  nicht  einverstanden  erklären,  die  mit  ungenügenden 
gründen  das  tumier  nur  als  massenkampf  in  geschlossenen  formationen  auffassen. 
Ich  möchte  vielmehr  Niedner  beistimmen,  der  eine  Zusammensetzung  aus  massen- 
und  einzelkampf  annimt,  ohne  jedoch  seine  ausfühmngen  in  allen  einzelheiten  unter- 
schreiben zu  können.  Wie  wollen  z.  b.  Schultz  und  Köhler  bei  ihrer  auffassung  das 
justieren  zwischen  den  scfiam  erklären,  das  als  etwas  besonders  mutvolles  gerühmt 
wird  (vgl.  Niedner  s.  53  und  Tand.  12833:  ich  stcech  gern  etlich  »per  enx4cei  Nach 
killte  xtvischen  den  scfiarn;    vgl.  auch  weiter  Sachsenspiegel  1,  38,  2)? 

S.  140]  Schultz  hat  den  Zusammenhang  übersehen:  nicht  Demantin,  sondern 
Andifor  mft  den  namen  der  schönen  Delasie.  Au  den  in  der  anm.  3  aus  Demant. 
angeführten  stellen  wird  6730  Alophie  von  dem  vogt  und  6734  Beamunt  von  Krga- 
nant  angerufen. 

S.  141)  Das  zäumen  erwähnt  Schultz  gar  nicht  bei  seiner  Schilderung  des  tur- 
niere, und  doch  ist  es  von  grosser  Wichtigkeit,  vgl.  Niedner  a.  a.  o.  s.  67  fg.  und 
auch  Ring  7b,  37  fgg.;  7c,  20 fgg.;  8b,  38  fgg.  Es  scheint  beim  schwertkampf  auch 
darauf  angekommen    zu  sein  mit  den,   allerdings   stumpfen   waffen   den  zaom  der 


ÜBER   SCHULTZ,   HÖFISCHES   LEBEN  109 

rosse  zu  durchschlagen  und  so  das  fiihrungslose  ross  mit  fortzuziehen:  der  reiter 
konte  kaum  so  schnell  die  zügel  widergewinnen,  da  er  in  der  rechten  hand  das 
Schwert  und  in  der  linken  den  schild  hatte.  Anders  als  eben  angedeutet  kann  ich 
die  bekante  stelle  im  Biterolf  (8450  fg.)  nicht  verstehen :  Ja  siht  nian  von  ir  handeri 
(von  den  nicht  tumiererfahmen  leuten  des  "Witzlan)  Durch  xoume  selten  ge- 
slagen. 

S.  142]  Dass  bei  lichte  tjostiert  wurde,  erzählt  Uliich  von  Liechtenstein:  Diu 
naht  den  tac  het  gar  verswant.  Nach  großen  liehten  ich  do  sant:  Der  kmn  mir 
üf  da^  velt  gar  vil.  Für  war  ich  iu  da^  sagen  wil,  Wir  stdcfien  bt  des  lichtes 
schtn:  So  gern  dient  ich  der  vrowen  min  (Frauend.  271,  25). 

S.  152]  Auch  Räpot  von  Valkenberc  (Frauend.  474,  25  fgg.)  gehört  wol  zu  den 
schnaphähnen ,  die  sich  durch  plündern  und  rauben  ernähren. 

S.  157J  Der  besiegte  gibt  knieend  mit  handschlag  seine  Sicherheit:  Als  er  die 
scheinen  maget  sach  Er  kniete  vür  sie  unde  sprach:  Vrowe,  ich  bringe  iu  sicJier- 
heit  Tand.  9650;  Diu  maget  die  isertnen  hant  Enphie  und  hiesi  in  üfe  stän 
Gärel  1810. 

S.  174]  Bei  den  ordalen  war  vielleicht  noch  ein  algemeiner  verweis  auf  Grimm, 
KA.  912  fgg.  hinzuzufügen.  Eine  interessante  erzählung  eines  Ambers  über  die  got- 
tesgerichte  und  zwar  über  den  Zweikampf,  die  feuer-  und  wasserprobe  und  über  die 
Stelvertretung  bei  weibem  und  krüppeln  steht  in  dem  werkchen  von  G.  Jacob,  Ein 
arabischer  berichterstatter  aus  dem  10.  oder  11.  Jahrhundert  (Berlin  1890)  s.  14 
fgg.  —  Über  die  bedingungen  bei  einem  Zweikampfe  mit  einem  hunde  handelt 
GA.  1,  179,  371  fgg.:  Man  sol  dem  man  ein  knütel  geben ,  Da  mit  er  vristen 
kan  stn  leben.  Armes  gro^  und  elen  lanc,  Da^  ist  mtn  rät  und  min  gedanc: 
Ouch  gebe  man  dem  hunde  Die  xend  in  stnem  munde,  Da  mit  er  sich  weren  sol, 
Des  mac  er  sich  vrten  wol. 

S.  199]  Anm.  9:  tüsent  schütxen  wol  geriten  Gärel  4300.  Vgl.  auch  die  abbil- 
dungen  in  Boeheims  "Waffenkunde  s.  390— 392. 

S.  202]  Anm.  4  ist  Schultzens  angäbe  wol  dahin  zu  berichtigen,  dass  nach  der 
gewöhnlichen  annähme  armbrust  wol  kaiun  aus  der  form  areubalista,  sondern  viel- 
mehr aus  mlat.  arbalista  entstanden  ist.  Eine  andei'e  etymologie,  die  schon  Gott- 
sched (vgl.  Adelung,  Wb.  sub  armbrust)  aufgestelt  hatte,  versucht  W.  Boeheim 
(Waffenkunde  402)  wider  aufzunehmen.  Seine  aufstellungen  sind  ihm  zwar  sehr 
sicher,  aber  doch  nicht  richtig.  Er  sagt:  „Der  deutsche  name  sezt  sich  aus  den  wer- 
ten ,arm^  und  ,rüstung^  zusammen  und  bedeutete  somit  ursprünglich  eine  ,ai'm- 
rüstongS  Mit  dieser  bezeichnung  ,armrust^  erscheint  sie  schon  im  12.  jahrhundei*t. 
Am  ende  des  15.  Jahrhunderts  unterlag  das  wort  armrnst  einer  neuen  Schreibart,  die 
dem  m  ein  b  anfügte,  wie  u.  a.  bei  lüumblich,  saumb,  Beheimb,  ziemblich".  Jedes 
einzelne,  was  Boeheim  hier  anführt,  ist  nun  unrichtig:  Im  12.  Jahrhundert,  wie  auch 
sonst,  komt  meines  wissens  die  Schreibung  armrust  nie  vor,  sondern  schon  seit  dem 
11.  Jahrhundert  wird  stets  armbrust  geschrieben  (Schmeller*  1,  145).  Diese  form 
tritt  hoch-  und  niederdeutsch  auf  und  wird  von  hier  aus  durch  die  nordischen  spra- 
chen entlehnt.  Ende  des  13.  Jahrhunderts  taucht  eine  form  ärmst  auf.  Vom  ein- 
fach lautlichen  Standpunkt  wäre  trotz  alle  dem  angeführton  eine  entstehung  des 
wertes  aus  arm  und  rust  (instrument,  Werkzeug  Schmeller'  2,  163)  nicht  ganz 
unmöglich,  und  die  form  ärmst  könte  direkt  darauf  zurückgehen.  Der  einschub  des 
b  als  übergangslaut  wäre  wie  bei  kumber  <<  cumulus  zu  erklären.  Allein  die  Schwie- 
rigkeiten scheinen  mir  zu  überwiegen,    so  dass  man  diese  etymologie  keineswegs  als 


110  MEIER 

hinlänglich  begründet  hinstellen  kann.    Indessen  ist  mir  die  deutung  aus  arhalista 
ebenso  unwahrscheinlich. 

S.  203]  Eine  besondere  art  dei'  armbrust  war  die  hraparmbrust  Ottok.  v.  St. 
cap.  714;  vgl.  noch  Schmeller*  1,  145. 

S.  212]  Bei  der  besprechung  der  streithämmer  war  wohl  auf  fig.  111  (s.  205) 
zu  verweisen,  wo  die  abbildung  eines  solchen  sich  findet. 

S.  213]  Das  Verhältnis  von  kiüle  und  kolbe  (anm.  3)  ist  so,  dass  khde  ui-sprüng- 
lich  die  am  ende  des  kolbens  befindliche  kugel,  mit  welchem  werte  es  auch  lautlich 
zusammenhängt,  bezeichnet.  Ei'st  später  wird  der  name  hiide  auf  die  ganze  wafi'e 
übertragen. 

S.  216]  Anm.  1:  Ein  Zusammenhang  von  fiatsehe j  fletsche  mit  poln.  palasx 
wird  kaum  anzunehmen  sein.  Die  nebenform  plasche  ist  zu  erklären  wie  flecken  : 
placken  f  fletxen :  pletxen  (vgl.  noch  Lexer  2,  388). 

S.  219]  Die  kolmerhüete.  welche  die  bauem  tragen,  haben  wir  schon  oben  zu 
s.  9  erwähnt.  Sie  waren  auch  hier  anzuführen.  —  Dass  die  fusssoldaten  manchmal 
auch  eisenrüstungen  tragen,  zeigen  stellen,  wie  die  folgenden:  Ich  fiier  ou^h  %wei 
füsent  schützen  dar  Und  x'tser  xwei  tüsent  sarjant  Gärel  2394;  Zu  dem  kunig 
cham  dar  Zu  fussxen  ain  gros  Her,  Wot  berait  xu  Wer  Vnd  in  gancxem  Har- 
nasch  Ottok.  v.  St.  cap.  678. 

S.  225]  „Unter  der  fahne  jemandes  sein**,  heisst  „sich  einem  unterstellen,  auf 
seiner  seite  unter  ihm  kämpfen".  Dies  zeigt  auch  schon,  dass  eine  hauptfahne,  die 
des  führenden  fürsten,  den  raittelpunkt  des  ganzen  bildete.  Vgl.  Bestät  er  (Tristan) 
in  d&tn  lande  j  Wir  stn  iemer  me  genesen  Und  miw2i  Rwl  der  grdve  wesen  Mit 
vorhte  wnder  dtnem  vanen  Türh.  Trist.  140. 

S.  228]  Ungelenk  im  ausdruck  sind  die  folgenden  sätze:  „Im  deutschen  und 
englischen  wird  der  cari'occio  gewöhnlich  standart  genant**  (s.  228),  „In  den  deutschen 
gedichten  wird  das  wort  stanthart  selten  erwähnt **  (s.  229)  und  „Deutsch  wird  das 
caiToccio  heerwagen  genant  **  (s.  234). 

S.  229]  Anm.  5 :  Die  carrosche  von  Mainz  erwähnt  Ottok.  v.  St.  cap.  678. 

S.  230]  Eine  genaue  Schilderung  des  carroccio,  hier  heei-wagen  genant,  und 
seiner  einrichtung  gibt  Des  teufeis  netz  7241  fgg. 

S.  237]  Anm.  2:  Zu  den  citaten  aus  Demantin  ist  auch  noch  Demant.  10681 
fgg.  zu  vergleichen. 

S.  238]  Anm.  2  füge  hinzu:  Virg.  663  fgg.,  Gudrun  195,  2. 

S.  241]  Über  die  grosse  von  Wegstrecken,  die  einzelne  am  tage  zurücklegten, 
teilt  auch  Gasner  (a.  a.  o.  s.  120)  einiges  mit.  Vgl.  ferner  noch  die  Vie  domestique 
(s.  60 fg.):  Jean  de  Bleis  legt  an  einem  tage  bis  zum  disner  35  kilometer,  an  einem 
andern  tage  in  der  zeit  vom  mittagessen  bis  zum  abend  13  kilometer  zurück. 

S.  245 1  Schultz  hätte  noch  anführen  sollen,  was  es  heisst  den  woldan  riten\ 
tooldan  ist  ein  rascher  Verstoss  gegen  den  feind,  eine  gewaltsame  rekognoscierung, 
vgl.  J.  Grimm,  Ztschr.  f.  d.  a.  5,  494  fgg.  (wo  aber  die  mythologische  deutung 
um-ichtig  ist),  Bartsch  zu  Demant.  7381,  Ottokar  von  Steyer  cap.  319.  343.  740.  Vgl. 
weiter  geweidiger  ryt  Böhmer,  God.  dipl.  Moenofrancfurt.  587  a.  1344. 

S.  251]  Ein  anderes  zeit  wird  geschildert  Altsw.  91 ,  28  fgg. :  Da^  gexelt  was 
ein  rot  balkin.  Die  seil  wären  grüen  sidin^  Von  silber  waren  die  pfel,  Vmi  rotem 
gold  sunder  fiel  Warn  die  knöpf  uf  dem  gexelt.  —  Das  zeit  des  Godomas,  welches 
Meleranz  erkämpft,  weiss  derPleier  in  den  glänzendsten  färben  zu  malen  (Mel.  10379 
— 10398).  —    Die  oben  im  text  gegebene   darstellung  entspricht   nicht   der   in   der 


ÜBER   SCHULTZ,   HÖFISCHES   LEBEN  111 

anmerkung  (3)  angeführten  stelle  des  Frauendienstes:  Ulrich  hat  vier  banner  und 
lässt  diese  je  einen  i*osslauf  von  einander  entfenit  aufstellen.  So  vvird  ein  carroe 
begrenzt:  eingehegt  wird  es  durch  schnüre,  die  um  diese  vier  banner  geschlungen 
werden.  Längs  derselben  lässt  er  in  Zwischenräumen  seine  mit  fahnen  gezieiien 
Speere  in  die  erde  stecken. 

S.  255]  Vor  dem  beginne  dos  krieges  werden  die  heergesetze  beschworen:  er 
(der  kaiscr)  gebot  da§  man  svmor  (E^  wc&re  riter  oder  kneht)  Den  Jierfride:  duz 
was  reht  Eracl.  ed.  Graef  2718. 

S.  266]  In  der  nähe  des  feindes  soll  jeder  die  nacht  hindurch  im  hämisch 
bleiben  und  sein  ross  an  der  band  halten  (Alph.  330  und  332). 

S.  267]  Die  wache  dauert  einen  tag  lang,  so  war  es  bestimt:  In  den  selben 
xiten  wären  diu  reht,  Swer  die  wart  wolt  suochen^  ritter  oder  kneht,  Der  phlac 
ir  wol  mit  eren  bi^  der  tae  ein  ende  nam.  Also  tete  ouch  Alphart ,  als  eitlem 
ritter  wol  yexam  Alph.  205. 

S.  277]  Die  anm.  6  aus  dem  Tandareis  (13638  fgg.)  angeführte  stelle  ist  zu 
streichen,  da  hier  vom  tumier  die  rede  ist.  Dagegen  ist  zu  citieren  Dietr.  Fl.  8744 
fgg.     8759  fgg. 

S.  281]  Ottokar  von  Steyer  schildert  die  reichsfahne :  Des  Reiches  Warxaychen 
Daz  ist  ain  Vane  smal   Der  get  lang  her  xu  tat  (cap.  810). 

S.  282]  Das  singen  von  liedem  vor  imd  während  des  kampfes  wai*  algemein: 
Zesamen  st  dö  drangen,  die  schefte  brdchens  gar,  Ir  wise  st  dö  sungen  in  bei- 
dent/ialp  der  schar  Wolfd.  A.  336,  3.  Das  Kyrieleis  wird  gesungen:  Ein  sendleich 
Oesankch  Ilubens  mit  dem  Kyrieleis,  Sain  wax  ir  Raisx,  Do  si  xu  einander  staph- 
ten  Ottok.  v.  St.  cap.  571;  Ec  si  den  Rueff  vol  sungen,  Do  chomen  si  gedrungen 
Zu  einander  mit  ainem.  Stoxx  Ottot.  v.  St.  cap.  572.  Das  gewöhnliche  schlachtlied 
war  aber  der  leich  ^Sant  Marei,  muoter  unde  meit,  AI  utuer  not  st  dir  geJdeit^ 
(vgl.  Schultz  2,  279):  Do  hueb  der  Ootes  Kaplan  Ainn  Ruff  mit  lauter  Stimm  an: 
Sand  Marey  Muter,  Diser  Ruef  guter  Wirt  selten  geschwigen  von  den  Heren, 
Denn  so  »y  xesamen  cheren  Mit  Helm  verpunden  Ottok.  v.  St.  fol.  626  h.  —  Aber 
nicht  immer  waren  die  lieder  der  ausdruck  kampfesfreudiger  Stimmung:  der  feige 
suchte  sich  am  abend  vor  der  Schlacht  durch  sie  mut  einzusingen  und  wolte  freudig 
erscheinen:  Der  x<ige  truwet  niht  genesen  Als  er  den  vtent  ane  sist.  Er  beginnet 
singen  stniu  liet  Sam  er  stolx  und  fro  si  Und  ist  doch  niender  da  bt  (Ei'acl.  ed. 
Graef  4734). 

S.  292]  Durch  das  „besitzen**  des  Schlachtfeldes  machte  man  sich  zum  eigeu- 
tümer  desselben ;  vgl.  noch  Der  kütiec  besas;  die  naht  da:^  trat  Herz.  Ernst  B.  4751 ; 
die  naht  besäßen  sie  da^  wal  ebd.  4870. 

S.  296]  Über  wei^l  vgl.  Lexer  3,  748  und  meii^el  ebd.  1,  2090.  Die  gewöhnlichen 
heilmittel  bei  Verwundungen  erwähnt  noch  Eracl.  ed.  Graef  4804:  Sie  bedorften  de- 
keiner  salben,  Weder  wei^l  noch  phlaster.  Eine  grüne  übelriechende  salbe,  die 
Bechstein  für  ungi4entum  populeum  hält,  erwähnt  Ulrich  im  Frauendienst  (28,  2  fgg.). 
Für  die  eignen  verwundeten  wird  nach  besten  kräfton  gesorgt:  „iVw  rolge  mir,,  Lam- 
parte^,  sprach  aber  Albertch,  ^Uhd  suochen  wir  die  töten,  da^  ist  gewi^^nltch. 
Die  wol  genesen  kunnen  under  diseme  her.  Die  sende  wir  in  barken  Zuo  den  kie- 
len Üf  da^  mer''  Ortnit  IV,  342,  1. 

S.  297]  Die  Chirurgen  müssen  damals  nicht  sehr  vertrauenerweckend  operioi-t 
haben.     Und  darum  war  es  ein  grosses  wagnis,    wenn  Uhich  von  Liechtenstein  zu 


112  MDKR 

dem  entschluss  kaoi:  Der  lefs,  der  ich  drie  hän,  Der  fcü  ich  eine  smden  lan 
(Frauend.  25,  3).  Auch  bei  kleinen  Operationen  ^urde  der  patient  festgebunden 
(Frauend.  25 ,  27).  Wie  bei  dem  aderlassen  und  baden ,  so  gab  es  auch  günstige  und 
ungünstige  zeiten  für  ojierationen.  Für  besonders  vorteilhaft  scheint  der  mai  gegol- 
ten zu  haben:  E^  ist  nü  gar  enwiht:  Ich  sntd  iuch  vor  dan  maien  niht.  Kumt 
ir  mir  in  dem  maien  her,  Bi  min  triuwen  ich  itteh  wer:  Ich  maeh  tu  itterH 
inunt  also,  Da^  ir  sin  Sit  von  schulden  vrö  (Frauend.  24,  5  fgg.)- 

S.  298]  Des  Teufels  Netz  (7282  fgg.)  erwähnt,  dass  man  die  armen,  die  ver- 
wundet waren,  ruhig  auf  dem  schlachtfelde  habe  liegen  lassen. 

S.  303]  Anm.  1 :  Vgl.  noch  Des  teufeis  netz  7279  fgg. 

S.  305]  Über  die  ausplünderung  von  leichen  vgL  die  ausführung  der  band- 
Schriften  BC  in  Des  Teufels  Netz  nach  7289. 

8.  306]  Zu  dem  gebrauch,  im  notfalle  erde  oder  gras  statt  der  hostie  in  den 
mund  zu  nehmen,  war  wol  auf  Wackemagels  erörterungen  Ztschr.  f.  d.  a.  6,  288  fg. 
und  auf  ßöckel,  Volkslieder  aus  Oberhessen  s.  XCVHI  anm.  1  zu  verweisen. 

8.  307]  Die  gefallenen  mannen  des  Ermrich  werden  den  vögeln  überlassen 
(Dietr.  Fl.  9891  fg.).  Später  (10050  fgg.)  aber  wird  erzählt,  dass  Dietrich  die  edel- 
sten habe  aufheben  und  bestatten  lassen,  ja  sie  beklagt  habe,  obwol  sie  seine  feinde 
gewesen  seien.  Der  dichter  fasst  sein  urteil  über  dieses  tun  so  zusammen:  er  hegie  ein 
tugent  an  der  stat  Daz  vil  selten  dehein  künec  ie  Solhe  tugefide  hegie  Hie  beror 
bi  shieti  tagen  (Dietr.  Fl.  10046).  Ähnliches  wird  Alph.  462  fgg.  berichtet:  Do  sprach 
der  vogt  von  Beme:  E;^  sol  erhübet  wesen,  Da;;  fnan  vüere  xe  lafide,  Die  mugent 
noch  genesen.  Die  töten  al  gelfehe  sol  man  hie  begraben:  Vtende  und  vriunde 
sulen  des  urloup  haben, 

S.  323]  Anm.  7  füge  hinzu:  (XJCXLin,  CCCL. 

8.  333]  Anm.  8:  Nu  pegund  vaste  schreien  Der  oben  in  der  keiben  (Fez: 
Scheiben)  sa^  Ottok.  v.  St  cap.  40. 

S.  337]  Weisse  und  schwarze  segel  erwähnt  Heinr   v.  Freibergs  Trist  6345  fgg. 

S.  367]  Anm.  6:  Rüdeger  der  gap  duo  Eines  lörboumes  xwX  Einem  garxün, 
der  stuont  da  bi  Und  horte  gar  diu  nuere  Wa^  in  enboten  wd^re  Bit  9932.  — 
Anm.  10:  ^Neind,  icerder  gräve,  du  solt  min  böte  sin"^.  Einen  valken  saxte  im 
üf  die  hont  die  edel  kaiserin  Wolfd.  D.  VlII,  203,  1.  Er  wolle  in  mit  gewalte 
ü^  dem  satel  geworfen  hän,  Do  er  im  kam  so  nähe,  des  vogels  wart  er  gewar: 
Den  sper  warf  er  wnbe,  der  edele  für  sie  klär  ebd.  205,  2.  —  Auf  andere  weise 
deutet  Wälwein  dem  Lanzelet  an ,  dass  er  nicht  mit  ihm  kämpfen  will  (Lanz.  2381  fgg.). 

S.  368J  Anm.  4:  (Karl)  nam  xo  eme  ey^ien  rittere  Ihd  maehden  sieh  xwene 
myssagere  Ind  heyngen  eynen  schilt  umb  gekert  Vp  eren  ruck  vnuerueirt  Ind  geyn- 
gen  afie  landen  do  Der  stat  %o  Agune  xo.  Also  plagen  de  boden  xo  der  xyt  Ere 
botschafft  xo  done  ans  nyt  Karlm.  348,  40. 

S.  409]  Bei  der  von  Schultz  anm.  5  angeführten  stelle  aus  der  Krone  (11735 
fgg.)  ist  wol  das  ^don  enmohten^  am  anfange  nicht  zu  entbehren,  um  das  oitat  ver- 
ständlich zu  machen.  Übrigens  ist  liier  von  der  bezwingung  der  Ginover  die  rede, 
und  die  gleichsetz ung  des  iget  mit  dem  priapus  stüzt  Schultzens  auffiassung,  dass 
der  igel  dieselbe  maschine  sei,  wie  der  widdor;  vgl.  priapus  als  bezeichnung  des 
Widders  bei  Schultz  oben  anm.  4. 

S.  437]  Kam  ein  feindlicher  krieger  zu  nahe  an  die  mauer  der  belagerten  Stadt 
heran,  so  suchte  man  ihn  mit  krapen  (krapfen)  zu  fassen  und  herauf  zu  ziehen.  So 
wird  Orendel  gefangen  (Oreud.  2353  fgg.). 


ÜBIB  SCHULTZ,  HÖnSCflXS  LIBIN  113 

S.  450]  Über  die  plündenmg  seitens  der  Soldaten  vgl.  noch  Des  Teufels  Netz 
7290  fgg. 

S.  454]  Nach  einer  stelle  im  jüngeren  Titurel  (5873)  gibt  Schultz  schlechtweg 
an:  „Der  könig  schwur  bei  seinem  harte,  und  dieser  eid  galt  als  unverletzlich •*.  Das 
ist  in  dieser  algemeinheit  sicher  unrichtig,  vgl.  Von  Britanien  Fanisor,  Der  üf 
sime  koibte  swor  Zu  dinste  dem  von  Etigela/nt  Demant.  9921;  So  is  he  di  werde 
Ächilant,  Di  üf  sine  krönen  swor  Stnre  amieitf  do  he  vor  U^  stme  riche  in 
Engelantf  He  wolde  or  dtnest  tun  bekant  ebd.  9880;  Ich  swür  ufid  lotete  ome  do, 
Do  he  mir  elagete  sine  not,  Des  werdtn  Demanttnes  döt:  Den  stcür  ich  üf  die 
erönen  min.  Di  eit  mö^  gehalden  sin,  Da^  si  mir  Hb  adir  leit  ebd.  6064. 
Den  schwur  bei  dem  harte  tut  noch  der  kaiser  Cosdroas  {er  stouor  bi  sinem  barte 
Eracl.  5178)  und  Otto  mit  dem  barte  (swa^  er  bi  dem  barte  geswuor,  Da^  lie^  er 
alle^  war  Otte  6).  —  Das  richtige  in  Schultzens  anschauung  scheint  mir  in  folgen- 
dem zu  bestehen:  Man  schwöii;  im  algemeinen  bei  einem  höheren;  gott  schwört  bei 
sich  selbst.  Und  so  mag  es  auch  kommen,  dass  —  ein  abglanz  göttlicher  würde  — 
die  könige  bei  sich  selbst,  bei  einem  teil  ihrer  person  und  einem  attribut  ihrer  her- 
schaft schwören. 

S.  470]  Aus  anm.  7  geht  nicht  hervor,  dass  die  kirchenglocken  beim  begräbnis, 
sondern  nur  dass  sie  beim  todesfall,  wie  noch  heute  vielfach,  geläutet  wurden. 

HALLE  ▲.  8.,  AÜGÜST  1890.  JOHN  MKIKB. 


Die  Sprachwissenschaft,  ihre  aufgaben,  methoden  und  bisherigen 
ergebnisse  von  G.  t.  d.  Gabelentz.  Leipzig,  T,  0.  Weigel.  1891.  XX  und 
502  8.    gr.  8.     14  m. 

Dem  werke,  über  das  wir  hier  berichten,  wird  es  versagt  bleiben,  beurteiler 
zu  finden,  welche  mit  der  über  die  erde  reichenden  sprachkentnLs  des  Verfassers 
wetteifern  könten.  Aber  doch  darf  und  muss  auch  von  dem  an  solchem  massstabe 
bemessen  engen  Standpunkte  der  indogermanischen  linguistik  aus  der  versuch  gemacht 
werden,  den  vielseitigen  Inhalt  des  buches  zu  würdigen;  oder  sagen  wir  für  unser 
teil  lieber:  einige  bruchstücke  dieses  inhalts,  wie  sie  eben  den  interessen  des  bespre- 
chenden nahe  liegen.    Mögen  andere  von  andern  selten  her  das  ihrige  beitragen! 

Der  "Verfasser  erzählt  einmal,  wie  sein  vater  ihn  gewöhnt  habe,  kein  unnützes 
buch  zu  lesen:  in  derselben  zeit  könne  man  eine  neue  spräche  hinzulernen,  und  davon 
habe  man  mehr!^  In  dem  bilde  der  Sprachwissenschaft,  welches  v.  d.  Oabelontz  hier 
entwirft,  nimt  denn  auch  die  technik  des  lemens  und  übens  tiefer  stehender  spra- 
chen, von  denen  nur  etwa  ein  stück  bibelübersetzung  oder  dgl.  vorliegt,  breiten 
räum  ein.  Wie  man  seine  coUectaneen  anlegen  soll,  papier  nicht  sparen,  deutlich 
aber  klein  schreiben:  über  diese  und  ähnliche  dinge  wird  —  gelegentlich  nicht  ohne 
eine  gewisse  breite,  die  man  überhaupt  in  dem  buche  wahmimt  —  praktischer  rat 
erteilt.     Dann  wie  elementargrammatiken  und  wie   kurze   grammatische  Vorschulen 

1)  An  dies  wort  klingt  eine  stelle  des  bachs  an  (s.  184) ,  die  mir  zn  charakteristisch  scheint ,  am 
sie  zn  übergehen.  Der  Verfasser  wirft  die  frage  anf:  gesezt  es  gelänge,  die  Ursprache  der  Indogermanen 
in  aller  volkommenheit  herzustellen,  was  wäre  damit  gewonnen?  Die  erste  antwort  lautet  recht  beschei- 
den: ,,Man  hätte  zn  tausend  bekanten  sprachen  noch  eine  tausend  und  erste'*.  Dann  folgt  freilich  noch 
eine  zweite  and  dritte  antwort.  Aber  ich  bezweifle,  dass  unter  den  erforschem  indogermanischer  spra- 
chen ein  einziger  auf  jene  erste  verfallen  sein  würde. 

ZnrSOHBIFT  F.   DBUTSCHK  PHILOLOOIE.      BD.  XXV.  8 


118  WUNDERLICH 

Seine  ausgäbe  bietet  naturgemäss  eine  bereicheruDg  des  textes,  da  er  ja  die 
erst  Dach  Massmann  veröffentlichten  blätter  mit  einbeziehen  konte;  aber  auch  gegen 
Weinhold  bringt  er  für  Isidor  neues  material  bei  (blatt  XXXVI). 

Wichtiger  scheint  mir  die  entzifferung  einzelner  neuer  werte  an  anderen  stel- 
len und  vor  allem  die  feststellung  einzelner  woiifragmente,  wodurch  verschiedene 
conjekturen  teils  gestüzt  ^  teils  beseitigt  werden  *,  namentlich  da  in  dem  zeilengetreuen 
abdruck  auch  die  lücken  räumlich  präcisiert  sind*. 

Derartige  ergebnisse  greifen  oft  über  die  conjekuralkritik  hinaus  in  andere 
gebiete  über.  So  ist  es  z.  b.  für  die  syntax  von  interesse,  dass  in  XXXII,  11  die 
lesaii  ist  galesan  für  legitur  gegen  Weinholds  conjektur  uuirdit  galesan  graphisch 
gesichert  ist;  vgl.  auch  Daer  in  VI,  10  für  qtii  gegen  so  er  in  Müllenhoffs  Sprach- 
proben u.  a.  Ebenso  kann  es  für  syntax  und  formenlehre  wert  gewinnen,  dass  in 
XV,  28  die  lesai-t  habest  der  Sprachproben  nicht  gestüzt  ist,  dass  vielmehr  das  manu- 
script  habes  zeigt. 

Die  Selbständigkeit  des  herausgebers  zeigt  sich  aber  auch  in  änderungen,  zu 
denen  er  ohne  handschriftliche  grundlage  gelangt.  So  hat  z.  b.  in  XXVTII,  22 
seine  lesung  dodh  gegenüber  doch  bei  Massmann  und  joh  in  den  Denkmälern  alle 
Wahrscheinlichkeit  für  sich,  namentlich,  wenn  man  XXXIX,  12  zum  vergleich  her- 
anzieht, wo  auch  die  Denkmäler  (172,  2)  dodh  lesen.  Auch  in  ferne  XXVIII,  23 
und  Alle  XXIX,  2  dürfen  als  Verbesserung  gelten,  während  der  oonjunctiv  sii  in 
XVII,  8  gegenüber  dem  indicativ  bei  Braune  (Ahd.  lesebuch  s.  22  nr.  5  z.  6)  minde- 
stens hätte  begründet  werden  müssen. 

Auf  Massmann  ist  Hench  gegenüber  neueren  emendationen ,  wenn  ich  richtig 
beobachtet  habe,  nur  einmal  zurückgegangen:  XXVUI  z.  13  Loboen  truhtin  alle  liuti 
de  ottin  enti  so  selb  inan  loboen  alle  liuii  (Laudate  dominum  onmes  gentes  et  com- 
mendate  eum  omnes  populi).  Die  handschrift  zeigt  hinter  so  seih  ein  verblasstes  so, 
auf  welches  gestüzt  die  Denkmäler  so  selb  relativisch  aufgefasst  hatten  und  somit  an 
enti  nicht  festhalten  konten.  Hench  bemerkt,  dass  die  tinte  dieses  blattes  sich  in 
so  unvennindeii:er  frische  erhalten  hat,  dass  die  verblasste  färbe  von  so  der  rasur 
oder  ähnlichem  zuzuschreiben,  die  partikel  also  jedesfals  zu  eliminieren  sei.  Dann 
steht  auch  der  Massmannschen  lesung  nichts  mehr  im  woge. 

Verdienste  hat  sich  der  herausgeber  vor  allem  auch  um  den  lateinischen 
text  er^'orben,  in  erster  linie  beim  Matthäusevangelium  (vgl.  einl.  XIV — XX),  des- 
sen lateinische  vorläge  dem  codex  Amiatinus  zunächst  komt,  jedoch  mit  so  bedeu- 
tenden abweichungon,  dass  dem  syntaktiker  grosse  vorsieht  geboten  ist  in  allen  den 
fallen,  in  denen  uns  die  fi-agmente  nur  den  deutschen  text  erhalten  haben. 

Was  nun  den  abdruck  des  deutschon  textes  betrift,  so  bezeichnet  ihn  der 
herausgeber  selbst  als  einen  diplomatisch-kritischen  (einl.  XXV).  Diplomatisch 
ist  er  insofern ,  als  die  zeilen  und  die  Zwischenräume  zwischen  einzelnen  werten  \md 
wortteilen  festgehalten  wmden,  ebenso  wie  die  interpunktion ,  die  abkürzungen  und  das 
schwanken  zwischen  grossen  und  kleinen  buchstaben;  kritisch  insofern,  als  Schreib- 
fehler verbessert,  offenbai'e  lücken  ergänzt  und  conjekturen  eingefügt  wurden,  wo  sie 
auf  Wahrscheinlichkeit  ansprach  machen  konten  und  syntaktisch  erforderlich  waren. 
Compromisse  werden  niemals  alseitig  befriedigen,    namentlich  die  von  Hench  wider 

1)  Vgl.  XXV,  10  gegen  Braune,  Ahd.  losebnch  s.  23  nr.  8  z.  2.  Vgl.  vor  allem  X  mit  Branne  s.  20. 

2)  Vgl.  V,  l  gegen  Braune  s.  18  z.  21;  XXVIII,  15  (haret)  gegen  MSD.«  166  (4,  4). 

3)  Vgl.  z.  b.  XXVI,  17  gegen  MSD.»  165,  4. 


•  tJBEB  HENGH,   MONSSE-FRAOUKNTS  119 

eingeführte  zerreissung  der  Wörter  dürfte  neben  so  einschneidenden  eingriffen,  wie  sie 
der  kritiker  sich  erlaubt,  befremden.  Nach  dieser  seite  hätte  wol  eine  probe  genügt 
(wie  sie  das  facsimile  in  der  tat  bietet),  um  ein  bild  der  Schreibergewohnheiten  zu 
geben.  Der  Vorwurf  der  inconsequenz  wii*d  hier  schwer  zu  umgehen  sein;  wir 
begreifen  nicht,  warum  der  herausgeber,  der  Schreibfehler  zu  verbessern  verspricht 
und  in  YII,  24  das  eine  xa  imo  ausstreicht,  daneben  das  halb  angefangene  h  nach 
quad  wider  einführt;  wir  wundem  uns  auch  über  die  rückkehr  zu  kebem  statt  kebom 
in  XVII,  8.  Auch  gautieridont  in  XXIX,  5,  die  auslassung  von  so  in  XXXV,  23, 
von  axantuuurtin  in  XXXIX,  28  und  die  lücke  in  XXXIII,  5.  6  muss  befremden. 
Bei  utMmissu  in  XXIX,  16  hätten  wir  wenigstens  auseinandersetzung  mit  MSD., 
die  tmaamissu  lesen  (s.  167,  z.  11),  erwai*tet. 

Einfache  druckfehler  sind  wol  meistar  in  XXIX,  1  und  die  zahl  „9**  in  den 
anmerkungen  (s.  84)  zu  gauueridon  XXIX,  5. 

Wie  schon  im  titel  angedeutet,  gibt  unser  herausgeber  auch  anmerkungen, 
grammatik  und  glossar,  sowie  eine  einleitung. 

Am  wenigsten  gelungen  ist  die  einleitung.  Wie  es  dem  herausgeber  schon 
nicht  glückte,  in  dem  ersten  abschnitte  „History  of  the  manuscript  and  editions*^ 
seine  eigene  leistung  gegen  rückwärts  abzugrenzen,  so  hat  er  es  auch  nicht  verstan- 
den, durch  die  „description  of  the  manuscript*^  ein  anschauliches  bild  von  dem  codex 
zu  geben.  Vor  allem  führt  uns  die  schwankende  terminologie  in-e.  Auf  seite  IX 
werden  die  blätter  des  codex  bald  „pages**  bald  „leaves*  bald  „folios**  genant,  was 
um  so  mehr  verwirt,  als  am  einzelnen  blatte  die  vorder-  und  die  rückseite  textlich 
eine  getrente  rolle  spielen  imd  als  die  gleichen  zahlen  bald  auf  das  einzelne  blatt, 
bald  auf  quatemionen  bezug  nehmen.  Ausserdem  wird  bald  nach  dem  jetzigen 
bestand,  bald  nach  dem  früheren  gerechnet;  das  ist  um  so  störender,  weil  wii* 
nicht  etwa  auf  seite  IX,  sondern  erst  später  aus  dem  texte  ersehen  können,  dass 
beide  bestände  sich  nicht  decken.  Vielmehr  lag  blatt  I  (bei  Hench)  fi-üher  etwa  in  der 
mitte  des  vierten  quatemio;  blatt  IV  und  X  konton  deshalb  die  äusseren  blätter  eines 
quatemio  bilden,  weil  zwischen  IX  und  X  (bei  Hench)  ein  blatt  (x)  fehlt. 

Die  anmerkungen  enthalten  nur  textkritischen  apparat;  da  der  abschnitt 
„Grammatical  treatise"  nur  laut-  und  formenlehre  behandelt,  so  wäre  die  syntax 
bei  solch  einer  fundgrube  für  syntaktische  boobachtungen,  wie  es  die  fragmente 
sind,  ganz  leer  ausgegangen',  wenn  sie  nicht  im  glossar  wenigstens  gestreift  würde. 
Blieb  80  die  syntax  unberücksichtigt,  sind  ebenso  für  die  „notes**  die  anregungen, 
die  in  den  anmerkungen  zu  Müllenhoffs  und  Scherera  Denkmälern  so  reichlich  aus- 
gestreut sind,  unwirksam  geblieben,  so  ist  anderei*seits  die  laut-  und  formenlehre 
zu  breit  geraten.  Sie  greift  über  den  kreis  der  Monsoer  fragmente  hinaus  durch 
mitteilungen,  die  weder  neu  sind  noch  dazu  sich  eignen,  die  oigenart  der  fragmente 
zu  beleuchten.  Was  sollen  phonetische  mitteilungen,  wie  die  auf  s.  102  und  s.  113, 
wenn  sie  ausser  allem  bezug  stehen  zur  graphischen  widergabe? 

Dankenswert  dagegen  ist  die  breite  nach  ihrer  statistischen  seite  hin.  Das 
ganze  material,  das  hier  zusammengetragen  ist,  in  ei-ster  linie  auch  die  doppelvokale 
als  längebezeichnungen  und  die  graphischen  Schwankungen  der  lateinischen  werte 
bieten  solide  Stützpunkte  für  andere  forscher.  Die  „conclusion'',  die  Hench  seinem 
grammatikalischen  abriss  anhängt,    wird  teilweise   durch  seinen  späteren  fund    (vgl. 

1)  Die  einzige  syntaktische  bemerkang  in  s.  110  ,,^na  does  not  occnr  .  .  in  its  fonction  as  pre- 


120  KOEFPEL,  ÜBER  HERZFELD,   RÄTSSL  DES  EXXTEBBÜOHS 

s.  XXIV  und  XXV)  erschüttert,  wonach  der  eine  Schreiber,  der  die  gesamten  frag- 
mente  geschrieben  hat,  verschiedene  vorlagen  hatte,  bei  deren  einer  er  die  reihen- 
folge  änderte,  um  das  Matthäusevangelium  an  die  spitze  zu  stellen.  Nicht  nur  die 
bald  grössere  bald  geringere  Sorgfalt  des  abschreibers,  sondern  auch  die  Verschieden- 
heit der  originale  hat  also  die  graphischen  Schwankungen  bedingt,  die  zwischen  Baiem 
und  Rheinfranken  lavieren. 

Die  beziehungen  unserer  fragmente  zum  Isidorübersetzer  eingehender  zu 
untersuchen,  hat  sich  Hench  vorbehalten,  und  wir  dürfen  erwarten,  dass  sich  die 
gründlichkeit  und  der  hingebende  eifer,  mit  denen  der  herausgeber  bis  jezt  die  for- 
melle grammatik  und  die  textkiitik  behandelt  hat,  nun  auch  der  syntax  und  der  Sti- 
listik zu  gute  kommen  mögen. 

HEIDELBERO,   JANUAR   1892.  H.   WUNDERLICH. 


Die  rätsei  des  Exeterbuches  und  ihr  Verfasser  von  Oeorgr  Herzfeld.    Ber- 
lin, Mayer  &  Müller.  1890.    72  ss.    2  m. 

Mit  gewissenhafter  berücksichtigung  der  einschlägigen  litteratur  nimt  Herzfeld 
nochmals  die  frage  auf,  ob  die  rätsei  des  Exeterbuches  von  Cynewulf  verfasst  seien. 
Nach  bekantem  Schema  vergleicht  er  in  gründlicher  weise  die  rätsei  mit  den  anderen 
werken  Cynewulfs  und  es  ergibt  sich  ihm  als  das  A  und  0  seiner  Untersuchungen 
die  Überzeugung,  dass  die  rätsei  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit  Cynewulf  zuzuschrei- 
ben sind.  Mit  einer  ausnähme:  das  vielumstrittene  erste  rätsei  trent  er  von  der 
rätsei -samlung,  indem  er  es  nicht  als  rätsei,  sondern  mit  Bradley  als  einen  drama- 
tischen monolog  auffasst,  den  er  Cynewulf  abzusprechen  geneigt  ist  (s.  64  fgg.).  In 
einem  nach  trag  (s.  71  fg.)  nimt  er  noch  Stellung  zu  der  von  Sievers  neuerdings  (Angüa 
XIU,  1  fgg.)  geäusserten  ansieht,  dass  die  rätsel  vor  Cynewulfs  zeit  entstanden  seien. 
Er  ist  von  der  Stichhaltigkeit  der  gründe,  welche  Sievers  entwickelt  hat,  nicht 
überzeugt. 

Herzfelds  Untersuchung  ist  mit  grossem  fleisse  durchgeführt.  Oleichwol  habe 
ich  nach  dem  Studium  derselben  das  gefühl,  dass  wir  durch  sie  der  erkentnis  der 
Wahrheit  nicht  näher  gekommen  sind.  Ich  halte  diese  ganze,  hauptsächlich  auf 
Übereinstimmungen  im  wertschätze  und  in  stilistischen  und  metrischen  gepflogenhei- 
ten  begründete  forschungsmethode  für  verfehlt,  in  erwägung  des  formelhaften  wesens 
der  altenglischen  poesie.  Um  auf  diesem  gebiete  zu  einigerraassen  sicheren,  die 
Chronologie  der  dichtungen  aufhellenden  ergebnissen  zu  gelangen,  müssen  wir  gewiss 
auf  dem  von  Sievers  betretenen  wege  rein  sprachlicher  kritik  weitergehen.  Ich 
gestehe,  dass  Sievers'  argumente  gegen  die  annähme,  dass  Cynewulf  die  rfitsel 
gedichtet  habe,  für  mich  mehr  überzeugendes  haben,  als  alle  die  fein  ausgearbeiteten 
Zusammenstellungen  Herzfelds,  die  zu  gunsten  der  autorschaft  sprechen  sollen. 

Dass  Herzfelds  ausfühiiingen  im  einzelnen  viel  gutes  bringen,  möchte  ich  zum 
schluss  nochmals  betonen.  Besondere  bcachtung  scheint  mir  die  von  ihm  neu  gebo- 
tene lösung  des  51.  rätseis  (s.  69)  zu  verdienen. 

MÜNCHEN,   MÄRZ  1891.  B.   KOIPFEL. 


F.   TOGT,   ÜBER  BUCLSCHOWSEY ,   DORFFOESDE  121 

Geschichte  der  deutschen  dorfpoesie  im  13.  Jahrhundert.  I.  Leben  und 
dichten  Neidharts  von  Reuenthal.  Untersuchungen  von  Albert  Biel- 
sehowsky.  (Sonderabdruck  aus  Acta  Germanica  11,  2).  Berlin,  Mayer  und  Mül- 
ler.  1891.    Vm  und  294  s.    9,50  m. 

Hans  Heselohers  lieder.  Ton  dr.  Angrnst  Hartmann.  Erlangen,  Fr.  Junge. 
1890.  (Separatabdruck  aus  der  festschrift  für  Kourad  Hofmann.  Romanische  for- 
schungen  V,  2).    70  s.    gr.  8. 

Zwei  verdienstliche  beitrage  zur  frühesten  und  spätesten  geschichte  der  „höfi- 
schen dorfpoesie*.  Diese  bekantlich  durch  Lachmann  eingeführte  benenn ung  der  dui'ch 
Neidhart  begründeten  dichtungsgattung  möchte  Bielschowsky  allerdings  am  liebsten 
aus  unserer  litteraturgeschichte  verbannen,  weil  nach  seiner  meinung  nur  der  klei- 
nere teil  von  Neidharts  liedem  für  die  hofgeselschaft,  der  grössere  für  das  doifpubli- 
kum  bestirnt  war  (s.  250  fg.);  Lach  mann  habe  jenen  namen  mit  besonderer  rück- 
sicht  auf  eine  Strophe  gewählt,  welche  Haupt  mit  recht  für  unecht  erklärte.  Aber 
erstens  bedarf  die  litteraturgeschichte  einer  bestimten  bezeichnung  für  die  ganze 
gattung,  für  die  „unechten",  von  nachahraern  Neidharts  herrührenden  Strophen  und 
Heder  so  gut  wie  für  die  von  ihm  selbst  verfassten;  zweitens  tragen  doch  auch 
die  nach  Bielschowskys  ansieht  für  die  bauern  bestimten  gedichte  Neidharts  keines- 
wegs einen  rein  dörflichen  Charakter,  sondern  sie  verraten  deutlich  genug  den  ritter- 
lichen stand  des  Verfassers,  auch  seine  Vertrautheit  mit  der  technik  höfischer  kunst. 
Die  mischung  dieser  verschiedenen  demente,  die  in  der  einen  oder  anderen  weise 
schliesslich  überall  in  diesen  gedichten  hervortritt,  lässt  entschieden  die  beibehaltung 
der  einmal  eingebürgerten  Lachmannschen  benennung  zweckmässig  erscheinen. 

Des  Verfassers  Stellung  in  dieser  frage  hängt  nun  schon  mit  einer  sehr  wich- 
tigen Seite  seiner  schrift  zusammen.  £s  ist  ihm  ganz  besonders  darum  zu  tun,  den 
volkstümlichen  Ursprung  und  die  volkstümlichen  bestandteile  der  Neidhartschen  dich- 
tong  aufzuweisen.  So  werden  denn  im  1.  abschnitt  (Ursprung  der  dorfpoesie) 
Neidharts  reien  aus  der  frühlingsfeier,  insbesondere  aus  den  dabei  gesungenen,  mit 
tanz  verbundenen  liedem  der  mädchen  abgeleitet,  im  dritten  (inhalt  der  som- 
merlieder)  die  charakteristischen  eigenhciten  ihres  inhaltes  damit  in  Zusammenhang 
gebracht  Im  vierten  kapitel  tritt  uns  aus  der  behandlung  der  form  der  sommer- 
lieder  insbesondere  die  volksmässige  einfachheit  ihrer  syntax,  die  Schlichtheit  und 
Sparsamkeit  ihrer  poetischen  mittel  im  gegensatz  zu  den  höfischen  lyrikem  vor  äugen. 
Im  6.  werden  als  das  publikum  der  sommerlieder  die  bauern  bezeichnet,  zu 
deren  frühlingstänzen  die  reien  gedichtet  und  gesungen  wurden;  nur  ganz  ausnahme- 
weise fasste  Neidhart  bei  ihnen  eine  höfische  Zuhörerschaft  ins  äuge.  Für  die 
bostimmung  der  reihenfolge  der  sommerlieder  (kap.  7)  gilt  der  grundsatz:  je 
volkstümlicher  um  so  älter,  je  höfischer  um  so  jünger;  und  ihre  metrik  (kap.  13) 
zeigt  in  der  Unteilbarkeit  oder  zweiteiligkeit  der  Strophen,  in  der  grösseren  einfach- 
heit der  reime  und  in  dem  einflusse  des  vierhebungstypus ,  dass  sie  auf  volkstüm- 
licher tradition  ruht;  die  „  Otfridstrophe '^  ist  schliesslich  die  gemeinsame  grundlage 
ihrer  verschiedenen  formen. 

Dem  gegenüber  verraten  nun  die  winterlieder  viel  nähere  berührung  mit 
der  höfischen  poesie,  aber  daneben  ist  doch  auch  in  ihnen  der  Zusammenhang  mit 
dem  Volksleben  und  der  Volksdichtung  nicht  zu  verkennen.  Bei  Zusammenkünften 
der  minner  im  winter  soll  es  sitte  gewesen  sein,  einerseits  eine  poetische  beschwö- 
nmg  oder  Verwünschung  des  winters,   andrerseits  aber  auch   spotlieder   zu  singen; 


122  F.    VOGT 

später  kamen  beide  geschlecbter  zu  gemeinsamer  Unterhaltung  zusammen,  auch  zum 
tanze,  der  aber  hier  nicht  die  rolle  spielte  wie  beim  frühlingsfest  und,  eben  weil  er 
späteren  urspninges  war,  sich  in  höfischen  formen  bewegte.  Alle  diese  umstände 
haben  ihre  spuren  in  Neidharts  -svinterliedem  hinterlassen,  die,  in  der  höfischen  drei- 
teiligen Strophe  gebaut,  teilweise,  aber  keineswegs  durchweg,  für  den  tanz  bestirnt 
sind,  die  winterklage  und  die  Verspottung  von  männem  enthalten,  die  fi'auen  dage- 
gen ganz  in  den  hintergrund  treten  lassen  (s.  23  fgg.)-  Dies  Verhältnis  höfischer  und 
volkstümlicher  bestandteile  und  beziehungen  wird  nun,  unter  besonderer  betonung 
des  Unterschiedes  von  den  reien,  nach  allen  Seiten  hin  an  den  winterliedem  in  einer 
der  erörterung  über  die  sommerlieder  genau  entsprechenden  kapitelroihe  dargestolt, 
und  in  einem  besonderen  abschnitte  wird  noch  der  nachwcis  hinzugefügt,  dass  nicht 
der  mindeste  anlass  zu  der  mehrfach  vorgebrachten  annalime  vorliegt,  Neidharts 
dichtungen,  insbesondere  die  winterlieder,  seien  durch  die  altfranzösischo  pastourel- 
lenpoesie  beeinflusst. 

Der  inhalt  der  reichhaltigen  schrift  ist  damit  noch  nicht  erschöpft.  In  den 
angedeuteten  kapiteln  komt  natürlich  ausser  dem  punkte,  den  ich  als  besonders  cha- 
rakteristisch hervorhob,  noch  mancherlei  anderes  zur  spräche;  zwei  parallelkapitel 
über  den  bau  der  reien  und  der  winterlieder  (V  und  X)  behandeln  die  einzelnen 
teile  der  dichtungen  und  ihre  innere  Verknüpfung,  sowie  die  frage  nach  ihrer  vol- 
ständigkeit  und  nach  der  Zusammengehörigkeit  der  einzelnen  Strophen  eines  tones; 
ein  anderes  kapitel  (II)  ist  dem  leben  Neidhaiis  gewidmet.  Alles  das  ist  woldurch- 
dacht,  und  es  wird  auf  grund  eingehender  piüfung  des  dem  Verfasser  zu  geböte  ste- 
henden materials  und  der  arbeiten  anderer  in  ansprechender  form,  ohne  die  beliebte 
tuerei  und  efFekthascherei  dargestelt.  Manches  hätte  sich  fi*eilich  bei  etwas  weniger 
schematischer  anläge  des  ganzen  knapper  zusammenfassen  lassen;  noch  häufiger  hätte 
eine  grössere  kürze  erzielt  werden  können,  wenn  der  Verfasser  zu  gunsten  beweisen- 
der und  beweisbarer  dinge  nichts  beweisende  und  nicht  beweisbare  überall  bei  seite 
gelassen  hätte. 

Eine  sti'engere  Sichtung  wäre  meines  erachtens  schon  bei  den  im  1.  abschnitte 
beigebrachten  alten  Zeugnissen  zur  frühlingsfeier  zu  wünschen  gewesen;  auf  tanze 
und  gesänge  zur  frühlingszeit  geht  schliesslich  nur  das  capitulare  bei  Benedictus 
Lovita  und  die  nachricht  der  chronik  von  St.  Ti'ond  (s.  4.  5);  und  auch  sie  beziehen 
sich  nicht  auf  den  mai,  in  den  nach  s.  15  „das  hauptfiühlingsfest  fält*'  und  „an  den 
der  deutsche  natureingang  überall  anknüpft". 

Ganz  ohne  grundlage  scheint  mir  die  annähme,  dass  bei  den  alten  fmhlings- 
gesängen  zwischen  dem  morgenhymnus  und  dem  nachmittags -tanzliede  zu  scheiden 
sei,  und  der  versuch,  gar  noch  den  alten  hymnentypus  aus  Neidharts  natureingängen 
herzustellen  (s.  14  fg.).  Das  gleiche  gilt  für  das  „alte  winterbeschwörungsliod "  s.  24, 
als  dessen  anfang  übrigens  nicht  ein  nu'gend  belegtes  owe  dir  sumencunne  hätte 
reconstruiert  werden  sollen;  Neidhaii:  gebraucht  in  diesen  eingängen  niemals  das  dir, 
und  MF  37,  18  ist  bekantlich  nicht,  wie  Lachmann  liest,  so  we,  sondern  so  wol  dir 
su7nencun7ie  überliefert,  was  hier  der  scheidenden  sommeiwonne  als  ein  freundlicher 
abschiedsgruss  nachgerufen  wird,  den  Reinmar  MF  182,  4  der  entschwundenen  freade 
nachsendet. 

Hat  der  Verfasser  vorhin  schon  mancherlei  Zeugnisse  ohne  genügenden  grund 
auf  das  rituelle  frühliugslied  bezogen,  so  stelt  er  dasselbe  weiterhin  entschieden  zu 
einseitig  als  das  Volkslied  x«r'  i^oxriv  hin,  wenn  er  lediglich  von  ihm  die  anwendung 
des  natureinganges  bei  den  minnesängem  herleitet,  im  fortbleiben  oder  in  der  nmge- 


ÜBER  BIBLSOHOWSKT,  DORFPOESIB  123 

staltung  des  natureingaDges  aber  überall  eine  geflissentliche  abkehr  vom  volkstiim- 
lichen  sieht  Dass  beim  Kürnberger  eine  solche  nicht  vorliegt,  zeigt  doch  wol  sein 
poetischer  stil  und  sein  metrum  zur  genüge;  welch  eine  kluft  liegt  nicht  zwischen 
seinen  liedem  und  denen  eines  Hausen,  Morungen,  Roinmar!  Und  doch  soll  sich  bei 
ihm  die  „tiefe  Verachtung,  mit  der  die  gute  geselschaft  des  12.  Jahrhunderts  auf  das 
Volkslied  herabsah*^,  ebensowol  zeigen  wie  bei  diesen,  nur  weil  in  seinen  15  Strophen 
kein  beispiel  für  den  natureingang  vorkomt.  Die  verwendimg  desselben  im  minue- 
liede  hängt  aufs  engste  zusammen  mit  der  von  jedem  unverknöcherten  menschenher- 
zen  empfundenen  beziehung  zwischen  der  eigenen  Stimmung  und  dem  leben  der 
natur:  freudiges  hoffen  bei  seinem  erwachen,  wehmut  bei  seinem  absterben.  Beim 
liebenden  betrift  das  natürlich  das  eine,  alles  beherschende  gefühl;  und  so  ergibt  sich 
von  selbst  im  minnesang  die  parallele  zwischen  dem  jahrzeitbilde  und  dem  liebes- 
ieben. Die  Voranstellung  des  erstei'en  entspricht  dem  auch  sonst  in  der  lyrik 
wie  in  der  Spruchdichtung  bemerklichen  streben,  vom  objektiven  zum  subjektiven, 
vom  algemeingültigen  zum  besonderen  falle  zu  schreiten;  sie  ist  demgemäss  häufig, 
aber  sie  ist  nicht  notwendig.  Dabei  wird  nun  die  parallele  zwischen  dem  herbstbilde 
und  dem  liebeskummer  mindestens  ebenso  früh  und  ebenso  oft  angewendet  wie  die 
zwischen  dem  frühlingsbilde  und  der  liebeshofnung  und  liebeslust;  die  eine  gattung 
zeigt  keinen  volkstümlicheren  Charakter  als  die  andere;  und  doch  würde  nur  die 
zweite  parallele  sich  nach  den  ausführungen  des  Verfassers  erklären  lassen  und  mit 
seiner  ansieht,  dass  die  liebeslyrik  „allein  im  frühhngsliede  die  Schwingungen  des 
herzens  ertönen  liess*^,  im  einklang  stehen.  —  Entsprechen  die  herzenserfahrungen 
nicht  den  Stimmungen,  die  mit  der  Jahreszeit  im  einklange  stehen  würden,  so  wird 
das  als  eine  abnormität  empfunden,  und  es  tritt  in  dem  kontrast  zwischen  naturbild 
und  liebesieben  in  die  dichterische  erscheinung:  trotz  dem  frühling  liebesleid,  trotz 
dem  winter  liebeslust.  Und  ganz  von  selbst  schliesst  sich  an  diese  vorstellungsreihe 
weiteriiin  der  gedanke:  keine  fiühlingswonne  ohne  liebesglück,  bei  liebesglück  kein 
winterleid.  Ich  halte  das  nur  fär  ganz  naturgemässe  Variationen  jener  parallele  zwi- 
schen natur-  und  Seelenleben,  nicht  für  eine  tendenziöse  höfische  Umänderung  der 
allein  volkstümlichen  einen  form.  Gibt  es  wol  ein  minnolied,  von  dem  man  behaup- 
ten Icönte,  dass  es  dem  volksliede  näher  verwant  sei  als  das  rührend  schlichte  mich 
danket  niht  sö  guotes  MF  3,  17?  und  doch  müsten  wir  es  nach  Bielschowskys 
ansieht  zu  depjenigen  gedichten  rechnen,  deren  Verfasser,  um  sich  nicht  „in  den 
AUgen  der  höfischen  geselschaft  zu  kompromittieren,  an  der  form  und  tendenz  des 
natureinganges  so  lange  herumändorten,  bis  es  kaum  noch  als  kind  des  volkliedes  zu 
erkennen  war**.  Natürlich  haben  die  höfischen  lyriker,  die  in  den  verschiedensten 
richtoDgen  nach  einer  bereicherung  der  poetischen  mittel  strebten,  die  längst  übliche 
oaturparallele  nicht  immer  wider  vorbiingen  können;  und  wenn  dieser  und  jener 
unter  ihnen,  von  dem  genug  überliefert  ist,  um  ein  volständiges  bild  von  seiner 
knnst  zu  geben,  bei  auch  sonst  erken barem  streben  nach  gewählter  darstellung  den 
natureingang  ganz  vermeidet,  so  darf  man  da  gewiss  eine  absieht  vermuten,  die  bei 
der  beurteilung  seiner  Stellung  zu  den  volkstümlichen  traditionon  mit  ins  gewicht 
Uli,  Allein  für  sich  beweist  aber  die  Verwendung  oder  nichtverwendung  des  natur- 
einganges, seine  Verwertung  als  parallele  oder  als  kontrast  noch  nichts,  und  in  dem 
umfange  und  in  den  formen,  in  welchen  Neidhart  ihn  gebraucht,  gehört  er  eben  zur 
tanzpoesie,  die  bei  den  älteren  lyrikern  nicht  vertreten  ist. 

Aus  dem  abschnitte  über  Neidharts  leben  hebe  ich  besonders  den  wolgelun- 
genen  wahisoheinliohkeitsbeweis  dafür  hervor,  dass  das  lied  101,  20  im  herbst  1241 


122  F.   VOGT 

später  kameD  beide  geschlechter  zu  gemeinsanier  Unterhaltung  zusammen,  auch  zum 
tanze,  der  aber  hier  nicht  die  rolle  spielte  wie  beim  frühlingsfest  und,  eben  weil  er 
späteren  Ursprunges  war,  sich  in  hofischen  formen  bewegte.  Alle  diese  umstände 
haben  ihre  spuren  in  Neidharts  ^vinterliedem  hinterlassen,  die,  in  der  höfischen  drei- 
teiligen Strophe  gebaut,  teilweise,  aber  keineswegs  durchweg,  für  den  tanz  bestirnt 
sind,  die  winterklage  und  die  Verspottung  von  männem  enthalten,  die  fi'auen  dage- 
gen ganz  in  den  hintergrund  treten  lassen  (s.  23  fgg.)«  Dios  Verhältnis  höfischer  und 
volkstümlicher  bestandteile  und  beziehungen  wird  nun,  unter  besonderer  betonung 
des  Unterschiedes  von  den  reien,  nach  allen  Seiten  hin  an  den  winterliedern  in  einer 
der  erörterung  über  die  sommerlieder  genau  entsprechenden  kapitelreihe  dargestolt, 
und  in  einem  besonderen  abschnitte  wird  noch  der  nachweis  hinzugefügt,  dass  nicht 
der  mindeste  anlass  zu  der  mehrfach  vorgebrachten  annähme  vorliegt,  Neidharts 
dichtungen,  insbesondere  die  winterlieder,  seien  durch  die  altfranzösische  pastourel- 
lenpoesie  beeinflusst. 

Der  inhalt  der  reichhaltigen  schrift  ist  damit  noch  nicht  erschöpft.  In  den 
angedeuteten  kapiteln  komt  natürlich  ausser  dem  punkte,  den  ich  als  besonders  cha- 
i-akteristisch  hervorhob,  noch  mancherlei  anderes  zur  spräche;  zwei  parallelkapitel 
über  den  bau  der  reien  und  der  winterlieder  (Y  und  X)  behandeln  die  einzelnen 
teile  der  dichtungen  und  ihre  innere  Verknüpfung,  sowie  die  frage  nach  ihrer  vol- 
ständigkeit  und  nach  der  Zusammengehörigkeit  der  einzelnen  Strophen  eines  tones; 
ein  anderes  kapitel  (II)  ist  dem  leben  Neidhai*ts  gewidmet.  Alles  das  ist  woldurch- 
dacht,  und  es  wird  auf  grund  eingehender  pmfung  des  dem  Verfasser  zu  geböte  ste- 
henden materials  und  der  arbeiten  anderer  in  ansprechender  form,  ohne  die  beliebte 
tuorei  und  effekthascherei  dargestelt.  Manches  hätte  sich  freilich  bei  etwas  weniger 
schematischer  anläge  des  ganzen  knapper  zusammenfassen  lassen;  noch  häufiger  hätte 
eine  gi'össoro  kürze  erzielt  wei'den  können,  wenn  der  Verfasser  zu  gunsten  beweisen- 
der und  beweisbarer  dinge  nichts  beweisende  und  nicht  beweisbare  überall  bei  seite 
gelassen  hätte. 

Eine  sti'engere  Sichtung  wäre  meines  erachtens  schon  bei  den  im  1.  abschnitte 
beigebrachton  alten  Zeugnissen  zur  frühlingsfoier  zu  wünschen  gewesen;  auf  tanze 
und  gesänge  zur  frühlingszeit  geht  schliesslich  nur  das  capitulare  bei  Benedictos 
Levita  und  die  nachricht  der  chionik  von  St.  Ti'ond  (s.  4.  5);  und  auch  sie  beziehen 
sich  nicht  auf  den  mai,  in  den  nach  s.  15  „das  hauptfrühlingsfest  fält*  und  „an  den 
der  deutsche  natureingang  überall  anknüpft". 

Ganz  ohne  grundlage  scheint  mir  die  annähme,  dass  bei  den  alten  frühliogs- 
gesängen  zwischen  dem  morgenhymnus  und  dem  nachmittags -tanzliede  zu  scheiden 
sei ,  und  der  versuch ,  gar  noch  den  alten  hymnentypus  aus  Neidharts  natureingängen 
herzustellen  (s.  14fg.).  Das  gleiche  gilt  für  das  „alte  winterbeschwörungslied "  s.  24, 
als  dessen  anfang  übrigens  nicht  ein  nirgend  belegtes  owe  dir  sumertüunne  hätte 
reconstruiert  werden  sollen;  Neidhaii;  gebraucht  in  diesen  eingängen  niemals  das  rftV, 
und  MF  37,  18  ist  bokantlich  nicht,  wie  Lachmann  liest,  so  we,  sondern  so  wol  dir 
surnerwunn^  überliefert,  was  hier  der  scheidenden  sommeiwonne  als  ein  freundlicher 
abschiedsgruss  nachgerufen  wird,  den  Reinmar  MF  182,  4  der  entschwundenen  freade 
nachsendet. 

Hat  der  Verfasser  vorhin  schon  mancherlei  Zeugnisse  ohne  genügenden  grund 
auf  das  rituelle  fi-ühlingslied  bezogen,  so  stolt  er  dasselbe  weiterhin  entschieden  zu 
einseitig  als  das  Volkslied  xia  i^oxn^  hin,  wenn  er  lediglich  von  ihm  die  anwendnng 
des  natureinganges  bei  den  minnesängem  herleitet,  im  fortbleiben  oder  in  der  umge- 


ÜBER  BI1L80H0WSKT,   DORFPOBSIB  123 

staltung  des  natureingaDges  aber  überall  eine  geflissentliche  abkehr  vom  volkstüm- 
lichen sieht  Dass  beim  Kümberger  eine  solche  nicht  vorliegt,  zeigt  doch  wol  sein 
poetischer  stil  und  sein  metrum  zur  genüge;  welch  eine  kluft  liegt  nicht  zwischen 
seinen  liedem  und  denen  eines  Hausen,  Morungen,  Roinmai!  Und  doch  soll  sich  bei 
ihm  die  „tiefe  Verachtung,  mit  der  die  gute  geselschaft  des  12.  Jahrhunderts  auf  das 
Volkslied  herabsah*^,  ebensowol  zeigen  wie  bei  diesen,  nur  weil  in  seinen  15  Strophen 
kein  beispiel  für  den  natureingang  vorkomt.  Die  verwendimg  desselben  im  minne- 
liede  hängt  aufs  engste  zusammen  mit  der  von  jedem  unverknöcherten  menschenher- 
zen  empfundenen  beziehung  zwischen  der  eigenen  Stimmung  und  dem  leben  der 
natur:  fi*eudiges  hoffen  bei  seinem  erwachen,  wehmut  bei  seinem  absterben.  Beim 
Hebenden  betrift  das  natürlich  das  eine,  alles  beherschendo  gefühl;  und  so  ergibt  sich 
von  selbst  im  minnesang  die  parallele  zwischen  dem  jahrzeitbilde  und  dem  liebes- 
ieben. Die  Voranstellung  des  ersteren  entspricht  dem  auch  sonst  in  der  lyrik 
wie  in  der  Spruchdichtung  bemerklichen  streben,  vom  objektiven  zum  subjektiven, 
vom  algemeingültigen  zum  besonderen  falle  zu  schreiten;  sie  ist  demgemäss  häufig, 
aber  sie  ist  nicht  notwendig.  Dabei  wird  nun  die  parallele  zwischen  dem  herbstbilde 
und  dem  liebeskummer  mindestens  ebenso  früh  und  ebenso  oft  angewendet  wie  die 
zwischen  dem  früblingsbilde  und  der  liebeshofnung  und  liebeslust;  die  eine  gattung 
zeigt  keinen  volkstümlicheren  Charakter  als  die  andere;  und  doch  würde  nur  die 
zweite  parallele  sich  nach  den  ausführungen  des  Verfassers  erklären  lassen  und  mit 
seiner  ansieht,  dass  die  liebeslyrik  „allein  im  frühlingsliede  die  Schwingungen  des 
herzens  ertönen  liess*^,  im  einklang  stehen.  —  Entsprechen  die  herzenserfahrungen 
nicht  den  Stimmungen,  die  mit  der  Jahreszeit  im  einklange  stehen  würden,  so  wird 
das  als  eine  abnormität  empfunden,  und  es  tritt  in  dem  kontrast  zwischen  naturbild 
und  liebesieben  in  die  dichterische  erscheinung:  trotz  dem  frühling  liebesleid,  trotz 
dem  winter  liebeslust.  Und  ganz  von  selbst  schliesst  sich  an  diese  vorstellungsreihe 
weiterhin  der  gedanke:  keine  frühlingswonne  ohne  liebesglück,  bei  liebesglück  kein 
winterleid.  Ich  halte  das  nur  fäi*  ganz  naturgemässe  Variationen  jener  parallele  zwi- 
schen natur-  und  Seelenleben,  nicht  für  eine  tendenziöse  höfische  Umänderung  der 
allein  volkstümlichen  einen  form.  Gibt  es  wol  ein  minnolied,  von  dem  man  behaup- 
ten könte,  dass  es  dem  volksliede  näher  ver^vant  sei  als  das  rührend  schlichte  mich 
dunkei  niht  sö  guotes  MF  3,  17?  und  doch  müsten  wir  es  nach  Bielschowskys 
ansieht  zu  denjenigen  gedichten  rechnen,  deren  Verfasser,  um  sich  nicht  „in  den 
äugen  der  höfischen  geselschaft  zu  kompromittieren,  an  der  form  und  tendenz  des 
naturcinganges  so  lange  hoiiimänderten ,  bis  es  kaum  noch  als  kind  des  volkliedes  zu 
erkennen  war**.  Natürlich  haben  die  höfischen  lyriker,  die  in  den  verschiedensten 
richtungen  nach  einer  bereicherung  der  poetischen  mittel  strebten,  die  längst  übliche 
naturparallele  nicht  immer  wider  vorbringen  können;  und  wenn  dieser  und  jener 
unter  ihnen,  von  dem  genug  überliefert  ist,  um  ein  volständigcs  bild  von  seiner 
kunst  zu  geben,  bei  auch  sonst  erkenbarem  streben  nach  gewählter  darstellung  den 
natureingang  ganz  vermeidet,  so  darf  man  da  gewiss  eine  absieht  vermuten,  die  bei 
der  beurteilung  seiner  Stellung  zu  den  volkstümlichen  traditionen  mit  ins  gewicht 
fält  Allein  für  sich  beweist  aber  die  Verwendung  oder  nichtverwendung  des  natur- 
einganges,  seine  Verwertung  als  parallele  oder  als  kontrast  noch  nichts,  und  in  dem 
umfange  und  in  den  formen,  in  welchen  Neidhart  ihn  gebraucht,  gehört  er  eben  zur 
tanzpoesie,  die  bei  den  älteren  lyrikern  nicht  vertreten  ist. 

Aus  dem  abschnitte  über  Neidharts  leben  hebe  ich  besonders  den  wolgelun- 
genen  wahrsoheinlichkeitsbeweis  dafür  hervor,  dass  das  lied  101,  20  im  herbst  1241 


124  F.  VOGT,  IteEB  BUSLSCH0W8ET,  D0BFP0I8IE 

verfasst  ist,  während  mich  der  versuch,  noch  spätere  bestirnte  daten  für  einzelne 
lieder  festzustellen,  insbesondere  die  beziehung  des  liedes  33,  15  auf  die  Ver- 
leihung des  königsringes  an  den  herzog  im  mai  1245,  nicht  überzeugt  hat —  Engel- 
mars vielumstrittenen  spiegeli'aub  mit  Bielschowsky  als  eine  art  pfandnahme  aufzu- 
fassen, die  ihm  ein  gewisses  anrecht  an  die  besitzerin  verschaffe ,  hat  manches  für 
sich;  nur  wird  man  die  annähme  durch  des  Verfassers  erklärung  von  48,  20  fg.  nicht 
stützen  können.  Denn  wenn  hier  das  mädchen ,  welchem  Neidhart  einen  griffel  geraubt 
hat,  erzürnt  sagt,  sie  wolle  nimmer  seinen  treirös  singen  noch  nach  ihm  den  reien 
springen,  so  kann  doch  das  dem  Sänger  und  tanzführer  gegenüber  nur  im  eigent- 
lichen sinne  gefasst  werden,  nicht  mit  Bielschowskys  auslegung  wie  unser  „nach 
jemandes  pfeife  tanzen". 

Bei  der  erörterung  des  Inhaltes  der  sommerlieder  fält  es  auf,  dass  der  Verfas- 
ser die  typische  hindeutung  auf  den  unwiderstehlichen  dichter  nicht  zur  geltung  bringt 
Durch  sie  wurde  schon  ein  stark  subjektives  dement  in  die  reien  hineingetragen,  wel- 
ches bei  deren  Charakteristik  entschieden  berücksichtigung  heischt;  und  der  umstand, 
dass  es  immer  wider  gerade  der  ritter  oder  knappe  ist,  der  als  der  auserwählte  der 
bauemmädchen  erscheint,  scheidet  diese  lieder  denn  doch  bei  allen  sonstigen  bezie- 
hungen  genugsam  von  der  poesie  der  bauein.  Denn  dass  diese  selbst  in  ihren  lie- 
dem  schon  vor  Neidhart  den  ritter  als  den  begünstigten  liebhaber  besungen  haben 
selten,  ist  eine  Vermutung  des  Verfassers  (s.  112),  die  wol  keine  Zustimmung  finden 
wird.  In  den  gesang  der  ditmarsischen  bauem  ist  das  motiv  sicher  erst  aus  der 
höfischen  dorfpoesie  gekommen.  Der  umstand,  dass  der  volksgesang  sich  friiher  so 
gut  wie  heute  aus  der  kunstdichtung  bereichert  hat,  ist  noch  lange  nicht  genug 
gewürdigt.  Sehr  bemerkenswert  ist  doch  auch,  dass  der  miserfolg  in  der  liebe,  die 
Verdrängung  des  dichters  durch  bäurische  neben  buhler,  im  winterliede  ebenso  typisch 
ist  wie  seine  unwiderstehlich keit  in  den  sommerliedem;  ja  wenn  ihm  im  sommer  ein 
liebesleid  widerfahren  ist,  so  beklagt  er  das  doch  nicht  im  sommerliede,  sondern  im 
winterliede.  Die  alte  naturparallele  in  ihrer  einfachsten  form  übt  hier  eine  wahre 
zwingherschaft  aus;  gewiss  war  sie  so  schon  zu  einem  unveränderlichen  motiv  in  der 
gattung  von  bauemliedcm  erstart,  an  die  Neidhaiis  poesie  anknüpfte. 

Bei  der  behandlung  des  Inhaltes  der  winterlieder  sind  bairische  sitten  der 
gegenwart  s.  189.  191  in  glücklicher  weise  zur  erklärung  herbeigezogen.  Unter  den 
berührungen  dieser  gattung  mit  der  höfischen  dichtung  werden  beziehungen  zu  Mo- 
nmgens  liedem  hier  zueret  nachgewiesen;  die  belegstellen  hätten  freilich  widerum 
einer  strengeren  kritik  unterzogen  werden  sollen;  es  finden  sich  genug  verse  unter 
ihnen,  bei  denen  die  entlehnimg  aus  Morungen  oder  auch  die  entlehnung  überhaupt 
mehr  als  zweifelhaft  ist;  zwei  stellen  sind  unrichtig  aufgofasst:  MF  128,  7  fg.  spricht 
Morungen  nicht  von  der  geliebten,  sondern  von  der  höfischen  geselschaft;  MF  122,  22 
ist  zu  tcol  ir  vil  süexer  nicht  lip  zu  ergänzen,  sondern  süexer  ist  dat  sing.  fem. 

Bei  der  frage  nach  der  Zusammengehörigkeit  der  Strophen  jedes  einzelnen 
tones  verhält  der  Verfasser  sich  mit  recht  ablehnend  gegen  die  modernen  auflösnngs- 
bestrebungen;  aber  ausnahmelos  lässt  sich  die  regel,  dass  Neidhart  in  einem  tone 
nie  mehr  als  ein  lied  gedichtet  habe,  nicht  durchführen,  besonders  nicht  bei  dem 
tone  69,  25  fg.  Der  versuch,  der  s.  246  fg.  gemacht  wird,  auch  hier  die  regel  äu 
retten,  scheint  mir  nicht  glücklich. 

In  dem  abschnitt  über  die  metrik  wird  Meyers  versuch,  aus  der  häufigeren 
oder  seltneren  Verwendung  bostimter  reimworte  die  reien  auf  bestirnte  perioden  zu 
verteilen,   einer  vernichtenden  kritik  unterzogen.    Des  verfassen  methode,  aus  der 


ÜBER  HARIMANN,  HESELLOHEB  125 

gesamtzahl  der  hebungen  einer  strophe  Schlüsse  auf  deren  grundtypus  zu  ziehen,  ist 
freilich  auch  nichts  weniger  als  einwandsfrei.  Das  streben,  zu  möglichst  festen 
regeln,  zu  möglichst  abgerundeten,  leicht  formulierbaren  ergebnissen  zu  gelangen, 
lässt  ihn  überhaupt  nicht  selten  zu  gekünstelten  mittein  greifen  oder  das  gewicht  der 
zu  geböte  stehenden  tatsachen  überschätzen.  Das  weitere  fortschreiten  seiner  for- 
schungen  wird  ihm  wol  von  selbst  etwas  entsagung  in  dieser  hinsieht  eintragen.  So 
sehen  wir  dem  zweiten  teil  seiner  arbeit  mit  guter  erwartung  entgegen. 

Ein  kleiner,  aber  recht  dankenswerter  beitrag  zur  lösung  seiner  weiteren  auf- 
gäbe ist  durch  Hartmanns  ausgäbe  der  vier  lieder  des  Hans  Heselloher  gelie- 
fert, von  denen  bisher  nur  eines  veröffentlicht  war.  Die  erklänmg  dieser  ungelenken, 
aber  stellenweise  von  gesundem  humor  belebten  Spätlinge  höfischer  dorfpoesie  ist 
durch  Hartmanns  anmerkungen,  die  freilich  noch  nicht  alle  Schwierigkeiten  heben, 
dagegen  manches  entbehrliche  enthalten,  doch  entschieden  gefördert.  Urkundliche 
nachweise  werden  hinzugefügt,  welche  den  Hans  Heselloher  für  die  zeit  von  1450 — 
1483,  seinen  bruder  Andi'e  (der  nach  einer  hier  mit  nicht  eben  zwingenden  grün- 
den angezweifelten  angäbe  Füetrers  gleichfals  ein  dichter  war)  für  1443  — 1483 
bezeugen,  während  Hans  im  jähre  1486,  Andre  1493  als  verstorben  erwähnt  wird. 
Mit  dem  nachweis  einer  nachahmung  Hesellohei's  in  Fichards  handschrift  und  einer 
solchen  im  Neidhart  Fuchs  verbindet  dann  der  Verfasser  einige  weitere  interessante 
beitrage  zur  erkentnis  der  quellen  des  lezteren.  —  Möchte  das  bisher  arg  vernachläs- 
sigte Studium  der  spätmittelhochdeutschen  lyiik  bald  durch  die  monographische  behand- 
lung  auch  anderer  Sänger  dieses  Zeitraums  weiter  gefördert  werden! 

BRESLAU.  F.   VOGT. 


Neue  beitrage  zur  textkritik  von  Hartmanns  Gregorius.     Ton  Hermann 
Seegrers.    Kieler  diss.  1890.    47  s.    In  comm.  bei  G.  Fock,  Leipzig.     1,50  m. 

Die  lateinische  Übertragung  von  Hartmanns  Gregorius  durch  den  Lübecker 
klenker  Arnold  ist  eine  litterarhistorisch  beachtenswerte  erscheinung.  Ausser  ihrer 
kultur-  und  sprachgeschichtlichen  bedeutung  komt  ihr  sogar  das  recht  zu,  in  fragen 
der  textkritik  des  deutschen  gedieh tes  gohöii;  zu  werden,  da  sie  nur  um  einige  jähre 
jünger  als  das  original  und,  obwol  später,  doch  ungleich  besser  überliefert  ist. 
In  diesem  sinne  dies  denkmal  zu  verwerten  ist  die  aufgäbe  der  vorliegenden  abhand- 
lung.  Der  Verfasser  hat  sich  aber  nicht  damuf  beschränkt  einzelne  stellen  nach 
gewissen  gesichtspunkten  zu  gruppieren,  danach  den  kritischen  wert  der  lateinischen 
Schrift  zu  bestimmen  und  demgemäss  einzelne  lesarten  des  deutschen  textes  zu  bestä- 
tigen oder  zu  berichtigen  —  vielmehr  weiss  er  aus  dieser  Untersuchung  ein  so  wol 
sachlich,  wie  rein  technisch  höchst  interessantes  problem  zu  entwickeln. 

Er  begint  im  ersten  teile  seiner  arbeit  damit,  durch  einen  vergleich  mit  dem 
original  zu  zeigen,  dass  die  Übertragung  im  ganzen  eine  recht  fi'eie  zu  nennen  ist, 
was  besonders  daher  rührt,  dass  Arnold  sich  bemüht,  geistlichen  ton  und  geistliche 
anschauung  in  die  erzählung  hineinzutragen.  Daraus  ergibt  sich ,  dass  sein  werk  nur 
in  solchen  fällen  für  die  textkritik  dos  Gregorius  verweilet  werden  kann,  wo  es  sich 
um  bedeutsamere,  den  sinn  ändernde  Varianten  handelt  (s.  11).  Jedoch  kann  uns  der 
Verfasser  an  einer  reihe  von  stellen  zeigen,  dass  die  in  zweifelhaften  fällen  bisher  von 
der  khtik  befolgte  Wertschätzung  der  einzelnen  handschiiften  richtig  war;  das  resul- 
tat  ist  also  im  ganzen  ein  bestätigendes.     Berichtigung  finden  wir  nun  für  v.  993 


126  SOSENHAGEN 

(821)^,  WO  nach  Arnolds  text  die  von  Paul  in  der  volständigen  textausgabe  durch 
rede  ersezte  lesart  vische  wider  herzustellen  ist.  Einen  besonderen  fall  bilden  die 
verse  1043.  44  (871.  72),  welche  in  der  vorläge  Arnolds  augenscheinlich  gestanden 
haben,  unter  den  handschriften  des  deutschen  gedichts  aber  einzig  in  A  sich  finden. 
Seegers  hält  mit  Martin  diese  verse  für  interpoliert  und  gewint  so  das  bemerkens- 
werte resultat,  dass  die  vorläge  Arnolds  in  naher  beziehung  zur  handschrift  A  gestan- 
den haben  muss.  Wenn  mir  nun  auch  die  annähme  Martins  begründet  und  somit 
die  folgerung  des  Verfassers  berechtigt  erscheint,  so  halte  ich  es  doch  für  bedenk- 
lich, wenn  er  noch  weiter  geht  und  ohne  weiteres  die  von  Seelisch  (in  dieser  Zeit- 
schrift XVI,  284)  aufgestelte  einteilung  der  Gregoriushandschrift  in  zwei  gruppen  m 
und  n  sich  zu  eigen  macht,  demgemäss  er  die  vorläge  Arnolds  der  gruppe  m  zuweist. 
Hier  komt  Seegers  zu  weit  auf  das  gebiet  der  blossen  Vermutung,  als  dass  er  die 
folgerungen  sicher  aufbauen  könte,  welche  wir  nachher  kennen  lernen  werden.  Viel- 
leicht wii'd  uns  in  der  angelegenheit  der  Gregoriushandschriften  das  ergebnis  der  hand- 
schrift K  weiterbringen. 

Im  zweiten  teile  der  arbeit  macht  sich  der  Verfasser  den  weg  zu  seinen 
weiteren  ausführungen  dadurch  frei,  dass  er  zeigt,  dass  die  von  Schmeller  heraus- 
gegebene lateinische  Gregorsdichtung  (Ztschr.  f.  d.  a.  II,  488  —  500)  für  die  textkri- 
tik  in  Hartmanns  Gregor  nicht  in  betracht  komt.  So  kann  er  dann  im  dritten  teile 
aus  dem  im  ei*sten  teile  gewonnenen  die  nutzanwendung  ziehen  auf  die  einleitung 
zu  Hartmanns  erzählung,  welche  von  dem  entsprechenden  abschnitt  bei  Arnold 
beträchtlich  abweicht.  Der  Verfasser  geht  aus  von  der  zwar  beiden  gemeinsamen, 
aber  doch  sehr  verschiedenartigen  Verwendung  des  gleichnisses  vom  barmherzigen 
Samariter.  £r  findet  einerseits,  dass  bei  Hartmann  die  darstellung  nur  lose  an  das 
biblische  vorbild  anknüpft,  dass  sie  wenig  mit  der  sonst  erkenbaien  im  mittelalter 
üblichen  behau dlung  des  Stoffes  übereinstimt,  und  dass  schliesslich  dieses  biblische 
motiv  auch  mit  dem  inhalt  des  gedichtes  nur  sehr  locker  zusammenhängt;  anderseits, 
dass  die  einleitung  des  Arnold  im  wesentliclien  nur  die  in  den  predigten  und  erklä- 
renden geistlichen  Schriften  übliche  symbolische  behandlung  des  evangeliums  bietet 
und  so  zwar  teilweise  mit  dem  mhd.  texte  übereinstimt,  aber  nirgends  eine  der  ein- 
zelheiten  widergibt,  welche  diesem  eigentümlich  sind.  Deshalb  schlägt  der  Verfasser 
vor,  das  Verhältnis  Arnolds  zum  mhd.  texte  für  diese  einleitung  umzukehren  und  zu 
erwägen,  ob  das  ältere  hier  nicht  bei  Arnold  zu  finden  sei  und  die  nachahmung 
in  der  vor  Hartmanns  Gregorius  in  einigen  handschiiften  (nicht  in  der  ältesten  A!) 
überlieferten  einleitung.  Da  nun  dem  Verfasser  die  Urheberschaft  Hartmanns  für 
die  einleitung  aus  manchen  Übereinstimmungen  mit  dem  stile  und  der  Weltanschauung 
anderer  Schriften  Hai-tmanns  wahrscheinlich  ist,  so  nimt  er  an,  dass  Arnold  zuerst 
die  beziehung  auf  die  biblische  erzählung  dem  Gregor  als  einleitung  vorausgeschickt, 
und  dass  sodann  Hartmann,  dadurch  angeregt,  im  späteren  alter  ebenfals  eine  dich- 
tung  vei-fasst  habe,  welche  jene  ei-zählung  enthielt,  und  diese  einer  zweiten  recen- 
sion  des  Gregor  als  einleitung  vorausgestelt  habe  (s.  45).  Er  sieht  sich  hierin  bestärkt 
durch  seine  annähme  über  die  vorläge  Arnolds.  Er  meint,  diese  habe,  ebenso  wie 
die  handschrift  A,  überhaupt  die  einleitung  nicht  enthalten;  die  einleitung  komme 
vielmehr  nur  der  grappe  n  (CD EG)  zu,  welche  die  zweite,  nach  einsieht  von  Arnolds 
buch  entstandene  recension  repräsentiere.      Auf  diese  weise  werde    dann    auch   der 

1)  Ich  eitlere  nach  der  Zählung  des  textabdracks  von  Paul  (1882)  unter  beifügung  der  LAdmuum- 
schen  yAhlnag  in  klammer. 


ÜBER  SBEGBRS,   TEXTERITIX  DBS   GREGOBIUS  127 

widersprach  zwischen  dem  tone  der  einleitung,  welcher  im  algomeinen  ein  höheres 
alter  des  dichters  vermuten  lasse  und  besonders  in  z.  5  fgg.  ausdrücklich  einen  gegen- 
satz  zu  den  tumhen  jdren  ausdmcke,  und  der  algemein  angenommenen  früheren 
datierung  des  Gregorius  befriedigend  ausgeglichen. 

Ein  hin  weis  auf  die  weitgehenden  folgerangen,  welche  sich  aus  einer  solchen 
annähme  ergeben,  genügt  um  es  zu  rechtfertigen,  dass  wir  etwas  näher  darauf  ein- 
gehen ,  als  in  der  aufgäbe  dieser  besprechung  zu  liegen  scheint.  Mir  scheint  die  frage 
am  ehesten  deutlich  zu  werden  an  einer  undeutlichkeit,  in  welcher  der  Verfasser 
sich  bewegt.  Seine  auseinandersotzung  geht  aus  von  der  biblischen  erzählung  vom 
barmherzigen  Samariter;  die  folgerangen  werden  aber  ohne  weiteres  auf  die  ganze 
einleitung  bei  Hartmann  bezogen.  Ganz  können  wir  sie  aber  nicht  der  ursprüng- 
lichen fassung  des  gedichtes  absprechen,  weil  am  Schlüsse  dei-selben  unverkenbar, 
teilweise  mit  wörtlicher  anspielung  auf  sie  zurückgegriffen  wird,  v.  3959  —  3988 
(3787  —  3816).  Nun  zerfält  aber  die  mhd.  einleitung  in  zwei  deutlich  getrente  teile, 
V.  1  —  86  und  V.  87  — 170,  von  denen  nur  der  zweite  das  biblische  thema  bebandelt, 
der  erste  aber  keine  spur  davon  enthält.  Demgemäss  wäre  nur  der  zweite  teil 
als  späterer  zusatz  anzusehen.  Dies  scheint  mir  aus  folgenden  gründen  mindestens 
möglich. 

Die  beiden  teile  finden  sich  auch  bei  Arnold  wider.  Sie  unterscheiden  sich 
dadurch  sehr  kentlich  von  einander,  dass  der  erste  nur  einen  knappen  auszug  der 
Hartmannischen  werte  gibt,  der  zweite  dagegen,  vom  inhalt  abgesehen,  fast  noch 
weitläufiger  ist  als  der  abschnitt  bei  Hartmann.  Es  lässt  sich  nun  durch  nichts 
erweisen,  dass  dem  Arnold  der  erste  teil  nicht  vorgelegen  habe,  vielmehr  scheint 
die  individuelle  ausdrucks weise  Hartmanns  noch  erkenbar  zu  sein.  Man  vergleiche 
z.  b.  s.  2  ^nunc  ergo  qui  aliquando  fabulis  scenicis  mtentus  futsti"'  und  y^Mtn 
herxe  hat  bexwtingen  vil  dicke  niine  xungen,  dux  st  des  vil  gesprochen  hdty  dax 
nach  der  tcerlde  Ime  stdt!"'  v.  1  —  4;  sowie  den  schluss  ^pereutü  ad  tartara  ducti^ 
und  jf leitet  üf  den  ewegen  tot""  v.  86.  Dagegen  ist  es  kaum  denkbar,  dass  Hart- 
roanns  zweiter  teil  (v.  87 — 170)  dem  Arnold  bekant  gewesen  sei.  Dies  scheint  mir 
durch  die  darlegung  von  Seegers  hinreichend  klargestelt  zu  sein,  indem  dieser  zeigt, 
dass  Arnold  hier  gar  nichts  von  der  eigentümlichen  darstellung  Hartmanns  widergibt, 
sondern  nur,  was  ihm  die  geistliche  tradition  bot.  Die  einfachste  erkläinmg  hierfür 
Hegt  darin,  dass  er  dies  stück  aus  eigener  initiative  in  die  einleitung  neu  einfügte. 
Was  ihn  dazu  veranlasste,  war  wol  der  gedanke,  den  er  gleich  zu  beginn  schon 
geäussert  hatte,  dass  die  gnade  gottes  allein  selig  mache,  welcher  nach  der  symbo- 
lischen erklärang  auch  dem  gleichnisse  zu  giunde  liegt. 

Umgekehrt  lässt  sich  manches  dafür  anführen,  dass  v.  87  — 170  bei  Hartmann 
durch  das  vorbild  Arnolds  hervorgerufen  seien.  Das  gleich nis  mit  seiner  üblichen 
interpretation  lag  der  auffassung  Hartmanns,  dass  die  erlösung  auf  einem  inneren 
Vorgang,  der  riuwe  beruhe,  so  fern,  dass  er  kaum  anders  als  durch  eine  äussere 
anregung  dazu  veranlasst  werden  konte,  es  in  die  einleitung  zu  seinem  Gregor  zu 
verflechten.  Infolge  dessen  verrät  die  darstellung  das  bemühen ,  einen  fremden  bestand- 
teil  in  seinen  gedankenzusammenhang  hineinzuarbeiten.  Dazu  kommen  aber  noch 
äussere  anhaltspunkte,  welche  darauf  schliessen  lassen,  dass  die  vorse  87  — 170  tat- 
sachlich in  einer  älteren  fassung  des  Gregor  nicht  vorhanden  gewesen  sind.  Dies 
ist  einmal  die  künstliche  form  des  Überganges  vom  ersten  zum  zweiten  teil,  wo  der 
weg,  den  der  Samariter  wandelt  v.  97,  gewaltsamer  weise  mit  der  engen  Strasse,  die 
zur  Seligkeit  führt  v.  87,   identificieii:  wii'd;   und  dann  der  auffällige  umstand,    dass 


128  BBIMXB 

der  zweite  teil  mit  demselben  gedanken  endet,  wie  der  erste,  dem  gedanken,  dass 
der  xwtvel,  d.  i.  das  gogenteil  der  riuwe,  zur  ewigen  yerdamnis  führe.  Der  dich- 
ter scheint  absichtlich  dem  neuen  abschlusse  der  einleitung  ein  ähnliches  aussehen 
gegeben  zu  haben  wie  dem  älteren,  um  die  einfügung  zu  verbergen,  und  diese' 
annähme  wird  endlich  noch  bedeutsam  gestüzt  durch  den  tatbestand  der  Überliefe- 
rung: die  älteste  handschrift,  A,  hat  die  ganze  einleitung  nicht;  die  jüngeren,  I 
und  K,  haben  sie  ganz;  aber  die  fragmente,  welche  von  der  einleitung  in  G  enthal- 
ten sind,  gehören  nur  zum  ersten  teile,  sie  schliessen  mit  y.  86  und  leü  in 
üf  den  ewegen  tot  und  gehen  dann  gleich  ohne  lücke  zum  anfange  der  erzählung 
über:  E^  was  ein  wälhische^  lant. 

Alles  dies  zusammen  macht  es  mii-  wahrscheinlich,  dass  die  Verwendung  der 
geschichte  vom  barmherzigen  Samariter  zuerst  von  Arnold  herrührt  und  dann  von 
Hartmann  nach  einsieht  der  Übersetzung  übernommen  ist,  wol  in  dem  bedürfnis, 
seinen  wichtigsten  gedanken  in  möglichst  eindringlicher,  gottwolgefälliger  form  zu 
widerholen.  An  Hartmanns  urhebei*schaft  für  die  verse87  — 170  zu  zweifeln,  liegt  auch 
meiner  meinung  nach  kein  gi*und  vor.  Es  ist  auch  leichter  zu  erklären,  dass  Hart- 
mann selbst,  als  dass  irgend  ein  späterer  Schreiber  das  buch  Arnolds  in  die  hände 
bekommen  hat.  Auf  demselben  wege,  auf  dem  Wilhelm  von  Lüneburg  noch  bei 
Hartmanns  lebzeiten  Hartmanns  werk  erhielt,  konte  er  ihm  auch  eine  abschrift  der 
arbeit  Arnolds  zugehen  lassen.  Seegers  scheint  es  als  möglich  hinzustellen  (s.  45), 
dass  Hartmann  das  gleichnis  erst  selbständig  behandelt  habe;  wahrscheinlicher  ist  es 
mir,  dass  es  gleich  mit  bezug  auf  den  Gregorius  ausgearbeitet  wurde. 

Die  von  Seelisch  vorgeschlagene  gruppierung  der  Gregoriushandschriften  bedarf 
mit  rücksicht  auf  unsere  darlegungen  noch  erneuter  prüfung.  Auch  kann  ich  nüch 
nicht  einverstanden  erklären  mit  der  meinung,  dass  nur  wenn  die  ganze  einleitung 
späterer  zusatz  wäre,  der  widersprach  zwischen  der  üblichen  datierung  des  gedichtes 
und  dem  tone  der  einleitung  aufgehoben  würde.  Dieser  widersprach  ist  gar  nicht  so 
gross.  Der  ausdruck  mtniu  tumben  jdr  v.  5  besagt  nicht  mehr,  als  dass  der  dichter 
nunmehr  aus  einer  anderen  Stimmung  heraus  schreiben  wUl,  als  früher;  er  passt 
zum  tone  der  ganzen  erzählung  und  hindert  gar  nicht,  dass  derselbe  nach  diesen 
werten  noch  den  Iwein  schreiben  konte.  Man  braucht  noch  kein  greis  zu  sein,  um 
von  seinen  y^tumben  jären^  reden  zu  können. 

Mit  den  angeführten  einschränkungen  halte  ich  die  hypothese  des  Verfassers 
für  ebenso  bemerkenswei*t,  wie  sie  originell  ist;  sie  darf  auch  meines  erachtens  in 
allen  fällen,  wo  sie  in  frage  kommen  kann,  nicht  unberücksichtigt  bleiben. 

FLENSBUBO,  IM  OKTOBER  1891.  0.  BOSENHAOBN. 


Die  Angeln.    Ein  kapitel  aus  der  deutschen  altertumskunde.    Von  Lud- 
wig: Weiland.    Tübingen,  Laupp'sche  buchhaudlung.  1889.    40  s.    Im. 

Vorliegende  schrift,  die  der  Verfasser  in  ansprachsloser  weise  als  ein  „kritisch - 
wissenschaftliches  referat''  bezeichnet,  gibt  eine  zusammenfassende  darstellung  dessen, 
was  die  bisherige  forschung  (besondera  Müllenhoff,  Möller  und  Seelmann)  über  die 
herkunft  der  Angelsachsen  ermittelt  hat^  Eine  solche  zusammenfassende  und  kri- 
tische darstellung  kann  man  nur  wilkommen  heisson,  und  es  ist  erfreulich,  dass  die 

1)  Nicht  benuzt  ist  Langhans ,  Über  den  m-spmng  der  Nordfriesen;  ten  Brink,  Beowvlf  s.  191- 
207;  Ref.,  Ndd.  Jahrbuch  XIII,  s.  6— 12;  Siebs,  Zar  gesch.  der  engl.-fries.  spräche,  s.  6— 26. 


ÜBEB  WEILAND,   DIE  ANGELN  129 

veiiagshandlung  einen  sonderabdmck  von  dieser  schrift  herausgegeben  hat,  welche 
einen  teil  der  „Festgabe  für  Georg  Hansen  zum  31.  mai  1889,  Tübingen  1889"  bil- 
det. Bas  verdienst  der  arbeit  besteht  in  der  kritischen  Sichtung  der  bekanten  Zeug- 
nisse der  geschichte  *  und  der  ags.  sage.  Das  hauptergebnis  ist  ein  völlig  gesichertes : 
Jütland  und  Schleswig- Holstein  ist  die  Urheimat  der  Angelsachsen,  und  zwar  kamen 
die  kentischen  Juten  aus  Jütland,  die  Angeln  aus  Schleswig,  die  Sachsen  aus  Hol- 
stein und  von  der  Eider-  und  Eibmündung.  In  allen  einzelnen,  weitergehenden  fragen 
gestattet  die  dürftigkeit  unserer  Überlieferung  keine  so  sichere  antwort.  Man  wird 
hier  nie  über  einen  gewissen  grad  algemeiner  Wahrscheinlichkeit  hinauskommen.  Fra- 
gen, wie  die  über  die  beteiligung  der  Chauken  und  Friesen  an  der  besiedelung  Eng- 
lands, werden  daher  von  den  forschem  sehr  verschieden  beantwortet.  Ein  sicherer 
fortschritt  ist  allein  von  den  ergebnissen  der  Sprachforschung  zu  erwarten,  welche 
freilich  so  komplicierter  natur  sind,  dass  vor  voreiligen  Schlüssen  nicht  genug 
gewarnt  werden  kann.  Leider  ist  die  zahl  der  methodisch  geschulten  Sprachforscher 
auf  dem  gebiete  des  friesischen  und  des  sogenanten  nordfriesischen  winzig  klein,  und 
femer  stehende  sind  nicht  leicht  in  der  läge  sich  ein  urteil  über  die  von  einzelnen 
aufgestelten  behauptungen  zu  bilden.  Hat  doch  Siebs  in  seinem  buche  Zur  geschichte 
der  englisch  -  friesischen  spräche  und  in  Pauls  Grundriss  den  lesern  eine  gemeinsame 
Ursprache  des  ostfriesischen  und  des  sogenanten  nordfriesischen  zugemutet!  Es  kann 
nicht  meine  aufgäbe  sein,  an  dieser  stelle  zu  zeigen,  wie  weit  die  sogenanten  nord- 
friesischen mundarten  eine  nähere  beziehung  zu  den  ags.  mundarten  ergeben.  Nur 
so  viel  steht  fest:  1)  dass  beide  sprachen  einander  von  hause  aus  näher  standen  als 
dem  ost-  und  westfriesischen;  2)  dass  eine  unmittelbare  zurückführung  einer  nordfrie- 
sischen mundaii;  auf  eine  ags.  daran  scheitert,  dass  die  mehrzahl  der  mundartlichen 
unterschiede  des  ags.  erst  auf  britischem  boden  die  uns  bekante  geographische  aus- 
dehnimg  gewonnen  hat;  3)  dass  von  den  beiden  sprachen,  welche  man  wohl  unter  dem 
namen  nordfriesisch  zusammenzufassen  pflegt,  die  der  inseln  Sild,  Föhr,  Amram  und 
Helgoland  der  westsächsischon  mundart  Englands  verhältnismässig  am  nächsten  steht. 
An  dieser  stelle  sei  nur  einer  einzelheit  erwähnung  getan,  zu  deren  besprechung 
Weilands  schrift  herausfordert.  Dass  Chauken  an  der  besiedlung  Englands  beteiligt 
gewesen,  ist  sehr  wohl  glaublich,  aber  durch  nichts  beweisbar;  auch  die  quelle  der 
Sprachforschung  versagt  in  diesem  falle.  Um  so  unfruchtbarer  ist  es  darüber  hypo- 
thesen  aufzustellen,  ob  die  Nordhumbrer  (so  Weiland  mit  Möller)  oder  die  Kenter 
(so  Weiland,  Gott.  gel.  anz.  1889,  s.  942)  Chauken  sein.  Einen  auf  englischem  boden 
noch  erkenbaren,  besonderen  stamm  werden  die  Chauken  schwerlich  gebildet  haben; 
ihr  name  gieng  in  Deutschland  unter  dem  der  Sachsen  auf;  weshalb  nicht  auch  in 
England?  Möller  glaubt,  dass  die  be wohner  von  Sild,  Föhr,  Amrum  und  Helgoland 
alte  Chauken  seien;  Weiland  s.  38  (s.  156)  und  Gott.  gel.  anz.  1889,  s.  942  möchte  hier 
eher  an  die  Avionen  denken.  Die  Wohnsitze  der  Avionen  lassen  sich  ziemlich  sicher 
bestimmen.  Es  ist  bisher  unbeachtet  geblieben,  dass  die  sildringische  sage  ihren  namen 
bewahrt  hat;  sie  kent  ein  geschlecht  der  Utce7i,  welche  von  ostcn  her,  also  aus  dem 
marschlande  gekommen  sein  sollen*;  bweii  ist  sprachgeschichtlich  ==  ags.  dawart  = 
urgerm.  *Auw(mix,;   Äviones  bedeutet  „bewohner  des  maischlandes " ;    das  volk  hat 

1)  Bei  Weiland  fehlt  die  bekante  stelle  aus  JEI£reds  Orosios  von  der  läge  Schleswigs  betuh  Wine- 
dum  cmd  Seaxum  and  Ängk. 

2)  Hansen y  XJald'  Sdld'ring  tialen,  s.  22;    Hansen,  BoitrSge  zu  den  sagen  usw.  der  Nordfrie- 
sen ,  8.  90. 

ZEnSCURIFT   F.    OKUTSCUE   PHILOLOGIE.     BD.  XXIV.  9 


130  BRANDES 

also  in  dem  schleswigschen  marschlande  gesessen  und  ist  identisch  mit  unseren  heu- 
tigen ^  Nordfriesen*'. 

Neu  ist  die  s.  36  (s.  154)  ausgesprochene  sehr  ansprechende  Vermutung,  dass 
Theudebert  in  dem  briefe  an  Justinian  im  jähre  535  mit  den  ,,8axonibus  Euciis,  qui 
se  nobis  voluntate  propria  tradiderunt",  die  kentischen  Juten  Beda's  gemeint  habe. 
Ich  möchte  das  gleiche  auch  von  dem  Euthio  bei  Venantius  Fortunatus  glauben, 
welcher  neben  dem  Saxo  und  Britannus  als  feind  der  Franken  genant  wird. 

HALLE,   14.  MÄRZ   1891.  OTTO   BREBiER. 


De  Düdesche  Schlömer.  Ein  niederdeutsches  drama  von  Johannes 
Stricker.  (1584).  Herausgegeben  von  Johannes  Bolte.  76  und  236  s.  8.  Nor- 
den und  Leipzig,  Soltau.  1889.  (Drucke  des  Vereins  für  niederdeutsche  Sprach- 
forschung, in.). 

Die  von  Bolte  geUeferte  ausgäbe  des  Stiickerschen  Schlömer  macht  ein  wert- 
voUes  niederdeutsches  litteraturdenkmal  algemein  zugänglich.  Der  originaldruck  (A) 
des  dramas,  der  sich  in  einigen  wenigen  exemplaren  erhalten  hat,  die  zum  teil 
deutschen,  zimi  teil  ausländischen  bibllotheken  gehören,  ist  1584  in  der  Balhomschen 
officin  zu  Lübeck  hergestelt.  Der  neudruck  widorholt  A  buchstabon-  und  seiten- 
getreu; auch  die  alte  interpunktion  findet  sich  in  ihm  im  wesentlichen  wider.  Aus 
den  nachdrucken  von  1593  (B  und  C)  hat  der  herausgeber  eine  anzahl  von  randglos- 
sen  aufgenommen,  die  wie  die  mehrzahl  der  in  A  stehenden  auf  biblische  stellen 
hinweisen;  im  übrigen  hat  er  sich  auf  die  korrektur  der  in  dem  alten  druckfehler- 
verzeichnis  angegebenen  versehen  und  auf  die  berichtigung  einiger  weiterer  offenbarer 
irtümer  des  Originaltextes  beschränkt.  Allen  anf orderungen,  die  wir  an  einen  neu- 
dnick  zu  stellen  gewohnt  sind,  ist  somit  entsprochen:  Boltes  text  ersezt  das  original 
voll  und  ganz. 

Der  umstand  jedoch,  dass  der  Balhornsche  druck  nicht  als  eine  gute  überlie- 
feiTing  des  werkes  Strickers  gelten  kann,  da  er  an  mehr  als  einer  stelle  Schwierig- 
keiten bietet,  die  nur  durch  mehr  oder  minder  starke  eingriffe  gehoben  werden 
können,  lässt  es  mir  zweifelhaft  erscheinen,  ob  Bolte  gut  daran  getan  hat,  ein  so 
conservatives  verfahren  einzuschlagen.  Manche  Verderbnisse  hätten  sich  nach  anlei- 
tung  von  B  C  mit  leichtigkeit  beseitigen  lassen.  B  und  C  lesen  v.  185  Stervet;  der 
herausgeber  hat  den  wink  nicht  beachtet  und  das  an  der  stelle  unmögliche  praei  des 
schwachen  verbums,  das  A  sezt,  beibehalten.  Auf  die  widerherstellung  des  verses 
hat  B  in  zweckentsprechender  weise  bedacht  genommen;  die  achte  silbe  wird  durch 
einschaltung  des  flickwortes  gar  vor  saliehliek  gewonnen.  Den  hüyup  v.  733  hat 
Bolte  festgehalten,  obwol  schon  Lübben  (Wb.  2,  328)  mit  dem  ausdrucke  nichts 
anzufangen  wüste.  "Wir  haben  es  mit  der  imperativischen  bildung  k&pup  zu  tun, 
durch  die  der  haushälterische  sparsame  sinn  der  frau,  der  auch  v.  577  fgg.  angedeu- 
tet ist,  dem  Standpunkte  des  mannes  entsprechend  charakterisiert  wird.  An  v.  2242: 
Sunder  ydt  affgeraden  schlicht  haben  B  und  C  anstoss  genommen.  B  ändert:  Raden 
mi  tJio  dem,  C:  Sunder  Iiebhent  äff  geraden.  Keiner  dieser  vei*suche,  dem  verse 
aufzuhelfen,  befriedigt  jedoch.  C  lässt  den  folgenden  infinitivsatz :  Mit  en  tho  holdn 
dat  frouicden^pil  unbemcksichtigt,  und  B  entfernt  sich  viel  zu  weit  von  dem  in  A 
überlieferten.  Ordnung  lässt  sich  nur  schaffen,  wenn  man  liest:  Sundr  liebhen  nty 
geraden  schlicht.     Weren  v.  2229  ist  in   Were  zu  bessern. 


ÜBER  DEN  DÜD.  SCHLÖMER  ED.  BOLTE  131 

Über  einige  zweifelhafte  stellen  hat  sich  Bolte  in  den  anmerlningen  ausgespro- 
chen, de  puix  in  der  redensart  de  putx  gheit  my  an  -ist  in  der  anmerkung  zu  v.  844 
richtig  erklärt.  Eine  euphemistische  bezeichnung  des  teufeis,  wie  Lübben  meinte, 
kann  de  putx  schon  deshalb  nicht  sein,  weil  die  wendung  sowol  im  Schlömer  wie 
im  Fall  Adams  und  Even  mehrmals  dem  teufel  selbst  in  den  mund  gelegt  ist.  Da 
sie  ausser  an  den  von  dem  herausgeber  citierten  stellen  im  Schlömer  v.  347  und 
V.  3921,  in  Strickers  erstem  drama  bl.  B*,  Ciiij^,  Fviy*  und  je  zweimal  auf  bl.  G* 
undGij*  erscheint,  so  müssen  wir  schliessen,  dass  sie  bei  dem  dichter  in  besonderer 
gunst  stand.  Einmal  (Fall  Adams  bl.  Dij')  hat  er  de  putx  durch  Das  Spielchen 
ersezt.  —  Die  verse  3599  fgg.: 

Heffstu  dy  denn  wol  supen  sehn, 

Lautem,  sehenden,  honen,  sehinehen, 

Dith  dreff  he  so  steds  Dach  und  Nacht. 

werden  verständlich,  wenn  man  my  für  dy  schreibt.  Stricker  will  sagen,  dass  der 
Schlömer  beim  genuss  von  wein  und  hier  einen  unglaublichen  eifer  an  den  tag  legte. 
Die  redensart  ist  imlängst  in  dieser  ztschr.  XXI,  256  von  Gering  mit  bezug  auf  Lau- 
remberg  I,  352,  im  Nd.  korrespondenzbl.  12,  37  von  Sclilüter  und  ebd.  13,  3  von 
Sand  VOSS  behandelt  worden.  —  In  dem  v.  5009:  De  HERR  wert  kamen  kaniende 
liegt  weder  ein  hebraismus  vor  noch  ist  ramende  zu  lesen.  Stricker,  der  nicht  die 
von  Bolte  citierte  zweite  sondern  die  erste  hälfte  von  Hab.  2,  3:  De  Wyssegginge 
wert  yo  noch  eruüllet  werden  tho  syner  tydt,  vnnd  werth  entliken  fryg  an  den  da>ch 
kamen  (Wittenberg,  H.  Lufft  1541)  im  sinne  hatte,  schrieb:  De  HERR  wert  kamen 
am  ende.  Der  reim  ende :  weh,  der  sich  damit  ergibt,  hat  bei  unserem  dichter  nichts 
auffallondes.  Dem,  was  der  herausgeber  s.  56  fgg.  der  einleitung  über  seine  reim- 
kunst  bemerkt,  ist  hinzuzufügen,  dass  er  auch  in  seinem  ersten  drama  ohne  beden- 
ken rweÄr ;  Äc/wfp/f  er  (bl.  Bv*,  Bvij^,  Ciij**),  mehr :  tau^etithlnstncr  (bl.  Bv*),  lehr: 
Sehepffer  (bl.  Gvi*)  bindet,     am  e7id  „endlich''  braucht  er  im  Fall  Adams  (bl.  Miiij*'): 

Doch  bleibt  Jammer,  not  vnd  elend 
Der  Sünden  sold,  der  Tod  am  end. 

Zu  tho  gloven  v.  1145  habe  ich  einen  hinweis  auf  ztschr.  XXI,  256  vermisst. 
Das  auf  nd.  gebiete  seltene  wort  Grindt  v.  1511  tritt  im  Fall  Adams  bl.  Evj^  auf: 

Meinestu,  das  ich  sey  ein  Kifid? 
Nim  hin  den  puff  an  deine7i  grind. 

Die  redensart  „sich  die  kühe  nehmen  lassen"  belegt  Bolte  zu  v.  2222  erst  aus  Schrif- 
ten, die  dem  ende  des  16.  Jahrhunderts  entstammen.  Indess  erläutert  sie  schon 
Agricola  in  der  ersten  sprich wörtorsamlung  unter  nr.  154:  Er  leßt  yhm  die  kice  nemen 
=  Er  leßt  sich  bald  erxurnen.  Die  v.  3429  —  3430  lehnen  sich  an  einen  bekanten 
Spruch  an,  der  volständig  im  Nd.  reimb.  v.  2107  —  2112  steht  und  der  von  Johannes 
Junior  in  die  form  des  leberreims  gebracht  ist  (vgl.  Nd.  jahrb.  10,  82  nr.  99). 

Das  Verzeichnis  der  abweichungen  der  drucke  B  und  C  von  der  Originalausgabe 
enthält  einige  überflüssige  angaben.  Die  unzweifelhaften  druckfohlor  der  jüngeren 
drucke  und  einiges  andere  hätten  ohne  schaden  fortbleiben  können.  Die  Variante  zu 
V.  1480  muss  geragen  heissen,  die  zu  v.  2433  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  gdan. 
Auf  welchen  vers  sich  die  zu  v.  3230  angegebene  var.  my  fehlt  C  bezieht,  habe  ich 
nicht  ermitteln  können. 

Vortrefliche  abhandlungen  über  Johannes  Stricker,  das  spiel  von  Adam  und 
Eva,  die  quellen  und  den  inhalt  des  Schlömer  leiten  die  ausgäbe  ein.    Besonders  in 

9* 


132  BBANDE8 

der  Schilderung  des  lebensganges  des  dichtere  und  in  der  quellenunterauchung  zeigt 
sich  Boltes  umfangreiche  kentnis  aller  einschlägigen  fragen  im  helsten  lichte.  Die 
daratellung  der  zahlreichen  bearbeitungen  des  Everymanstoffes  oder,  wie  man  jezt 
auf  grund  der  darlegungen  Kalffs  wol  besser  sagt,  des  Elckerlijcstoffes  verdankt  der 
eigenen  forachung  des  herausgebera  ausseroixientlich  viel. 

Die  druckkorrektur  ist  mit  Sorgfalt  behandelt.  Brei  versehen  im  texte,  die 
ich  mir  notiert  habe:  disser  statt  dith  v.  61,  schon  statt  schal  v.  1335  und  landmodt 
statt  lanckmodt  v.  5463  führe  ich  nur  deshalb  besonders  auf,  weil  eins  von  ihnen 
bereits  die  ureache  einer  bemerkung  über  die  mundart  Strickere  geworden  ist 

BERLIN.  HERHAN   BRANDES. 


Über  die  niederdeutschen  Übertragungen  der  Lutherschen  Übersetzung 
des  N.  T.,  welche  im  16.  Jahrhundert  im  druck  erschienen.  Von  Karl 
Eduard  Schaub.    Greifswalder  diss.  1889.    75  s. 

In  Schaubs  abhandlung  über  die  im  16.  Jahrhundert  gedruckten  nd.  Übertra- 
gungen der  Lutherischen  übereetzung  des  N.  T.  haben  wir  einen  beitrag  zu  der 
noch  ausstehenden  umfassenden  geschichte  der  nd.  bibelübersetzung  erhalten.  Wer- 
den in  der  kleinen  schrift  auch  manche  fragen,  die  sich  an  die  nachlutherische  nd. 
bibelübertragung  knüpfen,  nicht  einmal  gestreift,  so  sind  einzelne  ihrer  ergebnisse 
doch  wertvoll  genug,  um  in  uns  den  wünsch  rege  zu  machen,  eine  ähnlich  angelegte 
arbeit  über  das  Verhältnis  der  vorlutherischen  nd.  bibelausgaben  zu  einander  und  zu 
den  hd.  drucken  zu  besitzen.  Hinsichtlich  der  sich  an  Luther  anschliessenden  nd. 
bibelübereetzung  dürfen  wir  manches  von  der  von  Reiffer scheid  vorbereiteten  textaus- 
gabe  erhoffen. 

Schaub,  der  von  der  absieht  ausgegangen  ist,  Bugenhagens  antoil  an  der  nd. 
bibelübereetzung  des  16.  Jahrhunderts  zu  bestimmen,  bespricht  an  erater  stelle  die 
texte,  die  vor  der  einwirkung  dieses  gehülfen  Luthere  auf  das  nd.  übereetzungswerk 
liegen,  den  Hambui'ger  (Hg)  und  den  Wittenberger  (Wl),  die  beide  in  das  jähr  1523 
fallen.  Der  Verfasser  betritt  gleich  hier  den  boden,  auf  dem  er  sich  in  der  folge 
fast  ausschliesslich  bewegt,  den  der  textvergleichung.  Wie  ängstlich  von  ihm  jeder 
schritt  vom  wege  vermieden  ist,  Hesse  sich  an  zahlreichen  beispielen  zeigen.  Eins 
möge  genügen.  Dei"  von  Schaub  benuzte,  der  AVemigeroder  bibliothek  gehörige 
druck  von  W 1  schliesst:  gedrücket  tho  Wittemherg  dorch  Melchior  vnde  Michael 
Lotther  hr'öder  M.  D.  XXIII ,  während  Dath  Nyge  Testament  tho  dude,  Vuittem- 
herg.j  welches  mir  aus  der  bibelsamlung  der  hiesigen  königlichen  bibliothek  zur  Ver- 
fügung steht  und  das  mit  dem  von  Goeze  beschriebenen  identisch  zu  sein  scheint, 
auf  bl.  eevj*  den  vermerk  trägt:  Gedruckt  tho  Vuitte7?iberg  dorch  Melchior  Lotter 
den  Jüngern  1.  5.  23.  (Wx).  Schaub  geht  über  diesen  unterechied,  auf  den  ihn 
Goezes  Historie  der  gedruckten  niedereächsischen  bibeln  hätte  hinführen  müssen,  mit 
stilschweigen  hinweg.  So  lange  wir  aber  nicht  über  das  Verhältnis  orientiert  sind, 
in  dem  die  beiden  Wittenberger  drucke  von  1523  zu  einander  stehen,  haben  auf 
textvergleichung  gegründete  ausführungen  über  die  beziehungen  von  Wl  zu  Hg  nur 
einen  sehr  geringen  wert  Auch  die  frage,  ob  dem  Hamburger  drucke  oder  einem 
der  Wittenberger  die  priorität  gebührt,  wird  möglichei'weise  durch  dieses  Verhältnis 
berühri.  Nur  scheinbar  wird  die  über  die  ereten  nachlutherischen  nd.  bibeln  her- 
schende  Unsicherheit  noch  dadurch  vermehrt,  dass  Goezes  auszügo  aus  dem  in  seinem 
besitz  befindlicli  gewesenen  exemplar  sich   in   oi*thographischer   beziehung   von   den 


ÜBER   SCHAÜB,   NIEDERD.    ÜBEBTRAOüNaEN   VON   LUTHERS   NT.  133 

entsprechenden  abschnitten  des  Berliner  exemplars  unterscheiden,  denn  in  der  wider- 
gabe  der  Orthographie  der  von  ihm  verzeichneten  drucke  ist  Goeze  leider  durchaus 
unzuverlässig.  Eher  kann  man  sich  auf  seine  bemerkungen  über  druckeinrichtung, 
fehler  in  der  Seitenzählung  und  ähnliche  merkmale  verlassen.  Da  seine  diesbezüg- 
lichen angaben  s.  156  fgg.  auf  den  von  Melchior  Lotter  d.  j.  hergestelton  druck  pas- 
sen, so  hege  ich,  obwol  seinem  exemplar  das  schlussblatt  abgieng,  keinen  zweifei, 
dass  er  diesen  in  bänden  gehabt  hat.  Einige  eigentümlich keiten ,  an  denen  der  druck 
leicht  zu  erkennen  ist,  hat  Goeze  übersehen.  Im  ersten  teil  ist  das  XXX.  bl.  als 
XXXI.  und  das  LXXI.  als  LXXII.  bezeichnet,  so  dass  die  blatzahlen  XXXI  und 
LXXn  zweimal  auftreten;  im  zweiten  teil  sind  die  zahlen  der  bll.  XVIU — XXV 
in  Unordnung  geraten.  Der  druck  zeigt  diese  folge:  XVIII,  XVIU,  XIX,  XVEU, 
XXI,  XXII,  XXIII,  XXV.  Die  Signatur  des  vierten  blattes  fehlt  in  den  lagen  B, 
E  —  L,  Q,  S,  T,  a,  b,  d — f,  1  —  o.  Die  von  Schaub  Wl  entnommenen  citato  habe 
ich  zum  teil  in  dem  NT  Melch.  Lotters  d.  j.  nachgeschlagen,  und  es  hat  sich  heraus- 
gestelt,  dass  beide  drucke  in  orthographischer  hinsieht  nicht  unbedeutend  von  einan- 
der abweichen.  Ich  lasse  einige  belege  folgen:  Mt.  13,  46  kostlike  Wl,  köstliche 
Wx.  —  Lc.  5,  1  tlio  hören  dat  wart  gades  Wl,  tho  koeren  dat  worth  OadesWx.  — 
Lc.  22,  67  gelikte  Wl,  gher^ie  Wx.  —  Mt.  2,  (vgl.  kap.  IV  des  anhanges)  1  van 
Wl,  von  Wx;  3  den  konnig  Wl,  de  k.  Wx;  5  ist  geschreuen  Wl,  is  g.  Wx; 
6  vofh  Wl,  van  Wx;  7  von  Wl,  van  Wx;  8  vorforscheth  Wl,  vorfroscheth  Wx; 
12  in  or  Wl,  yn  or  Wx;  13  Heren  Wl,  heren  Wx;  vnde  sede  Wl,  vnd  s.  Wx; 
15  Heren  Wl,  heren  Wx;  16  sendete  Wl,  sendede  Wx;  mit  Wl,  mith  Wx; 
18  ere  Wl,  ore  Wx;  19  sü  Wl,  su  Wx;  eren  Wl,  heren  Wx;  22  de  Oalliley- 
sehen  Wl,  des  O.  Wx;  23  vp  dat  Wl,  vp  dath  Wx.  Im  übrigen  scheint  mir 
schon  nach  dieser  probe,  auf  deren  Unzulänglichkeit  ich  nicht  hinzuweisen  brauche, 
die  annähme  einer  engen  Zusammengehörigkeit  der  beiden  Wittenberger  drucke 
zulässig. 

Interessant  ist  der  von  Schaub  gelieferte  nach  weis,  dass  Hg  undWl  die  Hal- 
berstädter bibel  nicht  unberücksichtigt  lassen.  Der  Zusammenhang  zwischen  der  vor- 
lutherischen und  nachlutherischen  nd.  bibelübersetzung  ist  somit  dargelegt.  Freilich 
scheint  sich  der  Verfasser  unserer  schrift  der  Wichtigkeit  der  von  ihm  gefundenen 
tatsache  nicht  voll  bewust  geworden  zu  sein.  Denn  anstatt  den  spuren  dieses  Zusam- 
menhanges in  den  von  Bugenhagen  beeinflussten  texten  nachzugehen,  begnügt  er  sich 
bei  der  besprechung  von  W2,  dem  ersten,  bisher  unbekanten  druck,  dem  Bugen- 
hagens  tätigkeit  zu  gute  gekommen  ist  (ex.  in  Schaubs  besitz),  mit  der  kurzen  bemer- 
kung,  dass  sich  der  Urheber  dieser  Übersetzung  um  die  vorlutherische  Halberstädter 
bibel  nicht  mehr  gekümmert  habe.  Selbst  wenn  diese  behauptung  richtig  wäre,  so 
wäre  noch  immer  die  möglichkeit,  dass  die  vorlutherische  fassung  durch  vermittelung 
von  Hg  und  Wl  ihre  einwirkung  geäussert  hätte,  zu  erwägen  gewesen.  Daran  hat 
Schaub  nicht  gedacht.  Schaubs  abschliessende  äusserung  lässt  sich  zudem  in  der 
form,  in  der  er  sie  vorträgt,  schon  deshalb  gar  nicht  aufrecht  erhalten,  weil  die 
anzeichen  einer  fortdauer  des  einflusses  der  vorlutherischen  bibel ,  die  in  der  AVitten- 
berger  ausgäbe  von  1524  unzweifelhaft  vorhanden  sind,  eine  direkte  benutzung  der 
Halberstädter  bibel  durch  den  unter  Bugenhagens  äugen  arbeitenden  Übersetzer  kei- 
neswegs ausschliessen.  Die  beiden  stellen,  die  Schaub  anführt,  um  die  abhängigkeit 
des  von  ihm  mitW2  bezeichneten  druckes  von  Wl  zu  erweisen:  Matth.  20,  4  (und  7) 
L  ynn  den  tveynberg,  Wl  W2  ynn  mynen  icytiberg  (der  zusatz  W2  toyngarden 
soll  sich  wol  auf  Wl  beziehen?    Wx  hat  toyngarden)  und  Matth.  22,  4  L  meyn 


134  JiRANDRS 

malxeyt  hob  ich  hereyt,  Wl  W2  myn  maltydt  ys  beredet  können  mit  gleichem 
rechte  als  Zeugnisse  für  boziohungen  von  W2  zu  H  angesehen  werden,  da  sie  in 
der  fassung  H  von  Wl  aufgenommen  sind.  Entscheidet  man  sich  aber  auch  auf 
grund  weiterer  beobachtungen  einmal  d^ür,  "Wl  als  die  quelle  der  genanten  lesarten 
in  W2  zu  betrachteü,  so  bleibt  die  indii'ekte  beeinflussung  der  von  Bugenhagen 
inspirierten  bibelübersetzung  durch  die  vorlutherische  nd.  bibel  bestehen.  Die  lesart 
myn  maltydt  ys  beredet  hat  übrigens  schon  W3  zu  gunsten  des  engeren  anschlusses 
an  Luther  aufgegeben. 

Bugenhagens  anteil  an  der  nachlutherischen  nd.  bibelübersetzung  bestirnt 
Schaub  auf  gnind  der  eigenen  auslassungen  des  theologen  über  diesen  punkt,  die  in 
die  voiTeden  und  nachreden  verwebt  sind,  die  er  zu  den  1524 — 1541  erschienenen 
ausgaben  geschrieben  hat.  Dass  die  werte  Bugenhagens  als  eine  zuvorlässige  quelle 
anzusehen  sind,  wird  niemand  besti'eiten  wollen;  ebenso  sicher  ist  aber,  dass  Schaub 
ihnen  einen  sinn  unterschiebt,  den  sie  nicht  haben  können.  Bugenhagen  spricht  sich 
über  sein  Verhältnis  zu  AV2  folgondermassen  aus:  Dyth  nye  Testament  ys  vlytich 
vordüdesehet ,  also  dat  me  vnstrafflick  de  rechte  menynge,  alse  de  Euangeltsten 
vnde  Apostele  gescreuen  hebbeti,  hyr  ynne  lesen  mach,  vnde  ys  nicht,  alse  de  erste 
vordüdeschynge  was,  sünder  reyn  vnde  fyn^  vth  vnses  werdigen  vaders  Doctoris 
Martini  vordüdeschynge.  Wo  wol  öuerst  dat  desse  arbeyt  ys  mdlenbracht  dorch 
eynen  andern,  doch  hebbe  ick  gehandelt  vnde  radt  gegeuen  in  allen  örden  vnde 
steden,  dar  ydt  swer  tcas  in  vnse  düdesch  tlio  bringende.  Schaubs  interpretation 
knüpft  an  den  von  Bugonhagen  gebrauchten  ausdruck  swer  an.  Er  soll  dem  unge- 
nanten und  nach  des  Verfassers  meinung  auch  wol  ungelehrten,  des  griechischen 
unkundigen  Übersetzer  an  allen  schwierigen  stellen  mit  seinem  rate  geholfen  haben, 
unter  den  schwierigen  stellen  sollen  aber  in  erster  linie  solche  zu  verstehen  sein,  an 
denen  Luthers  fassung  aufgegeben  werden  muste,  weil  sie  nicht  genau  dem  grund- 
texte entsprach.  Diese  auslegung  gewint  einen  schein  der  berechtigung  dadurch, 
dass  W  2  tatsächlich  das  streben  erkennen  lässt,  den  Lutherschen  text  nach  dem  grie- 
chischen original  zu  berichtigen.  Trotzdem  ist  sie  unhaltbar.  Schaubs  fehler  ist, 
dass  er  das  wort  swer  wilkürlich  aus  dem  zusammenhange  herausgenommen  hat. 
Bugonhagen  sagt  gar  nicht,  dass  er  an  allen  schwierigen  stellen  mit  seinem  rate  und 
seiner  hülfe  eingetreten  sei,  sondern  er  boscheidot  sich  mit  dem  Verdienste,  für  eine 
singemässo  Übersetzung  in  den  fällen  gesorgt  zu  haben,  dar  ydt  swer  was  in  vnse 
düdesch  tho  bringende.  Er  war  auf  nichts  anderes  als  auf  ein  tadelloses  nd.  gewand 
für  Doctoris  Martini  vordüdeschynge  bedacht.  Auch  die  möglichkeit,  dass  Bugen- 
hagen zuweilen  bei  der  suche  nach  einem  treffenden  nd.  ausdruck  für  eine  Wendung 
Luthers  den  grundtext  zu  rate  gezogen  habe,  kann  ich  nicht  zugeben.  Durchmustert 
man  die  von  Schaub  bezeichneten  textänderungen  in  W2,  die  im  anschluss  an  den 
grundtext  erfolgt  sind,  so  stösst  man  kaum  auf  einen  einzigen  fall,  wo  der  engere 
anschluss  an  das  griechische  original  dem  nd.  Übersetzer  bei  seiner  arbeit  eine 
erloichterung  gewährt  haben  könte.  Ging  man  etwa  Schwierigkeiten  aus  dem  wege, 
wenn  man  Job.  19,  13  yußßad^ä  mit  Öabbatha  widergab,  anstatt  bei  Luthers  Baba- 
tha  zu  bleiben,  oder  wenn  man  vorzog,  Mt.  7,  4  Ix  tov  dif&aXfioV  aov  (vth  dynem 
oge)^  Lc.  1,  6  it/LKforegot.  (beyde)^  Lc.  9,  45  negl  toO  ^rijjiaTog  tovtov  (umme  dat' 
snlue  wort)^  Lc.  24,  38  iv  rmg  xuQ&uug  vfAßv  (in  iuwe  herte)^  Joh.  8,  12  iv  tj 
axoTuc  {in  der  düsterfiisse) ^  Rom.  4,  24  ^It]aoöv  tov  xvqiov  (Heren  Jesum)  zu  über- 
tragen anstatt  Luthers  atis  deni  äuge,  alle  beyde,  vmb  dasselbe,  ynn  ewer  hertx, 
yn  finsternis,   hern  Jliesum   Christ?    Förderte   es   das  bemühen,   Luthers  text  in 


ÜBKB   8CHAUB,    NIEDERD.    ÜBERTRAGUNGEN    VON   LUTHERS   NT.  135 

jeinem  niederdeutsch  vorzulegen,  wenn  man  Joh.  4,  45  wente  se  weren  dar  ock  vp 
dat  fest  gekamen,  Joh.  17,  14  (oder  16)  gelyck  alsc  ick  ok  nicht  van  der  werlt  hyn 
nach  dem  grundtexte  zusezte?  Hat  das  zurückgreifen  auf  den  griech.  text  aber  nicht 
dazu  beigetragen,  Schwierigkeiten  zu  beseitigen,  die  bei  der  Übertragung  des  Luther- 
schen  textes  ins  niederdeutsche  auftauchten,  so  ist  es  auch  nicht  auf  Bugenhagens 
rechnung  zu  setzen,  sondern  dem  Übersetzer  beizumessen,  der  demnach  wol  über 
ein  umfangreicheres  wissen  verfügte,  als  Schaub  anzunehmen  scheint. 

Das  Verständnis  des  Zusatzes,  den  die  nachrede  Bugenhagens  in  WS,  einer 
nicht  unwesentlich  verbesserten  zweiten  ausgäbe  von  W2,  erhalten  hat:  Dar  hauen 
ys  in  dessem  testen  drucke  vlytigen  tltogedaUj  dat  ym  vorigen  vorsümet  vnde  vth- 
gelaten  was,  Dartko  ock  etlike  siede  klarliker  vordüdeschet ,  wird  durch  die  doutung 
der  ursprünglichen  fassung  der  begleitworte  bedingt,  "Wenn  Bugenhagen  auf  text- 
ergänzungen  aufmerksam  macht,  so  kann  er  nur  werter  und  sätze  der  Lutherschen 
Übersetzung  meinen,  die  in  der  ersten  aufläge  der  nd.  Übertragung  übergangen  waren. 
Solche  versehen  des  Übersetzers  oder  druckers  lagen  Mt.  17,  20  und  Joh.  20,  5  —  7 
vor.  Grössere  Schwierigkeiten  macht  die  orklärung  des  zweiton  teiles  des  Zusatzes, 
in  dem  Bugenhagen  erwähnt,  dass  ock  etlike  stede  klarliker  vordüdeschet  seien.  Bei 
der  bestimtheit,  mit  der  sich  unser  gowährsmann  stets  äussert,  kann  man  in  dieser 
bemerkung  nur  einen  hinweis  auf  die  durch  Schaub  hinlänglich  bezeugte  erneute 
benutzung  des  grundtextes  erblicken.  Hätte  Bugenhagen  das  Verhältnis  des  nd.  tex- 
tes zum  Lutherschen  im  sinne  gehabt,  so  hätte  er  sich  zweifellos  klarer  ausgedrückt, 
zimial  er  sonst  Saßesck  düdesch  und  hochdiidesch,  vnse  diidesch  und  Doctoris  Mar- 
tini vordüdeschynge ,  de  Saßische  Biblia  und  de  liochdüdeßche  Bihlia  sorgfältig  aus- 
einanderhält. Die  berichtigung  der  druckversehen  der  ersten  ausgäbe  wie  einzelne 
Verbesserungen  nach  dem  grundtext  in  W3  bin  ich  geneigt,  Bugenhagens  tätigkeit 
zuzuschreiben,  wenngleich  man  in  dem  zusatze  die  ausdrückliche  bezugnahme  auf 
die  person  des  Schreibers  vermisst.  Ich  stütze  mich  bei  meiner  Vermutung  auf  die 
anfangsworte  des  zweiten  Zusatzes,  der  den  begleitworton  in  der  Wittenberger  aus- 
gäbe von  1533  zu  teil  geworden  ist:  Thom  testen  .  .  .  Jiebhe  ick  ock  g&tnaket  Sum- 
tnarien.  Bugenhagen  konte  so  nur  fortfahren,  wenn  er  vorher  mindestens  zwei  Vor- 
züge des  nd.  textes  genant  hatte,  die  aus  seiner  beteiligung  an  der  herstellung  des- 
selben resultierten.  Da  er  in  der  ei-sten  fassung  des  nach-  resp.  Vorworts  nur  das 
eine  verdienst  für  sich  in  anspruch  nimt,  für  eine  singemässe  nd.  Übersetzung  schwer 
widerzugebender  Wendungen  Luthers  sorge  getragen  zu  haben,  so  müssen  wir  ihn  als 
den  Urheber  der  nachbesserungen  anerkennen,  deren  der  zusatz  in  'W3  gedenkt. 

Bugenhagens  anteil  an  den  unter  den  wichtigen  nachlutherischen  nd.  texten 
in  erster  reihe  stehenden  Wittenberger  drucken  von  1524  und  1525  beschränkt  sich 
somit  darauf,  dass  er  bei  dem  ersten  drucke  rat  erteilte,  wo  der  Übersetzer  um  einen 
passenden  nd.  für  einen  Lutherschen  ausdruck  verlegen  war,  und  dass  er,  als  die 
neue  aufläge  vorbereitet  wurde,  einerseits  die  bestandteile  der  hauptvorlage  bezeich- 
nete, die  in  der  ersten  ausgäbe  nicht  zu  ihrem  rechte  gekommen  waren,  andrerseits 
für  einige  stellen  auf  grund  des  griech.  textes  eine  durchsichtigere  fassung  angab. 
Will  man  sich  überzeugen,  dass  auch  in  W3  nicht  alle  Veränderungen  nach  dem 
griech.  grundtexte  von  Bugenhagen  herrähren,  so  braucht  man  nur  einen  blick  in 
Schaubs  liste  s.  38  fg.  zu  werfen.  Bugenhagen  war  es  allein  um  das  bessere  Ver- 
ständnis des  textes  zu  tun,  die  meisten  der  durch  Schaub  verzeichneten  neuen  les- 
aiten  erklären  sich  aber  nur  aus  der  absieht,  eine  möglichst  genaue  übereinstinmiung 
mit  dem  grundtext  auch  in  nebensächlichen  punkten  herzustellen. 


136       BRANDES,  ÜBER  SCHAUB,  NDEDBRD.  ÜBERTRAaüNGEN  VON  LUTHERS  NT. 

Die  eigentümlichkeiten  der  einzelnen  drucke  belegt  Schaub  durch  staÜiche  rei- 
hen von  beispielen.  Bei  genauerer  nachprüfung  ergibt  sich  allerdings,  dass  es  um 
die  beweiskraft  der  belegstellen  nicht  immer  zum  besten  bestelt  ist  Für  die  abhängig- 
keit  des  von  Schaub  Wl  genanten  textes  von  Hg  beweisen  weder  die  fälle  etwas, 
in  denen  zu  Hg  und  Wl  die  Vulgata  stimt,  noch  die,  in  denen  entweder  die  mög- 
lichkeit  einer  einwirkung  der  Vulgata  oder  mischung  des  Lutherschen  textes  und  der 
Halberstädter  bibel  angenommen  werden  kann.  Lc.  5,  39  L  der  alte  ist  milder,  Hg 
de  olde  is  heder ^  Wl  de  olde  is  better  steht  vetus  melius  est  zur  seite,  zuLc.  19, 10 
L  das  verloren  ist,  Hg  dat  vorlaren  was,  W 1  dath  vorlaren  was  stelt  sich  H 
dath  dar  was  vorgan,  qtwd  perierat,  mit  Mt.  7,  2  L  wirt  euch  gerichtet  wer- 
den, Hg  "Wl  werde  gy  gerichtet  werden  ist  zu  vergleichen  H  werde  gy  vorordelt, 
itidicabimini.  Auch  die  fälle  hätten  in  diesem  Zusammenhang  unberücksichtigt  blei- 
ben müssen,  in  denen  solche  nd.  ausdrücke  gewählt  sind,  die  jedem  niederdeut- 
schen bearbeiter  durchaus  nahe  lagen.  Wenn  Mc,  14,  56  L  stympt  nicht  vhireyn 
von  Hg  Wl  mit  droech  nicht  ouer  eyn,  Mc.  15,  24  L  wilcher  was  vhirkeme  mit 
we  dar  wat  van  kreege  widergegeben  werden,  so  steht  die  Selbständigkeit  der  bei- 
den Übersetzer  noch  keineswegs  in  frage.  Der  ihnen  von  Schaub  untergelegten 
bedeutung  entbehren  femer  alle  die  stellen,  die  sich  durch  stark  hervortretende 
eigenheiten  im  Sprachgebrauch  des  Urhebers  von  Wl  erklären  lassen.  Obwol  der 
Verfasser  unserer  schrift  durch  beispiele  die  in  W 1  sich  geltend  machende  neigung, 
das  verbum  mit  den  hilfsverben  willen,  kunnen,  scholen  usw.  zu  verbinden,  wie  die 
abneigung  des  bearbeiters  gegen  die  anwendung  der  inklination  belegt,  hat  er  keine 
bedenken,  Lc. 6,  44  L  man  lieset  nicht  =  Hg  Wl  men  kan  nicht  kßen  und  Mc. 
14,  19  L  ichs  =  Hg  Wl  ick  dath  unter  die  beweise  für  die  verwantschaft  von 
W 1  mit  Hg  aufzunehmen. 

Mit  der  spräche  der  von  ihm  behandelten  texte  ist  der  Verfasser  nicht  hin- 
länglich vertraut.  S.  35  berührt  er  die  bekante  nd.  erscheinung,  dass  subst  die  Vor- 
silbe ge  abstossen.  Unter  den  beispielen,  die  er  anführt,  findet  sich  Joh.  6  water 
W2  gegenüber  gewesser  L,  obgleich  ein  entsprechendes  nd.  subst.  mit  der  vorsilbe 
ge,  das  der  Übersetzer  hätte  verwenden  können,  nicht  vorhanden  ist.  Ebensowenig 
ist  gericIUestol  neben  richtestol  belegt,  wenngleich  hier  die  möglichkeit  der  existenz 
zugegeben  werden  kann,  da  gerichte  neben  richte  erscheint.  Das  erste  beispiel  des 
abschnittes  Mt.  9,  16  L  ttich  =  W2  wände  gehört  überhaupt  nicht  hierher,  da  von 
dem  nd.  bearbeiter  ein  ganz  anderes  wort  gebraucht  ist  als  von  Luther.  In  dem  Ver- 
zeichnis der  in  den  für  die  abhandlung  benuzten  Übersetzungen  erscheinenden  Wör- 
ter, welche  bisher  gar  nicht  oder  in  anderer  bedeutung  belegt  sind,  trift  man  auf 
mehr  als  einen  gut  bekanten  bestandteil  des  nd.  Wortschatzes.  Genau  mit  der  von 
Schaub  geforderten  bedeutung  findet  man  in  den  von  ihm  genanten  lexikalischen 
hilfsmitteln,  dem  Mnd.  wb.  und  dem  Mnd.  hdwb.,  aufgeführt:  averlop,  averflödich, 
averwynynge,  hedroch,  docht,  dorhaftich  als  overlop,  overvlodich,  overwinninge, 
hedrech,  dacht,  doraftich,  femer  hör  de,  seeltagen,  spletter,  wolteren  neben  bordene, 
seletogen,  splittere,  weiteren.  In  anderen  fällen  unterscheiden  sich  Luthers  aus- 
drücke von  den  in  den  mnd.  Wörterbüchern  angesezten  bedeutungen  ganz  imerheblich. 

BERLIN.  HERMAN  BRANDES. 


EAWSRAU,  ÜBER  DENKMÄLER  DER  ALT.   DEUTSCHEN  LITT.  137 

Denkmäler  der  älteren  deutschen  litteratur  für  den  litteraturgeschichtlichen 
Unterricht  an  höheren  lehranstalton  im  sinne  der  amtlichen  bestimmungen  vom 
31.  märz  1882  herausgegeben  von  dr.  G.  B($ttieher,  Oberlehrer  am  Lessing- 
gymnasium, und  dr.  Karl  Kinzel,  Oberlehrer  am  Grauen  kloster  zu  Berlin. 
Halle  a.  S.,  buchhandlung  des  Waisenhauses,  m  2  u.  3:  Martin  Luther,  aus- 
gewählt, bearbeitet  und  erläutert  von  dr.  Rieh.  Neubauer,  professor  am  Grauen 
kloster  zu  Berlin.  1890  und  1891.  IX,  187  s.;  VII,  252  s.;  preis  je  1,80  m. 
in  4:  Kunst-  und  Volkslied  in  der  reformationszeit,  ausgewählt  und 
erläutert  von  dr.  Karl  Kinzel.     1892.    Vm,  140  s.    1  m. 

Neubauer  hat  sich  seiner  aufgäbe,  aus  Luther  eine  auswahl  für  die  zwecke 
höherer  lehranstalton  zu  treffen,  mit  grosser  umsieht  unterzogen.  Das  erste  heft 
bringt  überwiegend  den  kirchlichen  reformator,  das  zweite  den  deutschen  mann  zur 
anschauung.  Heft  1  wird  daher  ausser  dem  lehrer  des  deutschen  auch  dem  geschichts- 
lehrer  und  besonders  dem  religionslehrer  wükommen  sein.  Für  die  stofauswahl  ist 
hier  der  gang  der  reformationsgeschichte  bestimmend  gewesen.  Luthers  leben  bis 
1517  in  der  treuherzigen  erzahlung  seines  Schülers  Mathesius  macht  den  anfang; 
dann  beleuchten  den  ablassstreit  Luthers  eigener  späterer  bericht  in  der  schrift  „Wi- 
der Hans  Worst**  sowie  auszüge  aus  den  95  thesen  nach  der  deutschen  Übersetzung, 
die  von  J.  Jonas  stammen  soll.  Von  den  drei  reformatorischen  hauptschriften  ist 
„An  den  christlichen  adeP  in  umfänglichen  wörtlichen  auszügen,  Gaptivitas  babyl.  in 
kurzem  referat,  „Freiheit  eines  christenmenschen **  wider  im  auszug  mitgeteilt.  Die 
"Wartburgszeit  vergegenwärtigt  der  brief  Luthera  an  seinen  vater,  in  welchem  er  über 
seinen  eintritt  ins  kloster  gegen  des  vatei's  willen  bekentnis  ablegt  und  seine  schrift 
de  votis  monasticis  einleitet.  Die  rückkehr  nach  Wittenberg  ist  durch  den  berühm- 
ten brief  an  den  kurfürsten  und  eine  der  predigten  gegen  die  bilderstürmer  charak- 
terisiert. Dann  wird  Luthers  lehre  von  der  obrigkcit  durch  stücke  aus  der  schrift 
„Von  weltlicher  obrigkeit*'  gekenzeichnet.  Die  lezten  stücke  gelten  dem  bibelaus- 
leger  (vorrede  auf  den  psalter)  und  bibelübersetzer;  dazwischen  ist  die  schrift 
über  das  martyrium  Heinrichs  von  Zütphen  eingeschaltet.  Seinen  bahnbrechenden 
principiellen  erklärungen  über  die  Übersetzungskunst  ist  mit  recht  ein  grösserer  räum 
zugewiesen;  den  wert  seiner  eignen  Übersetzungsleistung  illustrieren  in  pai*allel-colum- 
nen  mitgeteilte  proben  aus  der  mittelalterlichen  deutschen  bibel  und  aus  seiner  Ver- 
deutschung, wobei  auch  seine  eigene  fortarbeit  an  seiner  Übersetzung  beiücksich- 
tigt  ist 

Bunter  ist  der  Inhalt  des  zweiten  heftes.  Luthers  bahnbrechende  Schriften 
Über  das  Schulwesen  eröfnen  hier  den  reigen,  einige  andere  stücke  weltlichen  Inhalts 
folgen;  dann  fabeln,  gleichnisse,  Sprüche  und  reime,  mit  grosser  belesenhoit  aus  den 
verschiedensten  teilen  seiner  Schriften  zusammengetragen;  sodann  eine  auswahl  von 
dichtungen,  wobei  dass  kirchenlied  nur  durch  „Ein  feste  Burg"  vertreten  ist,  offen- 
bar um  heft  ni  4  nicht  weiter  vorzugreifen;  und  auch  der  briefschreiber  Luther 
komt  in  9  gut  gewählten  nummem  in  humor  und  zom  zu  seinem  rechte.  Eine  präch- 
tige beigäbe  ist  das  kapitel  „Aus  der  lebensweisheit  Luthers*,  kürzere  sinvolle  aus- 
spräche und  betrachtungen  aus  verschiedenen  Schriften^  besonders  auch  aus  den 
tischreden  zusanmiengestelt.  Kurz,  die  auswahl  verrät  einen  kundigen  und  seiner 
aufgäbe  gewachsenen  mann.  Die  textrecension  geht  auf  die  originale  oder  wenigstens 
auf  die  ältesten  gesamtausgaben  zurück.  Die  orthographischen  wilkürlichkeiton  der 
alten  drucke  sind  beseitigt;  Luthers  spräche  ist  unversehrt,  aber  in  einer  das  Ver- 
ständnis des  Schülers  erleichternden  Schreibung  widergegeben.    Alle  hülfe,  deren  der 


138^  KAWEBAU 

Schüler  sachlich  oder  sprachlich  bedarf,  ist  ihm  in  knappen  anmerkungen  unter  dem 
text  geboten;  kurze  einleitungen  orientieren  ihn  über  die  entstehung  und  die  geschicht- 
liche Situation  der  einzelnen  Schriften.  So  ist  genügend  dafür  gesorgt,  dass  der 
Schüler  auch  in  privater  lektüre  zum  Verständnis  und  genuss  des  lesestoffes  gelangen 
kann.  Aber  auch  weitere  kreise  werden  den  im  2.  hefte  s.  215 — 252  gegebenen 
„grammatischen  anhang*  freudig  begrüssen,  der  knapp  und  übersichtlich  über 
lautstand,  wortlehre,  flexion  und  über  syntaktisches  bei  Luther  belehrung  bietet  — 
für  jeden  theologischen  leser  Luthers  eine  sehr  wilkommene  gäbe.  Es  sei  her\'or- 
gehoben,  dass  der  Verfasser  für  den  in  diesen  blättern  in  lezter  zeit  mehrfach  nach- 
gewiesenen imd  behandelten  gebrauch  des  ^thäte^  im  conditionalsatz  in  der  bedeu- 
tung  „nicht  vorhanden  wäre**  eine  beispielsamlung  bietet,  welche,  ganz  unab- 
hängig von  den  in  diesen  blättern  bisher  mitgeteilten  stellen,  den  erweis  liefert,  wie 
verbreitet  diese  so  lange  übersehene  redeweise  in  Luthers  Schriften  ist.  Ob  seine 
herleitung  aus  vorausgeseztem  wanne  [wofern  nicht]  taetey  haltbar  ist,  vermag  ich 
nicht  zu  beurteilen  ^.  Ich  mache  nur  darauf  aufmerksam ,  dass  die  jüngst  erschienenen 
Analecta  Lutherana  et  Melanthoniana  von  G.  Lösche,  Gotha  1892  wider  drei  neue 
beispiele  aus  Lutherschen  tischreden  bieten:  s.  214:  wen  des  [das]  tket  [seil,  caro 
nostra],  so  wolt  wir  im  [dem  satan]  wol  ein  xom  entsitxen:  wenn  unser  fleisch 
uns  nicht  zu  schaffen  machte,  wolton  wir  dem  teufel  wol  trotz  bieten;  s.  294:  wen 
Arius  kette  getan,  wenn  A.  nicht  aufgetreten  wäre;  s.  380;  hett  Cherinttis  [Cerinthus] 
gefhan,  Joannes  nunquam  haec  scripsisset  =  wäre  Cerinth  nicht  aufgetreten.  Ich 
notiere  femer  G.  Witzel,  Drey  Gesprechbüchlin  von  der  Religion  Sachen.  Leipzig 
1539.  Bl.  M:  „Fwei  thet  das  geld,  es  gienge  weder  Pf  äff  tioch  Sefiger  noch  Güster 
einen  trit  ins  Chor^^  würde  nicht  geld  dafür  bezahlt.  —  Zu  den  sachlichen 
crläuterungen  sei  zu  bd.  IH,  2  s.  84  bemerkt:  die  walfahrt  nach  Regensburg  in  der 
reformationszeit  galt  nicht  „den  leibem  gewisser  heiligen'*,  sondern  der  kapelle  der 
„schönen  Maria**;  zu  III,  3  s.  20:  die  „Waldenser**,  von  denen  Luther  redet,  sind 
die  böhmischen  brüder,  vgl.  Erl.  ausgäbe  28  s.  389.  in,  2  s.  143  lies  Claus  Harms 
(st.  Harm). 

In  heft  m,  4  gibt  Einzel  zunächst  eine  auswahl  aus  dem  kirchenliede  des 
16.  Jahrhunderts,  wobei  er  die  auswahl  auf  solche  lieder  einschränkt,  welche  sich 
bis  in  die  gegenwart  in  kirchlichem  gebrauch  erhalten  haben.  Neben  Luther  sind 
Speratus,  N.  Decius,  N.  Herman,  P.  Eber,  B.  Waldis  u.  a.  bis  auf  Phil. 
Nikolai  vertreten.  Fi'eilich  handelt  es  sich  hierbei  zum  teil  um  sehr  misichere 
Verfasserschaft.  Bei  Albrecht  v.  Brandonburg-Culmbach  („Was  mein  gott 
will**)  erhebt  Kinzel  selber  zweifei;  aber  auch  Job.  Hess  als  Verfasser  von  „0  weit 
ich  muss  dich  lassen •*  gehört  wol  nur  jener  späten  gesangbuchslegende  an,  wie  ihm 
das  lied  „0  mensch  bedenk  zu  dieser  frist"  sicher  abgesprochen  werden  muss.  Die 
notiz  bei  Nikolai,  dass  er  „wegen  seiner  gelehrten  streitschrifren  dr.  theol.  von  Wit- 
tenberg wui'de",  verleitet  zu  dem  inigen  glauben,  als  hätte  man  damals  ehrendok- 
toren  emant.  Gut  ist  es,  dass  der  herausgeber  diesen  geistlichen  liedern  anhangsweise 
die  alten  lateinischen  texte  solcher  stücke  anfügt,  die  von  Luther  deutsch  umgedich- 
tot  wurden;  ebenso  die  mittelalterliche  form  von  leisen,  welche  die  reformation  sich 
angeeignet  hat;  auch  die  andern  proben  aus  der  lateinischen  geistlichen  poesie  sind 
am  platze.  Doch  ist  es  nicht  ausreichend,  wenn  der  schüler  erfährt,  dass  Luthers 
lieder,  neben  selbständig  erfundenen,    aus    bearbeitungen   lateinischer  vorlagen  oder 

1)  Ich  glaube  es  nicht;  vgl.  die  notiz  bd.  XXIV,  432  dieser  Zeitschrift.  0.  E. 


ÜBER  DENKM.  DBB  ALT.  DEUTSCHEN  UTT.  139 

aus  psalmenumdichtuDgen  bestehen.  Wo  bleibt  die  bearbeitung  und  erweiterung  von 
deutschen  liedem,  die  er  vorfand  (z.  b.  nr.  3  ^Gelobet  seist  du,  Jesu  Christ'')?  wo 
die  bearbeitung  andrer  biblischer  texte  (z.  b.  nr.  5)  und  wo  seine  katechismuslieder? 
Aber  die  auswahl  selbst  ist  geschmackvoll  und  instruktiv,  und  die  beigefügten  orläu- 
terungen  werden  lehrem  und  schülem  wilkommen  sein. 

Als  repräsentanten  der  weltlichen  kunstdichtung  sind  Fischart  und 
Hütten  (warum  in  dieser  reihenfolge?)  gewählt;  dann  folgen  die  berichte  über  den 
meistergesang  von  A.  Puschmann  1574  und  Wagenseil  1697.  Schliesslich  sind 
34  Volkslieder,  darunter  in  nr.  27  —  34  historische,  aus  den  samlungen  von  Uhland, 
V.  Liliencron  und  Goedeke  gut  ausgewählt.  Auch  dieses  heft  darf,  neben  seinem 
nächsten  zweck  für  den  litteraturgeschichtlichen  Unterricht,  als  hülfsmittel  auch  für 
den  geschichts-  und  religionsunterricht  an  höheren  lehranstalten  empfohlen  werden. 

KIEL.  0.   KAWERA.U. 


MISCELLEN. 

Zur  gesehichte  des  begräbnisses  „more  Teutonieo^^. 

Auf  s.  505  des  XXIV.  bandes  dieser  Zeitschrift  hat  R.  Röhricht  unter  obigem 
titel  mehrfache  beispiele  für  die  sitte  angeführt,  leichname  durch  kochen  in  fleisch- 
teile und  knochen  zu  zerlegen.  Ein  weiterer  belag  mag  aus  einer  isländischen  quelle, 
dem  Einars  f)attr  Sokkasonar,  hier  beigebracht  werden. 

Die  quelle  erzählt,  wie  die  Grönländer  beschlossen,  in  ihrem  lande  einen  eige- 
nen bischofsstuhl  zu  errichten,  und  den  Einarr  Sokkason  nach  Norwegen  schickten, 
um  diesen  plan  auszuführen.  Mit  hülfe  des  königs  Sigurdr  Jörsalafari  gelang  es 
diesem,  den  priester  Amaldr  zur  übernähme  der  würde  zu  bestimmen,  welcher  denn 
auch  vom  erzbischof  özurr  von  Lund  für  Grönland  geweiht  wurde;  die  isländischen 
annalen  setzen  seine  weihe  in  das  jähr  1124.  Über  Norwegen  fahren  Amaldr  und 
Einarr  nach  Grönland  ab,  werden  aber  durch  schlimmes  wetter  genötigt  auf  Island  zu 
zu  überwintern,  wo  demzufolge  nach  isländischen  annalen  im  sommer  1126  drei 
bischöfe  am  Allthinge  anwesend  waren.  In  demselben  jähre  erreichten  die  beiden 
genossen  Grönland,  wo  sofort  das  bistum  organisiert  wurde.  Gleichzeitig  mit  ihnen 
war  von  Norwegen  aus  ein  zweites  schiff  abgegangen,  von  einem  manne  namens 
Ambjöm  geführt;  aber  dieses  kam  nicht  an  und  galt  als  verschollen,  bis  endlich 
nach  längerer  zeit  von  einem  Grönländer  namens  Sigurdr  das  leere  schiff,  und  teils 
in  einem  landzelte,  teils  nahe  bei  diesem  die  leichen  der  manschaft  gefunden  wurden. 
Da  Hess  nun  Sigurdr  in  den  kesseln,  die  man  bei  den  toten  fand,  die  leichen  sieden, 
am  das  fleisch  von  den  gebeinen  zu  lösen,  und  brachte  diese  dann  mit  allem  gute, 
das  er  bei  den  verstorbenen  fand,  nach  dem  bischofssitze  zuGardar;  es  geschah  jenes 
aber,  weil  es  so  leichter  schien,  die  gebeine  zur  kirche  zu  bringen.  Die  einschlä- 
gigen werte  stehen  in  Grönlands  historiske  mindesrmserker  II,  s.  690  und  in  der 
Flateyjarbok  DI,  s.  447;  der  verfall  gehört  aber  nach  dem  Schlüsse  der  saga  jedes- 
fals  noch  der  zeit  vor  dem  tode  des  königs  Hai-aldr  gilli  an  (f  1136),  und  mag  etwa 
in  das  jähr  1130  gesezt  werden. 

MÜNCHEN.  K.    MAURER. 


140  MISGSLLEN 

Zum  drama  vom  verlorenen  söhn. 

Die  ministerialbJbliothek  von  Schaffhauson  besizt  als  nr.  23  ihrer  haudschriften 
ein  bändchen  „Lateinisches  Schauspiel.  Travestie  der  parabel  vom  verlorenen  söhn. 
1588  •*.  Im  handschriftenverzeichnis  ist  auf  grund  einer  bemerkung  auf  dem  lezten 
blatte  des  mscr.  als  Verfasser  Samuel  Bovillus  (=  Oechsli)*  angegeben,  aber  mit 
unrecht.  Jene  notiz  lautet:  Acta  est  haec  comoedia  a  clarissimo  viro  D.  Samuele 
BovillOy  hoc  tempore  scholae  Scaphttsianae  rectore.  Anno  1588  ulthni  temporis 
4  die  septembris.  Der  Schaffhauser  schulrector  hat  also  nur  die  aufführung  veran- 
lasst; das  stück  selbst  aber  ist  eine  wörtliche  abschrift  des  Acolastus  von  Gna- 
phaeus,  die  offenbar  für  schulzwecke —  denn  schüler  führten  das  stück  auf —  her- 
gestelt  war.  Weder  Holstein  noch  Spengler  (Der  verlorene  söhn.  Innsbruck  1888*) 
erwähnen  diese  handschrift.  Von  S.  Oechsli  stamt  nur  der  prolog  und  der  epilog, 
beide  deutsch  abgefasst;  sie  stehn  am  Schlüsse  des  dramas  nach  der  lateinischen  pero- 
ratio.  Der  prolog  besteht  aus  100,  der  epilog  aus  170vei-sen,  alle  parweise  gereimt; 
nur  im  epilog  sind  27  —  29  (abschnitt)  sowie  am  Schlüsse  168  — 170  je  drei  verse 
durch  denselben  reim  gebunden. 

Der  prolog  enthält  eine  rochtfertigung  solcher  „nutzlichen  ergetzlichkeit ** 
(v.  22)  auch  in  traurigen  Zeitläuften,  da  sie  zur  boförderung  der  gottesfurcht  diene  (29 
— 40),  die  Jugend  zum  fleiss  und  eifer  im  studieren  reize  (41  —  60),  von  weisen 
leuten  auch  an  anderen  orten  hochgeschäzt  werde  (61  —  68).  Speciell  der  inhalt 
dieses  Stückes  sei  nützlich: 

Und  lernt  darauss  ein  ieder  Christ 

Sund,  schand  zu  meiden,  in  der  not 

Sich  kehren  zfi  dem  lieben  Gott  (69 — 80). 

Bemerkenswert  ist,  dass  v.  85fgg.  deutsche  vorbereitende  inhaltsangaben, 
sowie  deutsche  ge sänge  erwähnt  werden: 

Jedoch,  das  ir  auch  köndt  verston, 

Wie  eins  werd  auff  das  ander  gon, 

So  würt  man  euch  in  teütscher  sprach 

Vorhin  erzellen  alle  sach. 

Euch  zg€t  braucht  man  euch  teutsche  gsang. 

Von  beiden  ist  aber  in  dor  handschrift  nichts  erhalten. 

Im  epilog  werden  die  aus  dem  inhalte  des  Stückes  sich  ergebenden  lehren 
den  Zuhörern  nachdrücklich  an  das  herz  gelegt. 

Beide  stücke,  zu  deren  volständigem  abdruck  hier  kein  räum  ist,  können  zur 
oigänzung  der  vorhandenen  ausgaben  des  „Acolastus"  dienen. 

ZÜRICH.  THEODOR   ODINGA. 


Nochmals  dribolde  seheren. 

Zu  den  dankenswerten  ausführungen  des  herm  collegen  Siebs  über  y^dribolde 
scheren^  (bd.  XXIV  s.  567  dieser  Zeitschrift)  erlaube  ich  mir  einige  bomerkungen  hin- 
zuzufügen. 

1)  Vgl.  Baochtold,  Schweiz,  lit.  gesch.  s.  64,  anmerkung. 

2)  Zu  Spenglers  vorzeiclmis  dor  Acolastns  -  aaffiihningen  sind  aus  Bächtold ,  Schweiz,  litt. -gesch. 
s.  58  fgg.  nachzutragen:  1535  Zürich;  1570/71  Zürich;  1596  Solothum;  1627  Steckbom;  sowie  unsere 
Schaffhauser  aufführung  vom  4.  September  1588. 


MI8CELLEIT  141 

Da  Babucko*s  ausgäbe  des  Josef,  Von  den  sieben  todsünden  (Norden  1875) 
mir  hier  leider  nicht  zugänglich  ist,  vermag  ich  nicht  zu  untersuchen,  ob  in  der 
von  Siebs  nach  Schiller -Lübben  IV,  612  angeführten  stelle  die  bedeutung  von  tri- 
holt  ==  platte,  tonsur  in  der  tat  anzunehmen  ist.  Aus  den  citierten  werten  scheint 
sich  dies  mir  nicht  ohne  weiteres  zu  ergeben,  und  das  von  Schiller  und  Lübben  zu 
jener  erklärung  gesezte  fragezeichen  ist  jedesfals  nicht  unberechtigt.  Ohne  zweifei 
stelt  sich  der  tribolt  hier  wie  bei  Johann  von  Buch  als  eine  art  der  haarschur 
dar;  aber  nur  der  nähere  Zusammenhang  könte  erkennen  lassen,  ob  diese  wirklich 
im  dienste  einer  ernstlich  gemeinten  mönchsweihe  statfand  und  somit  als  tonsur 
im  technischen  sinne  verstanden  werden  muss.  Indessen  ist  dies  eine  für  uns  nicht 
erhebliche  frage.  Denn  auch  wenn  für  die  in  rede  stehende  stelle  die  bedeutung  von 
tribolt  =  tonsur  feststünde,  so  müste  dieselbe  gleich wol  für  den  prolog  zumßioht- 
steig  abgelehnt  werden.  Johann  von  Buch  will  durch  das  y^dribolde  scheren"'  die 
bösen  menschen  für  jedermann  kentlich  machen  —  es  liegt  auf  der  band,  dass  dies 
nicht  durch  eine  tonsur  geschehen  konte.  Nicolaus  Wurm  bemerkt,  dass  man  auf 
diese  ai*t  die  geisteskranken  zu  bezeichnen  pflege  —  es  ist  nicht  minder  deutlich, 
dass  auch  hierfür  nicht  eine  tonsur  dienen  konte.  Wenn  also  in  der  angeführten 
stelle,  was  dahingestelt  bleiben  muss,  eine  solche  ein  tribolt  genant  wurde,  so  wäre 
dies  nur  aus  einer  änderung  der  bedeutung  dieses  wertes  im  laufe  der  zeit  zu 
erklären. 

Die  urspiüngliche  bedeutung  von  dribold  betreffend  habe  ich  nun  folgendes  zu 
dem  bd.  XXIV  s.  284  fg.  bemerkten  nachzutragen. 

Herr  oberbibliothekar  dr.  Steffenhagen  hierselbst  hatte  die  freundlichkeit 
mich  darauf  aufmerksam  zu  machen,  dass  Nicolaus  Wuim  (Handschriftenklasse  E 
des  Richtsteigs  s.  Homoyer  s.  85  note  79)  bei  seiner  motivierung  des  dribolde  sche- 
ren unzweifelhaft  an  diejenige  der  bestrafung  zu  haut  und  haar  dui'ch  die 
ßuchsche  Sachsenspiegelglosse  gedacht  hat.  Wurm  nämlich  hat  Johann  von  Buchs 
Worte  im  Richtsteigprolog  -nUppc  dat  me  de  gttden  bekaiide^  verändert  in  die  woi*te: 
dax  sy  moehtin  frome  lute  irkc7incn  und  sich  vor  in  hutin.  Und  die  glosse 
zu  Ssp.  II,  13  §  1  gibt  als  zweck  der  strafe  zu  haar  an,  ,^dat  ?ne  'n  bekente  unde 
sik  vor  eme  hodde  (so  in  der  mir  von  herm  dr.  Steffenhagen  freundlichst  mit- 
geteilten form  der  Amsterdamer  handschrift;  s.  übrigens  Homeyer  Ssp.'  I,  243). 
„Man  wird  also",  meint  herr  dr.  Steffenhagen,  bei  ^dribolde  schereri  zunächst  an  die 
entehrende  strafe  des  haarabscherens  zu  denken  haben,  wofür  auch  die  Zusam- 
menstellung mit  dem  , durch  die  zähne  brennen'  im  Richtsteigprolog  spricht.  Vgl. 
die  belegstelleu  bei  Grimm,  RA.  s.  709,  11".  Ohne  die  möglichkeit  dieser  annähme  in 
abrede  stellen  zu  wollen  trage  ich  doch  bedenken  sie  zu  teilen.  Die  anlehnung 
Wurms  an  die  glossenstelle  erklärt  sich  zur  genüge  aus  der  gleichheit  des  zwecks 
bei  den  verschiedenen  anwendungsfällen  der  haarschur.  Wurms  weite  y,mocht  ich 
sy  bescheren  gleich  den  toren  als  man  pflit  c%u  tun  den  rechten  toren^^  durch 
welche  er  Johann  von  Buchs  j^dribolde  scheren^  ersezt,  lassen  doch  erkennen,  dass 
er  in  diesem  die  besondere  art  der  haai-schur  erblickt,  die  geisteskranken  zu  teil  wird. 
und  dies  wird  gerade  dann  noch  wahrscheinlicher,  wenn  Wunn  sich  im  übrigen  hier 
an  die  glosse  zu  Ssp.  II,  13  §  1  anschloss  und  somit  viel  mehr  veranlassung  hatte 
an  die  haarschur  der  diebo  als  an  die  der  geisteskranken  zu  denken.  Dass  bei 
diesen  eine  eigentümliche  art  der  haarschur  statfand,  um  sie  anderen  leuten  kentlich 
zu  machen  (s.  auch  die  von  Siebs  angezogene  stelle  bei  Schiller -Lübben  IV,  77), 
dürfte  für  die  zeit  Nicolaus  Wurms  dui'ch  dessen  werte  selbst  für  den  unwahrschein- 


142  BnSCELLSN 

liehen  fall  erwiesen   sein,   dass   dieselben  lediglich  eine   irrige  umsohreibong 
Buchschen  „dribolde  scheren"'  sein  selten. 

Was  nun  schliesslich  die  etymologie  des  wertes  drihold  anbelangt,  so  m 
ich  natürlich  hier  das  wort  an  die  herren  fachmänner  abtreten.  Sachlich  scheint  : 
gegen  die  ansieht  von  Siebs  namentlich  zu  sprechen,  dass  der  dribold  seinen  nan 
dem  Vagabunden  entlehnt  haben  soll,  dass  aber  einerseits  es  eine  blosse  (ich  fi 
hinzu:  eine  meines  erachtens  nicht  wahrscheinliche)  Vermutung  ist,  dass  jeder  va 
bund  geschoren  wurde,  und  dass  anderseits,  auch  wenn  dies  richtig  wäre,  äa 
die  haarsehur  weder  ihren  Ursprung  noch  jemals  ihre  alleinige  oder  nur  vorzügli« 
anwendung  bei  den  vagabunden  gehabt  hat. 

Unter  diesen  umständen  scheint  mir  eine  viel  einfachere  deutung  von  drih 
den  Vorzug  zu  verdienen,  die  mir  herr  bibliothekar  dr.  "Wetzel  in  Kiel  freundlic 
mitgeteilt  hat,  und  deren  sprachliche  zulässigkeit  nach  dem  urteile  des  herm  co) 
gen  Gering  bedenken  nicht  unterliegt.  Daniach  wäre  driholt  einfach  eine  zusa 
mensetzung  von  dri  und  huU  =  häufe,  bündel  (Schiller-Lübben  s.  v.  bt 
I,  449  fg.  Berghaus,  Sprachschatz  der  Sassen  s.  v.  bült  I,  270)  und  bezeichn 
somit  ein  bei  der  schür  übrig  gelassenes  dreibündel  oder  di'eibüschel  von  haaren 
dem  köpfe.    Sachlich  würde  dies  augenscheinlich  sehr  gut  passen. 

KIEL,   29.   FEBBÜAB  1892.  MAX  FAPPENHEIM. 


Zn  Wilhelm  Mttllers  romanze  „Est  est^^ 

In  der  romanze  Est  est   (Gedichte  von  Wilhelm  Müller,   herausgegeben  \ 

Max  Müller.    Leipzig,  1868.    2,  64)  schildert  der  dichter  mit  köstlichem  humor,  \ 

ein  deutscher  ritter,  dem  auf  seinen  zügen  in  Italien  die  welschen  weine  nicht  mi 

den,  seinen  knappen  vorausschickt,   damit  er  an  das  tor  einer  jeden  schenke,  wo 

den  Stoff  gut  finde,  ein  ,est^  schreibe.    In  Montefiascone  mundet  nun  dem  der  e» 

muskateller  so  gut,   dass  er  mit  „feuerrotem  stift"  ein  doppeltes  est  an  die  tür  c 

taveme  schreibt. 

„Und  der  ritter  kam,  sah,  trank 

Bis  er  tot  zu  boden  sank**. 

Der  knappe  aber  sezt  ihm  einen  leichenstein  mit  der  inschrift: 

Propter  nimium  est  est 
Dominus  mens  mortuus  est. 

Aus  der  anmerkung  Max  Müllers  zu  diesem  gedichte  seines  vaters  (a.  a. 
s.  190)  können  wir  nur  im  algemeinen  entnehmen,  dass  dieser  die  sage  poetisch  f 
behandelt  hat.  Genaueren  aufschluss  darüber  gibt  uns  eine  bemerkung  Longfello\ 
der  im  december  1827,  kurz  nach  dem  tode  des  auch  von  ihm  geschäzten  dichte 
in  Montefiascone  sich  aufhielt.  Er  war  offenbar  durch  die  romanze  Müllers,  von  d< 
sen  liedem  er  einige  der  schönsten  ins  englische  übei-tragen  hat,  veranlasst  werde 
den  ort  zu  besuchen,  worauf  auch  ein  citat  aus  derselben  schliessen  lässi  Er  beric 
tet  in  Outre-Mer,  Italy  (Prosa  Works,  Authors  edition.  London  G.  Roudledge  a 
Sons  0.  j.  s.  469)  folgendes:  y^I passed  a  night  at  Montefiascone ,  renoumed  for 
delicate  Muscat  wine,  which  bears  the  name  of  Est,  and  made  a  midnight  p 
grimage  to  the  tomb  of  the  Bishop  John  Defoucris,  who  died  a  niartyr  to  his  lo 
of  this  wine  of  Montefiascone, 


NEUE  EBSÜHEINÜNOEN  143 

y^Propter  nimium  Est,  Est,  Est, 
Dominus  metis  mortutis  est*^, 

Ä  marble  slab  in  the  pavevient,  wom  by  the  footsteps  of  pilffritns  like  myselfj 
Covers  the  dominie's  ashes.  There  is  a  rüde  figure  carved  upon  it,  at  whose  feet 
I  trcteed  out  the  cahalistie  words,  ^Est,  Est,  Esf^,  The  remainder  of  the  inscrip- 
tion  was  ülegible  by  the  flickering  light  of  the  sexton' s  lantem "". 

NOBTHEIM.  R.   SPRENGER. 


NEUE  ERSCHEINUNGEN. 


Altmann,  W.,  Studien  zu  Eberhart  Windecke.  Berlin,  E.  Oärtner.  1891. 
Vin  und  109  8.    2,80  m. 

Der  Verfasser  bringt  aus  der  bisher  so  gut  wie  unbeachtet  gebliebenen  hand- 
Schrift  der  Wiener  hofbibliothek  nr.  2913  neue  abschnitte  und  ergänzungen  zu 
Windeckes  weltchronik  bei,  die  besonders  auch  für  historiker  von  interesse  sind. 
Ausserdem  wird  die  ganze  handschriftenfrage  vom  historischen  gesichtspunkte  aus 
behandelt. 

Bernhardt,  £.,  Die  fürwörter  der  anrede  im  deutschen  (du,  ihr,  er,  sie). 
Abdruck  aus  den  Jahrbüchern  der  kgl.  akadomie  gemeinnütziger  Wissenschaften  zu 
Erfurt,  neue  folge,  heft  17.    21  s. 

Auf  grund  der  von  J.  Grimm  (Gramm.  IV,  297  fgg.  Kl.  Schriften  HI,  236 
fgg.)  gegebenen  anregungen  hat  der  veifasser  den  Sprachgebrauch  in  mehreren 
älteren  und  neueren  deutschen  dichtwerken  genauer  beobachtet  —  Eine  recht 
interessante  Studie  über  dasselbe  thema  ist  früher  veröffentlicht  von  Werner 
Hahn  im  Deutschen  montagsblatt  (Berlin)  vom  26.  11.,  3.  12.,  10.  12.  1888  und 
5.  1.  1889;  eine  ältere  schon  von  Friedrich  Gedike  (vorgelesen  in  der  Berliner 
akademie  der  Wissenschaften  am  30.  Januar  1794,  erechienen  bei  F.  ünger). 

Kneiper,  Philipp,  Französische  familiennamen  in  der  Pfalz,  und  franzö- 
sisches im  Pfälzer  volksmund.  Zweite  verm.  aufläge.  Eaisei'slautem,  Aug. 
Gotthold.    1891.    84  s. 

Larsson,  Ludyig,  ordförrädet  i  de  älsta  islänska  handskrifterna  .  .  .  leksikaliskt  ock 
granmiatiskt  ordnat.  Lund  1891.  Phil.  lindstedts  universitets-bokhandol.  (VI), 
VI,  438  SS.    4.    Nur  in  200  exemplaren  gedruckt.    20  kr. 

Meyers  Idassilierausgaben.  Kritisch  durchgesehen  und  erläutert.  Leipzig  und  Wien, 
bibliographisches  institut. 

In  dieser  empfehlenswerten  samlung  sind  neu  erschienen  Gellerts  dich- 
tuDgen  (auswahl  in  einem  bände),  bearbeitet  von  A.  SchuUerus;  Eichen dorffs 
werke  (auswahl  in  zwei  bänden),  bearbeitet  von  R.  Dietze;  forner  Hauffs  werke, 
herausgegeben  von  Max  Mendheim  (3  bände).  Die  texte  sind  koiTekt,  die  einlei- 
tungen  knapp  aber  gründlich  durchgeai'beitet.  Der  preis  von  2  mark  für  jeden 
teil  in  gutem  ganzleinenband  ist  bei  der  vorzüglichen  ausstattung  sehr  massig 
zu  nennen. 

Mftller- Frauenstein,  G.,  Von  H.  v.  Kleist  bis  zur  gräfin  M.  Ebner-Eschen- 
bach.  Zehn  vortrage  über  die  neueste  deutsche  litteratur.  Mit  10  bildnissen  in 
holzschniti    Hannover,  L.  Ost.  1891.    VUI  und  382  s.    4,50  m. 

Zur  orientierenden  übei*sicht,  sowie  zum  anhält  für  den  lelirvortrag  recht 
bnaci^bar. 


142  MISCELLXN 

liehen  fall  erwiesen   sein,   dass   dieselben  lediglich  eine   irrige  Umschreibung  des 
Buchschen  ^dribolde  scheren'*'  sein  selten. 

Was  nun  schliesslich  die  etymologie  des  wertes  drihold  anbelangt,  so  muss 
ich  natürlich  hier  das  wort  an  die  herren  fachmänner  abtreten.  Sachlich  scheint  mir 
gegen  die  ansieht  von  Siebs  namentlich  zu  sprechen,  dass  der  dribold  seinen  namen 
dem  Vagabunden  entlehnt  haben  soll,  dass  aber  einerseits  es  eine  blosse  (ich  füge 
hinzu:  eine  meines  erachtens  nicht  wahrscheinliche)  Vermutung  ist,  dass  jeder  vaga- 
bund  geschoren  wurde,  und  dass  anderseits,  auch  wenn  dies  richtig  wäre,  doch 
die  haarschur  weder  ihren  Ursprung  noch  jemals  ihre  aUeinige  oder  nur  vorzügliche 
anwendung  bei  den  vagabunden  gehabt  hat 

Unter  diesen  umständen  scheint  mir  eine  viel  einfachere  deutung  von  dribold 
den  Vorzug  zu  verdienen,  die  mir  herr  bibliothekar  dr.  "Wetzel  in  Kiel  freundlichst 
mitgeteilt  hat,  und  deren  sprachliehe  zulässigkeit  nach  dem  urteile  des  herm  colle- 
gen  Gering  bedenken  nicht  unterliegt.  Daniach  wäre  dribolt  einfach  eine  Zusam- 
mensetzung von  dri  und  bult  =  häufe,  bündel  (Schiller-Lübben  s.  v.  bidte 
I,  449  fg.  Berghaus,  Sprachschatz  der  Sassen  s.  v.  hült  I,  270)  und  bezeichnete 
somit  ein  bei  der  schür  übrig  gelassenes  dreibündel  oder  di'eibüschel  von  haaren  auf 
dem  köpfe.    Sachlich  würde  dies  augenscheinlieh  sehr  gut  passen. 

KIEL,   29.   FEBBÜAB  1892.  MAX  FAPPENHEIM. 


Zn  Wilhelm  Mttllers  romanze  ^^Est  est^^ 

In  der  romanze  Est  est  (Gedichte  von  Wilhelm  Müller,  herausgegeben  von 
Max  Müller.  Leipzig,  1868.  2,  64)  schildei-t  der  dichter  mit  köstlichem  humor,  wie 
ein  deutscher  ritter,  dem  auf  seinen  zügen  in  Italien  die  welschen  weine  nicht  mun- 
den, seinen  knappen  vorausschickt,  damit  er  an  das  tor  einer  jeden  schenke,  wo  er 
den  Stoff  gut  finde,  ein  „est*'  schreibe.  In  Montefiascone  mundet  nun  dem  der  edle 
muskateller  so  gut,   dass  er  mit  „feuerrotem  stift"  ein  doppeltes  est  an  die  tür  der 

taverne  schreibt. 

„Und  der  ritter  kam,  sah,  trank 

Bis  er  tot  zu  boden  sank". 

Der  knappe  aber  sezt  ihm  einen  leichenstein  mit  der  insehrift: 

Propter  nimium  est  est 
Dominus  mens  mortuus  est. 

Aus  der  anmerkung  Max  Müllers  zu  diesem  gedichte  seines  vaters  (a.  a.  o. 
s.  190)  können  wir  nur  im  algemeinen  entnehmen,  dass  dieser  die  sage  poetisch  frei 
behandelt  hat.  Genaueren  aufschluss  darüber  gibt  uns  eine  bemerkung  Longfellows, 
der  im  december  1827,  kurz  nach  dem  tode  des  auch  von  ihm  geschäzten  dichters, 
in  Montefiascone  sich  aufhielt.  Er  war  offenbar  durch  die  romanze  Müllers,  von  des- 
sen liedem  er  einige  der  schönsten  ins  englische  übeiixagen  hat,  veranlasst  worden, 
den  ort  zu  besuchen,  worauf  auch  ein  citat  aus  derselben  sehliessen  lässt.  Er  berich- 
tet in  Otäre-Mer,  Italy  (Prose  Works,  Authors  edition.  London  G.  Roudledge  and 
Sons  0.  j.  s.  469)  folgendes:  ^I passed  a  night  at  Monteßascofie ,  renoumed  for  a 
delicute  Muscat  wine,  which  bears  the  ttawe  of  Esij  and  made  a  midnight  pil- 
grimage  to  the  tomb  of  the  Bishop  John  Defoucris,  who  died  a  niartyr  to  his  love 
of  this  unne  of  Montefiascone. 


NEÜS  EB8CHEINT7NOEN  143 

jfPropter  nimium  Est,  Est,  Est, 
Dominus  metis  mortuus  est"'. 

Ä  marhle  slab  in  the  pavement,  wom  hy  the  footsteps  of  pilgrims  like  myself, 
Covers  the  dominie*s  ashes,  There  is  a  rüde  figure  carved  upon  it^  at  whose  feet 
I  ircteed  out  the  eabalistie  words,  j^Est,  Est,  Est"".  The  remainder  of  the  inscrip- 
tion  was  illegihle  by  the  flickering  Light  of  the  sexton* s  lantem ". 

NOBTHEIH.  B.   SPRBNQBR. 


NEUE   ERSCHEINUNGEN. 


Altmann,  W.,  Studien  zu  Eberhart  Windecke.  Berlin,  E.  Oärtner.  1891. 
Vin  und  109  8.    2,80  m. 

Der  Verfasser  bringt  aus  der  bisher  so  gut  wie  unbeachtet  gebliebenen  band- 
Schrift  der  Wiener  hofbibliothek  nr.  2913  neue  abschnitte  und  ergänzungen  zu 
Windeckes  weltchronik  bei,  die  besonders  auch  für  historiker  von  interesse  sind. 
Ausserdem  wird  die  ganze  handsohriftenfrage  vom  historischen  gesichtspunkte  aus 
behandelt. 

Bernhardt,  £.,  Die  fürwörter  der  anrede  im  deutschen  (du,  ihr,  er,  sie). 
Abdruck  aus  den  Jahrbüchern  der  kgl.  akademie  gemeinnütziger  Wissenschaften  zu 
Erfurt,  neue  folge,  heft  17.    21  s. 

Auf  grund  der  von  J.  Grimm  (Gramm.  IV,  297  fgg.  Kl.  Schriften  III,  236 
fgg.)  gegebenen  anregungen  hat  der  Verfasser  den  Sprachgebrauch  in  mehreren 
älteren  und  neueren  deutschen  dichtwerken  genauer  beobachtet.  —  Eine  recht 
interessante  studio  über  dasselbe  thema  ist  früher  veröffentlicht  von  Werner 
Hahn  im  Deutschen  montagsblatt  (Berlin)  vom  26.  11.,  3.  12.,  10.  12.  1888  und 
5.  1.  1889;  eine  ältere  schon  von  Friedrich  Gedike  (vorgelesen  in  der  Berliner 
akademie  der  Wissenschaften  am  30.  Januar  1794,  erschienen  bei  F.  Unger). 

Kneiper,  Philipp,  Französische  familiennamen  in  der  Pfalz,  und  franzö- 
sisches im  Ffälzer  volksmund.  Zweite  verm.  aufläge.  Kaiseralautem,  Aug. 
Gotthold.    1891.    84  s. 

Larsson,  Ludvig,  ordfön*ädet  i  de  älsta  islänska  handskriftema  .  .  .  leksikaliskt  ock 
grammatiskt  ordnat.  Lund  1891.  Phil.  Lindstedts  universitets-bokhandel.  (VI), 
VI,  438  SS.    4.    Nur  in  200  exemplaren  gedruckt.    20  kr. 

Meyers  Idassikerausgaben.  Kritisch  durchgesehen  und  erläutert.  Leipzig  und  Wien, 
bibliographisches  institut. 

In  dieser  empfehlenswerten  samlung  sind  neu  erschienen  Gellerts  dich- 
tungen  (auswahl  in  einem  bände),  bearbeitet  von  A.  Schullerus;  Eichendorffs 
werke  (auswahl  in  zwei  bänden),  bearbeitet  von  R.  Dietze;  ferner  Hauffs  werke, 
herausgegeben  von  Max  Mendheim  (3  bände).  Die  texte  sind  korrekt,  die  einlei- 
tungen  knapp  aber  gründlich  durchgearbeitet.  Der  preis  von  2  mark  für  jeden 
teil  in  gutem  ganzleinenband  ist  bei  der  vorzüglichen  ausstattung  sehr  massig 
zu  nennen. 

Müller- Franenstein,  G.,  Von  H.  v.  Kleist  bis  zur  gräfin  M.  Ebner-Eschen- 
bach.  Zehn  vortrage  über  die  neueste  deutsche  litteratur.  Mit  10  bildnissen  in 
holzschnitt.     Hannover,  L.  Ost.  1891.     VUI  und  382  s.    4,50  m. 

Zur  orientierenden  Übersicht,  sowie  zum  anhält  für  den  lehrvortrag  recht 
braucl^bar. 


144  NAGHBIOHTEK 

Norgres  indskrifter  med  de  aBldre  raner.  XJdgivne  for  det  norske  historiske  kilde- 
skriftfond  ved  Sophus  Bngge.  Iste  hefte.  Christiania  1891.  A.  W.  Broggers 
bogtrykkeri.    48  s.    4. 

Das  erste  heft  dieser  hochbedeutenden  pablikation,  auf  die  wir  in  einer  aus- 
führlichen besprechung  zurückkommen  werden,  behandelt  die  runeninschriften  auf 
dem  steine  von  Tune,  dem  brakteaten  von  Fredrikstad  und  der  bronzefigur  von 
Freihus. 

Olbrich,  Karl,-  Goethes  spräche  und  die  antike.  Leipzig,  F.  W.  v.  Bieder- 
mann. 1891.    116  s.    2  m. 

Der  Verfasser  bespricht  für  die  Wortstellung  namentlich  das  attributive 
adjectivum,  für  den  wortgebrauch  die  fortlassung  des  artikels,  die  prädicative 
anfügung  ohne  als,  den  comparativ  und  Superlativ  der  adjectiva,  vei-schiedene 
Verwendungen  der  casus,  den  gebrauch  der  participia  und  die  neubildung  zusam- 
mengesezter  adjectiva.  Bei  einigen  gebrauchsweisen  kann  man  zweifehi,  ob  sie 
wirklich  durch  antikes  vorbild  veranlasst  worden  sind;  manchmal  hätte  mit  schär- 
ferer kritik  dasjenige  ausgesondert  werden  können,  was  selbst  durch  den  Vorgang 
Goethes  im  deutschen  nicht  üblich  geworden  ist.  Sonst  aber  ist  die  arbeit  sorg- 
fältig ausgeführt  und  sehr  dankenswert. 

Schulze,  Berthold,  Zwei  ausgewählte  kapitel  der  lehre  von  der  mhd. 
Wortstellung.  Mit  besonderer  rücksicht  auf  "Wolframs  Parzival.  Berlin,  diss. 
1892.     (Heinrich  und  Kemke).    58  s. 

Inhalt:  1.  Die  Stellung  verbum  —  subject  im  aussagesatze  ohne  satzeröf- 
nende  bestimmung.  2.  Die  negativ -excipieronden  sätze.  —  Der  Verfasser  macht 
sich  die  sache  nicht  leicht;  er  hat  nicht  nur  fleissig  gesammelt  und  gezählt,  son- 
dern auch  seine  resultate  mit  rücksicht  auf  die  früheren  erörterungen  der  hierher 
gehörenden  fragen  gründlich  erwogen.  Lehrreich  ist  namentlich  die  besprechung 
der  nachsätze  mit  voranstehendem  verbum  (s.  40  fg.),  sowie  der  inversion  nach 
und  (s.  44fgg.),  die  neulich  von  herrn  Job.  Pöschol  (Grimma,  G.  Gensei.  1891. 
13  s.  4)  zum  gegenständ  einer  besonderen  abhandlung  gemacht  worden  ist.    o.  e. 


NACHRICHTEN. 

Der  ausserordentl.  professor  dr.  Konrad  Burdach  in  Halle  ist  zum  Ordinarius 
ernant,  prof.  dr.  Oskar  Brenner  in  München  als  nachfolger  Lexers  nach  Würzbui^ 
versezt. 

Es  habilitierten  sich  für  germanische  philologie:  in  Heidelberg  dr.  Bernhard 
Kahle,  in  Halle  dr.  Siegmar  Schnitze,  in  Wien  dr.  Ferdinand  Detter. 

Gestorben:  am  29.  Januar  1892  in  Strassburg  professor  dr.  Bernhard  ten 
Brink  (geb.  12.  jan.  1841);  am  15.  februar  zu  Lund  der  ordentl.  professor  der  nor- 
dischen Philologie  dr.  Theodor  Wisen,  mitglied  der  schwedischen  akademie  (geb. 
1835).  

Berichtigung. 

Bd.  XXIV  s.  467b  vers  9  kafidais]  lies  kanda'isy  s.  482a  vers6  v.u.  Pvhuri] 
lies  PVImrt. 

Hallo  a.  S. ,   Buohdnickoroi  iloa  Waisenhauses. 


ZUE  KLAGE. 

Unter  Lachmanns  kriterien  für  die  „unechten"  teile  der  Nibelun- 
genlieder nent  K.  Müllenhoflf  („Zur  geschichte  der  Nibelunge  not" 
s.  3)  vornehmlich  zwei  innere  kenzeichen.  Das  eine  sind  „wolfeile 
beschreibungen  von  kleidern  und  ritterfesten"  —  sicher  der  beste 
beweis  für  jüngeren  Ursprung  der  betreffenden  partie.  Das  Nibelungen- 
lied in  den  auf  uns  gekommenen  fassungen  gehört  eben  bereits  der 
„höfischen"  periode  an;  der  geschmacksrichtung  dieser  epoche  also 
entrichten  schon  die  redaktoren  der  fassung  A,  in  noch  höherem  grade 
aber  die  von  B  und  C  ihren  tribut  Ein  zweites  kriterium  innerer  art 
ist  das  „müssige  anbringen  der  burgundischen  beiden  (Dancwart,  Ger- 
not u.  a.)  bloss  in  der  absieht,  damit  sie  nicht  vergessen  werden". 
Mit  recht  bemerkt  Müllenhoflf:  „Solte  aus  den  liedern  ein  gedieht  wer- 
den, so  durften  nicht  einzelne  personen  lange  strecken  hindurch  dem 
blick  entschwinden;  so  brachte  man  sie  an,  auch  wo  sie  eigent- 
lich nichts  zu  sagen  noch  zu  tun  haben".  Auch  diese  manier  der 
Überarbeiter  und  erweiterer  steht  im  zusammenhange  mit  höfischem 
geschmack,  mit  den  gewohnheiten  des  ritterepos.  Die  alte  heldensage, 
einfach  in  ihren  mittein  und  beschränkt  in  der  anzahl  der  auftretenden 
personen,  liess  ihre  nebenfiguren  abtreten,  sobald  sie  nicht  mehr 
unmittelbar  in  den  gang  der  ereignisse  eingriflfen.  Das  ritterepos  dage- 
gen schwelgt  in  Staffage.  Ganze  heerlager  von  beiden,  mehr  oder 
weniger  individualisiert,  in  grösserem  oder  geringerem  zusammenhange 
mit  der  eigentlichen  handlung,  bringt  es  auf  den  Schauplatz;  und  wo 
sich  gelegenheit  bietet,  sorgt  es  dafür,  dass  die  herren  nicht  der  Ver- 
gessenheit anheimfallen,  und  selten  sie  weiter  nichts  tun  als  beim 
nächsten  tumiere  mit  ijostieren  und  buhurdieren.  Im  Verhältnis  dazu 
steht  natürlich  das  Interesse  an  der  person  des  haupthelden:  daher  die 
fortsetzungen  und  abschlüsse  der  unvollendet  gebliebenen  grossen  epen, 
des  Willehalm,  Titurel,  Tristan;  ein  Interesse,  das  sich  überwiege  und 
sarg  des  beiden  hinaus  erstreckt:  daher  die  Zusammenfassung  der  lie- 
der  von  Hagens  Jugend,  von  Hilde  und  von  Kudrun  zu  einem  ganzen; 
daher  die  geschichte  der  eitern  des  holden  im  Tristan  und  im  Parzival, 

ZSETSCHRIFT  F.   DEUTSCHE  FHILOLO&IE.      BD.   XXV.  10 


146  BIKORR 

an  dessen  schlnss  der  dichter  noch  einen  ausblick  auf  die  geschieh 
Lohengrins,  des  sohnes  des  Parzival,  gibt. 

Eine  zeit,  die  einer  solchen  geschmacksrichtung  huldigte,  und 
der  man  anfieng  auch  die  alten  heldenlieder  zum  ritterroman  umz 
giessen,  muste  in  den  Nibelungenliedern  noch  etwas  mehr  vermiss« 
als  etwa  das  widerauftreten  Dancwarts  oder  Rumolts.  Wo  blieb  dei 
vor  allem  nach  dem  untergange  der  Burgunden  Brünhilt,  die  do 
Hagen  zum  morde  angestiftet  hatte  und  damit  der  lezte  urgrund  v< 
der  Nibelunge  not  geworden  war?  Was  wurde  aus  dem  reiche  d 
Burgunden  nach  dem  falle  der  drei  könige?  Was  aus  der  witwe  d 
markgrafen  Rüedeger  und  aus  seiner  tochter,  deren  verlebter  Giselh 
gefallen  war?  Was  endlich  aus  Dietrich  und  Hildebrant,  den  eilende 
die  nun  alle  ihre  leute  verloren  haben  —  was  schliesslich  auch  a 
Etzel?  Mag  uns  heute  das  Nibelungendrama  vollendet  und  in  si 
abgeschlossen  erscheinen  —-  das  publikum  an  der  wende  des  12.  ui 
13.  Jahrhunderts  konte  darüber  ganz  anderer  ansieht  sein. 

Nun  finden  in  der  tat  alle  jene  fragen  eine  —  wenn  auch  nie 
überall  befriedigende  —  beantwortung  in  jenem  gedieh te,  das  uns 
den  handschriften  als  anhang  zum  Nibelungenliede  erhalten  ist,  n 
der  benennung  (v.  2160):  diu  klage.  Oder  vielmehr  (genauer  au 
gedrückt)  in  einem  teile  dieses  gedichts.  Denn  dasselbe  zerfalt  s( 
nem  Inhalte  nach  in  zwei  an  umfang  ziemlich  gleiche  abschnitte.  D 
vordere  gibt  einleitungsweise  (bis  293)  in  kurzen  zügen  eine  darstt 
lung  vom  untergange  der  Nibelungen;  alsdann  werden  (294 — 126 
die  einzelnen  hervorragenden  beiden  der  Burgunden,  Hunnen  ui 
AmeluDgen  aus  ihrem  blute  weggeschaft  und  bestattet  Bei  jede 
erhebt  sich  neue  klage  der  überlebenden.  Da  wir  etwas  diesen  klag« 
entsprechendes  in  unserer  älteren  litteratur  nicht  besitzen,  so  lass« 
wii*  es  auf  sich  beruhen,  ob  dieser  teil  des  gedichts,  der  beinahe  jed 
handlung  entbehrt,  seinem  Inhalte  nach  im  geschmacke  der  alten  saj 
oder  des  neueren  ritterromans  ist,  und  ob  er  überhaupt  für  einen  foi 
setzer  der  Nibelungenlieder  notwendig  war.  Der  zweite  teil,  von  12' 
an,  gibt  dafür  das  gewünschte.  Die  überlebenden,  Etzel,  Dietrich,  H 
debrant,  senden  boten  nach  Bechelaren  und  Worms,  an  ihrer  spitze  d< 
spilman  Swemmelin,  der  schon  das  botenamt  versah,  als  er  die  Bu 
gunden  zu  dem  verhängnisvollen  feste  lud.  Man  kent  ihn  daher 
Worms  bereits  (1792).  Die  rüstungen  und  streitrosse  von  Büedeg 
und  Günther  führen  sie  mit  sich.  So  geht  es  zunächst  über  Wie 
nach  Bechelaren.  Gotelint  und  Dietlint,  die  bereits  infolge  von  trä 
men  und  der  art  und  weise,  wie  sie  die  boten  dann  herannahen  sehe 


ZUR  KLAGE  147 

von  bösen  ahnungen  erfüll  sind,  will  man  zuerst,  dem  geböte  Dietrichs 
gemäss,  mit  der  lüge  abspeisen,  Rüedeger  sei  mit  Etzel  auf  der  her- 
fahrt begriffen.  Allein  als  Dietlint  weiter  in  die  boten  dringt,  wie 
denn  Krierahilt  den  Hagen,  wie  sie  Günther  empfangen,  ob  sie  beiden 
verziehen,  vor  allem  wo  denn  ihr  bräutigam  Giselher  bleibe,  und  man 
sie  auch  jezt  noch  mit  falscher  hofnung  trösten  will  —  da  kann  einer 
der  boten  sein  schluchzen  nicht  mehr  zurückhalten  und  nötigt  zum 
geständnis  der  Wahrheit.  Jedoch  lässt  Etzel  versprechen,  dass  er  für 
beide  frauen  wie  ein  vater  sorgen  wolle;  auch  Dietrich  entbietet  ihnen 
seinen  dienst  und  stelt  seine  baldige  ankunft  in  aussieht.  Von  hier 
machen  sich  die  boten  nach  Worms  auf  den  weg.  Gotelint  kann  sie 
vor  trauer  bei  ihrem  abschiede  nicht  empfangen  (1635),  nach  wenig 
tagen  stirbt  sie  vor  gram  (2115).  Dietlint  behält  noch  so  viel  besin- 
nung,  um  den  verwanten  in  Worms  melden  zu  lassen,  dass  sie  mit 
Giselher  verlobt  gewesen  sei  (1640).  Beim  weiterzuge  der  boten  nach 
Worms  tauchen  nun  alle  alten  bekanten  aus  dem  entsprechenden  teile 
des  Nibelungenliedes,  dem  zuge  der  Burgunden  von  Worms  nach  Beche- 
laren,  wider  auf:  zunächst  Pilgerim  von  Passau,  bei  dem  das  gedieht 
lange  verweilt  1647  fgg.;  er  ist  ja  nächster  verwanter,  froun  Voten 
swesterkint  Der  bösen  Baiem  wird  gedacht  1745  fg.,  die  jedoch  dies- 
mal ganz  zahm  sind,  aus  respekt  vor  Etzel  (vgl.  ihr  verhalten  gegen 
Werbel  und  Swemmel  Nib.  1369  aus  dem  gleichen  gründe),  ja  die 
boten  mit  gäbe  unterstützen.  Else  hört,  wie  es  den  Burgunden  ergan- 
gen und  freut  sich,  nunmehr  an  Hagen  und  Dancwart  für  seines  bru- 
ders  (Gelphrat,  der  name  wird  nicht  genant)  tod  gerächt  zu  sein  (1753 
— 1763).  In  Worms  sodann  finden  sich  (1765  fg.)  alle  jene  personen 
vor,  die  das  lied  dort  zurückgelassen:  Brünhilt,  der  junge  könig,  Ru- 
molt,  dem  Nib.  1459  Günther  weib,  kind  und  reich  übergeben  hatte  — 
und  der  Verfasser  verfehlt  nicht,  auf  Rümoltes  rät  mit  nachdruck  liin- 
zuweisen  Kl.  2010,  2029  fgg.:  wie  es  scheint  in  den  damaligen  ritter- 
lichen kreisen  ein  beliebtes  motiv,  das  auch  Wolfram  im  Parziv.  420, 
26  —  30  verwendet.  Auch  Sindolt  der  schenke  tritt  auf  (1872).  Nur 
Hunolt  fehlt,  der  im  liede  anfangs  immer  mit  Sindolt  zusammen 
erscheint  und  in  A  mit  ihm  zusammen  (719)  zum  lezten  male  genant 
wird,  während  ihn  C  an  dieser  stelle  nicht  erwähnt.  Uote  erscheint 
von  ihrem  sedelhof  bei  der  von  ihr  gestifteten  abtei  ^^  Lorse  (1842), 
vgl.  Nib.  1082,  5  fg.  (nur  in  C).  Dort  wird  sie  auch  bestattet,  als  sie 
vor  gram  gestorben  ist  (1992).  Brünhilt  hat  als  anstifterin  von  Sieg- 
frieds ermordung  die  lezte  schuld  am  ganzen  unheil,  darf  also  nicht 
straflos  ausgehn,   wo  die  andern  dem  furchtbarsten  geschick  verfallen 

10* 


148  BIE6SR 

sind.  Sie  einfach  infolge  Schmerzes  um  die  gefallenen  sterben  zu  las- 
sen, wie  Gotelint  und  XJote,  schien  dem  dichter  mit  der  Brünhilt  des 
IV.  liedes  und  der  brautnacht  doch  nicht  vereinbar,  auch  war  das 
motiv  verbraucht;  daher  deutet  er  ihren  ungeheuren  seelenschmerz  an, 
in  der  selbstanklage,  Kl.  1987  —  1991. 

Bis  hierher  reicht,  um  mich  so  auszudrücken,  der  destruktive 
teil  des  gedichts:  nunmehr  begint  der  Verfasser  wider  aufzubauen.  Sche- 
rer (L.  6.^  s.  124)  charakterisiert  den  eindruck,  den  der  schluss  von 
der  Nibelunge  not  auf  den  heutigen  leser  macht,  mit  den  werten: 
„Bliebe  uns  die  hofiiung,  dass  Dietrichs  loos  sich  mildem  werde,  dass 
noch  unter  seinem  kraftvollen  regimente  irgendwo  das  heil  erblühen 
könte,  so  hätten  wir  die  empfindung  wie  am  schluss  einer  Shakespeare- 
schen  tragödie,  wo,  nachdem  eine  generation  voll  sünde  und  schuld 
dahingeraft  ist,  nun  unter  führung  eines  jungen,  reinen  beiden  ein 
neues  leben  zu  beginnen  scheint.  Aber  es  ist  nicht  so.  Der  dichter 
erö&et  uns  keinen  solchen  beruhigenden  ausblick.  Er  sagt  ausdrück- 
lich, dass  er  nichts  mehr  zu  berichten  wisse,  als  dass  man  die  gefal- 
lenen beweinte.  Dieser  Etzel,  dieser  Dietrich,  dieser  Hildebrant,  die 
an  dem  grabe  des  liebsten  stehen,  was  sie  besassen,  haben  keine  zukunft". 
Wie  disharmonisch  muste  dieser  ausgang  des  ganzen  das  publikum 
berühren,  das  keinen  rechten  sinn  mehr  für  die  alten  heldenlieder  in 
ihrer  grossartigen  tragik  hatte,  das  publikum  der  höfischen  ritterromane! 
Schon  aus  diesem  gründe  verlangt  das  Nibelungengedicht  in  jener 
weicheren  zeit  einen  anhang,  der  das  gewaltige  drama  wenigstens  durch 
frohe  ausblicke  in  die  zukunft  mildert.  Nun  ist  ja  für  den  haupthel- 
den  des  Nibelungengedichtes,  Siegfried,  gleichsam  schon  gesorgt  in 
jenem  gedichte  selbst:  Nib.  659  fg.  wird  ihm  ein  söhnlein  geboren, 
Günther  nach  seinem  seh  wager  genant;  dieses  söhnleins  gedenkt  der 
sterbende  sorgend  936;  Kriemhilt  (1030)  befiehlt  es  der  obhut  ihres 
heimziehenden  vaters,  den  sich  der  teilnehmende  leser  auch  nach  der 
katastrophe  an  Etzels  hofe  gleichfals  noch  am  leben  denken  kann. 
Für  das  burgundische  haus  sorgt  unser  Verfasser:  die  hoesten  und  die 
besten  (Kl.  1998)  versammeln  sich  auf  die  nachricht  Swemmels  hin  bei 
hofe,  und  das  um  seinen  rat  befragte  volk  schlägt  vor,  den  jungen 
könig  (Sivrit  II,  Nib.  662)  zum  ritter  zu  schlagen  und  ihn  U9ider  kröne 
(]en  zu  lassen;  so  werde  man  nicht  mehr  ohne  voget  sein  und  der 
königin  ein  teil  erleschen  ir  ungefiiegen  klage.  Schon  Pilgerim  (Kl. 
1725  fgg.)  hatte  den  boten  aufgetragen,  die  Ountheres  man  an  ihre 
treue  gegen  diesen  und  den  jungen  könig  zu  mahnen,  den  sie  m 
einem  man  xielicn   sollon.     Dann    tröstet  Sindolt   (Kl.  1878)    Brünhilt 


ZUB  KLAGE  149 

damit,  dass  er  ihr  die  aussieht  auf  krönung  ihres  sohnes  eröfnet  End- 
Kch  dringt  Rumolt  (Kl.  2039)  auf  ausführung  des  beschlusses.  So  wird 
denn  zu  Worms  das  fest  der  krönung  gefeiert  (2046).  Der  leser  kann 
befriedigt  abschied  nehmen. 

Nun  zu  den  Amelungen.  Dietrich  tritt  mit  Hildebrant  die  rück- 
kehr  in  sein  reich  an,  nimt  aber  seine  verlobte  Herrat,  Hekhen  swe- 
ster  tohter,  mit  (zweimal  im  lied  erwähnt,  Nib.  1321  und  1329,  ohne 
dass  sie  dort  irgendwie  selbständig  hervortritt).  So  braucht  der  leser 
auch  an  seinem  Schicksale  nicht  zu  verzweifeln:  dieser  Dietrich  und 
damit  auch  sein  getreuer  Hildebrant  haben  eine  Zukunft!  —  Aber  auch 
über  Dietlints  geschick  werden  wir  einigermassen  beruhigt.  Dietrich 
berührt,  wie  er  versprochen,  Bechelaren,  wo  er  freilich  Gotelint  tot 
findet  Herrat  küsst  die  verwaiste  Dietlint,  drückt  sie  an  ihre  brüst 
imd  verheisst  ihr,  so  lange  Dietrich  lebe,  solle  sie  nicht  verlassen  sein 
(Kl.  2120  fgg.)  —  eine  anmutige,  echt  höfische  rührscene!  Dietrich 
selbst  aber  schwört  ihr  2136:  sol  ich  deheine  ivtle  leben,  ich  toil  dich 
einefn  manne  geben,  der  mit  dir  boive  diniu  lant.  Er  befielüt  sie  ir 
vater  mannen.  Sie  erschrickt  (2141),  dax  diu  vil  gröxe  ere  (über  das 
land  ihres  vaters  zU  herschen),  an  si  eine  was  komen.  Der  dichter 
versichert  dann  noch,  dass  man  ihr  alle  ihr  zukommende  ehren  habe 
zu  teil  werden  lassen,  dass  niemand  ihr  etwas  zu  leide  getan,  und 
dass  sie  vil  gerne  des  ihr  von  Dietrich  versprochenen  gatten  gehart 
habe.  Dass  der  versprochene  gemahl  nicht  noch  wirklich  eintrift,  und 
dass  das  ganze  nicht  mit  einer  hochzeit  abschliesst,  ist  nicht  schuld 
unseres  Verfassers:  er  hatte  eben  beim  besten  willen  keinen  der  hol- 
den aus  diesem  kreise  mehr  zu  vergeben,  und  für  den  alten  Hildebrant, 
der  Kriemhilden  in  unsinne  erschlagen,  war  sie  ihm  doch  zu  gut. 
Wie  viel  besser  war  da  der  dichter  des  Schlusses  der  Kudrun  daran: 
dem  gestattete  die  zahl  der  glücklich  geretteten,  zulezt  eine  dreifache 
hochzeit  zu  veranstalten!  —  Am  schlechtesten  komt  der  arme  Etzel 
weg,  der  überhaupt  durchweg  mit  grosser  Ungunst  behandelt  ist  und 
wenig  mänlich  und  königlich  erscheint  (Kl.  415  fg.,  425,  510  fg.,  1155, 
2091  fg.).  Allein  der  ist  ja  ein  beide!  Er  war  zwar  fünf  jähre  lang 
Christ,  hat  sich  aber  durch  seine  abgot  wider  zum  abfalle  verleiten  las- 
sen (Kl.  494  fgg.).  Über  ihn  und  sein  Schicksal  sezt  sich  der  höfische 
leser  noch  am  ehesten  hinweg.  Er  muss  denn 'auch  daran  verzweifeln, 
dass  ihn  gott  von  neuem  annehmen  will:  er  hat  keinen  trost  als  den 
tod  (496 — 504).  Er  ist  zulezt  von  allen  verlassen,  niemand  kümmert 
sich  um  ihn  (2100),  er  ist  nicht  tot  und  nicht  lebend,  swebt  in  einem 
ttmlm  (2098).     Der  dichter  weiss  nichts  von  seinem  Schicksale,  nach 


150  B1£6£B 

abzug  der  Araelunge  (2101  fg.),  wie  er  ja  auch  in  der  sage  hiemach 
völlig  spurlos  verschwindet 

Verdankt  aber  die  Klage  oder  doch  der  von  uns  betrachtete  teil 
derselben  seine  entstehung  dem  höfischen  geschmack,  den  der  abschluss 
der  Mbelungentragödie  nicht  befriedigte,  so  muss  sich  zeigen,  wie  auch 
im  einzelnen  die  ganze  behandlung  der  aus  der  Nibelungensage  über- 
nommenen personen  demselben  rechnung  trägt.  Bei  weitem  im  Vor- 
dergründe des  Interesses  steht  für  den  höveschen  man  natürlich  das 
weih  Kriemhilt.  Mit  ihr  beschäftigt  sich  unser  dichter  ganz  beson- 
ders angelegentlich  und  oft.  Man  denke  sich  die  Kriemhilt,  die  den 
eigenen  söhn  mit  Überlegung  und  absieht  ihi*er  räche  opfert  (wenigstens 
in  der  fassung  von  AB  str.  1849),  die  ihre  am  morde  des  gatten 
unschuldigen  brüder  Gemot  und  Giselher  mit  ins  verderben  stürzt,  mit 
dem  blutigen  haupte  ihres  bruders  Günther  vor  Hagen  tritt,  diesen 
selbst  schliesslich  enthauptet,  vor  dem  forum  jener  ritter  und  damen! 
Ihre  handlungsweise  also  bedarf  in  jeder  hinsieht  der  erklärung,  recht- 
fertigung  und,  wo  es  angeht,  milderung.  Was  das  lezte  betritt,  so 
lässt  unser  gedieht  1968  Kriemhilt  Hagen  nicht  eigenhändig  das  haupt 
abschlagen,  nur  den  befehl  zu  seiner  und  Günthers  abschlachtung 
geben,  während  allerdings  367  und  374  mit  der  fassung  des  Nibelun- 
genliedes stimmen.  Freilich  hält  es  an  der  lezten  stelle  der  Verfasser 
für  nötig,  gegenüber  seinem  publikum,  das  die  tötung  des  grimmen 
Hagen  durch  weibeshand  für  lüge  halte,  sehr  energisch  die  Wahrheit 
des  geschehenen  zu  betonen!  Davon,  dass  sie  Ortlieb  opfert,  erwähnt 
unser  dichter  nichts,  wie  ja  auch  die  fassung  C  des  liedes  diesen 
besonders  grauenhaften  zug  der  älteren  dichtung  beseitigt  hat.  Sehr 
warm  ist  seine  Verteidigung  Kriemhilts.  Vor  allem  ist  es  ihm  natür- 
lich um  ihr  Seelenheil  zu  tun.     279  fgg.  wendet  er  sich  deshalb  gegen 

die,  welche  meinen: 

—  daz  si  der  helle  sivaere 

habe  von  soUien  schulden, 

daz  si  gein  gotes  hutden 

getvarben  hab  so  verre, 

daz  got  unser  herre 

ir  sele  niht  emvolte  — 

eine  stelle,  die  ja  ausdrücklich  den  eindruck  bezeugt,  welchen  die 
Kriemhilt  des  Nibelungenliedes  auf  das  damalige  publikum  machen 
muste.  Der  dichter  weist  jene  ansieht  scharf  zurück:  man  solle  nicht 
lieblos  über  andere  urteilen,   niemand  sich  so  von  sünde  frei  dünken, 


ZUR  KLAGE  151 

dass  er  der  gnade  gottes  nicht  bedürfe;  die  sei  aber  Kriemhilt  sicher 
zu  teil  geworden,  da  sie  ja  mit  dem  tode  gebüsst  und  alles,  was  sie 
getan,  nur  aus  triuwe  getan  habe.  Denn  ihr  verrat  an  den  Burgun- 
den  ist  eben  nur  scheinbar  untriuwe:  sie  ist  kein  mann,  der  sofortige 
appell  ans  schwort  ist  ihr  versagt,  64  fgg.: 

sine  haete  mit  ir  henden 

ob  si  möhte  sin  ein  vian, 

ir  scheiden,  als  ich  mich  verstdn, 

errochen  manege  stunde, 

geschehen  ex  niene  künde: 

tvan  si  haete  vrowen  lip. 

Jene  tnuwe  als  einziges  motiv  behandeln  auch  69  —  79: 

ivan  ex  ir  rechen  gexam, 
des  ensol  si  nieman  schelten  und 

stver  dax  maere  merlcen  kan, 
der  sagt  unschuldic  gar  ir  lij), 
wa7i  dax  dax  inl  edel  tvip 
taete  nach  ir  triuwe 
ir  räche  in  gröxe?^  riuwe. 

Wer  solte,   fügt  der  dichter  hinzu  (70  fgg.)?   künftighin  noch  den  mut 

haben,  eine  tat  der  treue  zu  volbringen,   wenn  man   es  den  entgelten 

lasse,    der  rehter  triwen  künde  phlegen?     Ja  unser  dichter  lässt  sogar 

Etzeln  selbst  eben  diese  „treue'',  durch  die  er  alles  verloren  hat,  noch 

preisen  415  fgg.: 

het  ich  die  ganxen  triuwe 

an  ir  werden  Übe  erkant, 

ich  het  mit  ir  elliu  lant 

gerümet  e  ich  si  het  verlorn, 

getriuwer  tvip  wart  nie  gebarn 

von  deheiner  ymioter  mere. 

Man  beachte,  wie  diese  gattentreue  in  den  lezten  liedern  der  Nibelun- 
gen in  den  hintergrund  tritt,  und  Kriemhilt  immer  nur  als  die  välen- 
iinne  erscheint.  Daher  denn  ihr  tod  durch  Hildebrant,  den  wir  am 
Schlüsse  des  XX.  liedes  fast  wie  eine  woltat,  eine  notwendige  sühne 
empfinden,  hier  scharf  verurteilt  wird,  366: 

di  mit  unsin7ie  het  erslagen  Hiltebrant;  375  fgg.:  dar  umbe  vlos 
och  si  den  Itp  von  Hildebrant  dne  not  man  klagt  der  küni- 
ginne  tot  deiswär  von  alle?n  rehte,  riter  unde  knehte  die  tätenx 
pilliche. 


152  fiIE6£R 

399  klagt  Hildebrant  selbst  um  sie.  Dem  Zugeständnis  652  fg.  tief 
diu  kimigin  daz  eine  län,  daz  si  Bloedelinen  usw.  —  so  enwdere  ex 
aUez  niht  getan  folgen  657  die  worte  ez  was  also  gebrouwen  von  des 
iievels  schulden,  um  Kriemhilt  zu  entlasten!  954  fg.  muss  ganz 
algemein  (ähnlich  wie  65  fg.  die  physische  schwäche  des  weibes)  weib- 
liche kurzsichtigkeit,  Unzulänglichkeit  weiblichen  Verstandes,  infolge 
dessen  es  ihr  nicht  gelungen  sei,  ihre  räche  so  einzurichten,  dass 
ihre  brüder,  vor  allem  Gernot  und  Giselher  verschont  blieben,  als  eine 
art  von  entschuldigung  herhalten.     Ganz  ähnlich  130  fgg.: 

diu  enhet  sin  also  niht  gedäht 
si  het  ez  gerne  da  zuo  bräht, 
do  siz  brüefen  began, 
daz  niwan  der  eine  inan 
den  Itp  haete  verlorn. 

Also  sie  hätte,  als  sie  ihren  racheplan  auszuführen  begann,  nicht 
gedacht,  dass  es  soweit  kommen  würde.  Und  ganz  fatalistisch  heisst 
es  kurz  vorher,  aber  in  demselben  sinne,  119 — 123: 

stvie  gern  in  (Hagen)  het  gescheiden  dan 
Krimhilt  diu  künigtn, 
des  enkunde  niht  gesin: 
dö  lie  siz  als  ez  mähte, 
wan  ez  niht  anders  tohte. 

Kriemhilts  guter  wille,  das  wird  immer  betont,  war  vorhanden,  aber 
es  muste  eben  so  kommen!  Sehr  bezeichnend  ist  auch  144:  da  wird 
hervorgehoben,  dass  das  ganze  unheil  hätte  leicht  verhütet  werden 
können,  wenn  jemand  Etzeln  davon  mitteilung  gemacht  hätte,  dass  in 
so  vtent  waere  Krimhilt  ir  swester  (vgl.  473): 

die  von  Burgonde  lant 
liezenz  durh  ir  ilbermuot: 
dö  het  och  Kriemhilt  wol  behuot 
mit  listecltchem  sinne, 
daz  ers  niht  wart  inne. 

Also,  wenn  die  Burgunden,  die  bedrohten,  Etzeln  keine  mitteilung 
von  den  ihnen  bekanten  absiebten  der  Schwester  machten,  so  war  dies 
von  ihr  erst  recht  nicht  zu  verlangen.  Einzig  ihr  Übermut  brachte 
jene  ins  unglück.  Der  dichter,  wie  man  sieht,  quält  sich  förmlich  ab, 
entlastende  momente  für  Kriemhilt  zu  finden!  Bedenklich  viel  wird 
freilich  dem  urteile  des  lesers  zugemutet,  wenn  Kriemhilt  405  gerühmt 
wird,  dass  sie  ie  unvalschiu  wort  hete  bt  ir  Übe, 


ZÜB  KLA6E  153 

Alles  Unheils  Ursache  wird  dagegen  zusammengehäuft  auf  das 
haupt  Hagens,  der  es  fertig  gebracht  hat,  Eriemhilt  zu  allen  zeiten 
Schmach  und  schände  ohne  zwingenden  grund  zu  bereiten  (Kl.  2019 
%.)  —  derselben  Kriemhilt,  die  noch  im  tode  Dietrich  durch  ihre  Schön- 
heit zur  bewunderung  fortreisst  (Kl.  386  fg.:  wir  sehen  wie  der  dichter 
bestrebt  ist,  auch  hierdurch  ihr  die  Sympathie  seiner  höfischen  leser  zu 
gewinnen!)  Auch  Rumolt  meint  2022:  dar  umbe  ichz  ir  niht  mixen 
teil  Wenn  625  fg.  der  alte  Hildebrant  beim  anblicke  von  Hagens 
leiche  in  die  worte  ausbricht: 

nu  seht  wä  der  välant 

ligt,  der  ex  allex  riet 

dax  manx  mit  guote  niht  etischiet, 

dax  ist  von  Hagen  schulden. 

xe  mtner  frowen  hulden 

möhten  si  wol  stn  komen, 

so  klingt  das  fast  wie  bewuste  replik  auf  die  worte  Hagens  zu  Kriem- 
hilt, Nib.  2307,  3  fgg.: 

du  hast  ex  nach  dinem  toillen  xe  einem  ende  bräht, 
und  ist  och  rehte  ergangen  als  ich  mir  hMe  gedaht  usw. 
den  schatx  weix  nu  nieman  wan  got  unde  min: 
der  sol  dich  vdlentinne  immer  gar  verholn  sin/ 

Kl.  648  fg.  wird  dem  Hagen  geßuochet  sere  von  den  leuten,  die  seine 
leiche  gewahren.     Ebenso  flucht  ihm  bischof  Pilgerim  1710: 

dax  in  sin  muoter  ie  getruoc, 
dax  milexe  got  sin  geJdeity 
dax  sus  lange  wemdex  leit 
und  also  grimmiu  'trmere 
und  och  so  vil  der  swaere 
von  im  ist  erstanden 
so  vMen  in  den  landen. 

Wenn  aber  über  den  tod  Hagens  sogar  die  als  roh  und  gewalt- 
tätig verschrieenen  Baiern  sich  freuen,  1761,  weil  er  künde  striis 
nie  werden  sat,  so  führt  uns  dies  zu  einem  dem  bisher  besprochenen 
verwanten,  durch  den  höfischen  geschmack  hervorgerufenen  momente, 
der  degeneration  der  alten  recken  als  solcher.  Wir  finden  — 
worauf  W.  Scherer  hingewiesen  hat  —  diese  erscheinung  schon  inner- 
halb der  Nibelungenlieder.  Der  kecke,  tolkühne,  mit  der  türe  ins  haus 
fallende  Siegfried  des  ersten  Uedes  (Nib.  56.  59,  106  —  109,  121,  124) 
wird  im  dritten  glatt,   höflich,   ein  sentimentaler  schäfer  (Nib.  284  fg., 


154  BUGEB 

290  fgg.,  319),  der  sich  nicht  einmal  mehr  zutraut,  die  liebe  eines 
mädchens  zu  erringen;  Günther,  an  dem  im  ersten  liede  „jeder  zoll 
ein  könig"  war,  verialt  im  zweiten  liede  infolge  der  kri^erklärung 
der  Sachsen  und  Dänen  förmlich  in  melancholie  (Nib.  146,  152,  154, 
157,  4).  In  unsrem  gedichte  ist  es  Etzel,  der,  wie  schon  angedeutet, 
zu  einer  ganz  würdelosen  rolle  degradiert  wird,  während  er  im  liede 
zwar  gutmütig,  aber  doch  würdig  und  königlich  erscheint  (vgl.  z.  b. 
Nib.  1833  '—  aber  er  ist  dann  unversöhnlich  2026,  3  fgg.;  2032; 
2074,  4).  Hier  ist  sein  gebahren  weibisch;  das  sagt  ihm  Dietrich  ins 
gesiebt  Kl.  509  fgg. 

ach  öwe  dirre  niaere, 

gefreischt  man  diu  m  dax  latit, 

daz  ir  mit  mutender  haut 

stet  als  eifi  bloede  wip, 
.  diu  ir  xuht  und  ir  Itp 

nach  friunden  sere  hat  gesent 
In  Ohnmacht  fält  er  dreimal:  425,  wo  ihn  Dietrich  ebenfals  darum 
tadelt,  1154  und  2092.  317  fgg.  wird  die  art  seines  wüefens  als  lasier 
für  ihn  bezeichnet,  wofür  er  aber  kein  gefühl  mehr  habe,  weil  er  den 
si7i  vefTwandelt  Wenn  er  415  fgg.  die  ihm  so  verhängnisvoll  gewor- 
dene treue  Kriemhilts  gegen  den  ersten  gatten  pmst,  wird  ihm  schon 
einiges  zugemutet.  Die  werte  dort:  ich  het  mit  ir  eUiu  laut  gerümt 
e  ich  si  het  verlorn  in  seinem  munde  heben  Kriemhilt  auf  seine  Unko- 
sten; des  herschers  eines  so  grossen  reiches,  als  der  Etzel  zu  denken 
ist,  sind  sie  wenig  würdig.  Noch  sei  bei  dieser  gelegenheit  den  sehr 
interessanten  versen,  Kl.  479 — 504,  enthaltend  Etzels  selbstanklage, 
eine  betrachtung  gegönt.  Er  gesteht,  dass  seine  heidengötter  ihm  nichts 
geholfen,  dagegen  ihn  der  christengott  gestraft  habe,  weil  er,  der 
fünf  jähre  christ  gewesen,  wider  abgefallen  sei.  Jezt  werde  ihn  gott, 
wenn  er  sich  abermals  bekehren  wolle,  gar  nicht  wider  annehmen. 
Dieses  motiv  der  vemoijierung  Etzels  findet  sich  nun  auch  in  der  fas- 
sung  C  des  liedes:  Rüedeger,  als  werber  für  Etzel  bei  Kriemhilt,  weist 
deren  bedenken,  einem  beiden  sich  zu  vermählen,  vornehmlich  damit 
zurück,  dass  er  bereits  christ  gewesen  sei,  jedoch  wider  abgefallen; 
würde  Kriemhilt  sein  weib,  so  mühte  stn  noch  werden  rät  (Z.  192,  3). 
Wir  sehen ,  die  aus  diesem  motiv  gezogenen  folgerungen  sind  dort  ganz 
verschieden,  ebenso  seine  Verwendung.  Wir  bemerkten  oben,  dass 
diese  epoche  mit  ihren  gemilderten  sitten,  ihren  weicheren  empfindon- 
gen,  kein  rechtes  Verständnis  mehr  haben  konte  für  die  grossartige 
tragik    der   alten    heldensage.      Das    über   ganze   geschlechter   herein- 


ZUB  KJAGE  155 

brechende  unheil  erschien  ihr  zu  ungeheuer,  der  Untergang  dieser  hei- 
den  zu  furchtbar;  sie  fragte  sich:  wo  sind  die  diesem  Verhängnis  ent- 
sprechenden Verschuldungen?!  Etzel,  der,  in  der  deutschen  sage  kei- 
neswegs als  „geissei  der  Völker"  erscheinend,  bruder,  weib,  kind  und 
die  besten  seiner  mannen  verliert,  stelt  also  dem  höfischen  Verfasser 
nicht  das  leichteste  problem  —  selbstredend  nur  dem  duldsamen.  Dass 
aber  der  unsere  nicht  zu  den  religiös  unduldsamsten  gehört,  das  zeigt 
neben  der  naiven  bemerkung  437  fgg.:  stvie  si  wären  heiden,  och 
2vas  xerbarmen  umbe  sie,  der  umstand,  dass  man  1170  %.  auch  Bloe- 
delin  christlich  begräbt,  für  seine  seele  betet  und  Dietrich  als  es  iriu- 
wen  iohte  pfafiFen  herbeiholt  den  heiden,  der  och  die  gexam.  Dazu 
1089  fg.  Wer  so  denkt,  der  kann  sich  nicht  damit  zufrieden  geben, 
dass  gottes  Strafgericht  einfach  deshalb  über  Etzel  hereinbricht,  weil  er 
eben  beide  ist.  Etwas  anderes  freilich  ist  es,  wenn  dieser,  der  so  vil 
der  recken  in  kristenlicher  e  bei  sich  hat,  selbst  fünf  ganze  jähre  Christ 
war,  dann  aber  got  betrouc  —  gleichviel,  ob  unser  dichter  dies  motiv 
erfunden  hat  oder  ob  er  es  aus  C,  wo  es  ganz  anders  verwendet  ist, 
herübemahm. 

\  Für  die  Burgunden  dagegen  ist  die  alte  Verschuldung,  Siegfrieds 
ermordung,  schon  durch  die  sage  gegeben;  sie  braucht  nur  immer  ins 
gehörige  licht  gerückt  zu  werden.  Und  das  unterlässt  unser  dichter 
bei  keiner  gelegenheit.  So  heisst  es  Kl.  98/99  ich  waeti  si  alter  sünde 
engulten,  und  nicht  mere  —  lezterer  zusatz,  wenn  er  nicht  blos  den 
vers  hat  füllen  sollen,  sieht  gerade  aus  wie  eine  ab  wehr  derer,  die 
das  geschick  der  Burgunden  etwa  zu  hart  finden  könten;  113/14  do 
mtwse  in  misselingen  von  einen  alten  schulden;  635  fg.  Hildebrant  in 
den  mund  gelegt: 

ich  enkan  mihs  a?iders  niht  versten, 

wan  dax  die  helde  üxerkorn 

den  freislichen  gotes  xom 

nu  lange  her  verdienet  hdn. 
Auch  meister  Hildebrant  wird  schwach  und  ohnmächtig:  Kl. 
1044  fgg.  soll  er  Rüedegers  leiche  aus  dem  blute  heben;  doch  sie  ist 
ihm  zu  schwer,  die  ihm  von  Hagen  geschlagene  wunde  bricht  wider 
auf,  und  er  sinkt  über  der  leicho  zusammen.  Etzel  selbst  begiesst  ihn 
mit  Wasser  —  ganz  wie  es  sonst  den  weibern  geschieht,  die  ja  fast  alle 
ihre  Ohnmacht  durchmachen.  Gut,  dass  sich  der  alte  held  wenigstens 
später  seiner  schwäche  schämt,  1059! 

Recht  charakteristisch  sind  die  verse  Kl.  695  fgg.  über  Volker. 
Unser  dichter  besorgt,  die  leser  könten  bei  dem  küenen  spilman  etwa 


«/' 


156  6IEQEB 

an  einen  „fahrenden"  ihrer  zeit  denken.  Daher  die  ausdrückliche  Ver- 
sicherung, Volker  sei  aus  freiem  geschlechte  und  habe  schönen  frauen 
ritterlich  gedient 

Wir  wiesen  schon  darauf  hin,  wie  Kl.  144  fg.  die  Burgunden 
gleichsam  selbst  für  ihr  geschick  verantwortlich  gemacht  werden,  weil 
sie  durch  ir  übermuot  Etzeln  nichts  vom  zorne  Kriemhilts  gegen  sie 
verrieten.  Derselbe  gedanke  begegnet  uns  auch  Nib.  1803.  Der  unter- 
schied zwischen  dieser  und  jener  stelle  liegt  in  der  art  und  weise, 
wie  im  liede  dies  motiv  so  ganz  beiläufig  eingeflochten  wird,  nur  um 
zu  zeigen,  wie  bei  einem  haar  der  grimme  unde  starke  hass  Kriem- 
hilts doch  nicht  zum  ziele  gekommen  wäre,  gegenüber  der  rolle,  die 
es  in  der  klage  spielt.  Der  dichter  wird  nicht  müde  es  immer  wider 
aufzutischen: 

Kl.  456  dax  si  dax  verdagieri  mich, 
dax  kom  von  ir  übermiiot 

472  dwe  dax  nieman  mir  verjehen 
wolde  der  rehten  muere, 
dax  in  so  vient  waere 
Krtmhilt  ir  swester! 

558  jd  waerex  anders  mir  geseiL 
ir  tot  und  min  arbeit 
het  ich  wol  understän, 

628  (Worte  Hüdebrants): 
ja  het  wir  vemomen 
harte  wol  diu  muere, 
vnr  heten  iwer  swaere 
vil  wol  understanden. 

607  tvaer  ex  mir  e  kunt  getan, 
si  müesen  aUe  stn  genesen, 

Dass  dieses  schweigen  als  falscher  stolz  gleichsam  den  Burgunden  zum 
Vorwurf  gemacht  wird,  kenzeichnet  die  auffassimg  unseres  gedichtes: 
die  recken  hätten  also  von  vornherein  bei  Etzel  gewissermassen  um 
schütz  gegen  die  Schwester  bitten  sollen?! 

Bezeichnend  für  höfische  auffassung  ist  die  stelle  Kl.  796  %g. 
Dass  schoene  meide  unde  wip  die  toten,  die  doch  den  Unten  reihte 
ungenaeme  sind  (1137),  ihrer  blutigen  rüstung  entkleiden  müssen,  weil 
es  an  männern  fehlt,  steigert  noch  das  jammervolle  der  läge.  800  hält 
der  Verfasser  es  für  angezeigt,  sich  ausdrücklich  auf  seine  quelle  zu 
berufen,   damit  man  ihm  glaube.     803  fg.  weint  Etzel  am  allermeisten 


ZUR  KLAGE  157 

gerade  darüber.  Und  als  er  dann  gesunder  manne  vil  (806)  herbei- 
kommen sieht,  raft  er,  der  sonst  nichts  kann  als  jammern,  sich  um 
der  tvip  willen  zu  einem  anfall  von  zorn  auf,  808: 

weit  ir  des  haben  ere, 
daz  wtp  mit  töten  umbe  gdnt  usw. 

Noch  sei  der  etwas  sentimentalen  scene  Kl.  1428  fgg.  gedacht. 
Rüedegers  ross,  sonst  gewohnt  sich  mit  dem  zäume  loszureissen  und 
zurückzulaufen  sobald  es  seinen  herrn  vermisst,  lässt  sich  jezt  gedul- 
dig von  den  knappen  führen,  nur  von  zeit  zu  zeit  sich  umsehend:  es 
weiss  eben,  dass  sein  herr  tot  ist!  Das  erinnert  fast  an  Iweins  gefühl- 
vollen löwen. 

Unsere  aufifassimg  von  der  entstehung  der  Klage  oder  vielmehr 
ihres  zweiten,  eine  wirkliche  handlung  darstellenden  teiles  steht  nun 
allerdings  im  Widerspruch  mit  derjenigen  des  auch  um  unser  gedieht 
verdientesten  forschers,  K.  Lachmanns.  Sein  urteil  lautet  (Zur  Klage 
s.  287):  „Das  gedieht  von  den  Nibelungen  hat  augenscheinlich  in  der 
Klage  nicht  fortgesezt  werden  sollen,  obgleich  sie  die  handschriften 
derselben  beifügen.  Ja,  der  dichter  hat  es  nicht  einmal  gekant:  wann 
und  wie  Etzeln  gaste  in  Heunenland  gekommen  (sagt  er  85),  wisse 
er  nicht,  sondern  nur  dass  herren  und  mann  gar  freudig  von  über 
Rhein  gefahren  seien.  Kleine  Widersprüche  und  auslassungen  würden 
so  viel  nicht  beweisen:  aber  hier  sagt  er  ausdrücklich,  von  einem 
bedeutenden  teile  der  sage  sei  ihm  nichts  bekant".  Allein  wir  sahen 
oben,  dass  der  Verfasser  der  Klage  seine  boten  nach  Worms  ganz  den- 
selben weg  nehmen  lässt,  den  die  Burgunden  im  liede  in  umgekehrter 
richtung  einschlagen.  Um  den  aufenthalt  bei  Pilgerim  beiseite  zu  las- 
sen, da  Lachmann  diesen  erst  bei  Vereinigung  von  Klage  und  Nibe- 
lungen in  diese  lezteren  hineingetragen  sein  lässt:  wenn  die  boten 
durch  Baiem  und  Schwaben  ziehen  (Klage  1745  fgg.  —  Nib.  1433  usw.); 
wenn  es  heisst,  wer  in  in  Beiern  widerreit,  von  den  wart  in  niht 
getan,  also  nach  dem  ganzen  zusammenhange  der  stelle  mit  beziehung 
darauf,  dass  die  Burgunden  damals  von  den  Baiem  angegriffen  wor- 
den sind;  wenn  Elses  und  seines  von  Hagen  und  Dancwart  erschlage- 
nen bruders  erwähnung  geschieht  —  so  wird  damit  doch  Kl.  85  wert- 
los gemacht  Wir  werden  auf  diesen  Widerspruch  noch  zurückkommen. 
Ob  der  Verfasser  gerade  eine  der  uns  erhaltenen  fassungen  des  liedes 
gekant  und  benuzt  hat,  und  welche  von  ihnen  dies  gewesen  ist;  ob 
und  wieweit  in  eine  derselben  widerum  motive  der  Klage  verarbeitet 
worden  sind  —    das  alles  bleibe  dahingestelt.     Nur  auf  eines   sei  es 


158  BIE6RR 

erlaubt   aufmerksam  zu  machen.    Es   gibt  mehrere  wörtliche  Überein- 
stimmungen zwischen  stellen  der  Nib.  und  der  Klage;  man  vergleiche: 
Nib.  1010,  1  ein  jaemerlichez  scheiden  wart  dö  da  getan 
mit  Kl.  1213  ex  was  ein  grimmez   scheiden   von   kristen   und  von 

heiden; 
ebenso  Nib.  1369,  2  ir  silbe?'  unt  geivant  dax  ennam  in  nieman: 

man  vorhte  ir  herren  xom 
mit  Kl.  1745  swer  in  in  Beiren  imderreit,   vo7i  den  wart  in  niht 

getan  (dax  muost  man  durch  ir  herren  län)  ; 
Nib.  1417,  4  durch  dax  er  videlen  honde,  was  er  de^'  spilman  genant 
mit  Kl.  695  durch  dax  er  videlen  kiinde,  dax  volk  in  xe  aUer  stunde 

hiex  einen  spilman; 
Nib.  1772,  2  küener  videlaere  wart  noch  nie  dehein 
mit  KI.  672  küener  helt  xen  handen  videlns  nie  mer  began; 
Nib.  1803  mit  Kl.  456  und  472  (s.  oben); 
Nib.  2015,  2  fg.  dax  bluot  allenthalben  durch  diu  löcher  vlöx  und 

da.  xe  den  rigelsteinen  von  den  töten  man 
mit  Kl.  819  dax  bluot  allenthalben  vlöjs  durch  diu  rigeUoch  hetmider; 
Nib.  2139,  4  vater  aller  tutende  lac  an  Rüedegere  tot 
mit  Kl.  1066  dd  truog  man  Rüedegere,  vater  aller  lügende; 
Nib.  2260,  4  ow^  dax  vor  leide  yiieman  wol  sterben  m^ac 
mit  Kl.  1033  öwe  dax  nieman  sterben  mac  unx  im  kumt  stn  lester  tac 
(beidemal  werte  im  munde  des  verzweifelnden  Dietrich!)  —   Nun  ist 
die  frage,  ob  in  diesen  stellen,  die  meist  dem  lezten  drittel  der  Nibelun- 
gen angehören,  da  es  ja  eben  die  Klage  mit  dem  untergange  der  Bur- 
gunden  zu  tun  hat,  jeder  mit  Müllenhoff  (Z6NN.  s.  79)   nur  formein 
und  ausdrücke  sieht,  wie  sie  in  aller  epischen  poesie   feststehn   und 
sich   selbst   in   liedern   aus   ganz   verschiedenen   gegenden  widerholen. 
Wir  haben,   als   wir   die   entstehung   imseres   gedichtes   nachzuweisen 
suchten,  nur  die  handlung  im  zweiten  teile  desselben  in  betracht  gezo- 
gen;  für  den  ersten  Hessen  wir  die  sache  imentschieden.    Wir  wollen 
jezt  soweit  gehen,  zu  sagen:  wer  dem  Nibelungenliede  in  dem  von  uns 
gekenzeichneten    sinne    fortsetzung    und    abschluss  geben   wolte,    der 
konte  zwar  passend  die  aufhebung  der  toten  und  die  klage  der  hinter- 
bliebenen   mit   berichten;    aber    er    hätte    dieses   aller   handlung   bare 
moment  schwerlich  zu  solcher  länge  ausgesponnen.     Dazu  stiessen  wir 
bereits  auf  Widersprüche  im  einzelnen  zwischen  beiden  teilen  des  ge- 
dichts.     Im  vordem  wird  ausdrücklich   die   ermordung  Hagens  durch 
Kriemhilts  eigene  band   hervorgehoben,  Kl.  367  —  374,   aber  1968  fg. 
heisst  es  den  recken  loblfehen  hiex  st  beiden  nemen  den  Itp,     Auf  den 


ZTTTt  KLAGE  159 

Widerspruch  zwischen  v.  85  und  der  darstellung  der  botenreise  1745  — 
1763,  durch  die  der  Verfasser  beweist,  dass  er  vom  zuge  der  Burgun- 
den  nach  Etzels  hofe  recht  wol  weiss,  machten  wir  eben  aufmerksam. 
Lachmann  („Zur  Klage"  s.  288)  nent  noch  246  und  961,  wo  Gemot 
schuldig,  1705  wo  er  unschuldig  sei;  auf  den  saalbrand,  der  294  und 
854  erwähnt,  sei  später  keine  rücksicht  genommen;  Irincs  tod  (209, 
540,  1186)  fehlt  in  des  spielmanns  erzählung  1925.  Dass  der  vordere 
teil  des  gedichts  als  steril  und  langweilig  bezeichnet  werden  muss, 
während  der  hintere  entschieden  anmutige  scenen  bietet  (Lachm.  a.  a.  o. 
8.  289),  könte  man  der  Verschiedenheit  des  inhalts  zuschreiben,  beweist 
an  sich  nichts,  gewint  aber  an  bedeutung  im  verein  mit  andern  beweis- 
momenten. 

Wie  steht  es  nun  mit  der  Verknüpfung  der  beiden  teile?  Liest 
man  von  1247.  an,  wie  Dietrich  und  Hildebrant  beschliessen,  mit  Her- 
rat Etzel  zu  verlassen,  wie  dann  die  wafiFen  und  rüstungen  aufgesam- 
melt und  aufgehoben  werden,  so  hat  man  mit  1273,  1  den  eindruck, 
dass  doch  hier  eigentlich  die  sache  zu  ende  sei,  und  ist,  wenn  man 
den  Inhalt  des  ganzen  nicht  schon  vorher  kent,  höchst  neugierig,  was 
denn  nun  noch  kommen  solle!  Nun  geben  Dietrich  und  Hildebrant  im 
folgenden  (1273,  2  fgg.)  Etzeln  den  rat,  jene  waffen  den  waisen  der 
gefallenen  zuzusenden.  Woher  diese  plötzliche  Sinnesänderung,  nach- 
dem soeben  beide  geraten  haben,  die  wafiFen  zu  behalten  und  aufzu- 
bewahren, und  nachdem  Dietrich  beim  anblick  der  herrenlos  daliegen- 
den wafiFen  12Ö3  geäussert  hat,  die  emoixxen  wir  wem  nu  geben? 
Warum  komt  ihm  jener  gute  gedanke  nicht  gleich  hier?  Dazu  tritt 
doch  die  Zusendung  der  wafiFen,  durch  die  Etzel  die  jungen  (1279) 
sich  geneigt  machen  soll,  im  folgenden  überall  recht  sehr  in  den  hin- 
tergrund.  Von  einer  eigentlichen  Übergabe  der  wafiFen  ist  nirgends  die 
rede,  nirgends  findet  sich  eine  hervorhebung  oder  erwähnung  dessen, 
dass  Etzel  es  sei,  der  ross  und  wehr  als  geschenk  sende,  vgl.  1468  fg., 
1613—1769  fg.,  1776,  1792:  hauptsache  ist  überall  die  botschaft. 
Denken  wir  uns,  der  vordere  teil,  die  eigentliche  „Klage",  habe,  ein 
selbständiges  poem,  mit  dem  entschlusse  der  Amelunge  abzuziehen  und 
mit  der  aufsamlung  der  wafiFen  geendet,  so  gehörte  für  den  fortsetzer 
nicht  alzugrosse  erfindungsgabe  dazu,  an  diese  wafiFen  seine  botschaften 
so  anzuknüpfen,  dass  die  Zusendung  derselben  an  die  hinterbliebenen 
als  veranlassung  für  die  botschaft  hingestelt  wird.  So  liess  er  den 
schluss  seines  Originals  unangetastet  —  wie  er  den  anfang  unangetastet 
gelassen  hat    Denn  wenn  es  v.  10  fgg.  heisst: 


160  BIBGEB 

des  en  kundez  niht  beliben, 

ex  enst  och  da  von  bekant, 

tüie  die  von  Burgonde  Umt 

bt  ir  xttn  und  bt  ir  tagen 

mit  eren  heten  sich  betragen, 
so  können  diese  lezten  drei  zeilen  doch  unmöglich  auf  den  inhalt  des 
ganzen  gedichtes  oder  auch  nur  des  ganzen  vorderen  teiles  gehen,  son- 
dern nur  auf  13  —  293.  Der  sinn  der  stelle  kann  dann  wol  nur  der 
sein,  dass  unser  zweiter  Verfasser  sich  gleichsam  entschuldigt,  dass  er 
noch  einmal  den  inhalt  der  Nibelunge  n6t,  den  er  sonst  mehrmals  als 
bekant  voraussezt  (24,  800,  2011),  gebe;  allein  sein  original,  das  buoch 
des  tihtaere  verlange  es  so.  —  Ein  zweites  moment  komt  bei  jener 
stelle  hinzu:  der  1250  gefasste  plan  der  Amelunge,  heimzuziehen,  mit 
Herrat,  komt  erst  2076  fgg.,  ganz  am  Schlüsse  des  ganzen,  zur  aus- 
führ ung.  Ist  unser  gedieht  ein  einheitliches  werk,  so  versteht  man 
nicht,  was  dieser  verschlag  doii;  soll,  vor  absend  ung  der  boten,  deren 
rückkehr  abgewartet  werden  muss.  Anders,  wenn  2056  fgg.  dem  fort- 
setzer von  1250  fgg.  angehört 

Wenn  nun  am  Schlüsse  erzählt  wird,  der  bischof  Pilgerim  von 
Passau  (der  zweifelsohne  schon  22/23  gemeint  ist),  habe  üx  liebe  der 
nefen  sin  das  maere  lateinisch  abfassen  lassen  (vgl.  auch  1730 — 1741 
und  2050  fg.),  so  liegt  doch  an  sich  kein  grund  vor,  diese  angäbe  völ- 
lig in  den  wind  zu  schlagen.  Warum  soll  nicht  in  dieser  notiz  Wahr- 
heit und  dichtung  sich  mischen,  und  soviel  wahr  sein,  dass  das  latei- 
nische original  am  hofe  Pilgerims,  ende  des  10.  Jahrhunderts,  entstanden 
ist?  War  es  eine  prosaniederschrift,  wie  man  nach  2148  und  2156 
denken  könte  —  oder  hat  vielleicht  ein  geistlicher  am  bischöflichen 
hofe,  ein  gewanter  versificator,  eine  lateinische  elegie  „de  caede  Nibe- 
lungorum"  verfasst,  deren  hauptinhalt  die  querellae  bildeten?  Daneben 
erscheint  als  quelle  das  buoch  eines  tihtaere  (9  fg.;  desgl.  285,  1  des 
buoches  meister  und  800  der  meister)^  jedesfals  die  direkte  vorläge 
unseres  Verfassers,  wie  man  vermutet  hat  eine  der  vielen  Kl.  2157/58 
bezeugten  deutschen  um-  und  nachdichtungen.  Das  lateinische  werk 
aber  sowol  wie  das  buoch  wird  von  unserer  klage  ganz  algemein  als 
quelle  für  disiu  mae?'e  genant;  2151  gibt  sie  den  inhalt  ihrer  quelle 
an  mit  den  Worten:  tvie  ex  sich  huob  usw.  unde  wie  si  alle  gelägen 
tot,  ähnlich  1732  %g.  Nicht  an  einer  einzigen  stelle  bezieht  sich  der 
dichter  für  den  inhalt  des  zweiten  teiles  auf  eine  quelle,  was  er  doch 
sonst  so  liebt  (vgl.  9,  22,  148,  285,  800,  1099)  —  weder  auf  den 
tihtaere  noch  auf  Pilgerim.     2072  ah  man  uns  gesagt  Mt  und  2043 


ZUR  KLAGE  161 

a&  vrir  diu  Hute  hoeren  sagen  sind  doch  zu  algemein  fonnelhaft,  um 
ernstlich  in  betracht  zu  kommen;  in  lezterer  stelle  könte  man,  will 
man  ihr  gewicht  beilegen,  eher  die  bezeugung  einer  dritten,  münd- 
lichen quelle  sehen. 

Allein,  wenn  wir  nicht  ganz  im  irtum  sind,  verrät  sich  unser 
Verfasser  im  anfange  des  gedichtes  selbst  als  zudichter.    V.  5  sagt  er: 

het  ich  nu  die  sinne, 
dax  six  gar  xe  minne 
hasten  die  ex  erfunden! 
nun,   die  jammervolle  geschichte  seinem  publikum  so  gut  es  geht  zu 
Ueben,  bemüht  er  sich  eben  durch  den  zweiten  teil,  seine  zudichtung, 
den  befriedigenden  abschluss!   Daher  auch  v.  7  die  bitte,  sich  zu  gedul- 
den und  die  rede  fürehax  zu  hören. 

Was  nun  den  schon  erwähnten  Widerspruch  zwischen  85  und 
1745  fgg.  betrift,  so  weiss  freilich  der  ältere  teil  der  Klage  nichts  von 
jenem  teile  der  Nibelungen,  wol  aber  der  fortsetzer.  Er  hätte  vielleicht 
ohne  Schwierigkeit  die  werte  seines  Originals  86,  jdne  weix  ich  7iiht 
der  niaere  abändern  können  etwa  in  iu  sint  wol  kunt  diu  maere  — 
jedoch  er  übersah  diesen  Widerspruch,  wie  so  manchen  andern. 

Nun  konstatiert  allerdings  Lachmann  (Zui-  Klage  287  fg.)  auch 
innerhalb  unseres  zweiten  teiles  Widersprüche,  die  auf  verschiedene  in 
demselben  verarbeitete  recensionen  hinweisen  sollen.  Dagegen  sei  fol- 
gendes angeführt.  Wäi'e  mit  frotve  1633  wirklich  Gotelint  gemeint, 
so  ist  doch  dann  der  Widerspruch  in  direkt  aufeinander  folgenden 
versen  so  schreiend,  dass  ihn  selbst  ein  ganz  mechanisch  arbeitender 
redaktor  nicbt  übersehen  konte.  Beispiele  für  derartige  „vei-sehen" 
dürfte  man  anderwärts  vergebens  suchen!  Nein,  die  werte  1634  der 
marcgrävinne  riehen  sind  gerade  des  gegensatzes  wegen  hinzugesezt: 
sie  sollen  motivieren,  warum  die  tochter  für  die  boten  sorgt,  nicht, 
wie  es  sich  gehörte,  die  gattin  des  fürsten  selbst  (man  setze  also  hin- 
ter güetlichen  :).    Als  frowe  ist  Dietlint  auch  1523  bezeichnet. 

Ähnlich  steht  es  mit  1398  fgg.  Die  boten  bringen  es  bei  Isalde 
in  Wien  trotz  Dietrichs  befehl  nicht  fertig,  die  masre  xu  kein,  wie 
sie  sich  ja  schliesslich  auch  vor  Gotelint  und  den  Baiem  verraten: 
an  den  boten  six  ervant  1381,  das  ganze  gebahren  derselben  muste  ihr 
bald  das  geschehene  verraten.  Was  die  Wiener  wissen,  das  kann  man 
auch  dem  landvolk  dieser  gegend  nicht  geheim  halten;  so  komt  man 
bis  Treisenmüre:  von  hier  bis  Becheläron  zwingt  man  sich  wider  zu 
strengstem  schweigen,  damit  nicht  etwa  Rüedegers  angehörige,  betreff 
deren  die  boten  ganz  besonderen  auftrag  haben,   sie  über   den  sach- 

ZDTSGHBIFT  F.   DEÜTSOHB  PHILOLOGIB.      BD.   XXV.  11 


162  BDSGBR,   ZUR  KLAGE 

verhalt  zu  täuschen,  schon  vor  ihrer  ankunft  künde  erhalten.  Was 
der  Verfasser  will,  drückt  er  vielleicht  hier  wie  dort  nicht  besonders 
geschickt  aus;  aber  er  ist  eben  kein  künsÜer,  das  zeigt  jede  seite. 
Freilich  auch  nicht  der  stümper,  für  den  man  ihn  wol  bei  weniger 
eingehender  betrachtung  seines  opus  halten  möchte.  Denn  gerade 
dadurch,  dass  Dietrich  befiehlt,  die  Wahrheit  zu  heln  und  dass  dies 
nachher  bei  der  grosse  des  Jammers  für  die  boten  nicht  durchführbar 
ist,  hat  der  Verfasser  gewisse  dramatische  efiPekte  zu  erzielen  versucht 
Und  zweifellos  ist  ihm  das  gelungen  in  der  scene  Kl.  1473  — 1555: 
über  Rüedeger  selbst  gelingt  es  den  boten  zunächst  die  frauen  zu 
beruhigen,  indem  sie  zugleich,  dem  kern  der  sache  geschickt  auswei- 
chend, dieselben  schon  hier  der  freundschaft  Etzels  und  Dietrichs  ver- 
sichern —  da  fragt  Dietiint  nach  einzelheiten,  nach  dem  empfang  der 
Burgunden  durch  Kriemhilt,  zulezt  nach  ihrem  bräutigam:  einer  der 
boten  kann  nicht  mehr  an  sich  halten  und  weint  —  jezt  ahnt  Dietiint  die 
ganze  grosse  des  unheils:  si  und  min  vater  sint  waetlich  tot  —  bei 
diesen  werten  bricht  nunmehr  einem  der  boten  dax  schrien  mit  dem 
bhcote  aus  dem  munde  —  hierauf  die  lezte  dringende  frage  der  Gote- 
lint,  tme  schiedet  ir  von  minem  man?  und  der  böte  muss  die  volle  Wahr- 
heit enthüllen!  Niemand  wird  dieser  scene  eine  gewisse  dramatische 
Spannung  und  dramatische  Steigerung  absprechen.  Dass  in  dem  dop- 
pelten auftrage,  ross  und  rüstung  zu  überbringen  und  gleichzeitig  den 
tod  der  besitzer  zu  verheimlichen,  eigentlich  ein  Widerspruch  liegt,  das 
entgieng  dem  dichter.  Die  ganze  waffensendung  ist  ihm  eben,  wie 
wir  sahen,  völlig  nebensache,  sie  ist  nur  äusserlich  die  brücke,  die 
vom  vorderen,  älteren  teile  herüberleitet 

Fassen  wir  zum  schluss  nochmals  zusammen,  was  sich  zur  gesamt- 
beurteilung  der  klage  ergeben  hat,  so  dürfte  dies  das  folgende  sein. 
Unsere  „Klage"  geht  in  ihrem  vorderen  teile,  als  dem  grundstock  des 
ganzen,  zurück  auf  ein  lateinisches  werk  vom  ende  des  10.  Jahrhun- 
derts. Dieses,  oder  eine  deutsche  umdichtung  desselben,  wird  gegen 
ende  des  12.  Jahrhunderts,  zur  zeit  der  aufblühenden  ritterlichen  dich- 
tung,  im  höfischen  geschmacke  fortgesezt,  in  der  absieht,  dass  das 
ganze  nunmehr  eine  fortsetzung  und  einer  einigermassen  befriedigenden 
abschluss  des  Nibelungenliedes  bilden  soll.  Der  höfische  dichter,  der 
jenes  alte  gedieht  „Klage"  findet,  wird  vielleicht  gerade  erst  durch 
dasselbe  zur  fortsetzung  der  „  Nibelungensage "  angeregt  Jedenfals 
kamen  ihm  diese  totenbestattungen  und  -klagen  gerade  recht:  sein 
höfischer  leser  muss  doch,   bevor  er  die  weiteren  Schicksale  der  über- 


BÖQBIOHT,   BBBIOHT   ÜBKR  UNS   JIRÜSALKMTAHBT  163 

lebenden  erfahrt,  genau  wissen,  wie  man  die  toten  begrub!  Bei  der 
fortsetzung  wurde  natürlich  auch  jener  vordere  teil  einer  Überarbeitung 
in  demselben  sinne  unterzogen  (die  vielleicht  zum  teil  schon  der  deut- 
sche umdichter,  des  buoches  meister,  besorgt  hatte),  jedoch  nicht  sorg- 
faltig genug,  als  dass  nicht  einzelne  Widersprüche  zwischen  dem  vor- 
deren und  dem  hinteren  teile  unbeseitigt  geblieben  wären. 

CHEMNITZ,   IM   JANUAR    1892.  J.    BIEOBB. 


ZWEI  BEEICHTE  ÜBEE  EINE  JEEUSALEMFAHET  (1521). 

Nachdem  wir  bereits  in  dieser  Zeitschrift  XXIfT,  26  auf  einen 
eigentümlichen  zweig  der  deutschen  litteratur  „die  pilgerschriften"  kurz 
hingewiesen  und  die  gereimte  darstellung  einer  Jerusalemfahrt  veröffent- 
licht haben,  legen  wir  jezt  zwei  ebenfals  bisher  unbekante  ausführliche 
berichte  dieser  art  unsren  lesern  vor,  wobei  wir  noch  besonders  her- 
vorheben, dass  die  zahl  dieser  deutschen  texte,  welche  teils  Über- 
setzungen älterer  pilgerschriften,  teils  Zusammenstellungen  der  ablass- 
stätten  „jenseit  des  meeres",  teils  endlich  gereimte  oder  prosaische 
reiseschilderungen  enthalten,  ausserordentlich  gross  ist;  eine  Übersicht 
ist  in  des  herausgebers  Bibliotheca  geographica  Palaestinae  (Berlin  1890, 
744  s.,  8^)  geboten  worden. 

Es  wird  zur  genüge  bekant  sein,  mit  welcher  pietät  man  bereits 
in  der  ältesten  zeit  des  Christentums  alle  diejenigen  statten  Palästinas, 
mit  denen  sich  die  erinnerung  an  die  geschichte  Christi,  seiner  apo- 
stel  und  der  Jungfrau  Maria  auf  grund  der  sicheren  Zeugnisse  der 
evangelien  oder  der  wenig  zuverlässigen  angaben  apokryphischer  Schrif- 
ten oder  endlich  gewagter  exegetischer  combinationen  verknüpften,  zu 
fixieren  suchte,  wie  man  die  durch  die  tradition  einmal  festgelegten 
punkte  schliesslich  zu  einem  geschlossenen  ganzen  verband,  diese  aber 
im  vierzehnten,  fünfzehnten  und  sechszehnten  Jahrhundert  zum  teil 
wider  verschob,  zum  teil  noch  erheblich  vermehrte.  Wir  begegnen 
daher  in  den  ausführlichen  reiseschilderungen,  von  denen  hier  haupt- 
sächlich zu  reden  ist,  fast  immer  einem  gewissen  regelmässig  widerkeh- 
renden stocke  von  angaben,  nämlich  einer  Zusammenstellung  aller 
andachtstätten  des  heiligen  landes  (meist  nur  Jerusalems  und  seiner 
nächsten  Umgebungen),  zum  teil,  da  hier  einfach  ein  sogenantes  pilger- 
buch eingelegt  ist,  mit  genau  denselben  werten,  zum  teil  mit  einzelnen 
Veränderungen   und   zutaten,   welche   für   die   geschichte  der  tradition 

11* 


164  RÖHRICHT 

und  der  durch  bauten  oder ,  besitzwechsel  eingetretenen  tatsächlichen 
Veränderungen  von  bedeutung  sind.  Aber  neben  diesem  traditionellen 
kern  tritt  doch  wider  eine  solche  fülle  interessanter  nachrichten  über 
eigene  erlebnisse,  historische  ereignisse  und  personen  in  den  Vorder- 
grund, dass  wir  eine  hauptquelle  für  die  kentnis  und  das  Verständnis 
des  specifisch  kirchlichen  wie  des  algemeinen  kulturlebens  darin  erken- 
nen müssen.  Jedenfals  liegt  der  erste  antrieb  zu  einer  niederschrift 
der  eigenen  erlebnisse  in  dem  streben,  sich  und  seinen  nachkommen 
das  andenken  an  eine  so  grosse  und  mühevolle,  aber  auch  gott  wol- 
gefällige  buss-  und  bet-fahrt  zu  sichern  oder,  wenn  der  Verfasser  ein 
kleriker  war,  andere  zur  nachahmung  anzuspornen  und  über  die  ein- 
richtung  einer  solchen  langen  reise  genauer  zu  unterrichten.  Die 
abfassung  machen  sich  aber  manche  pilgerschriftsteller  recht  leicht;  sie 
schreiben  das  eben  erwähnte  pilgerbuch  einfach  in  ihren  text  hinein, 
ergänzen  es  durch  einige  persönliche  bemerkungen  oder  kopieren  ältere 
umfangreiche  reisebeschreibungen  und  ändern  sie  bloss  in  der  aufzäh- 
lung  der  daten,  namen  und  anderer  nebensachen.  Sehr  häufig  wird 
genau  dieselbe  reise  von  Venedig  nach  Jerusalem  und  zurück  von 
zwei  oder  mehr  berichterstattern  geschildert;  in  diesem  falle  ist  ein 
doppeltes  verfahren  zu  beobachten.  Entweder  nämlich  führen  sie  zu- 
sammen ein  gemeinsames  tagebuch,  und  jeder  stelt  daraus  für  sich 
einen  eigenen  text  mit  kleinen  abweichungen  von  der  vorläge  zusam- 
men, oder  aber  jeder  gibt  einen  vom  andern  volständig  unabhängigen 
bericht  (ja  erwähnt  manchmal  kaum  seine  reisegefährten),  der  je  nach 
dem  ritterlichen  oder  bürgerlichen,  geistlichen  oder  laien- Standpunkte 
verschieden  gefärbt  ist.    Dieser  zweite  fall  liegt  hier  vor. 

Der  pfalzgraf  Ottheinrich  bei  Rhein  unternahm  1521  eine  reise 
nach  Jerusalem  und  hat  uns  in  seinem  tagebuche  (1521  — 1534)  eine 
beschreibung  derselben  hinterlassen;  sie  ward  in  den  „Deutschen  pil- 
gerreisen nach  dem  heiligen  lande"  veröffentlicht^.  Ihr  wert  besteht 
weniger  in  genauen  angaben  über  die  heiligen  statten,  welche  in  einem 
nicht  mehr  erhaltenen  anhange  besonders  aufgezählt  und  beschrieben 
waren,  als  vielmehr  in  sehr  sorgfältigen  Schilderungen  des  lebens  auf 
Cypern  und  Rhodus  und  in  einer  ausführlichen  aufzählung  der  wich- 
tigsten reisegefährten.  Diesem  berichte  treten  zur  seite  unsere  zwei 
texte,  deren  Verfasser  sich  aber  leider  nicht  genant  haben  und  auch 
nicht  erraten   lassen.     Der   erste   bericht  stamt  aus   der  feder   eines 

1)  Von  Röhricht  und  Meisner,  Berlin  1880,  351 — 401;  vgl.  die  unter  dem- 
selben titel  von  Röhricht  allein  besorgte  neue  bearbeitung,  Gotha  1888.  Beide  Schrif- 
ten sind  im  folgenden  kurz  mit  RM.  und  R.  bezeichnet. 


BERICHT  ÜBER  EINE   JERÜSALEMFAHRT  165 

Schweizers,  da  er  sagt,  er  freue  sich  „gebom  sein  ain  Schweytzerlein" 
lind  schildert  die  reise  von  Venedig  nach  Jerusalem  und  zurück  im 
wesentlichen  genau  mit  denselben  details  wie  Ottheinrich,  der  auf  der 
heimfahrt  in  Parenzo  seine  reisegefahrten  verliess.  Dagegen  ist  sein 
bericht  doch  in  mancher  beziehung  wider  ausführlicher,  so  besonders 
durch  die  genaue  aufzählung  der  heiligen  statten,  durch  die  erwähnung 
kleiner  erlebnisse,  besonders  aber  durch  die  reflexionen,  welche  Jeru- 
salem und  die  not  des  volkes  in  Palästina  und  auf  Cypern  in  ihm 
erweckt;  dieses  lezte  moment  scheint  die  annähme  zu  begünstigen, 
dass  der  Verfasser  bäuerlicher  abkunft  war.  Trotzdem  zeigt  er  einen 
gewissen  stolz;  über  die  Unmöglichkeit,  wie  die  hohen  herren  aus  der 
begleitung  des  pfalzgrafen  die  ritterwürde  des  heiligen  grabes  zu  empfan- 
gen und  über  die  kalte  aufnähme,  die  er  mit  seinen  schweizerischen 
reisegefahrten  seitens  der  Johanniter  auf  Rhodus  erfuhr,  weiss  er  sich 
sehr  einfach  zu  trösten  und  angesichts  der  recht  splendiden  tafelgenüsse 
seiner  reichen  mitpilger  lobt  er  sich  das  habermus  seiner  bergigen  heimat 

Kürzer  als  sein  bericht  ist  der  zweite;  er  begint  mit  der  ankunft 
in  Jerusalem  und  schliesst  mit  der  landung  auf  Cypern  während  der 
rückfahrt.  Ob  er  ursprünglich  überhaupt  diesen  umfang  gehabt  hat 
oder  nur  verstümmelt  vorliegt,  können  wir  nicht  ausmachen,  doch 
scheint  uns  das  erstere  als  wahrscheinlicher,  da  sehr  viele  pilgerberichte 
die  beschreibung  der  hin-  und  rückfahrt  einfach  als  nebensächlich 
übergehen.  Trotz  dieser  kürze  und  trotz  mancher  unvermeidlichen 
widerholung  hat  unser  bericht  manches  neue,  so  vor  allem  viele  höchst 
sorgfältige  angaben  über  masse  und  zahlen,  welche  sich  auf  die  hei- 
ligen Stätten  beziehen,  woraus  ein  schluss  auf  den  geistlichen  stand 
des  Verfassers  sich  eigentlich  von  selbst  ergibt,  femer  eine  genauere 
erzählung  über  den  raubanfall  bei  Ramiah  und  das  Schicksal  des  patrons 
der  pilger.  Die  spräche  lässt  ebenfals  auf  schweizerische  abkunft 
schliessen. 

Der  herausgeber  ist  nicht  germanist,  um  den  sprachlichen  wert 
dieser  texte  in  das  rechte  licht  zu  stellen  und  ist  daher  seinem  col- 
legen  herm  dr.  Arwed  Fischer,  welcher  dieser  mühe  bereitwillig  und 
sachkundig  sich  unterzogen  hat,  vielen  dank  schuldig.  Sonst  hat  er 
sich  in  der  erklärung  des  eigentlich  traditionellen  auf  das  notwendigste 
beschränkt,  hauptsächlich  mit  rücksicht  auf  den  Charakter  dieser  Zeit- 
schrift und  in  erwägung,  dass  wir  in  den  unübertroffenen  specialstu- 
dien  von  Titus  Tobler  eine  fast  erschöpfende  behandlung  der  ganzen 
traditionsfragen  besitzen,  so  dass  es  nur  angezeigt  erschien,  besondere 
bestätigungen  oder  abweichungen  kurz  anzumerken. 


166  RÖHBIOHT 

Zum  schluss  spricht  derselbe  herm  oberstudienrat  prof.  dr.  W.  von 
Heyd  in  Stuttgardt,  welcher  auf  diese  texte  aufmerksam  machte,  und 
herm  prof.  dr.  Staudenmeyer,  direkter  des  königl.  würtembergischen 
filial-archivs  zu  Ludwigsburg,  welcher  aus  diesem  archiv  (abteilung 
Weingarten)  die  höchst  sorgfältigen  copien  selbst  besorgte,  seinen  herz- 
lichen dank  aus. 

Itinerarium  ins  H.  Land.    L 

Item  des  ersten  hindan  gesetzt,  was  sich  von  Heymad  aus  auf 
dem  Weg  darzu  was  zu  Venedig  verluffen.  Zu  Venedig  sind  wir  auß- 
gefaren  auf  das  schiff  am  fünften  tag  Juni,  der  do  was  des  heyligen 
Bischofs  Bonifacius,  vnnd  also  lagen  wir  still  bis  an  Frey  tag,  der  do 
was  der  sybendt  im  Juni;  ain  stund  vor  tag  zoch  man  all  segel  auf 
vnd  fuoren  mit  genedigem  wynnd  vnnd  gnosnen  wetter  denselben  tag 
zimlich  weyi  Angeend  der  nacht  stuond  der  wynd  ab  vnnd  ward 
styll  wynnd,  den  man  nennet  Bonatzo^,  der  do  wert  bis  am  Mitwuchen, 
do  schlugen  wir  die  ersten  schala^,  kamen  in  ain  stat  genennet  Rug- 
wina*,  da  ligt  ain  haylige  Junckhfraw  Euffemia,  der  leychnam  Ich 
vnnwirdiger  mitsamt  anndem  gesehen  hab.  Ditz  gedacht  stat  ligt  in 
Hy Stria  vnnd  ist  zu  Zeiten  von  Grauen  Cristoffel  franckha  Ban,  auf 
Beuelch  dess  Römischen  kaysers^,  gewunnen  worden,  vnnd  ain  gros 
Raub  daruon  gefuert.  Dis  land  nach  meinem  Bedünckhen  ist  vast 
rauh  vnnd  steynmechtig,  doch  zimlich  gewechs  weyns  vnnd  koms, 
aber  des  flayschs  welicher  hannd  man  wyll  überflüssig.  In  dieser 
stat  belyben  wir  den  tag,  der  do  was  der  zwölft  im  Juni.  Auf  die 
nacht  besamelten  sich  die  Bylger  wider  zu  schyff,  belyben  zu  erwar- 
ten des  wintz  die  nacht  vnnd  morgentz  den  dreuzehenden  tag  Juni.  — 

Item  in  diser  Zeit,  alls  wir  außgefaren  waren  von  Venedig  mit 
gedachtem  styllem  wynnd,  der  vnns  dann  hie  har  dann  dort  hin  try- 
ben  was,  sahen  wir  nahen  ligen  hüpsch  land,  alls  Frey  Jul.  Crauatis^ 
Histria,  auch  mänich  Stät  häryn  in  disen  landen  gelegen,  alls  Piran, 
Vmago,  Cita  noua,  Parentza,  Pollal  Dis  stet  ligen  an  den  Stand 
des  meers  vnnd  ettlich  auf  Höhinen,  das  maus  bescheydenlich  sehen 
mag.  — 

1)  Dieses  hiess  nach  Ottheiimclis  angäbe  Coresti,  Coressi,  ob  zu  corazza,  har- 
nisch?  2)  bonaccia  ital.  meeresstille. 

3)  scala  ital.  treppe,  hafen.  4)  Rovigno. 

5)  Maximilian  I;  die  eroberang  Rovignos  erfolgte  1509  durch  Christoph  Fran- 
gipan. 

6)  Croatien;  was  soll  Frey  (frei?)  Jul.  bedeuten? 

7)  Pirano,  Umago,  Cittanova,  Parenzo,  Pola. 


BKSIOHT   ÜBIB  UNK   JERÜSALKMFAHRT  167 

Item  auf  den  vierzehenden  tag  Juni  in  der  nacht  kam  vnns  ain 
wynd  an,  wol  etwas  widerwertig,  der  vnns  treyb  das  Romanisch  Bürg 
hinuf,  nahend  gein  Anckhona  vnnd  gein  Loreta  zw,  das  wir  es  auch 
bey  zwaintzig  meyllen  sehen  mochten.  Da  dann  ettlich  Bylger  ir 
andacht  ordneten,  nach  ains  yetlichen  geschickhlichayt.  Also  warden 
wir  getryben  das  gepürg  hinuf  den  fünfzehenden  vnnd  den  sechzehen- 
den  tag  Juni,  das  wir  darzwisphen  auch  manich  Schloss  vnnd  Kloster 
sehen  mochten.  — 

Item  am  sybenzehenden  tag  Juni  zu  nacht,  alls  wir  lanng  ge- 
schruwen  heten  nach  ainem  wynd,  kam  vnns  schnelligklich  ain  Sturm- 
wynd  an,  wiewol  er  mit  vnns  was,  must  man  doch  durch  vngestümig- 
keit  wyllen  des  winds  die  segel  abnemen,  die  man  gar  schwerlich 
vnnd  kaum  gewynnen  möcht,  also  das  gefär  was  vnnd  sorglicheit 
Erwartz  mit  grosser  geferte,  wo  man  die  segel  nit  het  mögen  bezwin- 
gen. In  disem  waren  die  Bylger  etlich  betrüebt,  doch  ainer  meer 
dann  der  annder,  aber  mir  was  nit  sonnders  daruon  angelegen,  ver- 
meynt,  sollt  also  sein,  wiewol  Ich  sach  ettlich  mit  ernstlicher  Bitt  sich 
dem  Almechtigen  beuelhen,  die  der  Sachen  etwas  bas  ain  erfaren  heten. 
Auf  solichem  ward  Ich  mich  auch  durch  mein  offen  Beychtsprechen 
dem  Schöpfer  aller  dingen  aufopferen,  mit  mir  zw  hanndlen,  was  sein 
Mayestat  meinthalben  auf  gesetzt  hat,  könnt  auch  darnach  nit  sunders 
beten,  dann  Ich,  mein  andacht  leyder  wenig  ist,  des  tags  verbracht 
vnnd  gesprochen  hat,  mir  was  lustig,  das  das  Schyf  also  gumpet  vnnd 
ainer  hiehin  vflf,  der  ander  dorthin  zu  fallen  gezwungen  ward,  Etlich 
auch  gar  herlich  speyen  warden.  Aber  nachdem  der  Segel  behaflftet 
ward,  was  nit  gros  sorg  meer,  wiewol  der  wind  dieselb  nacht  vnnd 
morgens  bis  zw  Vesper  grymlichen  noch  lag,  beschach  doch  nyemandts 
nüchtzig  leyd  noch  schaden,  dann  das  ain  Schyf,  den  man  neanet  den 
Barckhen,  verloren  ward,  das  man  für  ain  Fortuna^  seyt  gehallten 
werden.  Dann  ain  Sprüchwort  ist:  Ain  Naf^  on  ain  Barckhen  ist 
gleichwie,  wie  ain  Barckh  on  ain  Naf.  — 

Item  har  zwischen  tryb  vnns  der  wynd  das  Bulgist^  gepürg  hinuf, 
da  man  auch  etlich  hüpsch  gelegenheit  vnnd  schloss  vnnd  Stät  ligen, 
die  von  vnns  gesehen  wurden,  vnnd  insonders  ain  grosse  Stat  haysst 
vnd  würt  genennet  Prendis*,  soll  fast  gros  sein,  vmbgeben  mit  dem 
meer,  in  gleichnus  wie  Venedig,  auch  in  grosse,  wiewol  nit  souil  Leut 
darynn  wonen.     Ditz   stat   ist   ain   vnnd  des  Reichs  Pulgezen^    Dar- 

1)  fortnna  ital.  stürm.  2)  navo  ital.  das  grosse  schiff. 

3)  apulisch.  4)  Bnndisi. 

5)  Apnlien,  Puglia. 


168  BÖHRICHT 

nach    stets    daran   CaJabrien,    das   wir   von   weiten    auß    gesicht   ver- 
luren.  — 

Item  am  Achtzehenden  vnnd  am  Newnzehenden  tag  Juni  kamen 
wir  des  ersten  gar  nachet  auf  ain  Innsel  genennet  Corffo^,  beschleust 
sechtzig  meyl  in  vmbkrays,  gehört  den  von  Venedig  in  schirm.  Dar- 
gegen  an  ettlichen  orten  dreyssig  meyl,  an  etlichen  viertzig  daruon 
ligt  ain  gepürg,  heyst  Zimera^,  begreyfft  wol  hundert  vnd  sechtzig 
meyl,  steet  an  die  Türckhen,  in  welichen  wonen  etlich  völckör,  sind 
weder  Cristen  noch  Türckhen,  reden  aber  alboneschis^,  sind  noch  nye 
bezwungen  worden,  weder  von  glaubigen,  noch  vngelaubigen,  wiewol 
maus  vor  Zeiten  vnndorstanden  hat,  doch  vngeschafiFt  abgestanden. 
Schaft*  das  sy  nit  aus  irem  Lannd  komen,  sodann  yemands  von  ann- 
dem  Völckem  zw  in  anlent,  mögend  sie  in  bestreyten,  so  thuend  sie 
es.  Ists  dann  nit,  so  fliehends  dem  gebürg  zu.  Alßdann  seind  sie 
vnbegreyfFenlich,  ir  schnell  laufFen  schaffts,  das  man  will  ainen  zim- 
lichen  Roßlaufen  fürsetzen.  So  sie  ain  Cristen  fahend,  so  verkaufFend 
sie  im  den  Türckhen,  so  sie  aber  ain  Türckhen  fahend,  so  tödten  sie 
im  von  stund  an.  In  disem  gebürg  würt  geseyt,  das  auf  ain  Zeit  ett- 
lich  Fürsten,  von  Venedigem  geschickht,  ankamen,  die  ...^  von  den 
weybem  verjagt  warden.  Daraus  kombt,  das  die  weyber  auch  streyt- 
ten.  In  disem  gepürg  wechst  gnug,  was  man  bedarf,  kom,  wein  vnnd 
gut  keß,  sagt  man  auch  das,  das  Hüpschest  Zimerholtz  vil,  das  im 
ganntzen  land  sey,  das  sie  doch  nit  auf  dem  lannd  [lannd],  dann  mit 
grossen  listen.  Diß  sind  so  böß  Leut,  das  ain  Spruch  wort  daraus 
komen,  so  man  yemandts  schellten  will,  das  man  spricht:  Bist  böser 
dann  ain  Zimeriet.  — 

Item  darnach  kamen  wir  zw  ainer  Innsel  zimlich  weyt,  mit  allem 
versehen,  was  zw  notturfft  der  menschen  bedarf,  hayst  Cefolonia^. 
Beherrschen  die  von  Venedig,  gar  nahendt  dabey  leyt  auch  ain  Inn- 
selein,  heyst  Santa  maura^,  haben  den  von  Venedig  durch  vnnd  in 
vertragsweis  den  Türckhen  vbergeben.  — 

Item  am  Donerstag  der  do  was  der  zwaintzigst  im  Juni  schlugen 
wir  die  andern  schala,  oder  anfaren  in  der  Innsel  Alzantty®,  wölche 
in  Beschlus  hallt  bey  achtzig  meylen,  darynn  sind  bey  sechtzig  Dörflin, 
vermögen  bey  viertzig  tausent  mannen,  darunter  zweyhundert  wol  zw 
Roß  gerüst  gefunden  werden  zw  ainem  Bedürfifen,  wiewol  die  gedach- 
ten leut  nit  gros  widerstand  thund  den  vngleubigen,  vmb  des  verstannds 

1)  Corfu.  2)  Chimara.  3)  Albanesisch.  4)  das  macht 

5)  Lücke.  6)  Kephalonia.  7)  Santa  Maura  (Leukadia). 

8)  Zante. 


BBRICHT  ÜBEB  UNI  JBRXJSÄLBMFAHRT  169 

wyllen,  dann  sie  mit  vnnd  zu  ainander  haben,  werden  sie  doch  mit  ...^ 
zw  Zeitten  vberfaren,  derohalben  sie  nechtlich  gros  wacht  zu  roß  vnnd 
fuos  hallten  müssen,  vnnd  so  der  feind  vnnd  vberfall  zw  gros  würd, 
eyllt  weyb  vnd  man  dem  schloss  zw,  das  eben  starckh  ist  von  mau- 
ren,  sunst  von  Ingepew*  gar  nützig,  denn  etlich  Maine  Heußlin,  dar- 
ynn  behelffen  sie  sich  Vnnd  so  sie  es  ain  Monat  enntheben  mögen, 
kumbt  in  von  Venedig  Hilf,  die  wol  Newnhundert  meyl  zw  in  haben. 
Ob  sie  dann  schon  Heuser  verbrennen,  sind  sie  doch  nützig  werdt, 
dann  kains  ist  das,  das  über  ain  gaden  oder  gemach  ellenklich  auf- 
gepawen  sey,  darzw  in  klainem  BegryfF,  also  das  mich  bedünckt,  man 
find  wol  in  vnnsem  lannden  ains  Bauren  haus,  das  derselben  zway- 
hundert  in  kostlicheit  übertrefft  In  der  Innsel,  sprechen  sie,  dörffen 
nit  hoch  bawen,  ains  tayls  der  Räubern  halb,  des  andemn  dess  Erd- 
bydens  halben,  die  daselben  gar  manichmal  erheben,  das  man  wol 
sieht  an  dem  Schloss,  das  ligt  auf  ainer  zimlichen  Höhe,  wie  etlich 
thüm  zerspallten  sind.  In  disem  Schloss  sind  zwo  kirchen,  aine  der 
Cristen,  die  ander  in  greckischer  Zungen.  In  diser  Innsel  wächst  alles, 
was  man  bedarf,  auch  ettlich  spetzerey,  Cypett^,  süßhol ts,  das  man 
vast  wolfeyl  haben  mag,  an  ettlichen  vunden  herein  sind  auch  gar 
lüstig  ebene,  da  gesund  zu  wonen.  Ditz  Insel  würt  annderwert  genen- 
net Romani*,  wann  do  in  der  gut  Romanier  wechst,  den  wir  auch  ver- 
suchten, das  etlicher  nit  auf  den  füessen  möcht  geston,  ettlicher  vor 
sterckhe  nit  trinckhen  möchten.  In  der  gedachten  Innsel  waren  wir 
bis  auf  den  Ainwndzwaintzigisten  tag  Juni  zu  nacht,  mit  zimlicher 
narung  versehen  vnnd  in  leydenlichem  gellt,  wiewol  die  Herberg  dürr 
angeschlagen  ward,  dann  vnnser  Acht  musten  über  nacht  ain  Ducaten 
zalen,  vrie  wol  wir  auch  Hüß  darnach  eyllten.  In  diser  redt  man 
greckhisch,  doch  vil  welischs  das  selb  gesind.  — 

Item  dargegen  über  nit  sonders  weyt  stost  das  Türckhenland  an, 
welichen  zw  dem  fordersten  anstöst,  ain  starckh  schlos  ligt,  haist  Castel 
Dumes^,  von  welichem  man  noch  kumen  möcht  zum  Heyligen  lannd, 
doch  durch  gros  gefer  vnnd  wagnus  der  Reuber.  — 

Item  am  Ainvnndzwaintzigisten  tag  zu  nacht  bescheid  man  menigk- 
lich  wider  zw  schiff,   da  wir   dann  die  nacht  sunder  wind  verbliben 

1)  Lücke.  2)  gebäude. 

3)  zibetto  ital.  zibet,  drüsenabsondening  der  zibethkatze,  vielfach  als  parfiim 
oder  arzenei  angewant. 

4)  RomaDia,  als  name  für  Zante  sonst  nicht  bokant. 

5)  Bei  Ottheinrich  366  Turnes  (Torneste)  genant,  Zante  gegenüber  an  der  küste 
von  Mona. 


170  RÖHRICHT 

bis  auf  den  zwayvnndzwaintzigisten  tag,  an  wolichem  wir  nit  weyter 
fuoren,  dann  das  wir  genannt  Schloss  vnnd  Innsel  sehen  möchten.  — 
Item  am  drewundzwaintzigisten  tag  Juni  des  morgens  kamen  wir 
an  ain  gebürg,  geheyssen  Morea,  das  vor  Zeiten  der  Venediger  war, 
an  disem  gepürg  füren  wir  hinuf  denselben  tag  vnnd  auch  den  vier- 
vnndzwaintzigisten  im  Juni,  der  do  was  sannt  Johanns  tag  des  Hay- 
ligen  teuffers,  an  disem  gepürg  ligen  ferren  von  einander  zwo  Stet, 
gehayssen  Modun^  vnnd  Tordan  2.  die  wir  scheinparlichen  sehen  waren, 
von  welchen  man  sagen  was,  wie  sie  vor  kürtzen  so  reich  Stet  waren 
in  gewallt  der  Venediger,  aber  ...^  durch  den  Türckhen  abgewunnen, 
darzw  wie  souil  Bluts  derselben  beeder  partheyen  vergossen  sey,  got 
gedenckh  der  armen  seel  in  Barmhertzigkeit !  Ich  ward  fragen  vnnder 
annderm  ain  frumen  man,  was  die  vrsach  wer,  der  mir  nit  änderst 
anntwort,  allain  sprechen:  wir  Cristen  möchten  so  frümbklich  erberk- 
lich  hanndlen,  got  der  Himlisch  vater  geb  vnns  mer  glückh  zu  strey- 
ten  wider  sein  feind,  alls  Er  vor  Zeiten  mer  gethon,  wollt  Ich  nit 
weyter  ergründen,  dann  mögt  wol  gedennckhen,  was  auf  Im  zw  ruch 
trug.     Quia  propter  peccata  eueniunt  aduersa.  — 

Item  am  Zinnstag,  der  do  was  der  Fünfvndzwaintzigist  Juni,  am 
morgen  kamen  wir  nahend  an  ain  Innsel,  geheyssen  Zerrigo*,  ist  Cri- 
sten der  von  Venedig.  In  diser  Innsel,  wurt  geseyt,  gewonnt  haben 
die  schön  Helena,  alls  sie  durch  Pariden  Rwigklich  hingefuert  ward, 
dardurch  Troia  zerstört.  Ditz  Innsel  ist  bey  Achtzig  oder  mer  meylen 
weit,  darüber  ligt  ain  Innsel,  mag  von  der  Rauben  niemand  inwonen, 
heyst  Zerrigo  minor.  Bey  derselben  muß  man  nahend  hinfaren,  steet 
nit  weyt  von  dem  anstoß  der  Insel  Candia.  — 

Item  am  sechsvnndzwaintzigisten  tag  Juni,  der  do  was  der  lieben 
Heyligen  tag,  die  man  nennet  die  syben  schläfer,  das  sich  wol  beschein, 
dann  ettlich  gut  Herren  vnd  gesellen  schliefFen,  bis  das  man  essen 
zutrug,  an  demselben  kamen  wir  gegen  dem  anstoß  der  Innsel  Candia, 
da  zuuor  ligt  ain  fleckh,  geheyssen  Gyssano^,  das  wir  sehen  möchten. 
Doch  füren  wir  noch  bis  morgen  zu  nacht,  der  do  was  der  syben- 
vnndzwainzigist  tag  Juni,  mit  sambt  der  ganntzen  nacht,  das  wir  weder 
zw  lannd  noch  vnnsers  wegs  faren  konnten,  die  Innsel  verlib  vnns  all 
stund  vnnder  äugen,  so  widersins  erzaigt  sich  der  winnd.  Vnd  wie- 
wol  der  Patron  des  Schifs  des  willens  was,  die  Bylger  abzusetzen,  das 
lannd  lassen  zu  beschawen   vnnd  sich  mit  ettlichen  wein  zuuersehen, 

1)  Modon.  2)  Coron.  3)  Lücke.  4)  Cerigo. 

5)  Wol  die  insel  Grabusa  am  nord-west-eingange  der  bai  von  Eisamo. 


BERICHT  ÜBER  EINI  JBRVSALEMFAHRT  171 

must  er  doch  daruon  ston  vnnd  schickht  sich  wider  den  gestrackhsten 
weg  zufaren  auf  Rodis.  Also  musten  wir  die  gedacht  Innsel  fürfaren, 
ynerkhannt  alles,  das  mengem  schwer  angelegen,  doch  ward  mir  geseyt 
vf  mein  erforschen  von  der  gedachten  Innsel,  das  vor  Zeiten  ain 
mechtig  künigreich  ain  gewalltigen  Bracht  füren  gewesen  sey,  vnnd 
vor  Zeiten  durch  kriegs  not  von  Venedigem  bezwungen  worden,  vnd 
die  künig  vertryben,  doch  dem  volckh  die  gnad  erzaigt,  das  sie  frey 
sitzen,  sunder  steur,  sunst  möchten  die  genannten  Venediger  nit  behall- 
ten, dann  das  lannd  mit  versehen  ist  mit  starckhen  fleckhen,  das  tür 
kain  gewallt  sein  möchten.  Aber  der  wyllen  der  leuten  vnnd  Inwoner 
machens  stai*ckh,  die  so  günstig  sein  sant  Marx,  auß  vor  gedachter 
nachgelassner  freyhait  willen,  das  sie  maynen  würden,  sich  wider  all 
wellt  vor  gewalt  beschirmen.  Dise  Innsel  beschleust  syben  hundert 
meyl  im  vmbkreys,  darynn  wonhafftig  funden  werden  ob  zway  mal 
hundert  tausent  menschen  vnnd  meer,  das  zw  glauben  steet,  dann  ob 
sechzehen  tausent  Hofrayten  vnnd  wonungen  herein  funden  werden, 
ettlich  klein,  etlich  zimlich  grösser  nach  gewonhait  vnnd  Brauch  dess 
lannds.  Dis  lannd  ist  überflüssig  korns  vnnd  weins,  darzw  allerhannd 
flaisch,  was  man  begeret,  man  spricht  vnnd  seyt  auch,  wiewol  ain  gros 
summ  weins  järlich  gesamelt  werd,  herynn  der  Innsel  sey  doch  vber- 
flüssigkait  der  milch  mer  dann  des  weins,  die  sie  zw  notturfift  brau- 
chen, das  überig  in  keß  vnnd  annders  verwanndeln,  nach  Brauch  irs 
lannds,  des  sie  darnach  ain  gros  Zal  den  frembden  zuuerkhauffen  zw- 
schickhen.  — 

Item  am  sybenvnndzwaintzigisten  tag  Juni  auf  die  nacht  kam 
vnns  ain  zimlich  genediger  wind,  vnd  der  do  wert  dieselben  nacht, 
in  der  wir  deswegs  zimlich  gefürdert  wurden,  der  do  wert  bis  auf 
den  Achtvnndzwaintzigisten  tag,  warden  wir  getröstet,  so  Er  also  ver- 
lib,  möchten  wir  alls  auf  den  Newnvndzwaintzigisten  tag,  der  do  was 
sannt  Peter  vnnd  Pauls,  der  lieben  Zwelfpoten  tag,  zw  Rodis ^  ankö- 
rnen, das  doch  etlich  Bylger  widerstryten  vnnd  vermeynten  vnmüglich 
zu  sein,  dann  der  gedacht  winnd  was  etwas  still  vnnd  zimlich  warm.  — 

Item  am  Achtvnndzwaintzigisten  tag  Juni  auf  den  Anbys^  stund 
der  wind  ab,  vnnd  ward  aber  Bonato,  der  do  wert  den  tag  vnnd  die 
nacht,  mit  sampt  dem  Newnvndzwaintzigisten  tag,  das  wir  gar  wenig 
des  wegs  gefürdert  wurden.  — 

Item  am  Dreyssigisten  tag  Juni  kamen  wir  nahend  am  morgen 
zw  ainer  Innsel  genannt  Nyssary^,  in  welcher  vier  Castell  funden  wer- 

1)  Bhodtts.  2)  Zur  frühstückszeit  3)  Nisyro. 


172  RÖHRIOHT 

den.  Dise  Innsel  ist  etwas  von  Hohem  gepürg,  doch  volkomen,  was 
man  bedarf,  zw  leybs  notturfift.  Dis  gehört  den  Herren  vpn  Rodys  zw 
vnnd  ist  dreyssig  meyl  weyt  von  derselben  Herren  . .  .^  Diß  Innsel  macht 
vil  Schwefel  vnnd  grosse  menig  der  Feygen,  also  das  ain  Herr  allain 
von  den  Zehennden  aufnymbt  derselben  Feygen  vierhundert  Ducaten, 
nit  weyt  von  dannen  ligt  das  Schlos  samt  Peters  2,  mit  sambt  annde- 
ren  Innseln,  die  mit  Schlössern  wol  bewart  stand.  — 

Item  am  ersten  tag  July,  der  do  was  der  Montag  vnnd  vnnser 
lieben  Frawen  Haymsuchung  oben,  schickhet  sich  das  glückh,  das  wir 
begirig  lanng  gestannden  waren,  Rodys  die  Stat  zu  sehen.  Also  auf 
die  Non  Zeit  stunden  wir  ab  dem  SchyfF,  vnnd  warden  verliehen  em- 
pfanngen,  zimlich  versehen  mit  Herberg,  auch  alles  was  zw  Speis  not 
ist,  aUain  das  den  Bylgem  fast  wider  was  der  starckh  wein,  den  man 
bringt  gemainklich  auß  Candia,  für  mich  zu  reden.  Er  hat  mich  nahend 
getödt,  ye  mer  Ich  tranckh,  ye  hitziger  Ich  ward,  also  das  Ich  mich 
hueten  must  außzugon,  allain  auf  der  nacht,  da  Ich  lanng  nichs  sehen 
mocht,  dann  das  gebew,  das  do  eben  wunderbarlich  mächtig  ist,  zu- 
uor  an  in  verren  ston  drew  starckh  thüm  wie  die  Schlösser,  der  vnderst 
hayst  sant  Niclausthum.  Do  wir  inn  seyen  gesein,  da  gesehen  haben 
mächtig  wol  geordnet  geschütz,  auch  ain  fast  gewaltig  gebew,  vnnd  am 
Herausgon  not  man  vnns  zu  trinckhen.  Also  bot  man  vnns  gnugsamen 
guten  wein,  den  wir  getrunckhen  betten,  wann  wir  haimlich  bey  einan- 
der gesessen  weren.  Der  oberst  haist  sannt  Katerina  thum,  der  Mit- 
tel der  Frantzhosen  Thum.  Diß  bewaren  gewaltigklichen  den  . .  .^  vnnd 
ain  grosse  weyte  des  mers,  das  nyemand  beleyben  mag.  Damach  ist 
die  stat,  die  nit  sunders  gros  ist,  mit  ainer  viertzigschuchingen  mau- 
ren  vmbgeben,  die  mit  zwen  vast  tiefen  graben  bewart,  in  wunderbar- 
lichem  gepew,  mit  mancher  haimlicher  gewer.  Doch  bricht  man  vil 
ab ,  die  in  ander  sterckhin  gehauen  soUn  werden.  Darüber  ist  ain  . .  .*, 
haist  der  ...^,  ist  teutscher  Zungen,  der  sich  in  trew  emnstlich  in  solichem 
bezeigt,  als  wol  bewyst  das  werckh,  wölhes,  so  es  auß  gemacht  würt, 
wol  mag  der  mechtigist  sterckhsten  gebawen  sein,  alls  auf  erdtrich  fiin- 
den  werde.  In  disem  sarch  vnnd  vmbkrevß  der  Stat  sind  manich  vnnd 
vil  annder  gepauwen  Heusslin,  die  all  in  gewelb  bedeckht  sind,  vnnd 
kains  vber  zway  gemach  hoch,  allain  das  Schloss.  Dise  stat  ist  mit 
zimlichn  kirchen  nider  gebawen,  weder  lay  latinist  vnnd  greckhisch 
versehen,  wölhe  mit  gezierden  gnugsam  begäbet,  doch  aber  tryfift  die 
oberst  nit  vnbillich  sannt  Johanns  tempel,  wölher  in  myten  des  Schloss 

1)  Lücke.  2)  Vgl.  RM.  22;  R.  59  fg.;  Conrady,  Vier  rheinische  Palästina - 

pilgerschriften  105.  3)  Lücke.  4)  Lücke.  5)  Lücke. 


BSRIOHT  ÜBSR  EINE  JSRÜSALEHFAHRT  173 

ligt,  vnnd  vmbgeben  ist,  nit  sunder  gros,  aber  mit  Zierden  reychlichen 
begabt,  darunter  der  merertayl  auß  klarem  gold  gearbayt  sind.  Alda 
ist  ain  osterlam  vnnd  zwen  enngel  darneben  vnnd  annders  mer.  Dar- 
zw  sind  all  Ampeln  vnnd  vil  licht  stöckh,  mit  sambt  den  Zwelpoten 
an  beeden  wennden  erhebt,  silber  übergüUdt,  so  schon,  das  mans  ach- 
tet, werdt  sein  Zwayhundert  tausent  Ducaten  vnnd  mer.  Das  Hayltum 
daselbst  ist  überflüssig.  Alda  ist  ain  Messin  creutz  gemacht  auß  dem 
Beckhin,  daraus  got  der  almechtig  seinen  Jüngern  die  füß  wuosch. 
Item  zwen  dorn,  die  blüen  all  karfreytag.  Item  ettlich  der  pfennig, 
da  got  vmb  verkaufft  ward.  Item  ain  Arm  von  sant  Katarina  vnnd 
meer.  Der  vmbkrais  dess  Schloss  ist  zimlich  weyt,  aber  gegen  der 
Stat  ganntz  nichtig,  werhaffüg,  wann  sie  wennd  die  Stat  mit  sampt 
dem  schlos  behallten.  Ditz  ist  außgetailt  den  Ritern  nach  Zal  vnnd 
menge  der  leuten.  Doch  haben  die  teutschen  die  mynsten.  Diser  Her- 
ren leben  vnnd  Regiment  ist  mir  mit  sunders  mißfällig,  mich  bedünckht, 
haben  ain  zimlich  lieb  vnnd  aufsehen  zusamen,  des  gemaynen  volckhs 
Zucht  vnnd  insonders  der  weyber  ist  nit  gantz  durch  mich  bewert, 
dann  mich  dünckht,  seyen  etwas  zuuil  vnschamhafftig,  das  Ich  nit  zw 
Rytten  hab.  Die  Zerung  vnnd  Herberg  ist  teur  vnnd  kostlich,  auch 
ist  fast  bös  gellt  luoffig  härein.  Vor  diser  ötat  sinnd  zw  Zeiten  bey 
fünfRzig  Jaren^  gelegen  die  Türckhen  Hundert  tausent  starckh,  haben 
sie  beschossen  gewaltigklichen ,  dann  man  funden  hat  bey  vier  tausent 
grosser  Stainen  kugeln  in  rynngweys  der  Stat,  die  noch  bey  Zeit  zw 
ainer  gedechtnus  vmb  die  weg  ligen,  zu  letzst  gestürmt  vnnd  weyt 
erüberiget,  also  das  man  maynt,  wer  schon  gethon.  Do  kam  der  obrist 
Meistor,  der  do  was  ain  Cardinal,  schlug  sein  feind  hertigklich  zurückh, 
mit  gnad,  das  die  Cristen  sighafftig  warden,  da  zw  ainer  gedechtnus 
gepawen  ist  ain  schön  kloster,  gehayssen  zw  sant  Victoria.  Dis  Innsel 
ist  bey  Hundert  vnnd  viertzig  meylen  in  vmbkreis,  vnnd  vermag  dreys- 
sig  tausent  man,  sind,  on  die  Stat  Rodis,  sunst  Schlösser  vast  starckh 
auch  daryn,  heissen  Lindouw,  Ferraclo,  Polochia^.  Do  ist  kains,  man 
mag  sechs  Hundert  man  lannge  Zeit  behalten  vnd  versehen  mit  speis. 
Die  gedacht  Stat  ist  auch  nit  so  vest  versehen  mit  mauren,  alls  mit 
Munition  versorgt,  das  man  sehen  mag  dann  durch  die  gantzen  Stat 
sinnd  gewelb  vnnder  der  erden,  die  vol  körn  geschüttet  stond,  vnnd 
annders  was  man  bedarf,  auf  syben  Jar  lang.  In  diser  Stat  beliben 
wir  bis  auf  den  vierdten  tag  Juli,  des  Barchen  zu  erwarten.     Darzwi- 

1)  1480;  vgl.  EM.  183,  371. 

2)  lindo,  Castello  di  Ferraclo,  Polaka. 


174  RÖHBIOHT 

sehen  sach  Ich  nichs  sonnders,  dann  hüpsch  gepew  vnnd  geschütz, 
wie  obstat,  darnach  drew  Straussen,  die  grußlich  zw  schawen  sind  von 
wunderbarlicher  gestallt,  auch  ir  seltzam  Ayer  brueten.  Die  lauffen 
in  ainem  hüpschen  garten  mit  anndem  Rossen.  In  disem  garten  was 
auch  ain  man,  der  brüetet  Ayer  auß  drewhundert  auf  ain  mal,  es  weren 
Hüner  oder  Ennten,  Gännß,  Pfawen  Ayer.  Dis  bedaucht  mich  auch 
insonders  wunderbarlich  zu  sagen.  Ich  fragt,  wie  vil  Er  wol  außbrue- 
ten  möcht  ains  Jars.  Anntwort  Er,  als  vil  Er  Ayer  het,  vnnd  so  sie 
geschlossen  sind,  so  gibt  Ers  ainem  koppaunen  zu  fuoren.  — 

Item  an  dem  fünften  tag  Juli  schyffien  wir  aber  von  dannen 
vnnd  kamen  mit  genedigem  wind,  den  tag  vnnd  nacht,  mit  sambt  dem 
sechsten  vnnd  sybenden  tag,  ain  gros  Zall  meylen  vnnsers  wegs  über 
das  Hoch  meer,  in  welchem  wir  kain  Innsel  noch  lannd  sehen  moch- 
ten, wiewol  vnns  zuuerston  geben  ward,  weren  gerichtig  der  Innsel 
Cyprien  enntgegen,  die  wir  zw  der  linckhen  Hannd  verluren.  — 

Item  den  Achtenden  tag  Juli  stunden  wir  begirig  nach  Vertrö- 
stung des  Tatron  ^  vnnd  seiner  schifmaystem  vnnder  äugen  zu  erlangen 
das  Haylig  lannd  Suriam^,  des  wir  doch  betrüebt  warden.  Harrung 
manchem  beschwert  bracht,  doch  getröstet  morgens,  seitens  nit  so  frw 
mögen  ersten,  würden  Irs  verlanngen  gewert  vnnd  ersettiget  — 

Item  Alßdann  morgens,  der  do  was  der  Neundt  tag  Juli  am 
aufgon  der  sonnen,  vnnd  Ich  noch  schlaffen  lag,  ward  gemeldet  durch 
den  paren^  darüber  gesetzt,  der  auch  harvon,  von  den  Bylgerin  ver- 
irrt* wurtt,  geschrien:  terra,  terra!  Daruon  ain  erheben  ward  der  Bil- 
geren, lauffen  zu  schawen,  dannckhten  got  der  gnad  nach  ains 
yetlichen  andacht.  Ich  hört  aber  in  gemayn  nit  vil  singens  noch  Jubi- 
lieren. Erlangten  also  des  morgens  bey  viertzig  meylen  vnnd  kamend 
angeends  ainem  alten  Schlos  vber,  haist  Castrum  peregrinorum  ^,  da 
vor  Zeiten  etwan  die  Bilger  ausstunden.  Aber  vmb  wyllen  das  den- 
selben manichs  vnbillichs  beschach,  hat  geenderet,  lennden  nun  zumal 
auff  Jassa^,  ist  vor  Zeiten  der  Rodiser  Hern  vnndertönig  gestanden, 
weihe  mit  gewallt  vnnd  kriegs  not  heruon  vertryben  sind  worden.  — 

Item  denselben  Neundten  tag  Juli  fuoren  wir  vmgeends  dem  stad 
nach  hinauf,  do  dann  auch  etlich  allt  turn  vnnd  wonungen  gesehen 
wurden,  mit  ganntz  styllem  wind,  den  man  nennet  Calmas''.  Diser 
wert   auch  die  nacht  durgentz  vnnd  den  morgen,   den   zehenden  tag, 

1)  Verschrieben  für  patron.  2)  Soria,  Syrien. 

3)  "Wol  der  sogenante  „geschworene  patron''.  4)  Lies  verehrt? 

5)  Capellum  peregrinorum  d.  heutige  Athlith.  6)  Jaffa. 

7)  calma  ital.  windstille. 


BKBIOHT   ÜBER   EINS   JSBÜSALBMFAHBT  175 

das  wir  wenig  dess  wegs  gefördert  wurden.  Doch  wurden  wir  durch 
gnad  gots  geleytet,  das  wir  auf  den  Mittag  nahet  gein  Jaffa  ankamen, 
vnnd  alls  wirs  nahend  sehen  mochten,  ward  durch  den  Wirdigen  Her- 
ren Bischof  Vicentz  Octuensis^  prediger  ordens  Meß  gehallten,  vnnd 
da  andechtigklichen  das  Te  Deum  laudamus  gesungen,  vnnd  darnach 
ainer  den  andern  zuuerzeihen  ermanet.  — 

Item  alls  von  stund  an  nach  Mittag  fuor  der  Patron  zw  lannd, 
do  Er  dann  den  Guardian  von  Jerusalem  begryff,  der  durch  ander 
Bylger  willen  gein  Jaffet  komen  ward,  vnns  verkhünt,  soltens  für  ain 
glückh  achten,  kemen  dester  bälder  ab  dem  Schyff,  dann  sonnst  weren 
die  Bilger  gemainlich  Acht,  Newn  oder  Zehen  tag  behallten  worden, 
wir  würden  aber  in  zway  tagen  dess  SchyfFs  erlöst.  Also  wyst  Ich 
nit,  wes  die  schuld,  allain  das  wir  die  yrten^  vberschlugen  vor  dem 
Wirt,  musten  bis  an  den  sybennden  tag  in  vngedullt  gefanngen  ston, 
doch  aUweg  beredt,  morgens  morgens,  farend  Ir  zu  lannd.  — 

Item  an  dem  Fünfzehenden  tag  Juli  sahen  wir  ettlich  zu  roß 
komen,  schlugen  zwu  Zollten  auf,  do  all  die  Bylger  orfreuet,  dan  wir 
in  sorgen  stunden,  würden  vnns  nit  zw  lannd  lassen,  alls  vor  meer 
beschehen  ist,  Vnnser  fömemen  zw  verbringen,  vmb  kriegs  leuf  wil- 
len, die  sich  her  inn  dem  lannd  erheben,  dann  sich  gar  newlich  die 
Herschafft  vnnd  gewalt  zw  Jerusalem  geendert  vnnd  verwandeilt  het, 
nach  mittag  kamen  ettlich  vil  derselben  Türckhen,  die  man  nennet 
Jeniterey^,  zw  vnns  in  das  schif,  besahen  ettlich  kaufmanschatz,  dar- 
gegen  sie  verteuschen  wollten  zway  futer  Marder  oder  Tebelin^.  Doch 
warden  sie  nit  ains,  vnnder  disem  wurden  gar  man  schwer  betruebt 
von  dem  mer,  also  das  sie  dort  hinfielen  wie  das  vich,  doch  trunckhen 
ettlich  gar  seuberlich  wein,  den  sie  von  stund  an  wider  speyten,  dar- 
nach wider  antrunckhen.  Aber  ettlich  wollten  kain  wein  versuchen, 
vnnder  disem  bedünckht  mich  manicher  geschickht,  vnnd  etlich  zw 
nichtigem  tügig^.  — 

Item  auf  den  sechzehenden  tag  Juli,  der  do  was  des  Hayligen 
sannt  Alexius  vnnd  Zertaylung  der  Apostel,  des  morgens  frw  warden 
wir  gefriert  zw  lannd,  ward  ains  yetlichen  namen  vnnd  seins  vaters 
auf  verschryben,  darnach  geteylt  in  zway  gewelb  geleit,  auf  ain  wenig 
stro,  den  tag  vertryben  wir  bis  zu  nacht.  Also  was  man  aufhallten 
die  Bylger,  mit  Essel^  in  gnügsamkait  must  man  wir  hindner  sich 
mer  zu  beschickhen,  beleyb  man  bis  morgens.  — 

1)  Ottheinrich  360  nent  den  bischof  zu  Dalmanen,  der  für  JjeoX.  walfahrtete. 

2)  zehrung,  wiiishausrecbnung.  3)  janitscharen. 

4)  zibellino  iÜl.  zobel.  5)  tauglich.  6)  esel. 


176  RÖHBICHT 

Item  von  Jaffet  das  annder...^  nennen  darum  *  Jaffet,  das  dasselb 
Jaflfet  zwu  meyl  daruon  ligt,  bedaucht  mich  nit  sonnders  zu  merckhen, 
dann  das  ain  gewonlich  anfaren  der  Bilgerin  daselben  beschicht,  spricht 
man,  sey  ain  hüpsche  allte  Stat  gewesen,  vor  Zeiten  von  Noe  sün 
gepawen  worden.  Vff  dise  Zeit  sieht  man  noch  zwen  allt  tum.  Daruf 
die  wach  des  anfarens  gehallten,  vnnd  darunter  ettlich  gewelb,  darein 
die  Bilger  gelegert,  ettlich  zwen  tag,  etlich  drew  tag,  werden.  Dar- 
bey  in  weytem  vmbkreys  vil  alts  starckhs  gemeuer  ligt,  darunter  hüp- 
sche gewelb  funden  sehen  werden.  Von  dem  lannd  aber  bedaucht 
mich  vnfruchtbar  dann  zu  wonen,  als  wol  erzaigt  das  arm  innwonet 
volckh  von  beeden  Cristen^,  alls  sie  sagen,  vnnd  moren,  auch  die  auß 
beleyten  sollte  ain  Herr  von  Rama^  vnnd  ain  geschickhter  von  dem 
Herren  von  Jerusalem,  bedauchten  mich  mit  zu  achten  gegen  vnnsem 
Herren.  — 

Item  auf  den  Achtzehenden  tag  Juli  des  morgens  ward  gnugsam- 
lich  versehen  den  Bilgerin  vmb  Essel,  doch  ettlich  schwach,  also  das 
mancher  zu  Häuf  fiel,  Manicher  zu  fuß  zugon  gezwungen,  vmb  das 
die  Essel  nit  volgen.  Also  waren  wir  geleyten  in  guter  Hut,  bis  gein 
Kama,  darz wischen  ligt  ain  zerstört  Stätlin,  hayst  Jaco^,  auch  annder 
mer,  die  wir  in  gesiebt  haben  möchten,  das  land  aber  gnugsamlich 
lustig,  dann  das  vor  türry  auf  dieselb  Zeit,  wenig  wachsen  möcht 
Das  volckh,  vnnd  insonders  die  frawen  arbaytselig,  also  das  mich  Irs 
lebens  verwundert,  die  frawen  verbinden  sich,  das  maus  kaum  mag 
vnnder  äugen  schawen,  vnnd  sind  doch  zumal  vngestallt.  Also  nit 
nach  langem  wegen  kamen  wir  gein  Kama,  dauon  mich  nichtig  bedaucht 
zu  bedenckhen,  dann  das  vor  Zeiten  sollt  ain  schön  Stat  gewesen,  alls 
Er  zaigt  hin  vnd  her,  ain  allt  gepew  mit  ettiichen  tümen  sich  erzai- 
gen  weyt  in  vmbkrais,  vnnd  alls  wir  nechst  darzw  kamen,  stund  zuuor 
ain  gemaurt  haus,  ain  schein  habend,  darein  wir  durch  ain  ennge 
thür  gelassen,  vnnd  in  ettlich  gewelb  daselbst  außgetailt  Dis  Haus 
würt  geseyt  den  Bilgern  zw  gutem  von  ainem  Herren  von  Burgund^ 
gepawen  worden  sein,  doch  bedaucht  mich,  sollt  en  gekaufR;  gewesen, 
dann  das  gebew  erzaiget  kainen  Spital  der  Bilger,  laß  Ich  beleyben. 
Herein  komen  von  vil  geschlecht  Jung  volck,  sich  sprechend  Cristen 
zu   sein,   brachten   Ayer,   Brot,   trauben,   Feygen,   Hüner,    aber   kain 

1)  Lücke.  2)  Text:  harum. 

3)  Wol  aus  Anabitae  (verschrieben  für  Arabitae,  d.  i.  wol  Nestorianer)  ent- 
standen; vgl.  Conrady  45. 

4)  Der  emir  von  Ramia.  5)  Jazur. 

6)  Philipp;  das  jähr  der  erbauung  dieser  pügerherberge  ist  nicht  sicher. 


BSRICHT  ÜB£B  XINK  JSBÜSALEMFAHRT  177 

wein.     Das  volchk  in  diser  Stat  wonnt  in  den  zerbrochnen  gewelben, 
da  in  vnnsern  lannden  nit  die  vnuemünflFtigen  thier  weren. 

Item  in  derselben  nacht,  wiewol  Ichs  nit  dann  von  ferrem  gese- 
hen, was  darkomen  ain  Türckhischer  gesannten,  das  land  zu  beordern 
mit  grossem  Heer  vnnd  kostlichem  gewalt,  alls  ettlich  sagen,  die  in 
seiner  Zelt  gewesen  durch  verwiUigung  vnnser  patron.  Alda  was  der 
Pfaltzgraf,  Hertzog  Ott  vnnd  annder,  gehaben  han  wol  vierhundert 
kamelthier^  vnnd  annder  Pferd  vnd  rüstung,  doch  vnnder  annderen 
loben  sie  mer,  dass  sie  vnnder  souil  volcks  ain  semlich  stillen  vema- 
men  vnnd  hörten,  das  nit  müglich  wer  vnnder  kristen  zu  gerieten, 
alls  auf  mytternacht  füren  sie  für  auf  Gazara^  zw.  — 

Item  auf  den  Achtzehenden  tag  Juli  des  aubends  nach  vil  müe 
vnnd  ansuchen,  den  Gwardian,  den  Patron,  vnnd  auch  die  Beleyter, 
warden  wir  wider  zw  Essel  beryten,  vnnd  zogen  durch  Bama  hin  ain 
lannge  weyl,  durch  vil  zerstört  gebew,  unnd  alls  wir  ettlich  ebnen 
vnnd  Berglin  gefuoren,  ain  stund  oder  zwu  in  die  nacht,  ward  das 
leger  gehallten  bey  ainem  brinner,  vnnder  ainem  zerstörten  schloßlin, 
hayst  Castel  latron^.    Da  lagen  wir  mit  ettlicher  sorg  der  Arabier.  — 

Item  auf  den  Newnzehenden,  zwu  stund  vor  tag,  bestimbt  man 
aber  auf  zu  sein.  Also  fieng  bald  an  ain  zimlich  ruch  staynet  gebürg, 
vomen  an  nyder,  vnnd  angeends  ye  hoher  vnd  höher  komen,  also  auf 
die  zehenden  stund  vnser  Zeit  kamen  wir  zw  ainem  paß.  Do  waren 
wir  gelassen  in  ainen  garten,  ward  lachen  zwischen  mir  vnnd  ettlichen 
tür,  dann  wir  für  den  wein  hinaus  waren,  wann  auch  ainer  ain  Bröt- 
lin  hat,  aß  ers  auß  dem  Ermel,  auß  disem  warden  wir  aber  geschriben, 
ains  yeckhlichen  namen,  vnnd  fiengen  dauon  von  stund  an  aufzureiten 
am  Berg  werdt  bis  gein  Jerusalem,  dahin  wir  kamen  von  den  gnaden 
gots  zw  Vesper  Zeit  lieblichen  empfangen  von  den  Brüdern,  auch  an- 
geends tisch  gesetzt  vnnd  gespeyst,  mit  zimlichem  vast  gutem  wein 
getrenckht  — 

Item  auf  dem  weg  von  Rama  bis  gein  Jerusalem  ward  nit  gese- 
hen, dann  manch  zerstört  gepew,  dardurch  man  ryt  noch  bey  Zeit, 
öttlich  arm  leut  warn,  vnnd  vnder  annderm  zehen  meyl  von  Jerusalem 
Ugent,  ward  vnns  gezaigt  ain  zerstört  Behausung  auf  die  linckh  Hannd, 
das  vor  Zeiten  genennt  ward  Aranathia*,  dauon  sannt  Joseph,  ain 
haymlicher  Jünger   des   Herren   bürtig   was.     Daselbst   auf  die  Eecht 

1)  Ottheinrich  376.  2)  Gaza. 

3)  Heut  el-lätrÜD. 

4)  Arimathia,  sonst  identificiert  mit  Nebi  Samwil. 

ZKUSOmOFT  F.   DEUTSCHE  PHILOLOQIE.      BD.   XXV.  12 


178  RÖHRICHT 

Hand  ward  vnns  weyter  gezaigt  ain  Schlößlin  genannt  Silo^,  daselbst 
soll  gewesen  sein  die  arch  gots,  soll  auch  daselbst  künig  saul  gesalbet 
sein  worden  vnnd  erweiter  künig  genennt.  — 

Item  alls  wir  nun  das  mal  genomen  vnd  dess  Essens  vnnd 
trinckhens  ersettiget,  ward  aim  Bylger  innsunders  überanntwort  ain 
tabett,  darauf  zu  ligen,  vnnd  ain  lyderin  küsß  vnnder  sein  Haupt 
Ward  darnach  gefuert  in  ain  Haus  den  Bylgem  zw  Herberg  bestymbt, 
daran  sich  ettlich  vergnügten,  etlich  vereahen  sich  annderßwo.  Dis 
Haus  ist  nahet  dem  tempel  in  wunderbarlichem  gepew  eingebawen, 
also  das  man  spricht,  sey  vor  Zeiten  des  Patriarches  wonung  gewesen, 
ist  wol  zu  glauben  etwas  wirdigs  gestanden  sein,  nach  gestallt  der 
zerstörten  mauren,  auf  disen  mag  man  sehen  vber  die  ganntzen  stat 
Jerusalem,  die  in  ganntzer  Zerstörung  ligt.  Aber  in  wesen  mags  wol 
das  schönst  vff  erden  geheyssen  werden.  — 

Item  den  Zwaintzigisten  tag  Juli,  des  morgens  warden  die  Brue- 
der  wider  versamelt  in  dem  Closter  des  Bergs  Sion,  vnnd  da  ain  schon 
Ambt  gehallten  vnnd  volenndet,  darnach  ain  sermon  oder  ermanung 
den  Bylgern  in  drew  sprachn,  lateinisch,  welisch  vnnd  teutsch,  zw 
gutem  vnnd  vnnderweysung  gehallten,  insonders  sich  auf  vier  Articul 
bewaren. 

Den  ersten,  so  yemands  sunder  vrlob  des  babst  dahin  komen  auß 
versaumnus  oder  vnwissnhait,  harumb  in  den  strickh  dess  Bandts  gefal- 
len, ward  menigklichs  da  absoluirt  vnnd  enntledigt.  — 

Des  Andern,  not  zu  sein,  ainem  yetlichen  ain  gewissen  glauben 
der  Dingen  daselbst  geweyst  werden,  sunder  welhem  nützig  zu  erlan- 
gen ist  — 

Des  Dryten,  ain  Brüderliche  liebe  vnd  sundere  Diemut  einander 
zu  beweysen,  auch  kainer  für  den  andern  sich  erhöhen.  — 

Zum  Vierdten,  gedult,  also  so  yemands  belaydigt  würd  von  den 
moren  oder  anndern,  mit  got,  sunders  murmlen  emphahen,  auß  wöl- 
hem  wir  dann  war  Bilger  genennt  werden  möchten.  — 

Zum  Fünfften,  theten  sie  die  armen  Vetter  die  Ersamen  Bilger 
biten,  so  in  nit  beschehe  nach  ains  yetlichen  gefallen,  das  die  vetter 
betreffen  werd,  sey  in  speyssen,  oder  in  annderen,  sollt  man  in  Vor- 
zeichen, dann  mer  des  mangels  schuld,  dann  des  bösen  willen,  nit 
wollen  erzaigen,  des  sie  sich  mit  got  bezeugten.  Damach  ward  ain 
schön  proceß  angefangen  vnnd  den  Bylgern  klärlichen  erzaigt  die 
Misteria  des  Bergs  Sion,  daraus  alles  vnnser  Hayl  geflossen.  — 

1)  Nach  der  altchristlichen  meinung  lag  das  alttestamentliche  Silo  bei  dem 
heutigen  Nebi  Sainwil  (Tobler,  Topogr.  II,  883). 


BERICHT  ÜBER  SINE  JEBÜSALEMFAHRT  179 

Item  zum  ersten  ward  vnns  gezaigt  Nachdem  das  kloster  auf 
dem  Berg  zw  Höchst  gepawen,  sind  die  vnndersten  wonungen  die 
wey testen,  also  das  zimlich  zu  wonen  ist,  vnnd  seind  vil  Heuser  vnnd 
wonungen,  darin  sich  vnnser  Hayl  verlaufFen  hat,  in  gepewen.  Aber 
zw  dem  Höchsten  dess  Bergs  ^  gat  man  ettlich  Staffel  auf,  in  ain  qua- 
drierten wolgezierten  chor,  nit  sunders  weyt,  der  zuuoran  in  Mittel 
ain  schönen  altar  ston  hat,  ward  vnns  erzelt,  die  aygenntlich  Stat 
gewesen  sein,  da  got  der  Herr  das  letzst  nachtmal  nam  mit  seinen 
Jüngern,  do  Er  dann  aufgesetzt  hat  das  New  testament  vnnd  geendet 
das  allt,  auch  verhanndelt,  wie  dann  anzaigt  der  Passion,  nit  weyt 
bey  drew  sehnten  daruon,  auf  die  Recht  Hand,  ist  ain  Altar,  do  der 
Diemütigist  sich  begürtet  mit  ainem  tuch,  den  Jüngern  ir  fueß  vnd 
von  ersten  Judas  geweschen  hat,  zu  bedeuten  vnns  in  Diemut  zu 
leben.  Zw  der  linckhen  Hannd  sinnd  auch  ettlich  altär,  sind  die  stet, 
do  das  Haylig  Osterlamb  geproten.  In  disem  ist  ablas  aller  sünd.  Von 
dann  ward  gegangen  in  proceß  auß  dem  chor  ebens  fiios  an  ain  Stie- 
gen, die  bey  Ainvnndzwaintzig  Staffel  hat,  gleich  alls  wer  es  den  von 
gedachten  stetten  ain  gemach  höcher,  ward  vnns  zuuerston  geben,  alls 
Ich  glaub  die  stat  gewesen  sein,  das  der  Haylig  gaist  an  dem  Pfingstag 
der  muter  gots  vnnd  Hayligen  Jüngern  bey  zwaintzig  gewesen,  frawen 
vnnd  man  erschinen  sey,  da  sich  dan  verlaufFen,  alls  an  dem  Hayligen 
pfingstag  in  der  kirchen  gehallten  würt  Dis  ist  verlegt  mit  staynen, 
dann  die  moren  nit  wollen  vnns  darein  gon,  umb  willen,  das  man 
sagt,  soll  sein  auf  der  Begrebung  Dauid  vnnd  Salomonis.  In  diser 
stat  ist  ablas  für  pein  vnnd  schulden.  — 

Item  daruon  ward  abgegangen  mit  der  proceß,  do  nun  der  kreutz- 
gang  ist,  in  ain  klain  gewelb  Cappellin,  ward  zu  glauben  geben,  die 
stat  gewesen  sein,  da  got  der  Herr  erleucht,  alls  die  Jüngern  versa- 
melt  Sassen  mit  verschlossner  thür  vmb  forcht  willen  der  Juden,  Zum 
anndem  mal  durch  Beschlossne  thür  erschein,  vnnd  zum  lotsten  sannt 
Thomas  sein  finger  in  die  aller  Hayligsten  seyten  legen  lies,  do  sich 
dann  verluff  nach  Innhallt  des  euangeliums.  Ist  auch  aplas  aller 
sfinden.  — 

Item  nach  disem  ward  vnns  erlich  ausserthalb  des  Closters  gewys- 
sen  zerstört  aber  mit  etlichn  Staynen  bezaichnet,  das  Ich  hernach  mit 
anndem  bedennckhen  will.     Biß   ist  was   in   der  gotzhaus  begryffen. 

1)  Zion,  wo  allen  pilgern  die  kapeUe  des  lezten  abendmahls,  der  fusswaschung, 
die  küche  für  das  osterlamm,  die  kapelle  der  ausgiessung  des  heiligen  geistes,  die 
graber  der  jüdischen  könige  und  die  St.  Thomaskapelle  gezeigt  werden  (Tobler,  To- 
pogr.  n,  101  —  125). 

12* 


180  BÖHBIOHT 

Damach  warden  wir  zw  essen  gesannt,  da  nit  vast  wol  gekocht  was. 
Doch  gaben  vnns  die  Brueder  gnugsamlich  wein  vnnd  Brot,  fannd  man 
auch  ayer,  trauben,  Feygen  zw  kauffen.  — 

Item  desselben  Ains  vnnd  zwaintzigisten  tag  Juli  zw  aubend  war- 
den wir  beschriben  in  den  tempel  des  hayligon  grabs,  welher,  alls  mich 
bedaucht,  in  seinem  vmbkreis  von  vnns  ains  wunderbarlichen  grösten 
gepew,  dem  gantzen  Berg  Caluarie  beschütz,  von  innen  noch  vil  vnnd 
manich  zei-störtem  gewelb,  das  gantz  Misterium  der  heyligen  steten, 
das  leyden  Cristi  anzaigen,  etlich  höh,  etlich  nider,  in  Circkhelweis 
begryffen,  doch  etwas  meer  lang  dann  brayt,  als  durch  die  lieben  väter 
vnns  Bilgern  guetlich  gezaigt  ward.  Des  ersten  warden  wir  gefüert 
zw  der  rechten  Hannd  des  Hayligen  grabs  in  vnnser  frawen  Capel, 
die  dann  denselben  vätem  zuuersehen  zusteet.  Harynn  allweg  zwen 
Brueder  wonen,  zu  bewaren  das  grab,  doch  werden  von  drew  Monat 
abgewechseilt,  alßdann  annder^  auch  thund.  In  derselben  Capellen* 
ordnet  man  ain  procession,  ain  yetlicher  Bilger  in  seiner  Hanndt  haben 
ain  brynnede  kertz,  ward  vnns  von  ersten  erscheint  in  derselben  Capell 
zu  merckhen  vier  stückh.  Item,  das  auf  dem  mitein  Altar  die  Stat 
sey,  do  der  almechtig  seiner  geliebten  Muter  erstmals,  mit  erklertem 
leyb,  nach  der  aufersteeung  erschinen  sey,  alls  guetlich  zw  glauben 
ist  Item  zw  der  Rechten  selten  in  ainem  geter  ain  tayl  der  seul,  do 
das  vnschuldig  lamb  gegayslet,  do  man  noch  bey  tag  die  straich  inn 
ston  sieht  ^.  Item  den  ersten  Altar  über  vf  vier  schryt,  in  Circkhels 
weis,  mit  getaylten  Staynen  verzaichnet,  soll  das  heilig  Creutz  erkhannt 
worden  sein*,  dann  der  Schacher  Creutz  waren  auß  disem  glückh  dem 
Creutz  der  erlösimg,  ward  aber  erkhannt  auß  auflegung  ainer  gestorb- 
nen frawen,  die  zu  leben  erkhückht^  ward.  Haryn  ist  ablas  aller 
sünd.  — 

Item  heraus  gerichtig,  der  tür  über,  auf  fünf  sehnt,  zwen  gezaich- 
net  stein,  auf  dem  der  almechtig  got,  vnnd  auf  dem  anndem  sannt 
Maria  Magdalena^  nach  der  aufersteeung,  alls  Er  sprach:  Noli  me  tan- 
gere,  da  ist  Vergebung  siben  Jar  syben  karenl  Item  darnach  gestrackhs 
hinab   zw  ainer  höbin,   do  das  haylig   lamb   behallten  ward®,   nit  on 

1)  Lücke.  2)  St  Marienerscheinungs-kapelle. 

3)  Die  geisselungssäule.  4)  Ej-eazerkennuDgsort 

5)  erquickt,  d.  h.  neu  belebt  6)  Maria -Magdalenen- stein. 

7)  Karenen,  aus  quadrageua  entstanden;  „ein  ablass  von  7  karenen  ist  der 
erlass  zo  vieler  zeitlicher  strafen  als  vordem  durch  ein  vierzigtägiges  fasten  und  büs- 
sen  abgetragen  werden  musten''  (Conrady  72). 

8)  Kerker  Christi. 


BERICHT   ÜBSR  »NE  JERU8ALRMFAHRT  181 

sunder  gros  pein  vnnd  schmach,  vntz  das  Creul»  vnnd  was  zw  der 
marter  zwzurüsten  was,  auf  ain  lange  Zeit  verzogen.  Da  ist  verzeich- 
nus  syben  Jar  syben  karen.  — 

Item  da  dannen  dem  Circkhel  nach  zw  ainer  Capell,  da  die 
Juden  vmb  den  kostbarlichen  vngeneeten  Rockh  gespilt  habend  Ist 
ablas  syben  Jar  syben  karen.  — 

Item  daruon  auf  vier  schrit  warden  wir  abgefuert^  Staffel  in  die 
Gapell,  zw  er  der  heyligen  frawen  Helene  gepawen^.  Harinn  sie  auch 
Ir  Betbaus  het  zw  dem  heiligen  Creutz,  alls  sie  dann  sehen  mocht 
durch  ain  Vennster  hinab,  do  dasselb  funden  was.  Herynn  ist  ablas 
aller  stind.  — 

Item  von  diser  steigt  man  ab  Acht  Staffel  in  ain  rauhen  felsen 
gehawen,  do  dann  das  lobwirdig  Holtz  vnnsor  erlösung  funden*,  in 
ainem  Herten  felsen,  ab  ainem  tayl  gehawen,  spricht  man  sey  gewe- 
sen ain  allt  Brunn  oder  Cistem  dasselb  HayP  geworffen  vnnd  darnach 
mit  stainen  vnnd  wüstem  verschüt  daselbst  verborgen  zwayhundert 
Jar.  Da  ist  ablas  aller  schuld.  Dauon  der  gruob  kamen  wir  zw 
ainer  Capellen,  da  in  ainem  Altar  sichtig  stat  ain  saul,  daran  der 
almechtig  gekrönnt  vnnd  verspot  ist  worden^.  Da  ist  ablas  syben 
Jar.  — 

Item  dauon  warden  wir  ermannt  zw  andacht  mit  der  muter  gots 
4>rechen,  vememen  all  die  fürgonnd,  ob  sye  ain  schmertz  gleich  dem 
meinen,  das  menigclichs  zu  betrachten  het,  warden  also  gefuert,  Staf- 
fel VI.  In  groß  betrachtung  kamen  zw  der  Stat  Golgata  oder  Caluarie, 
da  auch  ain  gesyert  gewelb  gepawen  in  zimlichen  weyty,  mit  ainem 
Bogen  vnnderbawen,  auf  wölchem  zw  der  aiiien  selten  der  almechtig 
got  auf  das  kreutz  genagelt '',  do  ist  ain  altar  den  Brüdern  von  Sion 
empholhen,  auf  der  andern  seyten  drew  schrit  von  ainander  ain  ge- 
zierd  ainem  altar  gleich,  do  die  gruben  des  heyligen  kreutz  ains  ellen- 
pogen  tief  gewesen  ist  Dis  ist  mit  ainem  Marmel  bedeckht,  doch  ain 
Rundloch  gelassen  ains  gemuntz  weit,  das  mit  ainem  vbergülten  Blech 
beschlagen.  Daruon  auf  drey  schrit  erzaigt  sich  augenscheinlich  der 
wunderlich  Bergbruch  ainer  halben  eleu  weyt,  nahendt  bei  disem  ain 
altar,  da  die  stat  erkhennt  soll  sein,  alls  der  sun  der  betruebten  Muter 
in  die  schos  geleyt  ward.  Hie  ward  vnns  aber  geprediget  ain  schön 
sermon,  also  der  andacht  hat,  ward  in  waynen  geraytzt.     BQe  ist  auch 

1)  Kleiderverteilungskapelle.  2)  Lücke. 

3)  8t  Helenakapelle.  4)  Ereuzerfindungskapelle. 

5)  Lücke.  6)  Säule  der  Verspottung. 

7)  Krenzerhöhungskapelle. 


182  RÖHBICHT 

ablas  aller  sünd.  Harby  zw  der  seyten  dess  letzsts  sinnd  zwo  seul, 
do  der  gut  Schacher  zw  der  Rechten  vnnd  der  Bös  zw  der  linckhen 
selten  gehanngen  ist^  — 

Item  von  dannen  warden  wir  wider  abkomen  auf  die  ebne  des 
tempels  zw  der  Salbung,  welche  auf  Aylf  schrit  von  dem  eingang  des 
Tempels  enntgegen  stat,  mit  ainem  grabstein  gemerckht  werden  mag*. 
Do  ist  Vergebung  aller  sünd.  — 

Item  zw  letzst  kamen  wir  zw  der  einfüemng  des  aUerhayligisten 
grabs,  das  mit  ainer  vor  Capel  vnnd  sunst  mit  ainer  andern  Jacobi- 
tischen  kirchen  vmbgeben  vnnd  beschlossen  ist.  In  wölher  vor  Capell 
die  marien  den  enngel  gots  ston  fanden 3,  sprechen,  wer  will  vnns  den 
stein  dess  grabs  verrückhen,  musten  also  sittigklich  nach  einander 
eingan,  dasselb  vnzelich  gnadenreich  grab,  dann  der  einganng  dessel- 
ben nyder,  ains  halben  maus  hoch  erhebt,  inwendig  in  zimlicher  wytte 
vnnd  lennge,  also  das  sich  ain  gros  man  oder  drew  wol  mögen  gerü- 
ren  (meiner  aber  wol  fünf).  Ditz  ist  ganntz  mit  Marmel  besetzt,  also 
das  mich  bedünckht,  wunderbarlich  wirdig  gesehen  werden,  mit  ett- 
lichen  Ampeln  gezierdt,  sunst  nichtig  ist  harinn  dann  gros  Hitz,  vnnd 
darnach  den  Innern  menschen  ain  empsigkliche  Betrachtung  der  wir- 
digen  Höchsten  außlegung.  Heraus  ist  enntstanden  all  vnnser  Hayl 
Ich*  gnugsam  vernomen  die  mayestät  derselben  stat,  allain  das  ablas 
aller  sünd  verlihen.  Ditz  haylig  grab  steet  allen  offen,  den  Bilgem  drew 
nacht  zw  allen  Zeiten.  Damach  enndet  sich  die  procession  vnnd  thet 
ain  yetlicher  Bylger  weyter  sein  andacht  nach  seins  Hertzen  anligen 
Item  in  disem  tempel  wonen  die  geschlecht  von  Cristen,  Von  Ersten 
Jacoby^  hinder  dem  grab  vnd  mit  im  die  Goffory®,  Item  daselben 
über  in  ainer  Capellen  Furiani^,  Item  Indiany^  auf  die  linnckhen  Sey- 
ten, Item  Armeny^  in  ainer  Capellen  auf  den  Indumie^^,  Item  Greci 
in  coro.  Item  Gorsy^^  in  Caluarie  locus ^2,  Item  Latini  aut  Franckhi 
in  der  vorgedachten  Capellen  vnnser  Frawen.  Item  Nestoriani  komen 
mit  medan  Emer^^.  Item  die  weyssen  Russen  komen  auch  minime^*. 
Die  geschlecht  sinnd  stätigs  beschlossen,   bis  maus  ab  vrlaubt   singen, 

1)  Säulen  der  Schächerkrouzlöcher.  2)  Salbungs-  oder  Adamskapelle. 

3)  Eogelskapelle.  4)  Lücke.  5)  Jacobiten  oder  Kopten. 

6)  Unbekanter  sektenname,  wol  arg  verschrieben. 

7)  Suriani,  syrische  Christen.  8)  Abyssinier.  9)  Armenier. 
10)  Der  stark  entstelte  name  ist  nicht  zu  erklären.               11)  Georgier. 
12)  Vgl.  Tobler,  Golgatha  292.        13)  Ist  nicht  zu  erklären. 

14)  Unverständlich.    Diese  erwähnung  der  "Weiss -Russen  ist  die  älteste  in  der 
occidentalischen  pilgerlitteratur. 


BERICHT   ÜBBB  EINE   JERüSALEBiFAHRT  183 

7nnd  lobt  ain  yetlicher  nach  seiner  andacht.     Also  das  es  ain  sunders 
wyldhoren  ist  — 

Item  Hereyn  waren  wir  beschlossen  die  nacht  bis  auf^  tag  des 
Monats  Juli,  vnnd  alls  aqf  denselben,  zwu  stund  in  tag,  warden  wir 
aussgelassen.  — 

Item  In  disem  tempel  vnnder  dem  Berg  Oliueti  ist  ain  Capell? 
dess  do  ligen  die  gebrueder  Gottofridus  vnnd  Baldowinus^.  In  der- 
selben mag  man  auch  schein parlichen  sehen  den  Felsen  Bruch,  darin 
das  haupt  Ade  fanden  ^.    Ablas  syben  Jar  syben  karen.  — 

Item  Medium  terre  in  dem  chor  der  grecen^.  Item  vor  disem 
tempel  sinnd  vier  Capelln,  die  ain  vnnser  frawen  vnnd  sannt  Johanns 
Ewangelist,  aine  allerhayligen  Enngeln,  aine  sannt  Johanns  teuflfers, 
aine  sannt  Marien  Magdalenen^  Ablas  bey  Ayde  syben  Jar  syben 
karen.  — 

Item  nach  dem  Anbyß  auf  den^  tag  Juli  warden  wir  vnnser 
ettlich  gefaert  zw  ersuchen  die  wirdigen  stet  in  Jerusalem,  von  ersten 
die  kirchen  vnnser  frawen,  da  sie  zw  schul  ist  ganngen^,  ablas  syben 
Jar.  Item  die  Porten,  die  man  nennet  speciosam^,  do  der  Arm  mensch 
sannt  Peter  vnnt  Johans  bat  vmb  ain  gaub^,  vnnd  sie  anntworten, 
gellt  noch  gauben  haben  wir  nit,  begerst  aber  gesund  zu  werden,  soll 
dir  verlihen  sein,  alls  von  stund  an  ward  er  gelöst  der  krannckheit, 
ablas  syben  Jar  syben  karen.  Item  das  Haus  Simons  leprosi,  da  got 
sant  Marien  Magdalenen  ir  sünd  vergab,  ablas  syben  Jar  syben  karen. 
Item  das  Haus  was  auch  des  wegs  des  Reichen  maus,  der  Lasaro  das 
almusen  verseyt  Item  ain  Bogen  zw  memoria,  do  der  almechtig  got 
sprach  zw  den  weybem,  weinend  über  euch  vnnd  eure  kinder.  Item 
darnach  da  vnnser  frawen  geschwannd,  alls  sy  sach  ir  liebes  kinnd 
vnnder  die  schanntlichen  schächer  verurtaylt  sein.  Da  was  ain  schöne 
kirchen  ^®,  nun  ain  Roßstal.    Da  ist  ablas  syben  Jar  syben  karen.    Item 

1)  Lücke. 

2)  Ihre  gräber  sind  heute  noch  erhalten  (Tobler,  Golgatha  147  fgg.). 

3)  Der  name  Golgatha  (schädel)  stanit  nicht  von  der  fonn  des  hügols,  sondern 
aus  der  legende,  dass  dort  Adams  haupt  begraben  lag  (Tobler  254 — 55). 

4)  Der  glaube,  dass  Jerusalem  der  weltmittelpunkt  sei,  der  auch  in  mittel- 
alterlichen „radkarten '^  darstellung  gefunden  hat,  ruht  auf  einer  falschen  Übersetzung 
der  psalmstelle  74,  12;  die  fixierung  desselben  in  der  heil,  grabeskircho  ist  zu  ver- 
schiedenen zelten  ganz  verschieden  gewesen  (Tobler,  Golgatha  277,  326  —  330). 

5)  Heute  noch  unter  denselben  namen  erhalten.  6)  Lücke. 

7)  Mariae  schale.  8)  Sehr  verschieden  fixiert.  9)  gäbe. 

10)  Die  kirche  Maria  de  Spasmo  (Tobler,  Topogr.  1,  450—51). 


184  RÖHRICHT 

weyter  auf  aim  tryweg^,  do  die  Juden  Simonem  Cirineum  bezwangen, 
das  kreutz  zu  tragen  gotes  Herren,  syben  Jar  syben  karen.  Item  ain 
Bogen  2,  do  vermaurt  ston  die  zwen  Stayn,  alls  Pilatus  das  vrtail  fallt, 
vnnd  auf  ainem  Cristus  vnnser  Herr,  vnnd  auf  dem  anndem  Pilatus  stand, 
gedacht  würt  ablas  syben  Jar.  Item  das  Haus  Pilati,  ist  nun  ain  Ross- 
stall, do  got  gegayslet  worden  ist,  ablas  syben  Jar.  Aber  das  Haus  in  im 
selbs  würt  noch  bey  Zeit  in  gröstem  Reichlistem  gebaw  gewesen  sein, 
alß  dann  erzaigt  der  Vmbkrais.  Herynn  wont  noch  bey  Zeit  der  Regennt 
der  Stat^  vnnd  zeucht  sich  von  ainem  tayl  auf  den  Beschluss  dess  tem- 
pels,  den  Ich  heraus  bey  Basten  beschawet  hab.  Item  bey  disem  das 
Haus  Herodis,  etwas  höher  gelegen  dem  Berg  nach,  auch  zerstört*, 
ablas  syben  Jar  syben  karen.  Item  ain  kirchen,  do  die  wirdigst  muter 
gepom  ward^,  ain  Hauß  Joachim  vnd  Anne,  herynn  würt  gesehen  ain 
gewelb  vnder  der  erd  mit  enngem  einganng  vermaurt  vnd  finnster. 
Da  soll  die  geburt  verlaufPen,  auf  ditz  mal  last  man  nit  vil  Bilger  mer 
hinnein,  muß  gellt  zalen,  ablas  aller  sünd.  — 

Item  ain  gros  tieffe  ergrabne  grub ,  ainem  gemaurten  weyer  gleich, 
do  das  wasser  was,  genannt  Pisina^,  das  im  Jar  ain  mal  von  dem- 
enngel  gots  bewegt,  vnnd  welcher  dann  der  krannckhen  des  ersten 
darein  kam,  ward  erlediget,  do  got  auch  den  Betrysen^  gesund  machet, 
ablas  syben  Jar.  Item  die  port,  durch  wölhe  sannt  Steffan  gefuort 
ward®,  züuerstaynigen,  syben  Jar  ablas.  Item  die  guldin  port^,  do 
der  künig  aller  könnigen  an  dem  palmtag  durch  gerytten,  ablas  aller 
sünd.  Item  das  Haus  Veronice,  gar  zerrissen  vnnd  zerstört  Ab- 
las syben  Jar.  Item  der  tempel  Salomonis,  das  mich  bey  schönestem 
bedaucht  zu  schauwen  sey  alls  zw  Jerusalem  gesehen  mag  werden. 
Wiewol  man  vnns  nit  darynn  gelassen,  hab  Ich  doch  von  dem  Berg 
Oliueti  vnnd  auß  dem  Haus  Pilati,  wie  obsteet,  souil  vermerckht,  das 
ain  schön  gebew,  vnnd  in  gros  wird  vnd  acht  gehallten,  eingemauerte, 
do  ain  weite  ist,  allain  ettlich  Bäum  halben  vnd  etlich  Stegen,  ist  er 
vast  gros  vnnd  weyt,  in  quader  gestellt,  also  das  Ich  nit  wol  verglei- 
chen kan.  Aber  meins  Bedünckhens,  das  manche  Stat  etwas  geacht, 
die  nit  so  weyt  in  Begryf  hab.  Diser  vmbkrais  ist  mit  zwölf  eingäng, 
schöner  porten,  bewart,  zw  allen  orten,  vnnder  wöllichen  manich  Am- 

1)  Das  sogenante  Trivium.  2)  Der  Ecce- Homo -bogen. 

3)  seit  1508  (Tobler,  Topogr.  I,  231). 

4)  Eine  auffallende  angäbe,  da  dies  haus  nach  anderen  quellen  bei  beginn  des 
sechszehnten  Jahrhunderts  als  besonders  prächtig  sich  zeigte  (Tobler,  Topogr.  1, 650 — 51). 

5)  St.  Annakirche.  6)  Probatica  piscina,  der  schafteich.  7)  ahd.  bet- 
tiriso  =  betlägeriger.    Matth.  9,  2.            8)  St.  Stephanstor.            9)  Porta  anrea. 


BIRICHT  ÜBER  KINE  JXRÜSALEMFAHRT  185 

pel  hanngen,  durch  welche  man  weit  zw  dem  tempel  sehen  mag,  der 
do  steet  in  mytten,  in  rundy  gepawen,  mit  vil  vnnd  manich  fennster 
geziert,  darzw  mit  lustigem  gemeel,  das  man  nennet  Musagica^  geord- 
net, von  ynnen  wais  Ich  nichtzig,  dann  Ichs  nit  besehen,  sonnst  sinnd 
auch  ander  kirchen  den  Hayden  gepawen,  die  zw  vnnd  stand  nach 
In  Begrif  des  gemaurten  Beschlus.  Ist  ablas  aller  sünd.  Item  das 
Haus  Bartolomey^  do  kain  mor  inn  wonen  mag.  Item  die  Stat,  do 
Abraham  seinen  sun  Jacob  geopfert  wolt  haben.  Item  die  Eysinn 
port^  Item  die  gefennckhnus  sannt  Peters,  da  Ich  an  seinem  tag  inn 
gewesen  bin.    Ablas  syben  Jar.  — 

Item  auf  den  drewvnndzwaintzigisten  Juli  warden  wir  morgens 
frw  gefuert  zw  fuos  gein  Bethania,  do  vf  dem  weg  ligt  das  Haus  Judas, 
da  Er  sich  auch  erhennckht.  Daruon  auf  zwu  meyl  zw  dem  Haus 
Simonis  Leprosi,  do  das  mal  gehallten  was,  alls  Lazarus  erstannden, 
vnnd  daselbst  sancta  Madalena  den  Herren  begoß  mit  der  kostbarlichen 
salb,  daruon  Judas  geergert,  den  Herren  verryet.  Weyter  zw  dem 
Haus  vnnd  grab  Lazari,  da  ist  ablas  aller  sünd.  Nahet  darboy  ain 
HüUtz*,  da  sancta  Maria  Magdalena  etlich  Jar  gebüest,  auch  der  Stannd, 
alls  Jesus  sprach,  Lasarus  kum  herfür,  ablas  syben  Jar.  Item  ain 
guten  weg,  ain  schlangen  schuss  daruon  zw  dem  Haus  Marie  Magda- 
lene,  alls  Martha  zu  Ir  kam  sprechen,  der  Herr  ist  hye,  ablaß  aller 
sünd.  Item  auf  ain  Büchsenschuss  das  Haus  Marthe,  in  dem  der 
Herr  offt  zw  Herberg  was,  ablas  syben  Jar.  Item  nahend  darbey  der 
stain,  auf  wölchem  der  almechtig  got  rwet,  alls  Im  begegnet  Martha, 
Sprechen,  Herr  werst  hie  gewesen,  wer  mein  Bruder  nit  gestorben, 
ablas  syben  Jar  syben  karen.  Item  auf.  demselben  weg,  am  Haimer- 
keren, besuchten  wir  die  haylige  stat  des  Bergs  Oliueti,  vnnd  zum 
ersten  an  die  stat,  do  der  Herr  sannt  die  zwen  Jünger  nach  dem 
essel,  genannt  Betphage,  den  Berg  hinauf  in  die  kirchen,  do  der 
almechtig  zw  Himel  gefaren,  alls  mann  dann  in  dem  Stayn  die  fuoß 
tryt  sieht,  ablas  aller  sünd.  Darbey  das  grab  sancte  Pelagie,  vnnd 
do  sie  gebüest  hat,  ablas  syben  Jar.  Item  auf  die  Recht  Hannd  das 
Haus  Galilea*,  die  stat,  do  der  enngol  dess  Herren  der  muter  gots 
verkhünt  Ir  Hinscheiden,  ablas  syben  Jar.  Item  alls  wir  abgestigene 
waren  zw  der  kirchen  sannt  Marco,  do  die  Apostel  den  glauben  auf- 
gesezt,  ablas  syben  Jar.  — 

1)  Musivisch.  2)  wird  nur  in  einer  einzigen  pilgerschrift    ohne  Orts- 

angabe erwähnt  (Conrady  260).  3)  Porta  ferrea. 

4)  Algemein  wird  eine  höhle  als  biissplatz  angegeben  (Tobler,  Topogr.  II,  459). 

5)  Vgl.  Tobler,  Siloahquelle  246. 


186  RÖHRICHT 

Item  darnach  zw  der  Stat,  do  der  almechtig  got  von  dem  Jüng- 
sten tag  warzaichen  geseyt,  Sprechen,  so  Ir  werden  sehen  krieg,  den 
Bruder  wider  den  anndern  aufston  ablas  syben  Jar.  Item  darnach, 
do  Er  das  Pater  noster  aufgesetzt,  ablas  syben  Jar.  Item  darnach 
zw  der  stat,  da  er  geweynt  haben  soll  vber  die  Stat  Jerusalem,  Spre- 
chen, so  du  auch  bekanntest,  würdest  auch  waynen,  ablas.  Item 
auch  zw  der  Stat,  alls  vnser  fraw  zu  Himel  gefaren,  sant  Thomas  Ir 
gürtel  empfieng,  ablas  syben  Jar.  Item  darbey  die  Stat,  do  die  him- 
lisch  königin  rwet,  alls  sie  zw  den  hayligen  Steren  gon  wollt,  ablas 
syben  Jar  syben  karen.  Item  darnach  zw  der  Stat,  da  der  eriöser 
drew  mal  gebettet,  in  ainer  wunderbarlichen  Hüly,  ablas  aller  sünd. 
Item  darnach  zw  der  Stat,  die  man  noch  bezaichnet  sieht  mit  drew 
sitzen,  alls  der  Herr  die  drew  Jünger  sitzen  ließ  zu  beten,  vnnd  sie 
darnach  in  Schlaf  Seiend,  ablas  syben  Jar.  Item  nahet  darbey  zw  der 
Stat,  aUs  Er  gefanngen  gepunden  wurd,  ablas  aller  sünd.  Item  die 
stat  darnach  do  Petrus  Malcho  das  or  abhaw,  ablas  syben  Jar.  Item 
die  stat,  do  sant  Jacob  der  mynder  sich  verparg,  do  darnach  ain  kir- 
chen  gepawen  ward.  Da  ligt  auch  das  grab  Zacharie  prophete,  ablas 
syben  Jar.  Item  nach  dem  zwletzst,  vnnder  dem  Berg,  zw  dem  Döri- 
lin  Gethsemany,  do  der  Herr  die  Acht  Jünger  lies,  ablas  syben  Jar.  — 

Item  an  demselben  tag  vnnd  ganng  warden  wir  gefuert  zu 
wissen  die  hayligen  steet  des  tals  Josaphat.  Item  die  stat  do  sannt 
StefFan  verstayniget  worden,  sieht  man  noch  scheinbarlich  in  ainem 
velsen,  alls  er  gefallen  für  find  vnnd  gebeten,  ablas  syben  Jar  syben 
karren.  — 

Item  den  Flus  dess  Bachs  torrens  Cedron,  der,  alls  Ich  sah, 
ganntz  ersihen ,  vnnd  nach  meinem  Bedünckhen  gar  seilten  wasser  haben 
sollt,  über  wölben  das  haylig  holtz,  der  Stammen  des  hayligen  kreutz 
lang  Zeit  ain  steg,  darüber  zu  gan,  gewesen  ist.  Nun  aber  ain  geweiht 
Staynine  Bruckh^  ablas  aller  sünd.  Item  die  kirchen  vnnser  fi^wen, 
do  Ir  haylige  gräbnus  ist,  ablas  aller  sünd.  Dise  kirch  ist  nit  hoch 
auf  dem  ertrich.  Aber  hinnab,  ob  viertzig  staffeln  2,  zimlich  weyt,  da 
im  Hinnabgon  auf  die  rech(t)  seit  begraben  sannt  Joachim,  vnnd  zw  der 
linckhen  der  halben  stegen  sannt  Anna,  zw  vnnderst  ain  vinster  gewelbt 
tabemacul  mit  zwayen  tümen  stet  das  haylig  grab,  in  grossen  eeren 
vnnd  wirden  von  Moren  gehallten  3,  nit  vil  mynder  dem  hayligen  grab 

1)  Es  ist  die  untere  brücke  gemeint. 

2)  Andere  angaben  bei  Tobler,  Siloahquelle  150. 

3)  Also  die  Abyssinier,  -während  sonst  die  Franziskaner  als  besitzer  erwähnt 
werden  (ebd.  152  fg.). 


BERICHT  ÜBBB   IINE  JERÜSALEMFAHRT  187 

Cristi,  mit  Ampeln  vmid  liechtern  bezündt,  das  auch  den  moren  gros 
Zaichen  beweist.  Dise  kirch  stet  nachend  zw  dem  ölberg.  Item  auch 
das  grab  Joseph,  ain  geraahel  Marie,  ein  in  ain  velsen,  ablas  syben 
Jar.  Item  zw  der  rechten  Hannd  ain  thum,  in  wölichem  der  konnig 
Josaphe  begraben  ligt^,  ablas  syben  Jar  syben  karen.  — 

Item  auf  den  vier  und  zwaintzigisten  tag  Juli  des  morgens  wur- 
den wir  gefuert,  die  andachtigen  stet  zu  suchen  des  tals  Siloe,  in  des 
ersten  zw  dem  Ackher  dess  bluts,  kaufft  vmb  die  dreyssig  pfennyng, 
wölcher  mit  nun  grossen  löchern  bezeünet,  die  do  gonnd  in  tiefife  ains 
gewelbs,  darein  man  die  leichnam  werffen  was  2,  ablas  syben  Jar.  Item 
zw  ainer  Hülyn,  do  die  Jünger  verborgen  lagen,  zw  der  Zeit  der  des^ 
Cristi  bis  zw  der  auferstenntnus,  ablas  syben  Jar  syben  karen.  - 

Item  die  stat,  do  Ysaias  zerseget  vnnd  gemartert,  da  auch  sein 
begrebnus  was,  ablas  syben  Jar.  Item  darnach  zw  ainem  grossen 
gepew  mit  vil  vnd  wunderbarlichem  gewelb,  die  do  weit  in  borg  sich 
streckhen,  würt  geseyt  gewesen  sein  das  Haus  der  müntzung  Salomo- 
nis*.  Durch  ditz  luef  in  tyefife  der  Aus  Syloe,  da  sich  der  Blind  ge- 
weschen vnd  darnach  sehen  ward,  ablas  syben  Jar.  Item  darnach 
zw  dem  Brunnen  Syloe,  da  die  wirdig  muter  gots  dem  zarten  kind- 
lein sein  Bewickhlung  wuosch.  Diser  Brunn  ist  wunderbarlich  gehawen, 
in  ainen  Berg,  der  hat  ain  außganng,  durch  denselben^  durch  graben, 
daruon  kumbt  Natatoria  Syloe,  ablas  syben  Jar.  — 

Item  auf  denselben  tag  zw  aubend  spat  warden  wir  aber  gelas- 
sen in  tempel  des  grabs  Cristi,  da  dann  nach  ains  yetlichen  Inbrün- 
stigkait  andechtigklich  gebeten  ward,  vnnd  vmb  mittennacht  angefan- 
gen vil  heyliger  messen  gehallten,  alls  morgen  zwu  stund  in  tag  wider 
außgelassen,  ablas  aller  sünd.  — 

Item  auf  disen  tag  warden  mir  gezaigt  ordenlichen  nach  ainander 
die  hayligen  stet  dess  Bergs  Syon  ausserhalb  des  pflasters.  Item  die 
stat,  do  sant  Mathias  in  die  Zal  der  Apostel  erweit,  ablas  syben  Jar 
syben  karen.  Item  die  stat,  do  sant  Jacob  der  mynder  in  ain  Bischof 
zw  Jerusalem  er  weit  worden  ist,  ablas  syben  Jar.  Item  die  stat,  do 
die  muter  gots  gesalbet  ward  nach  Irem  seligen  sterben,  ablas  syben 
Jar.  Item  die  stat,  do  die  erst  kirchen  gestannden  der  weit,  do  der 
wirdigen  Junckhfraw  Marie  vierzehen  Jar  wonung  erkhennt  würt  nach 

1)  Vgl.  Tobler,  Siloahquelle  309. 

2)  Hakeldama;  die  beschreibung  der  dortigen  grablöcher  siehe  bei  Tobler, 
Topogr.  n,  264.  3)  Lücke. 

4)  Diese  angäbe  findet  sich  nur  noch  in  der  jüdischen  legende  (Tobler,  Siloah  26). 

5)  Lücke. 


188  RÖHRICHT 

dem  todt  vnnd  sterben  Irs  lieben  sons,  da  sie  auch  auß  diser  Zeit 
verscheiden,  ablas  aller  sünd.  Item  die  Stat,  do  sannt  Johanns  euan- 
gelist  vil  mal  meß  gehallten  der  vnbefleckhten  Muter,  ablas  syben  Jar 
syben  karen.  Item  die  stat,  als  do  stand  die  betruebt  muter  vnnd 
Junckhfraw  vor  dem  Haus  Cayphe,  zu  merckhn  die  straych  vnnd 
Schmach  Irem  aller  liebsten  Sone  on  vnndterlaß  angethon  warde,  ablas 
syben  Jar.  Item  das  Haus  Cayphe,  do  got  der  vnschuldig  so  gros 
vnnd  hart  Marter  gellten,  von  seinen  Jüngern  verlögnet,  die  stat  man 
augenscheinlich  sieht,  do  auch  der  Han  gestanden.  Dis  Haus  ist  nun 
ain  kirchen  genannt  sant  Saluator^,  da  auf  dem  fron  altar  der  gros 
stein  ligt  des  grabs  Cristi.  Auf  die  recht  Hannd  ain  Hülyn,  darynn 
das  haylig  lamb  gefanngen  lag  bis  zw  tag,  ablas  aller  synd.  Item  die 
stat,  alls  der  Herr  sandt  vnnd  zertailt  die  Apostel  in  die  gantzen  weit, 
ablas  syben  Jar.  Item  do  sant  StefFan  zum  anndem  mal  begraben  mit 
sant  Gamahele,  Nicodemo  et  Abibon  2,  ablas  syben  Jar.  Item  die  stat, 
do  das  Osterlamb  gebrotten,  ablas  syben  Jar.  Item  die  stat,  do  got 
den  Jüngern  prediget,  nahend  darbey  die  stat,  alls  die  Himlisch  ktinig 
zuhört  den  haylsamen  werten  Irs  lieben  sons,  ablas  syben  Jar.  Item 
nahend  darbey  das  grab  Dauid,  Salomonis  vnd  der  anndem  konnigen. 
Item  die  stat  an  dem  kloster  nehest,  do  die  himlisch  königin  Ir  Bet- 
haus hielt,  ablas  syben  Jar.  Item  die  stat,  alls  die  Juden  den  leich- 
nam  der  muter  der  Barmhertzigkait  bei-auben  weiten  3,  alls  sy  in  zw 
grab  trugen,  vemiainen,  ablas  aller  sünd.  Item  die  kirchen  aller  enn- 
geln,  die  ist  gosein  ain  Haus  Anne  principis*,  in  wölhem  der  Herr 
vnnder  annderm  pein  vnnd  schmach,  den  horten  straich  empfanngen 
hat  vnnder  das  wunsam  anntlütz.  Da  ist  ain  alter  Ölbaum,  an  weihen 
Er  gebunden  worden  ist,  bis  man  den  fürsten  der  priester  aus  dem 
schlaf  ervvaekht,  ablas  syben  Jar.  — 

Item  die  stat,  aUs  sannt  Peter  dess  Herren  verlaugnet,  in  sich 
selber  schlug,  rwet  vnnd  wainet  innenklich,  do  auch  ain  stoltz  schön 
kirchen  gestannden,  ablas  syben  Jar  syben  karen.  Item  ain  kirchen, 
in  welcher  sannt  Jacob  der  morer  ennthauptet,  ablas  syben  Jar  syben 
karen.  Item  die  stat,  alls  der  Herr  den  drey  Marien  erschin,  spra- 
chen: Auete,  seind  gegrüest,  ablas  Syben  Jar  syben  karen.  — 

1)  Vgl.  Tobler,  Topogr.  11,  156. 

2)  Tobler,  Golgatha  356. 

3)  Tobler,  Topogr.  II,  128  fgg. 

4)  Das  haus   Hannas   oder   zu   den    engein,    bei   den   Arabern   ölbaumkloster' 
genant;  vgl.  ebenda  11,  364. 


BERICHT  ÜBEB  EINE  JSBUSALEMFAHBT  189 

Item  den  fünfviidzwaintzigisten  Juli  vf  die  nacht  sind  wir  gefa- 
ren  gein  Betlahem,    daselben  die  heyligen  stet  gesucht  vnnd  gesehen^. 
Item   zum   ersten   auf  dem   weg  das  Haus  Simonis,   der  den  Herren 
beschniten  vnnd  vnder  seinen  Armen  gehallten,  ablas  syben  Jar.    Item 
an  dem  weg  ain  Baum,  darunder  die  Haylig  Junckhifraw  ruet,  kumen 
von  Betleem,  ablas  syben  Jar.    Item  darnach  auch  auf  dem  weg  drew 
Zisternen,   do  bey  der  stem  wider  den  drew  könnigen  erschin,   ablas 
syben  Jar.    Item  die  stat  auch  an  dem  weg,   do  der  enngel  Abagug 
nemen  was  bey  dem  schöpf,   füren   In   gein  Babylonia   in  die  löwen 
gruben  zw  Daniel,  ablas  syben  Jar.     Item  ain  kirchen,  do  geporen  ist 
der  prophet  Elias,  ablas  syben  Jar.    Item  das  Haus  Jacob  des  Patriar- 
chen, ablas  syben  Jar.     Item  das  grab  Rachaelis,   ain  hausfraw  Jacob, 
ablas  syben  Jar.    Item  in  BeÜehem    außwendig   dess   Dorfs   ain  aller 
schönst  kirchen   gewesen  vnnd   noch  ist,    doch   nit  in   paw   gehalten. 
Herynn  sind  die  heiige  stet,   zw  denen  wir  gefuert  wurden  mit  ainer 
andechtigen  proceß^,   der  kirchen  erben  zw  der  stat,  do  der  almechtig 
beschniten,   ablas  aller  sünd.    Darnach  zw  der  stat,   alls  sich  bereyten 
die  Hayligen  könnig  zw  dem  opfer,   ablas  syben  Jar.     Item  darnach 
in  ain  krunfPt,  etüch  Staffel  ab,  in  ain  Hypsch  Capell,  do  vnnder  ainem 
altar  die  stat  ist,   do   vnns   das  hail   vnnd   abwaschung  vnnser   sünd 
geporen  ward,   ablas  aller  sünd,   nahend  darbey  die  stat,  alls  Er  zwi- 
schen die  vnnuernünfftigen  thier  in  die  krippen  geleyt  ward,  gar  orden- 
lich mit   ainem   Marmel   geziert,   darin   funden   vermerckht   würt   ain 
schön  Bedeutnus  ainer  Figur  sannt  Jheronimus,   ist   auch  ablas  aller 
sünd.     In   derselben   Capellen   zw   hinderst  ain   loch,   bezaichnet  mit 
ainem  Marmel,  do  der  stem  sich  versanckht  wunderbarlich,  ablas  syben 
Jar.    Item  von  dannen  durch  ain  gehawen  Berg   zw   dem   grab   der 
unschuldigen  kindlin,  das  seltzam  zu  sehen  ist,  ablas  syben  Jar  syben 
fcaren.    Item  vnnd  alls  solichs  gescheen,  fürt  mans  in  die  Capell  sannt 
taterinen,  verkhünden,  das  do  selben  die  gnad  zu  erlanngen  wer,  mit 
*iloi  Verzeichung,   alls  ob  man  zw  dem  Berg  Sinay,   do   die   haylig 
Jtt^nckhfraw  leibhafft  ligt,  zu  erlangemi  wer.     Hierumb  wer  etwar  ein- 
fart;   hat,  wolt  mans  im  abnemen,   sach  aber  niomands,   der  sich  lies 
desselben  absoluieren.    Also  was  eben  spät,  ward  den  Bylgem  von  den 
^ätr^xn,  daselbst  wonen,   gegeben  ettlich  wein.     Also  macht  man  Cola- 
tion  3.     Darnach  vmb  mitennacht  ward  haylig  Meß  vnnd  Ämbter  ge- 
^aUten.  — 

1)  Die  hier  genanten  heiligen  orte  sind  in  allen  pilgerschrifteu  ohne  abwei- 
dtuigen  aufgezählt. 

2)  Lücke.  3)  collation,  frühstück. 


i 


190  .    RÖHSIGHT 

Item  die  Heyligen  stet  werden  gesehen ,  ligen  vmb  Betleem  nahend. 
Item  die  Hüly,  darinn  die  wirdig  Muter  Ir  lieb  kinnd  ain  lanng  Zeit 
gestigen  hat,  vor  dem  könnig  Herodi,  auß  welchem  ettlich  steyn,  die 
man  nennet  die  Milch  vnnser  frawen,  sinnd  gut  zu  brauchen,  so  ain 
fraw  Ir  milch  verleurt,  gegeben  in  ainem  wein  oder  brüe^.  Item  die 
stat,  alls  der  enngel  gots  den  Hirten  die  gepurt  verkhünt,  da  auch 
gesungen  wart  Gloria  in  excelsis  deo,  an  derselben  stat  hat  darnach 
gewonnt  die  lieb  Junckhfraw  Eustachia  mit  Ir  geselschaffi.  Item  dar- 
gegen  an  ainem  Berg  ain  annder  Closter,  do  Ir  Muter  Paula  gewonnt 
Item  die  gegen  dess  grabs,  da  ligen  die  zwölf  propheten.  Item  der 
Berg,  do  Dauid  Golyam  erschlug.  Item  ain  tal,  da  vor  Zeiten  der 
Haylig  Abbt  Sabbe,  mit  sambt  vierzehen  tausent  Brüdern,  gewonnt 
soll  haben.  Nun  nit  ainer.     Darbey  das  kloster  Agathonis  dess  Abbts.  — 

Item  am  sechsvnndzwaintzigisten  tag,  der  do  was  sannt  Jacob 
des  Apostels  sind  wir  durch  Betlaem  durch  Rauh  vnnd  Birgig  weg 
gefaren  in  das  gebürg  Montana  Judea  geheyssen.  Alls  vf  die  Newndt 
stund  kamen  wir  zw  ainem  Brunnen,  do  wir  ain  weyl  ßweten  vnnd 
erlabten  des  kallten  wassors.  Bey  disem  sagt  man  geteuft  haben  sannt 
Philippus  Apostl  Eunichum^,  von  dannen  aber  ain  Rauhen  weg,  Berg 
auf  vnnd  ab  vnnd  durch  ain  vngepawen  staynet  lannd,  kamen  wir 
zw  dem  Haus  Zacharias,  in  wölhem  Elisabeth  besuecht  ward  von  der 
himlischn  könnigin,  da  sich  wunderbarlich  Ding  verluof,  alls  man  list 
in  der  geschrifft,  vnd  auch  do  das  Magnificat^  erdacht  worden.  Die 
stat  ist  etwas  in  ainem  Nydern  gemach  gewesen,  ablas  aller  sünd. 
Item  auf  diser  die  stat,  alls  Zacharias  begert  den  schreybzeug  vnnd 
schreiben  was,  Johannes  ist  sein  Nam,  vnd  von  derselben  stund  an 
ward  auf  thon  sein  mund  vnnd  gestelt  das  Benedictus  dominus  Israel^ 
ablas  aller  sünd.  — 

Item  ain  guten  weg  daruon  die  kirchen,  die  vor  Zeiten  schön 
gewesen.  Nun  aber  ain  kwstal,  darynn  der  heylig  Johannes  der  teufer 
geborn,  in  ainer  finstem  hylen,  ablas  aller  sünd.  — 

Item  am  Haymfaren,  nachend  bey  Jerusalem,  ain  schön  kloster, 
darynn  etlich  Cristen  wonen,  genannt  Gophty,  vnnder  dem  fron  Altar 
ward  vnns  bewisen  ain  loch,  do  das  Haylig  kreutz  Cedrus  gewachsen 
sein  soll^  — 

1)  Die  sogenante  milchgrotte;  zur  sage  vgl.  Tobler,  Bethlehem  234  fg. 

2)  Den  Eunuchen,  kämmerer  aus  dem  mohrenland.    Apostelgesch.  8,  27. 

3)  Luc.  I,  46  fgg.  4)  Luc.  I,  68  fgg. 

5)  Das  kreuzkloster  (Tobler,  Topogr.  11,  733),  in  dessen  besitz  1519  die  Grie- 
chen waren,  während  unsere  quelle  die  Kopten  als  besitzer  nent  (ebd.  738). 


BERICHT   ÜBER   EINE   JERUSAXE&IFAHRT  191 

Item  auf  den  syben  vnd  zwaintzigisten  tag  Juli  zu  nacht  sind  wir 
aber  eingelassen  worden,  die  gnad  der  Heyligen  steten  zw  erlanngen. 
In  derselben  nacht  man  bey  vier  und  zwaintzig  zw  Riter  schluog  \  der 
man  hernach  mir  zw  Memoria  gestelt  wurd.  Ich  was  auch  in  der 
Capell,  alls  man  Ritterlich  beziert,  mit  güldin  kettin,  sporen  vnnd 
Schwert,  weder  das  Ich  das  glückh  nit  haben  könnt,  auß  ainem  paum 
ain  herren  zu  erweit  werden.  — 

Item  auf  den  Acht  vnnd  zwaintzigisten  tag  Juli  vmb  Vesper  Zeit, 
ward  yederman  bestimpt  zu  faxen  vnnd  besuchen  den  Hayligen  Aus 
Jordan,  also  beliben  etlich  doch  wenig,  Ryten  dieselb  nacht  durch  bis 
gein  Jericho,  daselbst  man  etwas  wenigs  aß  vnnd  tranckh.  Darnach 
eylends  wider  auf,  vnnd  kamen,  alls  die  sunn  auf  gieng,  zw  dem  Hay- 
ligen Aus,  do  sich  dann  ettlich  Araber  sehen  Hessen,  hierumb  wir 
vnns  nit  lanng  saumpten,  auch  stund  vnns  ain  Bylger  ab,  der  do 
ertranckh  von  den  anndern  schyf,  warden  daruon  auch  die  Bilger 
erschreckht,  vnnd  nit  vnbillich,  wann  es  schnelligklichen  zugieng.  Ich 
het  den  armen  Menschen  erwüscht  bei  dem  Har,  mocht  Im  aber  nit 
zw  lannd  helfen,  dann  Ich  besorgt,  würd  mich  auch  ergreyffen,  könt 
ich  dann  nit  mer  von  Im  komen,  got  helf  der  sei  2.  — 

Item  alßbald  legt  sich  menigklichs  wider  an,  zogen  hinder  sich 
zw  der  stat,  die  man  nennt  karanthana^,  zu  ainem  Brunnen,  do  Eli- 
seus  das  ysin  einwarf  vnnd  schwimmen  macht,  vnnd  alls  wir  dar  kamen 
auf  den  Mittag,  beten  wir  erliten  ain  grosse  hitz,  waßen  sich  etlich 
Bilger  erfristen  in  dem  Bach,  das  darnach  zw  übel  erschos,  dann  gar 
manicher  kranckh  ward,  auch  etlich  stürben  darnach.  — 

Item  als  wir  etwas  geessen  vnnd  trunckhen,  waren  vnnser  etlich 
der  Bilger,  die  nit  achten  die  gros  Hitz,  steigen  auf  den  hohen  sorgk- 
lichen  Berg,  do  der  almechtig  viertzig  tag  vnnd  nacht  in  ainer  wun- 
dersamen Hülyn  gefastet  hat,  bey  der  sonst  auch  vil  annder  Hülyn 
seind,  darinn  noch  vil  Haylig  männer  vnns  hören  sterben,  gelebt  haben 
hertigklich,  ablas  aller  sünd.  Zw  oberst  dess  Bergs  ain  Capell,  do  der 
teufel  den  almechtigen  versuchen,  was  sprechen,  so  du  mich  anbetest, 
gib  Ich  dir  vnnderwürflich  alle  dise  Reich  ^.  Da  sieht  man  die  gegnen 
aller  wellt,  ist  ablas  aller  sünd.  — 

1)  Merkwürdigerweise  erwähnt  Ottheinrich  377  diesen  ritterschlag  nicht. 

2)  Vgl.  Ottheinrich  378. 

3)  Der  berg  der  Versuchung  Quarentana,  arab.  Kunintul.  4)  Erfrischten. 
5)  Nach  den   übrigen  berichten    (Toblor,  Denkblätter  aus  Jerusalem  715  fg.) 

war  im  sechszehnten  Jahrhundert  dort  keine  kii'che  noch  kapolle  mehr,    sondern  nur 
ein  trümmerhaofen. 


192  RÖHBICHT 

Item  auf  dem  weg  würt  diß  gesehen  von  Hayligen  steten.  Zum 
ersten  das  Closter  Joachim,  alls  Er  wonen  was  vnnder  den  hirten, 
nach  der  außtreybung  dess  tempels.  Item  die  stat,  alls  ain  Man  komen 
von  Jericho,  ward  angryfifen  von  den  Raubern.  Item  die  stat,  alls  ain 
Blynnd  sitzen  bey  dem  weg  gein  Jericho,  schreyen  was  zw  dem  her- 
ren,  0  ain  sun  David,  erbarm  dich  mein.  Item  zw  Jericho  das  Haus 
Zachee,  darynn  der  herr  empfangen  ward.  Bey  disem  ablas  syben 
Jar  syben  karen.   — 

Item  das  Closter  sancti  Johannis  Baptiste,  das  vf  ditz  mal  etwas 
weyt  von  dem  Aus  dess  Jordans  stat,  da  ist  auch  die  stat  gewesen  der 
teuffung  Cristi,  ablas  aller  sünd.  Nahend  bey  disem  sieht  man  das 
tod  mer,  alls  die  fünf  stet  versunckhen.  Item  an  dem  anndem  teil  des 
fluss  faht  an  die  gros  wüsten  in  Egipten.  — 

Item  auff  den  Newnunndzwaintzigsten  tag  Juli  vor  tag  kamen 
wir  vast  vnnd  hertigklich  beschwert  von  hunger,  durst  und  schlaf, 
dann  in  drew  nachten  mit  den  tagen  nichtzig  geschlafen,  auch  etlich 
vbel  geessen  vnnd  trunckhen,  wider  gein  Jerusalem,  ßweten  den  tag 
vnnd  die  nacht  also.  — 

Item  auf  den  dreyssigisten  tag  Juli  luden  die  väter  des  Bergs 
Syon  die  Bylger  zu  gast,  vnnd  alls  im  aufheben  beschah  ain  ermanung 
an  die  Bylger,  das  sie  Ir  Almusn  mit  Raychten  nach  ains  götlichen 
Vermügn,  do  durch  die  Haylig  stat  bewart  vnnd  die  Brueder  narung 
haben  möchten.  Also  ward  aufgebebt  ain  erber  Summ,  doch  sollten 
die  Brueder  leben,  auß  dem  das  Ich  sach  die  welschen  geben,  würden 
nit  alls  fayst  packhen  tragen^.  — 

Item  auf  den  Ainvnnddreyssigisten  tag  Juli  vermainten  wir  hin 
von  Jerusalem  zu  scheiden.  Also  ward  vnnser  patron  mit  ainer  kranck- 
hait  beschwert,  die  do  werdt  in  driten  tag.  Also  ward  vnnser  hinfart 
verzogen  bis  auf  den  driten  tag  Augusti.  Darzwischen  kam  Ich  Zwir- 
net in  den  Tempel  dess  Hayligen  grabs  mit  bezalung  vier  Marckhet*, 
schieden  also  auf  den  genanten  driten  tag  Augusti  auf  den  aubend  von 
der  Hayligen  stat.  Aber  von  Bösen  leuten  kamen  derselben  nacht  zw 
herberg  bey  ainem  prunnen  zehen  meyl  von  der  Stat,  haist  Föns  Jere- 
mies. Item  auf  den  vierden  tag  Augusti  zw  mittag  kamen  wir  gein 
Rama,  do  wir  behallten  wurden  zwu  nacht  in  gros  sorglich  vnrw,  dann 
wir  besorgten  Hunger  vnnd  Durst  müsten  leyden,   unnd  alls  auf  den 

1)  Dass  viele  pilger  sich  undankbar  gegen  die  gastlichen  mönche  zeigten,  ist 
auch  sonst  bezeugt  (RM.  29). 

2)  Ein  marchetto  ist  V«  weisspfennig ;  vgl.  RM.  16. 

3)  Heut  Kuiiet  el-Aneb  (Tobler,  Topogr.  II,  748). 


BERICHT   ÜBER  EINE  JEBÜSALEHFAHRT  193 

sechsten  tag  dess  Morgen  warden  wir  zu  reyten  bestimpt,  auf  solichs 
was  yederman  auf,  vnnd  alls  wir  ain  wenig  für  die  Herberg  hinaus, 
warden  wir  wider  zurückh  getryben,  der  do  der  Hinderst  was,  empfannd 
wol  der  straichen,  mußten  wider  in  die  beschlossn  Behalltung  auf 
zwu  stund.  Also  darnach  was  man  wider  auf,  vnnd  kamen  auf  Mit- 
tag gein  Jaffat,  musten  daselben  beleyben  bis  nahend  zu  nacht,  war- 
den etlich  vbel  geschlagen,  doch  mir  beschach  nichs  von  den  gnaden 
gots.  Etlich  fuoren  von  stund  an  zw  schif,  schannckhten  aber  zwen 
Marcel^  für  den  Man,  das  der  merertayl  der  Bilger  nit  thun  wollt,  wir 
ließen  vnnsem  patron  von  etlichs  spanswegen  zu  Bama,  der  behalten 
ward  auf  etlich  tag.  — 

Item  als  sechs  tag  Augusti,  auf  die  nacht  wie  obstet,  kamen  wir 
wider  zu  schif  vnnd  warden  also  verhallten  bis  auf  den  zehenden  tag, 
das  wir  nichs  vememen  kunten  von  Vnnserm  patron,  der  zw  Bama 
verhallten  was  2.  Deßhalb  ain  vnrw  zwischen  den  Bylgem  ennstund. 
Etlich  vermainten,  verschaflEt  werden,  mit  gewalt,  die  segel  aufzuzie- 
hen vnnd  daruon  ze  faren,  was  vnns  zw  ...»  er  helfen  solt,  den  patron 
solatieren*,  oder  syn  kaufmanschatz  vertreiben  oder  verenndem.  Etlich 
vermainten,  das  lannd  hinauf  zu  faren  vnnd  In  mit  gewalt  erobern, 
alls  vor  auch  beschehen  ist,  mit  ertödten,  was  man  findt,  etlich  böser 
zu  sein,  ain  gewiß  erfarung  vnnderston  zw  haben,  ob  schon  etwas 
kosten  würd,  vnnd  so  man  dann  gewiß  vernomen,  den  gedachten  patron 
auf  Damasco  geryten  sein,  solt  vnnd  möcht  man  dan  darzw  thun, 
vnnser  weg  zu  faren.  In  diser  red,  die  zwen  tag  gewert,  vnnd  als 
auch  etlich  dess  schifs  Begirer  nit  ains  werden  konnten,  welcher  patron 
sein  sollt,  dann  ain  yetlicher  dess  Begennts  begeret,  das  zuletzst  mit 
Harraufen  gericht  ward.  Ainer  dess  schifs  schreyber,  ain  gestannder^ 
Man,  zoch  oder  ryß  ain  Zan  auß  dem  Mund,  zu  bedeuten,  vngerochen 
nit  lassen  hingen  gegen  ainem  Jungen,  des  Patrons  knecht,  der  mit 
Im  gereufift  hat  Inn  solichem  auf  den  Mittag  des  obgenannten  zehen- 
den tags  Augusti  ward  vnns  aygenntlich  gewysen,  den  vilgedachten 
patron  am  Lannd  zu  sein,  der  auch  von  stund  an  hernach  komen 
wurd,  alls  beschach  auf  zwu  stund  hernach.  Da  wurden  ettlich  Inn 
begrüessen,  etlich  nit,  wann  sy  maynten,  wo  Er  het  wölln,  wer  man 
zw  derselben  Zeit  in  Cipem,  dann  es  sich  darz wischen  vil  guts  winds 

1)  Ein  marcello  ist  c.  5  reichspfennigo  (RM.  16). 

2)  Über  den  wahren  grund  siehe  die  genauen  nachrichten  unten  im  zweiten 
texte.  3)  Lücke. 

4)  Ob  Bcollare,  losmachen? 

5)  erüahrener,  entschlossener;  vgl.  Mhd.  wb.  11,  2,  576. 

ZERSOHBIFT  F.   DKUT8CHS  PHILOLOOIE.      BD.   XXV.  13 


194  BÖHRIOHT 

verlauflfen  hat,  satz  sich  also  alle  ding  nyder,  vnnd  auf  gutem  weg 
belyben,  das  nit  weyter  red  enntstund.  Darnach  gar  bald  ward  man 
die  segel  aufziehen,  zu  rüsten  vnnd  sich  keren,  wo  wynnd  kam,  hin- 
zufaren.  Item  alls  auf  denselben  zehennden  tag  nach  Mitnacht,  bekham 
ain  wind,  lies  man  die  segel  fallen,  ain  yetlichn  nach  einander  mit 
seinem  zugehörenden  geschrey  vnnd  gesegen,  die  dann  die  Marinary^ 
nach  gewonhait  her  zw  haben,  so  sy  von  ainer  port  zu  schiffen  ver- 
mainen.  Alls  gegen  tag  warden  wir  getryben  so  weit,  das  man  das 
Haylig  lannd  nit  dann  von  ferren  sehen  möcht,  schifften  also  fiirt, 
vnnd  vf  die  nacht  stund  aber  Bonatza  an,  der  do  wert  die  nacht,  mit 
sambt  dem  zwölften  tag  Augusti,  das  wir  gar  wenig  des  wegs  gestreckht 
wurden.  Herzwischen  verluren  wir  Vnnser  mitgespanen^,  die  Bartzot- 
ten 3,  das  wir  In  von  ferren  nit  mer  sehen  konnten.  — 

Item  dieweyl  mir  nichs  von  der  heyligen  stat  bißher  innsunders 
zu  bedencken  gesetzt,  das  Ich  doch  leychtlich  vergessen  würd,  schafft 
krenckhe  meiner  gedechtnus,  will  Ich  mir  ditz  kürtzUch  zw  ainer  Me- 
moria. Die  Haylig  Stat,  alls  nun  sichtbar  steet,  hindan  gesetzt  was 
zerstört,  von  ~dem  Ich  nichs  acht,  dann  alls  vil  es  gUlt,  ertrich  vnd 
steyn,  ist  gepawen  von  oben  des  Bergs  Syon,  streckhen  sich  hynnab 
zu  tal,  das  man  nennet  Josaphat,  doch  nit  gantz  dann  noch  ain  zim- 
liche  Höhin  ist,  bis  zw  vnnderst  dess  Bergs,  do  dann  der  Bach  Cedron 
sein  Aus  hat,  an  welchem  stet  der  Oliueti.  An  wölhem  ort  auch  gar 
kain  wonung  sind  dann  der  Tempel  dess  hayligen  grabs,  vnnser  frawen 
vnnd  die  anndem  hayligen  stet,  die  oben  bedeut  stond,  mitsambt 
etlichen  allten  gräbern,  vnnd  harumb  ligt  die  gedacht  heylig  stat,  wol 
zwischen  zwayen  Bergen.  Auf  ditz  mal  aber  ist  kain  wonung,  allain 
den  Berg  Syon  hinnab,  welher  stat  vmbkreis  vnnd  weyte  mich  bedaucht, 
vergleicht  mögen  werden  ainer  zimlichen  stat  in  vnsem  lannden,  alls 
Zürich  oder  Bern,  Irsgebawes,  aber  gar  nichs  in  eren,  mag  wol  vor 
Zeiten  ain  herlich  Ding  gesehen  sein  worden,  dünckht  es  mich  doch 
der  Cristen  munier  vnnd  wonungen  nit  vergleichen  mögen,  das  Ich 
heran  ß  nym  von  den  vnndersten  gewelben,  die  nit  wol  haben  zerbro- 
chen mögen  werden,  darynn  noch  die  leut  wonhafft  sind,  die  gar 
schlecht  zugerüst.  Darzw  so  man  gat  auf  den  Marckht,  den  man  nen- 
net Magar^,  der  gar  in  gewelb  stat,  in  ainer  grossen  weyte,  dardurch 
manich  stras  geordnet,  an  etlichen  sitzen  die  kaufleut,  an  etlichen  die, 
die  Baumwollen  verkaufen  vnnd  sie  arbaiten,   an  etlichen,   die  kraut 

1)  marinaro  ital.  matrose.  2)  reisegonossen. 

3)  Parzotto  ist  der  name  des  zweiten  pilgorschifs  (Ottheinrich  378). 

4)  bazar. 


BERICHT  ÜBER  EINE   JERÜ8ALEMFAHRT  195 

vnnd  Obs  fayl  haben,  an  etlichen  die  handtwerckhsleut,  synd  doch  die 
lädlin  oder^  derselben  Inn woner  so  enng  vnnd  klain,  das  wol  ain 
schein  hat,  nit  sonder  gewesen  sein  solle,  dann  die  ledlin.  Haben  nit 
thüren,  noch  ander  außgenng,  dann  allain  ain  Bogen,  darynn  der  Inn- 
woner  sein  Armut  beschleust,  mit  etlichen  Brytem  verstellt.  Daseiben 
mus  Er  auch  auß  vnnd  einsteygen,  diser  arbaytseligen  Hülin  seind 
mer  dann  die  halben  nit  wonhafft,  sollt  Ich  dann  sagen  von  den  . .  .^  der 
Juden,  die  nit  bösers  verdient,  möcht  es  menigklich  erparmen,  so 
grossem  vnlust  vnnderligen,  darzw  von  dem  vrtail  gots  besorgt  schon 
verdambt  werden,  wolhe  von  ainer  Hülyn  in  die  annder  fliehend,  so 
sie  sehen  in  der  anndern  vnflats  halber,  oder  das  niderfallen  wollt, 
nymen  wonen  mügen.  Der  anndern  Inn  woner,  alls  türckhen  oder 
Moren,  wie  sie  leben  oder  wanndeln  in  grossem  ellennd,  will  Ich  für- 
gon.  Allain  mich  erbarmt  Irs  lebens,  gleich  der  Armen  vnnd  der 
Reichen.  Des  will  Ich  sie  gelobt  haben,  das  mer  trew  einander  bewey- 
sen  vnnd  thund,  dann  manch  cristen  gemuet  gegen  seinem  nebenmen- 
schen thun  möcht,  was  soll  Ich  sagen,  die  synd  übel  behaust,  ärm- 
klichen  beclaidt  vnnd  noch  aller  schlechtigist  gespitzt »,  darzw  in  her- 
terer  obrigkait  gehallten,  Also  das  Ich  sagen  möcht,  weren  in  alln 
vnselig,  Allain  das  sy  gnugsamlich  mit  Betheusem,  die  sie  nennen 
Muschoga*  versehen  sind,  deren  sie  vil  hin  vnnd  her  aufgericht  haben, 
gantz  weis  bekleidt  oder  gemalt,  darbey  sie  dann  Ir  abgestorbnen  ver- 
graben. Dis  stet  seind  vnns  cristen  verpoten  zu  berüren,  vnnd  das 
Ich  mer  Ir  weis  bedeut,  sind  dis  nit  so  wanndelbar  zu  uerwanndeln 
von  Zeit  in  Zeit  Ir  klaidung,  alls  etlich  wir  Cristen,  sonders  bekleidt 
sich  der  man  in  ain  lanngen  Rockh,  zw  den  knoden  Im  stossend*', 
darunter  ain  lang  Hembd  habend  vom  wullen  oder  tuch,  sein  köpf 
nach  Vermögen  mit  aim  Rainen  vast  weyssen  subtylen  langen  schlayer 
oder  vast  groben  Duch  vmbunden,  so  seind  Li  auch  zway  bar  schuech 
mit  eyssen  beschlagen,  ain  Jar  lanng  werend.  Der  Frawen  wat,  deren 
Ich  etwan  Zwaintzig  oder  Vierundzwaintzig  min  einander  zw  Iren  Bet- 
heussem  gon  gesehen  hab,  seind  gemainlich  all  mit  ainem  vast  weys- 
sen raynen  tuch  vmbzogen,  das  man  In  nichs  sehen  ist,  allain  die 
fües,  das  angesicht  mit  ainem  schwartzen  seydin  tüchlin  verdeckht 
7nnd  dis  in  der  stat,  in  den  Dörflfern,  oder  auf  dem  Lannd,  vast 
ellendigklich  mit  klaidung  versehen.  Dis  arm  volckh  ist  ain  wenig 
gellt  hanndlen,   wolhe   sie  nennen   serafi^,   sind  Ducaten,   Medini^   Ir 

1)  2)  Lücke.  3)  gespeist.  4)  moscheen. 

5)  mit  knoten  ihn  befestigend?  6)  seraphi  goldstücke;  vgl.  RM.  16;  R.  54. 

7)  Meidine;  vgl.  RM.  16;  R.  58 

13* 


196  RÖHRICHT 

Schilling,  fluß^  Ir  mynnst,  also  das  vier  auf  pfenning  komen.  Die 
Strassen  der  stat  seind  enng  vnnd  vor  Zeiten  vast  all  gewelbt,  das 
darauf  niemants  nas  werden  möcht,  die  durch  etlich  subtyl  taglöcher 
schein  haben  wasen  auf  dismal,  die  nit  gewelbt  ston,  sein  zw  beeden 
selten  erhebt,  das  menigklichs  zw  Regen  Zeiten  wandeln  mag.  Die 
stat  ist  vast  ein  in  altem  gepew,  also  das  wol  vil  leuten  vor  Zeiten 
herynn  gewonet  vnnd  noch  villeicht  wonen  mügen,  wann  Ich  Ir  nit 
abgezelt.  Doch  ist  der  tempel  Salomonis  mer  dann  der  vierdt  tayl  in 
seinem  vmbkreis  bekümem,  do  kain  leut  beleiben.  Dise  stat  ist  zu 
beschliessen,  als  man  es  auch  nechtlich  beschleust,  aber  mit  aller 
schlechtigisten  porten.  In  diser  stat  sind  etlich  vil  hoch  tum,  auf 
wölhe  zu  nacht  vnnd  morgens  etlich  dar  zw  bestellt  steygen  seind,  das 
volckh  mit  Irem  geschrey  zu  beten  ermanen,  Alßdann  wir  Cristen 
bedeuten  wollen  mit  den  gloggen,  auf  disem  thum,  auch  durch  das 
gantz  lannd  sind  die  volkher  aufzünden  brynnend  feurer,  zw  der  Zeit 
Irer  vasten^,  die  sich  erhebt  vnnd  anfaht  des  ersten  tags  Augusti,  vnnd 
werdt  denselben  außhallten  dise  gewonheit  Irer  fasten,  das  sie  nichs 
essen  sind,  von  ainem  stem  zw  dem  andern,  vnnd  so  sie  zu  nacht 
den  ersten  stern  ersehen,  heben  sie  an  ermklichen  sich  zu  fürsehen 
mit  speis,  des  Ich  nit  geleben  möcht,  bezeug  Ich  mich  mit  got,  Ich 
müeste  dann  thon.  Diser  Leut  tisch  oder  stul  sind  anders  nichs,  dann 
die  Haylig  erd,  so  haben  sie  auch  nit  souil  trinckhen  noch  essen, 
gerüst  noch  Aparatz  ^,  dann  wir  gewont  haben.  — 

Item  von  dem  Zwölfiften  tag  Augusti  sind  wir  gefaren,  ains  mals 
haben  Bonatzo,  annders  widerwertigen  winnd  bis  auf  den  sybenzehen- 
den  tag,  das  wir  die  Innsel  Cipern  nit  erlanngen.  Herz  wischen  war- 
den  wir  nahend  getriben  zw  dem  lannd,  das  man  nennt  Barut*,  etwas 
auf  die  recht  Jlannd  weyters  dann  die  Innsel  Cipern  ligen,  doch  wol 
von  vnns  mögen  gesehen  werden,  vnnd  alls  wir  nach  lanngem  Begem 
zuletzst  auf  den  gedachten  sybenzehenden  tag  ankamen,  bey  ainer  port 
genennt  Salline^,  warden  wir  darnach  gefuert  zw  etlichen  Heusern^ 
von  dem  mer  ligen  hayssen  Lamica^.  Do  beliben  wir  den  tag,  auf  die 
nacht  versah  sich  menigklich,  der  mit  Roß,  der  mit  Esel,  zu  reyten, 
der  gein  Famagust,  der  gein  Niclosia®.  Ich  was  nemen  den  weg, 
mit  sampt  ainem  gesellen,  auf  Niclosia,  vnnd  alls  auf  den  Achtzehen- 
den  zu    stundin   tag,    kamen   wir  zw   Herberg   diser  gedachten   stat 

1)  fuls  (vom  lat.  follis,  schuppe),  Scheidemünze. 

2)  im  Ramadhan.  3)  wol  für  apparat;  vielleicht  ist  der  genetiv  gemeint, 
4)  Beirut.  5)  Salinis.  6)  ergänze :  die  fem  ...  7)  Lamaka. 
8)  Famagusta,  Nicosia. 


BERICHT   ÜBER  EINE  JERUSALSBIFAHRT  197 

Niclosia,  die  von  dem  meer  ligt  zwu  meyl,  seind  newn  Ciperisch  meyl. 
Das  lannd  darz wischen  vast  bürgig  vnnd  vol  Dornen,  doch  etlich  hüpsch 
gärtenbaw  wellen  bringen,  warden  von  weyten  gesehen.  Die  gedacht 
stat  ist  die  gewaltigist  vnnd  vernamptest  der  Innsel  Cipern,  wöliche  mit 
eil  testen  besten  meuren  vmbgeben  in  weytem  vmbkreis,  doch  innwenn- 
dig  in  gebew  in  kainen  eeren,  auch  vil  leer  Pletz  haben,  darzu  vil 
vnnd  manich  kirchen  vnnd  Capellen,  da  etlich  zerstört,  etlich  in  myn- 
sten  eeren  stond.  In  diser  stat  hanndelt  man  manicherlay  Müntz,  doch 
sind  die  fordersten  Carcy^,  sind  pfenning,  Bysanti  gonnd  zehen  auf 
ain  Ducaten.  Da  belib  Ich  den  tag,  mit  sambt  dem  Newnzehenden 
vnnd  zwaintzigisten  tag  Augusti.  — 

Item  auf  den  Ainvnndzwaintzigisten  tag  zw  aubend  Reyt  Ich  mit 
etlichen  herren  vnnd  gesellen  zw  sant . .  .2,  der  do  ligt  vierundzwaintzig 
meyl  von  der  gedachten  stat,  ain  schön  eben  lannd,  aber  auf  die  Zeit 
ganntz  erdürret,  vnnd  alls  des  morgens  kamen  wir  dahin,  do  wir  fann- 
den  den  hayligen  ligen,  in  ainer  klainen  Capellen,  mit  ainem  staynin 
grossen  sarch  bewart.  Do  am  Mitten  dess  Deckhels  des  grabs  sind 
zway  Löchlin,  daraus  scheinbarlich  fleust  ain  üquor,  den  man  den  Byl- 
gem  fürsetzt  vnnd  mit  tayl  in  etlichen  klainen  gläßlin.  Ditz  soll  zw 
allen  kranckhen  leuten  haylsam  sein,  als  wol  zu  glauben  ist.  Dann 
Ich  daselbst  sach  wonen  ob  fünf  Armer,  die  sich  dess  Liquors  erner- 
ten,  vnnd  zuletzst  in  kurtzem  vertrauten  gesund  werden.  Den  tag 
beliben  wir  da,  vf  die  nacht  zugen  wir  wider  zw  Niclosia,  da  belib 
Ich  den  drewundzwaintzigisten  vnd  den  vierundzwaintzigisten  tag,  zu 
erwarten  ains  teutschen,  der  den  weg  wüst.  — 

Item  des  vierundzwaintzigisten  tags  zu  nacht  was  ich  allain  Rei- 
ten, nach  dem  das  thor  beschlossen  ward,  das  man  mir  auch  aufthet, 
des  wegs  ain  tayl  auf  Famagust,  bey  sechs  meylen,  vnnd  alls  Ich  den 
weg  verlur,  von  vinstere  der  nacht,  fannd  Ich  darnach  ain  greckhischen 
man  bey  ainem  Haus,  dem  Ich  alls  vil  erzaigt,  das  Er  mich  fuort  in 
ain  Haus,  da  man  wein  verkauflft,  satzt  Ich  mich  vnnder  vier  pauren 
vnnd  ain  frawen,  tranckhen  bey  ainer  stund,  bis  sie  frölich  wurden. 
Zw  jüngst  zallt  Ich  die  yrten,  vnnd  leyt  mich  darnach  nider  ain  stund, 
zu  schlaffen,  bis  der  Mon  scheinen  begund,  alls  darnach  was  mich 
ainer  derselben  weysen  den  Rechten  weg,  saß  auf  vnnd  kam  diselben 
nacht  mit  den  halben  tag  durch  ain  zimlich  gut  Lannd,    dann  das  es 

1)  Carcy  (ob  aus  grossus  verderbt?),  Scheidemünze;  Bysanti,  silbermünze: 
vgL  Desmioni,  Giomale  Ligust.  XI,  1882,  13  fgg.  (Separatabzug). 

2)  Ergänze  Montfort;  seine  grabstätte  wird  in  allen  pilgerschriften  seit  anfang 
des  fiinfzelinten  Jahrhunderts  erwähnt  und  beschrieben  (vgl.  HM.  23 ;  R.  60). 


198  RÖHBICHT 

mich  fast  dürr  bedaucht.  Doch  sind  manich  wonungen  nahend  bey- 
oinander,  darzwischen  in  ainer  gantzen  ebne,  kam  also  auf  die  vesper 
gein  Famagust,  die  sechsvnnddroyssig  meyl  von  der  gedachten  stat 
ligt,  welche  in  allem  sterckhesten  gebew  ainer  JRinckhmaurn  vnnd 
wunderbarlichen  stat  grabens,  auch  allermechtigist  Bollwerckh  vnnd 
thure  haben,  vmbgeben  ist.  Inn wendig,  so  sie  mit  Munition  vnnd 
speis  alls  wol  fürsehen  würt,  alls  Ich  verston,  versehen  sein  mit  mau- 
ren,  Büchssen  vnnd  kriegsleuten,  mags  wol  der  sterckhsten  stet  sein, 
so  auf  erden  erfunden  werden.  Von  Innen  hat  sie  allt  zerstört  heusser, 
der  gar  wenig  wider  in  eeren  gebracht  werden,  gibt  mans  die  schuld 
den  kriegsleuten,  der  bey  Achthundert  da  wonen.  Ynnd  von  stund 
kamen  etlich  vnnser  Zungen,  mich  emphaen,  vnd  ain  herren  schelten, 
des  Ich  mich  zum  merermal  versprach,  nicht  destermynder  must  Ich 
beleiben.  Also  begaben  sie  sich  mit  mir  wollen  zu  nacht  essen,  vnnd 
weiters,  wo  sie  mir  gedienen  könnten,  das  Ich  sie  vngespart  nit  ließ, 
vnnd  erkhannten  doch  vnder  anderm  Ir  gros  Armut,  vnnd  das  sy  nit 
mer  begerten,  auß  der  Innsel  entrunnen  mögen.  Versach  Ich  mich 
wol,  wo  mein  herschaft  auß  wolt,  die  mir  beleih  bis  morgen,  alls  Ich 
die  yrten  zalen  sollt,  mußt  Ich  ain  Ducaten  verzert  haben,  nach  aller 
Rechnung.  Also  bin  Ich  auch  ain  mal  zw  ainem  Herren  worden,  darf 
aber  dess  kain  gülden  sporn  fixeren.  Doch  acht  Ichs  klain,  dann  mein 
tag,  wo  Ich  ye  hin  kam  in  Itembd  land,  hab  Ich  niemand  erfunden 
meiner  landsleuten,  oder  teutscher  Zungen,  der  mich  ansprech,  wer 
dann  ärmer  als  Ich ,  das  Ich  dann  nach  Natürlicher  Billigkait  Inn  mein 
Armut  mitzutailen  nit  versagen  möcht.  Vnnd  ob  schon  etlich  . .  .^  warend 
in  vermügen,  mir  zu  helfifen,  wassen  sie  sich  vor  mir  verbergen. 
Ditz  must  Ich  auch  bewert  nemen  zw  Rodis,  alls  ab  Bilger  von  der 
hohen  teutschen  Zungen  geladen  worden,  sunders  Ich  außgeschlossen, 
man  gabs  aber  auch  dem  zw,  das  Ich  ain  schweytzer  mich  hies,  des 
Ich  mich  hernach  an  vil  orten  schrib,  mich  frewet  geborn  sein  ain 
Schweytzerlin.  — 

Item  auf  den  sechs  vnnd  zwaintzigisten  tag  Augusti  gieng  Ich  zu 
fuos  zw  sant  Katerina,  die  auf  ain  teutsch  meyl  von  der  gedachten 
stat  Famagust  ligt,  in  ainem  aller  größten  wunderbarlichsten  ältesten 
gebaw,  das  man  nennet  alt  Famagust,  daselbst  gesehen  ain  Gapellen 
auf  aller  größten  gewelben,  wol  sich  erzaigen  ains  künigs  wonung 
gewesen.  Daseiben  auch  nahend  darbey  die  gefennckhnus,  allain  steend. 
In  dem  felld  hypsch  zu  sehen,  nahend  darbey  zwu  staynin  seul,  daran 

1)  Lücke. 


BBRIOHT  ÜBER  EINE  JBBUSALEMFAHRT  199 

die  haylig  Junckhfraw  gemartert,  die  auch  noch  blutfarb  scheinen. 
Auf  die  nacht  rayt  Ich  allain,  mit  zwen  kriegsknechten,  gein  Salline, 
sind  viervndzwaintzig  meilen,  da  belib  Ich  den  sybenvnndzwaintzigisten, 
mit  sambt  dem  Achtvnndzwaintzigisten  tag  Augusti.  Item  auf  den 
Achtvnndzwaintzigisten  tag  zu  nacht  fuoren  wir  zu  schif,  was  vnns 
der  wind  alls  wider,  das  wir  beleiben  mußten  den  Neunvnndzwain- 
tzigisten  tag,  den  dreyssigisten,  mit  sambt  dem  ainvnddreyssigisten  tag. 
Vnnd  auf  den  dreyssigisten  tag  starb  ains  Enngellenders  knecht,  got 
hab  der  seel  gedult,  vnnd  behuet  die  anndern,  dann  gar  mancher  sich 
beclagt,  im  namen  gotz  der  erst,  wie  der  Münich  sagt.^  auf  den 
Barzotten  waren  fünf  daruon.  — 

Item  in  der  gedachten  Innsel  Cipem,  die  vor  Zeiten  den  Breis 
behielt,  sein  die  fruchtbarst.  Zu  diser  Zeit  der  mer  vnd  grösser  tail 
vervnnutz,  verwüst  von  den  hewschrefifen,  die  zw  etlichen  Zeiten  in 
so  gros  menng  sich  auf  lond,  das  von  embsiger  dickhe  die  Sunn  hells- 
tags  nit  gesehen  mag  werden,  die  sich  nach  narung  Irer  Natur  dann 
nyder  lonnd,  vnnd  so  sie  auf  grüne  volkomne  fellder,  seien  was  ge- 
schlecht der  fruchten,  sich  nider  lond,  werden  dieselben  von  den 
genannten  hewschryckel  verfretzt  vnnd  gar  gefressen,  alls  wer  es  ain 
dtirryn  Egert*,  vnnd  nye  gebawen  gewessen.  Heruon  leidt  der  Arm 
gar  schwer  vnnd  gros  nachtail,  die . .  .^  aber  wennd  dennocht  geessen  han, 
vnnd  auf  hohen  Rossen  reyten,  got  sey  es  klagt,  nach  gemainem 
Sprüchwort,  der  arm  leidt  an  allen  orten.  Doch  nit  destermynder  ist 
noch  zw  Zeit  erberlich  wesen,  herj'^nn  zimlich  Zuckher,  den  man  füi- 
den  besten  hallten  will,  von  drey  kochen,  die  auch  gar  mit  grosser 
arbait,  costen  vnnd  wunderbarlichen  geschyrren,  darzw  gehörennd,  zw 
ennd  erhellt  vnnd  gemacht  würdt.  Darbey  grosse  menge  der  besten 
Baumwollen,  alls  auf  erden  gefunden.  Ditz  würt  vnnd  kumt  aber  vast 
der  Nutz  den  vorderigen  . .  .*  Man  spricht  auch ,  das  in  diser  Innsel  vor 
2Seiten  das  best  vnnd  schönest  goUd  gegraben  sey  worden,  das  man 
noch  dickh  nennet  Ciperest  gold.  Doch  nymer  von  der  Türckhen  wegen 
dörffen  darnach  graben,  die  Ir  sunsts  gar  aufsetzig  sind.  Es  müssn 
auch  die  Venediger  Jerlich  sechtzehen  tausent  Ducaten  daruon  tribut 
den  Türeken  bezallen  vnnd  zw  Haus  schicken,  wann  an  ainem  ort  Er 
gar  leichtlich  in  die  vil  gedacht  Innsel  komen  möcht,  wann  sie  Im 
nahend  an  sein  land  stost.  Darzw  das  das  gi'össer  ist  dem  Armen 
vnnd  dem  Reichen  gemayn.   Aber  den  Venedigem  am  höchsten  Nütz- 

1)  Wol  eine  sprichwörÜiohe  redensart.  2)  brachfeld. 

3)  und  4)  Lücke. 


200  RÖHRICHT 

lieh  hat  die  meer  genannt  Innsel  ain  saltzgruob,  inner  kurtzen  Jaren 
worden  vnnd  angestannden,  dann  vor  Weingärten  daselbst  gepflanntzt 
worden.  Ist  in  grosse  ains  zimlichen  weihers.  Dis  sagt  man  von 
süessem  wasser  Zusamenlauffen  sich  daselbst  versamblen,  würckht  dar- 
nach die  sonn  in  Irer  krafft  darein,  das  der  schäum  zw  oberst  ains 
gemiintz  hoch  schneeweis  saltz  würt,  Ringsweis,  so  weyt  das  wasser 
sich  außbrayt  anzusehen,  alls  im  wynnter  in  vnnsem  lannden  die  weyer 
gefrürend,  vnnd  darnach  ain  schnee  darauffallen  ist,  den  man  etwan 
mit  eckhsten  gewynnen  vnnd  aufhawen  mus:  Also  thund  sie  nit  mer 
noch  minders,  dises  saltz  zu  haben,  dann  etwan  zwayhundert  vnnd 
meer,  der  mit  Eckhsten  aufzuhawen,  der  mit  Esel  hinweggzufueren, 
der  zw  hauffen  worffen,  bei  den  gestat,  do  sy  dann  gros  hauffen  sam- 
len,  bis  die  Venediger  schiff  komen  vnnd  hinfueren,  sunst  darf  nie- 
mants  daselbst  sich  versehen,  zu  laden,  werd  dann  durch  gros  bit 
nachgelassen,  den  Venedig ern  thut  aber  niemands  weren.  Es  seind 
wol  ettlich,  die  sprechen,  dise  Saltzgruob  sey  vnnd  enntstannd  von 
dess  meers  überlauffen,  zw  Winters  Zeit,  vnnd  wann  dann  des  Sumers 
die  Sunn  in  dasselb  wasser  würckhen  sey,  enntstannd  dann  dasselbig 
saltz,  das  auch  wol  zu  glauben,  dann  die  gedacht  stat  ligt  nahend  bey 
dem  meere,  sey  aber  welhes  zum  Besten  ze  glauben  für  war  gehall- 
ten, so  will  Ich  dannocht  lieber  in  vnnsern  lannden  mein  leben  fueren, 
zw  Jüngst,  nach  aufsatz  got  des  almechtigen  ennden  vnnd  beschliessen, 
solt  Ich  das  salz  noch  so  tewr  sein,  macht  man  doch  gut  suppen  vnnd 
häberinn  Muos.  — 

Item  also  vorlagen  wir  den  Newnvndzwanzigsten,  den  Dreys- 
sigisten  mitsambt  dem  Ainvnddreyssigisten  tag  Augusti  auf  dem  schi^ 
das  wir  Hindern us  dess  winds,  auch  das  der  Naf  nit  zugerüst  vnnd 
in  Ordnung  was,  nyrgends  hin  fürstreckhten,  des  etUch  Bilger  schmäl- 
ten, vermainten,  bas  vnnd  lieber  auf  dem  lannd  verliben  sein,  zum 
mynsten  die  speis  erspart  habenn,  die  In  darnach  gepresten^  möcht, 
so  waren  aber  etlich  triben  gefürdert  werden,  zu  schif  zu  faren,  vmb 
das  sy  ain  klain  gellt  ersparten,  das  sie  sonnst  verzeren  mueßten. 
Diser  waren  meer,  dann  der  anndern.  Hierumb  der  Patron  vnwillig 
In  zw  willen  ward  vnnd  zu  schif  kert.  Mußten  aber  hernach  dieselben 
wol  von  Im  hören,  alls  es  sy  beschwert,  so  lanng  verharren,  an  lannd 
zu  sein.  — 

Item  auf  den  ersten  tag  Septembris  in  der  nacht,  die  darnach 
was  dess  Ainvnddreyssigisten  tag  Augusti,  auf  ain  Sambstag,  zwu  stund, 

1)  gebrechen. 


BERICHT   ÜBBR'  KINE  JEBUSALEBIFAHRT  201 

kam  ain  zimlicher  Wind  von  dem  lamid,  lies  man  all  segel  fallen, 
abermals  mit  gewontem  geschray  vnnd  segen,  herzw  gehörenndt  vnnd 
gewont  Auf  den  Mittag  ward  Calmas,  auf  die  nacht  stond  der  allt 
Wind  an  genannt  Prouintza^,  der  vns  mer  hindert,  Also  das  wir  zw  . .  .2 
hinnauf  mueßten,  der  werdt  bis  an  den  andern  tag,  an  welchem  ain 
eerlicher  herr  vnnd  Vicari  auß  dem  Nyderlannd  abstarb,  die  schuler ^ 
der  Natur  bezalt,  got  der  erlöser  gedennckh  der  seel  vnd  des  Namens, 
der  do  heyßt  Theodorius  de  Hagen*.  Alls  man  In  besanng,  ward  Er 
darnach  balld  in  das  meer  geworffen.  Derselben  nacht  hetten  wir  ain 
starckhen  widerwind,  der  vnns  den  segel,  Contra  metzan  genannt ^ 
zum  tayl  in  das  meer  warf,  doch  kaine  sorglichait  geberen,  dann  das 
etlich  Bilger  seer  vast  erschrackhen,  hierumb  got,  seine  hayligen 
anruefften.  Diser  Wind  wert  den  vierdten,  den  fünfPten,  den  sechsten, 
den  sybennden  tag,  das  wir  all  weg  des  Aubendts  nahend  bey  der 
Innsel  hinfuoren,  do  vnns  vil  hüpsch  gelegenhait,  Zuckher  vnnd  Baum- 
wollen bringen  gezaigt  wurden.  Auf  die  nacht  aber  must  man  dem 
wind  enntgegen  weyhen,  die  segel  vmbkeren,  do  wir  dann  darnach  so 
weit  zw  Bosit^  getriben,  das  wir  der  nachgeenden  Nacht  nit  vil  beuor 
gewunnen,  an  dem  ort  wider  befunden  werden,  alls  wir  daruon  ge- 
scheiden.  Das  werdt  die  genannt  Zeit.  Doch  zuletzst,  nach  willn  dess 
herren,  lanngten  wir  gegen  BafFet^,  da  vor  Zeiten  ain  grosse  stat 
gestannden,  erbawt  gewesen,  auf  ditz  mal  mit  klainistem  gepew  sich 
erzaigt.  Da  waren  etlich,  vermainten  zu  lannd  gelassen  werden,  das 
doch  nit  stat  het,  segelten  also  Besitz  hynnaus,  das  wir  des  mor- 
gens die  Innsel  gar  nahend  auß  gesiebt  verluren,  vermainten  etlich  zu 
sein  auf  dem  Golfo,  schifften  darnach  auf  die  weyte  des  mers,  vnnd 
alls  vnns  an  dem  Achtenden  tag  aber  wider  wind  ankam,  der  do  wert 
bis  zw  morgens  des  Neundten  tag  Septembris,  was  man  die  Innsel 
Cipems,  die  wol  sybenhundert  meyl  in  vmbkreis  beschleust,  wider 
sehen.  Daruon  die  Bilger  betruebt,  vnnd  ward  annder  annderm  ange- 
zeigt, das  man  von  ainem  hayligen  Cörpel  zu  Niclosie  genomen  sollt 
haben  ain  tail®  desselben  hayligen  maus,  der  vnns  nit  faren  lies,  wer 
dann  widerkert.  Ditz  ward  auf  ain  Bischof  gelegt  vnnd  geredt,  deß- 
halben  Er  gar  gros  Scheltwort  von  ainem  Frantzosen  hörn  must,  etlich 

1)  provinza 2)  Lücke.  3)  schuld. 

4)  "Wird  sonst  nicht  erwähnt. 

5)  contramezzana,  gegensegel  am  hintermast.  6)  beiseit. 

7)  Bapha,  früher  Paphos. 

8)  Ein  schiff,  welches  reliquien  an  bord  hatte,  war  nach  dem  aberglaaben  der 
Schiffer  dem  Untergänge  verfallen  (RM.  18;  R.  17.) 


202  BÖHRIOHT 

sunst  vmb  vnnser  sünd  willen,  vmbtriben  worden  vermainten.  Füren 
also  vngewis  den  Neundten,  den  Zehennden  tag,  an  weihen  auch  ver- 
schaid  ain  gesel  der  Riterschaflft,  so  zw  Jerusalem  sich  het  lassen 
schlagen,  hies  der  von  der  Aw,  geborn  von  ...^  der  verlies,  alls  man 
saget,  ain  hüpsch  jung  weib  vnnd  jungen  kind,  darzw  vil  guts.  — 

Item  des  Aylfften  tags  septembris  starb  aber  ain  Briester  aus 
Pomern.  Die  beed,  alls  maus  besanng,  versanckht  mans  in  das  meer, 
der  ain  wolt  aber  nit  zw  grund  gon,  got  der  erbarm  sich  der  See- 
len. — 

Item  den  Zwölften  tag  zw  Aubendt  ward  man  Türckhisch  lannd 
sehen,  daruon  wir  erkhückht  enstunden,  vnnd  alls  auf  den  dreyzehen- 
den  tag  dess  morgens  kamen  wir  Nehand  zw  dem  gebürg,  genannt 
die  Velsen  Zinidonia^,  ligen  in  türckheien,  an  disem  warden  wir 
getriben,  dann  Neben  hin  auß,  dann  wider  zw  lannd  keren,  den  vier- 
zehenden  vnnd  fünfzehenden  tag  Septembris,  das  wir  noch  kain  annder 
HofiRaung  hetten,  dann  der  hilf  gots  zu  erwarten,  der  wir  auch  bedurfif- 
ten^  dann  vnns  abgieng  an  wein,  an  gutem  flaisch  vnd  allermaist  an 
geschmachten  wasser.  — 

Item  an  disem  gebürg  sagt  man  gelegen  sein  ain  alt  stat  gehays- 
sen  Cacuba^,  alls  sich  dann  des  noch  etlich  thürn  erzaigen,  wölhe  von 
Schickung  gots  versenckht,  zw  meres  grund.  Item  weiter  an  disem 
gebtirg  ward  vnns  gewisen  ain  gelegne,  do  soll  ain  schlos  hayßt  Castel 
Ros,  ston*,  vnndertönig  den  herrcn  von  Rodis.  Bey  derselben  gegne 
liessen  sich  auch  sehen  etlich  segel,  die  vnns  ain  schreckhen  versa- 
melten.  — 

Item  des  fünfzehenden  tags  heten  wir  vmb  den  Mittag  ain  zim- 
lichen  genedigen  wind,  der  do  wert  bis  auf  die  nacht.  Damach  stund 
aber  Bonata  zw,  die  do  wert  denselben  sechzehenden  tag,  kamen  also 
zwischen  das  gebürg,  auf  den  Golfo,  do  wir  verhalten  in  werender 
Bonata,  das  wir  des  wegs  gar  nit  fürstreckhsten.  Doch  kam  etwan 
ain  Blosts^,  von  dem  wir  erfreut,  keret  man  die  segel  eylennds,  den- 
selben zu  emphahen,  werten  aber  in  kainer  sterckhy.  Hierumb  wir 
also  vorlagen  auch  den  sybenzehonden  tag,  das  wir  das  Rodischer 
gebürg  wol  schawen  mochten,  vnnd  hetten  wirs  wollen  abmalen.  Da- 
rauf? ersehen   worden   drew   Heusser,    hayssen    das   ain   Lindaw,    das 

1)  Lücke;  nach  Ottheiniich  386  war  der  verstorbene  Johannes  von  Aue  „etwan 
ein  rentmeister  zu  Mechel". 

2)  Chelidonia.  3)  Kekoba  w.  vom  vorigen. 

4)  Castelloryzo  (meis),  w.  von  Kekoba.  5)  wind. 


BEBICHT  ÜBKB  KINE  JIBÜ8ALEMFAHBT  203 

annder  faraklo,  das  drit  sant  Angelo^,  vnnd  auf  den  Achtzehenden  tag, 
alls  wir  die  nacht  die  stat  Kodis  fürfaren  gezwungen  von  widerigem 
wind,  kamen  wir  zw  lannd,  des  gedachten  Achtzehenden  tags  auf  den 
Anbis.  Da  aber  etlich,  alls  sich  bezamt,  schon  vnnd  erlich  empfann- 
gen,  mit  vü  weins  vnnd  schenckh  geert.  Aber  vnns  schweytzern,  der 
vier  waren,  sties  derselb  wein  nit  das  hertz  ab,  wann  man  vnns  nit 
schickhen  was,  der  eeren  auch,  so  man  vnns  embot,  ist  leichtlich  zu 
dannckhen,  ligt  aber  nit  daran.  AUain,  wo  Ichs  alls  gut  het,  wurds 
mir  zu  bedennckhen  ston.  — 

Item  verliben  also  zw  Bodis  den  Neunzehenden,  den  Zwaint- 
zigisten,  den  Ainvndzwaintzigsten,  den  Zwayvnnzwaintzigisten,  den 
Drewvnndzwaintzigisten  tag  Septembris.  Dazwischen  ward  gesagt  von 
etlichen  vil  segln  der  vncristen,  die  sich  kürtzlich  erzaigt  haben,  die 
auch  auf  den  großmaister  von  Rodis,  der  Newlich  in  Acht  tagen  dar 
komen  was 2,  mit  vü  newer  Reden,  die  ain  yetlicher  verston  wolt  nach 
seinem  aeligen,  schifften.  Auf  dis  warden  wir  gewarnet,  fürzesehen. 
Es  war  bas  zu  thun  gewis  ain  Zeit  lanng  gebaytet,  on  vngewis  in 
schaden  komen,  hierumb  ward  Rat  gesucht  bey  dem  groß  Maister,  der 
Anntwort  weren  all  weg  frey  vnnd  sicher,  möchten  hinfam  vnsem 
weg.  — 

Item  auf  den  Drewundzwaintzigisten  tag  zu  nacht  warden  wir 
aber  bestimbt  zw  schiff,  das  zu  letzst  beschach,  vnd  alls  wir  etwas 
lenngers  ennthalten  wurden,  den  der  Bartzot,  was  man  sprechen,  vnn- 
ser  schifleut  weren  nit  wol  erfaren,  das  vnns  doch  zw  grossem  vnd 
heylsamen  Nutz  erschoss,  mit  dem  das  wir  Widerwind  überkamen,  der 
vnns  zu  Ruckh  trayb,  dann  wo  wir  für  gefaren  weren  alls  zw  Ruckh, 
betten  wir  ain  hertny  Nuß  beyssen  müessen,  daruon  vnns  niemand 
erlösen  het  mögen,  dann  allain  der  Almechtig  got,  vnnd  vnnser  Be- 
schirm, die  zu  sorgen  was,  nit  mögen  widerston,  dann  der  widertail 
zu  strackh  erscheint,  als  hernach  steet.  — 

Item  auf  den  Vierundzwaintzigisten  tag  des  Morgens  zwu  stund 
dess  tags,  alls  wir  wie  obstat,  zw  Ruckh  von  wider  wind  getriben  wa- 
ren, stuend  an  ain  lanüg  werender  Bonatza,  Also  das  man  Rodis  von 
weyte  sehen,  darzw  das  gebürg,  der  vngleubigen  gehaysse  zw  der 
anndem  selten.  Vnnd  alls  man  daruon  Reden  was  auch  das  gebirg 
hinab  zw  sehen,  von  ferren  warden  geschawt  in  scheinbarm  Augen- 
schein Manich  vnd  vil  segel,   die  man   für  Galleen  vnnd   füsten  gar 

1)  Lindo,  capelle  Ferraclo,  St.  Angolo. 

2)  Philippe  Villiers  de  l'Isle  Adam,  der  am  11.  sept.  1521  gelandet  war  ("Wo- 
chenblatt d.  Johanniter -Balley  Brandenburg  1881,  s.  17). 


204  RÖHRICHT 

wol  erkhannt  bey  fünfzehen  Stückhen,  nit  was  gewis,  das  nit  freund, 
hierumb  man  bas  aufsehen  was.  Da  ward  erkhannt,  dise  Segel  oder 
Galeen  shytten  zwo  Candiottischs  grj^pen^,  die  dess  anndern  Morgen 
von  vnns  gefaren,  ward  man  gar  scheinbarlich  den  Rauch  dess  geschütz 
aufgeen  sach.  Daruon  enntstund  vnnder  vnsenn  Schyfif  ain  lermen 
mit  gemüster  forcht,  dann  sy  gegen  vnns  schyfften,  so  betten  wir  auch 
ain  werende  Bonatza,  das  wir  kain  Hilf  noch  vorteil  suochen  möch- 
ten, noch  zu  fliehen,  noch  zw  Beschirmung,  alls  dann  ainer  Naf  not 
ist  wind  zw  haben,  Ist  sy  halb  bas  zu  bewaren,  dann  in  ainer  Bonatza 
mögen  die  füsten^  vnd  Galleen  zw  vnnd  von  faren,  die  NafPen  sche- 
digen,  so  sie  dann  sehen  ain  vortail,  stürmen  sy,  das  in  ainem  guten 
wind  nütten  ist,  doch  sind  sie  glückh  wol  in  sorgen,  wo  der  widertail 
zu  starckh,  als  do  was  zu  erwegen.  Daruon  ward  ain  Ordnung  zuge- 
rüst.  Erstmals  das  geschütz,  das  zw  mal  nit  ganntz  berayt  mit  zuge- 
hörender Bewaning,  das  man  nahend  als  gros  aufsehen  haben  must 
vnnsers  geschütz,  alls  der  feind,  wan  man  vngewarsamlich  mit  dem 
Bulfer  hanndlet.  Damach  vnder  dem  volckh  doch  nichts  ordenlich  alls 
mich  bedaucht,  dann  wan  es  darzw  kem,  solt  ain  yetlicher  thon  alls  ain 
Redlich  Man.  Das  von  dem  von  Neumeckh^  widerredt,  vnnd  an  patron 
Reden  lies,  das  man  ain  yeclich  Nation  außteylen  solt  an  ain  ort,  die- 
selb  zu  bewaren,  vnnd  die  teutsche  an  das  vnsicherst,  dann  wir  all- 
wegen  denselben  Blatz  innhielten,  beschah  aber  nit.  In  solichem,  alls 
sich  ain  yetlicher  berayten  was  nach  dem  Besten  in  Im  erkhannt,  was 
man  sehen  außgonn  zw  Rodis  ordenlichen  nach  einannder  ain  galeen 
mit  ettlichen  predegtinen,  darzw  das  gros  schif  (ain  Haus  darinn  ze 
sehen,  sein  Beschlus  vnnd  Zugerüst).  Dennoch  volgten  bey  Newn 
segel,  auch  gros  schif,  vnnd  alls  sy  heraus  auf  die  weyte  kamen,  war- 
den  sy  gesehen  vnnd  geacht,  als  sy  auch  waren,  ain  zimlich  omaten, 
vnnd  alls  dis  gesehen,  Empfiengen  wir  gros  freud,  dann  sy  ain  pre- 
degtin^  zw  vnns  schickhten,  von  dem  wir  alle  Bescheid  verstunden, 
was  dise  segel,  so  wider  vnns  weren,  für  leut,  vnnd  was  sy  gehandelt 
betten.  Diser  ward  geschickht  zw  dem  Durchleichtigsten  Fürsten, 
Hertzog  Ottheinrichn  in  Bayrn,  pfalntzgraf  am  Reyn,  ob  sein  fürstlich 
gnad  vermaint  wider  zw  keren  gein  Rodis,  das  sy  In  selten  emphaen 
vnnd  dahin  Anntworten.  Das  da  sein  fürstlich  gnad  nit  thun  wolt, 
sonders  saui*  vnnd  sues  mit  den  Bilgern  empfahen,  vnnd  was  der 
Almechtig  got  seinthalben  geordnet  het     Also  was  vnns  das  gedacht 


1)  grippo,  eine  schifsart.  2)  fusta,  ital.  kaperschiff. 

3)  Ottheinrich  390:  Reinhard  v.  N.  4)  brigantino,  schifsart 


BEBIGHT   ÜBER   EINE  JERÜSALEMFAHBT  205 

Predegtin  etwan  ferr  dess  wegs  durch  die  Bonatza  ziehen,  darum  der 
patron  In  ain  Baryllen  . .  .*  schencken  was,  die  gar  bald  gelert  ward.  Die 
feind  aber  erschrackhen  von  diseni,  deßhalben  sy  eylennds  zw  Kuckh 
zügend  in  Ir  gewarsam,  betten  aber  vor  vnnd  ehe  die  vorgedachten 
Grippen  vnnd  Galeen  gewonnen,  vnnd  alls  darauf  ertödet,  vnd  gefan- 
gen, was  sy  funden,  bey  dreyssig  personen,  allain  ain  Patron,  der 
übel  wund  war,  alls  er  auch  zuletzst  abscheid,  der  seelen  got  barm- 
hertzig  sey.  Drey  Jung  beten  sich  in  den  sand  vergraben,  sind  auch 
daruon  komen,  vnnd  alls  die  feind  sahen  die  enntschüttung  so  nahend, 
haben  sy  verlassen  die  genannten  Grippen  vnd  Galleen,  die  darnach 
gein  Rodis  wider  gefuert  wurden,  etlichen  vnnd  der  grossen  segeln 
manngeln.  Auf  die  vesper  Zeit  kerten  die  gedachten  schif  von  Rodis 
widerumb,  zw  denen  wir  dann  in  miten,  dann  zuletzst,  dann  zw  for- 
derst, so  widerig  was  der  wind,  komen  waren.  Vnnd  alls  sy  wider 
zw  Haus  kerten,  ward  der  von  Neuneckh  mitsarabt  dem  Patron  ge- 
schickht  in  das  gros  schif,  zu  berayten,  ob  wir  vnnsers  wegs  faren 
möchten,  vnnd  alls  sy  wider  kamen,  brachten  sy  in  anntwort.  Wo  nit 
ain  grosser  Wind  kem,  der  mit  vnns  gieng,  selten  wir  es  nit  vnnder- 
ston.  Damach  ward  an  sie  begert,  ob  sy  vnns  nit  beleyten  könndten, 
Anntworten  sie,  weren  nit  versorgt  mit  speis.  Daenntzwischen  stiend 
vnns  an  gar  ain  schwer  hert  weter  mit  schleg,  Regen  vnd  seltzamen 
winden,  die  sich  von  augenblickh  vnnd  stund  verwanndleten ,  daraus 
sich  nyemandt  verston  könnt.  Es  waren  bey  Fünfzehen  segel  bey  ein- 
ander, den  auch  ain  vnfal  begegnet  von  starckhem  wind,  alls  die  fru- 
men  Ryter  vom  schif  stigen,  ertrannckhen  zwen^  vnnd  sonnst  ainer, 
got  tröst  der  seel.  Da  betten  etlich  Bonatza,  etlich  wider  wind,  etlich 
fort  wind.  Darumb  fuoren  die  von  dem  grossen  schif  in  das  port,  die 
anndem  mußten  aber  fürfaren,  das  kains  zw  anparckh  komen  möcht. 
Ditz  weter  werdt  bis  auf  die  nacht.  Also  lies  man  die  segel  nyder, 
vnnd  schwebten  die  nacht  vor  Rodis  über.  Dess  morgens  het  vnns 
der  wind  aber  weyt  getriben  von  der  stat,  also  das  wir  bis  zw  Anbiss 
nit  wider  dar  ze  komen  möchten.  Dess  fünfvnndzwaintzigisten  tags 
vnnd  alls  es  sich  so  lanng  verzog,  man  meniclich  den  Anbis  in  dem 
schif.  Damach  kam  aber  gar  ain  grosser  Regen,  der  vnns  verhinndert, 
biß  auf  die  vesper  abzusteigen,  vnnd  alls  etlich  wider  zw  Herberg 
empfangen,  ward  sich  ain  freud  mit  genügster  Dannckhsagung,  got  dem 
alm echtigen,   erhebt,   ains  tails  der  Bilger  aus  so  ainor  grossen  sorg- 

1)  Lücke;  ein  barillo  hält  jezt  c.  20  flaschen. 

2)  Ottheinricli  390. 


206  BÖHBICHT 

liehen  gefer  erlöst  sind,  annderstails  deren  sy  emphahen  waren,  die 
auch  sagten,  gar  trewlich  für  vns  gebeten  haben,  dann  sy  vermein- 
ten, weren  durch  fort  wind  den  Hennden  vnnser  feind  zu  tail  wor- 
den. — 

Item  auf  den  sechsvnnzwaintzigisten  tag  ward  aber  zw  Kodis  ein 
grippen  eingefürt,  daraus  all  beraitschafft  vnnd  leut  genomen  vnnd 
ertödt  waren,  ain  schwer  hert  sach  zu  uememen.  Also  die  Cristen 
von  den  vngleubigen  Hunden  durchächtet ^  werden,  aber  vmb  der  sünd 
willen  synd  wir  vnnderwürfiFlich,  vil  leut  an  disem  was  Ich  gewe- 
sen bey  vnnser  lieben  frawen  zw  fillerma^,  da  gesehen  fürwar  ain 
schön  an  dacht  Ditz  ligt  auf  ainem  Hohen  Berg,  ain  teutschen  meyl 
von  Eodis.  Die  zart  Jimckhfraw  ward  für  vnns  Ir  liebs  kind  bit- 
ten mit^  ...  — 

Item  den  sybenvnndzwaintzigisten,  den  Achtvndzwaintzigisten, 
mit  sampt  dem  Neunvnndzwaintzigisten  tag  lagen  wir  styll  zu  Eodis 
in  grossem  vnnwillen  etlicher,  die  do  maynnten,  weren  wol  durch  die 
feind  koman,  was  aber  der  merertayl  darwider,  weiten  mer  verligeo 
vnnd  gelt  verzeren,  dan  sich  in  gefär  vnnd  sorglichait  leibs  vnd  guts 
geben,  dieweil  vnns  der  Almeehtig  ain  mal  so  genedig  versehen  vnnd 
erlöst  het,  das  sich  darnach  nit  gut  zu  wagen,  auch  sein  guetigkait 
zuuersuchen.  Herzwischen  enstunden  manicherlay  Ked  vnnd  Hannd- 
lung  vnnser  Hinfart,  dann  wolt  man  auf  Conserua*  warten  vnnd  sollt 
es  sich  ain  Monat  zwen  verziehen,  dann  wolt  man  den  gros  Maister 
biten  lassen,  vnns  im  Beschirm  zu  belayten.  Daruon  auch  annstund 
ain  taylt  Red,  etlich  vermainten,  nayn,  ob  sy  vnns  schon  geleyten,  wer 
In  dann  herwider  hülf,  dann  die  wind  gar  zu  starckh  weren,  die  sich 
erzaigten  mit  zwen  vnndzwaintzig  Segeln,  etlich  sagten.  Ja,  man  würd 
vnns  sterckhung  geben  mit  drey  galleen,  vnnd  dem  grossen  schif,  wan 
maus  zurüsten  lies,  es  möcht  aber  noch  niemand  wissen  fürwar,  auch 
wann  vnnser  Hinfart  sich  schicken  solt.  Herzwischen  kamen  manicher- 
lay schif  zw  Rodis  an,  auß  Ponent,  vnd  Leuant^,  die  mancher  hannd 
newer  meer  sagten,  dauon  wii-  auch  dester  begiriger  wurden  hinzw- 
faren.  Deßhalben  mer  betruebt,  die  Zeit  also  zuuerligen,  vnnd  aber 
in  vnnsem  lannden  so  wunderbarlich  Sachen  verhanndelt  wurden. 
Item  in  disem,  alls  wir  also  still  lagen,  kam  ain  Rübschif  aus  Leuant 
auf  den  Achtvnndzwaintzigisten  tag  Septembris,  das  do  bracht  ain 
Grippen,  so  sie  gewannen  hetten,  darzw  einander...^  darauf  gewonnen 

1)  verfolgt.  2)  St.  Maria  de  Philermo.  3)  Lücke. 

4)  conserva,  hülfe.  5)  Ponente,  Levante  —  westen,  osten. 

6)  Lücke. 


BBBIOHT  ÜBER  EINE   JEBUSALSMFAHBT  207 

Neunvnndneuntzig  Moren  vnnd  Hayden,  darzw  annder  kaufmanschatz, 
alls  Leder  vnnd  Eeys,  weihe  ditz  weiten  gefuert  haben  in  Alexandria, 
vnnd  aber  sy  zw  Rodis  ausstunden ,  warden  sy  gemainklich  gefuert  füi* 
den  gros  Maister,  der  allwegen  von  zehen  ain  haben  ist,  die  anndern 
warden  verkauffi.  Wiewol  sy  mich  liederiich  leut  dünckhten  sein, 
werden  sie  doch  teur  hingegeben.  — 

Item  den  dreyssigisten  Septembris,  mit  dem  ersten  tag  Octobris 
ward  nichts  gehanndelt,  dann  das  furthin  weg  gesucht  ward  vnnser 
Hinfart,  auch  wie  man  vnns  gelayten  wolt,  dan  was  man  das  sagen, 
dann  ain  anders,  nit  wißt  Ich  der  vrsach,  dann  allain,  das  vmb  des 
Pfalntzgrauon  willen  die  Recht  warhait  nit  geoffembart  wart,  damit 
sein  gnad  dester  minder  verspeht.  Darzw  kamen  furthin  vil  newer 
Reden  von  vnnsem  Lannden,  die  den  Bilgern  angelegen.  Darumb 
begerten  gefordert.  — 

Item  alls  auf  den  anndern  tag  Octobris  warden  wir  bestimbt  zu 
schif,  auf  die  nacht,  do  nun  menigklichs  gerüst  stund,  solichs  zuuol- 
bringen,  was  angestannden  ain  fast  grosser  wind.  Wiewöl  Er  mit  vnns 
gewesen,  möcht  man  doch  gar  kümerlich  zw  dem  nauf  komen,  der  Naf 
weniger  auß  dem  Haffen  musten,  also  aber  gehindert  stond.  Ich  was 
aber  im  besten  mir  vermerckhen,  das  got  der  Almechtig  vnns  zw 
gutem  also  geschickht,  verlyben  also  den  driten  tag,  den  vierdten,  das 
man  on  vnderlas  hanndelt,  wie  zu  schiffen  wer,  vnns  hin  mögen  faren, 
vnnd  alls  man  aber  nichts  gewiß,  noch  enntlichs  sagen  was,  wie  wir 
gelaytet  sollten  werden,  oder  mit  galleen,  oder  mit  naflfen,  wurden  wir 
doch  zuletzst  beschayden  zu  schiff,  dess  vierten  tag  Octobris  gegen  der 
nacht  also  kamen  etlich,  die  anndern  verlyben  bis  morgens,  darunder 
gar  manicher  kümerlich  hernach  kam.  Da  entzwischen  was  ain  gryp- 
lin  ankörnen  von  Venedig,  das  vnnder  den  feynnden  gewesen,  dem 
sy  kain  laid  gethon,  sonnders  die  sie  auch  vor  gefanngenn  heten,  wie 
obstet  Bey  syben  wider  schickhten  sy  her  wider,  die  vrsach  erkhannt 
man  nit,  dann  das  sy  sagten,  der  Hauptman  Dürckhen  wer  nit  dess 
willens,  niemands  kain  layd  zu  thun.  Das  etlich  in  bösem  verston 
weiten,  villeicht  er  vnns  Bilger  darmit  raytzen,  allain  fürzufaren.  Vnnd 
also  gegen  tag  dess  fünften  Octobris  was  man  all  Anker  aufheben, 
<lann  sich  der  wind  ganntz  gestyllet.  Darnach  kamen  drew  galleen, 
die  vnns  auß  dem  Haffen  zogen,  ain  guten  weg  in  das  mör.  Do  stund 
Bonatza  an,  das  wir  also  schwebten,  in  dem  zogen  hernach  die  schiff 
vnnser  Gonserua,    ains  der  partzo\   auch  ain  Bilgei-schif,    darnach  die 

1)  Vgl.  oben  s.  194  anm.  3. 


208  RÖHSIÜHT 

Maryetten  genant,  gar  ain  gering  kriegsschif,  das  auch  manich  erlich 
stuckh  erlanngt,  mit  ainer  andern  naffen,  darzw  drew  galleen,  ain 
Predegtin,  darzw  etlich  Gripen,  also  das  vnns  bey  zehen  segel  wurde, 
auf  die  nacht  thet  sich  die  galleen  zw  vnnserm  schif ,  darumb  das  ditz 
den  fiirsten  füren  was,  machten  es  zw  Hauptman,  darumb  Er  die  lat- 
ternen  außstreckht,  das  dem  anndern  schif  dem  Barzotten  beschmahen 
was,  dann  es  vnnder  den  Meerleuten  vnnd  schiffen  gar  ain  gros  Eer 
zwgibt,  die  ainer  dem  anndern  gar  kaum  nachlast.  Also  namen  die 
galleen  das  Warzaichen  vnnd  allen  beschayd,  gesegneten  vnns  vnnd 
füren  etwas  auf  die  linckh  Hannd  weyt  von  vnns  hindan,  wann  wir 
dem  wind  nach  nahend  zw  der  Türckhen  lannd  faren  musten,  den 
wolte  zu  nemen,  so  vnns  aber  etwas  ankem,  solt  maus  In  bedeuten, 
mit  ainem  schuss  ward  verlassen.  — 

Item  in  der  nacht  stund  der  wind  ab,  do  wir  dess  morgens  auf 
erstunden,  waren  wir  dess  Wegs  nit  weyt  gefaren,  vnnd  alls  man  sich 
vmbsach,  was  vnnser  Conserua  nahend  bey  einander,  das  lustig  zu  sehen. 
In  dem  bliesen  die  galleen  Ir  trumeten  auf,  vnd  schanckhten  dem  für- 
sten  vnnd  den  Bilgern  ain  guten  tag,  vmbfueren  das  schif,  darnach 
eyllten  sy  dann  dem  Türckhischen  lannd  zw.  Inen  wasser  zu  fassn.  — 

Item  disen  sechsten  tag  weret  die  Bonatza  bis  zw  Anbis,  in  dem 
gesehen  ward  ain  weis  Ding,  sich  regen  vnnd  bewegen,  also  wie  es 
wais  Ich  nit,  ob  von  forcht  oder  sonnst  auß  vnerfarenhait  man  wölt 
sagen  fürwar,  es  wer  ain  fusten  von  den  feynden,  vnd  do  maus  wol 
ergründt,  was  ain  vogel,  der  zuletzst  hinflog,  alls  nach  mittag  kam 
ain  wind,  der  etwas  wider  vnns  was,  hierumb  man  lauieren  must 
Diser  wert  bis  zw  der  nacht,  das  wir  wenig  fürstreckhtn,  gegen 
aubend  kamen  aber  die  Galleen  vnnd  schannckhten  dem  durchleuchtigen 
fürsten  vnnd  den  Bilgern  abermals  ain  gut  nacht,  namen  warzaichen, 
alls  darzw  gehört,  vnnd  beliben  auf  der  seytten  hallten.  — 

Item  in  der  nacht  kam  ain  galleen  zw  warnen,  das  meniclich 
sich  versach  vnd  munder  wer,  dann  sy  besorgten,  die  feind  nit  weit 
von  dann  zuhalten,  die  sich  mit  ainer  Galleen  vnnd  fusten  sehen  bet- 
ten lassen.  Doch  begab  sich  anders  nichts  die  nacht,  dann  guts,  weder 
das  wir  ganntz  schwachen  wind  überkamen  gegen  tag,  des  Achtenden 
Octobris,  alls  wir  auch  am  selben  aus  dem  Canal  von  Bodis  schifften. 
Darnach  begunden  aber  die  galleen  vmbfarren  den  Naf,  mit  erscheiten 
trimieten,  gaben  dem  fürsten  aber  ain  guten  tag,  darnach  zogen  sy  die 
schif  ain  lannge  weil,  auf  den  Anbis  fuoren  sy  ...^  hinaus,  das  wirs  bis 

1)  Lücke. 


BEBICHT   ÜBER   UNS  JEBÜSALEMFAHBT  209 

in  die  nacht  nit  sahen,  alls  darnach  begunden  sy  wider  zw  komen, 
vnnd  brachten,  das  sy  erkhannt  betten,  die  Aromata^  der  türckhen 
hin  zu  sein  von  dem  alten  ort,  aber  wo  aus,  wissen  sy  nit,  vermain- 
ten  also  vnns  zu  lösen.  Also  was  maus  biten,  das  sy  mit  vnns  fuoren 
bis  morgens,  das  sie  guetlich  verwiligten.  — 

Item  dess  morgens  dess  Achtenden  tag  Octobris  waren  wir  der 
Innsel  genannt  Caua  Carpanton^  über,  der  Venediger,  ligt  Achtzig 
meyl  von  Rodis,  ain  klainen  schwachn  wind  haben,  alls  darnach  waren 
vns  die  galleen  gesegnen  mit  werten,  trumeten  vnnd  geschütz,  fuoren 
wider  in  Iren  Canal  zw,  da  sy  verhallten  weiten,  bis  morgens,  darumb, 
wann  vnns  etwas  ankem,  darin  wir  Ir  notturffi  betten,  selten  wir  es 
mit  ainem  schuss  bedeuten,  weiten  sy  vnns  zw  Hilf  faren.  Also  schie- 
den wir  von  einander,  belyben  bey  ein  das  annder  bilgor  schif,  fürwar 
nit  in  klainer  gefar  vnd  sorglichait,  daraus  vnns  der  allmechtig  got 
erlösen  wöll.  — 

Item  bis  zw  nacht  desselben  Achtenden  tags  Octobris  het  vnns 
der  winnd  so  weyt  getriben  in  das  meer,  das  vnns  der  Beschirm,  wie 
vorstat,  nit  het  mögen  hören,  vnnd  betten  wir  joch  alls  vnnser  geschütz 
enntschossen.  Hierumb  wir  allain  in  dem  schirm  der  Driualtigkait, 
der  wirdigen  Muter  vnnd  aller  lieben  Hayligen  stunden,  die  vnns  vor 
allem  übel  behüten  wasen,  alls  wir  teglich  beten  sind.  — 

Item  des  Neundten  tag  Octobris  zwo  stund  vor  tag  kam  vnns  gar 
ain  starckh  weender  wind,  der  mer  vnns  zu  hindern  anlag,  beschütz 
oder  mer  enntgegen  komen,  vnnd  darumb  auf  dem  Arcy  Pelago^  schif- 
fen wasen,  darin  gar  vil  Innsel  vnnd  felsen  sich  erzaigen  wasen,  wir 
etwas  in  vnsicherhait,  deren  ain  anzufaren.  Dieweil  es  sich  aber  dem 
tag  nahend,  möchten  wir  dester  bas  hindurch  komen,  vnnd  alls  der- 
selb  vnns  den  tag  bis  nahend  der  nacht  anlag  innweren  der  sterckhin 
mit  etwas  Regens  vnnd  bösem  lufFfc  vermischt,  was  das  schif  gröblich 
geappen*  vnnd  den  wellen  nach  auf  vnnd  nyder  gon.  Hierumb  etlich 
bilger  gar  hart  beschwert  warden  vnnd  Ich  insonnderhait,  wann  Ich 
mich  in  ainer  klainen  weil  wol  zehen  mal  vervnnwillet  vnnd  gespewt, 
das  Ich  doch  nit  vermaint,  dann  in  anndern  dergleichen  mit  nichts  zu 
schaffen  gab.  — 

Item  auf  die  nacht  stiend  an  ain  Bonatza,  sonnst  het  man  nit 
vil  dem  patron  weins  getrunckhen.  Die  weret  bis  gegen  tag  des  zehen- 
den Octobris,   vnnd   alls   darnach   was  aber   sich  begeben  ein  bleyin^ 

1)  Armada.  2)  Karpatho.  3)  Arcipelago. 

4)  schwanken.  5)  schweres. 

ZSaaCBBSn  7.  DBUTSCHB  PHILOLOaiB.      BD.  XXV.  1"^ 


210  RÖHRICHT 

weter  mit  gemüstem  wind,  das  auf  den  Mittag  zu  besorgen  was  vnge- 
stümigkait,  hierumb  trewlich  aufsehen  Ines,  darunder  sich  gros  geschrey 
verluffen,  Hessen  die  segel  nyder,  kam  ain  starckher  wind  mit  ainem 
Regen,  der  bald  erlag.  Der  Wind  aber  ward  auf  die  nacht  schwer 
vnnd  gros,  also  das  derselb  gar  vnstümigkUch  ween  vnnd  blasen  was, 
hierumb  das  schif  sich  in  stettetn  krachen  grewlich  beweget  dieselb 
gannz  nacht.  Vnnd  dieweil  Er  vnns  gantz  wider  erzaigt,  het  man  all 
segel  eingefaßt,  allain  den  trinckhget  nit,  mit  demselben,  gegen  tag 
dess  Aylften,  wasen  wir  weit  auß  dem  Rechten  weg  getriben  zw 
etlichen  Inseln,  die  wir  sunst  fürgefaren  waren,  vnerkhant.  Also  da 
ist  Fanapia,  Parys,  Anteparys,  Syffanno,  Millo,  Niyo,  Sannt  Turrynno, 
Anaffi^  Dise  ligen  all  nahend  bey  einander  im  vmbkreis,  mit  vil 
anndern,  da  kaine  leut  inenwonen.  In  disem  was  man  vns  sagen,  vil 
schöner  weyber  wonen,  darzw  etlich  mit  guten  starckhen  schlossern 
bewart  sein,  das  sy  von  den  türckhen  kain  sorg  haben.  Disen  In  wo- 
nenden wachst  auch  zw  notturfft,  was  sy  bedörffen.  — 

Item  alls  dess  Aylften  Octobris  der  starckh  wider  wind,  in  dem 
wir  manchen 2  vnsicherlich  vnnderworffen,  stettigs  anlag,  bereyt  sich 
der  Patron  in  der  Innsel  Nyo  anzufaren,  dahin  wir  zw  Ruckh  guten 
wind  betten,  vnnd  alls  man  auff  Mittag  nahend  dahin  komen,  das  der 
Haff  mit  ainem  schlos  auf  ainer  Höchyn  ligen  gesehen  ward,  kert  man 
widerumb  dess  wegs,  alls  wir  darkomen,  der  vrsach  wais  Ich  nit, 
dann  das  man  sagt,  der  wind,  der  sich  ain  klain  geendet,  weit  vnns 
nit  zu  lannd  keren  lassen,  vnd  alls  wir  darnach  hin  vnnd  her  getri- 
ben warden,  von  ennderung  der  lüfPten,  ward  gegen  aubendt  gesehen 
daher  komen,  von  fen^en  aus  lauent,  ain  grosser  segel  ains  mechtigen 
schifs  oder  Naf,  das  in  allen  segeln  wind  haben,  gegen  vnns  schiffen 
pflag,  vnnd  als  man  fragen  was,  sagt  man  vnns,  wer  ain  Venediger 
oder  ain 2  Darnach  nam  yederman  das  nachtmal,  in  dem  das  gedacht 
schif  nahend  auf  vnns  komen.  Hierumb  enntstunden  vil  getail  Reden, 
ain  yetlicher  vermaints  beym  besten  zw  erkhennen,  ainer  schribs  dem 
zw,  der  ander  disem,  der  drit  vnnserm  patron,  so  vnns  füren  was' 
glückh,  als  thetten  sy  es  on  all  Mittel  erkhennen,  deßhalben  nit  sorg 
was.  Dieweil  aber  das  komen  schif  sein  Banner  außgestreckht,  thett 
man  das  vnnser  auch  lassen  fliegen  on  ainige  Arckhgewon,  vnnd  alls 
ditz  nahend  zw  vnns  komen,  sanckht  es  sein  trinckhet  de  geba^,  auß 
dem  ennstund,   das  maus  für  ain  Cursor  vnnd  Raubschif  achten  thet 

1)  Kunupia  (?),  Faros,  Antiparos,  Sipheno,  Milo,  Nio,  Santorin,  Anaphi. 

2)  und  3)  Lücke. 

4)  tiinchetta  da  geba  (gabbia),  besansegel  am  mastkorbe. 


BEBIGHT  ÜBER  EINE  JERITSALElfFAHRT  211 

Ward  in  forcht  geschryeu,  meniciichs  gerüst  sein,  vnnd  insonnders  die 
Bücbsse,  die  do  gar  klain  zw  wer  stunden,  alls  Ich  mich  verston. 
Darzw  bedaucht  mich  auch,  wo  es  so  bös  gewesen,  das  in  feindschafift 
wider  vnns  hett  wöUn  fümemen,  weren  wir  wol  zw  grund  geschossen, 
getrenckht  gewesen,  oder  vnns  ergeben  müssen,  ob  wir  die  zw  wer 
heten  mögen  erlanngen,  so  nah  beten  wirs  lassen  faren.  Dieweil  aber 
der  herr  der  best  vnnd  höchst  hüter  ist,  der  die  seinen  versieht,  in  die 
hennd  der  feind  nit  zw  kommen,  ward  bald  erkhennt,  dise  Cristen  zu 
sein,  vnnd  nit  Rauber.  Hierumb  wir  der  sorg  halb  bald  erlöst  war- 
den,  wo  es  aber  not  het  thon,  wer  es  glückh  gewesen.  Hierumb  der 
sprach  Dauids  war  bleybt.  Es  sey  den  das  der  herr  behüt  die  stat, 
so  wachen  vergebens  die  Wächter,  die  sie  behüten  wölln^.  Darnach 
ward  mit  geschrey  bedeut  zw  einander,  das  wir  ain  bilger  schif  zu 
erst  vnnd  sy  ain  karan^,  oder  ain  gros  Naf  von  Genua,  in  süryenn 
faren  b^rt,  vnnd  alls  wirs  erfragten,  was  newes  wer,  anntwurten  sy 
nichs  sonnders.  Darauf  wir  Inen  anzaigten  die  Armata  der  Türckhen, 
so  wir  in  dem  Canal  zw  ßodis  funden  heten,  das  sy  sich  darnach 
wissten  dester  gewarsamlich  zu  halten,  gesegneten  darnach  aller  ainan- 
der  mit  geschrey  vnnd  geschütz,  da  vnnsers  gar  kaum  hernachckam, 
man  kont  nit  lanng  verharren  vnnd  zuhalten,  sie  heten  starcken  fort 
wind  oder  In  pupa^,  heten  wir  wider  wind,  der  vnns  die  ganntze 
nacht  hindert,  das  wir  die  gedachten  Innseln  stets  nahend  zw  band 
heten,  vmb  die  wir  gar  nahend  drew  necht  gefaren  waren.  — 

Item  dess  zwelflten  tags  Octobris  des  morgens  bekam  ain  finster 
weter  mit  ainem  kurtz  werenden  Regen,  das  braht  vnnd  gab  vnns  Hal- 
ben wind,  wol  etwas  zu  starckh,  doch  wasen  wir  mit  demselben  für 
gut  haben,  allain  Besorgen  stiend  bald  ab,  der  do  wert  bis  auf  die 
nacht  mit  aller  sterckhy,  in  welher  wir  darnach  wind  in  pupa  haben 
wasen,  herumb  wir  dess  wegs  fast  gefürdert,  man  sagt  vnns,  das  wir 
ainer  stund  bey  zwelf  vnnd  mer  meylen  fürschlugen  mit  schiffen,  das 
war  tag  vnnd  nacht  zway  Hundert  vnnd  Achtvnndachtzig  meyl.  In 
derselben  Zeit,  bis  auf  mitnacht,  was  man  fürgezogen  das  tür(ikhen 
lannd  vnnd  Eckh  (genennt  Cana  lyon)^  ain  gros  gebürg,  da  zw  gegen 
wir  auch  auß  dem  Arcy  Pelago  schifften,  wölhes  bey^  Innseln  be- 
schleust in  vmbkreis,  darzw  die  Iiinsel  Cyrigo  Cyzerigo,  alls  bey  drew 

1)  Psalm  127,  1. 

2)  caraca,  arab.  chai'äka,  transpoi-tschiff  (Ottlieinricli  387;  vgl.  Wochonblatt 
der  Johanniterballey  Brandenburg  1869,  nr.  7;  Conrady  195). 

3)  poppa  ital.  schifshintoi-tcil. 

4)  Höchst  wahi-scheinlicb  Cap  Malia  (Caput  Angeli.).  5)  Lücke. 

14* 


212  BÖHKICHT 

stunden  gegen  tag,  ward  der  wind  so  starckh,  das  man  den  segel 
nydem  must,  vnd  in  ain  vach  oder  paner  abnemen,  nicht  destermin- 
der  warden  wir  großlich  fürgetriben,  darynn  wir  gegen  tag  des  drew- 
zehenden  Octobris  dem  lannd  Morea  vberlanngten,  da  zuuor  ain  gegen 
vnns  gezaigt  ward  ain^  vnnd  port  haben,  do  nichts  dann  Cristen  grecy 
wonen  sind.  Daselbst  sollen  vnnd  diser  Zeit  im  mitten  des  Octobris 
so  gros  vnd  vil  mennge  der  Wachteln  komen  vnd  niderlond,  das  wun- 
dersam daruon  zu  sagen,  auch  von  derselben  feyste,  alls  weren  die 
mit  speckh  vberzogen,  sind  die  Innwoner  mit  schlechter  kunst  fahen, 
tödten,  vnnd  zusamen  bringen  ain  y etlicher  die  jhenen,  so  Er  auf  sei- 
nem ertrich  ergreyfft  vnnd  haben  mag,  die  sie  darnach  einsaltzen, 
hinwegg  schicken  zuuerkauffen.  Ditz  gegne  vnnd  lanndtschafft  würt 
genennt  Mania^.  Item,  alls  sich  mit  der  Zeit  vil  vnnd  mancherlai 
begibt,  das  in  etlichen  zw  gutem  bedacht,  in  annderm  auf  all  bös 
Argkhwon,  weg  vnnd  Nachtail  außgelegt  vnnd  gezogen  wirt.  Also 
waren  auch  etlich  in  vnnser  Versamblung,  den  nit  recht  lag,  hieng 
noch  gieng,  wie  mans  doch  anfahen  was,  es  war  mit  faren,  still  ligen, 
wind  haben,  oder  Bonatza,  auch  so  etwan  ain  sayl  oder  annders,  wie 
sich  dann  begibt  in  ainem  solichen  Bruch,  brechen  begundt,  vermain- 
ten,  ditz  sollt  versehen  sein,  wo  Ordnung  stiend,  den  doch  (alls  Ich 
glaub)  nit  nach  willen  kombt,  alles  was  sy  zw  walten  haben,  daheym 
in  Iren  Heusem,  das  sy  auch  nit  enndem  wissen,  wie  wee  es  Inen 
thut.  Doch  laß  mans  sein,  ain  Argkh wenig  Red  gibt  anzaigung  ains 
bekümerten  gemüts,  ains  neydigen  hertzen,  wem  ist  es  aber  schedlicher 
dann  Im  selbs.  — 

Item  alls  wir  disen  wind,  nach  Bescherung  dess  Almechtigen, 
furthin  den  drewzehenden  tag  haben  wasen,  theten  wir  vnns  dess  gar 
gros  erheben,  machten  aber  vnnser  Rechnung  an  den  Wirt,  der  wolt 
in  sechs  tagen,  der  annder  in  Acht  tagen  gein  Venedig  komen.  Darzw 
meinten  Wür,  vnnserer  mitgesellen,  den  Barzottenn  nymer  zu  beyten. 
In  disem  stund  an  ain  Bonatza  auf  den  Mittag,  der  wert  bis  zu  nacht, 
das  wir  also  zwischen  Koron^  vnd  dem  felsen,  Sapientia^  genannt, 
darauf  man  über  das  weyt  mer  sieht,  haben  wasen.  — 

Item  auf  die  nacht  dess  drewzehenden  Octobris  stiend  an  ain 
klainer  schwacher  lufFt,  der  vnns  treyben  was  nit  sterckher,  dann  das 
wir  dess  morgens  am  vierzehenden  Octobris  gerichtig  der  stat  Modun^ 
über  raichten,  da  wir  aber  nit  in  klainer  gewagnus  wonnten,  dann  wir 

1)  Lücke.  2)  Maina.  3)  Koron  im  gleichnamigen  golfe. 

4)  Sapienza  westlich  davon.  5)  Modon  nördlich  von  Sapienza. 


BERICHT   ÜBRR  BINB  JEUUSALEMFAHHT  213 

den  feinden  ganntz  in  gesiebt  vnd  äugen  halten  musten,  vmb  willen 
das  der  wind  so  schwach  ween  thet  Der  wert  nach  Imbis  mitsampt 
der  nacht,  vnd  den  fünfzehenden  tag  Octobris  bis  zw  non  Zeit,  darinn 
wir  auch  vnnder  weylen  lanng  Bonatza  haben  wasen,  möchten  also 
vnnserm  Begem  nit  Ersettigung  erlanngen,  ab  dem  weg  zw  komen, 
Schwebten  in  solichem  dem  gepürg  Morea  genannt,  über,  das  wir 
etlicher  nacht  vnd  tag  nit  zwelf  meyl  fürstrackhten.  — 

Item  dess  sechzehenden  Octobris  angeend  dem  tag  kamen  vnns 
nahend  ain  klain  NafF,  genant  Carauela^,  die  durch  ain  schuss  zw 
vnns  ze  komen  beruefft  ward,  demselben  sie  von  stund  gehorsameten, 
Iren  außgelassen  Barckhen  zw  vnns  schicken  wasen.  Von  dem  wir, 
wann  es  kam,  anntwurt,  auß  Neapoly  de  ßomania^,  vnnd  wohin  es 
wolt,  gein  Venedig,  erfragten.  Darbey  was  vnns^  wie  derTürckh  von 
den  Vngern  emyder  gelegen  vnnd  erschlagen  wer,  vnnd  der  gros 
türckh  in  aigner  person*.  Dis  kam  zwen  tag  nach  vnns  von  Alzant^, 
darab  Wir  in  sonder  (nit  vnbillich)  freud  emphahen  wasen.  Gegen 
der  nacht  stiend  vnns  an  ain  solich  still  Bonatza  (alls  wir  der  Rays 
nie  gehebt)  — 

Item  dess  morgens  am  sybenzehenden  Octobris,  alls  wir  der  Inn- 
sel  Alzannts  nit  weyt  von  lanngten,  stiend  an  ain  Wind,  etwas  widerig 
weend,  der  vnns  zw  Besitz  treyben  was  auf  ainer  klainen  Innseln 
genannt  Stribali^,  da  etlich  frum  Ainsidel  wonen  sind,  in  sondern  gna- 
den gots  bewart  vnd  beschirmt  Als  das  wir  nahend  sehen  wasen, 
schifiEten  also  den  tag  vnd  die  nacht  vmb  die  gedacht  Insel  Alzant, 
das  wir  lufFts  halben  nit  zw  port  komen  möchten.  In  disem  ward  die 
Caruela,  wie  vorsteet,  so  komen  was  von  Neapolis  de  Romania,  von 
widrigem  wind  so  weyt  zw  Rückh  geworfifen,  das  dieselb  darnach  zwen 
tag  auf  vnns  zw  Alzanti  ankamen,  Vrsach,  das  die  leichten  schiff  dem 
wind  nit  wider  ze  stond,  geladen  sind.  — 

Item  des  Achtzehenden  zwu  stund  vor  tag  kamen  wir  bey  der 
gedachten  Insel  Alzanti  zw  anker.  Alßbald  ain  grypen  zw  vnns  komen 
was,  von  dem  wir  erfragten,  was  newes  gesagt  wurd,  also  enntstunden 
wir  ganntz  das  widerspil  dess  türckhen  halben,  dauon  (alls  zu  glau- 
ben ist)  ain  yetlich  hertz  sich  betrübt,  ward  gesagt,  wiewol  der  Türckh 
große  menge  seins  volckhs  verloren,  vnnd  Im  erschlagen  weren  bey 
fünfzigtausend  man,  het  er  doch  den  Vngern  abennthalten  vnnd  abge- 
wonnen ain  schön  stat,  geheyssen  Belgrad,  vnd  andere  Schlösser,  darynn 

1)  caravelle,  kleiner  schnelsegler.  2)  Napoli  di  Romania  oder  Nauplia. 

3)  Lücke.  4)  Belgrad  ward  am  29.  aug.  1521  durch  Soliman  U.  erobert. 

5)  Zante.  6)  Strivali-iuseln  südlich  von  Zante. 


214  BÖHBICHT 

vnglaublich  wüterey  gebraucht,  das  got  dem  herren  geklagt,  vnns  Cri- 
sten  also  leben,  das  sein  Barmhertzigkait  bewennt,  die  Buten  aus- 
streckht,  sein  feind  mit  seinen  freunden  strafifen  ist  Disen  tag  verliben 
wir  daselben  mit  dem  Neunzehenden  vnnd  zwaintzigisten  tag.  Also 
ward  eylends  geboten,  das  man  speis  zufürt,  ward  von  stund  an  so 
ain  große  wölflin  der  Hüner,  vnd  was  man  bedorfft,  das,  wo  man  zw 
Rodis  etwas  vmb  ain  gellt  kauffen  must,  möcht  man  herynn  drewmal 
alls  vil  haben.  Hierumb  wir  gar  mit  Ringem  kosten  daselbst  wonn- 
ten.  Es  kauffien  auch  die  bilger  vnnd  schifleut  gar  vil  guts  von 
essender  speis,  als  Hüner,  Ayer,  Brot,  Cittrunen,  öpfel,  vnnd  guten 
Wein,  die  auch  etlich  versuchten,  gleich  wie  im  Hinnein  faren,  das 
sy  nit  auf  den  füeßen  gston  könnten.  Auß  disem  man  mercken 
mag,  die  vilgedacht  Innsel  gar  Reichlich,  mit  aller  narung  begäbet 
sein.  — 

Item  des  Neunzehenden  tag  Octobris,  hat  der  Durchleuchtig  fürst, 
mein  genediger  herr,  ainen  türcken  zw  Cristen  helfen  beuestigen,  der 
geheyssen  ward  Otto^,  nach  seinen  fürstlichen  gnaden,  dem  sein  gnad 
schanckh  zehen  krönen.  Item  desselben  tags  kamen  etlich  frantzosen 
zw  mir,  sagten  warlich  verstannden  haben,  dess  künigs  von  franckh- 
reichs  Zug  solt  dem  Bapst  sein  beer  belaydigt  haben  vnd  geschlagen, 
das  sy  doch  nit  wj^ssen  möchten,  darumb  wol  freud  umbsunst,  die 
bald  ain  ennd  het  Item,  als  wir  die  Zeit  verzogen,  wie  vorsteet, 
kamen  aus  allen  lannden  stetigs  Nafen,  Carauely,  galion  vnnd  grypen, 
darzw  zwu  Venediger  galleen,  die  gar  schön  zugerüst  stunden,  mit 
allem  Bedürffenden ,  die  von  Constantinopel  scliiflften,  darumb  vil  segel 
bey  einander  ankerten,  das  lustig  zu  sehen  was.  Es  ist  auch  dersel- 
ben Zeit  gewonlich,  das  alle  schif  zu  haus  komen,  vnd  sich  rüsten 
thund.  — 

Item  des  zwaintzigisten  Octobris  nach  Inbis  füren  wir  zu  schilT, 
darnach  ylends  daruon,  von  dem  wir  guten  wind  in  pupa  haben  waren, 
es  versumten  sich  etlich  Bilger,  den  Essen  lieber  was,  da  sy  darnach 
lanng  hernach  faren  musten,  etlich  gar  da  hynden  verlyben.  Was  aber 
nit  des  patrons  schuld,  dann  ers  zeitlich  gnug  die  Hinfart  bedeut  het, 
mit  dissem  guten  liifft  kamen  wir  bis  zw  ennd  der  Innsel.  Vnnd  als 
gegen  der  nacht  sich  nahet  vnd  was,  stund  an  ain  wynd  widerwertigs 
komend,  also  das  wir  der  nacht  nichts  fürfuren. 

Item  gegen  tag  dess  Ainvndzwaintzigisten  Octobris  verwand  sich 
derselb,  vnd  ward  mit  vnns  ain  guter  wind,   der  vnns  trayb  bis  nach 

1)  Ottheinrich  schweigt  davon. 


BERICHT  ÜBER  EINE  JEBÜSALEMFAUBI  215 

mittag,  für  die  Insel  Ceffolonia,  soll  gar  in  schön  vnnd  feyst  ertrich 
vnnd  Innwonung  erfunden  werden,  von  allem  was  man  bedarf,  darzw 
mit  starckhen  Bletzen  vnnd  schlossern  bewart,  deßhalben  die  Spanyer 
vnnd  Frantzosen  zw  Zeiten,  als  der  türckh  Modun  gewan,  erobert  Er 
dise  Innsel  auch  wider  abgewonnen,  den  die  Venediger  zu  schwach 
vnnd  zw  forchtsam  waren.  — 

Item  zw  Vesper  kamen  wir  dem  gebirg  der  türcken  über,  das 
man  nennet  Caua  de  Caty^,  ligt  Hundert  vnnd  zwaintzig  meyl  von 
Alzanti,  vnnd  als  wir  die  nacht  vnd  den  zwenvndzwaintzigisten  tag 
styllen  wind  haben  wassen,  warden  wir  gegen  der  nacht  getryben  bis 
auf  die  Insel  Corfifo,  von  der  man  sagt,  gar  mit  ringstem  kosten  vnnd 
wol  gelebt  mög  werden,  von  allem  was  man  begem  ist.  Die  auch  mit 
zwayen  schlossern  im  meer  ligen,  mit  starckhen  meuren  vmbgeben, 
bewart,  darvmb  manich  hüpsch  Haus  vnnd  wonung  stond.  Bey  diser 
hinab  warden  wir  getryben  den  tag  auf  die  nacht,  stuend  an  ain  Wind, 
der  vnns  des  wegs  nichts  für  tryb,  sonder,  als  zw  besitz  hinaus  faren 
wasen,  begab  sich  das  wir  dess  morgens  am  drewvndzwaintzigisten 
tag  wider  an  dem  ort  vnns  befanden,  als  wir  dess  morgens  daruor 
gestanden  wasen.  Vnd  dieweil  derselb  den  tag  weren  begund,  darzw 
auf  die  nacht  sich  sterckht,  waren  wir  größlich  gehynndert.  Diser 
weret  die  nacht,  vnnd  den  vierundzwaintzigsten  tag,  das  wir  mer  hinn- 
der  sich  zugen,  dann  fürlanngten,  stetigs  bey  der  Insel  Corffo,  über 
nahend.  Der  weret  aber  die  nacht  bis  auf  den  fünfvndzwaintzigsten 
tag,  das  man  sich  aber  befannd,  nahend  bey  der  gedachten  Innsel 
Corfifo,  vmbschififend,  so  gantz  verdrüsslich  dess  widerwertigens  Winds, 
das  man  von  allem  geschray  vnnd  gesanng  gestannden  was,  so  gewart 
stund  den  weg  anzuzaigen,  vnd  als  man  vmb  Sext  Zeit,  nach  gewon- 
hait,  ain  vnconsecrierte  meß  hyelt,  lies  der  patron  durch  den  Nauteyr^ 
außschreyen,  das  man  ainen  Bilger  erwelen  wölt,  mit  ainem  opfer,  so 
dann  die  frumen  Bilger  herzwsteuren  würden,  denselben  schicken,  mit 
disem  zw  dem  lieben  Hayligen  sant  Niclaus  in  Parens^  vnns  vmb  die 
Barmhertzigkait  gots  erwerben,  ain  genedigen  wind  vnns  vnnsers  wegs 
treybende,  dann  wir  nun  in  vier  tagenn  vmb  disen  felsen  Corffo  getry- 
ben wurden,  vmbzufaren,  vnd  als  auf  ditz  ward  aufgesamelt  ain  opfer, 
darzw  der  pot  gestellt  Dieweil  aber  der  Herr  die  stimen  der  sünder 
nit  erhören  ist,  warden  wir  wieuor  den  tag  ennthalten,  vf  die  nacht 
stund  an  ain  Bonatza,   die  wert  bis  morgens  am  sechsvnndzwaintzigi- 

1)  Gap  Ducato  auf  der  südspitze  von  Santa  Maora. 

2)  nocchiere  ital.  Steuermann.  3)  Parenzo. 


216  BÖHBICHT 

sten  tag  Octobris,  das  wir  desselben  neher  bey  den  forderigen  enden 
stunden.  Wie  wir  nun  fünf  tag  geschwebt,  an  dem  erfuren  vnns 
nahend  drey  schiff,  die  zum  mynsten  zwen  tag  zw  Alzanti,  nach  ynns 
vom  lannd  gescheyden,  etlich  gros  vnleidlichait  entstunden,  vnd  ain 
segel  tryspitzig^,  den  man  nennet  fela  Deteya^,  darunder  ains  vnser 
mit  gesel,  was  der  anndem  Bilger,  das  ander  auch  ain  Venediger  schif, 
heyst  der  patron  Liccadegoba^,  der  in  Cipem  kürtzlich  bey  zwayen 
tagen  daruor  hingefaren  was.  Als  wir  von  Jaffat  wider  in  Cipem 
lanngten,  diser  darzwischen  in  Barut  lanng  gelegen,  sein  sachen  gestelt 
vnd  herwider  komen,  daraus  man  wol  nemen  thut,  in  disem  Jar  vnns 
Bilger  zw  Bezeit  von  Venedig  gescheiden  sein.  Als  dann  ward  man 
ingedenckh  der  Red,  so  zw  Alzanti  verlufFen,  von  etlichen  galyonen 
vnd  fusten  dess  Bapsts,  die  auf  die  Venediger  angryflFen  vnnd  raubten, 
Vrsach  dess  angehebten  kriegs  zwischen  einander.  Hierumb,  als  man 
ditz  schif  zw  vnns  schiffen  sach,  ward  ain  Red  mit  etlicher  forcht, 
dise  sind  die  obgenanten  vom  Bapst  gesandt  Rüber,  das  auch  ain  weil 
lanng  also  in  Zweiuel  belag,  doch  bald  entschossen.  Es  hetten  aber 
die  Venediger  vnd  etlich  Franzosen  nit  ain  klain  forcht  im  Buossen*, 
vnd  als  dis  auf  vesper  nahend  zw  vnns  komen  theten,  schickht  man 
vnnser  gundelin^  zw  in,  zu  erfragen  die  newen  mer,  die  in  antwort 
brachten,  sy  weren  von  dem  türcken  angewendt  worden,  doch  nichts 
layds  von  im  empfanngen,  darzw  es  wer  auch  vnns  von  dem  anndern 
Bilger  schiff  nit  not  gewessen,  Belaytung  mit  zu  fueren,  dann  sy  nit 
da  weren,  den  Venedigern  ainigen  schaden  zu  thun,  noch  zugefuegen, 
allain  das  sy  weiten  den  weg  vnd  mer  von  den  Meer  Räubern  frey 
halten,  heten  doch  annder  schiff  disen  in  äugen  nider  geleyt,  darumb 
wol  zu  besorgen,  wo  wir  In  zu  hannden  komen,  heten  müssen  bezaln. 
Item  auf  die  nacht,  alls  wir  noch  stetigs  bey  dem  gebürg  Zimem 
genannt,  vmblanngten  zw  ainer  selten,  die  felsen  vnnd  gebürg  zw 
Napels  zw  der  anndem  haben  wasen,  deßhalben  nahend  durch  den  golf 
komen,  wo  wir  etwas  Winds  mit  vnns  gehebt  hetten,  als  damach 
bekart  sich  ain  klain  der  lufft,  fieng  man  wider  an  zu  bedeuten  den 
weg,  der  wert  die  nacht  schwächlichen  ween,  bey  drew  stunden,  be- 
fandt  sich  wider  ain  Stillung  ains  Calmas  bis  gegen  tag  des  sybenvnd- 
zwaintzigisten  Octobris,  das  wir  nahend  beystunden.  Als  wir  nun 
bey  sechs  tagen  gefaren  wasen,  in  disem  enstund  ain  zimlicher  wind, 
den  wir  in  pupa   bezwanngen,   als  Er  vnns   nit  mynders  trost  vnnd 

1)  dreispitzig.  2)  Vela  di  tre. 

3)  Wird  sonst  nirgends  in  pilgerschriften  genant. 

4)  busen.  5)  gondel. 


BIBIOHT   ÜBKB  JONE  JSBÜSALEM7AHBT  217 

hofhung  erneweret,  als  Er  vnns  dess  wegs  fürtreyb,  allain  forchtende, 
denselben  nit  lanng  verlyben,  theten  wir  vnns  desselben  hoch  erfrewen, 
der  do  wert  den  tag  bis  zw  aubend,  vnnd  alls  Er  sich  stercken  ward, 
kamen  wir  den  felsen  genannt  ^  sichtbarlichen  zw  ainer  vnd  dem  Na- 
pulischen  Bürg,  do  dann  zuuor  ligt  die  stat  Otrant^,  zw  der  andern 
seyten,  auch  in  gesiebt  gerichtigs  über.  Alßdan  wir  auch  durch  den 
golf  geschifft  beten,  der  sich  bey  disem  verleurt,  vnnd  dieweil  ain 
finster  weter  ain  Regen  bedeuten,  ain  stund  darzw  starcken  wind,  das 
man  nit  wol  die  gelegenhaiten  darumb  sehen  was,  fuoren  wir  etwas 
in  grosser  vnsicherhait,  das  doch  nit  yeder  vermercken  was,  die  nacht 
mit  starckhem  Wind  in  pupa,  der  vnns  getryben  het  bey  vierzehen 
meyllen,  ainer  stund.  Item  des  morgens  am  Achtundzwaintzigisten 
Octobris,  alls  es  etwas  geregnet  vnnd  finster  was,  mocht  man  nit 
erkhennen,  vmb  was  gelegenhait  wir  vmb  schifften,  darumb  wir  stetigs 
in  gleicher  vnsicherhait  segleten  mit  vollem  wind,  vmb  die  Innseln, 
die  do  ligen  in  dem  meer  hin  vnd  her,  Meliga,  Langusta,  Pegulosa^, 
vmb  diß  die  Venediger  gar  manich  nachtaü  vnnd  schifbruch  erlidten, 
allermaist  in  nybligem  Weter,  alls  wir  beten.  Bey  disen  hinab  ligen 
annder  Insel  alls  Caza,  Cazoly,  Lissa*,  do  man  die  serdintin^  fahen 
ist,  sant  Andrea,  MeliseUa,  Cursula,  Turtura,  Lesena^,  gantz  reichlich, 
was  man  bedarf  vnd  insonders  der  vischen,  die  wir  all  zw  beeden 
seyten  verliessen,  vnnd  alls  es  ward  gegen  Aubend,  erschein  zum  tail 
ain  Heysterey^,  ward  man  die  Innseln  bescheidenlich  sehen,  darumb 
wir  gewarsamlicher  faren  theten.  In  disem  wasen  wir  auch  den  ste- 
ten Ranagusy  oder  Aragusy  vnnd  Catary®  vber  gerichtigs^.  Dis  Ara- 
g^y  ligt  auf  dess  türcken  lannd  in  etlichen  mechtigen  gebürg,  hat 
macht  vnnd  erweit  ain  ainigen  Hertzogen,  leben  auf  der  Venediger  art, 
geben  aber  dem  türcken  tribut,  sind  weyt  in  alle  lannd,  hanndeln  mit 
kaufmanschatz,  soll  daruon  den  Namen  haben  ßanagusa^^,  das  vor  Zei- 
ten ain  grosse  menge  der  frösche  daselbst  wonnten,  die  ßaini  in  welsch 
genennet  werden,  Catary  aber,  ein  stat,  ist  den  Venedigern  vnnder- 
tanig.  — 

Item  in  der  Nacht  bewand  sich  der  wind  etwas  wider  vnns  mit 
etlichen  schweren  Wetem,  der  keltin  vnnd  plitzgens.  Also  das  wir  nit 
mit   klainer   sorg  vmbgeben   die  Zeit   der  nacht  verzarten.     Vnd  alls 

1)  Lücke.  2)  Otranto.  3)  Meleda,  Lagosta,  Pelagosa. 

4)  Cazza,  Cajola,  Lissa.  5)  Sardinen. 

6)  S.  Andrea,  Mellisello,  Curzola,  Torcula,  Lesina.  7)  heiteres  wetter. 

8)  Ragusa,  Cattaro.  9)  grade  gegenüber. 

10)  Ein  unglücklicher  erklärungsversuch. 


218  BÖHHICIII 

dess  morgens  am  Newnundzwaintzigisten  Octobris  ward  derselb  sterckher 
wider  vnns  ween,  daromb  man  sich  behelffen  must,  hin  vnd  her  zw 
keren.  Alßdann  kamen  wir  zw  den  gedachten  Innseln,  wie  oben  ver- 
zaichnet  stai  Lyssa,  da  man  ^oß  menge  der  sardinilin  fahen  ist,  zw 
Aubend  nahend  zw  der  schönt  vnnd  Lhtbam  Inseln,  Lessena,  in 
der  vnnder  annderer  vberflüssigkait  gar  wunderlich  groß  vyle  der 
fischen  teglich  gefanngen  werden,  darzw  mit  zimücher  weytin  vmb- 
geben,  mit  vU  Arbaytsamer  Innwoner,  dis  zuuor  ain  starckh  schloss, 
mit  manichen  Heusem  darumb  ston  hat,  auf  welchs  wir  gar  nahend 
komen  wassen,  die  weil  ligt  in  schlaffonia  ^,  derselben  sprach  sy  auch 
reden.  Item  derselben  nacht  bekart  sich  der  winnd,  darynn  wir  größ- 
lich fürfuoren.  Also  das  wir  dess  morgens  am  dreyssigisten  tag  Octo- 
bris nahend  auf  die  Innsel  Clar^,  die  auch  mit  gewaltigen  pletzen  vnnd 
Lustparkait  beziert  Darumb  auch  an  disem  erzaigt  sich  gar  ain  schwer 
gros  wetter,  mit  starckhem  wind,  in  dickher  finsterhait,  dadurch  das 
mer  gröblich  erhebt  vnnd  wüten  ward,  vnd  darumb  man  besorgen  was, 
dasselb  zuzunemen  in  stercky,  daraus  dann  ain  fortun  oder  gewagnus 
enntston  möcht,  ließ  man  die  segelmaistar  genannt  fallen,  den  man 
bezwungen  hielt,  auf  ain  halbe  stund.  Vnnd  alls  aber  dasselb  sich 
zerteilt  in  Stillung,  Rieht  man  gar  bald  den  segel  wider  auf  den  wind 
zu  empfahen,  den  wir  in  pupa  haben  wasen.  Hierumb  wir  zw  Aubendt 
nahend  auf  die  Innseln  geheyssen  Ossera^  komen  warden,  darinn  gar 
lieblich  flaisch  allerlay  hannd  erzogen  wirt,  des  sich  die  Venediger  zum 
maisten  beneren  in  Ir  metzg*.  In  disem  ward  vnns  der  wind  gar 
genedigclichn  fürtreyben.  Also  das  wir  die  andern  schif,  der  sonst 
drew  bey  vnns  vmbschifFten,  fürfuoren,  auß  dem  wol  zu  nemen,  ain 
schiff  das  annder  überfert,  darnach  es  in  segeln  gerüst  stet,  wie  dann 
vnnsers,  der  Naf  Coressy,  auch  was  geordnet,  darumb  es  wol  zu 
beriefen.  — 

Item  ain  stund  in  die  nacht,  als  wir  etlichen  Schlünden  über 
waren,  nahend  bey  dem  gepürg  in  HSstria  zw  ainer,  vnd  dem  Pul- 
gischen  gebürg  zw  der  andern  selten,  enntstund  gar  ain  schwerer 
starcker  wind,  zw  beed  seit  komend,  vnd  alls  es  nacht  gar  vinster 
was,  waren  wir  nit  in  klainsten  sorgen,  darumb  man  die  segel  nieder 
liess,  die  man  mit  grosser  Arbait  bezwang,  vnd  alls  derselb  die  durch- 
geend  nacht  mit  grewlichem  wüten  anlag,  dorft  man  ditz  nit  wider  in 
höhe  aufrichten.    Deßhalben  des  morgens  am  tag  Nouembris  wir  nichtzig 

1)  Slavonieo.  2)  Clar.  3)  Orsera,  nördlich  von  Rovigno. 

4)  metzgerei,  fleischbank. 


BSBICHT   ÜBBB  EINE  JSBUSALEBfFAHRT  219 

des  wegß  fiirgeschlagen  wasen,  allain  wir  befannden  vnns  nahend  bey 
dem  gebürg  in  Histria,  da  sich  etlich  stetlin  sehen  Hessen,  als  Mede- 
lin^  vnnd  ander,  auf  den  mittag  gerichtigs  dem  flecken  Pola^  in  gesiebt, 
enntgegen  zw  Vesper  nahend  vnder  äugen  dess  stetlins  Rubina^,  darby 
sonst  ander  auch  vnder  äugen  lagen,  auf  lustigen  bürgen,  bis  gein 
Parentz*,  da  wir  hinkomen  auf  die  nacht,  fast  in  Vnnserm  weter,  das 
wir  der  gelegenhait  nichtzig  sehen  möchten.  Alßdann  etlich  zw  lannd 
fttoren  in  schiffen,  die  von  weytem  zw  vnns  kamen,  in  diser  nacht 
aber  gar  ain  hert  schwer  wetter  mit  grossem  Regen  vnd  hertem 
starckhem  wind,  als  wir  kaum  gehebt  betten  der  Reiß,  also  das  nahend 
niemants  was,  der  an  trucken  steten  verlyben  möcht.  Vnd  als  derselb 
so  vngestümigklich  wüten  was,  deßhalben  ain  Ancker  ließ,  hierumb 
wir  aber  nit  in  minsten  sorgen  stunden,  dann  man  maynen  was,  die 
andern  würden  auch  nit^  das  doch  in  gutem  vnnd  gnos^nen  ausschlug. 
Dess  moi^ens  am  ersten  Nouembris  vnd  aller  Haylgen  tag  kam  Ich 
zu  lannd  in  die  genannten  stat  Parentz,  die  zumal  in  lustigen  zim- 
lichen  höchyn  ainer  landtschaft  ligen  thut,  mit  vil  nutzbarn  Ölbäumen 
vmbgeben,  vnnd  sonst  von  allem  gowechs,  was  man  not  ist,  in  son- 
ders ain  Clösterlin,  darynn  zwen  münnich  wonen,  haist  sant  Niclaus, 
gar  in  ainer  lustigen  Zierdt  der  grünen  gärten  vnd  mancherlay  frucht- 
bam  Bömen,  darzw  nahend  ain  Insel.  Dis  stat  ist  nit  fast  suber 
wanndeln,  doch  mus  bedüncken,  faist  darynn  zu  wonen,  vnnd  lustig 
gesetzt  auf  ainem  ebnen  felsen.  In  disem  Parentz  was  ain  großer  teuf- 
stain,  darynn  Ich  wol  geschwumen  wolt  haben.  Hie  wurden  sich  die 
Bilger  zertailen,  auf  die  nacht,  der  auf  Ankonien,  der  auf  Tryest*, 
der  vf  Venedig,  nachdem  es  ainem  yetlichen  wolkem,  vnnd  als  den 
niemands  mer  noch  auf  den  patron,  noch  auf  mitbiiger  warten  waren, 
dann  gesellen,  enstund  der  nacht  ain  wylde  Zertaylung,  in  der  wir 
so  weyt  fürschlugen  dess  wegs,  das  wir  auf  mittag  zw  Humago^  aus- 
stunden. Darzwisehen  ligt  ain  stetlin,  haist  Cittanona^  In  disem 
Humago  verlyben  wir,  dem  weter  zu  erwarten,  das  sich  in  Regen  vnnd 
wyderigem  wind  den  gantzen  driten  tag  Nouembris  erzaigt.  In  der 
nacht  bewannt  sich  das  vngowiter  in  ain  schöne.  In  demselben  ma- 
niclichs  zw  schiff  zoch,  dahin  schied,  kamen  gegen  tag  dem  stetlin 
Tyran^  über,  da  wir  dann  aber  über  ain  klainen  golfen  faren  musten. 
Vnd  dieweil  vnnser  schiff lin  so  kl  ain,  waren  wir  etwes  in  sorgen,  der 
wir  guetigklichen   erlöst   wurden,   vnnd   alls  wir  zimlich  wind  haben 

.    1)  Medolin.  2)  Pola.  3)  Rovigno.  4)  Parenzo. 

5)  Lücke.  6)  Ancona,  Triest.  7)  Umago.  9)  Cittanova. 

9)  Firano. 


220  BINGER 

wasen,  füren  wir  die  steten  Grauw,  Aquilea^  da  ain  patriarchat,  Mar- 
ran,  Montfalchon  2,  ligen  an  dem  gebürg  Dadmatya,  oder  Fingul^.  Zw 
Imbis  kamen  wir  auf  ain  Insel  Canerly*  genannt,  da  vor  Zeiten  ain 
schön  stat  gelegen,  nun  aber  mer  dann  halb  von  meeres  vnstümigkait 
versunckhen,  wir  aßen  daselbst  zw  Imbis,  alles  gnugsam  was  man 
begeret,  in  leichter  Zerung,  das  mich  verwundert,  dann  diese  Innwo- 
ner  sich  nichtzig  begonnd  dann  Vischens  vnd  waydwerckhs  der  wyl- 
den  ennten,  vnnd  anders  geflügel,  eßen  nicht  desterminder  gar  gut 
weis  prot.  Von  disser  mag  man  faren  durch  ain  graben  zw  bösen 
Zeiten  oder  in  gutem  weter,  auf  dem  meer  gein  Venedig,  da  wir  hin- 
kamen von  den  genaden  gots,  mich  der  fart  in  huot  nun  verlassen, 
auf  den  fünfften  Nouembris,  damit  meinem  fürgenomen  gemuet  vnd 
lanng  verhartem  Begern  gnug  gethon,  vnd  erstattet,  in  hoffen,  in 
künflftigem  mir  zu  vil  gutem,  fürderung,  vnd  hernach  abbnich,  ze  myn- 
dern  mein  sündigs  leben,  das  mich  der  schopfer  aller  Ding  in  seinem 
willen  vnnd  gefallen  vnderziehe,  ze  volennden. 

BERLIN.  REINHOLD   RÖHRICnT. 


ÜBER  WIELANDS  ÖERON. 

Eine  litterargescbichtliche  Untersuchung. 

Bald  nachdem  mit  Goethes  und  Herders  ankunft  ein  neuer  a»^^- 
schwung  des  litterarischen  lebens  in  Weimar  begonnen  hatte,  erschi^^^^ 
im  Deutschen  Mercur  (1777,  1,  3  fg.)  Wielands  romantische  erzählunj 
Geron  der  Adelich  (umgearbeitet  in  der  gesamtausgabe  von  1794- 
1796  bd.  8).  Obwol  von  geringem  umfange  und  von  der  neuer^J^^ 
litteraturforschuug  bisher  unbilliger  weise  vernachlässigt,  verdient  di  ^3" 
ses  gedieht  dennoch  schon  wegen  dieses  Zeitpunktes  seines  erscheine*:^^ 
besondere  beachtung,  zumal  da  es  in  Inhalt  und  spräche  mehr  »-1^ 
irgend  ein  anderes  beweist,  wie  auch  Wieland  damals  von  der 
Wirkung  Goethes  und  Herders  nicht  unberührt  blieb  ^. 

Die  vorliegende  Studie^   berücksichtigt  in  erster  linie  diejenij 
eigentüralichkeiten  des  Geron,  welche  mit  den  gesichtspunkten  in  zusanci'' 

1)  Aquileja.  2)  Marone,  Moofalcone.  3)  Karst  4)  Gaorle. 

5)  Vgl.  Schorer,   Litgsch.  s.  515:    Geron  ist  Wielands   ernstestes   und  durc^ 
selbstverläugnung,   ruhigen  ton,   abwesenheit  der  manier,   eigentümliche  compositioi'» 
ästhetische  und  sitlicho  baltung  vielleicht  sein  volkommenstes  gedieht 

6)  Schon  febniar  1889  der  redaction  dieser  ztschr.  übersendet;   daher  konto 
noh  der  im  HI.  bd.  der  Vierteljahrsschrift  f.  d.  1.  (okt  1890)  enthaltene  aofsatz  von 

Rousshoff  nicht  berücksichtigt  worden. 


BESICHT  ÜBER  EINE  JEBÜSALEMFAUBT  215 

mittag,  für  die  Insel  Ceffolonia,  soll  gar  in  schön  vnnd  feyst  ertrich 
vnnd  Innwonung  erfunden  werden,  von  allem  was  man  bedarf,  darzw 
mit  starckhen  Bletzen  vnnd  schlossern  bewart,  deßhalben  die  Spanyer 
vnnd  Frantzosen  zw  Zeiten,  als  der  türckh  Modun  gewan,  erobert  Er 
dise  Innsel  auch  wider  abgewonnen,  den  die  Venediger  zu  schwach 
vnnd  zw  forchtsam  waren.  — 

Item  zw  Vesper  kamen  wir  dem  gebirg  der  türcken  über,    das 
man  nennet  Caua  de  Caty\   ligt  Hundert  vnnd  zwaintzig  meyl  von 
Alzanti,   vnnd  als  wir  die  nacht  vnd   den   zwenvndzwaintzigisten   tag 
styllen  wind  haben  wassen,   warden  wir  gegen  der  nacht  getryben  bis 
auf  die  Insel  CorfiFo,  von  der  man  sagt,  gar  mit  ringstem  kosten  vnnd 
wol  gelebt  mög  werden,  von  allem  was  man  begem  ist.     Die  auch  mit 
zwayen  schlossern  im  meer  ligen,   mit   starckhen   meuren   vmbgeben, 
bewart,  darvmb  manich  hüpsch  Haus  vnnd  wonung  stond.    Bey  diser 
hinab  warden  wir  getryben  den  tag  auf  die  nacht,  stuend  an  ain  Wind, 
der  vnns  des  wegs  nichts  für  tryb,  sonder,  als  zw  besitz  hinaus  faren 
wasen,   begab   sich   das  wir   dess  morgens   am   drewvndzwaintzigisten 
tag  wider  an  dem  ort  vnns  befanden,    als  wir  dess   morgens   daruor 
gestanden  wasen.     Vnd  dieweil  derselb  den  tag  weren  begund,   darzw 
auf  die  nacht   sich  sterckht,    waren   wir  größlich   gehynndert     Diser 
weret  die  nacht,  vnnd  den  vierundzwaintzigsten  tag,  das  wir  mer  hinn- 
der  sich  zugen,   dann  fürlanngten,   stetigs  bey  der  Insel  CorfFo,   über 
nahend.     Der  weret  aber  die  nacht  bis  auf  den  fünfvndzwaintzigsten 
tag,  das  man  sich   aber  befannd,   nahend   bey   der  gedachten   Innsel 
Corffü,  vmbschiffend,  so  gantz  verdrüsslich  dess  widerwertigens  Winds, 
das  man  von  allem  geschray  vnnd  gesanng  gestannden  was,  so  gewart 
stund  den  weg  anzuzaigen,  vnd  als  man  vmb  Sext  Zeit,  nach  gewon- 
hait,  ain  vnconsecrierte  meß  hyelt,  lies  der  patron  durch  den  Nauteyr^ 
außschreyen,  das  man  ainen  Bilger  erwelen  wölt,  mit  ainem  opfer,  so 
dann  die  fnimen  Bilger  herzwsteuren  würden,  denselben  schicken,  mit 
disem  zw  dem  lieben  Hayligen  sant  Niclaus  in  Parens^  vnns  vmb  die 
Barmhertzigkait  gots  erwerben,  ain  genedigen  wind  vnns  vnnsers  wegs 
treybende,  dann  wir  nun  in  vier  tagenn  vmb  disen  felsen  Corffo  getry- 
ben wurden,  vmbzufaren,  vnd  als  auf  ditz  ward  aufgesamelt  ain  opfer, 
darzw  der  pot  gestellt     Dieweil  aber  der  Herr  die  stimen  der  sünder 
nit  erhören  ist,   warden  wir  wieuor  den  tag  ennthalten,   vf  die  nacht 
stund  an  ain  Bonatza,   die  wert  bis  morgens  am  sechs vnndzwaintzigi- 

1)  Cap  Ducato  auf  der  südspitze  von  Santa  Maura. 

2)  nocchiere  ital.  Steuermann.  3)  Parenzo. 


220  8INQER 

wasen,  füren  wir  die  steten  Grauw,  Aquilea^  da  ain  patriarchat,  Mar- 
ran,  Montfalchon  2,  ligen  an  dem  gebürg  Dadmatya,  oder  Fingul^  Zw 
Imbis  kamen  wir  auf  ain  Insel  Canerly*  genannt,  da  vor  Zeiten  ain 
schön  stat  gelegen,  nun  aber  mer  dann  halb  von  meeres  vnstümigkait 
versunckhen,  wir  aßen  daselbst  zw  Imbis,  alles  gnugsam  was  man 
begeret,  in  leichter  Zerung,  das  mich  verwundert,  dann  diese  Innwo- 
ner  sich  nichtzig  begonnd  dann  Vischens  vnd  waydwerckhs  der  wyl- 
den  ennten,  vnnd  anders  geflügel,  eßen  nicht  desterminder  gar  gut 
weis  prot.  Von  disser  mag  man  faren  durch  ain  graben  zw  bösen 
Zeiten  oder  in  gutem  weter,  auf  dem  meer  gein  Venedig,  da  wir  hin- 
kamen von  den  genaden  gots,  mich  der  fart  in  huot  nun  verlassen, 
auf  den  fünflften  Nouembris,  damit  meinem  fürgenomen  gemuet  vnd 
lanng  verhartem  Begern  gnug  gethon,  vnd  erstattet,  in  hoffen,  in 
künfiPkigem  mir  zu  vil  gutem,  fürderung,  vnd  hernach  abbruch,  ze  myn- 
dern  mein  sündigs  leben,  das  mich  der  schopfer  aller  Ding  in  seinem 
willen  vnnd  gefallen  vnderziehe,  ze  volennden. 

BERLIN.  REINHOLD   RÖHRICHT. 


ÜBER  WIELANDS  ÖERON. 


Eine  litterargescbichtliche  Untersuchung. 

Bald  nachdem  mit  Goethes  und  Herdei-s  ankunft  ein  neuer  auf- 
schwung  des  litterarischen  lebens  in  Weimar  begonnen  hatte,  erschien 
im  Deutschen  Mercur  (1777,  1,  3  fg.)  Wielands  romantische  erzählung: 
Geron  der  Adelich  (umgearbeitet  in  der  gesamtausgabe  von  1794 — 
1796  bd.  8).  Obwol  von  geringem  umfange  und  von  der  neueren 
litteraturforschuug  bisher  unbilliger  weise  vernachlässigt,  verdient  die- 
ses gedieht  dennoch  schon  wegen  dieses  Zeitpunktes  seines  erscheinens 
besondere  beachtung,  zumal  da  es  in  Inhalt  und  spräche  mehr  als 
irgend  ein  anderes  beweist,  wie  auch  Wieland  damals  von  der  ein- 
wirkung  Goethes  und  Herders  nicht  unberührt  blieb  ^. 

Die  vorliegende  studio®  berücksichtigt  in  erster  linie  diejenigen 
eigentümlichkeiten  des  Geron,  welche  mit  den  gesichtspunkten  in  zusaro- 

1)  Aquileja.  2)  Marone,  Monfalcone.  3)  Karst  4)  Caorle. 

5)  Vgl.  Scherer,  Litgsch.  s.  515:  Geron  ist  Wielands  ernstestes  und  durch 
selbstverläugnung,  mhigen  ton,  abwesenheit  der  manier,  eigentümliche  compositioD, 
ästhetische  und  sitlicho  haltung  vielleicht  sein  volkommenstes  gedieht. 

6)  Schon  februar  1889  der  redaction  dieser  ztschr.  übersendet;  daher  konte 
auch  der  im  UI.  bd.  der  Vierteljahi-sschrift  f.  d.  1.  (okt.  1890)  entbalteoe  aufsatz  von 
G.  Rousshoff  nicht  berücksichtigt  worden. 


ÜUEB  WIKLAND8  OBRON  221 

hang  stehen,  die  für  Wieland  bei  der  ausarbeitung  des  gedieh tes  mass-  ^ 
gebend  waren  ^  • 

Ich  habe  demnach  zunächst  die  composition  des  gedichtes 
untersucht  und  dessen  Verhältnis  zur  quelle  im  einzelnen  dargelegt. 
Sodann  habe  ich  die  diction,  welche  sich  Wieland  selbst  hoch  anrech- 
net, auf  folgende  fragen  untersucht:  1.  Wieweit  ist  Wieland  in  der 
nachahmung  älterer  redeweise,  namentlich  der  spräche  des  16.  Jahr- 
hunderts gegangen,  und  in  welcher  art  hat  er  die  von  ihm  selbst 
genanten  Vorbilder  benuzt?  2.  Welche  mittel  hat  er  angewendet,  um 
dem  gedichte  den  Charakter  würdevoller  einfachheit  und  Schlichtheit  zu 
geben?  3.  Lässt  sich  im  einzelnen  ein  einfluss  des  französischen  Ori- 
ginals oder  anderen  fremden  Sprachgebrauches  auf  die  stilistische  form 
nachweisen? 

Eine  eingehende  besprechung  des  Versbaues  habe  ich  unterlassen; 
doch  sei  schon  hier  bemerkt,  dass  der  Geron  reimlose  fünffüssige  Jam- 
ben zeigt,  und  dass  Wieland  die  wähl  dieses  versmasses  besonders 
rechtfertigen  zu  müssen  glaubt  Auf  einzelnes  ist  gelegentlich  hin- 
gewiesen. 

Der  Untersuchung  liegt  die  recension  des  gedichtes  zu  gründe, 
welche  Wieland  selbst  als  die  endgiltige  angesehen  wissen  wolte,  die 
der  gesamtausgabe  von  1794  —  96  (TiCipzig,  Göschen,  kl.  8),  nach  wel- 
cher ausgäbe  auch  citiert  wird  (W);  damit  wurde  die  erste  ausgäbe 
(Teutscher  Merkur  1777  Jänner  u.  fgg.  (T.  M.)  verglichen. 

Der  königlichen  bibliothek  zu  München  danke  ich  für  die  gütige 
übermitlung  der  Bibliothöque  universelle  des  Romans  1776,  des  alten 
druckes  des  Gyron  le  Courtois  von  Jean  Petit  imd  Michel  le  noir,  sowie 
der  Bodmerschen  „Proben  der  alten  schwäbischen  poesie". 

I. 

Starkes  hervortreten  der  persönlichkeit  des  dichters  ist  eine  der 
hervorstechendsten  eigentümliclikeiten  der  romantischen  erzählungen 
Wielands.  Durch  den  überwuchernden  Subjektivismus  wird  der  leser 
fortwährend  daran  erinnert,  dass  er  sich  eigentlich  nur  für  gebilde  der 
freischaffenden  phantasie  erwärme,  deren  wilkür,  wie  die  Charaktere,  so 

1)  Brief  Wielands  an  Merck  vom  16.  april  1777  (Briefe  an  Merck  108):  „Das 
Original  (des  Geron)  will  ich  Ihnen  mit  dem  April -Merkur  schicken.  Sie  werden 
sehen  . . .,  dass  ich  mir  von  Geron  gar  nichts  zuzueignen  habe,  als  das  Bischen  Com- 
position and  die  Jamben  und,  wenn  Sie  wollen  eine  Diction,  die  dem  Colorit,  womit 
sich  die  Geschichte  meinem  Geiste  darstellte,  etwas  nahe  kommt '^. 


222  SINORR 

auch  die  taten  und  geschicke  der  beiden  schaft;  eine  wilkür,  die 
soweit  geht,  dass  sie  mit  vielem  aufwände  Verwicklungen  herbeiführt 
und  die  handlung  bis  zu  einem  der  Vollendung  nahen  punkte  stei- 
gert, um  dann  das  ganze  in  ein  nichts  verpuffen  zu  lassen. 

So  tief  begründet  sind  die  damit  zusammenhängenden  eigentüm- 
lichkeiten  des  stils  in  des  dichters  innerster  natur,  dass  sie  sich,  mehr 
oder  minder  stark  hervortretend,  in  fast  allen  seinen  epischen  dichtun- 
gen  erkennen  lassen.  In  behaglicher  breite  fliesst  die  erzählung  dahin, 
zumeist  in  launigem  tone  gehalten,  als  ob  der  erzähler,  der  in  den 
meisten  fallen  der  dichter  selbst  ist,  zeigen  wolte,  dass  er  durchaus 
über  seinem  stofPe  stehe,  und  dass  das,  was  seine  beiden  au&egt,  ihm 
nicht  die  heitere  ruhe  rauben  könne,  mit  der  er,  der  schöpfer,  die  ent- 
wicklung  der  dinge  übersieht.  Mitten  in  erregter  und  erhöhter  dar- 
stellung  mahnt  eine  altägliche  wendung,  ein  dem  kreise  des  gewöhnlichen 
entlehntes  wort  den  leser,  sich  nicht  alzutief  ergreifen  zu  lassen.  Nicht 
selten  wendet  sich  der  dichter  persönlich  an  den  leser  mit  fragen  und 
ausrufen;  ausführliches  moralisieren  unterbricht  öfters  den  gang  der 
erzählung;  zahlreiche  eingeschobene  sätze  geben  bald  einen  vergleich, 
bald  eine  Zwischenbemerkung,  die  einen  zweifei,  einen  wünsch,  einen 
ausdruck  der  befriedigung,  eine  einschränkung  enthält  Zahlreich  sind 
auch  in  den  späteren  romantischen  erzählungen  anspielimgen ,  welche 
durch  den  Widerspruch  mit  ton  und  Charakter  der  eigentlichen  erzäh- 
lung die  Stimmung  fast  gewaltsam  unterbrechen.  Auch  an  anachronis- 
men  fehlt  es  nicht.  Dahin  gehört  es,  wenn  Oberen  III,  16  Scherasmin 
von  „Schweizern"  spricht;  oder  wenn  Gandalin  stock  und  hut  ergreift, 
um  ins  freie  zu  laufen  (G.  8),  recht  wie  eine  figur  eines  Chodowiecki- 
schen  kupfers.  Die  anrede  „euch"  wechselt  mit  dem  seit  der  mitte  des 
Jahrhunderts  immer  mehr  zur  geltung  gelangenden  „sie",  so  in  den 
gesprächen  Gandalins  mit  der  zofe.  Nicht  minder  fremdartig  berührt 
es,  wenn  Scherasmin,  indem  er  das  märchen  von  Gangolf  und  Rosette 
erzählt  (Oberen  VI,  70),  Diogenes  und  Salomon  als  autoritäten  für  die 
unzuverlässigkeit  des  weiblichen  herzens  anführt  Ganz  unvermerkt  ist 
hier  Siegewins  knappe  zu  Wieland  geworden. 

In  bezug  auf  die  behandlung  der  liebe  lassen  sich  die  roman- 
tischen erzählungen  der  späteren  zeit  —  Clelia  und  Sinibald  hiebei 
nicht  in  betracht  gezogen  —  in  zwei  gruppen  scheiden:  Pervante  und 
Sommermärchen  einerseits;  Gandalin,  Oberen  und  Geron  anderseits. 
Durchaus  zeigen  diese  leztgenanten  eine  höhere  auffassung  des  gegen- 
ständes. Die  casuistik  der  liebe  behandelt  der  Gandalin.  Aber  der 
ton  des  gedichtes  ist  bei  aller  Zartheit  und  feinheit  vielfach  derart,  als 


ÜBER  WICLAN08  OEBON  223 

ob  sich  der  dichter  über  die  unnützen  und  thörichten  selbstquälereien 
seines  „Schützlings*'  lustig  machen  wolte.  Menschlicher  Schwachheit, 
wie  sie  der  dichter  so  oft  besungen,  erliegen  die  beiden  im  Oberon, 
aber  in  standhafter  treue  erproben  sie  ihren  inneren  wert.  Und  die- 
sem gehalte  entspricht  auch  die  darstellung. 

Einen  siegreichen  kämpf  der  pflicht  mit  der  leidenschaft  schildeil; 
der  „Geron".  Ungewöhnlich  bei  Wieland  ist  dieses  thema,  ungewöhn- 
lich auch  die  art  der  darstellung.  Der  dichter  ist  gleichsam  aus  sich 
selbst  herausgetreten.  Wie  er  selbst  durch  die  einfachheit  und  würde 
des  g^enstandes  tief  ergriffen  wurde,  so  wolte  er  diesen  eindruck  auch 
im  leser  hervorbringen.  Darum  übte  er  die  äusserste  selbstbeschrän- 
kung  und  Selbstverleugnung.  Nur  die  sache  selbst  solte  wirken.  Im 
„Geron**  ist  der  gegenständ  gleichsam  zum  herm  geworden  über  den 
dichter,  und  so  lässt  dieser  seine  Individualität  möglichst  zurücktreten: 
Geron  ist  die  objektivste  unter  den  romantischen  erzählungen  Wielands, 
diejenige,  in  der  sich,  vom  mittelalterlichen  stoffe  abgesehen,  die  wenig- 
sten berührungspunkte  mit  den  eigentümlichkeiten  der  romantischen 
schule  finden.  Wie  hoch  hier  das  verdienst  Wielands  zu  schätzen  sei, 
ergibt  der  vergleich  der  beiden  recensionen  des  gedichtes  unter  einan- 
der und  mit  der  quelle.  Denn  er  zeigt,  wie  strenge  Selbstkritik  der 
dichter  geübt  hat 

Kunstvoller  und  einheitlicher  als  bei  irgend  einer  anderen  roman- 
tischen erzähl ung  ist  die  composition  unseres  gedichtes.  Im  Sommer- 
märchen, in  Pervonte,  Musarion,  Hann  und  Gülpenheh,  im  Vogelsang 
wird  ohne  weiters  mit  der  erzählung  begonnen;  die  ereignisse  sind 
nach  der  Zeitfolge  geordnet.  Andere  bieten  eine  vorrede,  in  der  das 
thema  angekündigt,  die  wähl  desselben  gerechtfertigt  wird,  sei  es  vom 
dichter  allein,  sei  es  in  form  eines  supponierten  gespräches,  wie  im 
Gandalin,  in  Sixt  und  Clärchen,  Clelia  und  Siuibald  oder  selbst  im 
Oberon.  Freilich  bietet  gerade  bei  diesem  die  kunstvolle  ankündigung 
des  themas  ihre  eigenen  reize,  umsomehr  als  sie  in  dem  spannendsten 
momente  abbricht  und  die  achte  strophe  in  heiterer,  leicht  ironisieren- 
der weise  zur  ruhigen  epischen  erzählung  hinüberleitet  Nicht  von 
anfang  an  „wie  alles  sich  begab"  (Ob.  I,  8)  wird  uns  die  handlung 
erzählt,  sondern  nach  gut  epischer  art  werden  wir  mitten  in  dieselbe 
versezt  Erst  nach  der  erkennungsscene  im  Libanon  erfahren  wir  aus 
Hüons  munde,  was  ihn  gezwungen  habe,  die  fahrt  zu  unternehmen. 

Erzähler  und  dichter  sind  im  Wintermärchen  und  im  Geron  von 
einander  geschieden.  Im  ersten  sind  die  in  der  einkleidung  der  mär- 
chen  von   „Tausend  und   eine   nacht"    auftretenden   personen   genant 


222  SINORR 

auch  die  taten  und  geschicke  der  beiden  schaft;  eine  wilkür,  die 
soweit  geht,  dass  sie  mit  vielem  aufwände  Verwicklungen  herbeiführt 
und  die  handlung  bis  zu  einem  der  Vollendung  nahen  punkte  stei- 
gert, um  dann  das  ganze  in  ein  nichts  verpuffen  zu  lassen. 

So  tief  begründet  sind  die  damit  zusammenhängenden  eigentüm- 
lichkeiten  des  stils  in  des  dichters  innerster  natur,  dass  sie  sich,  mehr 
oder  minder  stark  hervortretend,  in  fast  allen  seinen  epischen  dichtun- 
gen  erkennen  lassen.  In  behaglicher  breite  fliesst  die  erzählung  dahin, 
zumeist  in  launigem  tone  gehalten,  als  ob  der  erzähler,  der  in  den 
meisten  fallen  der  dichter  selbst  ist,  zeigen  wolte,  dass  er  durchaus 
über  seinem  Stoffe  stehe,  und  dass  das,  was  seine  beiden  aufregt,  ihm 
nicht  die  heitere  ruhe  rauben  könne,  mit  der  er,  der  schöpfer,  die  ent- 
wicklung  der  dinge  übersieht.  Mitten  in  erregter  und  erhöhter  dar- 
stellung  mahnt  eine  altägliche  wendung,  ein  dem  kreise  des  gewöhnlichen 
entlehntes  wort  den  leser,  sich  nicht  alzutief  ergreifen  zu  lassen.  Nicht 
selten  wendet  sich  der  dichter  persönlich  an  den  leser  mit  fragen  und 
ausrufen;  ausführliches  moralisieren  unterbricht  öfters  den  gang  der 
erzählung;  zahlreiche  eingeschobene  sätze  geben  bald  einen  vergleich, 
bald  eine  Zwischenbemerkung,  die  einen  zweifei,  einen  wünsch,  einen 
ausdruck  der  befriedigung,  eine  einschränkung  enthält.  Zahlreich  sind 
auch  in  den  späteren  romantischen  erzählungen  anspielungen,  welche 
durch  den  Widerspruch  mit  ton  und  Charakter  der  eigentlichen  erzäh- 
lung die  Stimmung  fast  gewaltsam  unterbrechen.  Auch  an  anachronis- 
men  fehlt  es  nicht.  Dahin  gehört  es,  wenn  Oberen  III,  16  Scherasmin 
von  „Schweizern"  spricht;  oder  wenn  Gandalin  stock  und  hut  ergreift, 
um  ins  freie  zu  laufen  (6.  8),  recht  wie  eine  figur  eines  Chodowiecki- 
schen  kupfers.  Die  anrede  „euch"  wechselt  mit  dem  seit  der  mitte  des 
Jahrhunderts  immer  mehr  zur  geltung  gelangenden  „sie",  so  in  den 
gesprächen  Gandalins  mit  der  zofe.  Nicht  minder  fremdartig  berührt 
es,  wenn  Scherasmin,  indem  er  das  märchen  von  Gangolf  und  Rosette 
erzählt  (Oberen  VI,  70),  Diogenes  und  Salomon  als  autoritäten  für  die 
unZuverlässigkeit  des  weiblichen  herzens  anführt  Ganz  unvermerkt  ist 
hier  Siegewins  knappe  zu  Wieland  geworden. 

In  bezug  auf  die  behandlung  der  liebe  lassen  sich  die  roman- 
tischen erzählungen  der  späteren  zeit  —  Clelia  und  Sinibald  hiebei 
nicht  in  betracht  gezogen  —  in  zwei  gruppen  scheiden:  Pervante  und 
Sommermärchen  einerseits;  Gandalin,  Oberen  und  Geron  anderseits. 
Durchaus  zeigen  diese  leztgenanten  eine  höhere  auffassung  des  gegen- 
ständes. Die  casuistik  der  liebe  behandelt  der  Gandalin.  Aber  der 
ton  des  gedichtes  ist  bei  aller  Zartheit  und  feinheit  vielfach  derart,  als 


ÜBER  WULANOS  OEBON  223 

ob  sich  der  dichter  über  die  unnützen  und  thörichten  selbstquälereien 
seines  „Schützlings*'  lustig  machen  wolte.  Menschlicher  Schwachheit, 
wie  sie  der  dichter  so  oft  besungen,  erliegen  die  holden  im  Oberen, 
aber  in  standhafter  treue  erproben  sie  ihren  inneren  wert  Und  die- 
sem gehalte  entspricht  auch  die  darstellung. 

Einen  siegreichen  kämpf  der  pflicht  mit  der  leidenschaft  schildert 
der  „Geron*'.  Ungewöhnlich  bei  Wieland  ist  dieses  thema,  ungewöhn- 
lich auch  die  art  der  darstellung.  Der  dichter  ist  gleichsam  aus  sich 
selbst  herausgetreten.  Wie  er  selbst  durch  die  einfachheit  und  würde 
des  gegenständes  tief  ergriffen  wurde,  so  wolte  er  diesen  eindruck  auch 
im  leser  hervorbringen.  Darum  übte  er  die  äusserste  selbstbeschrän- 
kung  und  Selbstverleugnung.  Nur  die  sache  selbst  solte  wirken.  Im 
„Geron**  ist  der  gegenständ  gleichsam  zum  herm  geworden  über  den 
dichter,  und  so  lässt  dieser  seine  Individualität  möglichst  zurücktreten: 
Geron  ist  die  objektivste  unter  den  romantischen  erzahlungen  Wielands, 
diejenige,  in  der  sich,  vom  mittelalterlichen  Stoffe  abgesehen,  die  wenig- 
sten berührungspunkte  mit  den  eigentümlichkeiten  der  romantischen 
schule  finden.  Wie  hoch  hier  das  verdienst  Wielands  zu  schätzen  sei, 
ergibt  der  vergleich  der  beiden  recensionen  des  gedichtes  unter  einan- 
der und  mit  der  quelle.  Denn  er  zeigt,  wie  strenge  Selbstkritik  der 
dichter  geübt  hat 

Kunstvoller  und  einheitiicher  als  bei  irgend  einer  anderen  roman- 
tischen erzählung  ist  die  composition  unseres  gedichtes.  Im  Sommer- 
märchen, in  Pervonte,  Musarion,  Hann  und  Gülpenheh,  im  Vogelsang 
wird  ohne  weiters  mit  der  erzählung  begonnen;  die  ereignisse  sind 
nach  der  Zeitfolge  geordnet.  Andere  bieten  eine  vorrede,  in  der  das 
thema  angekündigt,  die  wähl  desselben  gerechtfertigt  wird,  sei  es  vom 
dichter  allein,  sei  es  in  form  eines  supponierten  gespräches,  wie  im 
Gandalin,  in  Sixt  und  Clärchen,  Clelia  und  Sinibald  oder  selbst  im 
Oberon.  Preiüch  bietet  gerade  bei  diesem  die  kunstvolle  ankündigimg 
des  themas  ihre  eigenen  reize,  umsomehr  als  sie  in  dem  spannendsten 
momente  abbricht  und  die  achte  Strophe  in  heiterer,  leicht  ironisieren- 
der weise  zur  ruhigen  epischen  erzählung  hinüberleitet.  Nicht  von 
anfang  an  „wie  alles  sich  begab"  (Ob.  I,  8)  wird  uns  die  handlung 
erzählt,  sondern  nach  gut  epischer  art  werden  wir  mitten  in  dieselbe 
versezt  Erst  nach  der  erkennungsscene  im  Libanon  erfahren  wir  aus 
Hüons  munde,  was  ihn  gezwungen  habe,  die  fahrt  zu  unternehmen. 

Erzähler  und  dichter  sind  im  Wintermärchen  und  im  Geron  von 
einander  geschieden.  Im  ersten  sind  die  in  der  einkleidung  der  mär- 
chen  von  „Tausend  und   eine   nacht"    auftretenden   personen   genant 


224  SIN&BR 

vgl.  Spiegel  der  könige  von  Scheschian.  Aber  die  wenigen  verse 
erscheinen  als  eine  rein  äusserliche  zutat,  vielleicht  nur  herübergenom- 
men, um  ,an  das  original  zu  erinnern.  Im  Geron  jedoch  sind  die 
erzählende  und  die  hörenden  personen  nicht  blosse  ifiguranten,  sondern 
sie  interessieren  uns  an  sich.  Die  erzählung  von  Gerons  treue  und 
edelsinn  erscheint  als  die  zielbewuste  handlung  des  alten  Branor.  Wir 
erkennen  die  inneren  gründe,  welche  den  alten  Branor  bewegen,  in 
dieser  geselschaft  gerade  diese  geschichte  aus  dem  reichen  schätze  sei- 
ner erinnerungen  zu  erzählen. 

Die  äussere  anregung  zur  wähl  dieser  form  gab  der  text  des  aus- 
zuges  aus  dem  alten  ritterromane  Gyron  le  Courtois,  den  das  oktober- 
heft  1776  der  Bibliothöque  universelle  des  Romans  enthält  Dort  heisst 
es  (s.  48),  „Der  genaue  titel  dieser  geschichte,  die  zu  Paris  bei  Verard 
gedruckt  ist  (ohne  Jahreszahl),  besagt,  dass  sie  von  Branor  dem  Brau- 
nen überliefert  ist,  dem  alten  ritter,  der  mehr  als  hundert  jähre  zählte 
und  an  den  hof  des  königs  Artus  kam,  begleitet  von  einem  fräulein, 
um  den  jungen  rittem  gegenüber  zu  erproben,  welche  die  reisigeren 
wären,  ob  die  jungen  oder  die  alten;  und  wie  er  den  könig  Artus  aus 
dem  Sattel  hob  und  vierzehn  könige,  die  in  seiner  geselschaft  waren, 
und  alle  ritter  der  tafeirunde;  und  es  behandelt  das  genante  buch  die' 
grösten  abenteuer,  die  irgend  einmal  irrenden  rittem  zustiessen.  Bra- 
nor der  Braune  also  erzählt,  dass  er  eines  tages  in  einer  höhle  oder 
einem  unterirdischen  grabe  zwei  alte  ritter  fand  usw."  —  Diese  daten, 
die  einen  Innern  Zusammenhang  nicht  erkennen  lassen,  hat  Wielaud 
zu  einer  schönen,  in  sich  geschlossenen  handlung  vertieft. 

Die  scenerie,  in  der  die  handlung  des  Geron  begint,  ist  die  so 
vielen  Artusromanen  eigentümliche.  Wie  im  „Sommermärchen**  im 
saale,  so  sind  Artus  und  sein  hof  hier  im  freien  vor  der  bürg  versam- 
melt. Da  komt  ein  schwarzer  ritter  vom  walde  her,  „er  ganz  allein". 
Die  Worte  deuten  darauf  hin,  dass  Wieland  hier  mit  voller  absieht 
von  seiner  quelle  abgewichen  ist.  Die  nebengedanken,  die  sich  daran 
knüpfen  könten,  dass  der  ritter  in  geselschaft  einer  jungen  dame 
erscheint,  stünden  im  Widerspruch  mit  dem  eindrucke  der  höchsten 
ehrwürdigkeit,  den  er  auf  Artus  und  seinen  hof  und  mittelbar  auf  den 
leser  machen  soll. 

Der  held  —  eines  hauptes  länger  als  die  andern  alle  —  bittet 
den  könig  Artus  mit  höflichen  werten,  er  und  seine  ritter  möchent  zu 
ehren  aller  minniglichen  frauen  und  zu  erprobung,  ob  den  alten  oder 
den  jungen  rittem  der  preis  der  ritterschaft  gebühre,  einer  nach  dem 
andern  mit  ihm  eine  lanze  brechen.     Alle  kämpfen  mit  ihm  doch  kei- 


ÜBER  WIELANDS  OERON  225 

ner  vermag  den  fremden  zu  überwinden.  Als  der  lezte  wird  Lanzelot 
besiegt  Durch  eine  reihe  kleiner  züge  ist  die  persönlichkeit  Branors 
fein  charakterisiert,  die  kämpfe  sind  mit  frischer  lebendigkeit  geschil- 
dert^. Als  auch  Lanzelot  aus  dem  sattel  gehoben  ist,  steigt  der  sieger 
vom  rosse  und  geht  nach  dem  zelte  des  königs.  Scheu  weichen  ihm 
die  ritter  aus;  mit  edlem  anstände  empfängt  ihn  Artus  und  fordert 
ihn  auf,  sein  antlitz  zu  zeigen,  seinen  namen  zu  nennen.  Als  der 
fremde  den  heim  vom  haupte  nimt,  erblicken  die  ritter  der  tafeirunde 
ein  schönes,  edles  greisenantlitz.  Die  kraftvolle  herliche  erscheinung 
gewint  aller  herzen.  Er  heisse  Branor  der  Braune  und  sei  ein  vasall 
imd  waffengefahrte  von  Artus  vater,  könig  Uther  Pandragon,  gewesen, 
erzählt  der  alte;  er  gibt  seiner  freude  darüber  ausdruck,  junge  männer 
zu  sehen,  die  „noch  nicht  völlig  aus  der  väter  art  geschlagen".  Bei 
tische  wird  „höflichen  gespräches  viel  gepflogen  bis  um  mitternacht". 
Ein  bewunderndes  wort  des  königs  Artus  erweckt  in  Branor  die  weh- 
mütige erinerung  an  die  gefährten  seiner  Jugend;  er  nent  einige  sei- 
ner genossen,  zulezt  den  Geron.  Hier  benüzt  nun  Wieland  das  ihm 
aus  anderen  romanen,  vornehmlich  dem  Lancelot  du  Lac  bekante  lie- 
besverhältnis  zwischen  Lanzelot  und  Genievra,  um  Gerons  geschichte 
in  einen  inneren  Zusammenhang  mit  ihrer  umkleidung  zu  bringen. 

Schon  in  den  eingangsversen  des  gedichtes  ist  leicht  auf  das  Ver- 
hältnis zwischen  Lancelot  und  der  königin  gedeutet  worden  (W.  13): 
„Und  zwischen  ihm  und  ihrem  Lancelot  sass  Genievra"  ...  T.  M. 
s.  3  hat  hier:  „Und  neben  ihm  (Artus)  in  sommersschönheit  sass"  ... 
Die  änderung  erklärt  sich  daraus,  dass  der  dichter  schon  im  anfange, 
werm  auch  nur  flüchtig  auf  einen  für  die  composition  seines  gedichtes 
so  wichtigen  gegenständ  hinweisen  wolte.  Ausführlicher  wird  die  sache 
erörtert,  da  geschildert  wird,  wie  Lancolot  sich  zum  kämpfe  mit  dem 
schwarzen  ritter  anschickt.     (W.  19  z.  2  v.  u.) 

Lancelot  fordert  auf  den  wink  seiner  dame  Branor  auf,  von  den 
taten  seiner  Zeitgenossen  zu  erzählen.  Dieser  willigt  ein  und  ver- 
spricht, „von  Geron,  von  dem  edelsten  der  männer",  die  er  gesehen, 
zu  erzählen. 

Das  folgende  entspricht  nun  im  ganzen  dem  auszuge  der  Biblio- 
th^ue  universelle.  Doch  beschränkt  sich  Wicland  darauf,  die  geschichte 
von  Hektors  des  Braunen  schwert  zu  erzählen.     Nur  in  wenigen  wor- 

1)  Die  darstellung  dieser  kämpfe  weist  merkwürdige  Übereinstimmungen  mit 
den  betreffenden  stellen  des  originalromanes  „Gyron  le  Courtois'',  die  sich  in  der  B. 
nicht  finden,  anf.  Vielleicht  bin  ich  im  stände  hioiüber  und  über  etwaige  beziehungen 
zu  Loigi  Alamannis  „Groneil  Cortese"  in  einem  der  nächsten  liefto  kurz  zu  berichten. 

ZKUSGBBIFT  F.   DKUTSCHS  PHILOLOGIE.     BD.  XXV.  lo 


226  siNosR 

ten  deutet  er  darauf  hin,  dass  dem  edlen  Geron  nach  seinem  siege 
über  seine  leidenschaft  ein  neues,  reines  liebesglück  erblühte.  Die 
Bibliothöque  gibt  nämlich  hier  dem  alten  romane  gemäss  folgendes: 
Geron  wird  von  Danayn  (dies  auch  bei  Wieland)  auf  das  schloss  des 
alten  ritters  gebracht.  —  Beim  abschiede  treflPen  die  freunde  das  über- 
einkommen, es  solle  der  kranke  von  allen  vorkomnissen  unterrichtet 
werden.  So  erfahrt  Geron,  dass  die  dame  von  Maloanc  krank  gewor- 
den sei,  dass  sie  ini  fieber  nur  von  ihm  gesprochen,  dass  sie  mit  sei- 
nem namen  auf  den  lippen  gestorben  sei.  Mit  mühe  nur  wird  er 
selbst  geheilt.  Die  liebe,  die  in  seiner  pflegerin  schon  lange  glüht, 
wird  von  Geron  erwidert;  er  beschwört  die  Jungfrau,  sie  möge  ihn  zu 
ihrem  ritter  annehmen,  und  gerne  gewährt  es  die  dame  Blaye.  Da 
er  Danayn  sein  geheimnis  anvertraut,  wird  dieser  darüber  ungehalten, 
und  nur  zu  bald  erkent  Geron,  aus  welchem  gründe.  Am  nächsten 
morgen  ist  die  damoyselle  Blaye  gewaltsam  entführt;  ein  zurückgelas- 
sener brief  offenbart  dem  bestürzten  Geron,  dass  Danayn,  unfähig, 
seine  leidenschaft  zum  schönen  fräulein  zu  bezwingen,  der  täter  sei, 
Geron  sucht  die  beiden  auf.  Nach  unzähligen  abenteuern,  auf  deren 
widergabe  die  Bibliotheque  mit  recht  verzichtet,  findet  er  die  beiden 
und  entreisst  dem  treulosen  freunde  die  geliebte.  Wol  schenkt  er  dem 
besiegten  das  leben,  verzeiht  aber  erst,  als  er  von  Danayn  aus  einer 
schweren  gefangenschaft  befreit  wird.  Dann  werden  noch  die  taten 
von  Gerons  söhn  geschildert.  Dieser  zweite  teil  soll  Gerons  tugend 
durch  die  treulosigkeit  seines  freundes  in  ein  noch  helleres  licht  stel- 
len. Man  vgl.  Gerons  werte  gegenüber  dem  besiegten  Danayn:  et 
certes  tu  pouvois  te  rappeler  certaine  courtoisie  qui  te  ful'  faite  par 
ton  ami  Gyron.  (B.  u.  90.) 

Wieland  hat,  wie  erwähnt,  darauf  verzichtet,  seinen  Branor  diese 
abenteuer  erzählen  zu  lassen.  Rasch  ist  Geron  geheilt.  In  aller  kürze, 
mit  kräftigen,  ergreifenden  werten,  die  sich  enge  an  die  quelle  an- 
schliessen,  wird  das  ende  der  frau  von  Maloanc  geschildert  Dann 
schweigt  der  alte  ritter.  Wenige  aber  kräftige  züge  zeichnen  die  Wir- 
kung der  erzählung  auf  die  hörer  und  insbesondere  auf  Genievra  und 
Lanzelot.  „Und  wie  giengs  nun  eurem  Geron  weiter?"  fragt  Lanze- 
lot. Branor  aber  „hat  nichts  mehr  zu  erzählen".  Das  vom  könige 
angebotene  obdach  weist  er  zurück;  geheimnisvoll,  wie  er  gekonmien, 
kehrt  er  in  seinen  wald. 

In  den  anmerkungen  zum  T.  M.  gibt  Wieland  eine  ziemlich 
ausführliche  darstellung  des  liebesverhältnisses  zwischen  Genievra  und 
Lanzelot.     An  einer  anderen  stelle  dieser  anmerkungen  meint  er,   es 


ÜBER  WIELANDS   GERON  227 

würde  zu  nichts  helfen,  den  lesem  darüber  rechenschaft  zu  geben, 
warum  er  „es  so  und  nicht  anders  gemacht"  und  besonders  warum 
er  „den  weg,  diese  geschichte  durch  den  alten  Branor  an  könig  Artus 
tafel  erzählen  zu  lassen,  gewählt". 

Indessen  lässt  die  art,  wie  die  quelle  benüzt  wurde  —  und 
natürlich  sind  hier  erweiteningen  und  abweichungen  besonders  unter- 
richtend —  des  dichters  absieht  klar  erkennen. 

Liebenswürdig  ist  die  gestalt  Gerons,  imposant  und  ehrwürdig  die- 
jenige des  Vertreters  seiner  anschauungen  unter  dem  jungen  gechlechte. 
Auch  in  den  äusserlichen  dingen,  auf  die  das  rittertum  wert  legt,  ist 
Branor  Artus  und  seiner  tafeirunde  überlegen.  Die  überwiegende  phy- 
sische ttichtigkeit  lässt  seine  moralische  persönlichkeit  den  hörem  und 
damit  auch  den  lesem  um  so  bedeutsamer  erscheinen.  Ei-st  aus  eines 
solchen  mannes  munde  ist  die  erzählung  ihrer  vollen  Wirkung  sicher. 

Die  composition  lässt  das  streben  nach  strenger  geschlossen- 
heit,  nach  motivierter  Verbindung  aller  einzelheiten  erkennen.  Auffal- 
lend sind  zunächst  zwei  abweichungen  von  der  quelle.  Bei  Wieland 
(W.  32)  unterbricht  sich  Branor,  nachdem  er  von  Hektor  des  Braunen 
tode  und  von  dem  erbe  berichtet,  das  dieser  Geron  hinterlassen  mit 
den  Worten:  „Wie  ers  verwaltet,  des  will  ich  euch  ein  beispiel  geben, 
wenn  ihr  zuzuhören  nicht  müde  seid". 

Lanzelot  und  seine  dame  verneinen  dies  im  namen  aller  anwe- 
senden. Mit  einem  scharfen  blicke  misst  Branor  die  beiden,  diese 
senken  ihre  äugen,  eine  kurze  stille  folgt  und  Branor  fährt  fort  zu 
erzählen.  Diese  episode  ist  von  Wieland  frei  erfunden.  Hingegen  hat 
der  dichter  ein  abenteuer  übergangen,  das  die  Bibliothöque  im  zusam- 
menhange dieser  geschichte  erzählt.  Als  Geron  nach  Maloanc  zurück- 
kehrt, weil  er  es  fern  von  seinem  freunde  nicht  dulden  kann,  begeg- 
net er  im  walde  dem  fräulein  Blaye.  Die  dame  erbittet  sich  des  rittcrs 
geleit  und  schirm  und  Geron  findet  bald  gclegenheit,  sie  durch  einen 
tapfem  kämpf  vor  einer  beleidigung  seitens  des  Chevalier-sans-peur 
zu  schützen.  Die  dame  gelangt  glücklich  in  ihr  nahegelegenes  schloss. 
Geron  lässt  sich  in  einem  benachbarten  kastell  von  seinen  wunden 
heilen  und  sezt  dann  seinen  weg  fort,  ohne  vorläufig  einen  tieferen 
eindruck  von  der  Schönheit  seines  Schützlings  empfangen  zu  haben. 
Eben  diese  damoyselle  Blaye  pflegt  ihn,  als  er  nach  seinem  Selbstmord- 
versuche auf  das  schloss  dos  alten  ritters  gebracht  wird.  Dem  Verfas- 
ser des  romanes  mochte  dieses  erste  zusammentreffen  Gerons  mit  sei- 
ner späteren  geliebten  zur  besseren,  wiewol  nach  unserem  gefühle 
unnötigen,    motivierung    der   liebe    der  Jungfrau    dienlich   erscheinen. 

15* 


226  SINGER 

ten  deutet  er  darauf  hin,  dass  dem  edlen  Geron  nach  seinem  siege 
über  seine  leidenschaft  ein  neues,  reines  liebesglück  erblühte.  Die 
Bibliothöque  gibt  nämlich  hier  dem  alten  romane  gemäss  folgendes: 
Geron  wird  von  Danayn  (dies  auch  bei  Wieland)  auf  das  schloss  des 
alten  ritters  gebracht.  —  Beim  abschiede  treffen  die  freunde  das  über- 
einkommen, es  solle  der  kranke  von  allen  vorkomnissen  unterrichtet 
werden.  So  erfährt  Geron,  dass  die  dame  von  Maloanc  krank  gewor- 
den sei,  dass  sie  ini  fieber  nur  von  ihm  gesprochen,  dass  sie  mit  sei- 
nem namen  auf  den  lippen  gestorben  sei.  Mit  mühe  nur  wird  er 
selbst  geheilt  Die  liebe,  die  in  seiner  pflegerin  schon  lange  glüht, 
wird  von  Geron  erwidert;  er  beschwört  die  Jungfrau,  sie  möge  ihn  zu 
ihrem  ritter  annehmen,  und  gerne  gewährt  es  die  dame  Blaye.  Da 
er  Danayn  sein  geheimnis  anvertraut,  wird  dieser  darüber  ungehalten, 
und  nur  zu  bald  erkent  Geron,  aus  welchem  gründe.  Am  nächsten 
morgen  ist  die  damoyselle  Blaye  gewaltsam  entführt;  ein  zurückgelas- 
sener brief  offenbart  dem  bestürzten  Geron,  dass  Danayn,  unfähig, 
seine  leidenschaft  zum  schönen  fräulein  zu  bezwingen,  der  täter  sei, 
Geron  sucht  die  beiden  auf.  Nach  unzähligen  abenteuern,  auf  deren 
widergabe  die  Bibliothöque  mit  recht  verzichtet,  findet  er  die  beiden 
und  entreisst  dem  treulosen  freunde  die  geliebte.  Wol  schenkt  er  dem 
besiegten  das  leben,  verzeiht  aber  erst,  als  er  von  Danayn  aus  einer 
schweren  gefangenschaft  befreit  wird.  Dann  werden  noch  die  taten 
von  Gerons  söhn  geschildert.  Dieser  zweite  teil  soll  Gerons  tugend 
durch  die  treulosigkeit  seines  freundes  in  ein  noch  helleres  licht  stel- 
len. Man  vgl.  Gerons  werte  gegenüber  dem  besiegten  Danayn:  et 
certes  tu  pouvois  te  rappeler  certaine  courtoisie  qui  te  ful'  faite  par 
ton  ami  Gyron.  (B.  u.  90.) 

Wieland  hat,  wie  erwähnt,  darauf  verzichtet,  seinen  Branor  diese 
abenteuer  erzählen  zu  lassen.  Rasch  ist  Geron  geheilt.  In  aller  kürze, 
mit  kräftigen,  ergreifenden  werten,  die  sich  enge  an  die  quelle  an- 
schliessen,  wird  das  ende  der  frau  von  Maloanc  geschildert.  Dann 
schweigt  der  alte  ritter.  Wenige  aber  kräftige  züge  zeichnen  die  Wir- 
kung der  erzählung  auf  die  hörer  und  insbesondere  auf  Genievra  und 
Lanzelot.  „Und  wie  giengs  nun  eurem  Geron  weiter?"  fragt  Lanze- 
lot Branor  aber  „hat  nichts  mehr  zu  erzählen".  Das  vom  könige 
angebotene  obdach  weist  er  zurück;  geheimnisvoll,  wie  er  gekommen, 
kehrt  er  in  seinen  wald. 

In  den  anmerkungen  zum  T.  M.  gibt  Wieland  eine  ziemlich 
ausführliche  darstellung  des  liebesverhältnisses  zwischen  Genievra  und 
Lanzelot.     An  einer  anderen  stelle  dieser  anmerkungen  meint  er,   es 


ÜBER   WIRLANDS   QKBON  229 

schliesst  sich,  wie  eine  nachricht,  die  Branor  aus  Gerons  munde  erfah- 
ren, in  aller  kürze,  dass  Geron  einst  durch  Hektor  den  Braunen  geret- 
tet worden,  dass  dieser  sein  lehrer  und  väterlicher  freund  gewesen  und 
ihm ,  als  er  in  einer  schlacht  schwer  verwundet  sein  ende  nahen  gefühlt, 
sein  Schwert  zum  erbe  hinterlassen  habe. 

Vergleichen  wir  damit  die  quelle.  Wer  die  beiden  alten  Avaren, 
und  dass  man  sie  in  der  Avelt  für  tot  gehalten,  erzählt  Branor  vor  den 
eben  citierten  werten:  „Pour  se  usw."  Geron  der  alte  erzählt,  sein 
enkel  Geron  der  Adeliche  sei  der  rechtmässige  herr  Galliens.  „Mein 
geschlecht  geht  bis  auf  die  ersten  christlichen  könige  dieses  landes 
zurück.  Ich  erhielt  die  kröne  nach  dem  erbrecht,  ich  habe  sie  dann 
im  Stiche  gelassen,  um  als  irrender  ritter  die  Avelt  zu  durchziehen, 
bis  ich  schliesslich,  nachdem  ich  mich  bis  zur  ermüdung  durch  hohe 
waflFentaten  ausgezeichnet,  es  für  gut  fand,  mich  zu  vergraben.  Mein 
ältester  söhn  folgte  in  allem  meinem  beispiele".  (Dies  wird  weiter  aus- 
geführt.) „Meine  konstitution,  zweifelsohne  stärker  als  die  seine,  ist 
Ursache,  dass  ich  ihn  überlebe.  Ich  bin  hier  von  der  übrigen  weit 
abgetrent;  doch  tragen  die  erdgeister  dafür  sorge,  mich  von  zeit  zu 
zeit  von  den  grossen  und  bewunderungswürdigen  taten  meines  enkels, 
Gerons  des  Adelichen,  zu  benachrichtigen.  Dieser  war  noch  in  der 
wiege,  als  sein  vater  den  tron  Galliens  seinem  jüngeren  bruder  über- 
liess.  Der  aber  hat  ihn  unseliger  weise  durch  Pharamund  usurpieren 
lassen.  Dieser  Usurpator  ist  der  söhn  eines  mannes,  der  mein  sklave 
war.  Er  überschritt  zu  gelegener  zeit  den  Rhein,  stelte  sich  an  die 
spitze  eines  haufens  von  barbarischen  beiden,  die  man  Franken  nent, 
und  kam  mit  ihnen,  um  mein  reich  zu  rauben  und  sich  desselben  zu 
bemächtigen.  Er  tötete  meinen  jüngeren  söhn.  Der  junge  Geron,  der 
lezte  meines  Stammes,  war  gerettet  worden,  zu  jung,  um  seine  abkunft 
zu  wissen,  und  war  an  den  hof  des  königs  Uter  Pandragon  gebracht 
worden,  wo  er  erzogen  ward.  Dieser  monarch  ist  bis  jezt  der  einzige, 
der  das  geheimnis  seiner  abstammung  kent;  er  weiss  auch,  dass  mein 
enkel  durch  seine  mutter  von  H61ain-le-Gros  abstamt,  der  seinerseits 
der  linie  Josephs  von  Ariraathäa  angehörte,  jener  linie,  die  so  hoch 
geehrt  ist  als  hüterin  des  heiligen  Grals".  Was  nun  folgt  findet  sich 
wortgetreu  bei  Wieland  wider,  bis  auf  den  umstand,  dass  Hektor  der 
Braune  nur  als  der  lehrer  des  knaben,  nicht  als  Sein  retter  erscheint 

Die  unterschiede  beider  fassungen  bedeuten  eben  so  viele  Vorzüge 
der  bearbeitung.  Der  stofF  ist  einfacher,  klarer  und  psychologisch  wah- 
rer geordnet,  wodurch  die  widerholungen  der  quelle  vermieden  wer- 
den.    Das  genealogische  beiwerk  entsprach  gewiss  dem  geschmacke  der 


230  SINGER 

leser  des  ursprünglichen  romans;  wir  aber  würden  es  nur  als  störend 
empfinden.  Die  erzählung  Gerons  des  alten  vom  untergange  seines 
sohnes  klingt  bei  Wieland  weit  würdevoller  als  im  romane;  ebenso 
sind  die  ruhmredigen  worte:  jusqu'ä  ce  qu'6tant  las  de  me  distinguer 
par  tant  de  hauts  faits  d'armes,  je  pris  le  parti  (s.  50). . .  durch  die 
verse  Nachdem  sie  auf  dem  Lebensmeere  lang 

Herumgetrieben,  alt  und  ruhesehnend  usw. 
in  einer  unserem  gefühle  weit  entsprechenderen  form  widergegeben. 

Verzicht  auf  alle  für  die  entwicklung  des  ganzen  imbedeutenden 
nebendingo  zeigt  auch  die  weitere  erzählung.  Wo  der  auszug  der  Bi- 
bliotheque  dem  alten  romano  das  wort  lässt,  sucht  Wieland  möglichst 
engen  anschluss  auch  im  Wortlaute;  doch  wird  auch  ausser  der  episode 
mit  fräulein  Blaye  (s.  o.)  noch  manches  ausgelassen,  was  etwa  zu  wider- 
holungen  anlass  geben  könte.  Die  bemerkungen  und  reflexionen  Tres- 
sans  meidet  der  dichter  widerzugeben,  so  sehr  sie  seiner  eigenen 
manier  entsprechen,  oder  formt  sie  doch  so  um,  dass  sie  dem  Charak- 
ter Branors  gemäss  werden. 

Geron  gewint  die  freundschaft  Danayns  des  Rothen.  Dessen 
gemahlin  macht  durch  ihre  ausserordentliche  Schönheit  einen  tiefen  ein- 
druck  auf  den  beiden.  Der  aber  weiss  sich  zu  beherschen;  nicht  so 
die  frau,  die  von  liebe  zum  ritter  ergriffen  merkt,  was  in  ihm  vor- 
geht und  dadurch  den  mut  findet,  ihm  ihre  gefühle  zu  offenbaren. 
Er  aber  ruft  die  frau  zu  ihrer  pflicht  zurück: 

II  la  rappela  ä  son  devoir,  il  la  conjura  de  ne  point  user  de  tout 
Tempire  de  ses  charmes  et  de  permettre  qu'il  restat  fidöle  ä  Tamitiö. 
Quelle  Situation  pour  l'amoureux  Gyron!  Quel  excds  de  vertu  dans 
ce  loyal  Chevalier!  Qu'il  fut  digne  de  Tepöe  du  brave  Hector-le-Brun! 
C'est  peu  de  condamner  son  propre  amour  ä  se  taire;  il  pousse  rh6- 
roisme  jusqu'ä  fermer  la  beuche  ä  sa  Dame  au  moment  ou  eile  lui 
fit  Taveu  de  sa  passion! 

T.  M.  107  gibt  diese  stelle  in  ähnlichem  Charakter  wider: 

Nun  denkt  Euch  eine  Frau  in  aller  Glorie 

Der  Schönheit  und  der  Jugend  und  der  Liebe 

Dem  Manne,  der  für  sie  brennt. 

Sich  in  die  Arme  werfend  — 

Und  denket,  was  es  ist,  ihr  widerstehen! 

Wie  wenige  selbst  von  den  Besten  des 

Sich  mögen  rühmen  können  aisw. 
In  W.  erscheint  die  stelle  ganz  verändert.    Die  Wieland  so  gewöhn- 
liche einleitung  der  Schilderung  durch:    „Nun  denkt  euch  (z.  b.  Gand. 


ÜB£R   WISLANOS   GKBON  231 

in,  170.  Vin,  229)  ist  ausgefallen;  die  figur  der  apostrophe  ist  ganz 
gemieden;  an  die  stelle  der  reflectierenden  lobpreisenden  darstelliing, 
die  Branors  zwecken  widerspricht,  ist  eine  sehr  lebendige  Schilderung 
der  grosse  und  gefahr  der  Versuchung  getreten,  doch  ist  die  sünde  von 
vorn  herein  als  solche  hingestelt.  Das  dem  weiteren  verlaufe  wider- 
sprechende 

Und  sie  zu  sehen  öffnet  er  auch  ihr  die  Augen 
ist  getilgt;  Gerons  worte  sind  einfacher,  naturgomässer,  würdevoller. 
Stellen  die  quelle  und  die  erste  fassung  den  verlauf  so  dar,  als  ob  es 
sich  um  einen  kaum  begreiflichen  heroismus  handle,  so  erscheint  in 
W.  Gerons  verhalten  einfach  als  eine  handlung,  wenn  auch  schwerer 
Pflichterfüllung. 

Die  frau  liebt  Geron  um  seiner  treue  willen  nur  noch  mehr  und 
zeigt  ihm  dies  in  ihren  blicken.     Um   der  versucherin   auszuweichen 
verlässt  der  ritter  das  schloss  seines  freundes.    Doch  hält  er  es  unter 
den  fremden  leuten  nicht  lange  aus:  er  kehrt  zu  Danayn  zurück. 
Wie  viel  die  Frau  von  Maloanc  an  seinem  Uberdruss 
Theil  haben  könnte,  mocht  er  so  genau 
Sich  selbst  nicht  fragen  (S.  38). 
Die  Bibliothöque  hat  hier:   il  se  dissimula  du  mieux  qu'il  put 
toute  la  part  qu'y  avoit  sa  Dame.     Quoi  qu'il  en  soit,  il  prit  ses  armes 
usw.  (S.  55/56.)    Ähnliche  psychologisierendo   bemerkungen   liegen   zu 
sehr  in  der  manier  Wielands,  als  dass  er  diese  worte,  die  ja  sehr  am 
platze  sind,   nicht   hätte   aufnehmen  sollen.     Doch  ist  seine  wendung 
Diilder  als  die  seiner  vorläge.     Über  das  in   dieser  erzählte  abenteuer 
Gerons  s.  o.  s.  227. 

Danayn  ist  hocherfreut  über  Gerons  rückkehr.  Wörtlich  fast  aus 
der  vorläge  herübergenommen  ist  die  bemerkung,  dass  niemand  ausser 
Danayn  imd  dessen  gemahlin  Gerons  namen  wüste,  sondern  alle  leute 
1^  der  bürg  ihn  nur  den  guten  ritter  nanten. 

Ein  Schildknappe  komt,  um  Danayn  zu  einem  turnier  vor  der 
oeiden  Schwestern  bürg  zu  laden  und  dieser  verspricht  zu  kommen. 
Iß  der  vorläge  fragt  Danayn  den  knappen,  wer  das  turnier  veransüilte, 
dieser  gibt  darüber  auskunft,  und  mm  erklärt  Danayn,  dass  das  turnier 
^icht  ohne  ihn  vor  sich  gehen  werde.  Rede  und  gegenredo  hat  Wie- 
land wol  als  für  den  fortschritt  der  handlung  bedeutungslos  übergangen. 
Danayn  sucht  seinen  freund  auf,  und  die  beiden  entschliessen 
sich,  unerkant  am  turnier  teilzunehmen.  Die  frau  von  Maloanc  hört 
davon.  Um  Geron  bewundern  zu  können,  bittet  sie  ihren  gemahl,  sie 
zum  turnier  zu  führen.    Dieser  erklärt,   er  könne  es  nicht  tun,   wolle 


232  SINGRR 

sie  aber  hingeleiten  lassen.  Die  Schilderung  des  seelenzustandes  der 
frau  von  Maloanc  ist  mit  geringen  änderungen  in  der  disposition  aus 
der  quelle  herübergenommen.  Dass  die  dame  ihre  hofiaung,  Danayn 
werde  sie  zum  tumiere  mitnehmen,  auf  die  bestehende  sitte  gründet, 
erwähnt  Wieland  nach  der  Bibliothöque,  doch  nur  ganz  kurz.  Die 
geschichte  der  entstehung  dieser  sitte  übergeht  er  ganz. 

Indes  die  frau  von  Maloanc  in  grossem  Staate  (en  grand  cortöge!) 
den  geraden  heerweg  zieht,  nähern  sich  die  freunde  auf  nebenwegen 
der  bürg.  Nahe  bei  derselben  begegnet  ihnen  herr  Flaunz,  der  sie 
zum  kämpfe  zu  reizen  sucht  und,  als  sie  seiner  nicht  achten,  trotz  der 
mahnungen  des  Irwins  höhnt,  ohne  jedoch  einen  erfolg  zu  erzielen. 
Auf  diese  stelle,  die  bis  auf  die  namen  mit  der  vorläge  stimt,  komme 
ich  in  einem  anderen  zusammenhange  zurück. 

Geron  und  Danayn  sind  sieger  im  tumier,  und  die  frau  von 
Maloanc  ist  hocherfreut  über  Geron.  Ihre  Schönheit  entzündet  in  Lac, 
dem  freunde  des  königs  MeUas,  eine  heftige  leidenschaft.  Der  könig 
fängt,  um  Lac  auszuforschen,  von  der  dame  zu  reden  an.  Lac  erklärt, 
er  getraue  sich  die  frau  ihren  sechsundzwanzig  rittern  abzugewinnen, 
fals  er  dem  zuge  in  einem  walde  begegnete.  Der  roman  hat  hier  noch 
eine  zweifelnde  gegenrede  Meliads,  auf  die  hin  Lac  seine  Versicherung 
widerholt.     Beides  fehlt  bei  Wieland. 

Darauf  wird,  jedoch  kürzer  als  in  der  vorläge,  erzählt,  Geron 
habe  Laos  werte  gehört  und  ihm  dies  zu  verstehen  gegeben.  Lac  bleibt 
bei  seiner  bohauptung  und  wird  in  folge  dessen  von  Geron  aufgefordert, 
den  beiden  freunden  den  dank  des  tumiers  streitig  zu  machen.  Lac 
erklärt  sich  dazu  bereit.  Danayn,  der  hinzugekommen,  und  Meliad 
nehmen  an  der  wette  teil.  Die  beiden  freunde  behalten  den  sieg.  In- 
dessen bricht  die  nacht  herein.  Da  Danayn  einen  rachezug  gegen  die 
mörder  seines  neffen  zu  unternehmen  hat,  lässt  er  Geron  und  der  frau 
von  Maloanc  entbieten,  nach  hause  zu  kehren  und  dort  seiner  zu 
harren. 

Dass  Danayn  sich  allein  auf  den  rachezug  begibt,  wird  B.  u.  68 
besonders,  jedoch  nicht  glücklich,  motiviert.  Wieland  unterlässt  dies 
mit  recht,  da  er  wol  voraussezt,  dass  die  frage,  warum  Geron  sich 
nicht  am  rachezuge  beteiligt,  überhaupt  nicht  aufgeworfen  werden 
würde,  und  dass  die  fassung  der  stelle  dem  leser  genügend  räum  zu 
Vermutungen  biete. 

Geron  hat  der  werte  Lacs  nicht  vergessen  und  folgt  der  frau  von 
Maloanc  von  ferne,  als  sie  nach  hause  zui-ückkehrt.  Lac  hat  indessen 
deren  zug  im  walde  aufgelauert,  jagt  die  begleiter  in  die  flucht  und 


ÜBBB  wulands  geron  233 

reitet  mit  der  frau  davon.  So  trift  ihn  Geron,  der  durch  einen  zufall 
die  spur  der  frau  von  Maloanc  verloren  hatte.  Basch  wird  die  dame 
befreit.  Yon  Lac  ist  weder  in  der  vorläge  noch  bei  Wieland  weiter 
die  rede. 

In  der  folgenden  stelle  hat  Wieland  sowol  die  form  der  exclama- 
tio  als  den  gedankengang  aus  Tressans  auszug  aufgenommen.  Doch 
sprechen  seine  werte  das  gefühl  weit  mehr  an  als  die  kühle  rhetorik 
des  franzosen. 

Wortlos  stehen  die  dame  und  Geron  einander  gegenüber;  er  aber 
findet  bald  seine  fassung  wider:  die  dame  sei  frei,  sie  könne  nach 
ihrem  willen  nach  Maloanc  zurückkehren.  Schon  diese  werte  sind 
nahezu  unverändert  dem  auszuge  Tressans  entnommen,  der  hier  den 
alten  roman  getreu  widergibt. 

Dasselbe  gilt  für  das  ganze  folgende  gespräch  und  für  die  dar- 
stellimg  des  seelenzustandes  Gerons  und  seiner  dame,  da  sie  schwei- 
gend nebeneinander  reiten.  Der  kunstvolle  parallelismus  mit  untergeord- 
neten antithesen,  in  dem  die  Vorgänge  im  Innern  der  beiden  geschildert 
werden,  ist  mit  wenigen,  bloss  auf  den  Wortlaut  bezüglichen  änderungen 
der  quelle  nachgebildet.  Ebenso  ist  das  gespräch,  welches  zur  liebes- 
erklärung  führt,  eine  fast  wörtliche  Übersetzung  des  französischen  tex- 
tes.  Doch  finden  sich  einige  kürzungen.  Sowol  in  T.  M.  (120)  als 
auch  in  W.  (156)  schliesst  Gerons  zweite  rede  mit  den  werten 

wo  nicht 
Die  Minne,  die  er  zu  Euch  trug,  ihm  Kraft 
Zu  solcher  That  gegeben  hätte 

(mais  la  trös  grand'  Amour  qu'il  avoit  ä  vous  luy  fit  faire  et  entre- 

prendre  ung  si  grant  fait  que  vous  vites  B.  u.  74);  während  B.  u.  dann 

nochmals  auf  die  besiegung  Lacs  zurückkomt. 

W.  hat  in  der  dritten  rede  Gerons  folgende  werte,  die  sich  T.  M. 

120  nach  B.  u.  75  finden,  ausgelassen: 

Und  zwar  mit  solcher  Minne,  wie  ich  glaube,  dass 

Kein  andrer  Bitter  bass  als  ich  gewinnen  möge. 

(Et  voyrement  aimeje  en  teile  maniere,    qu'il  m'est  avis  quo  nul  autro 

Chevalier   ne   put   plus   aimcr  que  j'aime.)     Die  auslassung  ist  darin 

begründet,   dass  sowol  T.  M.  121   als  W.  57  eine  ganz  ähnliche  stelle 

an  einem  passenden  orte,   übrigens  auch  in  wörtlichem   anschlusse  an 

die  quelle  geben: 

Ja  liebe  Frau  — 

Ihr  seid  es,  die  ich  minne,  so  wie  bass 

Kein  andrer  ritter  seine  Dame  minncn  mag. 


234  SINGER 

(B.  u.  76.  Olli  chöre  Dame  vous  etes  celle!  meme  que  j'aime  de  tout 
mon  coeur  ainsi  fort  comme  Chevalier  piiisse  aimer  Dame.)  Als  die 
frau  von  Maloanc  dies  hört,  ist  sie  so  glücklich,  dass  sie  für  ihre  freude 
keine  worte  findet. 

Hier  ist  die  schlichte  Stilisierung  des  Originals  von  Wieland  viel- 
leicht nicht  zu  ilirem  vorteile  verändert  worden. 

Indem  Geron  und  die  frau  schweigend  nebeneinander  reiten, 
erblickt  der  ritter  einen  pfad,  der  zu  einem  waldbrunnen  führt  Er 
schlägt  der  dame  vor,  dort  ein  wenig  zu  ruhn,  denn  er  fühle  sich 
sehr  müde.  Die  frau  ist  damit  einverstanden.  So  reiten  sie  dem  brun- 
nen  zu.  Dort  bindet  Geron  sein  pferd  an  einen  bäum  und  hilft  der 
dame  herab.  Die  Schilderung  des  plätzchens  findet  sich  an  dieser  stelle 
der  vorläge  nicht,  eine  in  manchen  punkten  ähnliche  jedoch  im  zwei- 
ten teile  des  romans. 

Geron  entwafnet  sich  und  ist  nahe  daran,  die  treue  auch  durch 
die  tat  zu  verletzen,  da  fält  sein  schwort  vom  brunnenrando  ins  was- 
ser.  Er  zieht  es  heraus,  wischt  es  ab,  und  indem  er  es  betrachtet,  ob 
es  nicht  beschädigt  sei,  falt  sein  äuge  auf  die  inschrift.  T.  M.  124 
schliesst  sich  hier  enger  an  die  vorläge  an  als  W. 

„Er  liest  und  liest  die  inschrift":  und  nun  folgt  die  widergabe 
der  ganzen  inschrift. 

Und  Geron  liest  und  liest  es  wieder  und 
Zum  drittenmale 
(vgl.   ses   yeux   involontairement   se  fixeren t  sur  la  divise  vertueuse: 
Loyautö   passe   tout,    trahison   temit  tout  etc.    II  la  relit  ä  plusieurs 
r6prises,  comme  s'il  la  remarquoit  pour  la  premiöre  fois.) 

Bloss  die  ersten  worte  der  inschrift  zu  geben  und  daran  ein 
„usw."  zu  setzen,  war  für  Wieland  ganz  untunlich;  daher  hat  W.  62, 
um  die  widerholung  zu  meiden: 

Er  bebt  und  liest  und  liest  es  wieder  und 
Zum  drittenmal. 
Dies  ruft  ihn  zu  seiner  pflicht  zurück.  Er  sinkt  in  tiefes  sinnen,  und 
da  er  lange  nichts  spricht,  redet  ihn  die  frau  von  Maloanc  endlich  an. 
In  der  vorläge  antwortet  er  sofort.  Wieland  lässt  seinen  Geron  die 
frage  zuerst  völlig  überhören.  Lange  harrt  die  frau  der  antwort;  end- 
lich widerholt  sie  in  zärtlicherer  form  die  frage:  Nun  erwidert  ihr  Ge- 
ron, indem  er  sich  anklagt.  Ehe  die  frau  es  hindern  kann,  durchbohrt 
er  sich  mit  dem  Schwerte.  Nur  mit  mühe  hindert  ihn  die  frau  von 
Maloanc,  sich  noch  einen  zweiten  stoss  zu  geben.  Indes  hat  Danayn 
seinen  rachezug  vollendet.     Auf  dem  wege  nach  seiner  bürg  hört  er 


ÜBER  WULANDS  GBBON  235 

die  klagerufe  und  reitet  zum  brunnen.  Geron  gesteht  dem  freunde 
seine  schuld,  die  der  frau  verbirgt  er.  Danayn  erkent  jezt  erst  die 
herlichkeit  der  tugend  seines  freundes  und  bittet  ihn  zu  leben.  Geron 
willigt  ein  und  wird  auf  einer  bahre  nach  dem  nächsten  schloss 
gebracht    Der  schluss  wurde  bereits  besprochen. 

Anachronismen  sind  in  dem  auszugo  der  ßibliothöque  vorhanden, 
und  Wieland  hat  dieselben  wol  bemerkt   und   zu   beseitigen   gesucht 
Der  seneschall  d^s  königs  Artus,  Gries,  wird  in  der  einleitung  unseres 
gedichtes  als  ein  mann  hingestelt,  der  höflichkeit  mit  rittersitten  paarte. 
Ein  gewanter,   wackerer  krieger,   tritt  er  nur  gelegentlich  des  kampfes 
Branors   mit   den  rittem   der  tafeirunde   auf     Die   rolle,   welche   der 
roman  dem  seneschall  Breux  zuschreibt,   Geron  und  Danayn  zu  höh- 
nen,  hat  bei  Wieland  herr  „Flaunz"  erhalten.    Bemerkt  sei  übrigens, 
dass  Gries  im  Sommermärchen  so  charakterisiert  wdrd,  wie  Breux  (Keie) 
im  Gyron   und  anderen   romanen.    — -    Herr  Flaunz   wird   von  Irwin, 
„einem  der  adeligsten  ritter  der  tafeirunde "    zurechtgewiesen.     Herr 
Irwin  (messire  Tvain  wird  auch  im  alten  romane  an  dieser  stelle  genant) 
ist  der  wolbekante  Iwein.     Wieland   mag  gedacht  haben,   dass  Irwin 
seinen  lesern  nicht  bekant  genug  sei,  um  von  ihnen  nicht  für  ein  mit- 
glied  der  ersten   tafeirunde,   derjenigen  Uter  Pandragons  gehalten  zu 
werden,   von  welcher  er   in  den  anmerkungen  im  Deutschen  Merkur 
spricht.     Vielleicht  haben  wir  es  auch   mit   einer  flüchtigen  herüber- 
nahrae  einer  einzelheit  zu  tun,  die  genau  genommen  der  Voraussetzung 
des  gedichtes   widerspricht  —  An   einer   anderen   stelle   hat  Wieland 
einen  kaum  fühlbaren  anachronismus  beseitigt     Bei  Tressan  heisst  es 
s.  78:  Icelle  6p6e  —   comme   le  lecteur  peut  s'en  souvenir  —   avoit 
appartenue  jadis  au  bon  et  vaillant  Chevalier  Hector-le-Brun.     Et  pour 
amour  de   lui   et  aussi   pour  ce  que  r6p6e  etoit   parfaitement  bonne 
Gyron  le-Courtois  la   prisoit   plus   chörement   que   ne   faisoit  le  Roi 
Artus  le  meilleur  chäteau  qu'il  eüt 

"W.  61  ist  dem  Geron  das  schweri  so  lieb, 

Dass  er  nicht  das  beste  Schloss 
Des  Königs  Uther  drum  genommen  hätte. 
Hier  hätte  es  Wieland  sehr  nahe  gelegen  die  werte  que  nc  faisoit  le 
roi  Artus  durch  ein  „wie  euch,  o  könig,  euer  bestes  schloss"  oder  ähn- 
lich widerzugeben.  Dass  er  dies  nicht  getan,  legt  zcugnis  ab  für  seine 
Sorgfalt  bei  der  arbeit.  —  An  einer  stelle  jedoch  scheint  der  dichter 
durch  die  erinnerung  an  seine  quelle  tatsächlich  zu  einer  inconsequenz 
verleitet  worden  zu  sein.  W.  53  nämlich  werden  die  gedanken  der 
frau  von  Maloanc  gegeben: 


236  SINOER 

Der  wäre  nicht  des  Ritternamens  wert, 
Der  eine  frau  wie  ihr  zum  drittenmal 
Abweisen  könnte. 

Von  einer  wirklichen  abweisung  ist  aber  im  gedichte  nur  einmal  die 
rede.  Dass  man  nicht  annehmen  dürfe,  die  frau  von  Maloanc  betrachte 
Gerons  entfernung  oder  etwa  seine  werte  nach  der  besiegung  Lacs  als 
eine  zweite  abweisung,  lehrt  der  vergleich  mit  W  s.  58: 

■ 

Denn  es  ist  so  lange  nicht  usw., 

welche  stelle  sich  nur  auf  das  erste  gespräch  Gerons  mit  der  dame 
bezieht.  Die  ganze  sache  erklärt  sich  leicht,  wenn  man  annimt,  Wie- 
land habe  bei  dem  „zum  drittenmale"  an  Bibl.  un.  s.  55  gedacht: 
Soutenue  par  Tespoir,  la  Dame  de  Maloauc  iBt  a  Gyron  une  seconde 
Ouvertüre.  Diesen  werten  erst  folgt  die  auch  von  Wieland  beibehal- 
tene darstellung  des  benehmens  der  dame,  welches  Geron  veranlasst 
Maloanc  zu  verlassen.  Psychologisch  interessant  ist  es,  dass  die  worte 
der  vorläge  (B.  u.  71),  denen  unsere  stelle  nachgebildet  ist,  eine  zwei- 
malige abweisung  zwar  als  möglich,  nicht  aber  als  notwendig  voraus- 
setzen. Sie  lauten:  qu'il  ne  l'econduie  tout  ainsi  comme  il  l'a  autre- 
fois  fait. 

n. 

Die  Verwertung  des  vorgefundenen  Stoffes  hat  die  absieht  des 
dichters  erkennen  lassen,  möglichste  gcschlossenheit  und  einheit 
der  handlung  zu  erzielen  und  dabei  den  Charakter  würdevoller 
einfachheit  zu  wahren:  „Die  geschieh te  war  zu  heilig  in  meinen 
äugen,  um  sie  verschönem  zu  wollen,  und  das  einzige,  was  ich  be- 
daure,  ist,  dass  ich  sie  nicht  noch  einfältiger,  noch  gotischer  und  holz- 
schnitmässiger  habe  voiiragen  können,  als  es  geschehen  ist  Es  mag 
wol  sein,  dass  sie  in  einer  minder  altfränkischen  gestalt  vielen  moder- 
nen lesern  und  leserinnen  besser  gefallen  würde.  Auch  steht  nun 
jedem  frei,  damit  zu  machen,  was  er  kann  und  will;  ich  meines  orts 
muste  meinem  gefühle  folgen.  Eine  spräche,  die  der  täuschung,  als 
ob  man  den  alten  Branor  selbst  reden  hörte,  so  wenig  als  möglieh 
hinderlich  wäre,  ist  zu  meinem  zwecke  ebenso  notwendig,  als  eine 
apologie  deswegen  in  unseren  tagen  überflüssig  sein  würde".  (T.  M. 
131.)  Ähnliche  gedanken  spricht  die  vorrede  zu  W.  1796  aus,  und 
sie  weist  noch  deutlicher  auf  die  mittel  hin,  deren  sich  der  dichter 
bediente:  „hingegen  suchte  ich  mir,  indem  ich  mir  nach  unserer  spräche 
im   sechzehnten   Jahrhundert   eine   art  von  deutschem  Gaulois  bildete, 


ÜBER  WIELANDS   GERON  237 

eine  diction   herauszubringen,   welche   ohne  unverständlich  und  abge- 
schmackt zu  sein,  der  täuschung,  als  ob''  ...  usw. 

Diese  äusserungen  zeigen,  von  welchem  Standpunkte  aus  der 
dichter  sein  werk  beurteilt  wissen  will.  Indessen  lässt  sich  das  volle 
Verständnis  für  die  sprachlichen  eigentümlichkeiten  des  Geron  denn 
doch  nur  aus  einem  grösseren  zusammenhange  gewinnen. 

Die   bestrebungen    der   Schweizer,    die   dichterische   spräche    des 
18.  Jahrhunderts  aus  dem  frischen  born  der  Volkssprache  und  aus  der 
mittelhochdeutschen  und  älteren  neuhochdeutschen  spräche  zu  bereichern 
und  zu  verjüngen,    hatten  vielfachen  Widerspruch,   aber  auch  mannig- 
fache forderung  erfahren.   Im  Nordischen  aufseher  wies  Klopstock  darauf 
hin,    dass  man  ältere  sprachformen  und  Wörter  mit  vernünftiger  aus- 
wahl  widerbeleben  solle;    dass  Luther,    Opitz  und  Haller  die  nachzu- 
ahmenden muster  seien.    In  ähnlichem  sinne  erneuert  Lessing  das  an- 
denken Logaus.     Von  gröster  Wichtigkeit  jedoch  ist  hier  das  auftreten 
Herders.     In  den   „Fragmenten   über   die   neuere   deutsche  litteratur" 
fordert  er  (H.  19,  31),   dass   man   die  Idiotismen   aus  den  zeiten  der 
meistersänger,  des  Opitz  und  Logau,  des  Luthers  usw.  samle  und  inson- 
derheit mehr  von  Klopstock  lerne.     Auch  die  kühnheit  der  Idiotismen 
bei  einem  einzelnen  autor  gebe  gelegenheit,   auf  sein  genie  zu  achten. 
Er  nimt  sich  der  Schweizer  an,   die  zwar  manches  übertrieben  hätten, 
deren  gutes  aber  noch  zu  wenig  geprüft  sei.     Er  rühmt  das  verdienst, 
das  sich  der  „patriarchische  Bodmer"  durch  die  herausgäbe  der  Minne- 
sänger erworben,   ein  verdienst,   das  seiner  meinung  nach  grösser  ist, 
als  das  Lessings  durch  seinen  Logau.     Noch  schärfer  spricht  sich  hier- 
über die  zweite,   rechtmässig  nie  zur  ausgäbe  gekommene  aufläge  der 
fraginente   aus   (H.  19,  351):    „Können   wir   uns   also   auch   nicht   für 
f^'i6x&ov€g  ausgeben,  so  wollen  wir  uns  doch  derselben  (der  idiotismen) 
^s  eines  eigentums  rühmen   und  mit  patriotischem  stolze  idioten  sein 
^^h  der  griechischen   bedeutuug   dieses  wertes".     Und  s.  360:    „Ich 
komme  von  ihm  (Klopstock)  zu  Luthern  zurück,   um  über  ihn  einen 
commentar   und   aus   ihm    eine   anthologie   zu   wünschen.     Auch   mit 
Opitzens  spräche  selten  wir  vertrauter  werden  . . .    Erst  solte  man  doch, 
öhe  man  über  deutsche  Schreibart  sprechen  will,   lernen,   was  wahres 
<leutsch  gewesen  ist  und  bleiben  wird".     S.  362.     „Nimt  man  diesen 
(den  Schriftstellern)    das  idiotische   ihrer  spräche   als  einer  lebendigen, 
^s  einer  angebornen,   als  einer  nationalsprache,    so   nimt  man   ihnen 
geist  und  kraft". 

Damit  berührt  es  sich,    wenn  er  gegen  Sulzer  die  uneigentlichen 
Wörter,  synonymen,  idiotismen  als  notwendige  bestandteile  einer  jeden 


238  SINGER 

sinlichen  spräche  in  schütz  nimt.  Freilich  verkent  er  die  Schwierig- 
keiten nicht,  die  unsere  spräche  zu  überwinden  hat,  um  etwa  die 
machtwörter  und  inversionen  Homers  nachzuahmen  (Fr.  40). 

Im  12.  und  13.  abschnitte  der  fragmente  legt  er  die  bedeutung 
der  inversion  für  den  sprachlichen  ausdruck  dar.  Diese  inversion  ist^ 
um  aufmerksamkeit  zu  erregen,  jene,  um  sie  zu  erhalten;  diese  über- 
rascht, jene  bewegt  die  ganze  seele  usw.  So  hatte  ja  auch  Bodmer 
(Pr.  LII)  die  metathesis  oder  Verwerfung  der  gewöhnlichen  Wortver- 
bindung für  eine  Ursache  vieler  und  verschiedener  Schönheiten  der  alt- 
deutschen spräche  erklärt. 

In  der  gleichen  tendenz  nun  veröffentlichte  im  jähre  1776  der 
deutsche  Mercur  eine  reihe  von  aufsätzen,  in  denen  das  leben  deut- 
scher schriftsteiler  und  gelehrter  aus  dem  Zeitalter  des  huraanismus  und 
der  reformation  dargestelt  wird. 

Diese  nachrichten,  die  sich  in  der  hauptsache  auf  Heinrich  Pan- 
taleons  „Teutscher  Nation  Heldenbuch"  stützen,  haben  für  uns  keinen 
wert  mehr.  Die  anregung  aber,  die  hier  gegeben  wurde,  muss  als 
eine  höchst  verdienstliche  angesehen  werden.  Im  februarheft  wird 
Sebastian  Brants  Schreibart  charakterisiert.  Seine  spräche  schwebe  zwi- 
schen deijenigen  der  minnesänger  und  dem  neuen  hochdeutschen  in 
der  mitte  und  habe  viele  Wörter,  die  noch  jezt  in  Schwaben  üblich 
und  mit  einer  menge  anderer  brauchbarer  alter  Wörter  von  spä- 
teren sprachverbesserern  unverständiger  weise  aus  der  Schriftsprache 
ausgemerzt  worden  seien.  „Es  wäre  zu  wünschen,  dass  ein  guter  teil 
dieser  ausser  cours  gekommenen  Wörter  wider  zurückgeholt  und  wenig- 
stens in  die  komische,  launigte.  satirische  und  burleske  Schreibart  — 
versteht  sich  mit  auswahl  und  geschmack  —  eingeführt  werde. 

In  diesem  sinne  ist  Wieland  bei  der  abfassung  des  Gandalin  vor- 
gegangen, der  im  selben  jähre  im  Deutschen  Mercur  erschien.  So  ist 
es  eine  ganz  unverkenbare  nachahmung  der  spräche  des  heldenbuches, 
wenn  das  6.  buch  mit  den  werten  begint: 

Sie  nahte  nun,  die  furchtbare  Stunde, 
Da  Gandalin  weit  grössre  Fahr 
Als  alle  ritter  der  tafeirunde 
Je  untergangen,  bestehen  war. 
Die  gefahr,  von  der  gesprochen  wird,  ist  die  belauschung  der  „Jelän- 
gergelieber"  im  bade. 

Als  quellen  werden  das  alte  heldenbuch  (wahrscheinlich  hatte 
Wieland  die  auch  von  Lessing  besprochene  Frankfurter  ausgäbe  von 
1560  vor  sich),  die  vier  ersten  bücher  des  deutschen  Amadis  aus  Gallia, 


ÜBER    ¥mCLAin)S  &ERON  239 

der  Teuerdank,  der  Froschmäuseier,  die  werke  Haus  Sachsens  und  das 
Narrenschiff  nebst  vielen  anderen  angegeben;  wie  ja  der  Froschmäu- 
seier auch  in  einer  anmerkung  zum  Geron  ein  in  bezug  auf  die  spräche 
klassisches  buch  genant  wird.  Dass  man  der  Sprachbereicherung  sehr 
bedürfe,  steht  nach  Wielands  meinung  ganz  ausser  frage. 

Die  folgenden  hefte  des  T.  M.  1776  bringen  die  biographien  Gei- 
lers von  Kaisersberg,  Ulrichs  von  Hütten,  Johannes  Fischarts  —  der 
übrigens  in  erster  linie  als  rechtsgelehrter  gefeiert  wird  u.  a.  m. 

Die  nachrichten  über  Hans  Sachs  werden  im  märzhefte  gegeben. 
Das  aprilheft  bringt  den  kräftigsten  protest  gegen  die  anmassenden 
kritiker,  die  über  die  männer  des  16.  Jahrhunderts  abgesprochen:  Goe- 
thes „Erklärung  eines  alten  holzschnittes,  darstellend  Hans  Sachsens 
poetische  sendung*'.  In  unmittelbarem  anschlusse  daran  wurden  zwei 
gedichte  des  Nürnberger  meistersängers  abgedruckt,  der  prächtige  schwank 
„St.  Peter  mit  der  Geis"  und  der  wunderliche  „Der  Liebe  Zanck". 

Bezeichnend  genug  ist,  dass  Bertuch  damals  den  Plan  einer 
ausgäbe  der  werke  Hans  Sachsens  fasste. 

Von  des  dichters  nianier  und  spräche  heisst  es  s.  95:  „Seine  alte, 
rauhe  aber  kräftige  spräche,  die  ungefeiltheit  seiner  verse,  die  holz- 
schnitmässige  Dürersche  manier  soll  uns  nicht  länger  hindern,  den 
geist,  das  herz,  die  in  allen  seinen  werken  leben,  zu  fühlen,  zu  erken- 
nen und  zu  lieben." 

Vergleicht  man  diese  werte  mit  den  oben  citierten  und  mit  der 
art,  wie  veraltete  wortfonnen,  Wörter  und  constructionen  im  Gandalin 
gebraucht  werden,  so  sieht  man,  dass  Wieland  in  verhältnismässig 
kurzer  zeit  seine  anschauungen  über  den  wert  der  alten  spräche  wei- 
tergebildet hat.  Im  Gandalin  wird  III,  170  ein  grosses  gemach  „alt- 
fränkisch verziert"  geschildert;  in  diesem  ist  Jelängerjelieber.  „So  steif, 
so  voller  Dürerscher  falten"  ist  .ihr  anzug.  Im  Geron  aber  ahmt  er 
die  alte  spräche  nach,  um  den  eindruck  ehrwürdiger  einfachheit  her- 
vorzubringen. 

An  diesen  einmal  gewonnenen  theoretischen  anschauungen  hält 
Wieland  auch  fest. 

In  der  abhandlung  „Über  die  frage:  Was  ist  hochdeutsch?" 
(W.  H.  38,  17)  erklärt  er  in  naher  Übereinstimmung  mit  Herder,  dass 
sich  diese  frage  nur  aus  den  werken  der  besten  schriftsteiler  beant- 
worten lasse,  und  dass  hievon  auch  die  schriftsteiler  des  16.  und  17. 
Jahrhunderts  nicht  ausgeschlossen  werden  dürften.  Die  älteren  dialekte 
seien  noch  inuner  als  gemeingut  und  eigentum  der  echten  deutschen 
spräche  anzusehen;   sie  bildeten  eine  art  fundgrube,   aus  welcher  man 


238  SINGER 

sinlichen  spräche  in  schütz  nirat.  Freilich  verkent  er  die  Schwierig- 
keiten nicht,  die  unsere  spräche  zu  überwinden  hat,  um  etwa  die 
machtwörter  und  inversionen  Homers  nachzuahmen  (Fr.  40). 

Im  12.  und  13.  abschnitte  der  fragmente  legt  er  die  bedeutung 
der  Inversion  für  den  sprachlichen  ausdruck  dar.  Diese  inversion  ist, 
um  aufmerksamkeit  zu  erregen,  jene,  um  sie  zu  erhalten;  diese  über- 
rascht, jene  bewegt  die  ganze  seele  usw.  So  hatte  ja  auch  Bodmer 
(Pr.  LII)  die  metathesis  oder  Verwerfung  der  gewöhnlichen  Wortver- 
bindung für  eine  Ursache  vieler  und  verschiedener  Schönheiten  der  alt- 
deutschen spräche  erklärt 

In  der  gleichen  tendenz  nun  veröffentlichte  im  jähre  1776  der 
deutsche  Mercur  eine  reihe  von  aufsätzen,  in  denen  das  leben  deut- 
scher Schriftsteller  und  gelehrter  aus  dem  Zeitalter  des  huraanismus  und 
der  reformation  dargestelt  wird. 

Diese  nachrichten,  die  sich  in  der  hauptsache  auf  Heinrich  Pan- 
taleons  „Teutscher  Nation  Heldenbuch"  stützen,  haben  für  uns  keinen 
wert  mehr.  Die  anregung  aber,  die  hier  gegeben  wurde,  muss  als 
eine  höchst  verdienstliche  angesehen  werden.  Im  februarheft  wird 
Sebastian  Brants  Schreibart  charakterisiert.  Seine  spräche  schwebe  zwi- 
schen deijenigen  der  minnesänger  und  dem  neuen  hochdeutschen  in 
der  mitte  und  habe  viele  Wörter,  die  noch  jezt  in  Schwaben  üblich 
und  mit  einer  menge  anderer  brauchbarer  alter  Wörter  von  spä- 
teren Sprachverbesserem  unverständiger  weise  aus  der  Schriftsprache 
ausgemerzt  worden  seien.  „Es  wäre  zu  wünschen,  dass  ein  guter  teil 
dieser  ausser  cours  gekommenen  Wörter  wider  zurückgeholt  und  wenig- 
stens in  die  komische,  launigte.  satirische  und  burleske  Schreibart  — 
versteht  sich  mit  auswahl  und  geschmack  —  eingeführt  werde. 

In  diesem  sinne  ist  Wieland  bei  der  abfassung  des  Oandalin  vor- 
gegangen, der  im  selben  jähre  im  Deutschen  Mercur  erschien.  So  ist 
es  eine  ganz  unverkenbare  nachahmung  der  spräche  des  heldenbuches, 
wenn  das  6.  buch  mit  den  werten  begint: 

Sie  nahte  nun,  die  furchtbare  Stunde, 
Da  Gandalin  weit  grössre  Fahr 
Als  alle  ritter  der  tafeirunde 
Je  untergangen,  bestehen  war. 
Die  gefahr,  von  der  gesprochen  wird,  ist  die  belauschung  der  „Jelän- 
gergelieber''  im  bade. 

Als  quellen  werden  das  alte  heldenbuch  (wahrscheinlich  hatte 
Wieland  die  auch  von  Lessing  besprochene  Frankfurter  ausgäbe  von 
1560  vor  sich),  die  vier  ersten  bücher  des  deutschen  Amadis  ausOallia, 


ÜBER    WIELANDS  &ERON  239 

der  Teuerdank,  der  Proschmäuseler,  die  werke  Hans  Sachsens  und  das 
Narrenschiff  nebst  vielen  anderen  angegeben;  wie  ja  der  Froschmäu- 
seler  auch  in  einer  anmerkung  zum  Geron  ein  in  bezug  auf  die  spräche 
klassisches  buch  genant  wird.  Dass  man  der  Sprachbereicherung  sehr 
bedürfe,  steht  nach  Wielands  meinung  ganz  ausser  frage. 

Die  folgenden  hefte  des  T.  M.  1776  bringen  die  biographien  Gei- 
lei-s  von  Kaisersberg,  Ulrichs  von  Hütten,  Johamies  Pischarts  —  der 
übrigens  in  erster  linie  als  rechtsgelehrter  gefeiert  wird  u.  a.  m. 

Die  nachrichten  über  Hans  Sachs  werden  im  märzhefte  gegeben. 
Das  aprilheft  bringt  den  kräftigsten  protest  gegen  die  anmassenden 
kritiker,  die  über  die  männer  des  16.  Jahrhunderts  abgesprochen:  Goe- 
thes „Erklärung  eines  alten  holzschnittes,  darstellend  Hans  Sachsens 
poetische  sendung".  In  unmittelbarem  anschlusse  daran  wurden  zwei 
gedichte  des  Nürnberger  meistersängers  abgedruckt,  der  prächtige  schwank 
„St  Peter  mit  der  Geis"  und  der  wunderliche  „Der  Liebe  Zanck". 

Bezeichnend  genug  ist,  dass  Bertuch  damals  den  Plan  einer 
ausgäbe  der  werke  Hans  Sachsens  fasste. 

Von  des  dichters  manier  und  spräche  heisst  es  s.  95:  „Seine  alte, 
rauhe  aber  kräftige  spräche,  die  ungefeiltheit  seiner  verse,  die  holz- 
schnitmässige  Dürersche  manier  soll  uns  nicht  länger  hindern,  den 
geist,  das  herz,  die  in  allen  seinen  werken  leben,  zu  fühlen,  zu  erken- 
nen und  zu  lieben." 

Vergleicht  man  diese  werte  mit  den  oben  citierten  und  mit  der 
art,  wie  veraltete  wortfonnen,  Wörter  und  constructionen  im  Gandalin 
gebraucht  werden,  so  sieht  man,  dass  Wieland  in  verhältnismässig 
kurzer  zeit  seine  anschauungen  über  den  wert  der  alten  spräche  wei- 
tergebildet hat.  Im  Gandalin  wird  HI,  170  ein  grosses  gemach  „alt- 
fränkisch verziert"  geschildeii;  in  diesem  ist  Jelängeqelieber.  „So  steif, 
so  voller  Dürerscher  falten "  ist .  ihr  anzug.  Im  Geron  aber  ahmt  er 
die  alte  spräche  nach,  um  den  eindruck  ehrwürdiger  einfachheit  her- 
vorzubringen. 

An  diesen  einmal  gewonnenen  theoretischen  anschauungen  hält 
Wieland  auch  fest. 

In  der  abhandlung  „Über  die  frage:  Was  ist  hochdeutsch?" 
(W.  H.  38,  17)  erklärt  er  in  naher  Übereinstimmung  mit  Herder,  dass 
sich  diese  frage  nur  aus  den  werken  der  besten  Schriftsteller  beant- 
worten lasse,  und  dass  hievon  auch  die  schriftsteiler  des  16.  und  17. 
Jahrhunderts  nicht  ausgeschlossen  werden  dürften.  Die  älteren  dialekte 
seien  noch  inmier  als  gemeingut  und  eigentum  der  echten  deutschen 
spräche  anzusehen;   sie  bildeten  eine  art  fundgrube,   aus  welcher  man 


240  SINGER 

der   scliriftsprache   in    fällen,   wo   es  vonnöten   sei,    zu  hilfe   kommen 
könne. 

Entscheidenden  einfluss  auf  die  diction  des  Geron  übte  auch  der 
sprachliche  Charakter  der  vorläge.  Der  auszug  der  Bibliothöque  gibt 
nämlich  an  den  bedeutendsten  stellen  den  alten  roman  ziemlich  getreu 
wider.  Da  finden  sich  denn  veraltete  formen,  Wörter,  deren  bedeutung 
einer  erklärung  bedurfte,  die  dann  in  klammern  beigefügt  ist.  Ebenso 
finden  sich  einzelne  constructionen,  die  dem  französischen  des  18.  Jahr- 
hunderts nicht  mehr  geläufig  sind.  Zu  diesen  stellen  kommen  andere, 
die  zwar  auch  durch  anführungszeichen  als  wörtlich  aus  dem  originale 
herübergenommen  bezeichnet  werden,  an  denen  sich  jedoch  der  excerp- 
tor  änderungen  erlaubt  hat.  Zeichnen  sich  diese  stellen  im  ganzen 
durch  einen  naiv-volksmässigen,  herzens warmen  ton  aus,  so  ist  dage- 
gen der  ganz  von  Tressan  herrührende  rest  von  kühlem  rhetorisieren- 
den  Charakter,  reich  an  ausrufen,  reflexionen  u.  dgl. 

"Was  Wieland  in  sprachlicher  beziehung  zur  nachahmung  reizte, 
waren  die  älteren,  echten  teile.  Er  will  ein  „deutsches  Gaulois*' 
schaffen. 

Für  die  richtige  beurteilung  des  grades  der  kühnheit,  die  Wie- 
land sich  als  Sprachbildner  zuschreibt,  ist  der  vergleich  seiner  spräche 
mit  dem,  was  in  Adelungs  Wörterbuch^  als  hochdeutsch  bezeichnet 
wird,  sehr  lehrreich'  Man  muss  hiebei  jedoch  darauf  achten,  dass  Wie- 
land bei  der  abfassung  des  Geron  nur  die  beiden  ersten,  bis  inclusive 
R  reichenden  bände  des  Wörterbuches  benützen  konte  —  die  vorrede 
des  dritten  bandes  ist  von  der  ostermesse  1777  datiert  — ;  dass  ihm  aber 
bei  der  zweiten  bearbeitung  das  volständige  werk  zur  Verfügung  stand. 

Demgcmäss  kann  in  T.  M.  nur  dasjenige  als  trotz  Adelung 
geschaffen  angesehen  werden,  was  in  die  vorbezeichneten  grenzen  falt 
Für  alles  übrige  lehrt  der  vergleich  zunächst  nur,  worin  Wielands 
Geron  von  dem  abweicht,  was  Adelung  als  sprachrichtig  gilt. 

Manche  änderungen  von  W.  gegenüber  T.  M.  dürften  auf  den 
einfluss  des  Wörterbuches  zurückzuführen  sein;  im  ganzen  und  grossen 
jedoch  hat  Wieland  an  den  grundsätzen  festgehalten,  die  für  ihn  bei 
der  ersten  abfassung  massgebend  waren.  Für  dasjenige,  was  in  W. 
beibehalten  ist,  kann  also  der  ganze  Adelung  in  derselben  weise  zum 
vergleiche  herangezogen  werden,  wie  für  den  ersten  teil  des  wortvor- 
rates  von  T.  M. 

Der  grundsätzliche  gegensatz  zwischen  Wieland  und  Adelung 
könte  leicht  überschäzt  werden,   wenn  man  es  unterliesse   auf  einige 

1)  Das  Wielaud  bekantlich  sehr  gewissenhaft  und  fleissig  benüzt  hat 


ÜBEB  WIBLAND6   OERON  241 

wichtige  bemerkungen  in  der  vorrede  zum  ersten  bände  des  Wörter- 
buches näher  einzugehen.  „Die  sogenante  höhere  Schreibart",  sagt 
Adelung,  „arbeitet  unaufhörlich  an  dem  untergange  der  mundart  des 
täglichen  Umganges.  Da  sie  nicht  immer  neue  bilder,  neue  Wahrhei- 
ten sagen  kann,  so  will  sie  die  alten  sachen  doch  immer  wenigstens 
mit  neuen  Wörtern  nennen.  Sie  nimt  alsdann  ihre  Zuflucht  gemeinig- 
lich zu  der  oberdeutschen  mundart  ....  Ein  glück  wäre  es  noch, 
wenn  es  auf  diesem  wege  behutsam  fortgienge;  die  oberdeutsche  mund- 
art hat  einen  solchen  reichtum  an  unerkanten  erhabenen  ausdrücken 
und  Wortfügungen,  dass  sie  die  hochdeutschen  dichter  und  rcdner  noch 
Jahrhunderte  hindurch  damit  versehen  kann,  ohne  erschöpfet  zu  werden. 
Sie  (die  hd.  mundart)  figieren  und  auf  alle  folgende  Zeitalter  einschrän- 
ken zu  wollen,  heisst  den  lauf  aller  menschlichen  dinge  verkennen. 
Man  müste  zugleich  auch  den  künsten  und  Wissenschaften,  den  moden, 
ja  der  ganzen  art  zu  denken  und  handeln  auf  ewig  grenzen  setzen". 

Man  sieht,  auch  der  conservative  Adelung  kann  sich  den  einflüs- 
sen  der  neuerer  auf  sprachlichem  gebiete  nicht  völlig  entziehen,  so 
wenig  freundlich  er  ihnen  auch  gegenübersteht.  Gegenüber  den  oben 
(s.  239)  erwähnten  äusserungen  Wielands,  dass  sich  die  frage,  was 
hochdeutsch  sei,  nur  aus  den  werken  der  besten  Schriftsteller  beant- 
worten lasse,  und  dass  hiervon  auch  die  schriftseller  des  16.  und  17. 
Jahrhunderts  nicht  ausgeschlossen  werden  dürften,  weist  es  doch  auf 
eine  bedeutsame  Verschiedenheit  der  anschauungen,  wenn  Adelung  in 
ansehung  der  reinigkeit  der  spräche  keinem  Schriftsteller  das  prädikat 
„klassisch"  zugestehen  will,  die  aufnähme  veralteter  und  provinzieller 
bedeutungen  und  Wortfügungen  aus  Luther,  Opitz,  Logau,  Flemming 
des  weiteren  rechtfertigt  und  diese  rechtfertigung  mit  den  werten 
schliesst:  „solte  es  auch  nur  geschehen  sein,  um  den  unkundigen  oder 
ausländischen  leser  zu  warnen". 

Ich  führe  nun  aus  dem  wortvorrat  des  Geron  die  irgend  auffal- 
ligeren Wörter  in  alphabetischer  Ordnung  an,  ähnlich,  wie  es  Wieland 
selbst  in  seinen  anmerkungen  zum  Geron  (Teutscher  Merkur  1777, 
s.  132  u.  fgg.)  gehalten  hat. 

Adelieh.  Hiezu  bemerkt  Wioland  (T.  M.  132):  ^Ich  gebrauche  dieses  wert  als  eiu 
äquivalent  für  das  französische  courtois.  In  unsern  zelten  wird  edel  mehr  gebraucht, 
den  adel  des  gemüts  und  der  sitten,  adelich  hiugogtin  mehr  den  adel  der  geburt 
zu  bezeichnen.  Bei  unsern  alten  war  es  just  umgekehrt.  Sie  sagten  edel  von 
geburt,  adelich  von  sitten*^.  Wieland  verweist  auf  den  Sprachgebrauch  der  alten 
Übersetzung  des  Amadis  deGaide,  in  welcher  courtois  häufig  durch  adolich  wider- 
gegeben wird.  Dass  er  es  nicht  mit  höflich  übei'sotzc.  n'clitfortigt  «m-  mit  der  al)go- 
schliffenen  bedeutung  dieses  wortes.     Courtois  —  adelich  ist  ihm  gleichbedeutend 

ZKITSCHVIFT  F.    DEUTSCHE   PHII.0L0GIE.     BD.  XXV.  1^ 


v-'- 


242  SINGEB 

mit  xaXbg  xal  ayad^og.  Er  verwahrt  sich  jedoch  hier  ebenso  wie  in  der  etwas  kür- 
zeren auf  dieses  wort  bezüglichen  stelle  der  vorrede  dagegen,  dass  er  damit  dem 
adel  ein  kompliment  machen  wolle. 

In  demselben  sinne  gebraucht  das  wort  auch  Luther:  ,,die  aller  adiligiste 
und  theuei*ste  tugend"  (Briefe  2,  254).  —  Und  hetten  ir  mir  bestanden  —  mit 
ellenhaften  banden  —  das  were  adelich  getan  (Hdb.  707,  31).  —  schön,  wolerzo- 
gen,  adelich  (H.  S.  der  ermört  Lorenz  z.  5)  von  einer  kaufmannstochter.  —  Sowol 
T.  M.  als  W  haben  adelich.  Diese  Schreibung  schlägt  auch  Adelung  für  die  figür- 
liche anwendung  des  wertes  vor  und  bemerkt  weiter:  In  dieser  figürlichen  bedeu- 
tung  fängt  das  wort  an  zu  veralten ,  vermutlich ,  weil  die  Sache  selbst  bei  unserem 
heutigen  adel  aus  der  gewohnheit  gekommen  ist. 

Anmuthen,  sich  =  sich  anmassen.  Adelung  weist  das  einfache  „anmuten  jmd. 
etwas  ^  dem  gemeinen  leben  zu.  Die  Verbindung  mit  dem  refiexivpronomen  fehlt 
ganz. 

Ansprengen  auf:  „Sprengt  im  stürm  auf  seinen  gegner  an*^.  DWb.  I,  470  gibt  zahl- 
reiche beispiele  für  a.  mit  blossem  accusativ  =  concitato  equo  aggredi,  aber  keines 
für  a.  auf  —  schnell  auf  jemand  losretten.  Das  gleiche  gilt  von  Adelung,  der 
das  wort  als  tätiges  Zeitwert  von  anspringen  erklärt. 

Arbeit:  „Und  könig  Artus  kaum  mit  arbeit  . . .  sich  festhielt^  W.  16.  m.  a.  =  mit 
muhe;  DWb.  I,  540.  Bed.  6:  „Hieran  grenzt  unmittelbar  die  von  schwerer  knechts- 
arbeit  zuerst  abgeleitete  abstraktion  grosser  mühe  und  anstrengung.  „Der  wird 
uns  trösten  in  unserer  mühe  und  erbeit  auf  erden  L.  1.  Mos.  5,  29.  Ich  habe  sie 
(die  heil,  schrift)  über  zwelf  jähre  gelehrt  mit  grosser  schwerer  erbeit  L.  6,  24a*. 
Die  hier  citierten  beispiele  lassen  das  wort  minder  entfernt  von  seiner  ursprüng- 
lichen bedeutung  erscheinen,  als  es  bei  "Wieland  gebraucht  wird.  Vgl.  aber  Ade- 
lung: „Im  hochdeutschen  ist  diese  bedeutung  (sorge,  veixlruss)  nicht  mehr  üblich, 
ausser  dass  aibeit  zuweilen  noch  für  mühe  gebraucht  wird". 

Aufsclimticken :  ein  aufgeschmücktes  ross  W.  Das  wort  klingt  gegenwärtig  veraltet 
DWb.  727,  wo  es  mit  exomare,  denuo  ornare  erklärt  wird,  gibt  beispiele  aus  Goe- 
the, Musäus,  Tieck  und  Jean  Faul.  Auch  bei  Adelung  erscheint  das  wort  als 
durchaus  gebräuchlich. 

Auslaufen,  sich:  und  so  bald  sein  ross  Sich  ausgelaufen  W  16.  S.  a.  =  genug  lau- 
fen, vom  pferde,  das  in  der  carriere  schwer  lenkbar  ist  und  erst  almählich  in  eine 
mindere  gangaii  übergeht,  „sich  auslaufen"  muss.  Diese  bedeutung  fehlt  DWb.  I, 
904.  a.  7.  nur  „sich  auslaufen:  nach  langem  sitzen  sich  bewegen,  gleichsam  die 
beine  wider  auslaufen.  Auch:  sich  ermüden".  Auch  bei  Adelung  nur  die  erklä- 
rung:  Sich  durch  laufen  gehörige  bewegung  machen. 

Auswägen :  Er  hatte  aus  einem  grossen  häufen  Speere  . . .  den  schwersten  ausgewo- 
gen W.  19.  In  Verbindung  der  wörtlichen  und  der  übertragenen  bedeutung  = 
nach  dem  gewichte  prüfend  wählen;  fehlt  DWb.  I,  1008.  Angegeben  bei  Adelung 
A.  1.  Heraus  wägen,  nach  dem  gewichte  aussuchen. 

Bar:  aller  ehren  bar  W.  51.  Wieland  selbst  erklärt  T.  M.  133:  soviel  als  nackt, 
entblösst,  ausgezogen  ....  wird  durch  unser  beraubt  nicht  völlig  ersezt  Auch 
Bodmer  findet  es  nötig,  das  wort  im  glossar  zu  den  Proben  zu  erläutern.  Damit 
stimt  es,  dass  die  DWb.  I,  1057  angeführten  beispiele  aus  dem  18.  und  19.  Jahr- 
hundert für  diese  bedeutung  durchweg  jünger  sind  als  die  Proben.  Adelung  erklärt 
das  wort  in  der  bedeutung  unserer  stelle  für  gänzlich  veraltet. 


ÜBBR   WIBLANDS   GKBON  243 

Berufen:  ...  bis  zu  heiss  die  wunde  brent,  sie  dem  —  zu  bergen  W.  36.  b.  = 
verbergen,  verhehlen,  vor  DWb.  I,  1508,  4.  Adelung  bezeichnet  das  wort  als  nur 
noch  im  oberdeutschen  üblich,  citiert  jedoch  beispiele  auch  aus  Schlegel. 

Bewähmngr:  zu  bewährung,  wem  in  ritterschaft  —  der  preis  gebühre  "W.  15.  Das 
wort  ist  hier  in  der  bedeutung  exploratio  gebraucht,  ähnlich  wie  T.  M.  5  entspre- 
chend hat:  und  zu  bewähren,  wenn  usw.,  wo  b.  =  explorare,  dartun,  prüfen. 
Vgl.  Und  welcherlei  eines  jeglichen  werk  sei,  wird  dies  fouer  bewähren.  L.  1.  Cor. 
3,  13.  —  Die  hier  entsprechende  bedeutung  fehlt  DWb.  I,  1765.  Adelung  hat 
bewährung  überhaupt  nicht;  unter  bewähren  erkläit  er  die  bedeutung  „prüfen''  für 
veraltet 

Dame:  wird  sowol  für  gemahlin  als  für  geliebte  gebraucht.  Vgl.  DWb.  U,  702  und 
Adelung:  Dame  „ein  vornehmes  frauenzimmer,  besonders,  wenn  es  verheurathot  ist". 

Dank:  Den  dank  davonzutragen  W.  45.  Den  dank  des  tumeys  zu  gewinnen  W.  48. 
trugen  .  .  .  des  tumeys  dank  davon  W.  48.  Wieland  erläutert:  „Dank  ist  das 
eigentliche  wort  für  den  preis,  der  dem  sieger  im  turney  zuerkant  wurde.  Man 
sagte  nie  preis  des  turniers,  sondern  dank.  —  Er  hat  den  dank  gewonnen''  T.  M. 
133.  Wieland  verwendet  das  wort  auch  im  Oberen  zweimal  in  der  gleichen  bedeu- 
tung: trug  durch  hinterlist  . . .  den  dank  davon  I,  35,  Und  ratet,  welchen  dank  der 
Sieger  heut  erhält  XU,  81.  Seitdem  ist  der  gebrauch  dank  =  siegespreis  wider 
in  aufaahme  gekommen;  vgl.  Schillers  Handschuh:  den  dank,  dame,  begehr  ich 
nicht!  Dazu  DWb.  II,  731.  9.  Wielands  vorlagen:  Gott  geb  im  glück  in  dem 
tumier,  dass  im  der  höchst  dank  heimgfall  H.  S.  h.  S.  289.  Adelung:  besonders 
bedeutete  dieses  wort  ehedem  die  belohnung,  die  der  überwinder  bekam,  den  preis; 
dazu  ein  beispiel  aus  Opitz  citiert. 

Begren:  der  edle  degen  Uther  Pandragon  T.  M.  10;  im  W.  23  ersezt  durch  der  edle 
ritter  usw.  —  Degen  =  held,  ritter.  —  Aber  der  teurdauk  der  degen  rein  — 
beschüzte  sich  mit  rechter  mass  W.  83,  58;  wer  ist  der  reine  degen,  der  ims  die 
lere  git  Hdb.  63,  22.  Zur  geschichte  des  wertes  DWb.  II,  895:  „Vom  14.  Jahr- 
hundert kam  es  (das  wort)  in  abnähme.  In  neuerer  zeit  erscheint  es  wider  häu- 
figer, aber  man  betrachtete  es  als  einen  bildlichen  ausdruck  von  ensis**.  Vielleicht, 
dass  Wieland  die  änderung  von  degen  in  ritter  eben  mit  rücksicht  darauf  — 
man  denke  an  die  wenig  heldenmässigen  galanteriedegen  des  18.  Jahrhunderts  — 
vornahm.  Im  Gandalin  ist  das  wort  II,  169  und  III,  172,  beidemale  in  scherz- 
haft spöttelnder  anrede  verwendet.  Adelung  bezeichnet  das  wert  degen  in  der 
bedeutung  „kriegsmann,  rechtschaffener,  redlicher  mann'^  als  völlig  veraltet;  er 
citiert  Teuerdank  und  Logau. 

Desselben grleiehen  W.  51  =  desgleichen,  ibidem,  similiter;  die  DWb.  II,  1030  ange- 
führten beispiele  gehören  durchwegs"  der  älteren  spräche  an.  Adelung:  „Die  ver- 
längerte form  desselbengleichen ,  welche  in  der  deutschen  bibel  mehrmals  vorkömt, 
ist  im  hochdeutschen  völlig  veraltet. 

Dfenen:  und  zwanzig  dienten  bei  der  tafel  T.  M.  11;  verändert  in:  zwanzig  andre 
pflegten  des  diensts  dabei  —  Und  zwanzig  bei  der  tafül  W.  25.  Vgl.  DWb.  II, 
1105  d.  5,  ab.  —  Adelung:  Zu  tische  dienen,  bei  tische  aufwarten,  im  gemeinen 
leben  sowol  Nieder-  als  Oberdeutschlands. 

DureUaiieht:  durchlauchter  herr  W.  14;  d.  =  durchlauchtig;  vgl.  DWb,  II,  1638; 
Adelung  kent  vor  Substantiven  nur  den  gebrauch  der  form  durchlauchtig,  die  er 
auch  unter  durchlaucht  (adjectiv)  bespncht. 

16* 


244  SINGER 

Ehrlich:  Je  ehrlicher  sie  sprachen,  desto  gröber  ward  herr  Flaunz  "W.  42.  Dazu 
Wieland  T.  M.  133:  ,,In  der  alten  bedeutung,  in  der  es  hier  genommen  wird,  mit 
dem  französischen  werte  honnete  gleichbedeutend  und  also  mit  höflich  beinahe 
einerlei.  Gleichwol  ist  zwischen  diesen  beiden  synonymen  noch  ein  feiner  unter- 
schied. Höflich  sprechen  kann  auch  ein  schalk;  ohi'lich  sprechen  ist  höflichkeit  des 
biedermannes.  In  diesem  sinne  ist  das  wort  ehrb'ch  im  alten  Amadis  und  in  andern 
werken  dieser  art  vom  15.  und  16.  Jahrhundert  immer  gebraucht".  —  Das  wort 
verbindet  also  hier  die  D"Wb.  EI,  70  e  gegebenen  bedeutungen  3  ehrlich  =:  red- 
lich, ohne  falsch  von  leuten,  und  5  =  xiemend,  anstäfidig  von  Sachen.  Bei 
Adelung  passt  hierher  am  nächsten  I  (3)  dem  äusseren  wolanstande  der  reinigkeit 
der  Sitten  gemäss,  im  gemeinen  leben. 

Enthalten  sich:  während  Geron  sich  zu  Maloauc  enthielt  W.  38;  wo  ein  guter,  alter 
litter  sich  enthielt  "W.  67.  =  sich  aufhalten.  DWb.  11,  551.  C.  1  führt  dazu  zahl- 
reiche beispiele  namentlich  aus  Luther  an ;  u.  a. :  Da  zog  Abraham  hinab  in  Ägyp- 
ten, dass  er  sich  daselbst  enthielte  I.  Mos.  12,  10,  auch  sonst  ist  es  sehr  häufig, 
wild  aber  gegen  das  18.  Jahrhundert  zu  immer  seltener.  Aus  der  zeit  der  klas- 
siker  weist  DWb.  nur  die  beiden  fälle  im  Geron  nach.  Adelung  erklärt  diese  ganze 
bedeutung  für  veraltet. 

Entstehet:  Entstehet  eurem  treuen  ritter  nicht  TM.  8  =  verlasst  ihn  nicht.  Verlasset 
euren  usw.  W. 

Erbe:  Das  Hektor  Braun  . . .  sterbend  ihm  zum  erbe  liess  W.  61  =  erbschaft,  erb- 
stück;  DWb.  3,  710.  6:  „Neben  verba  setzen  wir  statt  des  einfachen  erbe  heutzu- 
tage das  schlagendere  erbschaft.  Es  heisst  nicht  erbe  laxen,  sondern  erbschaft 
hinterlassen.  Noch  bei  Schweinichen :  „Was  for  erbe  s.  f.  G.  gelassen*'.  —  Erben 
=  „zum  erbe"  geben  im  glossar  zu  den  Proben  277.  Adelung  (5)  bezeichnet 
das  wort  als  im  gemeinen  leben  noch  häufig  füi-  orbschaft  angewendet;  dazu  citiert 
er  Geliert:  das  diitte  gebetbuch  hat  sie  aus  dem  väterlichen  erbe  bekommen. 

Erhidmen:  Dass  die  erde  unter  ihrem  stampfen  —  erbidmete  W.  15  =  erbeben, 
erzittern.  DWb.  III,  722  tremere  =  dem  einfachen  bidmen:  Rauten  also  neidigk- 
lich  auf  einander,  dass  man  bedaucht  das  feld  erbidmet  unter  ihnen  Aimon  s.  1*. 
Und  fiel  so  ungestümiglich  emider,  dass  das  erdrich  . .  erbidmet  Buch  der  liebe 
274,  1.  —  Auch  die  übrigen  zahlreichen  beispiele  gehören  durchwegs  der  älteren 
spräche  an.    Das  wort  fehlt  bei  Adelung;  ebenso  bidem,  bidmen. 

Erfrenen  sich:  erfreut  sich  ohne  mass  W.  57  =  sich  freuen.  DWb.  m,  807,  2  nur 
mit  gen.  der  sache  oder  präposition.  —  Bei  Adelung  e,  2  im  gleichen  gebrauche  wie 
bei  Wieland:  ich  erfreue  mich,  dass  es  dir  wolgeht. 

Frech:  nichts  mocht  ihm  seine  vorsieht  frommen,  nichts  —  sein  frecher  mut  W.  19 
=  kühn,  verwegen;  sonst  überwiegt  nhd.  die  üble  bedeutung.  (DWb.  IV,  1,  92.) 
vgl.  ich  verwunder  mich,  wie  du  deines  tods  so  frech  warten  darfst  Am.  125.  Die 
gute  bedeutung  wird  von  Adelung  als  veraltet  bezeichnet;  doch  im  sächsischen 
churkreise  „der  rocken  ^vuchs  in  wenig  tagen  so  frech,  dass  man  sich  darüber  ver- 
wunderte" d.  i.  stark,  mutig. 

Frommen,  s.  o.  =  nützen.  Wieland  hält  es  für  nötig,  diesen  gebrauch  durch  die 
berufuDg  auf  Hdb.  zu  rechtfertigen  (T.  M.  133).  „Der  stein  ist  aber  stark  —  er 
frunit  dich  in  ein  jare  —  wol  achczig  tausent  mark.  Hdb.  32,  28.  Ich  habe  es 
zwar  alles  macht,  aber  es  frombet  nicht  L.  1.  Ck)r.  1,  12.  Doch  bietet  DWb.  auch 
mehlfache  beispiele  für  diesen  gebrauch  aus  der  zeit  kurz  vor  und  nach  dem  Ge- 


ÜBER   WIELANDS   GERON  245 

roD.    Adelung:    =  nutzen,    vorteil  bringen,    ein  wort,  welches  im  hochdeutschen 
ungewöhnlich  geworden.    Darum  die  erklärung  im  T.  M.? 

Fraeht:  Des  hatt'  (hätt'  T.  M.)  er  wenig  finicht  W.  44.  Dazu  T.  M.  133:  „die  gewöhn- 
liche alte  redensart  für:  er  hatte  wenig  nutzen,  vorteil  davon.  Ohne  Wiolands 
erläuterung  läge  es  näher  frucht  hier  in  der  DWb.  IV,  1,  263,  5  c  erörterten  bedeu- 
tung  folge,  erfolg  aufzufassen.  So  auch  Adelung:  (5)  folgen,  erfolg,  (a)  die  guten 
folgen,  der  nutzen.    Die  Verbindung  „wenig  frucht"  fehlt  bei  Adelung. 

Oaekeln:  mögen  sie  —  Was  ihnen  lüstet,  gackeln  W.  44;  =  schwätzen.  DWb.  IV, 
1,  1128.  1.  Vom  geschrei  der  hühner.  2.  Danach  von  menschen ,  besondei-s  frauon; 
rheinisch  =  hell  lachen,  sonst  =  plaudern,  schwätzen.  Wieland  gibt  damit  B. 
u.  63  laissons  les  exorcer  leur  jactance  wider.  Die  form  gackeln  bei  Adelung  nicht 
angegeben;  von  gackern  nur  die  wörtliche  bedeutung. 

€reeken :  der  ...  die  unbekanten  ritter  geckto  W.  44  =  xwm  narrc7i  haben ,  höhtienj 
vgl.  DWb.  IV,  1,  1921/2.  Adelung:  im  gemeinen  leben  einiger  gegenden  vexieren ; 
jemanden  gecken  oder  ausgecken  =  seiner  Schwachheit  spotton. 

Helmlin:  nimt  das  helralin  ab  T.  M.  123;  verändert  in:  nimt  die  haubo  ab  W.  61  = 
si  die  son  haubert  B.  u.  78.  H.  =  heim.  DWb.  IV,  2  .  .  .  H.  1  =  kleiner 
heim.  Das  wort  wird  aber  vielfach  geradezu  für  heim  verwendet;  an  der  DWb. 
citierten  stelle:  mit  einem  schwerdt,  helbmlein  und  schildt  H.  S.  3,  2,  238*  ist  die 
bedeutung  kleiner  heim  ganz  ausgeschlossen,  wie  der  volständige  Wortlaut  dersel- 
ben lehrt:  „der  ris  komt  usw.**  Wieland  mochte  das  wort  W.  61  durch  hauhe 
ersezt  haben,  weil  er  annahm,  dass  es  zu  nahe  läge,  an  die  deminutive  bedeutung 
des  „-lein"  zu  denken. 

Heransgeifem:  alles  kurz  und  klein  herauszugeifem  W.  44.  Hier  wie  das  einfache 
geifern  im  16.  Jahrhundert  als  verächtlicher  ausdruck  von  nichtigen  roden,  aus- 
fuhrungen usw.  gebraucht;  jezt  denkt  man  gewöhnlich  an  giftig  lästerndes,  schmä- 
hendes reden.  Vgl.  DWb.  IV,  1,  2566  und  IV,  2,  1034,  wo  Wigandus  Ob  die 
newen  Wittenberger  22*  citiert  wird:  das  ir  wider  die  öffentliche  Schriften  ein 
blawen  dunst  herausgeifert.  Es  fehlt  bei  Adelung,  der  auch  das  einfache  geifern  nur 
in  der  bedeutung  geifer  fltessen  lassen  kent. 

Hinan:  ritt  zum  könig  hinan  W.  16.  =  hin,  hinzu,  dem  älteren  Sprachgebrauch 
gemäss,  während  es  in  jüngeren  quellen  sonst  auf  einen  höher  gelegenen  ort  zeigt. 
(DWb.  IV,  2,  1383)  und  die  damit  gebildeten  verba  der  bewegung  im  algemeinen 
ein  steigen  oder  klimmen  anzeigen.  Nach  Adelung  Wielands  gebrauch  ganz  regel- 
mässig: h.  ein  nebenwort,  ein  nahekommen  an  einen  ort  oder  eine  sache  zu  be- 
zeichnen. 

Hoehmnten:  der  ....  hochmutete  und  neckte  männiglich  W.  42.  Die  vermeinen 
ungestraft  —  uns  hochzumuten  W.  43  =  hochmütig  behandeln.  T.  M.  134:  „Einen 
hocbmuten,  ein  trefliches  wort,  das  wider  cours  zu  bekommen  verdient,  wie  es 
ehemals  sehr  gewöhnlich  war.  Sein  sinn  bedarf  keiner  erklämug.  Jodermann  sieht, 
dass  die  redensarten,  deren  wir  uns  bisher  als  mit  dieser  gleichbedeutend  bedient 
haben,  z.  e.  einem  hochmütig  trotzen,  einem  trutzen  u.  dgl.  das  wort  hochmuten 
keineswegs  ersetzen".  Das  wort  ist  namentlich  in  der  Amadisübersetzung  sehr 
häufig,  z.  b.:  ritter,  was  bewegt  euch  diese  fraw  also  schendlich  zu  hochmuten. 
Am.  4.  Grossen  verdriess  name  der  Juncker  ab  dem,  dass  er  jrer  so  viel  den  könig 
Perion  hochmuten  imd  trotzen  sähe  Am.  8.  Vgl.  auch  DWb.  IV,  2,  1627.  Bei 
Adelxmg  fehlt  das  wort.  Doch  findet  sich  in  der  anmerkung  zu  hochmut:  Im 
Oberdeutschen  hat  man  auch  das  Zeitwert  hochmütigen,  aus  hochmut  verhöhnen. 


246  SINGEB 

Hohn:  Lohn  dem  mann  X.  32  =  Et  tout  homme  est  honni  B.  n.  52.  =  schmach, 
schände.  DWb.  IV,  2,  1722  gibt:  1.  erniedrigung,  schmach,  schände,  die  einem 
widerfalirt:  da  kompt  Verachtung  mit  schmach  und  höhne.  L.  Spr.  Sal.  18,  3:  Die 
götzen  machen,  müssen  allosampt  mit  schmach  und  höhn  bestehen  Jes.  45,  16. 
Vereinzelt  auch  noch  bei  Bürger,  während  die  neuere  spräche  sonst  mit  höhn  den 
begiiff  (4)  übermütig  spottender  Verachtung  verbindet.  Adelung  bezeichnet  das  wort 
als  nur  der  edleren  Schreibart  angehörig  und  (1)  die  bedeutung  schände  als  grösten- 
teils  veraltet. 

Höhnen:  Und  höhnen  sie  uns  heute  —  Leicht  mags  sein,  es  reut  sie  morgen 
W.  43  (a).  —  Denn  gehöhnt  auf  ewig  —  Und  aller  ehren  bar  war  ich  geblieben 
W.  51  (b).  a  =  verhöhnen  DWb.  IV,  2,  1726.  h.  46.  —  b  =  „gering,  niedrig, 
verächtlich  machen  [car  j'etois  deshonoroe  ä  toujours]  eine  bedeutung,  die  nhd. 
noch  bis  ins   18.  Jahrhundert  vorkomt.     "Wen   hast   du    gehöhnt  und  gelästert  L. 

2.  Könige  19,  22.  Etliche  aber  griffen  seine  knechte,  höhnten  und  töteten  sie 
Math.  22,  6.  Der  Basler  nachdruck  des  neuen  testamentes  zählt  höhnen  unter  die 
der  orklärung  bedürftigen  Wörter  und  erläutert  es  durch  spotten,  schmähen,  schän- 
den ....  Sagt,  wer  ist  schimpflicher  gehöhnt  —  der  held,  von  dem  ein  Sch(ön- 
aich)  dichtet  —  der  dichter,  den  ein  G(ottsched)  krönt.  Lessing  1,  34.  Auch  bei 
Wieland  (eben  W.  51),  doch  nach  dessen  eigener  erklärung  in  nachahmung  der 
spräche  des  16.  jahrhundeiis"  DWb.  FV,  2,  1725  h,  1.  Adelung  gibt  zunächst  nur 
die  bedeutung:  mit  Verachtung  vei*spotten.  In  der  anmerkung:  Bei  den  schwä- 
bischen dichtem,  die  es  aber  auch  für  tadeln  gebrauchen,  gehoenen. 

Jungfrau:  Zwölf  Jungfrauen  standen  W.  13  und  mehrfach.  Nach  Wieland  T.  M.  134 
in  der  alten  bedeutung  mit  fräulein  gleichbedeutend  gebraucht.  „Was  wir  jezt 
Jungfrau  nenuen,  hiess  vor  alters  bekantlich  magd,  maget  —  daher  magetlich  jung- 
fräulich —  oder  maid.  Im  rosengarten  zu  Worms  —  oder  im  dritten  teile  des 
sogenanten  heldenbuches  heisst  die  königin  Klriemhild,  könig  Gibichs  tochter,  weil 
sie  noch  un vermählt  ist,  die  königliche  magd''.  Vgl.  auch  Got,  dir  sei  es  im  himel 
klagt  —  das  ich  ein  königHche  magt  H.  S.  h.  S.  327.  Königliche  magt  gehabt  euch 
wol;  ebend.  651.  —  Der  deutsche  Amadis  wendet  yww^/ra«*  auf  mädchen  an,  von 
denen  unmittclbai*  vorher  erzählt  worden ,  dass  sie  eine  liebesnacht  verbracht  haben. 
Adelung:  j.  1.  „In  der  weitesten  bedeutung  eine  junge  peraon  weiblichen  geschlech- 
tes, sie  sei  verheuratet  oder  nicht;  eine  im  hochdeutschen  veraltete  bedeutung'. 
Unter  3,  (2)  (c)  findet  sich  auch  der  alte  gebrauch  von  „magd"  für  das  neuere 
„Jungfrau '^  berührt.     Solto  dies  Wieland  veranlasst  haben,  ein  gleiches  zu  tun? 

Klafifen :  Lass  sie  klaffen  W.  44  =  laissez  les  coqueter  B.  u.  62  =  schwatzen  DWb. 
V,  894,  26.  „Im  16.  und  17.  Jahrhundert  schwatzen,  lästig  viel,  vorlaut,  anmas- 
send  oder  selbstgefällig  reden.  Zwar  noch :  Klaffe  nicht  zu  laut  oder  von  der  seele 
empfindung  Voss  5,  203".  Wieland  dürfte  das  woii  der  lektüre  des  heldenbuches 
verdanken:  sag  an  was  kaustu  klaffen  70,  21.  Du  gibst  mir  schwere  büsse,  du 
achtest  nit  was  ich  claff  660,  18.     Das  klaft  sie  senleich  reich  und  armen.  Fm.  I, 

3,  I,  91.  Adelung  erörtert  auch  die  verschiedenen  fig.  bedeutungen  des  Wortes 
und  bemerkt:   Im  hochdeutschen  ist  es  in  allen  diesen  bedeutungen  ungewöhnlich. 

Knappe:  Dreissig  knaben  hielten  —  Im  schatten  W.  13;  und  die  knappen  bei  den 
hohen  rossen  standen  W.  15  —  T.  M.  4  knaben  —  und  mehrfach.  Wieland  hält 
es  T.  M.  135  für  nöthig,  die  bedeutung  des  Wortes  zu  erklären  (ebenso  das  glos- 
sar  zu  den  Proben  283):  „knappen,  knaben,  Schildknappen,  knechte  ist  in  der 
spraclie  unserer  alten  ritterzeiten  gleichbedeutend  mit  dem  altfranzösischen    valet 


ÜBER   WIBLANDS   GKRON  247 

damoyseau  und  eouyer*'.  Darauf  wird  in  kürze  die  gosolschafüiche  Stellung  usw. 
der  knappen  besprochen.  ^Flaunz  der  schalk  nante  die  beiden  unbekanten  ritter 
sohimpflicherweise  knechte,  weil  er  sie  ihres  schlechten  aufzuges  wegen  nicht  für 
voll  ansah.  Adelung  erklärt  das  wort  für  „im  gemeinen  Sprachgebrauch  der  hoch- 
deutschen gröstenteils  veraltef*.  2.  (1)  „Von  einem  von  jungem  adel,  welcher 
noch  nicht  ritter  war,  sondern  die  ritterschaft  erst  noch  erlemete ein  Schild- 
träger, knecht,  edelknecht,  im  engl,  ehedem  knave*^. 

Knecht:  spottet  er  .  .  .  der  beiden  schwarzen  knechte  W.  43  s.  o.  =  knappe.  Pr. 
GL  283  knecht  =  Waffenträger,  reuter;  vgl.  noch  Adelung:  2,  (1.)  (a)  Adelige 
männliche  personen,  welche  zur  erlangung  der  ritterwürde  andern  rittem  dienten, 
hiessen  sowol  knappen  und  edelknappen  als  knechte  und  edelknechto. 

Ma^tlioh:  s.  Jungfrau  T.  M.  12,  magetlich  ist  "W.  27  durch  jungferlich  orsezt.  Das 
wort  ist  von  Adelung  nicht  aufgenommen.  Zu  magd  =  Jungfrau  bemerkt  er:  eine 
im  hochdeutschen  veraltete  bedeutung,  in  welcher  das  wort  ehedem  sehr  üblich 
war,  fehlt  DWb.,  wo  VI,  1434  nur  magdlich. 

Mannheit:  Kein  anderer  genoss  der  tafeirunde  tats  ihm  zuvor  an  mannheit  und  an 
schöne  "W.  20.  Von  solcher  mannheit  W.  26.  T.  M.  135:  „Mannheit  besagte  bei 
unsem  alten  soviel  als  männliche  tugcnd  und  kraft  mit  ihrem  äusseren  glänz  und 
anstand,  sowie  weibheit  (wibheit)  weibliche  sinnesaii  und  sitte  mit  ihrem  äusser- 
lichen  sanften  reiz.  Beides  Wörter  voller  bedeutung,  ehe  Üppigkeit  und  neufran- 
zösische lebensart  beide  gcschlechter  so  untereinander  gemengt  tmd  eine  so  wun- 
dersame wechselseitige  mitteilung  der  eigenschaften  unter  ihnen  bewirkt  haben, 
dass  daraus  eine  zwitterart  von  menschen  entstand,  die,  mit  erlaubnis  zu  sagen, 
weder  als  mann  noch  als  weih  recht  zu  brauchen  sind*^.  Vgl.  das  sie  gern  fech- 
ten sehe  die  ritter  umb  ir  manheit.  Hdb.  623,  22.  Dir  ist  noch  verborgen  die 
grosse  manheit  mein  652,  5.  DWb.  VI,  1587,  2.  Adelung:  2.  „Ehedem  wurde 
es  auch  sehr  häufig  für  tapferkeit  gebraucht,  in  welchem  verstände  es  aber  ver- 
altet ist*'.  —  So  vei*wendet  es  Schlegel  im  Lear:  dass  du  so  meine  mannheit  kanst 
erschrecken. 

Mlimigrlloh:  neckte  männiglich  ViT.  42  =  jedermann.  DWb.  VI,  1591  m.  1.  „Der 
gewöhnlichen  rede  gehörte  männiglich  nur  im  16.  und  17.  Jahrhundert  noch  an; 
später  steht  es  bei  dichtem  und  im  kanzleistil,  heute  ist  es  völbg  veraltet.  Vgl. 
damit  Adelung:  im  hochdeutschen  veraltetes  unabänderliches  fürwort  für  jedermann, 
welches  noch  im  oberdeutschen  üblich  ist.  Mennigklich  auch  desshalb  lob  gieht 
Tdk.  kap.  95.   Menigklich  nam  gross  freud  ab  der  erlichen  tat  Tdk.  kap.  82. 

Mflde:  zwang  ihn  von  der  milde  —  der  frau  von  Maloanc  sein  leben  anzunehmen 
"W.  =  gnade,  freigebigkeit  mhd.  mute;  vgl.  DWb.  VI,  2208  m.  1.  Adelung 
verweist  unter  milde  auf  das  adjectiv,  w^o  (3)  (4)  die  an  unserer  stelle  passenden 
bedeutungen  erörtert  werden. 

Minne:  vielfach  =  liebe  T.  M.  135/6:  „Minne  für  liebe,  minnen  für  lieben  ist  durch 
unsere  alten  minnesänger  aus  dem  13.  Jahrhundert  und  durch  unseren  Gleim,  der 
uns  einige  ihrer  lieder  in  einer  vernehmlicheren  spräche  vorgesungen,  bekant  genug; 
oder  solte  es  wenigstens  sein,  wenn  gleich giltigkeit  gegen  alles,  was  unsere  nation 
war  oder  tat,  nicht  so  tief  eingewurzeltes  nationallaster  unter  uns  wäre.  Rechte 
minne  ist  so  viel  als  parfait  amour  in  den  altfranzösischen  gedichten  und  romanen 
und  wurde  ehemals  so  gebraucht  „Von  rechter  minne  minnen  ist  als  im  ganzen 
ernst  lieben  aimer  de  parfait  a/mour  oder  aifner  par  amours,  wie  sich  die  dame 
de  Maloanc  im  Gyron-le-Courtois  ausdrückt^.    Wieland  selbst  gebraucht  das  wort 


248  SINOEB 

minne  widerholt  iin  Oberon,  Gandalin  usw.  Pr.  Gl.  erklärt  minne  durch  liebe, 
Vonus.  Zur  geschichte  der  widerbelebung  des  wertes  DWb.  VI,  2241/2  M.  8. 
Adelung  erklärt  das  wort  für  veraltet,  bespricht  jedoch  ziemlich  ausführlich  bedeu- 
tung  und  geschichte  desselben. 

Minnekraft:  Wärs  nicht  in  dieser  übergiossen  minnekraft  —  Ich  hätt  in  diesem 
turney  nicht  getan  —  Was  ihr  gesehen  habt  "W.  56.  Mit  rücksicht  auf  die  vorläge 
=  kraft,  welche  die  mimie  verleiht.  DWb.  VI,  2243  gibt  nur  unsere  stelle.  Bei 
Adelung  fehlt  das  wort. 

Mlnniglieh:  Zu  ehren  aller  minniglichon  frauon  W.  15.  Pr.  Gl.  erklärt  das  wort 
durch  „allerliebst".  Das  was  ein  minnikliche  tochter  schone  H.  S.  G.  u.  G.  15.  DWb. 
VI,  2245:  Um  1773  wider  aufgefrischt  und  seither  öfter,  immer  mit  altertümlichem 
klänge.     Fehlt  bei  Adelung. 

Mögren  =  können,  vielfach.  DWb.  VI,  2452:  mögen  für  vermögen  „entweder  im 
falle  mundartlichen  anklanges,  (da  im  fränkischen,  bairischen  und  alemannischen 
Sprachgebiet  mögen  noch  immer  =  vermögen,  können  ist)  oder  bei  gehobener  und 
alteiiümelnder  rede".  Adelung  weist  diese  bedeutung  den  oberdeutschen  dialekten 
zu,  „aus  welchen  mundarten  es  noch  einige  hochdeutsche  kanzelleyen  behalten 
haben". 

Mntcn:  Uns  zu  höhnen  mutets  ihnen  heut  T.  M.  112;  in  W  geändert  in:  Und  höhnen 
sie  uns  heute.  T.  M.  138:  sie  sind  in  der  laune.  Wieland  bezeichnet  die  i'edens- 
ai-t  als  eine  von  ihm  selbstgewagto ,  für  die  er  keine  autorität  anführen  könne.  Das 
wort  muten  selbst  sei  altdeutsch.  DWb.  VI,  2796.  m.  3:  „hessisch  einfaches 
muten  =  anmuten  in  der  neueren  bedeutung.  Das  mut  mich  nicht  =  das  zieht 
mich  nicht  an,  habe  keine  lust  dazu.  T.  M.  112  ist  DWb.  nicht  angeführt.  Ade- 
lung hat  das  wort  und  gibt  2:  „als  ein  activum  verlangen,  begehren,  besonders 
formell  um  etwas  ausuchung  tun,  in  welchem  verstände  es  noch  im  gemeinen  leben 
üblich  ist".    Die  wendung:  es  mtäet  mich  kent  er  nicht. 

Xot:  Der  ritter  . . .  müste  wol  von  not  der  besten  einer  sein  W.  47.  Welch  ein 
gewaltig  wosen  müste  dann  von  not  —  die  minne  sein  W.  55.  —  Not  ist  ihr  zu 
reden  W.  52.  Der  not  war,  ihrem  herzen  luft  zu  schaffen  W.  55.  (6);  von  not 
^  neccssario  DWb.  VII,  916  n.  B.  U,  welchs  als  ketzerisch  muss  sein  von  not 
Fastnachtssp.  9,  24.  Der  musz  von  not  dreckig  beliben  Mumer  narrenbeschwörung 
57  Überschrift;  selten  bei  neueren".  Von  not  fehlt  bei  Adelung.  Not  sein  = 
neeesüc,  ojnis  esse  mit  dativ  der  person:  Doch  des  erschlagnen  tod  zu  rächen  — 
War  dem  feilen  tross  nicht  not  W.  Oberen  1 ,  37.  Die  anderen  von  DWb.  ange- 
führten bcispiele  zeigen,  dass  auch  diese  constmktion  der  älteren  spräche  geläufiger 
ist  als  der  jüngeren.  Adelung:  Im  hochdeutschen  ist  dieses  nebenwort  veraltet, 
ausser  da^ss  man  in  der  höflichen  sprechart  des  gemeinen  lebens  zuweilen  „mir  ist 
not  sagt"  (für  das  körperliche  bcdürfnis). 

Xu:  Und  von  diesem  nu  vermied  er  streng,  ins  äuge  ihr  zu  sehn  W.  33.  =  aogen- 
blick  DWb.  VU,  995  n.  2  c,  d.  Adelung:  Nu  und  nun  werden  zuweilen  auch  als 
hauptwörtor  gebraucht,  doch  selten  in  der  anständigen  sprechart. 

KUhren:  Rührt  ihn  des  schwarzen  schaft  mit  solcher  macht  W.  17.  =  berühren 
treffen.  Wan  das  birg  wird  von  regen  nass,  —  so  lösten  sich  die  stein  darvon  — 
wen  sie  dan  rürten,  der  was  tot  Tdnk.  49,  16.  Ein  grosser  stein  rürt  —  dem 
hcld  beed  sparadern  sein,  ebd.  30.  Einer  ist  mii*  zwischen  beed  bein^ —  gefallen 
und  hat  mich  gcrürt  ebd.  z.  50.  Adelung:  2  (1.)  von  einer  tätigen  bewegong  in 
gerader  richtung  sofeme  sie  sich  au  ein  gewisses  ziel  erstrecket  . . .    Seine  band 


ÜBER  WIELANDS   QERON  249 

hat  uns  nicht  genihret  1.  Sam.  6,  9.  Die  hand  gottes  hat  mich  gerühret  Hioh  19, 
21,  wofiir  man  doch  jezt  anrühren,  berühren  braucht. 

Saehe  =  Ursache:  der  also  ohne  sache  —  die  unbekanten  ritter  geckte  W.  44.  Pr. 
Gl.  288.  Sache  =  rechtssacJie  ane  sache  ohne  recht;  Pr.  s.  7:  daz  äne  sache  ir 
iht  geschehe.  Adelung:  8.  eine  Ursache,  eine  veraltete  bedeutung.  Er  ist  ohne 
sache  aufgeblasen  in  seinem  fleischlichen  sinn  L.  Col.  11,  18. 

Schaft  =  lanxe;  sie  brachen  manigen  schaft  Hdb.  183,  5.  Adelung:  2  (1)  Die  lange 
gerade  stange  an  einem  spiesse  heisst  noch  hin  und  wider  ein  schaft.  Daher  die- 
ses wort  ehedem  auch  wol  für  den  spiess  selbst  gebraucht  wurde. 

Schalk:  Herr  Flaunz  —  Ein  junger  schalk  und  prahler  W.  42  (a).  Hohn  dem  mann, 
der  seinen  schalk  —  Verbergen  will  im  löwenbalg  W.  32  (b).  a  =  spötter  vgl. 
railleur  incivil  et  plus  que  fanfaron  B.  u.  62.  b  =  spitzbube,  schlechter  mensch; 
tritt  jezt  almählich  zurück.  Mein  gewant,  das  ist  ein  igeis  balk  —  damit  deck 
ich  meinen  groben  schalk  H.  S.  Heinz  Widerporst  55.  als  ob  ich  sei  der  ergest 
schalk  H.  S.  Wolfsklage  47,  und  so  vielfach.    Bei  Adelung  beide  bedeutungen. 

Schier  =  nahey  heinahe:  Und  wie  er  schier  herangekommen,  stieg  er  ab  "W.  14. 
Adelung:  Ein  noch  in  der  gemeinen  sprechart  Ober-  und  Niederdeutschlands  sehr 
gangbares  wort,  welches  aber  in  der  anständigen  schreib-  und  sprechart  der  hoch- 
deutschen veraltet  ist.  (2)  bald,  mit  nächstem. 

ScUmpf :  . . .  Halb  im  schimpf  und  halb  —  Im  ernst  gesprochen  W.  18  =  T.  M.  7. 
Halb  im  schimpf  gesprochen  —  Und  halb  im  unmut;  =:  scherz  . . .  Und  begiengen 
vil  manheit  durch  frawen  willen  zu  schimpf  und  zu  ernst  Hdb.  vorrede  s.  2.  von 
emsthafften  und  schimpfTlichen  Sachen  Am.  vorrede  s.  3.  Eanstu  denn  keinen 
schimpf  verstau  H.  8.  Rockenstabe  183.  Schimpf  und  ernst  von  Pauli.  Adelung: 
Schimpf  (1.)  der  scherz,  eine  im  hochdeutschen  veraltete  bedeutung,  welche  aber 
in  den  Schriften  der  vorigen  zeit  häufig  vorkomt. 

Schlecht:  Doch  unbekant  und  nur  in  schlechten  wafFen  W.  39.  Ihr  ganzer  aufzug 
schlecht  und  scheinlos  W.  42  Denn  wiewol  er  nur  —  in  schlechten  waffen  auf- 
zog W.  45.  —  schlecht  =  schlicht,  einfach,  dem  älteren  sprachgebrauche  gemäss, 
wie  bei  Adelung  1.  (3.)  (b)  einen  geringen,  oder  geringeren  wert  habend. 

Sold:  Die  der  minne  süssen  sold  . . .  wol  zu  geben  —  vermochten  W  13 ,  dem 

ein  edles  weih  den  sold  der  minne  nicht  versagen  könte  W  35.  =  Lohn  vgl.  minne. 
Gandalin  hat  noch:  Und  Sonnemon  —  vei-spricht  mir  dafür  der  minne  lohn.  — 
Der  minne  sold  später  noch  häufiger  verwendet.  Adelung:  In  der  hohen  Schreibart 
wird  sold  noch  zuweilen  für  besoldung  und  lohn  überhaupt  gebraucht. 

Sparen:  Die  auf  morgen  sich  sparen  weiten  W.  43.  T.  M.  136  erklärt  das  wort  durch 
schonen  und  gibt  als  muster:  "Wer  seine  feinde  spart  —  Und  auch  erzürnt  sein 
freunde  —  Der  ist  nicht  wol  bewahrt  (Hdb.  36,  38).  —  ich  muss  mein  haut  sel- 
ber spam  Fm.  I,  3,  v.  137.  Adelung  1  (2)  fig.  (a)  erhalten,  die  unverlezte  fort- 
dauer  eines  dinges  bewahren;  eine  im  hochdeutschen  veraltete  bedeutung. 

SpSsslingr:  strenge  spässlinge  W  44.  T.  M.  138:  Auch  das  wort  spässling  für  spass- 
vogel  un  Plaisant  nach  der  analogie  von  witzling  u.  a.  ist  meines  wissens  unge- 
stempelt^. —  Fehlt  bei  Adelung. 

SpiessgreseUe:  Geron  ward  sein  spiessgesell  W  33.  Und  wiewol  sie  schon  —  So 
lange  spiessgesellen  waren  W  38.  (Et  neanmoins  qu'il  y  avoit  dejä  longtemps, 
qu*ils  etoient  compagnons  d'armes  ensemble  B.  u.  58.)  Und  liegt  wo  seine  spies- 
gesellen  lagen  W  21.  =  waffengenosse.  Weigand  H,  765.  Zum  andern,  liber 
spisgesell  —  ißt  dis  an  dir  ein  grosser  föl  Fischart  Flohhatz  555.  —  Adelung:  = 


250  SINQBB 

kameradj  commilito;  jezt  gebraucht  man  es  noch  zuweilen  yon  einem  jeden  mit- 
gesellen  oder  kamerad,  doch  am  häufigsten  nur  im  bösen  oder  verächÜichen  ver- 
stände. 

Stangre  =  lanxe:  Dass  sie  die  stange  vor  der  faust  zersprengten  W  21.  Das  er  im 
solte  bringen  her  —  ein  stangen  dick  und  darzu  schwer  Tdk.  103,  22.  Adelung: 
2.  Die  stange  an  einem  spiesse,  welche  doch  lieber  schaft  genant  wird. 

Strengre:  Und  von  diesem  nu  —  Vermied  er  streng,  ins  äuge  ihr  zu  sehn.  "W34  (a). 
—  strenge  spässlinge  "W.  44.  Doch  unter  ihnen  allen  keiner  hielt  —  den  strengen 
stoss  des  unbekanten  aus  W.  =  stark,  geicaltig:  (Weigandü,  836)  fiengen  solch 
strengen  vnd  harten  streit  an  Am.  4.  Gen  dem  wurt  der  junkfrawen  herz  — 
enzünt  in  strenger  lieb  H.  S.  Die  Lisabet  m.  i.  Lorenzen  28.  Der  ein  in  streng 
anlief  ebend.  100.  Adelung:  stark  .  .  tapfer,  eine  ehedem  sehr  gangbare  bedeu- 
tung,  in  welcher  es  . . .  veraltet  ist. 

Stunde :  von  stund  an  mögen  sie  —  "Was  ihnen  lüstet  gackeln  W.  44.  =  von  jext 
an.  Von  stund  an  sähe  der  abenteur  Fm.  I,  3,  XIV,  108.  Das  wirs  von  stund 
an  könten  wissen  Fra.  I,  3,  XV,  194.  Im  18.  Jahrhundert  noch  üblicher  als  jezt; 
vgl.  Adelung:  I.  Eine  kleine  weile,  ein  augenblick,  eine  ehedem  sehr  übliche  bedeu- 
tung,  welche  auch  jezt  noch  gangbar  ist.  Von  stund  an,  von  demselben  augen- 
blick an,  sogleich. 

Trügen :  Auch  trügt  das  menschenherz  — -  Sich  selbst  zu  gern  T.  M.  108.  Der  satz 
in  "W.  ausgefallen.  =  betrügen,  wiltst  um  den  beutel  triegen  mich  H.  S.  T.  m. 
d.  "W.  1060.  Adelung:  2  als  ein  activum  mit  der  4.  endung  der  person  ...  In 
dieser  bedeutung  ist  es  im  hochdeutschen  veraltet,  wo  betriegen  dafür  üblicher  ist 

Tugend:  Gross  und  selten  war  des  Schwertes  tugend  W.  32.  =  vorxug,  taugltchkeü, 
trefliehkeit ,  gute.  Adelung:  3.  fig.  ist  die  tugend  (1)  der  zustand,  da  ein  ding  die 
zu  seiner  bestimmung  nötigen  eigenschaften  besizt  (a.)  als  ein  abstractum  tugend 
eines  hauses,  eines  pferdes.  Auch  diese  bedeutung  gehört  in  der  edleren  Schreib- 
art zu  den  veralteten. 

Überwägen:  Ihn  überwiegt  —  des  schwarzen  ritters  stürzendes  gewicht  "W.  21.  = 
Mit  gewicht  bedrücken,  überwältigen,  hier  mit  starker  betonung  der  concreten 
bedeutung.  (Vgl.  Weig.  II,  988.)  Und  wai-d  vom  schlaf  überwogen  und  fiel  hinun- 
ter vom  dritten  söller  L.  Ap.  20,  19;  als  denn  der  schlaf  in  überwiegt,  das  er  da 
wie  ein  toter  liegt  H.  S.  d.  Baur  i.  d.  f.  143.  Adelung:  2  fig.  (1)  überwältigen, 
übermannen  ...  in  dieser  bedeutimg  fängt  es  an  zu  veralten. 

Ungesehieht:  Herr  Geron  hatte  durch  ein  abenteuer  —  Von  ungeschicht  (=  von 
ungefähr  W.  49)  den  weg  verloren:  T.  M.  116.  (Diverses »aventures  lui  en  firent 
perdi'e  les  traces,  et  le  memo  hasard  qui  les  lui  avoit  faire  perdre  les  lui  fit 
retrouver)  B.  u.  T.  M.  137:  V.  u.  soviel  als  durch  einen  unglücklichen  zufalL    Ich 

erinnere  mich  diese  redensart  im  Fi'oschmäuseler  gefunden  zu  haben welches 

werk  in  absieht  der  spräche  billig  ein  klassisches  buch  sein  solte.  Er  fand  am 
weg  aus  ungeschicht  —  Ein  leuenhaut  wol  zugericht  Fm.  I,  3,  X,  34.  Fehlt  bei 
Adelung. 

Ungewahrsam :  Und  ungewahrsam  lässt  sie  auf  und  ab  —  die  äugen  schweifen  . . . 
W.  35  =  „ohne  dass  es  jemand  wahrnahm''  oder  ohne  sich  in  acht  zu  nehmen?*^ 
fehlt  bei  Adelung. 

Verdriess:  . . .  hörte  mit  verdriess  W.  44  =  verdruss.  Es  wäre  mir  leydt,  etwas 
zu  begeren,  das  jhm  verdriess  brächte  Am.  2.  grossen  verdriess  name  der  Juncker 
ab  dem  Am.  8.    Da  den  sass  ein  bild  zu  verdriess  dem  hausherm  L.  Hes.  s.  3. 


ÜBER  WIILAND8   OBBON  251 

one  verdriess  Fm.  ü,  1,  IV,  95.    Adelung:   ein  im  hochdeutschen  veraltetes  wort 
für  verdruss,  welches  noch  einigemale  in  der  deutschen  bibel  vorkomt. 

Yergaamen:  Hätt  euer  mut  die  schmach  mir  nicht  vergaumet  W.  51.  =  prohibere 
DWb.  IV,  1,  1580,  2d.  Oberschwäbisch  und  schweizerisch,  gaumen  Zeitwert  zu 
gaum  =  die  hut.  Fehlt  bei  Adelung;  das  simplex  wird  als  oberdeutsch  beobach- 
ten, hüten  erklärt 

TeijlUien :  Verjäht  herr  Lanzelot  T.  M.  8  =  So  spricht  W.  20  (a)  veijahte  tac  T.  M. 
114  =  verfehlte  W.  46.  Veijäht  herr  Geron  T.  M.  112  =  versezt  herr  Geron 
"W.  43.  (b.)  a  =  sprechen;  b  =  erwid-em,  antworten.  Wielands  muster  gebrau- 
chen das  wort  häufig:  wir  leben  ane  sorgen,  —  das  wil  ich  dir  verjehen  Hdb. 
114,  31.  Dasselbig  bitt  ich  sie  zu  sehen,  —  damit  sie  müge  veijehen  —  wer  unter 
uns  erlangt  den  sieg.  Tdnk.  108,  61.  Die  ich  dir  nit  kan  veijehen  d.  w.  t.  158. 
Doch  deckt  sich  Wielands  gebrauch  nicht  völlig  mit  dem  der  angeführten  beispiele, 
da  er  das  wort  mit  dem  einfachen  jehen  gleichbedeutend  verwendet.  Adelung  hat 
nur:  vetyehen,Yer8lietes  wort  für  hekennefn,  beichten. 

Verlassen:  Sterbend  ihm  zum  erb  verlassen  T.  M.  123  =  erbe  liess  W,  61.  =  las- 
sen, hinterlassen,  welcher  seinen  bruder  als  erben  des  königreichs  verliess  Am. 
vgl.  das  subst.  Verlassenschaft.  Adelung:  1.  (1.)  (a).  Man  verlässt  etwas,  wenn 
man  es  bei  seinem  tode  auf  der  weit  zurücklässt,  wofür  jedoch  hinterlassen  edler 
und  üblicher  ist. 

VenniUilte:  Des  Danayns  vermählte  W.  23  =  ...  Gemahel  T.  M.  106  =  gemahlin. 
Zu  gemahel:  und  wo  ich  denn  komme  in  die  e  —  da  mach  ich  meinem  gemahel 
we.  H.  S.  Heinz  Widerporst  79.  wart  mir  zu  einer  gemahel  geben  H.  S.  der 
wunderl.  träum  5.    Vermählte  fehlt  bei  Adelung. 

Vermessen,  sieh:  Vermess  sich  keiner  W.  32.  Pr.  Gl.  293:  vermessen  =  sich  in 
die  gedanken  nehmen,  wagen.  Der  muss  sich  grosser  ding  vermessen  H.  S.  d.  Schi. 
Adelung:  2  (1)  . .  3.  im  weiteren  verstände  ist  sich  vermessen  zuviel  unternehmen, 
was  über  jemandes  kräffce  ist.    £s  wird  in  dieser  bedeutung  wenig  mehr  gebraucht. 

Torsagen:  Und  wie  das  herz  es  ihnen  vorgesagt  W.  45  =  vorhersagen;  vgl.  ahd. 
forasago.    Die  von  Wieland  angewendete  bedeutung  fehlt  bei  Adelung. 

Waglieh:  ...  sie  könte  wol  —  Aus  einem  feigen  menschen  einen  waglichen  —  Be- 
herzten ritter  machen  W.  55.  =  leicht  wagend;  waglich  kühn  Gand.  I,  161.  Ade- 
lung kent  das  wort  nur  in  der  bedeutung  mit  gefahr  verbunden,  eine  wagliche 
Sache,  wobei  man  viel  wagt.  Vgl.  „im  16.  Jahrhundert  mit  wagnis  verbunden*' 
Weigand  H,  1038. 

Wehren:  Dessen  wehrten  sie  —  Gar  höflich  sich  "W.  42.  (a)  Doch  kont  er  sich  nicht 
wehren,  dann  und  wann  —  Sie  anzusehn  W.  54.  (b).  a  =  sich  weigern  Adelung  2: 
widerstand  leisten,  als  ein  reciprocum,  sich  wehren,  es  geschehe  nun  auf  welche 
art  es  wolle,  b  =  sich  enthalten,  sich  versagen.  Diese  bedeutung  fehlt  bei 
Adelung. 

Werten:  Dessen  seele  solcher  tat  —  Sich  werten  dürfte  W.  47  =  sich  wert  hal- 
ten, sich  zutrauen.  Wieland  bezeichnet  auch  diese  wendung  als  von  ihm  selbst 
gewagt  T.  M.  138.    Das  wort  fehlt  bei  Adelung. 

Wieht:  Der  in  ritterschaft  —  Kein  kleiner  wicht  zu  sein  sich  dünken  liess  W.  42. 
T.  M-  137:  „Wicht  (engl,  wight)  für  person,  mensch  oder  was  die  Engländer  jezt 
a  fellow,  ein  bursche,  ein  kerl  nennen,  ist  uralt  und  komt  im  heldenbuche  häufig. 


254  WEINHOLD 

kommen,  der  Lexer  im  herbst  1868  folgte,  wemi  auch  die  yerbesserang  zunächst 
nicht  sehr  bedeutend  war. 

In  Würzburg  hat  nun  Lexer  dreiundzwanzig  jähre  gewirkt,  beliebt  und  hoch- 
angesehen an  der  Julius -Maximilian -Universität  wie  in  weiteren  kreisen.  Zweimal 
war  er  roctor,  sehr  oft  Senator.  Hier  hat  er  seine  beste  kraft  entwickeln  können, 
hier  hat  er  das  dreibändige  Mittelhochdeutsche  Wörterbuch  (1869  —  78)  nebst  dem  Mit- 
telhochdeutschen taschenwörterbuch  (1878.  1881.  1885.  1891)  gearbeitet,  hier  den 
VII.  band  des  Grimmschen  deutschen  Wörterbuchs  (N.  0.  P.  Q)  und  die  drei  hefte 
vom  XI.  bände  (T  bis  Todestag!)  fertig  gestelt.  Er  war  für  diese  aufopfernde 
unablässige  lexikographische  tätigkeit  der  geeignete  treue  mann,  wie  Salomon  Hirzel 
früh  erkant  hatte;  willig  verzichtete  er  darauf,  durch  andre  bücher  seinem  namen 
einen  glänzenderen  Schimmer  zu  geben. 

Als  in  Strassburg  die  besetzung  der  deutschen  professur  1872  in  beratung  kam, 
ist  auch  an  Lexer  recht  ernstlich  gedacht  worden.  Nach  Scherers  berufung  ward 
Lexer  in  Wien  auf  die  Vorschlagsliste  gesezt  und  der  unterrichtsminister  entschied 
sich  für  ihn.  Aber  er  lehnte 'den  ruf  in  sein  Vaterland  ab,  da  ihn  Bayern  festhielt 
und  die  Würzburger  Verhältnisse  ihm  sehr  lieb  geworden  waren. 

1885  ward  ihm  das  ritterkreuz  des  Verdienstordens  der  bayerischen  kröne  und 
damit  der  persönliche  adel  verliehen*,  1890  erfolgte  seine  emennung  zum  ordentlichen 
mitgliede  des  obersten  schulrates.  Und  als  Konrad  Hofmann,  der  Münchener  germa- 
nist  und  romanist,  anfangs  Oktober  1890  gestorben  war,  ward  unserm  Lexer  die 
ordentliche  deutsche  professur  angetragen.  Aber  er  konte  sich  zur  annähme  nicht 
entschliessen ;  erst  im  mai  1891,  nachdem  der  antrag  zum  zweiten  male  an  ihn  kam, 
entschloss  er  sich  den  dringenden,  ihn  hoch  ehrenden  wünschen  des  herm  ministers 
nachzugeben. 

Am  1.  august  übernahm  er  das  neue  amt,  doch  war  es  ihm  nicht  vergönt  es 
lange  zu  führen.  Nachdem  er  das  gefühl  gewonnen,  er  werde  sich  in  München  gut 
einleben,  getragen  durch  das  algemeine  vertrauen,  das  er  genoss,  führte  ihn  ein 
rascher  tod  unerwartet  nach  schluss  des  Wintersemesters  hinweg.  Bereits  erkältet, 
wagte  er  ende  märz  1892  eine  reise  nach  Berlin.  Er  blieb  nur  zwei  tage  hier,  da 
er  sich  unwol  fühlte.  Erfrischt  durch  die  fahrt  nach  Würzburg,  blieb  er  zwei  tage 
dort  in  geselligem  verkehr  mit  den  freunden;  in  Nürnberg  aber,  wo  er  seine  tochter 
besuchte,  kam  eine  rippenfeil-  und  lungenentzündung  zum  ausbruch,  die  nach  vor- 
übergehender besserung  sein  ende  herbeiführte.  Matthias  v.  Lexer  starb  in  den 
ersten  nachmittagsstunden  des  16.  aprils,  von  seiner  ganzen  famihe  umgeben.  Am 
19.  april  ist  er  auf  dem  Johanniskirchhof  in  Nürnberg  beerdigt  worden. 

Wer  ihn  kante,  hat  ihn  tief  betrauert.  Er  war  ein  ganzer  mann,  ein  wolwol- 
lender,  pai'teiloser,  reiner  mensch,  eine  goldene  treue  seele.  Ein  schwerer  verlust 
ist  sein  tod  für  das  bayrische  Schulwesen;  in  der  deutschen  Wissenschaft  erhalten 
seine  giiindlichen  arbeiten  sein  andenken,  länger,  als  die  herzen  schlagen  werden, 
die  in  liebe  und  freundschaft  an  ihm  hängen,  denn  sie  halten  auch  dem  toten  die  treue. 


ÜBERSICHT  VON  M.  LEXERS  GEDRUCKTEN  ARBEITEN. 

1855.  Mundartliches  aus  dem  Lesachthaie  im  herzogthum  Kärnten:  Frommann,  Die 
deutschen  mundarten  11 ,  241  fgg.    339  fgg.    513  fgg. 

1856.  Der  ablaut  in  der  deutschen  spräche.  (Programmabhandlung  des  Krakauer 
gymnasiums.)  Krakau  1856.  25  s.  gr.  8.  —  Mundartliches  aus  dem  Lesachthaie: 
Frommann,  Die  deutschen  mundarten  IH,  114  fg.    305  fg.    464  fg. 


IfATTHUS   y.   LBXIB  255 

1857.  Mundartliches  aus  dem  LesachthaLe :  Frommaim,  Die  deutschen  mundarten  lY, 
36  fg.    155  fg.    481  fg. 

1858.  Spi'achproben  aus  dem  Möllthale  im  herzogtum  Kärnten.  1.  Gassireime. 
2.  Die  Sendrin  in  Wildentux:  Frommann,  Die  deutschen  mundarten  V,  99 — 103. 

1859.  Mundartliches  aus  dem  Lesachthaie:  FronmiannVI.  191  fgg.  —  Volksüberlie- 
ferungen aus  dem  Lesachthaie:  Zeitschrift  für  deutsche  mythologie Xu ,  29 — 36. — 
Volksüberlieferungen  aus  Kärnten  (Drauthal).    Ebd.  IV,  407—414. 

1862.  Kamtisches  Wörterbuch.  Mit  einem  anhange:  Weihnachts  -  spiele  und  lieder 
aus  Kärnten.  Leipzig.  S.  XVIII  sp.  340.  Lex.  8.  —  Endres  Tuchers  Baumei- 
sterbuch der  Stadt  Nürnberg.  Mit  einer  einleitung  und  sachlichen  anmerkungen 
von  Friedrich  von  Weech,  herausg.  durch  M.  Lexer.    Stuttgart.   S.  XIV.  387.  8. 

1862 — 66.  Chroniken  der  deutschen  städte  vom  14 — 16.  Jahrhundert,  herausgegeben 
im  auftrage  der  königl.  bayr.  akademie.  Bd.  I — V.  (Diese  bände  enthalten  die 
Chroniken  von  Nürnberg  und  Augsburg;  Lexer  war  mit  Frensdorff  kritischer  bear- 
beitor  der  texte  und  hat  auch  die  glossare  ausgearbeitet.  Auch  die  texte  des  1892 
ausgegebenen  3.  bandes  der  Augsburger  Chroniken  sind  vor  1866  von  Lexer  her- 
gestelt  und  mit  seiner  handschriftenbeschreibung  unverändert  abgedruckt.) 

1864.  1866.  1867.  Bücheranzeigen  im  Anzeiger  für  künde  deutscher  vorzeit.  Nürn- 
berg (nicht  unterzeichnet). 

1869.    Brachstücke  der  kaiserchronik:  Zeitschr.  f.  deutsches  altert.  XIV,  503 — 25. 

1869 — 78.  Mittelhochdeutsches  handwörterbuch.  Zugleich  als  Supplement  und  alpha- 
betischer index  zum  Mittelhochdeutschen  wörterbuche  von  Benecke- Müller -Zamcke. 
L  A— M.  Leipzig  1872.  S.  XXIX  sp.  2262  und  2.  s.  —  U.  N— U.  Leipzig  1876. 
S.  Vn  sp.  2050  und  1.  s.  —  III.  V— Z.  Leipzig  1878.  8.  IV  sp.  1226  und  1.  s. 
Nachträge  sp.  406.    gr.  8. 

1873.    Über  Walther  von  der  Vogelweide.    Ein  vertrag.    Würzburg.    33  s.    8. 

1877.  Eede  zur  feier  des  295.  stiftungstages  der  Universität  zu  Würzburg:  Über 
deutsche  philologie.    Würzburg.    26  s.    4. 

1878.  Mittelhochdeutsches  taschenwörterbuch.  Leipzig.  —  1881.  Zweite  aufläge  mit 
nachtragen.  Ebd.  S.  320.  —  1885.  Dritte  umgearbeitete  und  vermehrte  aufl. 
Ebd.    S.  vn.  413.  —    1891.   Vierte  aufl.    Ebd. 

X881  —  89.  Deutsches  Wörterbuch  von  Jacob  Grimm  und  Wilhelm  Grimm.  Siebenter 
band.  N.  0.  P.  Q.  bearbeitet  von  Matthias  v.  Lexer.    Leipzig.    Sp.  VIII.  2386.   4. 

X^2 — 86.  Johannes  Turmair's  genant  Aventinus  Bayeiische  chronik.  München.  1. 1.  2. 
1882.  83.  S.  1184.  H.  1.  2.  1884.  1886.  S.  808.  8.  (Glossar  von  H.  Stümper, 
umgearbeitet  von  Lexer). 

X688.    Miscelle:  stiexen,  in  der  Zeitschrift  für  deutsche  philologie  XXI.    S.  255  fg. 

XS90.  Festrede  zur  feier  des  308.  stiftungstages  der  Universität  zu  Würzburg:  Zur 
geschichte  der  neuhochdeutschen  lexikographie.    Würzburg.    4. 

^^90.  91.  Deutsches  Wörterbuch  von  Jacob  Grimm  und  Wilhelm  Grimm.  Elfter  band. 
(T.  U).  Bearbeitet  von  M.  Lexer.  Lief.  1.  2.  Leipzig  1890.  Lief.  3.  Ebd.  1891.  4. 
Zur  geschichte  des  deutschen  Wörterbuches.  Mitteilungen  aus  dem  briefwechsel 
zwischen  den  brüdera  Grimm  und  Salomon  Hirzel:  Anzeiger  für  deutsches  alter- 
tiim  und  deutsche  litteratur.  Berlin  1890.  XVI,  220 — 264.  Nachlese  aus  dem  brief- 
wechsel zwischen  den  brüdern  Grimm  und  Sal.  Hirzel.   Ebd.  1891.  XVII,  237 — 54. 

BKBLIN.  KARL  WEINHOLD. 


256  BBOH 

UTCEEATÜE. 

Altdeutsche  predigten.    Herausgegeben  von  Anton  £•  Sehönbach.    m.  bd.: 
Texte.    Graz,  Verlagsbuchhandlung  Styria.  1891.     VILL  u.  451  s.    9  m. 

Von  den  predigtsamlungen,  die  noch  vor  Berthold  fallen,  ist  die  vorliegende, 
welche  Schönbach  zuerst  in  ihrer  volständigkeit  herausgegeben  hat,  ihrem  inhalte 
wie  ihrer  spräche  nach  unstreitig  die  wichtigste.  Sie  ist  enthalten  in  der  pergament- 
handschiift  der  Wiener  hofbibliothek  nr.  2684*  und  umfasst  die  predigten  des  Con- 
radus  prespiter  —  so  nent  sich  der  Verfasser  in  seiner  lateinischen  vorrode. 
Ihren  wert  hatte  man  bereits  kennen  gelernt  durch  prof.  Joh.  Schmidt,  welcher  in 
dem  Jahresbericht  des  kk.  staatsgjrmnasiums  im  3.  bezirke  in  "Wien  1878  unter  dem 
titel  „Priester  Konrads  deutsches  predigtbuch**  einen  geregelten  text  von  sieben  pre- 
digten nebst  der  voiTode  daraus  veröfFentiichte.  Auf  grund  dieser  proben  sowie  der 
vielen  bis  dahin  unbelegten  ausdrücke,  welche  das  mhd.  handwörterbuch  Lexers  in 
seinen  nachtragen  nach  mitteilung  Schmidts  aus  Konrad  brachte  (vgl.  Lexer  IH,  Vor- 
wort s.  V),  haben  gewiss  nicht  wenige  philologen  gewünscht,  recht  bald  die  ganze 
samlung  gedi*uckt  zu  sehen.  Diesen  wünsch  hat  nun  Schönbach  durch  die  in  rede 
stehende  ausgäbe  erfült  und  damit  sich  den  dank  aller  fachgenossen  verdient. 

Wie  in  dem  vorhergehenden  predigtbande  geschehen,  so  sind  auch  diesmal 
die  von  E^arl  Roth  herausgegebenen  Regensburger  bruchstücke,  wo  sie  zu  Konrads 
texte  stimmen,  zur  vergleichung  mit  abgedruckt  worden.  Aber  auch  in  bezug  auT 
die  widergabe  der  handschrift  selbst  ist  der  herausgeber  seinem  bisher  befolgten  ver- 
fahren treu  geblieben,  wonach  die  berechtigten  eigenheiten  des  Schreibers  möglichst: 
geschont  und  nur  die  offenbaren  nachJässigkeiten  und  versehen  desselben,  insofern  si(^ 
den  Zusammenhang  und  das  Verständnis  beeinträchtigen,  berichtigt  worden  sind.  Wi^ 
Schönbach  in  der  vorrede  bekent  s.  VI,  hat  er  hierbei  nicht  nur  die  abschrift  des^ 
prof.  Schmidt  mit  dem  original  verglichen,  sondern  auch  manche  ergänzungen  und. 
verbesserungen ,  die  Schmidt  in  seinem  texte  angebracht  hatte,  benutzen  können. 

Die  behandlung  des  textes,  um  auf  diese  zunächst  einzugehen,  hat  wie  ander- 
wärts  so  auch  hier  ihre  besondem  Schwierigkeiten,  namentlich  wo  es  gilt  bei  einzel- 
nen auffallenden  wortformen  zu  entscheiden,  ob  sie  als  dialektische  eigenheit  dem 
Schreiber  zu  belassen  oder  als  Schreibfehler  in  die  Varianten  zu  vei*weisen  sind.  So 
ünde  ich  ein  auffälliges  schwanken  bei  folgenden  formen: 

vrälichen  ist  102,  40,  vrülich  113,  29  im  text  verblieben;  dagegen  23,  13 
und  41,  18  sowie  46,  26  unter  die  Varianten  gerückt  und  durch  vrolich  im  texte 
ersezt;  vgl.  Germ.  9,  360. 

girscheit  für  das  überlieferte  gigirscheit  steht  23,  29;  dagegen  71,  25  und 
155,  17  —  22  ist  die  lezte  form  im  texte  gelassen,  ebenso  wie  das  54,  31  und 
155,  25  stehende  adjektiv  gigirsch. 

27,  28  und  30,  33  ist  die  form  vrümden  (alienis)  in  die  Varianten  verwiesen 
und  statt  dessen  vromden  gesezt,  dagen  108,  28  und  112,  31  im  texte  verblieben; 
vgl.  Trudberter  H.  lied  146,  28  frumidiu  dineh. 

31,  4  in  almaetigen  in  die  var.  gesezt,  dagegen  28,  5  im  texte  belassen; 
ausserdem  steht  xütiget  (=  xühtiget)  70,  25  unter  den  varr.  und  ebenso  erchutie 
(=  erchiihte)  136,  30  und  31;  im  text  aber  220,  23  braetest  (=  braektest);  160,  11 
und  35  vergittiget  (=  vergihtiget)\  160,  38  vergit  (=  vergiht)\  161,  4  rergitte; 
229,  15  flutte  (=  fluhtic)\  34,  36  dumaetedichen;  183,  27  vorsam  (=  vorhtsam)', 
vgl.  darüber  Weinhold,  Alem.  gramm.  §  234  und  Germania  9,  361. 


J 


ÜBER  SCHÖNBACH,  ALTD.  FRBDIOTEN  m  257 

57,  3  hat  die  handschrift  an  vil  maengen  (Regensb.  bruchst.  manigen)  sun- 
daere,  im  text  steht  maengem  für  maengen;  ebenso  71,  15  mit  sinem  (var.  sifien) 
grozen  gewalt;  dagegen  ist  unverändert  geblieben  die  Überlieferung  31,  14  xe  mensch- 
liehen  bilde;  141,  6  einen  andern  genaedic  stn. 

13,  34  ist  das  überlieferte  ann  im  (im  text  an  im)^  68,  41  ann  iu  (im  text 
an  iu)  in  die  varr.  gesezt,  während  150,  6  annin ,  186,  35  annim  (hs.  an  7nin\ 
245,  6  annim,  249,  6  a/nnuns  unberührt  gelassen  sind;  übrigens  steht  auch  in  den 
Regensb.  bruchstücken  s.  80  ann  in  und  ann  im. 

Die  form  waere  (lat.  verv^)  ist  131,  9  und  15,   ebenso  144,  5  und  149,  26 
aus  dem  texte  entfernt  um  itäre  platz  zu  machen,  dawider  221,  18  stehen  geblieben. 
50,  12  in  dirre  heiligen  xit  {xar.  xiten) ,  ebenso  163,  7  xuo  sinen  (vai*.  siner) 
hoehciten  und  164,  15  xe  mhien  (var.  miner)  hocheiten;  unverändert  heisst  es  dage- 
gen 104,  23  in  siner  känicliehen  hochgxiteti. 

194,  31  ist  überliefert  der  heix  Nero,  wo  hiex  für  heix  in  den  text  gesezt 
ist,  während  57,  12  diu  heix  Sara  ungeändert  blieb;  über  das  in  alemannischen 
Schriften  häufig  erscheinende  ei  =  ie  vgl.  Germania  9,  359  und  Beitr.  von  Paul  u. 
Braune  Iu,  516. 

Nach  so  wol  sezt  die  handschrift,    entsprechend  den   im  Mhd.  "Wörierb.  III, 
799  *>,  20  fg.  aufgeführten  beispielen,    den  accusativ  216,  37  so  wol  uns  vil  armen 

»undaere des  wart,  da^  usw.,  ebenso  220,  30;  206,  8  und  233,  32;  aber  nur 

an  den  beiden  lezten  stellen  ist  die  überliefenmg  gewahrt,    an  den  zwei  ersten  hat 
der  herausgeber  den  accusativ  in  den  dativ  verwandelt. 

229,  20  heisst  es  nach  der  hdschr.  dax  siu  der  bescermete  von  dem  vil  ubeln 
ttvclj  ebenso  230,  27  da^  er  sol  bescermen  vo?i  der  anevehtunge  des  v.  iL  tivels; 
2iber  in  dem  zweiten  beispiele  ist  von  unter  die  varr.,  vor  dafüi-  in  den  text  gestelt 
forden;  vgl.  dagegen  biseirman  einen  fon  bei  Graff,  Sprachsch.  VI,  547  und  die 
beispiele  im  Mhd.  wörterb.  11  ^  162**,  45  fg.;  Trudpertor  Hoheshod  50,  5  si  schirmet 
^*^^   tnenniskin  von  den  schoben  des  tieuels. 

In  der  redensart  von  stnen  genaden,  wie  sie  richtig  überliofeii;  ist  z.  b.  162, 
p^  Und  256,  38,  scheint  der  Schreiber  öfter  vor  für  von  gelesen  zu  haben;  213,  27 
^^  dieses  vor  von  dem  herausgeber  den  Varianten  überwiesen,  dagegen  dem  text 
blassen  207,  37;  239,  23;  241,  31;  248,  14;  254,  20;  257,  8;  260,  37;  261,  6. 
-^Uch.  67,  29  ist  vor  der  liebe  wol  vorsehen  des  Schreibers  für  von  d.  l. 

253,  35  so  ne  mohte  si von  dein  warn  gots  urchunde  niemen  betwin- 

^^**>  sunder  sine  wolten  e  ersterben;  anders,  und  nach  meinem  dafürhalten  richtiger 

^^örpungiert  ist  dieselbe  redeweise  235,  25  von  siner  minne,   dd  mohte  siu 

^^■^nian  von  betwingen  sunder,  sine  Hexen  sich  e  slahen. 

Geschont  konte  ausserdem  die  Überlieferung  noch  werden  an  folgenden  stellen: 

92,  5    der  heilige   bast   (so   die  hdschr.  für  babst)    und  154,  21    ein  paste 

v^^schr.  für  pabste);  dieselbe  form  lässt  sich  noch  nachweisen  in  dem  stiftungenbuch 

^^  klosters  Zwetl  ed.  J.  v.  Fräst  s.  1:    ein  hailigen  bdst  der  hiex  Paschal  den  vie 

^>  in  J.  Haupts  Beitr.    zur   litt.    d.   deutschen  mystik  II,  72   und    75   der  heilig 

P^tLeo. 

200,  9  sine  boten  unde  sine  vurfrit;  vom  herausgeber  vurfrit  in  die  varr. 
Vorwiesen,  vurstrit  dafür  in  den  text  gesezt;  aber  vicarius,  vurfrit  verzeichnet  En- 
gelhard aus  der  Herrad  v.  Landsperg  s.  193*. 

135,  6  pi  dem  got  sun  shi  und  173,  28  des  helfe  iu  der  wäre  got  sun; 
beide  male  ist  hier  füi*  got  sun  gedruckt  gots  sun;    aber  auch  diese  überliefenmg 

ZDXSGHKIR  F.  DSÜTSCHE  PHILOLOGIE.      BD.   XXY.  17 


256  BBCH 

UTCEEATÜE. 

Altdeutsche  predigten.  Herausgegeben  von  Anton  £.  Schönbach.  IH.  bd. : 
Texte.    Graz,  Verlagsbuchhandlung  Styria.  1891.    VIII  u.  451  s.    9  m. 

Von  den  predigtsamlungen,  die  noch  vor  Berthold  fallen,  ist  die  vorliegende, 
welche  Schönbach  zuerst  in  ihrer  volständigkeit  herausgegeben  hat,  ihrem  inhalte 
wie  ihrer  spräche  nach  unstreitig  die  wichtigste.  Sie  ist  enthalten  in  der  pergament- 
handschrift  der  Wiener  hofbibliothok  nr.  2684*  und  umfasst  die  predigten  des  Con- 
radus  prespiter  —  so  nent  sich  der  Verfasser  in  seiner  lateinischen  vorrede. 
Ihren  wert  hatte  man  bereits  kennen  gelernt  durch  prof.  Joh.  Schmidt,  welcher  in 
dem  Jahresbericht  des  kk.  Staatsgymnasiums  im  3.  bezirke  in  Wien  1878  unter  dem 
titel  „Priester  Konrads  deutsches  predigtbuch "  einen  geregelten  text  von  sieben  pre- 
digten nebst  der  vorrede  daraus  veröffentlichte.  Auf  grund  dieser  proben  sowie  der 
vielen  bis  dahin  unbelegton  ausdrücke,  welche  das  mhd.  handwörterbuch  Lexers  in 
seinen  nachtragen  nach  mitteilung  Schmidts  aus  Konrad  brachte  (vgl.  Lexer  UI,  Vor- 
wort s.  V),  haben  gewiss  nicht  wenige  philologen  gewünscht,  recht  bald  die  ganze 
samlung  gedruckt  zu  sehen.  Diesen  wünsch  hat  nun  Schönbach  durch  die  in  rede 
stehende  ausgäbe  erfült  und  damit  sich  den  dank  aller  fachgenossen  verdient. 

Wie  in  dem  vorhergehenden  predigtbande  geschehen,  so  sind  auch  diesmal 
die  von  Karl  Roth  herausgegebenen  Regensbui'ger  bruchstücke,  wo  sie  zu  Konrads 
texte  stimmen,  zur  vergleichung  mit  abgedruckt  worden.  Aber  auch  in  bezug  auf 
die  widergabe  der  handschrift  selbst  ist  der  herausgeber  seinem  bisher  befolgten  ver- 
fahren treu  geblieben,  wonach  die  berechtigten  eigenheiten  des  Schreibers  möglichst 
geschont  und  nur  die  offenbaren  nachJässigkeiten  und  versehen  desselben,  insofern  sie 
den  Zusammenhang  und  das  Verständnis  beeinträchtigen,  berichtigt  worden  sind.  Wie 
Schönbach  in  der  vorrede  bekent  s.  VI,  hat  er  hierbei  nicht  nur  die  abschrift  des 
prof.  Schmidt  mit  dem  original  verglichen,  sondern  auch  manche  ergänzungon  und 
verbesseningen ,  die  Schmidt  in  seinem  texte  angebracht  hatte,  benutzen  können. 

Die  behandlung  des  textes,  um  auf  diese  zunächst  einzugehen,  hat  wie  ander- 
wärts so  auch  hier  ihre  besondern  Schwierigkeiten,  namentlich  wo  es  gilt  bei  einzel- 
nen auffallenden  wortformen  zu  entscheiden,  ob  sie  als  dialektische  eigenheit  dem 
Schreiber  zu  belassen  oder  als  Schreibfehler  in  die  Varianten  zu  vei'weisen  sind.  So 
finde  ich  ein  auffälliges  schwanken  bei  folgenden  formen: 

vrülichen  ist  102,  40,  vrülich  113,  29  im  text  verblieben;  dagegen  23,  13 
und  41,  18  sowie  46,  26  unter  die  Varianten  gerückt  und  durch  vrolicJi  im  texte 
ersezt;  vgl.  Germ.  9,  360. 

girscheit  für  das  überlieferte  gigirsckeit  steht  23,  29;  dagegen  71,  25  und 
155,  17  —  22  ist  die  lezte  form  im  texte  gelassen,  ebenso  wie  das  54,  31  und 
155,  25  stehende  adjektiv  gigirsch. 

27,  28  und  30,  33  ist  die  form  vrAmden  (alienis)  in  die  Varianten  verwiesen 
und  statt  dessen  vromden  gesezt,  dagen  108,  28  und  112,  31  im  texte  verblieben; 
vgl.  Trudberter  H.  lied  146,  28  framidiu  dinch. 

31,  4  in  alniaetigen  in  die  var.  gesezt,  dagegen  28,  5  im  texte  belassen; 
ausserdem  steht  xütiget  (^  xiihtiget)  70,  25  unter  den  varr.  und  ebenso  erchutte 
(=  erchuhte)  136,  30  und  31;  im  text  aber  220,  23  braetest  (=  brachtest);  160,  11 
und  35  verglttiget  (=  vergihtiget)\  160,  38  t^ergit  (=  vergiht)\  161,  4  vergitte\ 
229,  15  fliäic  (=  fluhtic)]  34,  36  durnaetedichcn;  183,  27  vorsam  (=  vorhtsam)\ 
vgl.  darüber  Weinhold,  Alem.  gramm.  §  234  und  Germania  9,  361. 


ÜBXH  SCHÖNBACH,  ALT.  PREDIGTEN  m  259 

*«fie,     ir  junge  oder  alt  von  disem  Übe  geschaidet;    hier  hat  der  herausgebet  Doch 
ob  vor  ir  junge  dem  texte  zugefügt.    Feruer  166,  24  fg.:   herre,  heiliger  gots  sun, 
du  da.  her  in  dise  weit  choyne  unde  gehom  unde  gemarteret  umrde  durch  die  armen 
mncictere!  ich  geloube  an  dich,  herre;  hier  ist  mittels  der  iDterpunktion  das  archai- 
stische geprägo  der  rede  verwischt;  statt  des  ausrufuogszeicheDS  oach  sundaere  solte 
ein  komma  steheo.     Ausserdem  182,  37  wan  swie  er  iu  dax  niht  gehai^en  hete, 
spricht  sani  Paulus,   ir  da  von  der  heidenschefte  chomen  sit   usw.;    hier   glaubt 
Schönbach  dui'ch  eio  vor  den  werten  ir  da  von  eingeschobenes  wan^    Schmidt  s.  5, 
34  durch  sti  an  derselben  stelle  nachheKen  zu  müssen.    Endlich  42,  5  lautet  nach 
dem  unter  dem  texte  abgedruckten  Regcnsburger  bruchstücke:    chomet  her  xuo  mir, 
^prichet  er,  ir  da  mit  arbeiten  lebt  und  die  swaeren  bürde  trait;  statt  dessen  ßndet 
™au  in  Schönbachs  texte  die  moderne  fa.ssung:   ir  die  da  mit  arbeiten  lebt  unde 
*^  die  da  hie  swaere  btirdin  traget.    Findet  sich  die  wirklich  schon  in  der  "Wiener 
handschrift? 

259,  15  fg.:  swie  selten  si  ir  vil  scöyien  lip  gepadet  oder  gedwäge  unde  swie 
^^*^  ir  gewasken  wäre  ode  gelest  unde  swie  tnager  oder  swie  plaicher  ir  vil  seonex 
dfUlulxe  von  der  heiligen  vasten  wäre  unde  swie  tmdare  si  ir  här  gepunden  oder 
g^tralt  hete  usw.  Zuerst  fragt  sich,  was  soll  hier  gelest  bedeuten?  jedenfals  steckt 
^Min  ein  synonymer  ausdruck  zu  baden,  dwahen  und  wasken;  ich  vermute  daher 
9^ct  für  gelest.  Lecken  =  benetzen,  in  dem  schwitzbade  bearbeiten,  mit  dem 
^ewedel  streichen,  ist  hier  mit  dem  dativ  construiert  nach  der  analogie  des  daue- 
rn stehenden  wasketi;  von  lezterem  finden  sich  in  den  mhd.  Wörterbüchern  noch 
keine  beispiele  vennerkt,  doch  vgl.  I^assberg  L.  S.  IQ,  157,  384  im  wart  geweseJien 
^nd  gexwagen  Von  räm  und  von  schimel  (=  G.  Abent.  I,  222,  404  er  wart  gewe- 
delten und  getwagen  von  räfne  und  ouch  von  schimele)\  dazu  die  beispiele  von  twa- 
^  einem  bei  Schmeller- Frommann  11,  1175.  Denselben  sinn  hat  der  dativ  bei  den 
folgenden  Zeitwörtern  binden  und  straelen,  eines  Zusatzes  wie  här  bedurfte  es  hier 
nicht;  vgl.  über  binden  Mhd.  wörterb.  I,  129*»;  über  straelen  Martina  181,  60  fg. 
"**€  ttcahen  er  im  strälte  Ze  berge  uf  der  unguoter,  Älsam  ein  stiefmuoter  Straelt 
***  Stiefkinde,  Des  (hs.  der)  siu  xe  ingesinde  Zaller  xtt  verdriuxet;  Alemannia  10,  76 
^  Sirelt  oder  xtcaJiet  im  und  die  beispiele  aus  H.  Sachs  bei  Schmeller -Frommann 
■^^  813.    Enistelt  ist  endlich  noch  plaicher,  wofür  plaich  gelesen  werden  muss. 

Von  offenbaren  fehlem,  die  der  Schreiber  verschuldet,  habe  ich  noch  folgende 
*^  dem  texte  wahrgenommen: 

29,  22  idoch  so  ne  wil  er  durch  sine  guet  sine  Hute  troesten;   hier  war  ne 
^^  tilgen. 

40,  7  er  gesenft  iu  aller  iuwer  arbeit;  lies  alle  für  aller,    vgl.  42,  6  ja  wil 
^'*  iu  iuwer  arbeit  unde  iuwer  bürde  gesenften. 

49,  2  nain  diu,   sprach  er,   da^  soltu  mir  gloube^i;   man  erwartet  nain  du 
^^  n.  diu;  oder  hat  sich  die  z.  b.  in  dem  St.  Trudbertcr  Hoheuliede  so  häufig  auf- 
^^tendo  form  diu  =  du  hier  erhalten?  vgl.  Germania  9,  360. 

52,  24  da^  sage  ich  iu  da§  urchünde,    gemeint  ist  da  xur  chunde;    misver- 
^^den  hat  wol  auch  das  in  der  vorläge  stehende  da^  der  Schreiber  von  199,  13: 

*^  ^carf  si die  scame  du  ruche,    wo  wol  ursprünglich  dax  ruche  stand  für 

^  xeruche;    vgl.  Walther  141 ,  14  schäme  hin  xe  rügge  legen  und  Frauonlob  spr. 
^16,  8  da  sich  din  scJiande  %e  rucke  leget, 

64,  7  der  stap  der  da  dürre  ierloubt  unde  gruo?ite  ist  unverständlich;   viel- 
leicht der  da  dürrer  loubte;   stark  flektiert  in  der  apposition  ist  das  adjektiv  z.  b. 

17* 


258  BBCH 

lässt  sich  belegen  durch  Diemor,  D.  gedd.  230,  23  und  gote  sun  ebenda  in  der  anni. 
zu  249,  26. 

13,  3  in  derhdschr.  brütgo,  35,  16  brutegü,  wofür  in  den  text  gesezt  ist 
brütgourn  und  brutegüm;  wahrscheinlich  ist  aber  hier  kein  Schreibfehler  anzuneli- 
men,  denn  im  stadtbucho  von  Augsburg  ed.  Meyer  findet  sich  s.  242,  243  und  244 
widerholt  h-aeutgaewey  hraeutgaew. 

129,  27  und  29,  ebenso  135,  38  ist  bexechent  überliefert,  statt  dessen  hexei- 
chent  in  den  text  gesezt  worden;  doch  man  vgl.  die  beispielo  von  e  =  ei  in  der 
Germania  9,  359;  im  Tnidbei'tcr  H.  liede  ist  bex^chenon  sehr  häufig  zu  finden. 

21,  14  unde  g legen  (d.  h.  gleng  in)  der  (stern)  allex,  vor;  21,  96  unde  gie- 
geti  (d.  h.  giejigefi)  st  in  da^  selbe  hüs;  140,  11  die  gnade  die  begieger  (d.  h.  be- 
gierig er)]  im  texte  Schönbachs  dafür  gierigen  und  beginger;  auch  reifte  134,  37 
scheint  hierher  zu  gehören,  wenn  es  nicht  druckfehler  für  renfte  (254,  26)  ist;  wei- 
tere belege  für  die  überlieferte  alemannische  form   bringt  Weinhold,  Alem.  gr.  §  200. 

82,  21  und  23  sowie  86,  33  —  36  enthalten  nach  der  Überlieferung  die  formen 
chünsche,  chünschclichcriy  unchünschen;  es  sind  bis  jezt  die  ältesten  belege  aleman- 
nischer nasalieruug  des  Wortes  Husche;  Weinhold  1.  1.  §  201  und  Lexer  s.  v.  kiu- 
sche,  kiiischecheit ,  kiu^chlicke  bringen  erst  beispiele  aus  dem  14.  Jahrhundert;  nach 
meinem  dafürhalten  war  hier  kein  zwingender  gnind,  die  gemeindeutsche  Schreibung 
geltend  zu  machen. 

77,  21  nach  der  hdschr.  alle  die  erkmiffet  mide  erlöst  hut;  Seh.  ergänzt  er 
vor  erkouffety  und  so  findet  sich  erkouft  und  erlost  93,  24;  101,  13;  217,  24. 
Gleichwol  fragt  sichs,  ob  mau  nicht  einfacher  die  er  cliouffet  hat  zu  schreiben  liabe. 
Dass  das  partic.  praeteriti  von  koufen  oft  des  augments  entbehre,  erwähnen  "Wein- 
hold,  Mhd.  gr.  §  405  und  Hildobrand  im  DWb.  V,  324;  es  ist  das  aber  nicht  nur  in 
md.  quellen  der  fall,  wo  es  sich  aus  nd.  nachbarschaft  erklärt,  sondern  nicht  min- 
der häufig  in  oberdeutschen.  So  heisst  es  bei  Berthold  v.  Rogensburg  285,  14  so 
Mst  du  den  luft  für  bröt  kotift;  287,  16  in  Jidt  der  ahnehtige  got  kauft  mit  siner 
martel;  149,  13  unkouft;  Habsburg -östorr.  urbarbuch  113,  3;  179,  3;  244,  28; 
254,  12;  Alemannia  6,  232,  37;  244,  23;  259,  43;  269,  40.  Lassberg  L.  S.  I, 
549,  92;  Urkundenb.  von  Augsburg  I,  nr.  62  (a.  1280),  84  (a.  1284),  142  und  146 
(a.  1295),  166  (a.  1298),  196  (a.  1304)  usw.;  vielleicht  auch  bei  Reinmar  v.  Zweier 
n,  7,  5  Jier  nidere,  Jierre,  in  dinc  tiure  kauften  eriste?ifieit.  Dagegen  ist  das  par- 
tic. dient  in  diesen  predigten  232,  9  wahrscheinlich  Schreibfehler  für  gedient;  in 
oberdeutschen  Schriften  ist  es  sonst  nicht  nachweisbar. 

164,  31  den  heizet  er  xesamne  pinden  paidiu  hende  tmde  fux^j  da  si  im 
niht  sines  willeii,  sunder  da  si  dem  tievel  mit  Jiabent  gedient;  in  der  hdschr.  steht 
nu  für  im;  nach  willen  liat  Schönbach  mit  habent  getan  eingeschoben,  was  mir 
entbehrlich  scheint,  wenn  man  stnes  willen  als  archaistischen  ausdruck  vorsteht  wie 
in  den  in  der  Germ.  30,  273  beigebrachten  beispielen  und  dem  zeitwort  di^^nen  eine 
zeugmatischo  funktion  zuweist. 

174,  18  7m  hat  er daz  selbe  lvx>  sirier  gnaden  hin  %iu  also  gecherty 

die  ir  von  der  heiden^chefte  gcborn  unde  chovien  sUj  da^  ir  usw.  Das  relativum 
die  hat  der  htjrausgeber  zugfjsozt,  wie  mir  sclieint  ohne  not,  da  im  archaistischen 
Stil  des  12.  Jahrhunderts  das  pronomen  ir  ausreichend  war  für  relative  sütze,  vgl. 
Grimm,  Gr.  3,  17;  Pfeiffer  zu  den  Myst.  I,  342,  26;  Behaghel  in  der  German.  17, 
277  fg.;  St.  Trudberter  Hohesliedll,  5  —  20;  31,  1;  44,  15  usw.  Derselbe  fall  liegt 
vor  in  den  vorliegenden  predd.  76,  39:    in  dem  selben  alter  da  erstet  auch  ir  aüe 


ÜBIR  SCHÖNBACH,  ALT.  PREDIGTEN  HI  259 

tnne,  ir  junge  oder  alt  von  disem  lihe  geschaidet;   hier  hat  der  herausgeber  Doch 
ob  vor  ir  junge  dem  texte  zugefügt.     Feroer  166,  24  fg.:    herre,  heiliger  gots  sun, 
du  da  her  in  dise  weit  chcme  unde  geborn  unde  gemarteret  vmrde  durch  die  armen 
sundaeref  ich  geloube  an  dich,  herre;  hier  ist  mittels  der  iDterpuDktioD  das  archai- 
stische gepräge  der  rede  verwischt;  statt  des  ausrufiiDgszeicheDS  Dach  sundaere  solte 
ein  komma  stehen.     Ausserdem  182,  37  wan  stcie  er  iu  dax  niht  gehai^en  hete, 
spricht  s€uU  Paulus,   ir  da  von  der  heidenschefte  chomen  sit   usw.;    hier   glaubt 
Schön bach  durch  ein  vor  den  worten  ir  da  von  eingeschobenes  wan,    Schmidt  s.  5, 
34  durch  sU  an  derselben  stelle  nachhelfen  zu  müssen.    Endlich  42,  5  lautet  nach 
dem  unter  dem  texte  abgedruckten  Kegcnsburger  bruchstücke:    chomet  her  xuo  mir, 
sprichet  er,  ir  du  mit  arbeiten  lebt  und  die  stcaeren  bürde  trait;  statt  dessen  findet 
man  in  Schönbachs  texte  die  moderne  fassung:    ir  die  da  mit  arbeiten  lebt  unde 
ir  die  da  hie  s^waere  burdin  traget.    Findet  sich  die  wirklich  schon  in   der  "Wiener 
handschrift? 

259,  15  fg.:  swie  selten  si  ir  vil  scönen  lip  gepadet  oder  gedvxäge  unde  swie 
übel  ir  gewasken  wäre  ode  gelest  unde  swie  mager  oder  swie  plaicher  ir  vil  seonex 
antlutxe  von  der  heiligen  vasten  wäre  unde  swie  undare  si  ir  här  gepunden  oder 
gesfralt  hete  usw.  Zuerst  fragt  sich,  was  soll  hier  gelest  bedeuten?  jedenfals  steckt 
darin  ein  synonymer  ausdruck  zu  baden,  dwahen  und  wasken;  ich  vermute  daher 
gelect  für  gelest.  Lecken  =  benetzen,  in  dem  schwitzbade  bearbeiten,  mit  dem 
badewedel  streichen,  ist  hier  mit  dem  dativ  constinüert  nach  der  analogie  des  dane- 
ben stehenden  walken;  von  lezterem  finden  sich  in  den  mhd.  Wörterbüchern  noch 
keine  beispiele  vermerkt,  doch  vgl.  Lassberg  L.  S.  IQ,  157,  384  im  wart  gewescJien 
und  gexwagen  Von  räm  und  von  schimel  (==  G.  Abent.  I,  222,  404  er  wart  gewe- 
sehen  und  getwagen  von  räme  und  ouch  von  schiniele)\  dazu  die  beispiele  von  t^ca' 
hen  einem  bei  Schmeller- Frommann  11,  1175.  Denselben  sinn  hat  der  dativ  bei  den 
folgenden  Zeitwörtern  binden  und  straelen,  eines  Zusatzes  wie  här  bödmete  es  hier 
nicht;  vgl.  über  binden  Mhd.  wörterb.  I,  129**;  über  strahlen  Martina  181,  60  fg. 
äne  twahen  er  im  strälte  Ze  berge  üf  der  unguoter,  Älsam  ein  stiefmuoter  Straelt 
ir  stiefkinde,  Des  (hs.  der)  siu  xe  ingesinde  Zaller  xtt  verdriuxet;  Alemannia  10,  76 
»y  streit  oder  xwaJiet  im  und  die  beispiele  aus  H.  Sachs  bei  Schmeller -Frommann 
n,  813.    Entstelt  ist  endlich  noch  plaicher,  wofür  plaich  gelesen  werden  muss. 

Von  offenbaren  fehlem,  die  der  Schreiber  verschuldet,  habe  ich  noch  folgende 
in  dem  texte  wahrgenommen: 

29,  22  idoch  so  ne  wil  er  durch  sitie  guet  si^ie  Hute  troest&n;  hier  war  tie 
zu  tilgen. 

40,  7  er  gesenft  iu  aller  iuwer  arbeit;  lies  alle  für  aller,  vgl.  42,  6  ja  wil 
ich  iu  iuwer  arbeit  unde  iuwer  bürde  gesenften. 

49,  2  nain  diu,  sprach  er,  da:^  soltu  mir  gloube?i;  man  erwartet  nain  du 
für  n.  diu;  oder  hat  sich  die  z.  b.  in  dem  St.  Trud berter  Hohenliedo  so  häufig  auf- 
tretende form  diu  --=  du  hier  erhalten?  vgl.  Germania  9,  360. 

52,  24  da^  sage  ich  iu  da^  urchilnde,  gemeint  ist  da  xur  chunde;  misver- 
standen  hat  wol  auch  das  in  der  vorläge  stehende  du^  der  Schreiber  von  199,  13: 
so  warf  si  —  —  die  scame  da  ruche,  wo  wol  ui*sprünglich  dax  ruche  stand  für 
da  xeruehe;  vgl.  "Walther  141,  14  schäme  hin  xe  rügge  legen  und  Frauenlob  spr. 
216,  8  dd  sich  din  schände  xe  rucke  leget. 

64,  7  der  stap  der  da  dürre  ierloubt  unde  gruonte  ist  unverständlich;  viel- 
leicht der  da  dürrer  loubte;    stark  flektiert  in  der  apposition  ist  das  adjektiv  z.  b. 

17* 


260  BECH 

90,  9  der  von  der  strä§e  viuoder  chomen  ist;    20,  17  gieriger  lebentiger  in 
grap;  108,  10  ob  er  nu  milter  imde  diumuetiger  von  iu  geseheiden  sii;  234,  17. 

54,  25  mit  der  guoten  wercheri,  1.  d^n  für  der. 

101,  21  uf  die  er  den  heiligen  touf  und  den  heiligen  gUmben  geleri  ha^    i 
1.  geleit  für  geleri  wie  117,  1. 

117,  5  sin  chüneglich  hantgemal&n  an  den  menschen  legen;   1.  hantgemdf^^^ 
wie  116,  22  und  117,  1. 

132,  38  du^  si  des  gots  riches  umbe  verstoßen  werdent;  1.  da  für  da^. 

133,  31  wan  xuo  der  tcerlt  dienst  da  ne  treibt  iueh  non  entstarct  iuch  ni^  — 
men  xuo;  in  der  hdschr.  traib  und  sterct;  darnach  hätte  man  entweder  das  prät^ — 
ritum  traib  und  starct  oder  das  präsens  traibt  und  sterct  zu  setzen.  Ein  sw.  v^. 
treiben  lässt  sich  aus  dem  J.  Titurel  3633,  4  (der  sich  mit  dien  dar  niht  treibet  -r 
weibet)  und  aus  der  Krone  5930  nachweisen,  vgl.  auch  Graff  V,  488  und  Lexer  s.  i^^« 
durchtreiben.  Indessen  zwei  zeilen  weiter  heisst  es  in  den  vorliegenden  predigteacB 
da^  trib  iuch  unde  sterch  iuch  xuo  dem  gotes  dienst.  Daher  wol  auch  vorher  tri^^ 
statt  traib  zu  lesen.  In  der  vorläge  des  Schreibens  stand  wol  trib  iuch  noch  ensterc^^^ 
iueh,  das  t  gespart  wie  41,  25  erxaig  unde  eroffent  hat  und  in  den  zu  159,  ^X 
angezogenen  stellen. 

142,  3  dax  ir  wolle,  1.  tcoltet.  —  146,  33  die  sich  ir  sunden  da  niene  he^^~ 
lent,  1.  helent.  —  148,  32  des  sult  ir  im  alles  gehorsam,  1.  gehorsamen,  —  151, 
do  spräche  si  do,   e^  wäre  von  ir  schulden  niht  da$  si  poslichen  taeten,   1. 
chen  statt  sprach. 

159,  21  der  selbe  sin  der  ist  nu  leider  vil  harte  eralten  unde  ervemt  in 
alten  sunden;  gemeint  ist  hier  eraltent,  wie  in  den  Predd.  11,  4,  25;  9,  23  und  ?*7; 
"Windberger  Ps.  17,  51  sune   die   fromiden  eraltent  sint   (so  nach  "Wallbui^)  uia<i 
Ps.  31 ,  3  sint  eraltenet  (inveteraverunt).     Auch  181 ,  22  gevesten  unde  gesterch^^ 
vom  herausgeber  in  gevestent  gebessert;  185,  39  lob  unde  ert  in,  ebenfals  vom  hoT- 
ausgeber  lobt  für  lob  geändert;   aber  auch  239,  10  bedürfte  der  bessorung:   swen-^'^i 
sicer  diu  werlt  ahte  durch  da^  gotes  rehte  unde  iuch  schiltet ,  1.  ähtet,   und  ebenso 
248,  26  V071  der  wildeti  haidinschefte  erroute  unde  becJiert,  1.  erroutet.    Der  schrei" 
her  hat  in  diesen  fällen  ein  t  am  ende  des  ersten  verbums  gespart  wie  in  den  «^ 
133,  31  vermerkten  beispielen. 

161 ,  32  ir  stdt  iu  dar  xuo  gemuxegen;  der  dativ  iu  statt  iuch  (vgl.  dageg'ö^ 
255,  3  und  32)  ist  hier  ebenso  unhaltbar  wie  bei  manen  54,  16;  52,  9  und  110, 3^> 
ob  wol  bei  lezterem  dieser  casus  einmal  nachgewiesen  ist  von  Einzel  zu  LamprecW 
3846.     Vgl.  Wcinhold,  Mhd.  gr.  §  474. 

162,  3  7iu  ist  aver  ir  übel  so  gro^,  dai;  ir  ofte  da§  gotes  dienste  vom  ^ 
äsalofle  versumen  muxet:  was  heisst  hier  äsalofte?  ist  es  eine  zusammensetzt 
wie  brütloft,  hintloft?  Die  auffallende  wortform  ist  wol,  wie  Bartsch  bemerktöi 
dadurch  entstanden,  dass  ofte  vom  Schreiber  zweimal  gesezt  ist;  dsdl  könte  *^ 
dgexxel  =  oblivio  entstanden  sein;  vgl.  darüber  noch  Windb.  Ps.  s.  28,  117,  00? 
und  J.  Haupt,  Über  das  md.  arzneibuch  des  Meister  Bartholomaeus  s.  11  (459)  ^ 
der  achxxel  (1.  ägexxel);  Schmeller-Fi'omm.  I,  947.  Aber  auch  an  das  ahd.  a99^^ 
edacitas  bei  Graff  I,  529  könte  man  denken. 

167,  9  an  der  selbe  wile,  1.  selben  für  selbe.  —  181,  22  da  xuo  so  hat  ^ 
allex  gevestent  unde  gesterchet  diu  loirme  unde  da^  fiuer;  1.  in  für  im. 

184,  6  der  selben  xaichen  unde  der  selben  vraisen  der  ist  iu  nu  wol  so  ^ 
chomen;  im  vorhergehenden  ist  von  vorboten  und  vorraisen  die  rede;   für  rrai»^ 


ÜBER  SCHÖNBACH,  ALTD.   FBEDIGTEN  m  261 

bietet  die  handschiift  ratsen;  daher  liegt  es  wol  näher  vorraisen  dafür  zu  vermuten. 
Auch  auf  8.  209,  33  steht  ain  vorbot  unde  ain  raise  in  der  hdschr.  statt  vorraise, 

192,  22  vor  dem  heilige  Christo  j  1.  vor  dem  heiligen  Chr.  —  212,  23  die 
trost  alle  der  heiligen  gots  man,  1.  heilige  für  heiligen ,  wie  bei  Schmidt  s.  9. 

208,  29  deste  groxer  tilgende  unde  deste  groxer  erlist,  1.  deste  gröxerer  list; 
auch  152,  28  ist  zu  schreiben  gröxerer  em  statt  groxer  em, 

42,  24  wan  si  negewinnent  iimbe  da^  gewette  alle  niht,  1.  wtibe  da^  da^ 
getcette;  vgl.  damit  das  Regensbburger  bruchstück. 

59,  2  diu  iuwer  eigen  unde  ir  sun:  hier  steht  diu  (dienerin)  nach  eigen, 
wie  das  Regensb.  fragment  lehrt,  oder  es  ist  iuwer  eigen  diu  für  diu  iuwer  eigen 
zu  lesen;  auch  31,  28  war  diu  vom  Schreiber  ausgelassen. 

80,  8  der  sin  erweit  junger  an  im  gexwivelt,  da^  ir  von  sim  miglouben 
^taeteget  unde  gevestent  werdent  an  dem  h.  glouben;   diesen  werten  lässt  sich  nur 

ein  sinn  abgewinnen ,  wenn  man  mit  dem  Regensb.  bruchstück  liest  da^  er wurde 

^  da^  ir werdent, 

29,  8  da^  du  niummer  deheinen  xwivel  dar  an  habest,  unser  Jierre  der 
^^ie  sinen  Hüten  xe  helfe  chomen;  in  der  hdschr.  aber  steht  unser  herren;  diese 
Vorschreibung  [führt  darauf,  dass  in  der  vorläge  des  Schreibers  stand  unser  Jierrc 
^^^^  welle  wie  es  die  regel  erheischt  nach  Paul,  Mhd.  gr.  §  339.  Der  Schreiber 
^S^  das  enklitishe  en  aus  versehen  an  herre  statt  an  der. 

105,  28  nach  groxer  aerbeit  unde  na>ch  groxem  dienst  da  gehört  och  groxiu 
^Uzce  unde  groxex  Ion  wol  billich  nach.  Dem  zusammenhange  nach  muss  es  hier 
^^^^otce  heissen  für  riuwe. 

132,  33  die  des  waent  da^  si  da  mit  behaltest  sin,  ob  et  si  die  groxefi  gebot 
'•'•«fe  die  groxen  sculde  vermieten;  nach  gebot  ist  wol  beJialten  (oder  gehalten)  aus- 
göfaUen;  der  Schreiber  konte  durch  das  in  der  nähe  stehende  beJialten  dazu  verlei- 
bet 8ein. 

139,  6  fg.  getuont  ouch  si  wider  unser s  herren  hulden  iht,  die  iwerm  lerere, 
**"  chan  ouch  si  sin  vil  wol  gexuJitigen;  für  iwerm  1.  itcern;  si  vor  sin  ist  zutat 
^^  herausgebers,  wobei  aber  sin  unverständlich  bkibt;  ich  vermute  dass  Hute  nach 
«^n  ausgefallen  ist,  vgl.  138,  34—35. 

147,  31  unxe  er  sich  mit  aime  umbehange  gehangen  muost,  1.  behangen  für 

9^hangen. 

149,  38  sin  vinger  da  er  den  ynennisken  mit  beruhte,  1.  beruorte  für  beruJäe 
^e  2.  6. 

154,  28  diu  sele  diu  sammlet  diu  Hut  elliu  also  xe  samne,  da^  si  werdent 
®**»  lip,  wan  si  gibt  dem  ougen  da§  gesehene  u?ule  dem  oren  da^  geborde;  1.  lit 
^  Hut,  vgl.  z.  30. 

173,  38  da^  er  er  iwer  herxe  er  fidle:  ein  er  ist  zu  streichen;  ebenso  ein  ir 
in  174^  15—16. 

186,  9  da  west  da^  der  gots  trut  (=  Johannes)  wol,  da^  im  diu  vancnttsse 
^*>*«e  dem  Ithe  und  hinxe  dem  tode  erleit  was;  für  erleit,  das  hier  keinen  passen- 
den sinn  gibt,  lässt  sich  erteilt  vermuten. 

212,  9  wan  da  unserm  herren  —  —  sin  heiligex  opher amphanclich 

^^y  da^  erxait  unde  eroffent  er da  mit:    1.  da^  für  da  wie  bei  Schmidt 

8. 8,  29. 

238,  11  da^  nie  der  ist  beliben  defieiner  slahte  stoube:  1.  nietider  statt  nie 
^.—^  244,  32  Thoma,  nu  du  also  du  da  gesprocJien  hast:  1.  ww  tä  für  nu  da.  — 


262  BXCH 

246,  29  da  von  8%  so  ere  habent,  da^  si  usw.:  nach  so  ist  ein  wort  wie  getan  oder 
grox  ausgefallen. 

251,  41  an  iuwem  letzten:  hier  ist  xtten  vom  Schreiber  ausgelassen,  wie 
man  aus  38,  31  ersieht. 

In  der  predigt  nr.  110,  welche  von  den  hthtaem  überschrieben  ist,  zieht  der 
prediger  die  stelle  von  der  Speisung  der  5000  heran  und  spricht  dann  von  der  speise 
der  auf  die  weit  gerichteten  und  von  der  speise  der  auf  den  himmel  gerichteten  See- 
len. Dann  fährt  er  355,  1  fort:  da^  sint  xware  die  groxen  ehorbe  tmde  die  mani- 
gen  deinen  undertraekt  der  geistlichen  spise,  da  diu  gots  Hute  mit  gefuort  wer- 
dent  an  der  sele,  die  sich  xuo  dem  gots  dieniste  unde  xuo  dem  gots  vire  da  gentu- 
xeget  fiabent.  In  den  Zusammenhang  will  sich  xuo  dem  gots  vire  nicht  schicken, 
es  muss  wol  heissen  xuo  der  gots  vuore.  Auch  das  folgende  ist  falsch  überliefert: 
nostra  autem  conversatio  in  celis  est.  Diu  geistliche  tmde  diu  gots  vire  ist  dax, 
dax  ir  gemuote  unde  ir  herxe  xallen  citen  ist  mit  dem  aJm.  got  unde  da  xe  sifier 
eicigen  hocJiciten  usw.;  denn  auch  hier  muss  es  wol  heissen  gots  vuore  für  gots 
vire;  derselbe  fehler  noch  z.  29  diu  gotliche  vire  und  z.  32  der  heren  gots  viere. 
In  der  vorläge  des  Schreibers  stand  vielleicht  die  form  vre  wie  im  Spec.  eccles.  48. 
Von  der  speise  der  seelo  (dem  sptsen  und  fuoreri)  ist  in  diesen  predigten  noch  die 
rede  60,  21  und  73,  6;  von  geistlicJier  Itbnar  135,  13,  von  geistlicher  Wirtschaft 
(=  spise)  135,  34;  von  der  fuore  der  sele  Fundgr.  I,  30,  18;  von  der  fuor  des  hei- 
ligen Christes  St.  Pauler  predd.  34,  19;  von  der  ewigen  fuore  Karajans  sprachd. 
101,  18.  Vor  allem  vgl.  Wackern.,  Predd.  56,  267  fg.  diu  spise  da^  ist  da^,  da^ 
si  (=  sele)  an  deheime  dinge  üf  ertrtch  inheinen  trost  noch  inheine  vroide  hat, 
niht  wan  an  himelscJien  dingen;  dar  an  suochet  si  trost  und  wirt  ouch  da  von 
gesptsit  und  gevuoret. 

Eine  bequeme  übei*sicht  über  den  diesen  predigten  eigentümlichen  Wortschatz 
und  ihren  Sprachgebrauch  zu  geben  hat  auch  diesmal  Schönbach  imterlassen,  es  aber 
nicht  in  abrede  gestelt,  dass  er  noch  gelegenheit  haben  werde  näher  dai-auf  einzu- 
gehen. Ein  glossar  schien  ihm  ausser  der  billigen  rücksicht  auf  die  Verlagsbuch- 
handlung schon  darum  nicht  unbedingt  notwendig,  weil  er  die  Wahrnehmung  machte, 
dass  „der  dem  denkmal  eigentümliche  wortvorrat  beinahe  in  seinem  ganzen  umfange 
dem  nachtragshefte  des  mhd.  handwörterbuches  von  Lexer  einverleibt"  worden  war. 
Indessen  sind  mir  von  seltenen  Wörtern,  die  bei  Lexer  nicht  gebucht  sind,  doch  noch 
folgende  aufgefallen: 

paerej  f.  106,  8  (und  11  und  16)  der  {stoc)  veredelt  aver  sich  unde  misse- 
riet  also  harte,  da^  unser  herre  von  im  an  sim  heren  huwe  ain  vil  großen  scha- 
den nam  unde  da§  im  ain  vil  gro^iu  paere  wart  an  sim  himelscheti  wifigarten. 
die  paere  die  newolt  \idoch  mi^er  herre  mit  der  selben  slahte  stocke  niht  wider 
htiw&n  noch  wider  aver^i  usw.;  paere  =  bare,  bere,  bar,  nuditas,  die  kahle,  unbo- 
pflanzte  stelle  im  Weinberge;  bei  Lexer  nur  bar^  f.  aus  Roland  241,  17;  vgL  ahd. 
bari  in  houbitbari,  calvitium;  DWb.  I,  1057  s.  v.  baare. 

barmherxunge,  f.  238,  3:  nur  noch  in  den  Trierer  psalmen  ed.  Graff  s.  313 
und  569  barmherxunge,  miseratio. 

büwewerch,  n.  140,  3,  landbau;  nur  noch  im  ersten  bände  dieser  predigten 
385,  30  im  sinne  von  ars  architectoria  (nach  Steinm.  ztschr.  19,  206  anm.);  das 
bei  Lexer  I,  404  angesezte  büweicerc  ist  druckfehler  für  büwewec. 

dietlant,  n.  194,  20;  230,  14  u.  18;  245,  12  u.  21;  noch  in  einer  Münchener 
psalmenübersetzung  des  14.  jahrh.  bei  Khull,  Beitr.  26:  patria  gentium,  dietlatit. 


ÜBSB  SCHÖNBAGH,   ALTD.   PREDIGTEN  m  263 

domsiehe,  f.  137,  23;  DWb.  11,  1300. 

ebengefwxsamf  adj.  171,  28. 

ebenrnä^unge^  f.  97,  28  und  35;  163,  4. 

eigenaun,  m.  ancillae  filiusy  57,  21;  vgl.  eigentctp,  ancilla,  57,  14  und  23; 
58,  3  (im  gegensatz  zum  vrigen  tclbe). 

ergranten?    157,  32  da^  si  —  den  wären  gotes  sun ergrantcn  unde 

ersteeJien  (==suffocare)  mechten;  vgl.  158,  18  do  erstaht  unde  td)erchom  er  si  fiarte. 
Man  könte  an  ergrannen  denken,  das  nur  einmal  überliefert  ist  bei  Diemer,  D.  gedd. 
15,  17  und  wofür  dieser  ergremen  vermutete;  denn  das  von  Lexer  I,  132  ange- 
zogene beispiel  aus  der  Martina  203,  96  ist  zu  streichen,  es  muss  dort  heissen  er 
grante.  Allein  der  Zusammenhang  erfordert  hier  statt  des  imperf.  ergrmüen  einen 
infinitiv;  überdies  würde  ergranfieti  oder  ergremen  neben  erstcekefi  auch  seiner 
bedeutung  nach  sich  nicht  recht  schicken.  Mit  mehi*  Wahrscheinlichkeit  glaube  ich 
daher  in  ergranten  einen  Schreibfehler  zu  sehen.  Ich  nehme  an,  dass  der  flüchtige 
Schreiber  g  und  /  versezt  hat,  dass  es  ursprünglich  ertrangen  {erdratigen)  hiess  = 
suffocare,  was  zu  dem  dabeistehenden  synonymen  erstecJien  (erstechen)  vortreflich 
pas.sen  würde.  Das  ursprüngliche  erdrangen ,  erdrengen  scheint  aber  sehr  früh 
schon  an  das  lautlich  nahe  liegende  ertrenken  seine  bedeutung  abgegeben  zu  haben, 
welches  an  mehreren  stellen  die  bedeutung  von  suffocare  angenommen  hat,  wie  man 
aus  folgenden  stellen  ersieht:  Fundgr.  I,  93,  38  do  die  dorne  üf  konien,  dö  irtran- 
cheten  (uninvi^avj  suffocaverunt  nach  Lucas  8,  7)  sie  den  guoten  sdmen;  ebenso 
in  den  vorliegenden  predigten  47,  40  den  ertränkten  och  die  dorne;    bei  Grieshaber 

Predd.  II,  52  die  dorne ertrancten  den  sdmen;   Schönbach,  Predd.  II,  51,  8 

die  dorn  machent  den  sdmen  boes  und  ertrenchent  in;  Schmeller- Fromm.  I,  667; 
Graff,  Sprachsch.  5,  542  irtrancta,  irtrancti,  suffocaii.  Daneben  finde  ich  erdren- 
gen nur  niederdeutsch  belegt  bei  Schiller -Lübben  I,  716. 

erscenien,  swv.  reflex.  sich  e.  191,  17;  vgl.  I,  104,  20;  Frauonlob,  Spr.  125, 
10;  Trebnitz.  ps.  24,  20  =  erubescere;  H.  v.  Hesler,  Apokal.  4916;  Deut,  chron. 
13,  114,  14  eineti  erschemen. 

verteilaere,  m.  103,  18. 

visk'Schiflinj  n.  129,  1;  vgl.  Diefenbach  400**,  s.  v.  oria. 

vol-eren,  swv.  5,  40;  so  noch  in  der  Germ.  31,  304  (289);  in  Lassbergs  L.  S. 
I,  570,  413. 

vol'lonetij  swv.  258,  15. 

viwer-eiter,  n.     Hndschr.  viwe  aiter,  138,  39  =^  viurm  aitcr  218,  16  —  31. 

gemandej  n.  admonitio,  144,  31  elliu  min  wamunge  unde  alle^  min  ge- 
mande;  156,  27  vo^i  stme  gcjnande  u,  oitch  von  stner  lere;  vgl.  Windb.  ps.  s.  557 
vermanedej  contemtus  =  ahd.  farmanida^  farmanidi  Graff  II,  771. 

gemuexegeny  swv.,  sich  dar  %uo  g.  da^  usw.  161,  32;  255,  32;  vgl.  Wacker- 
nagel, D.  predd.  s.  281,  19;  sich  gem.  von  allen  unmuoxen  im  St.  Trudb.  Ilohenlied 
108,  25. 

genöxsameny  swv.  reil.  sich  g.  4,  25;  12,  14;  76,  36;  102,  4  u.  16:  116,  42; 
206,  16;  246,  22;  bei  Lexer  unbelegt. 

gigirschj  adj.  54,  31  alle  gigirschiu  (Regonsb.  hA'schx.  girskiu)  Hute;  155,  25 
den  gigir seilen  man;  vgl.  gegirn  bei  Lexer  I,  782;  gigirdo,  gigiridi  bei  Graff  IV, 
229;  gegerunge  bei  Schönbach,  Predd.  I,  3,  11. 

gigirscheit,  f.  23,  29  var.  71,  25;  155,  17  —  22. 

gots-gelichnusse,  f.  diu  here  g.  161,  12. 


204  BECH,  ÜBER  SOHÖNBACH,  ALTD.  PBEDIQTEN  m 

hersal,  in.  100,  2  (vgl.  100,  37). 

Iwrscdelj  m.  =  herstuol,  103,  5  u.  7  u.  25;  155,  32. 

hcimladunge,  213,  22  u.  25. 

hinnehedes?  adv.  129,  20  Petre,  du  soll  nü  htnnebedes  ain  visMr  sin  der 
Hute.  Die  seltene  form  könto  man  zurückführen  auf  hin-dbe-des  =  von  jczt  ab, 
hinfort,  vgl.  after-des,  innen- des;  in  diesem  sinne  steht  hin  abe  im  Moritz  v.  Craün 
695;  Mauritius  u.  Beamunt  in  v.  d.  H.  Germania  9,  111  (459);  wahrscheinlicher 
aber  hat  man  an  hinyie-bt-dcs  zu  denken,  vgl.  ht  da^  (und  bt  diu)  beiGrafflll,  12; 
Fundgr.  n,  34,  12;  41,  26;  dafür  pedes  bei  Diemer,  D.  gedd.  341,  26;  und  hinnan 
bi  des  =  a  modo,  aus  Notkers  psalmen  67,  25  von  Graff  1.  1.  aogeführt. 

horwelln,  n.  „limus  terrae'',  „erdenkloss",  216,  29;  217,  6. 

lantstte,  f.  98,  37. 

leigeltch,  adj.  laieus,  61,  20;  255,  30;  noch  in  Aristotilis  Heimlichkeit  ed. 
Toischer  1824  Iciliche  wort;  ahd.  leicUhy  Graif  IL,  152. 

mirrensmac,  m.  93,  12;  noch  bei  J.  Haupt,  Brader  Philipps  Marienleben 
s.  57,  177  mirresmac. 

nedeJiein  =  niedehein,  nehein  100,  16  imd  27. 

pfaffensamenunge ,  f.  208,  33. 

reismantelj  m.  sagum,  239,  37. 

riu^aerinne  j  f.  =  riuwesaerinnc,  198,  35;  noch  in  der  busse  Adams  und 
Evas  ed.  Fischer  in  der  Germ.  22,  249  nach  einer  Variante  rewserm  statt  riuwerin; 
Ztschr.  f.  d.  a.  20,  160  reusarin. 

sambalde,  adv.  -=  sdn  balde,  50,  38;  75,  29;  93,  11;  99,  11  u.  15;  111,  39; 
112,  33;  155,  16;  159,  40;  179,  27;  191,  16. 

scefstitiraere,  m.  252,  30  u.  24. 

toufbotege,  swf.  lavatorium,  mare  fu^üe,  das  „eherne  meer'*,  98,  38;  99,  1; 
ein  eriniu  toufb.  100,  35;  101,  16  u.  18. 

unanesihtic,  adj.  223,  31;  224,  13  u.  19—24. 

ungewislicfien,  adv.  43,  14  u.  19  vil  u,  laufen  =  in  in^ertum  currere. 

wcnigij  f.  parva  statura,  95,  22;  96,  6;  noch  bei  Graff  I,  891. 

xuoiceten,  swv.  acccderc,  123,  22;  124,  22  ik  fiän  xehen  oJisen  gehouft,  da 
muox  ich  xuo  weten  unde  muox  die  bewarn  -^  Lucas  14,  19  juga  bäum  emi  quin- 
qve  et  eo  probare  illa;  vgl.  Mhd.  wörterb.  HI,  535*,  41. 

Einen  ganz  aussergowöhnlichen  fleiss  hat  der  herausgeber  wider  verwant  auf 
die  dorn  texte  angefügten  bemerkungen,  in  welchen  auf  s.  271  —  421  nicht  nur  die 
laufenden  biblischen  citate  nachgewiesen,  sondern  auch  die  verborgensten  quellen  aus 
den  kirchenschriftstellem  zu  tage  gefördert  werden.  Das  Verzeichnis  der  19  kirchen- 
väter,  bei  denen  er  nach  s.  446  anf  der  suche  gewesen  ist,  gibt  allein  schon  ein 
beredtes  Zeugnis  von  den  unsäglichen  Schwierigkeiten  und  mühsalen,  die  der  uner- 
müdliche forscher  auf  weitestem  und  entlegenstem  gebiete  .hier  zu  überwinden  hatte. 
Und  wenn  auch  für  die  sprachliche  seite  der  altd.  predigten  zunächst  nur  wenig 
damit  gewonnen  worden  ist,  für  die  entstehung  derselben  und  ilire  geschichte,  beson- 
ders auch  für  die  dogmcngeschichte  bleiben  diese  Untersuchungen  Schönbachs  ein 
unschätzbarer  gewinn. 

ZEITZ,    DECEMBER    1891.  FEDOR   BSOH. 


SÜCHIBB,    ÜBEB  GKNBLIN,  HÖFISCHE  EPEN  265 

Unsere  höfischen  epen  und  ihre  quollen.  Von  dr.  Piaeid  Genelin.  Inns- 
bruck, H.  Schwick.  1891.    I,  115  s.     1,50  m. 

Von  der  vorliegenden  abhandlung  muss  leider  ausgesagt  werden,  dass  sie  die 
Wissenschaft  nicht  fördert,  wol  aber  in  manchen  stücken  hinter  der  zeit  zurückbleibt, 
und  mit  einer  Sorglosigkeit  geschrieben  ist,  der  man  glücklicher  weise  auch  in  anfan- 
gerarbeiten nicht  alzuhäufig  begegnet  Vielleicht,  wenn  der  Verfasser  sich  darauf 
beschränkt  hätte,  einen  unser  höfischen  romane  mit  seiner  quelle  zu  vergleichen, 
wäre  es  ihm  an  der  band  eines  kundigen  führers  gelungen  ein  bescheidenes  ziel  zu 
erreichen.  Nun  er  aber  die  gesamtheit  unserer  höfischen  romane  mit  den  zu 
gründe  liegenden  darstellungen  behandeln  will,  hat  er  nur  eine  illustration  zu  dem 
französischen  Sprichwort  geliefert:  Qui  trop  embrasse,  mal  Streint. 

Von  den  bekantern  romanen  scheint  in  der  darstellung  keiner  zu  felilen.  Eini- 
ges was  nur  in  bruchstücken  erhalten  (die  niederi'heinische  Schlacht  von  Aleschanz, 
Klies,  Girart  de  Boussillon)  oder  nur  durch  anspielungen  bekant  ist  (Segramors),  ist 
unerwähnt  geblieben.  Was  besprochen  wird,  findet  sehr  ungleiche  beachtung:  dem 
Parzival  sind  35  Seiten  gewidmet  (s.  46 — 81);  TVigalois  wird  mit  2  zeilen  abgetan 
(s.  45).  Das  meiste  ist  aus  litteraturgeschichten  oder  bekanten  Specialuntersuchungen 
compiliert.  Einiges  beruht  auf  eignem  lesen,  doch  ohne  nutzen  für  die  Sache.  Oft 
ist  minderwertige  litteratur  herangezogen  und  wichtiges  bei  seite  gelassen.  Zum 
Willehalm  wird  das  buch  von  San  Marte  (Quedlinburg  1871)  nicht  benuzi  Von 
Gaston  Paris  sind  weder  die  aufsätzo  in  der  Histoire  litteraire  bd.  XXX  noch  die 
Littorature  firan9aise  au  moyen  äge  (2.  aufl.  1890)  verwertet.  Der  Ursprung  der  Ar- 
thursage wird  dargelegt,  aber  ohne  kentnis  von  Zimmers  und  W.  Försters  einschnei- 
denden arbeiten. 

Minder  verzeihlich  als  diese  unkentnis  einschlägiger  litteratur  scheint  mir  die 
nachlässigkeit,  in  der  ausdmck  und  inhalt  dem  leser  vorgeführt  werden.  Gleich  auf 
der  ersten  seite  ist  von  Kobert  Wace  die  rede.  Das  misverständnis,  dem  dieser 
vomame  entstamt,  scheint  unausrotbar  zu  sein;  er  muss  wie  die  seeschlange  immer 
von  neuem  auftauchen.  —  Auf  s.  9  heisst  es:  „man  war  [in  Nordfrankreich]  begierig 
nach  dem  gai  savoir,  worunter  man  namentlich  jene  romantischen  erzählungen,  epen 
und  lieder  verstand,  welche  der  wirklichen  ritterlichen  weit  eine  phantastische  . . . 
entgegensezten".  Der  ausdruck  gai  saher  wurde  im  14.  Jahrhundert  von  den  proven- 
zalischen  meistersängem  aufgebracht.  Fragen  wir  lieber  nicht  was  er  zu  einer  zeit 
und  in  einem  land  bedeutete,  wo  man  ihn  nicht  kante.  Auf  s.  10  wird  „der  berühmte 
bischof  Wiston*  genant;  in  der  tat  hiess  er  Wulfs  tan  oder  Wulstan.  Nach 
8.  11  berief  Heinrichs  I.  gemahlin  Alix  von  Brabant  im  jähre  1122  nordfranzösische 
dichter  nach  England.  Man  wüsste  geni,  woher  der  Verfasser  dieses  weiss;  doch 
wird  es  wol  aus  der  luft  gegriffen  oder  aus  einer  tiiiben  quelle  geschöpft  sein.  Nach 
s.  12  dichtete  Christian  von  Troyes  für  Marie  de  Champagne,  die  gemahhn  Balduins, 
des  spätem  kaisers  von  Constantinopel.  Indessen  weiss  man  längst,  dass  er  der 
mutter,  nicht  der  tochter  nahe  stand. 

Vorstehendes  ist  den  ersten  fünf  Seiten  entnommen  (die  abhandlung  begint  auf 
s.  7).  Aus  dem  folgenden  erwähne  ich  liasse  für  lawse  s.  19;  Willehalm  stirbt  862 
(s.  30);  die  mutter  Percevals  heisst  Cammuelles,  obgleich  der  Verfasser  die  ände- 
rung  Bartschens  kent  (s.  59 fg.);  Feirefiz  komt  „zweifellos  aus  fier  und  fils^  (s.  65); 
die  Tristansage  scheint  zuerst  von  den  französischen  spielleuten  ausgebildet  worden 
zu  sein  s.  88;  der  pfaffe  Lamprecht  schrieb  sein  gedieht  im  lezten  drittel  des  12.  Jahr- 
hunderts 8.  105. 


'266  süOHisB 

Das  falschschreiben  von  eigenDamon  gehört  zu  den  liebhabereien  des  verCas- 
sers.  Hier  nur  einiges:  Potevin  s.  1.  11.  12,  Theodor  [sicj  de  la  Villemarque  s.  50, 
Laehman  s.  19,  lady  Quest  s.  44,  Simrok  s.  63,  Rehaghel  ebd.,  Avenar  le  Rot 
s.  100;  drei  entstelle  namen  stehen  in  einer  zeile  s.  98  anm.  2. 

Von  citaten  nur  eine  probe:  am  ende  von  s.  103  wird  vom  Verfasser  auf  seine 
eigene  schrift  s.  58  anm.  2  vei*wiesen;  das  citat  ist  falsch,  es  scheint  s.  98  anm.  4 
gemeint  zu  sein. 

Schliesslich  nehme  ich  Wolfram  gegen  die  anschuldigung  in  schütz,  er  habe 
aus  ä  termes  irtümlich  einen  eigennamen  gebildet  (die  ausgäbe  der  Bataillo  d' Aliscans 
von  Guessard  schreibt  richtig  ä  Temics  s.  25),  und  protestiere  gegen  die  behauptung 
(auf  s.  38),  ich  hätte  für  Ulrich  von  domTürlin  eine  französische  quelle  angenommen. 

HALLE.  HEBMANN   SÜCHIER. 


Die  deutsch-französische  Sprachgrenze  in  der  Schweiz.  Von  dr.  J.  Zlm- 
merli.  I.  teil:  Die  Sprachgrenze  im  Jura.  Nebst  einer  karte.  Basel,  Georg.  1891. 
IX,  80  8.    8.     16  tafeln,  1  karte.    3  m. 

Nachdem  Konstant  This  auf  grund  persönlicher  forschungon  die  deutsch -fran- 
zösische Sprachgrenze  eret  in  Lothringen  (1886),  dann  im  Elsass  (1888)  bis  an  die 
Schweizer  grenze  verfolgt  hat,  nimt  nunmehr  Zimmerli  den  faden  auf  und  spint  ihn 
von  da  weiter  durch  den  Schweizer  Jura  bis  zum  Neuenburger  see.  Zimmerli  hat 
sich  auch  in  der  einrichtung  seiner  arbeit  an  seinen  Vorgänger  angeschlossen,  was 
nur  zu  billigen  ist. 

Er  hat  zunächst  die  ergebnisse  der  schweizerischen  Volkszählungen  verwertet. 
Bekantlich  zeichnen  sich  leztere,  wie  auch  die  belgischen,  vor  den  Volkszählungen 
der  grössern  länder  dadurch  aus,  dass  in  ihnen  auch  die  spräche  der  be wohner  der 
statistischen  aufnähme  gewürdigt  wird.  Daher  konte  eine  feststellung  der  Sprach- 
grenze schon  auf  grund  der  schweizerischen  Statistik  vorgenommen  worden.  Zim- 
merli hat  diese  angaben  auf  widerholten  fusswanderungen  nachgeprüft  und  ergänzt 
und  überall  an  ort  und  stelle  erkundigungen  eingezogen,  so  dass  seine  darstellung  von 
dem  sprachlichen  leben  in  den  grenzorten  ein  detailliertes  und  zuweilen  anschauliches 
bild  gibt. 

Nachdem  er  die  einzelnen  Ortschaften  durchgenommen  hat,  stelt  er  in  einem 
«besondorn  abschnitt  das  hin-  und  herwogen  der  bevölkeimng  in  folge  von  fabrikanla- 
gon,  auswanderungen  u.  dgl.  dar.  Auf  romanischem  gebiet  hat  ein  starker  zuzug 
deutscher  bevölkerung  statgefunden ,  welche  in  manchen  bezirken  V« — V4  ^6^  gesamt- 
bevölkerung  ausmacht.  Doch  darf  hieraus  nicht  auf  eine  Verschiebung  der  Sprach- 
grenze geschlossen  werden.  Denn  „fragen  wir  nach  den  sprachlichen  geschickcn  der 
in  neuerer  zeit  durch  einwandei-ung  in  den  welschen  Jura  gefühi*ten  deutschen  bevöl- 
kerung, so  lautet  die  auf  eine  grosse  anzahl  einzelboobachtungen  gestüzte  antwort 
dahin:  sie  geht  in  der  regel  in  der  zweiten  generation  im  romanentum  unter,  d.  h. 
die  auf  welschem  bodon  gebomen  kinder  deutscher  eitern  veretohen  das  deutsche 
noch,  sprechen  aber  mit  verliebe  französisch  und  werden  die  bogründor  französisch 
sprechender  familien**  (Zimmerli  s.  56). 

Es  folgt  dann  ein  kapitel  vom  häuscrbau  mit  9  grundrissen  keltoromanischer 
und  alemannischer  (dreisässiger)  häuser.  Dann  werden  die  deutschen  grenzmund- 
arten  auf  drei  selten  kurz  charakterisiert,  und  schliesslich  die  französischen  patois 
eingehender  behandelt,  deren  lautverhältnisse  erst  im  algemeinen  dargelegt  imd  dann 


ÜBKB  ZTMMBRT.T,   DEUTSOH-FRZ.   SPRACHGRENZE  267 

auf  16  tafeln  durch  boispiele  veranschaulicht  worden.  Eine  landkarte,  welche  die 
Sprachgrenze  als  linie  —  und  nicht,  wie  man  erwarten  solte,  als  gürtel  —  darstelt, 
beschliesst  das  buch. 

Die  einzelnen  tatsachen,  die  der  Verfasser  anführt,  wird  nur  der  nachprüfen 
können,  der  selbst  gelegenheit  hat,  die  Sprachgrenze  zu  besuchen.  Ich  möchte  hier 
nur  gegen  die  etymologio  eines  Ortsnamens  bedenken  aussprechen,  da  das  überlieferte 
material  mir  nicht  die  ansieht  des  Verfassers  zu  stützen  scheint.  Das  fast  ganz  fran- 
zösische protestantische  pfardorf  Vauffelin  hat  gegenwärtig  zwei  deutsche  namen: 
Füglisthal  und  Wölflingen,  Urkundlich  haben  wir  Walfelin  1228,  Vallis  Vbhicru/m 
um  1311,  Fuglistal  1349.  Hieraus  schliosst  der  Verfasser  (s.  33):  y,  Wölflingen  ist 
jedenfals  die  älteste  form  des  namens,  aus  welcher  dann  durch  romanisierung  Vauf- 
felin hervorgieng,  während  Füglisthal  lediglich  die  deutsche  Übersetzung  der  später 
von  klerikem  aufgebrachten  bezeichnung  Vallis  Volucrum  zu  sein  scheint".  Indes- 
sen entsprechen  sich  Wölflingen  und  Vauffelin  doch  keineswegs  volkommen;  und 
höchst  auffallend  bleibt,  dass  die  angeblich  älteste  form  des  namens  erst  in  unserer 
zeit  auftaucht.  Mir  ist  daher  viel  wahrscheinlicher,  dass  der  ort  ursprünglich  Füg- 
listhal hiess,  dass  dies  in  Val-felin  (Vallis  volucrum)  romanisiert  wurde,  und  dass 
Wölflingeth  auf  einer  wilkürlichen  Verdeutschung  des  namens  Vauffelin  durch  irgend 
einen  lokalforscher  beniht. 

In  den  lautlichen  angaben  ist  nicht  alles  ganz  correct  ausgedrückt.  Intervo- 
kalos  p  gibt  in  sapere  vu  sagt  der  Verfasser  s.  78;  doch  ist  in  savy^^e  nur  v^^p  und 
y>^S  =  fz.  oi  =  lat.  e.  —  ovum  hat  niemals  kurzes  o,  weder  im  lateinischen  noch  im 
älteren  romanisch  (s.  74).  —  Auch  in  den  tabellen  sind  einige  etymologien  zu  berich- 
tigen. So  ist  violetani  nicht  möglich  als  lateinische  form  für  das  romanische  viol^t 
violät  (t.  XI),  sondern  nur  vi^littam.  Auch  kann  tißv  (t.  XV)  neben  käv  nicht  aus 
caream,  sondern  nur  aus  cavam-  entstanden  sein. 

Hoffentlich  lässt  uns  der  Verfasser  auf  die  vei-sprocheno  fortsetzung  nicht  gar 
zu  lange  warten. 

HALLE.  HERMANN   SÜCHIER. 


Conradi  Hirsaugiensis  dialogus  super  auctores  sivo  didascalon.  Eine 
litteraturgeschichte  aus  dem  XII.  Jahrhundert,  erstmals  herausgegeben  von  dr. 
Gr.  Schepss.    Würzburg,  A.  Stuber.  1889.    84  s.     1,60  m. 

Der  Verfasser  dieser  schrift  ist,  wie  von  Stölzlo  nachgewiesen  wurde,  der  aus 
der  gogend  von  Spoier  stammende  Benediktinermönch  Konrad  von  Hirschau, 
langjähriger  leiter  der  klostorschulo  daselbst,  welcher  unter  kaiser  Konrad  III.  blühte 
und  um  1150  im  alter  von  80  jähren  gestorben  ist.  Der  bekante  abt  Joh.  Trithe- 
mius,  dena  wir  die  unsom  autor  betreffenden  notizen  verdanken,  nent  diesen  einen 
in  weltlichen  und  geistlichen  Schriften  wolbewanderten  philosophen,  rhctor,  musik- 
verständigen und  dichter,  der  unter  dem  pseudonym  „ Perogiinus  **  viele  berühmte, 
durch  klassische  form  ausgezeichnete  lateinische  werke  geschrieben  habe,  von  denen 
er  7  namhaft  macht,  dai'unter  neben  dem  Didascalon  auch  ein  lobgedicht  auf  den  hl. 
Benedictus  und  ein  musikalisches  werk.  Ausser  diesen  weiss  der  im  jähre  1588 
verstorbene  abt  Joh.  Pai*simonius  von  Hii-schau  noch  einige  theologische  Schriften 
Konrads  zu  nennen. 

Das  Didascalon  unseres  autors  ist  nur  in  einer  Würzburger  handschrift  des 
12.  Jahrhunderts  erhalten  und   von  Schepss  in  der  vorliegenden  schrift  zum  ersten- 


268  ALTHOF 

mal  herausgegeben  worden.  Nach  einer  einleitung  über  Konrads  leben  und  werke 
(s.  3 — 18)  folgt  von  s.  19 — 84  der  abriss  der  litteraturgeschichte  in  form  eines 
gesprächs  zwischen  lehrer  und  schüler.  Der  wesentliche  inhalt  des  dialogs  ist  fol- 
gender: 

Der  lehrer,  vom  schüler  gebeten,  ihn  in  das  Studium  der  alten  autoren  ein- 
zuführen, sträubt  sich  anfangs  unter  hin  weis  auf  den  neid  des  Bavius  und  Maevius 
und  die  gefahren,  welche  die  beschäftigung  mit  weltlicher  Wissenschaft  mit  sich  bringt, 
erklärt  sich  jedoch  auf  widerholtes  bitten  des  wissbegierigen  bereit,  ihm  das  wich- 
tigste über  die  alten  schriftstoller,  wie  er  es  selbst  von  anderen  erfahren  habe,  mit- 
zuteilen. Zunächst  spricht  er  jedoch  (meist  im  anschluss  an  Isidors  origines,  bezw. 
den  auf  diesen  zurückgehenden,  gröstenteils  noch  ungedruckten  Theodulkommentar 
des  Bemhardus  Trajectensis  aus  dem  ende  des  11.  Jahrhunderts),  dem  wünsche  des 
Schülers  entsprechend,  über  einige  wichtige  rhetorische  begriffe,  über  die  verschie- 
dene bedeutung  von  liber,  über  den  unterschied  zwischen  ungebundener  und  rhyth- 
misch oder  metrisch  gebundener  rede,  über  titel  und  einleitung,  über  die  verschie- 
denartigen bezeichnungen  für  Schriftsteller.  Es  folgen  sodann  belehrungen  über  die 
dichtungsarten,  wobei  der  lehrer,  wie  bei  den  meisten  übrigen  erläuterungen, 
auch  auf  die  worterklärung  rücksicht  nimt,  femer  über  die  verschiedenen  arten 
der  argumenta,  über  den  ordo  naturalis  und  artiücahs  bei  den  schriftsteilem  und 
die  4  arten  der  explanatio,  über  tropologia  und  anagoge,  sowie  über  die  3  stil- 
arten. Hierauf  nent  er  einige  schriftsteiler,  welche  in  die  füssstapfen  älterer  autoren 
getreten  sind,  spricht  von  den  7  punkton,  welche  die  alten  bei  der  erklärung  von  litto- 
raturwerken  berücksichtigten,  während  die  neueren  deren  4  annehmen:  operis  materia, 
scribentis  intentio,  finahs  causa  et  cui  parti  philosophiae  subponatur,  quod  scribitur. 
Nachdem  er  sich  hierüber  im  einzelnen  ausgelassen  hat,  begint  er  mit  seiner  littera- 
turgeschichte, indem  er  mit  den  leichtesten  autoren,  „der  milch  für  die  Säuglinge", 
den  anfang  macht,  um  darauf  die  schwierigeren,  „die  feste  speise  der  entwöhnten*^, 
von  den  eben  genanten  4  gesichtspunkten  aus  zu  betrachten. 

Donatus  ist  zwar  für  die  unterste  stufe  geeignet,  doch  wegen  seiner  lehre 
von  den  8  redeteilen  von  der  grösten  bedeutung  und  als  das  fundament  für  das  Stu- 
dium der  übrigen  autoren  zu  betrachten.  Er  ist  nicht  zu  verwechseln  mit  dem  ketzer 
Donatus,  hat  lange  vor  Priscianus  gelebt  und  war  der  lehrer  des  Hieronymus.  Die 
kürzere  bearbeitung  seiner  grammatik  ist  für  anfänger,  die  ausführlichere  für  fort- 
geschrittenere geeignet;  sie  sind  zum  Studium  der  grammatik  unentbehrlich.  —  Wie 
das  syllabarium  auf  das  abecedarium  so  folgt  auf  Donatus  Cato.  Es  lebten  in  Born 
zu  verschiedenen  zeiten  viele  dieses  namens.  Da  er  von  der  person  des  schulschrift- 
stellers  nichts  sicheres  weiss,  spricht  er  von  dem  inhalte  seiner  lehrhaften  Sprüche, 
die  der  schüler  nicht  nur  lesen,  sondem  auch  befolgen  soll,  denn  die  correctio  mo- 
rum  ist  der  fructus  finahs  bei  allen  autoren.  Die  Sprüche  des  Cato  (von  catus  = 
ingeniosus),  der  seine  lehren  lieber  in  kurzen  doppelversen  als  in  langatmigen,  pedan- 
tischen ermahnungen  vortragen  wolte,  sind  zu  den  moralphilosophischen  Schriften  zu 
rechnen.  —  „Hesopus"  gibt  Konrad  gelegenheit,  von  den  fabeln  überhaupt  und 
dem  unterschiede  zwischen  den  äsopischen  und  den  dichtungen  des  Terentius  und 
Plautus  zu  sprechen.  Als  beispiel  der  ersteren  wird  die  fabel  vom  wolf  und  lamm 
angeführt  und  erläutert,  zum  vergleiche  werden  stellen  aus  der  hl.  Schrift  herange- 
zogen. —  Der  vierte  schriftsteiler  für  die  untere  stufe  ist  der  fabeldichter  Avianus, 
nach  seinem  prologe  ein  Zeitgenosse  des  Theodosius  (den  Konrad  augenscheinlich  mit 
dem  im  folgenden  genanten  kaiser  für  identisch  hält),   ein  nachahmer  des  Äsop,  wie 


ÜBXR  CONRADtTS  HIRS.   ED.   SCHIPSS  269 

dieser  des  Altimon  (Alcmon)  Crotoniensis.  Doch  überragt  er  beide,  da  er  ein  katholischer 
Christ  und  in  ungebundener  (vgl.  Teuffei,  Gesch.  d.  röm.  litt.  §  450,  5)  und  gebun- 
dener rede  wolerfahren  ist.  Von  den  fabeln  erwähnt  er  die  erste  von  der  femina  per- 
fida,  die  dem  mönchischen  magister  die  wurzel  alles  Übels  ist,  und  die  zweite  von 
der  testudo,  welche  er  zu  einer  wegschnecke  macht.  Dann  folgen  nutzanwendun- 
gen.  —  Bevor  sich  nun  der  autor  zu  der  lektüre  für  die  fortgeschritteneren  wendet, 
nimt  er  veranlassung,  von  den  Vorzügen  der  heiligen  Schriften  vor  den  werken  der 
heidnischen  Schriftsteller  zu  sprechen,  und  komt  dann  zu  Sedulius  (sedulus  in  lit- 
teris  ewangelicis) ,  der  nach  ihm  in  Achaia  zur  zeit  des  Valentinianus  und  Theodosius 
lebte.  Anfangs  weltlicher  Weisheit  ergeben,  hat  er,  um  die  Jugend  von  der  beschäf- 
tigung  mit  den  heidnischen  dichtem  zum  Studium  der  hl.  schrift  zu  führen,  die 
göttlichen  wunder  des  alten  und  neuen  testamentes  in  seiner  dichtung  behandelt. 
Auch  sein  alphabetischer  hymnus  auf  Christus  und  sein  in  rociproken  distichen  abge- 
fasstes  Carmen  werden  genant. —  Ihm  schliesst  sich  der  spanische  presbyter  Juven- 
cus,  ein  Zeitgenosse  Ck)nstantins  I.,  an.  Dieser  optimus  versificator  hat  sein  haupt- 
werk  in  engem  anschluss  (pene  verbum  ad  verbum  transferens)  an  die  evangelien, 
besonders  an  Lukas,  geschrieben,  denn  er  weite  verbis  simplicibus  ecclesiae  lactare 
infantulos.  Daher  muste  er  auf  mystische  auslegungen  verzichten,  was  ihm  auch 
der  grosse  umfang  des  Stoffes  gebot.  —  Dem  rechtgläubigen  und  in  den  Schriften  der 
hl.  Väter  wolbewanderten  Pros  per  (sermone  scolasticus,  assertionibus  subtilissimus) 
verdanken  die  tirunculi  scolares  eine  samlung  der  Sentenzen  Augustins,  die  der 
abwechselung  wegen  teils  in  prosa,  teils  in  elegischen  versen  abgefasst  sind.  Aus  dem 
genanten  kirchenvater  sind  auch  seine  epigrammata  geschöpft,  doch  hat  er  selbst 
auch  manche  exhortationes  hinzugefügt.  Er  will  den  leser  ermahnen,  die  weit  zu 
verachten,  die  laster  zu  verabscheuen,  die  tugenden  zu  pflegen  und  die  Seligkeit  zu 
erstreben.  Auch  seine  ehren ik  von  der  erschaffung  des  ersten  menschen  bis  zui*  ein- 
nähme Roms  durch  Goserich  wird  nebenbei  erwähnt  (composuisse  dicitur).  Er  war 
ein  Aquitanier  und  lebte  zui*  zeit  des  papstes  Leo,  entsagte  zulezt  seiner  schriftstel- 
lerischen tätigkeit,  seiner  gattin  (vgl.  Teuffei,  §  460,  5)  und  der  weit,  um  sich  die 
lezte  zeit  seines  lebens  den  werken  der  frömmigkeit  zu  widmen.  —  Theo  dolus,  ein 
söhn  christlicher  eitern,  wurde  in  Italien  geboren  und  studierte  in  Athen.  Er  will 
von  den  heidnischen  lügen  abraten  und  die  Wahrheit  der  hl.  schrift  empfehlen;  daher 
heisst  er  mit  recht  Theodolus  =  dei  servus  oder  Theodorus  =  dei  inspector.  Seine 
ekloge,  in  der  er  heidnisches  und  christliches  zusammengefügt  und  die  lüge  und  die 
Wahrheit  mit  einander  streitend  dargestelt  hat,  aufs  genaueste  zu  feilen,  ist  er  durch 
den  tod  verhindert  worden.  Dass  er  in  dem  worte  secretum  (in  v.  320  der  ekloge) 
die  erste  silbe  kurz  braucht,  darf  jedoch  nicht,  wie  einige  wollen,  als  ein  zeichen 
von  flüchtigkoit  angesehen  werden,  vielmehr  ist  nach  Konrads  konjektur  an  der 
betreffenden  stelle  „et  Troianum  lauderis  sciro  sacratum**  (sacratum  Palladis  simula- 
crum)  zu  lesen.  „Beatus,  qui  non  offen dit  in  verbo".  Auf  die  frage  des  schülers, 
was  eine  ekloge  sei,  wird  ihm  geantwortet,  das  wort  bedeute  caprinus  sermo,  entweder 
weil  die  ekloge  von  hirton  handele,  wie  Virgils  bucolica,  oder  weil  sie  die  hässlichen 
laster  geissele,  durchweiche  der  bock  sich  auszeichnet.  Nachdem  der  lehrer  auseinan- 
dergesezt  hat,  was  man  bei  der  lektüre  der  gedachten  ekloge  zu  berücksichtigen  habe, 
wendet  er  sich  zu  Arator.  Dieser  lebte  zur  zeit  des  Cassiodorus  und  Priscianus, 
befand  sich  in  dem  von  den  Goten  belagorten  Rom,  wurde  vom  papst  Virgilius 
befreit  und  zum  subdiaconus  geweiht.  Seiner  metrischen  darstellung  der  actus  apo- 
stolomm  schickte  er  zwei  Vorworte  an  Virgilius  und  Florianus  voraus.     Die  dichtung 


270  ALTHOF 

begint  mit  der  himmelfahrt  des  herrn  und  reicht  bis  zum  märtyrertode  des  Petrus 
und  Paulus.  Im  Widerspruche  mit  Eusebius  lässt  er  ebenso  wie  Prudontius  [zwischen 
der  kreuzigung  des  ersteren  imd  der  enthauptung  des  lezteren  ein  jähr  vorstreichen, 
während  doch  beide  apostel  an  einem  und  demselben  tage  unter  Nero  das  martyrium 
erlitten  haben.  Ein  solcher  irtum  ist  aber  verzeihlich  und  nicht  schwer  wiegend  bei 
einem  Schriftsteller,  der  die  rechte  gesinnung  gegen  seinen  schöpfer  und  den  wahren 
glauben  hat.  —  Den  vorher  besprochenen  autoren  ist  Prudentius  anzuschliessen, 
welcher  seinen  ausgezeichneten,  klaren  stil  seiner  beschäffcigung  mit  weltlicher  und 
geistlicher  littemtur  verdankt  Er  soll  aus  der  landschaft  „Traconia"  stammen, 
welche  nun  wegen  der  schlangen  unbewohnbar  ist,  war  dreimal  consul  und  Hess  sich 
schliesslich  taufen.  Seine  werke  werden  kurz  aufgezählt,  worauf  der  lehrer  ausführlicher 
auf  Inhalt  und  tendenz  seiner  psychomachia  eingeht,  die  sich  in  seinen  bänden  befindet. 
Die  lebenszeit  des  autoi's  hat  der  Verfasser  zwar  angeben  wollen;  da  ihm  jedoch 
augenscheinlich  darüber  nichts  bekant  war,  so  hat  er  eine  lücke  gelassen  (wie  spä- 
ter auch  bei  Homer).  —  Dem  Tullius  als  Prosaschriftsteller  ist  kaum  einer  seiner 
Vorgänger  und  nachfolger  zu  vergleichen.  Seine  werke  de  amicitia  und  de  senectute 
sind  dem  Atticus  gewidmet,  nach  welchem  sich  der  schüler  erkundigt.  Nachdem  der 
lehrer  von  dem  freunde  Ciceros  und  von  der  veranlassung  zur  abfassung  der  beiden 
werke  gesprochen,  geht  er  auf  anordnung  und  inhalt  der  erstgenanten  schrift  ein. 
Dabei  benuzt  er  die  gelegenheit,  von  den  prologen  überhaupt  und  den  4  arten  der 
exhortatio  (ab  utili,  ab  honesto,  a  possibili,  a  necessario)  zu  sprechen.  Der  Schü- 
ler fragt  dann  nach  den  büchern  de  senectute,  „de  rhetorica*'  und  dem  „liber  invec- 
tivarum*^  (aus  s.  55,  2  fgg.  kann  man  schliessen,  dass  die  Catilinarischen  reden 
gemeint  sind) ,  doch  wird  nur  die  zuerst  genante  schrift  im  folgenden  besprochen ,  wäh- 
rend Konrad  von  den  übrigen,  sowie  von  den  lebensuraständen  Ciceros  ganz  schweigt. 
Mit  recht  scheint  uns  daher  E.  Voigt  in  der  deutschen  litt.-ztg.  1889,  nr.  41  hier 
wie  an  einigen  anderen  orten  eine  lücke  anzunehmen. —  Sallustius,  der  nach  Kon- 
rad zur  zeit  des  kaisers  Augustus  blühte  und,  abgestossen  von  den  ausschweifungen 
seiner  jugendgenossen,  sich  der  schriftstellerei  widmete,  schildert  in  Catilina  und 
Jugurtha  zwei  bösewichte,  von  denen  der  eine  innere,  der  andere  äussere  kriege 
erregte;  sie  sollen  dem  leser  als  abschreckende  beispiele  dienen.  Der  geschichte  der 
Catilinarischen  Verschwörung  ist  ein  prologus  excusatorius  praeter  rem  vorausgeschickt^ 
dessen  unterschied  von  einem  prologus  ante  rem  dem  schüler  erörtert  wird.  —  Auf 
die  frage  des  lezteren,  warum  denn  Boetius,  von  den  römischen  Schriftstellern 
ingenio  facundiaque  illustrissimus ,  der  nun  ausführlicher  behandelt  wird,  seinem 
werke  de  consolatione  philosophiae  nicht  auch  einen  prolog  vorausgeschickt  habe, 
wird  ihm  erwidert,  dass  der  titel  des  buches  mit  wenigen  werten  den  zweck  eines 
solchen  erfülle.  Doch  stehe  es  nicht  fest,  ob  der  titel  von  Boetius  selbst  oder  von 
anderen  herrühre.  Hierauf  werden  die  namen  und  titel  des  Schriftstellers  erklärt  und 
gedeutet,  der  begriff  philosoph  definiert  und  der  inhalt  der  gedachten  schrift  besprochen. 
Dass  sie  der  belege  aus  der  hl.  schrift  entbehrt,  ist  darauf  zurückzuführen ,  dass  der 
Verfasser  die  bosheit  der  ungläubigen  (Arianer),  unter  denen  er  lebte,  beiücksichtigte, 
teils  aber  auch  dai-auf,  dass  or  lediglich  mit  vernunftgründen  die  weltverachtung 
predigen  wolte.  Sein  grab  hat  Boetius  zu  Pavia  an  der  seite  des  hl.  Augustinus 
gefunden,  den  er  sich  in  semer  (ihm  fälschlich  beigelegten)  schrift  de  sancta  trinitate 
zum  vorbilde  genommen  hat.  —  Dem  Boetius  reiht  sich  würdig  Lucanus  an,  über 
dessen  Charakter  und  fähigkeiten  Konrad  sich  sehr  anerkennend  ausspricht.  Er  blühte 
zur  zeit  Neros,  des  ramusculus  autichristi,  und  hat  dessen  leben  und  sitten  palliata 


tBEB  CONBADÜS  HISS.   KD.   SCHXP8S  271 

litera  gegeisselt.  Er  will  durch  seine  geschichte  des  bürgerkrieges ,  der  mehr  als  ein 
bdrgerkrieg  war,  und  dessen  Ursachen  und  verlauf  kui'z  angegeben  werden,  zum 
frieden  und  zur  eintracht  ermahnen.  —  Gelegentlich  der  besprechung  des  „Oracius*, 
der  nach  Konrad  (quelle:  Hieronymus)  im  57.  lebensjahre  zu  Rom  starb,  komt  der 
lehrer  auf  den  wert  der  weltlichen  Schriften  für  die  studirenden  überhaupt  zu  reden. 
Ihre  Weisheit  ist  keineswegs  ganz  zu  verwerfen,  doch  muss  man  es  mit  ihnen  hal- 
ten wie  mit  dem  dill,  den  man  fortwirft,  wenn  er  seine  Schuldigkeit  als  gewürz 
getan  hat;  die  beschäftigung  mit  weltlicher  Wissenschaft  darf  nicht  von  den  geist- 
lichen Studien  abziehen.  Der  dichter  hat  sich  besonderes  verdienst  erworben  durch 
seine  ars  poetica  (die  ausführlicher  besprochen  wird),  während  die  sermones  und 
odae  für  die  tirunculi  eine  zwar  nicht  unnütze,  aber  doch  zum  teil  verderbliche  lek- 
türe  bilden.  Doch  dürfen  wir  aus  der  vitiosa  oratio  nicht  auf  die  sitten  des  autors 
schliessen.  —  Da  es  so  viele  gute  bücher  gibt,  braucht  man  das  gold  nicht  aus  den 
unflätigen  Schriften  Ovids  herauszusuchen  und  sich  dabei  zu  beschmutzen.  Seine 
fasti,  de  Ponto,  die  (ihm  falschlich  zugeschriebene)  elegie  de  nuce  und  einiges  andere 
sind  erträglich,  die  Schriften,  in  denen  er  „de  amore  croccitat",  und  einige  briefe 
dagegen  unleidlich.  Besonders  aber  werden  die  metamorphosen  als  heidnische  lügen 
verdamt  xmter  hinweis  auf  Römer  1,  18  —  23.  Und  doch  hat  nach  met.  I,  23  der 
dichter  eine  ahnung  von  dem  einigen  Schöpfer  aller  dinge  [gehabt,  ohne  ihm  jedoch 
dankbarkoit  zu  zollen.  Trotz  seiner  entschiedenen  abweisung  des  heidentums  hält 
aber  Konrad  für  erlaubt,  werte  und  gcdanken  aus  heidnischen  autoren  in  kirchlichen 
Schriften  anzuführen,  denn  das  finden  wir  auch  bei  Moses  und  den  propheten,  fer- 
ner bei  Paulus,  Augustinus  und  Hieronymus,  und  die  Wahrheit,  bei  wem  sie  sich 
auch  findet,  stamt  schliessHch  von  gott.  —  Von  den  übrigen  6  heidnischen  Schrift- 
stellern, über  wolcho  der  schüler  belehii  zu  werden  wünscht,  wird  im  folgenden 
Terentius  nicht  weiter  berücksichtigt,  so  dass  wir  hier  wohl  mit  Voigt  a.  a.  o.  eine 
lücke  auzxmehmen  haben.  —  Nach  wenigen  werten' über  Juvenalis,  den  satyricus 
optimus  Romanorum,  spricht  er  kurz  von  Homers  liber  do  excidio  Trojae,  dann 
von  dem  minor  Homerus  und  Pindarus,  der  den  Homer  ins  lateinische  übersezte 
(vgl.  Teuffei,  §  308,  2),  ferner  von  Persius,  der  fronte  invorecunda  die  laster  der 
Römer  geisselte,  und  erläutert  bei  dieser  gelegenhoit  wort  und  begriff  satire.  Es 
folgen  dann  einige  bemerkungen  über  die  Thebai's  und  die  Achilleis  des  Statins, 
die  von  einem  und  demselben  dichter  dieses  namens  verfasst  sind,  worauf  er  aus- 
führlicher und  mit  wärme  über  den  lezten  der  von  ihm  behandelten  autoren,  Vir- 
gilius,  spricht.  Er  ist  nach  dem  Zeugnisse  Augiistins  ein  dichter  von  ausserordent- 
licher anziehungskraft  und  hat,  dem  humilis,  mediocris  und  gi*andiloquus  stilus  ent- 
sprechend, drei  werke,  die  bucolica,  die  goorgica  und  die  Aeneis  gedichtet,  welche 
eine  integra  liberaliimi  disciplinanmi  notitia  des  Verfassers  verraten,  der  als  vers- 
künstler  von  niemandem  übertreffen  wird  und  sich  durch  die  eigenart  seiner  daretel- 
lung  auszeichnet.  Darauf  wird  der  inhalt  der  bucolica  angegeben  und  bemerkt,  dass 
sie  nicht  in  allegorischer  weise  auszulegen  sind.  Als  beispiel  ist  ecl.  HI,  90  ange- 
führt, wo  der  dichter  den  Bavius  und  Maevius  vei-spottet.  Dann  wird  der  georgica 
gedacht,  die  magna  mediocris  stili  subtilitate  geschrieben  sind,  und  schliesslich  bei 
der  Aeneis  versbau  und  spraclie  gerühmt,  auch  hervorgehoben,  dass  kein  dichter, 
wenn  er  von  der  wahi'heit  abzuweichen  gezwungen  gewesen,  officialius  et  cui-ialius 
gefabelt  habe.  Nachdem  Konrad  den  geburts-  imd  sterbeort  Virgils,  sowie  seine 
grabscbrift  angegeben  hat,  gedenkt  er  schliesslich  noch  der  herausgäbe  der  Aeneis 
nach  dem  tode  des  Verfassers  dui'ch  Varius  und  Tucca. 


272  ALTHOF,  ÜBER  CONRADÜS  HIBS.  ED.   SCHEPS8 

Hiermit  ist  der  kreis  der  s.  67,  33  genanten  autoren  geschlossen  und  offenbar 
der  kursus  der  litteraturgeschichte  zu  ende  geführt.  Der  Übergang  zu  dem  folgenden, 
einer  belehrung  über  die  artes  liberales  und  die  drei  teile  der  philosophie,  welche 
widerum  besonders  aus  Isidor  geschöpft  ist,  ist  allerdings  sehr  gewaltsam  und  ent- 
spricht nicht  der  bisherigsn  darstellungsweise;  daher  haben  wir  wol  auch  hier  eine 
lücke  anzunehmen.  Die  schiift  zerfält  somit  in  zwei  teile,  einen  algemeinen,  anfang 
und  schluss,  und  einen  besonderen,  welcher  die  einzelnen  schriffcsteller  behandelt,  und 
darauf  könte  vielleicht  die  angäbe  des  Parsimonius  (s.  6)  sich  beziehen,  dass  das 
Didascalon  zwei  bücher  umfasse. 

Der  spräche  Konrads  rühmt  Trithemius  eine  omata  sententiarum  dispositio  et 
veuusti  sermonis  cultura  nach,  ja  er  spricht  lobrednerisch  von  einer  Tulliana  elo- 
quentia  derselben.  Allerdings  „steht  sie  in  woltuendem  gegensatze  zu  so  manchem 
öden  machwerke  jener  zeit  und  entbehrt  nicht  einer  gewissen  frische  imd  freund- 
lichen wärme",  doch  finden  sich  Verstösse  gegen  die  grammatik,  wie  sie  das  mittel- 
alterliche latein  aufzuweisen  pflegt,  und  die  ausdrucksweise  ist  mitunter  etwas  weit- 
schweifig. Auch  fallen  öfters  widerholungen  auf;  allein  wir  haben  an  die  schrift  als 
an  ein  lehrbuch  nicht  lediglich  den  ästhetischen  massstab  zu  legen,  und  wenn  wir 
uns  den  alten  magister  im  kreise  seiner  schüler  denken,  wie  er  nach  dem  grund- 
satze  „repetitio  est  mater  studiorum*  seinen  lehrstoff  behandelt,  so  werden  wir  diese 
umschreibenden  erklärungen  wol  am  platze  finden. 

Die  quellen,  aus  denen  Konrad  schöpfte,  sind  besonders  sogenante  accessus- 
handschriften,  Isidor,  Bemhardus  Trajectensis,  Augustinus,  Hieronymus,  Boetius, 
Servius,  Alkuin,  Rhabanus  Maurus,  Abälard  und  des  verfassei-s  lehrer  "Wilhelm, 
deren  benutzung  unter  dem  in  sorgfältiger  und  schonender  weise  verbesserten  texte 
ausführlich  nachgewiesen  zu  haben,  ein  besonderes  verdienst  des  herausgebors  ist 
Trotz  der  benutzung  dieser  zahlreichen  quollen  ist  die  arbeit  jedoch  keineswegs  eine 
blosse  kompilation,  sondern  zeugi  von  umfassenden  Studien  und  selbständigem  urteile 
des  Verfassers.  Dabei  ist  vor  allem  hervorzuheben,  wie  er,  im  gegensatz  zu  dem 
grossen  Alkuin,  der  im  alter  das  Studium  des  einst  so  geliebten  Yirgil  als  gefahr- 
bringend verdamte,  trotz  seines  bestimt  ausgesprochenen  kirchlichen  Standpunktes 
sich  der  heidnischen  litteratur  gegenüber  nicht  ablehnend  verhält,  neben  entschie- 
dener Verwerfung  Ovidianischer  schrifton  anderen  Schriftstellern,  besonders  Virgil 
seine  anerkennimg  nicht  versagt  und  der  Wahrheit,  wo  sie  sich  auch  findet,  göttlichen 
Ursprung  zuerkont. 

Was  seinen  pädagogischen  Standpunkt  betrift,  so  ist  dem  mittelalterlichen 
Schulmeister  die  bedeutung  der  lateinischen  klassiker  für  die  formale  bildung  noch 
verschleiert.  Auch  sollen  sie  seiner  meinung  nach  nicht  um  ihrer  selbst  willen  stu- 
diert werden,  vielmehr  sind  sie  ihm  nur  mittel  zum  zwecke.  Sie  sollen  zum  Stu- 
dium der  geistlichen  Schriften  geschickter  machen  und  deren  zweck,  abscheu  vor  den 
lästern  und  lust  zu  den  tugenden  zu  erwecken,  erfüllen  helfen. 

Die  art  und  weise,  wie  Kom'ad  seinen  lehrstoff  behandelt  hat,  verdient  alles 
lob.  Um  nicht  zu  ermüden,  hat  er  die  the(Jretischen  erörtemngen  teils  vor,  teils 
hinter  die  eigentliche  litteraturgeschichte  gestelt  und  bei  der  besprechung  der  einzel- 
nen dichter  und  deren  werke  an  passender  stelle  weitere  belehrungen  über  rhetorische, 
phUosophische  und  religiöse  fragen  eingestreut.  Die  zu  behandelnden  autoren  hat  er, 
dem  Standpunkte  der  schüler  entsprechend  vom  leichteren  zum  schwereren  fortsohrei- 
tend,  in  drei  gruppen  geteilt  und  die  einzelnen  nach  den  genanten  4  gesichtspunkten, 
doch  in  abwechselnder  roihcnfolgo   und  mit  verschiedener  ausführlichkeit  behandelt, 


ÜBER  VENUSOÄRTLEIN  ED.   V.   WALDBERG  273 

auch  die  verbindimg  zwischen  den  einzelnen  abteilungen  durch  immer  wechselnde, 
meist  durch  fragen  des  Schülers  gebildete  Übergänge  in  geschickter  weise  herzustellen 
verstanden. 

So  bildet  denn  dieser  vom  Verleger  sehr  hübsch  ausgestattete  katechismus  der 
litteraturgeschichte  einen  wertvollen  beitrag  zur  geschichte  des  gelehrten  untenichtes 
in  den  klosterschulen  des  mittelalters,  und  wir  sind  dem  sachkundigen  herausgeber 
für  seine  fleissige  arbeit  zu  grossem  danke  verpflichtet. 

WEIMAR,   IM   DECEMBER  1890.  HERMANN   ALTHOF. 


Venus-gärtlein.  Ein  liederbuch  dos  XVII.  Jahrhunderts.  Nach  dem 
drucke  von  1656  herausgegeben  von  Max  freiherm  von  Waldberg*  (Braunes 
neudrucke  nr.  86—89).    Halle,  Max  Niemeyer.   1890.    XLVI  u.  220  s.    2,40  m. 

Trotz  des  erfolgreichen  eifers,  mit  dem  in  Deutschland  das  sammeln  und  sich- 
ten der  spuren  volkstümlicher  lyrik  betrieben  worden  ist  und  betrieben  wird,   fehlt 
es  doch  bis  jezt  volständig  an  einer  klaren  einsieht  über  die  entwicklung  des  deut- 
schen Volksliedes  seit  den  dreissiger  jähren  des  siebzehnten  Jahrhunderts.    Diese  tat- 
sache  erklärt  sich  einmal  daraus,    dass,   wenn  auch  von  den  heute  noch  im  volke 
gesungenen  und  in  zahlreichen  samlungen  vorliegenden  liedem  viele,  ja  die  meisten 
dem  ausgang  des  17.  oder  dem  beginn  des   18.  Jahrhunderts    ihre  entstehung  ver- 
danken, doch  naturgemäss  nui*  wenige  lesor  oder  hörer  die  zeit  ihres  urspininges  sofort 
richtig  zu  bestimmen  wissen.    Anderereeits  sind  die  gedruckten  und  handschriftlichen 
liedersamlungen   und   einzoldrucke   von   der  zweiten  hälfte   des  17.  Jahrhunderts  an 
schwer  zugänglich  und  nur  wenigen  bekant,   und  von  neueren  samlungen  der  Volks- 
lieder des  17.  und  18.  Jahrhunderts  ist,  genau  genommen,   nur  eine  zu  verzeichnen. 
Mao  kann  es  daher  nur  als  wünschenswert  bezeichnen,    wenn  zunächst  die  lieder- 
samlungen dieser  periode  wider  leicht  zugänglich  gemacht  werden ,  und  muss  mit  dank 
die  emeuerung  eines  für  die  geschichte  des  deutschen  volksgesanges  wichtigen  lieder- 
huches  entgegennehmen,   welche  M.  von  Waldberg  in   dem  vorliegenden   neudruck 
QBternommen  hat. 

Das  Venusgärtlein,  von  welchem  noch  drei  ausgaben  aus  den  jähren  1656, 
1659  und  1661  vorhanden  sind,  gibt  uns  eine  ungefälire  Vorstellung  von  dem,  was 
^^  die  mitte  des  17.  jahrhundei*ts  in  den  breiten  schichten  des  volkes  gesungen  wor- 
^öQ  ist,  und  zeigt  uns,  welche  lieder  algomeiner  beliebtheit  sich  erfreuten.  Es  ent- 
"^t  einige  ältere  Volkslieder,  sehr  viele  geselschaftsliedor  und  ebenfals  sehr  viele 
örzeugQisse  der  kunstlyrik  des  17.  Jahrhunderts.  Die  leztgenanten  hat  der  herausgeber 
^Q  iiachgewiesen,  für  die  anderen  lieder  mögen  hier  noch  einige  nachweise  die  ein- 
leitenden bemerkungen  des  herausgebers  ergänzen. 

Nr.  50.  S.  65.  "Wir  zweene  sind  hie  alleino  in  einem  fl.  bl.  von  1616: 
^"^y  Schöne  Newe  Lieder.  Das  Erste.  Wir  Zwey  sind  hie  allein,  niemand  kan  vns 
8*^6n,  etc.  In  seiner  eigen  Melodie.  Das  Ander.  Mütterlein,  was  soll  ich  thun? 
^chelein  vusera  Nachbarn  Sohn,  schmatzt  mich,  etc.  Das  Dritte.  Der  Liebste  mein 
hat  mich  verlassen,  die  (sie!)  mich  hat  zum  fall  gebracht.  Gedruckt  Im  Jahr  1616. 
(Königl.  bibl.  zu  Berlin,  Yo  1241.) 

In  der  strophenzahl  übereinstimmend.  Ich  verzeichne  die  wichtigsten  Varian- 
ten: I.  1.  Wir  zwey  sind  hie  allein,  n.  2.  mit  euch  zu  machon  ein  red.  11.  3. 
wenn  mein  Mutter  kem,    vnd  den   (denn).     IV.   1.   Nun  solt  jhr   drinnen  wachen. 

zmsoHRm  r.  dbutsohe  Philologie,    bd.  xxv.  1^ 


274  ELLINOEB 

IV.  4.   hey  hey  seyd  zufriuen.    IV.  7.    dz  bitt  ich  euch  mein  allerliebst  Liebelein. 

V.  1.  Waruinb  dürfft  jr  diß.  V.  6  und  7.  bleib  stan,  bleib  stan,  bleib  stan,  schöns 
Lieb  ich  hab  zur  stund  mit  euch  gethan.  VI.  1.  Ach  was  sol  das  gesein.  2.  jr  thut 
mir  so  grosse  pein.  3  u.  fg.  mir.  Vn.  1  u.  2.  Anders  nichts  Venus  Kind,  als  was 
ewer  Mutter  benimpt.  6.  u.  7.  aber  acht,  gute  nacht,  ade  schöns  Lieb  halt  mich  in 
ewer  gedacht. 

Nr.  53,  s.  68.  Kehr  vmb  mein  Seel,  vnd  trawre  nicht.  Ich  vermag 
von  diesem  liede  nur  einen  späteren  druck  aus  dem  jähre  1684  nachzuweisen,  der 
aber  wahrscheinlich  ein  älteres  fliegendes  blatt  nachdruckt:  Vier  schöne  neue  lieder. 
(Hierauf  folgen  die  anfange.)  Getruckt  im  Jahr,  1684.  (Königl.  bibl.  zu  Berlin,  Ye 
5706.)  Der  druck  ist  deshalb  von  so  hohem  interesse,  weil  wir  aus  ihm  erfahren, 
auf  welches  ereignis  sich  unser  lied  bezieht.  Das  erete:  Ein  gar  trauriges  Lied,  Von 
einem  Studenten,  welcher  im  Jahre  1608.  zu  Frankfurt  an  der  Oder  sich  mit  einer 
Jungfi*au  verehelichet,  und  vor  der  Hochzeit  in  seine  Heimaht  gezogen,  sein  Heu- 
rahtgut  zu  hellen,  und  also  ein  wenig  über  die  zeit  außgebliben,  also  hat  die  Braut 
(auß  zwang  ihrer  Elteni)  einen,  welcher  reicher  gewesen  ist,  nemmen  müssen,  als 
aber  der  erste  wider  kommen  und  erfahren,  daß  die  Braut  einen  anderen  verheurahtet 
Als  hat  er  dises  lied  gemacht,  und  Abends  vor  ihrer  Thür  gesungen  und  letstlich 
sich  erstochen.  Allen  Venus  Rinderen  zur  wahrnung  fürgestelt,  und  in  der  Melodey: 
Nun  laßt  uns  den  Leib  begraben,  usw. 

Dieser  druck  des  liedes  stimt  mit  dem  Venusgärtlein  nur  im  algemeinen  über- 
ein, im  einzelnen  finden  sich  in  jeder  zeile  Varianten.  Da  das  lied  indessen  im  Vg56, 
im  fl.  bl.  53  Strophen  umfasst,  so  müssen  wir  es  uns  veraagen,  die  sämtlichen 
abweichungen  aufzuzählen.  Die  Strophen  sind  in  dem  einzeldruck  an  mehreren  stel- 
len anders  angeordnet  als  im  Venusgärtlein.  Str.  11,  28,  31,  51  und  54  finden  sich 
nicht  in  dem  fliegenden  blatt,  dagegen  haben  wir  in  dem  einzeldruck  zwei  Strophen, 
welche  in  dem  Venusgärtlein  nicht  enthalten  sind.  Und  zwar  nach  str.  17  im  Vg. 
folgendes:  Sag  nun  herzallerliebste  mein, 

Heißt  das  nicht  recht  geliebet  seyn? 

Weil  durch  die  lieb  mein  Leib  und  Leben 

Wird  schändtlich  in  den  Tod  gegeben. 
Femer  nach  str.  47  des  Vg: 

Und  wenn  dich  dünkt  für  über  seyn. 

Die  trübe  Wölk,  all  Qual  und  Pein, 

Was  du  zuvor  im  Spiegel  gsehn, 

Wird  erst  mit  rechtem  Ernst  angehen. 
Als  zweites  lied  gibt  der  einzeldruck  eine  antwort  des  mädchens,  um  dessen 
willen  sich  der  Verfasser  unsres  gedichtes  den  tod  gegeben  haben  soll.  (Das  Ander: 
Ist  die  Antwort  der  Personen,  um  welcher  willen  sich  der  Student  erstochen:  Im 
Thon,  Ach,  daß  ich  könt  von  herzen  singen,  usw.)  Das  lied  erscheint  mir  merk- 
würdig genug,  um  es  hier  mitzuteilen. 

Ach  höret  zu  mit  klagen, 

Ihr  Jüngling  amd  Jungfräulein, 

Was  ich  euch  jez  wil  sagen. 

In  disem  Liedelein, 

Werd  ohn  zweiffei  gehört  han. 

Das  Lied  von  einem  Studenten, 

Der  ihm  selbs  Leid  anthan. 


ÜBEB  ySNüSGABILEIN  ED.   V.   WALDBERG  275 

2.  Wegen  das  sich  vermählet, 
Sein  allerliehstes  lieh, 

Und  ein  ander  erwehlet, 

Weil  er  so  lang  außblih, 

Das  bracht  ihn  in  so  grosse  noht, 

Daß  er  sich  selbs  erstochen, 

Ja  ganz  verwundt  in  Tod. 

3.  Bin  ich  doch  nicht  gewesen, 
Die  Ursach  nur  allein. 

Hat  drum  noch  nicht  vergessen. 
Der  Treu  und  Liebe  sein. 
Die  Ursach  war,  weil  mir  zukam, 
Ein  falscher  ßrief,  drauf  ^  stunde, 
Sein  Pittschaft  und  sein  Nam*. 

4.  Darinnen  war  zu  lesen. 
Ich  solt  hinfort  nunmehr. 
Seiner  gänzlich  vergessen, 
Er  kam  doch  nimmer  her. 

Er  het  sein  lieb  gesezet^  nun 
Auf  eine  die  ihm  lieber. 
Als  aller  Welt  Reichthum. 

5.  Als  ich  den  Biief  gelesen. 
Mit  schrecken  und  grossem  Leid, 
Wurd  mir  mein  Herz  besessen 
Mit  eitel  Traurigkeit, 

Mein  Herz  stets  seufzt  und  klaget  sehr, 
Ach  du  Liebster  auf  Erden, 
Seh  ich  dich  nimmermehr. 

6.  Der  Brief  hat  mich  beti'ogeu. 
Und  ihn  gebracht  in  Tod, 

War  falsch  und  alles  erlogen, 
0  weh  des  Jammers  und  Noht, 
Den  Brief  doch  nur  geschrieben  hat. 
Ein  falsches  Herz  und  Hände, 
Und  mich  abwendig  gemacht. 

7.  Drauf  hab  ich  mich  vermählet. 
Ein  ganzes  Jahr  heniach, 

Und  mir  zum  Trost  erwehlet, 
Dem  ich  vertraut  mein  klag, 
Mein  nicht  änderst  dann  alles  wahr, 
Was  mir  ward  zugeschriben. 
War  seine  Meynung  gar. 

8.  Da  er  doch  oft  geschriben, 
Ich  solt  beständig  seyn, 

1)  Text:  darauf.  2)  Text:  Namen.  3)  Text:  gesezt. 

IS* 


276  ELLINOEB 


Aber  wo  sind  geblieben, 
Dieselbig  Briefelein, 
Keinen  ich  nie  empfangen  hab. 
Bezeug  ich  mit  Mond  und  Herzen, 
Bis  in  mein  traurigs  Grab. 

9.  Wie  wahr  du  nun  gesungen, 
0  du  mein  treuster  Hort, 
Freilich  werd  ich  verdrungen, 
Von  eim  zum  andern  Ohrt, 

Dein  Geist  der  thut  mich  quelen  sehr. 
Daß  ich  kein  East  noch  Ruhe, 
Kan  haben  nimmermehr. 

10.  Ich  schlaffe  oder  wache. 
So  komst  mir  zu  Gesicht, 
Dein  jähmerliche  Klage, 

Hat  kein  aufhören  nicht, 

Dein  bleicher  Mund,  dein  töttlich  Wund, 

Zeigst  mir  zu  allen  Zeiten, 

Wann  dann  erst  komt  die  Stund. 

11.  Daß  ich  von  hin  sol  scheiden. 
Hast  du  gesungen  mir, 

Da  muß  ich  erst  dann  leiden. 
Was  nicht  geschehen  hier, 
Sol  ich  dann  haben  gar  kein  ruh. 
Das  muß  ja  Gott  erbarmen. 
Das  klag  ich  immer  zu. 

12.  Mein  ist  doch  nicht  alleine. 
Die  Schuld,  wie  vor  gehört, 
Dannoch  so  leid  ich  Peine, 

Weil  er  sich  hat  ermördt, 
Von  meinetwegen  mir  allein. 
Ach  Gott,  tröst  du  sein  Seele, 
Und  b'hüt  mir  auch  die  mein. 

13.  Diß  liedlein  hab  ich  dichtet, 
Auß  traurigem  Gemüht, 

Da  mit  ich  mir  berichtet, 

Daß  mich  allein  verführt. 

Das  falsche  Schreiben,  welches  mir. 

Zukommen  und  berichtet. 

Er  komme  nimmermehr. 

14.  Ihr  Jüngling  und  Jungfrauen, 
Nemt  diß  Liedlein  in  acht, 

Und  thut  nicht  allzeit  trauen, 
So  euch  wird  zugebracht. 
Schreiben  von  eurem  Lieblein, 
Daß  ihr  nicht  werd  betrogen, 
Und  komt  in  gleiche  Pein. 


ÜBKB  YBmJSOÄBTLBIN  EO.  V.   WALDBERG  277 

Wenn  in  dem  lied:  Kehr  umb  mein  Seel  eine  grosse  reihe  von  männem 
aus  der  biblischen  geschichte,  namentlich  aber  aus  dem  klassischen  altortum  ange- 
führt wird,  welche  die  liebe  ins  unglück  gestürzt  hat,  so  ist  das  ein  zug,  der  dorn 
geselschaftsliede  des  endenden  16.  und  beginnenden  17.  Jahrhunderts  eigentümlich 
war*.    Venusgärtlein,  s.  71  des  Ndr.  str.  26  —  31. 

Troja  das  edle  Königi-eich 
Oeschleiffet  war  der  Erden  gleich, 
Mancher  Fürst  vmb  die  Helenam, 
Erbärmlich  ymb  sein  Leben  kam. 

Julius  Cesar,  Hannibal, 
Tarquinius  und  Atribai, 
Ja  Adam,  Loth  und  Salomon, 
David,  Samson  und  Absalon. 

Dydo  die  edle  Königin, 
Ihrs  Lebens  war  ein  Mörderin, 
Aus  Liebes  Brunst,  die  sie  gewann, 
Zu  Enea  dem  kühnen  Mann. 

Leonhai'd  (Leander)  in  dem  Meer  umbkam. 
Da  er  zu  seiner  liebsten  schwam, 
Die  BiUis  sich  zu  tode  weint. 
Da  sie  verlohr  jhm  liebsten  Freund. 

Hipos  erhencket  worden  ist, 
Bonis  erschossen  wie  man  list, 
Narcissus  durch,  sein  eigen  Lieb, 
Seins  Lebens  worden  ist  ein  Dieb. 

Acteon  ein  Jüngling  zart. 
Von  Hunden  sein  zenissen  ward, 
Vnd  andere  vnzehlich  mehr, 
Welches  lang  zu  erzehlen  wer. 

Dazu  vgl.  man  nun  ein  lied,  das  in  der  vorliegenden  gestalt  zwar  nur  für  das 

ausgehende  siebzehnte  Jahrhundert  bezeugt  ist,  aber  in  einzelnen  teilen  sicher  bis  zu 

der   wende  des  sechzehnten  und  siebzehnten  Jahrhunderts   sich   zurückführen  lässt: 

Vormals   hab   ich  jederzeit   das  Lieben   ganz    veracht   (Gantz  neuer  Hans 

gack  in  die  Welt,  nr.  77;   Zwey  neue  weltliche  Lieder  ur.  2.    Berliner  königl.  bibl.; 

Jungfern-  und  Junggesellen -Noth,    [Liedersamlung  aus  d.  anf.  d.  18.  jahrh.]   s.  17 

fgg.)  Str.  5  —  12. 

Adam  war  mit  Hohn  und  Spott, 

Durchs  erste  Weib  verfühi-t, 

1)  Gelegentlich  iXsst  sich  ähnliches  auch  schon  in  nnserer  älteren  litterator  nachweisen;   vgl. 
BoneiB  Edelstein ,  nr.  67,  s.  99  der  ansgal>e  von  Pfeiffer : 

her  Adam  wart  ertceret, 
Troje  wart  zestcBret, 
hdr  Sampson  wart  erblendet, 
hdr  Salomon  geschondet, 
der  tot  man  wart  erhenket. 
I>ie  lezte  seile  spielt  auf  die  matrone  von  Ephesns  an. 


278  ELLINGEB 


und  die  beiden  Töchter  Loth, 

Unwissent  er  berührt, 

Da  sie  giengn  zum  Freuden -tantz, 

Verlohren  sie  den  Jungfer -Krantz, 

Das  bringt  die  Leffeley, 

Vanitatum  Vanitas,  ist  lauter  Fantasey. 

Mopsus  war  ein  grober  Tropff, 
Er  nahm  sich  doch  ein  Weib, 
Debore  schor  Simsons-KopfP, 
Und  bracht  ihn  um  sein  Leib, 
Jacob  diente  Viertzehn  Jahr, 
Um  eine  Jungfer,  das  ist  war. 
Warn  das  nicht  Jecken  drey, 
Vanitatum  Van.  usw. 

David  war  ein  frommer  Mann, 
Ein  Mann  nach  Gottes  Hertz, 
Dennoch  gieng  er  tapfer  dran, 
Und  liebte  Frauen -schertz, 
Häts  gekost  sein  Königreich, 
Galt  es  ihm  doch  alles  gleich, 
Noch  bleibet  er  dabey, 
Vanitatum  Van.  usw. 

Salomon  ein  weiser  Mann, 
Wie  die  Schlifft  von  ihm  zeugt. 
Er  grieff  vielen  Weibern  dran 
Und  beugte  seinen  Leib, 
Tausend  Weiber  eins  so  viel, 
War  das  nicht  ein  Venus -Spiel, 
Doch  bleibet  er  dabey, 
Vanitatum,  Van.  usw. 

Ti'oja  wer  zerstörte  dich? 
Nur  eine  schöne  Frau, 
Hion  brennt  jämmerlich, 
Der  Welt  -  berühmte  Bau, 
Doch  damit  ist  nichts  gethan, 
Mancher  Held  muß  auch  daran, 
Das  macht  die  Jauckeley, 
Vanitatum  Van.  usw. 

Der  Römer  ihre  Tapfferkeit, 
Gehöret  auch  hieher. 
Da  Leander  schwimmen  wolt 
Zur  Liebsten  übers  Meer, 
Er  vorsang  und  gieng  zu  Grund, 
Ward  auch  sehr  in  Lieb  verwund, 
Verschiede  mit  Geschrey, 
Vanitatum  Van.  usw. 


ÜBER  VENÜSGÄBIUSIN  SD.   V.   WALDBERG  279 

Ingibos  erhenket  sich, 
Und  starb  gleich  wie  ein  Dieb, 
Tronius  starb  jämmerlich 
Wol  umb  sein  feines  Lieb, 
Priovis  und  Disputoin, 
Sind  nicht  kommen  an  den  Reibn, 
Das  macht  die  Leffeley, 
Vanitatatum  Van.  usw. 

Als  Narcissus  in  den  Wald, 
Zu  einem  Brunnen  kam. 
Da  vergaß  der  Narr  sein  bald, 
Sah  wie  er  war  gestallt, 
Daß  er  sich  auch  vor  Unlust, 
Sich  selbst  lieb  gewinnen  raust, 
0  Lieb  ihm  das  verzeih, 
Vanitatum  Van.  usw. 

Diese  aii;  von  berufimg  auf  Vorgänge  aus  dem  altei*tum  oder  der  biblischen 
geschichte  ist  dann  auch  in  das  neuere  Volkslied  übergegangen;  doch  werden  hier 
meist  nur  die  tatsachen  aus  der  bibel  beibehalten,  und  remiuiscenzen  aus  dem  klas- 
sischen altertum  tauchen  nur  vereinzelt  auf.  Man  vgl.  Nicolai,  feyn.  kleyn.  Alma- 
nach  n,  24,  eine  ausführlichere  fassung  bei  Ditfuilh,  Volks-  und  geselschaftslieder 
des  17.  und  18.  Jahrhunderts,  s.  55  fg.  und  mehrfach  in  fliegenden  blättern,  so  z.  b. 
Sieben  schöne  neue  welthche  lieder  nr.  3  (K.  bibl.  Borl.  Yd  7909)  in  14  Strophen, 
auch  meine  ausgäbe  des  Kl.  f.  a. ,  bd.  U  s.  76.  Ferner  das  gedieht  Kl.  f.  a.  II ,  15, 
eine  bessere  fassung  in  meiner  ausgäbe,  bd.  II  s.  73  fg.,  wo  nach  der  bomfung  auf 
das  Unglück,  in  das  die  liebe  Adam,  Salomo,  Simsen  und  Holofernes  gestürzt  hat, 
auch  der  Helena  gedacht  wird,  die  den  brand  Trojas  veranlasst  hat.  (Str.  7.)  Vgl. 
ferner  das  aus  dem  anfange  des  18.  Jahrhunderts  stammende  lied:  Leiden,  Freudon 
ist  ein  ungleiches  Paar  (Acht  neue  arien,  nr.  8.  Königl.  bibl.  zu  Berlin,  Yd  7901, 
bd.  1),  Str.  4  und  5. 

Holofernes,  David  und  Salömon, 

Diese  drey  die  wissens  ja  schon; 

Als  Holofernes  ans  Lieben  gedacht. 

Hat  ihn  die  Judith  ums  I^ben  gebracht. 

Wie  auch  Simsen,  der  groß  und  starke  Held, 
Wurde  durch  Lieben  ins  Elend  gestellt, 
Als  er  der  Delila  alles  vertraut. 
Hat  sie  ihm  alle  seine  Stärke  beraubt. 

Die  biblischen  beispiele  tauchen  auch  in  liedem  auf,  die  die  liebe  preisen;  so 
in  dem  lied:  Lieben  ist  meine  Lust,  Lieben  ergötzt  die  Bmst  (Sechs  schöne  Nagel- 
neue Weltliche  Lieder,  nr.  2.    Kgl.  bibl.  Berlin,  Yd  7909),  str.  2: 

Adam  hat  so  gethan,  Isaac  fieng  gleichfalls  an, 

Jacob  und  andre  mehr  waren  verliebt, 

David  hat  so  geherzt,  Salomon  so  gescherzt. 

Und  sich  in  brennenden  Flammen  geübt 

Man  sieht,  wie  das  neuere  Volkslied  clomente  aus  dem  gesclschafislied  des 
17.  Jahrhunderts  aufnimt,   aber  dieselben  volständig  umbildet,    so  dass  der  gelehrte 


278  ELUNGEB 


Und  die  beiden  Töchter  Loth, 

Unwissent  er  berührt, 

Da  sie  giengn  zum  Freuden -tantz, 

Verlohren  sie  den  Jungfer -Krantz, 

Das  bringt  die  Leffeley, 

Vanitatum  Vanitas,  ist  lauter  Fantasey. 

Mopsus  war  ein  grober  Tropff, 
Er  nahm  sich  doch  ein  "Weib, 
Debore  schor  Simsons-KopfP, 
Und  bracht  ihn  um  sein  Leib, 
Jacob  diente  Viertzehn  Jahr, 
Um  eine  Jungfer,  das  ist  war. 
Warn  das  nicht  Jecken  drey, 
Vanitatum  Van.  usw. 

David  war  ein  frommer  Mann, 
Ein  Mann  nach  Gottes  Hertz, 
Dennoch  gieng  er  tapfer  dran, 
Und  liebte  Frauen- schertz, 
Häts  gekost  sein  Königreich, 
Galt  es  ihm  doch  alles  gleich, 
Noch  bleibet  er  dabey, 
Vanitatum  Van.  usw. 

Salomon  ein  weiser  Mann, 
Wie  die  Schrifft  von  ihm  zeugt. 
Er  grieff  vielen  Weibeni  dran 
Und  beugte  seinen  Leib, 
Tausend  Weiber  eins  so  viel, 
War  das  nicht  ein  Venus -Spiel, 
Doch  bleibet  er  dabey, 
Vanitatum,  Van.  usw. 

Ti-oja  wer  zerstörte  dich? 
Nur  eine  schöne  Frau, 
Ilion  brennt  jämmerlich. 
Der  Welt  -  berühmte  Bau, 
Doch  damit  ist  nichts  gethan, 
Mancher  Held  muß  auch  daran, 
Das  macht  die  Jauckeley, 
Vanitatum  Van.  usw. 

Der  Römer  ihre  Tapfferkeit, 
Gehöret  auch  hieher. 
Da  Leander  schwimmen  wolt 
Zur  Liebsten  übers  Meer, 
Er  versang  und  gieng  zu  Grund, 
Ward  auch  sehr  in  Lieb  verwund, 
Verschiede  mit  Geschrey, 
Vanitatum  Van.  usw. 


ÜBER  VENÜSGÄBTLEIN  SD.   V.   WALDBEBG  279 

Ingibos  erhenket  sich, 
Und  starb  gleich  wie  ein  Dieb, 
Tronius  starb  jämmerlich 
Wol  umb  sein  feines  Lieb, 
Priovis  und  Disputein, 
Sind  nicht  kommen  an  den  Reihu, 
Das  macht  die  LefPeley, 
Yanitatatum  Yan.  usw. 

Als  Narcissus  in  den  Wald, 
Zu  einem  Brunnen  kam. 
Da  vergaß  der  Narr  sein  bald. 
Sah  wie  er  war  gestallt, 
Daß  er  sich  auch  vor  Unlust, 
Sich  selbst  lieb  gewinnen  must, 
0  lieb  ihm  das  verzeih, 
Yanitatum  Yan.  usw. 

Diese  art  von  berufung  auf  Vorgänge  aus  dem  altertum  oder  der  biblischen 
geschichte  ist  dann  auch  in  das  neuere  Volkslied  übergegangen;  doch  werden  hier 
meist  nur  die  tatsachen  aus  der  bibel  beibehalten,  und  reminiscenzen  aus  dem  klas- 
sischen altertum  tauchen  nur  vereinzelt  auf.  Man  vgl.  Nicolai,  feyn.  kleyn.  Alma- 
nach  n,  24,  eine  ausführlichere  fassung  bei  Ditfuiih,  Yolks-  und  geselschaftslieder 
des  17.  und  18.  Jahrhunderts,  s.  55  fg.  und  mehrfach  in  fliegenden  blättern,  so  z.  b. 
Sieben  schöne  neue  weltliche  lieder  nr.  3  (K.  bibl.  Berl.  Yd  7909)  in  14  sti'ophen, 
auch  meine  ausgäbe  des  Kl.  f.  a.,  bd.  II  s.  76.  Ferner  das  gedieht  Kl.  f.  a.  U,  15, 
eine  bessere  fassung  in  meiner  ausgäbe,  bd.  II  s.  73  fg.,  wo  nach  der  bonifung  auf 
das  Unglück,  in  das  die  liebe  Adam,  Salomo,  Simson  und  Holofernes  gestürzt  hat, 
auch  der  Helena  gedacht  wird,  die  den  brand  Trojas  veranlasst  hat.  (Str.  7.)  Ygl. 
ferner  das  aus  dem  anfange  des  18.  Jahrhunderts  stammende  lied:  Leiden,  Freudon 
ist  ein  ungleiches  Paar  (Acht  neue  arien,  nr.  8.  Königl.  bibl.  zu  Berlin,  Yd  7901, 
bd.  1),  str.  4  und  5. 

Holofernes,  David  und  Salömon, 

Diese  drey  die  wissens  ja  schon; 

Als  Holoferaes  ans  Lieben  gedacht. 

Hat  ihn  die  Judith  ums  Leben  gebracht. 

Wie  auch  Simson,  der  groß  und  starke  Held, 
Wurde  durch  Lieben  ins  Elend  gestellt, 
Als  er  der  Delila  alles  vertraut, 
Hat  sie  ihm  alle  seine  Stärke  beraubt. 

Die  biblischen  beispiele  tauchen  auch  in  liedern  auf,  die  die  liebe  preisen;  so 
in  dem  lied:  Lieben  ist  meine  Lust,  Lieben  ergötzt  die  Bmst  (Sechs  schöne  Nagel- 
neue Weltliche  Lieder,  nr.  2.    Kgl.  bibl.  Berlin,  Yd  7909),  str.  2: 

Adam  hat  so  gethan,  Isaac  fieng  gleichfalls  an, 

Jacob  und  andre  mehr  waren  verliebt, 

David  hat  so  geherzt,  Salomon  so  gescherzt. 

Und  sich  in  brennenden  Flammen  geübt. 

Man  sieht,  wie  das  neuere  Volkslied  demente  aus  dem  gesclschaftslied  des 
17.  Jahrhunderts  aufnimt,   aber  dieselben  volständig  umbildet,   so  dass  der  gelehrte 


280  BLLINGEB 

aufputz  des  geselschaftsliedes  ganz  in  dem  volkstümlichen  geiste  aufgeht.  Wenn 
man  die  entstehungsgeschichte  des  neueren  Volksliedes  betrachtet,  so  muss  man  auf 
diesen  Zusammenhang  zwischen  dem  älteren  geselschaftslied  und  dem  neueren  Volks- 
lied besonders  achten,  da  sich  aus  ihm  manche  lehrreiche  resultate  ergeben. 

Die  verwantschaft  des  liodes:  Kehr  vmb  mein  Seel  vnnd  trawre  nicht 
mit  dem  unter  nr.  105  im  Vg.  mitgeteilten  gedieht:  Phöbus  dein  instrument 
s.  145  fgg.  scheint  dem  heiTn  herausgeber  nicht  aufgefallen  zu  sein.  Und  doch  kann 
wol  kaum  ein  zwoifel  darüber  obwalten,  dass  eines  der  beiden  lieder  durch  das 
andere  beeinflusst  worden  ist.  Das  ergibt  sich  nicht  allein  daraus,  dass  auch  in  dem 
zulezt  genanten  liede  berufungen  auf  klassische  gestalten  widerkehi*en,  denen  die 
liebe  den  tod  gebracht  hat,  (vgl.  str.  26.  Pyramus  aus  Liebes -Trieb,  vmb  Thisbo 
ließ  den  Leib,  vnnd  Troilus,  ersterben  muß,  vmb  sein  verlohmen  Leib.)  sondern  auch 
aus  dem  umstände,  dass  ähnliche  gedanken  in  beiden  liedem  zum  teil  mit  den  glei- 
chen Worten  ausgedrückt  sind,  man  vgl.  nr.  53,  str.  42  mit  nr.  105,  str.  30;  femer 
53,  54  mit  105,  31.  "Welches  von  den  beiden  liedem  später  entstanden  ist,  wird 
sich  schwer  entscheiden  lassen. 

Nr.  63.  Das  Voigtländer'sche  lied:  Ich  habe  offt  vor  vielen  Jahren  ist 
auch  in  beträchtlich  gekürzten  einzel drucken  verbreitet  worden:  Drey  Weltliche  Newe 
Lieder.  Im  Jahr  1646.  (Berlin  kgl.  bibl.  Ye  1650),  nr.  3  enthält  von  den  30  Stro- 
phen des  gedichtes  nur  sieben,  nämlich  str.  1  —  3,  worauf  sich  in  folgender  reihen- 
folge  anschliessen  str.  27,  6,  30,  25. 

Nr.  64.  Ach  ich  armes  Mägdlein  klage.  Über  die  nachwirkung  dieses 
Voigtländer'schen  liedes  ist  jezt  auf  meine  ausgäbe  der  Komödien  und  harlekinsspiele 
Christian  Reuters,  Braunes  neudmcke,  nr.  90  und  91,  s.  XIII  zu  verweisen. 

Nr.  65.  Zu  Voigtländers  lied:  Eine  reiche  Magd  hat  Matz  sei  darauf  hin- 
gewiesen, dass  der  Aminta  der  englischen  komödianten  unmöglich  durch  Voigtländer 
beeinflusst  sein  kann,  denn  die  von  dem  herausgeber  in  seinem  buch:  Renaissance- 
lyrik, s.  192  fg.  angezogenen  werte  aus  dem  Aminta  finden  sich  genau  schon  ebenso 
in  der  samlung  der  englischen  komödianten  von  1630.  Will  man  eine  gegenseitige 
beeinflussung  annehmen,  so  würde  Voigtländer  von  dem  volksdrama  abhängig  sein. 
Das  wahrscheinlichste  aber  wird  dies  sein,  dass  das  witzwort  schon  früher  vorhan- 
den war. 

Nr.  69.  Frölich  ist  man  im  Früeling  im  Garten.  Ein  sehr  abweichen- 
der druck  von  1618  in  der  königl.  bibliothek  zu  Berlin :  Ein  schön  newes  und  kurtz- 
weyliges  Lied ,  zuvor  nie  in  Truck  außgangen ,  aufF  die  zwölff  Monat  gericht.  CI  Frö- 
lich ist  man  im  Fmling,  im  usw.  In  seiner  eignen  Melodey  zusingen.  (Darunter 
ein  titelbild.)    (L  Gedmckt  zuAugspurg,  durch  Johann  Virich  Schönig.  1618.  Yel301. 

Str.  1  im  Vg.  stimt  mit  kleinen  abwoichungcn  mit  der  ersten  Strophe  des  flie- 
genden blattes  überein.    Hierauf  folgen  in  dem  oinzeldruck  folgende  drei  gesetze,  die 

im  Vg.  fehlen: 

Mertz. 

Dann  der  Mertzen  dem  Erdtrich  das  leben, 
Wirdt  safft  und  ki-afift  wider  geben, 
Thtit  vns  nach  Fmchtbarkeit  streben. 
Die  Gärten  werden  schön  zugerichtet. 
Die  der  traurig  Winter  vernichtet, 
Vnd  der  Pflüg  zum  Acker  gerichtet. 


ÜBEB  YSNUSGÄBTLEIN  ED.   V.   WALDBERG  281 

Aprill. 
Im  Aprill  sich  eröffnet  die  Erden, 
Die  Dämpif  darauß  gelassen  werden, 
Die  Eälden  bringts  nimmer  ins  Gefrörte, 
Die  Raben  und  Bäum  werden  gestutzet, 
Die  Velder  gar  schön  gebutzet. 
Das  es  dem  Menschen  sehr  nutzet. 

May. 
In  dem  Mayen  gar  gesund  ist  das  baden, 
"Wol  leben  die  Gelehrten  und  Käthen, 
Seine  Gesellen  solt  einer  auch  laden, 
Ertzenay,  Purgieren,  Aderlassen, 
All  langkweil  und  traurigkeit  hassen, 
Ynd  fein  lustig  sein  aller  massen. 

Hierauf  folgt  str.  2  des  Vg.  mit  manchen  abweichenden  lesarten,   worauf  sich 
widerum  drei  im  Yg.  fehlende  gesetze  anschliessen: 

Junij. 
Der  Junij  läßt  sich  vememmen, 
Wirdt  Hew  vnd  Kom  schneyden  bald  lemen, 
Darauff  rieht  man  die  PÖden  und  Thennen, 
Die  Hewwägen  werden  herfür  gesetzt, 
Die  Sichel  zum  Schnitt  gewetzt. 
Die  Baum  zu  der  Arbeit  angehetzt. 

Julij. 
In  dem  Julij  mit  Rechen  und  Gabeln, 
Legt  man  das  Hew  auff  den  wagen. 
Das  sie  Hitz  vnd  durst  nit  plagen, 
Darumben  sie  sich  au£f  den  Morgen, 
Mit  Pittrich  vol  Wasser  versorgen. 
Man  saufft  das  kein  Würth  mehr  will  borgen. 

Augusti. 
Im  Augusto  wann  geschnitten  ist  das  Kom, 
Vnd  alle  Wysen  beschorn. 
So  sieht  man  kein  Arbeyt  verlorn. 
Die  Bäum  voll  Frucht  werden  gefunden. 
Die  Fässer  zum  Wein  gebunden, 
Das  soll  vns  erfrewen  all  stunden. 

Die  str.  3  des  Vg.,  welche  dann  folgt,  gebe  ich  ebenfals  in  der  fassung  des 
einzeldruckes,  da  diese  beträchtliche  abweich ungen  im  ausdruck  aufweist;  die  Stro- 
phen über  die  drei  herbstmonate  fehlen  widerum  im  Vg. 

Herbst. 
Frölich  ist  man  im  Herbst  bey  dem  Reben, 
Die  Wein  vnd  Tranck  von  sich  geben, 
Zu  erquickung  das  (sie!)  Menschlich  leben. 
In  dem  wald  sich  die  Hörnlein  erhöllen, 


282  ELUNGEB 

Wann  der  Jäger  sampt  seinen  Gesellen, 
Thüt  ein  lostigs  feins  Jagen  anstellen. 

September. 
Im  September  das  Obst  wird  abbrocket, 
Krammetvögel  vnd  Lörchen  gelocket, 
Vil  ander  Vögel  werden  geropffet, 
Man  thtit  schon  ablesen  die  Eöben, 
Die  den  lieblichen  Most  von  sich  geben. 
Der  mit  lust  wird  getruncken  darneben. 

October. 
Der  October  gibt  Wein  vber  die  massen, 
Dammb  pflegt  man  zu  zechen  vnd  prassen, 
In  Würtshäussem  auff  gassen  vnd  Strassen, 
Die  Wärme  vnd  Summer  will  weichen. 
Die  Kälten  wirdt  horeiner  streichen, 
Darumb  thüt  euch  mit  holtz  wolbereichen. 

November. 
Im  Nouember  der  Baurn  Kirchtag  verschwinden, 
Vnd  lassen  sich  d'Gänß  noch  finden, 
Das  wir  noch  ein  frewdt  haben  könden. 
Die  Kältin  thüt  zimblich  herstreichon, 
Ynd  kommen  die  kalten  Reiffen, 
Der  Winter  wirdt  vns  angreiffen. 

Str.  4  des  Vg.  stimt  dann  mit  der  nächsten  Strophe  des  einzeldrucks  üb( 
doch  widerum  mit  starken  abweichungen ,  so  lauton  in  dem  fl.  bl.  z.  4 — 6:  Die  Bi 
am  Walde  sich  entf erben  —  Die  Bletter  daran  thun  verderben  —  Alle  Blümlei 
Garten  damit  sterben.    Dann  zwei 'im  Vg.  nicht  vorhandene  Strophen: 

Decembor. 
Im  December  der  trawrig  Wintter, 
Der  wird  uns  dem  nach  desto  ringer, 
Wann  wir  schlagen  faist  Schwein  und  Rinder, 
Mit  Brotwurst  und  Schweinen  Braten, 
Da  erfüllen  wir  vnsere  Zährgaden, 
Die  Keller  mit  Wein  wol  beladen. 

Januar. 
Im  Januar  man  kein  Holtz  soll  sparen. 
Die  Stuben  vor  Kälten  bewaren, 
Ist  auch  lustig  im  Schlitten  vmbfahren. 
Ein  wanne  Stuben  thüt  weyt  das  beste, 
Daiinn  helt  man  vil  Malzeyt  vnd  Feste, 
Sein  fein  lustig  und  frölich  die  Gäste. 

Leider  fehlt  die  lezte  seite  des  einzeldrucks,  welche,  wie  aus  dem  umwc 
vermerk  her\'orgeht,  noch  eine  den  februar  behandelnde  strophe  und  dann  "w 
scheinlich  die  zwei  schlussstrophen,  mit  Vg.  str.  5  und  6  übereinstimmend,  entl 
Fragt  man  nach  dem  Verhältnis  der  beiden  fassungen  zu  einander,  so  scheint  die 


ÜBER  YENÜSGÄBTLEIN  ED.   V.   WALDBERQ  283 

wideigegebene  die  ältere  zu  sein,  aus  der  dann  die  im  Yg.  vorliogende  version  erst 
durch  zusammenziehung  entstanden  wäre.  An  poetischem  wert  hat  das  lied  durch 
die  ausstossuDg  der  gesetze  über  die  einzebien  monate  entschieden  gewonnen. 

Nr.  81.  S.  122.  Warumb  thustu  mich  kränckon  in  einem  fl.  bl.  der 
lönigL  bibL  zu  BerUn:  Drey  Weltliche  Newe  Lieder.  Das  Erste,  Warum b  thustu 
mich  krencken,  Amor  du  (titelbild).  Das  Ander,  Der  Liebste  mein  hat  mich  verlas- 
sen, der  mich  |  Das  Dritte,  Betrübe  dich  doch  nicht  so  gar,  nimb  selber  |  Ln  Jahr 
1646.  Ye  1656.  £inen  andern  einzeldruck  citiert  Ditfurth,  Volks-  und  geselschafts- 
lieder,  des  17.  und  18.  Jahrhunderts  s.  3.  Der  Berliner  druck  stimt  mit  ganz  gerin- 
gen abweichungen  mit  dem  Yg.  überein. 

Nr.  107.  Yiel  Trawren  in  meinem  Hertzen  in  einem  fl.  bl.  der  königl. 
bibL  zu  Berlin:  Drey  Weltliche  Newe  Lieder.  Im  Jahr  1645.  Ye  1611,  nr.  1  im 
wesentlichen  mit  dem  Yg.  übereinstimmend,  die  abweichungen  sind  ganz  unbedeu- 
tend, die  wichtigste  str.  2,  z.  1  Yg.:  affectionirct,  fl.  bl.:  inamoriret. 

Nr.  109.  S.  150.  Joseph  liebster  Joseph  mein.  Einzeldruck  der  königl. 
hibl.  zu  Berlin:  Drey  Schöne  newe  Weltliche  Lieder.  Gedruckt  im  Jahr,  1615.  Ye 
1221.  Nr.  3.  Das  lied  umfasst  in  dem  fl.  bl.  nur  neun  Strophen,  während  es  im  Yg. 
deren  zwölf  zählt,  und  zwar  fehlen  str.  6,  8  und  10.  Die  abweichungen  sind  nicht 
erwähnenswert 

Nr.  114.  8.  158.  Mein  Hertz  ist  mir  in  der  Lieb  entzündt  in  einem 
fl.  bl.  der  königl.  bibL  zu  Berlin:  Yier  Schöne  Newe  Lieder.  Gedruckt  zu  Magde- 
borgk.     Ye  816 ,  nr.  3  im  wesentlichen  mit  dem  Yg.  gleichlautend. 


Das  Yenusgärtlein  kann  in  der  gcschichte  des  deutschen  volksUedes  sorgfältige 
berücksichtigung  deshalb  beanspruchen,   weil  es  uns  zeigt,    wie  es  mit  dem  lieder- 
bestand   mn   die   mitte  des  siebzehnten  Jahrhunderts  l)cstclt  war  und  was  wirklich 
gesungen  worden  ist.    Es  sind  verhältnismässig  wenige  volksUedcr  aus  dem  sechzehn- 
ten jahriiundert,   die  damals  sich  noch  algemoiner  gunst  zu  erfreuen  hatten;    neb<fn 
liedem,  die  von  bekanten  Verfassern,  wie  Simon  Dach,  Rist,  Finckclthaus ,  Greflin- 
ger  herrühren  (83  lieder  unter  169,    wobei  ich  die  stücke  Voigtländers ,   von  denen 
gleich  die  rede  sein  wird,  nicht  mitzähle)  gehöit  die  gröste  zahl  der  anderen  gedichto 
dem  geselschaftslied  an.    Ein  teil  dersel}>en  stamt,  wie  die  nachweise  zeigen,  aus  der 
xeit,  in  welcher  das  eigentliche  geselschaftslied  zu  einer  art  von  blute  gekommen  Lst, 
d.  h.  aus  dem  endenden  16.  und  beginnenden  17.  Jahrhundert.    Ein  andrer  teil  dage- 
gen reicht  schwerlich  viel  weiter  als  etwa  in  die  vierziger  jähre  des  17.  Jahrhunderts 
zurück.     Vergleichen  wir  nun  diese  lieder  mit  den  stücken  des  älteren  geselschafts- 
liedes,    so  muss  der  vergleich  unzweifelhaft  zu  gunsten  des  lezteren  ausfallen.    AU*: 
schlechten  eigenschaften,   die  das  ältere  ges^/Lschaftslied  besass,   sind  goblielx-n;    von 
den  guten  selten  desselben   haben   sich  die  meisten  verloren.    Das  geselschaft^hod, 
wie   es    uns  ans  Hoffmanns  vortrcflichcr  samlung  entgegcntiitt,    zeichnet  sich  durch 
eine  Zierlichkeit  und  anmut,   gewantheit  in  spräche  und  composition  und  eine  treu- 
herzige altfränkische  naivetät  aus.  die  ihm  namentlich  in  einzelnen  erzälilondeu  stücken 
vortreflich  zu  gesiebte  steht.     Es  geht  ihm  ab  die  tiefe  des  gefühLs,  wie  ^le  uns  aus 
dem  Volkslied  des  fünfzehnten   und  aus  der  ersten  hälfte  des  sechzehnten  Jahrhun- 
derts entgegentritt;  der  ton  ist  prosai.scher,  vorstandesmässiger,  uüchtenier,  ja.  wenn 
iff^Ti  H^a  wort  nicht  misverstehen  will,  spiessb  ärgerlich  er  geworden.    Ineser  ton  stei- 
gert sich  nun    im  laufe   des  siebzehnten  Jahrhunderts:   dazu   komt.    dass   auch   die 
guten  eigenschaften,   welche  dem  älteren  gcselschaftshede  eignen,   almählich  verloren 


282  KLLINOEB 

Wann  der  Jäger  sampt  seinen  Gesellen, 
Thüt  ein  lostigs  feins  Jagen  anstellen. 

September. 
Im  September  das  Obst  wird  abbrocket, 
Erammetvögel  vnd  Lörchen  gelocket, 
Vil  ander  Vögel  werden  gei*opffet. 
Man  thtit  schon  ablesen  die  Eöben, 
Die  den  lieblichen  Most  von  sich  geben, 
Der  mit  last  wird  getruncken  dameben. 

October. 
Der  October  gibt  Wein  vber  die  massen, 
Darumb  pflegt  man  zu  zechen  vnd  prassen. 
In  Würtshänssem  auff  gassen  vnd  Strassen, 
Die  Wärme  vnd  Summer  will  weichen, 
Die  Kälten  wirdt  hereiner  streichen, 
Darumb  thfit  euch  mit  holtz  wolbereichen. 

November. 
Im  Nouember  der  Baum  Kirchtag  verschwinden, 
Ynd  lassen  sich  d'Gänß  noch  finden, 
Das  wir  noch  ein  frewdt  haben  könden. 
Die  Kältin  thüt  zimblich  herstreichon, 
Ynd  kommen  die  kalten  Reiffen, 
Der  Winter  wirdt  vns  angreiffon. 

Str.  4  des  Yg.  stimt  dann  mit  der  nächsten  stiopho  des  einzeldrucks  überoin, 
doch  widerum  mit  starken  abweichungen ,  so  lauten  in  dem  fl.  bl.  z.  4 — 6:  Die  Bäume 
am  Walde  sich  entferben  —  Die  Blotter  daran  thun  verderben  —  Alle  Blümloiu  im 
Garten  damit  sterben.    Dann  zwei  im  Yg.  nicht  vorhandene  Strophen: 

December. 
Im  December  der  trawrig  Wintter, 
Der  wird  uns  dem  nach  desto  ringer, 
Wann  wir  schlagen  faist  Schwein  und  Rinder, 
Mit  Brotwurst  und  Schweinen  Braten, 
Da  erfüllen  wir  vnsere  Zährgaden, 
Die  Keller  mit  Wein  wol  beladen. 

Januar. 
Im  Januar  man  kein  Holtz  soll  spai^n. 
Die  Stuben  vor  Kälten  bewaron, 
Ist  auch  lustig  im  Schlitten  vmbfahren. 
Ein  warme  Stuben  thüt  weyt  das  beste, 
Darinn  helt  man  vil  Malzoyt  vnd  Feste, 
Sein  fein  lustig  und  frölich  die  Gäste. 

Leider  fohlt  die  lezte  seite  des  einzeldrucks,  welche,  wie  aus  dem  umwende- 
vermerk  hervorgeht,  noch  eine  den  febmar  behandelnde  Strophe  und  dann  wahr- 
scheinlich die  zwei  schlussstrophen,  mit  Yg.  str.  5  und  6  übereinstimmend,  enthielt. 
Fragt  man  nach  dem  Verhältnis  der  beiden  fassungen  zu  einander,  so  scheint  die  hier 


ÜBER  VENÜSGÄBTLEIN  ED.   V.   WALDBEBG  283 

widergegebene  die  ältere  zu  sein,  aus  der  dann  die  im  Vg.  vorliegende  version  erst 
durch  zusammenziehung  entstanden  wäre.  An  poetischem  wert  hat  das  lied  durch 
die  ausstossung  der  gesetze  über  die  einzelnen  monate  entschieden  gewonnen. 

Nr.  81.  S.  122.  Warumb  thustu  mich  kräncken  in  einem  fl.  bl.  der 
königl.  bibl.  zu  Berlin:  Drey  Weltliche  Newe  Lieder.  Das  Erste,  Warumb  thustu 
mich  krencken,  Amor  du  (titelbild).  Das  Ander,  Der  Liebste  mein  hat  mich  verlas- 
sen, der  mich  |  Das  Dritte,  Betrübe  dich  doch  nicht  so  gar,  nimb  selber  |  Ln  Jahr 
1646.  Ye  1656.  Einen  andern  einzeldruck  citiert  Ditfurth,  Volks-  und  geselschafts- 
lieder,  des  17.  und  18.  Jahrhunderts  s.  3.  Der  Berliner  druck  stimt  mit  ganz  gerin- 
gen abweichungen  mit  dem  Vg.  überein. 

Nr.  107.  Viel  Trawren  in  meinem  Hertzen  in  einem  fl.  bl.  der  königl. 
bibl.  zu  Berlin:  Drey  Weltliche  Newe  Lieder.  Im  Jahr  1645.  Ye  1611,  nr.  1  im 
wesentlichen  mit  dem  Vg.  üboreinstinmiend,  die  abweichungen  sind  ganz  unbedeu- 
tend, die  wichtigste  str.  2,  z.  1  Vg.:  aflfectionirot,  fl.  bl.:  inamoriret. 

Nr.  109.  S.  150.  Joseph  liebster  Joseph  mein.  Einzeldruck  der  königl. 
bibl.  zu  Berlin:  Drey  Schöne  newe  Weltliche  Lieder.  Gedruckt  im  Jahr,  1615.  Ye 
1221.  Nr.  3.  Das  lied  umfasst  in  dem  fl.  bl.  nur  neun  Strophen,  während  es  im  Vg. 
deren  zwölf  zählt,  und  zwar  fehlen  str.  6,  8  und  10.  Die  abweichungen  sind  nicht 
erwähnenswei*t 

Nr.  114.  S.  158.  Mein  Hertz  ist  mir  in  der  Lieb  entzündt  in  einem 
fl.  bl.  der  königl.  bibl.  zu  Berlin:  Vier  Schöne  Newe  Lieder.  Gedruckt  zu  Magde- 
burgk.    Ye  816,  nr.  3  im  wesentlichen  mit  dem  Vg.  gleichlautend. 


Das  Vcnusgärtlein  kann  in  der  geschichte  des  deutschen  Volksliedes  sorgfältige 
berücksichtigung  deshalb  beanspruchen,  weil  es  uns  zeigt,  wie  es  mit  dem  lieder- 
bestand  um  die  mitte  des  siebzehnten  Jahrhunderts  bestelt  war  und  was  wirklich 
gesungen  worden  ist.  Es  sind  verhältnismässig  wenige  volksÜeder  aus  dem  sechzehn- 
ten Jahrhundert,  die  damals  sich  noch  algemeiner  gunst  zu  erfreuen  hatten;  neben 
liedern,  die  von  bekanten  Verfassern,  wie  Simon  Dach,  Rist,  Finckolthaus ,  Greflin- 
ger  herrühren  (83  lieder  unter  169,  wobei  ich  die  stücke  Voigtländers ,  von  denen 
gleicli  die  rede  sein  wird,  nicht  mitzähle)  gehört  die  gröste  zahl  der  anderen  gedichte 
dem  geselschaftslied  an.  Ein  teil  dei*selben  stamt,  wie  die  nachweise  zeigen,  aus  der 
zeit,  in  welcher  das  eigentliche  geselschaftslied  zu  einer  art  von  blute  gekommen  ist, 
d.  h.  aus  dem  endenden  J6.  und  beginnenden  17.  jahi'hundert.  Ein  andrer  teil  dage- 
gen reicht  schwerlich  viel  weiter  als  etwa  in  die  vierziger  jähre  des  17.  Jahrhunderts 
zm'ück.  Vergleichen  wir  nun  diese  lioder  mit  den  stücken  des  älteren  geselschafts- 
liedes,  so  muss  der  vergleich  unzweifelhaft  zu  gunsten  dos  lezteren  ausfallen.  Alle 
schlechten  eigenschaften ,  die  das  ältere  geselschaftslied  besass,  sind  geblieben;  von 
den  guten  Seiten  desselben  haben  sich  die  meisten  verloren.  Das  geselschaftslied, 
wie  es  uns  aus  Hoffmanns  voiireflicher  samlung  entgegentritt,  zeichnet  sich  durch 
eine  Zierlichkeit  und  anmut,  gewanthoit  in  spräche  und  composition  und  eine  treu- 
herzige altfränkische  naivetät  aus,  die  ihm  namentlich  in  einzelnen  erzählenden  stücken 
vortroflich  zu  gesiebte  steht.  Es  geht  ihm  ab  die  tiefe  des  gefühls,  wie  sie  uns  aus 
dem  Volkslied  des  fünfzehnten  imd  aus  der  ersten  hälfte  des  sechzehnten  jahrhun- 
deiis  entgegentritt;  der  ton  ist  prosaischer,  veratandesmässiger,  nüchterner,  ja,  wenn 
man  das  wort  nicht  misverstehen  will,  spiessbürgerlicher  geworden.  Dieser  ton  stei- 
gert sich  nun  im  laufe  des  siebzehnten  Jahrhunderts;  dazu  komt,  dass  auch  die 
guten  eigenschaften,   welche  dem  älteren  gcselschaftsliede  eignen,   almählich  verloren 


284  ELLINaEB 

gehen.  An  die  stelle  der  Zierlichkeit  tritt  rohheit,  die  gewantheit  in  composition  und 
spräche  verschwindet.  In  diesem  zustande  treffen  wir  das  geselschaftslied  in  der 
zeit,  in  der  das  YenusgäiÜein  entstanden  ist,  und  ein  teil  der  in  dieser  samlung  mit- 
geteilten stücke  legt  von  dieser  heruntergekommenheit  des  geselschaftsliedes  zeugnis 
ab.  Der  rechte  repräsentant  dieses  Stadiums  des  geselschaftsliedes  ist  Gabriel  Voigt- 
länder, der  mit  seinen  plumpen  und  hölzernen  liedem  einen  ausserordentlich  grossen 
erfolg  errang.  Man  kann  es  daher  nur  als  einen  fortschritt  bezeichnen,  dass  dieser 
plumpen  Produktion  gegenüber  lieder  von  kunstdichtem,  die  in  einer  verhältnismässig 
gebildeten  spräche  auch  zarteren  empfindungen  ausdruck  gaben,  in  aufnähme  kamen 
und,  wie  das  Venusgärtlein  (s.  o.)  imd  viele  einzeldrucke  beweisen,  häufig  und  gern 
gesungen  wurden.  Nur  aus  dieser  Verbreitung  der  kunstmässigen  lieder  im  volk  ist 
der  grosse  einfluss  zu  erkläi'en,  den  die  lyrische  kunstdichtung  des  17.  Jahrhunderts 
auf  die  entstehuiig  des  neueren  Volksliedes  ausgeübt  hat.  Diese  einwirkung  ist  ent- 
schieden eine  woltuende  gewesen;  einzelne  ihr  nicht  angemessene  demente,  wie  z.  b. 
die  horübemahme  des  so  beliebten  daktylischen  metrums  in  das  Volkslied,  hat  die 
Volksdichtung  mit  sicherem  takte  schnell  wider  ausgestossen.  Wer  diese  beeinflus- 
sung  des  neueren  Volksliedes  durch  die  kunstdichtung  auch  in  der  vorliegenden  sam- 
lung mit  bänden  greifen  will,  der  braucht  nur  einmal  Görings  adschiedslied ,  s.  16  fg. 
mit  den  volkstümlichen  abschiedsliedem,  wie  sie  seit  dem  beginne  des  18.  Jahrhun- 
derts aufkamen,  zu  vergleichen:  die  verwantschaft  in  empfindungs-  und  stimmungs- 
gehalt,  ton  und  motiven  springt  auf  der  stelle  in  die  äugen. 

Eine  andere  frage  ist,  ob  sich  in  dem  Venusgärtlein  schon  die  anfange  des 
neueren  Volksliedes  nachweisen  lassen.  Diese  frage  ist,  wenn  wir  den  gesamtinhalt 
des  buches  betrachten ,  entschieden  zu  verneinen.  Der  typus  desselben  ist  im  wesent- 
lichen kunstdichtung  und  geselschaftslied  in  vergröbertem  zustande,  dazu  wenige 
biiichstücke  aus  den  älteren  Volksliedern  der  beiden  vorigen  Jahrhunderte.  Das  waren 
die  lieder,  die  das  volk  damals  sang  Das  Venusgärtlein  gibt  uns,  wie  die  gleich- 
zeitigen einzeldmcke  bestätigen,  ein  volkommen  zutreffendes  bild  von  dem  zustand 
des  Volksgesanges  um  1650,  wenn  es  auch  natürlich  nicht  alle  damals  gesungenen 
lieder  umfasst  Aber  die  keime  des  neueren  Volksliedes  zeigen  sich  doch  bereits, 
wenn  auch  nur  ganz  vereinzelt.  So  wird  in  dem  s.  XVII  fg.  mitgeteilten  lied  bereits 
ein  ton  angeschlagen,  der  dann  im  neueren  volksliede  weiter  ausgebildet  worden  ist 
Ferner  vgl.  man  das  valetlied  s.  10.  Besonders  wichtig  ist  in  dieser  beziehung  das 
lied  s.  138  Ein  Hirschlein  gieng  im  grünen  Wald,  der  erste  vorklang  der  jägor- 
romantik,  die  nachher  einen  so  bezeichnenden  zug  des  neueren  Volksliedes  ausmacht 
Aber  diese  ganz  vereinzelten  spuren  wollen  gegenüber  der  gewaltigen  menge  der 
anderen  lieder  nichts  besagen;  und  wenn  auch  hin  und  wider  ein  vorklang  der 
gefühlsweichheit,  die  namentlich  für  das  liebeslied  des  neueren  Volksliedes  cha- 
rakteristisch ist,  auftaucht,  so  erinnert  es  doch  mehr  an  die  gleichzeitige  religiöse 
dichtung,  die  ihrereeits  ja  auch  wider  vom  volks-  und  geselschaftsliede  gelernt  hat 
Es  mag  bei  dieser  gelegenheit  darauf  hingewiesen  werden,  dass  Schefflers  schönes 
lied:  Psyche  die  verliebte  Seele  offenbar  von  dem  liede  Venusgärtlein,  s.  58  fg.: 
Du  0  mein  hochbetrübter  Sinn  beeinflusst  worden  ist    Man  vgl.  str.  10  und  11 

des  liedes: 

Darumb  jhr  Hirten  gute  Nacht, 

Ihr  Wälder  drinnen  Echo  wacht, 

Ihr  Myrthen,  Rosen,  Lügen,  Klee, 

Thaal,  Berge,  Wiesen,  Fluß,  Ade. 


ÜBER  VSNÜSeÄBTLBIN  ED.  V.  WALDBKRG  285 

Du  auch  0  Doris  leb  in  Ruh, 
Doch  schließ  den  harten  Sinn  nicht  zu, 
Laß  deiner  Augen  Thränen-Bach, 
Mir  zu  dem  Grabe  folgen  nach. 

und  Scheffler,   Heilige  Seelenlust  (Breslau  1657),   buch  IV,  nr.  6,  s.  29  fgg.,  str.  2 

^^^  ^*  Gute  Nacht,  jhr  grüne  Matten, 

Gute  Nacht  du  bundtes  Feld: 
Gute  Nacht  jhr  kühle  Schatten, 
Sprach  sie,  und  du  gantze  Welt: 
Gute  Nacht  du  süsser  Bach, 
Denn  ich  folge  Jesu  nach. 

Gute  Nacht  jhr  Schäfferinnen, 
Meiner  Nachbarn  liebe  Schaar: 
Lebet  wohl,  muß  von  hinnen. 
Und  euch  lassen  gantz  und  gar: 
Gute  Nacht  jhr  Schäffelein, 
Und  was  mich  gekönt  erfreun*. 

Auch  in  dem  Neu  weltlichen  Liederbüchlein  finden  sich  nur  wenige 
verklänge  des  neueren  Volksliedes.  Die  samlung,  die  etwa  um  1680  anzusetzen  ist, 
zeigt  freilich  ein  anderes  aussehen  auf  als  das  Yenusgärtlein.  Neben  den  kunstdich- 
tem, zu  denen  jezt  auch  noch  Schoch  hinzukömt,  finden  wir  eine  reihe  von  wüsten 
zotenliedem  mit  den  widerwäi*tigsten  Zweideutigkeiten,  eine  gattung,  die  gegen  das 
ende  des  17.  Jahrhunderts  grosser  beliebtheit  sich  erfreut  haben  muss.  Daneben  eine 
reihe  von  geselschaftsliedern,  auch  einzelne  kriegslieder.  Dass  wir  uns  bereits  nicht 
mehr  in  einer  so  unproduktiven  periode  befinden  wie  zur  zeit  der  abfassung  des 
Venusgärtleins  zeigt  der  merkwürdig  individuelle,  und  trotz  mancher  härte  in  der 
spräche  zu  herzen  gehende  ton  des  liedes:  Frisch  auff  mein  Gemüht,  bedaure 
nicht.  Schlag  alles  in  den  Wind  (nr.  71).  Aber  von  dem  ton  des  neueren 
Volksliedes  ist  hier  noch  nichts  zu  spüi*en;  dieser  zeigt  sich  ziemlich  ausgebildet  nur 
in  einem  lied  der  samlung:  Ach  wer  ist  doch  so  selig  als  ich  bin,  Der  ich 
nicht  mehr  darff  lieben  wie  vorhin.  Yolständig  ausgebildet  begegnet  uns 
indessen  das  neuere  Volkslied  erst  in  den  samlungen,  die  um  die  wende  des  sieb- 
zehnten und  achtzehnten  Jahrhunderts  gedruckt  worden  sind,  dem  Tugendhaften 
Jungfrauen-  und  Jungen-Gesellen  Zoit-Vertreiber  und  dem  Gatnz  neuen 
Hansguck  in  die  Welt,  beide  entschieden  um  ein  oder  zwei  Jahrzehnte  jünger 
als  das  Neu  weltliche  Liederbüchlein.  Ein  lied  wie  das  in  dem  Gantz  neuen  Hans- 
guck  in  die  Welt  nr.  79  mitgeteilte:  „Ach  Gott,  wie  kann  es  möglich  sein,  dass  ich 
soll  lassen  die  Liebste  mein*^  zeigt  schon  durchaus  den  wehmütig -sentimentalen  ton, 
durch  den  sich  das  neuere  volkstümliche  liebeslied  so  eigentümlich  von  dem  älteren 

1)  Vgl.  auch  Jakob  Schwinger,  Liebos-grillon,  Hambnig  1656.    III,  18: 

Der  gohte- Nacht  sagende: 
Gohte  Nacht,  ihr  schöne  Wiesen  1 
Otthte  Nacht  du  Lost  Revier, 
Ich  mnss  Abschied  nehmen  hihr 
Und  ein  fremdes  Land  erkiesen. 
Gohte  Nacht  gehabt  euch  wol 
Und  lebt  hoher  Fronden  vol. 


286  mSCELLEN 

abhebt.  Natürlich  stehen  in  beiden  samlungou  diese  zeichen  eines  neuen  erblühens 
der  volkspoesie  noch  unter  vielerlei  älteren  und  minderweiiagen  stücken;  aber  trotzdem 
lässt  es  sich  doch  deutlich  erkennen,  dass  der  charakteristische  ton  des  neueren  Volks- 
liedes bereits  zum  durchbruche  gekommen  ist.  Ebenso  wie  die  einzeldrucke  wird 
eine  eindringende  Untersuchung  der  herkunft  der  heute  noch  im  volke  lebenden  lie- 
der  weisen  uns  also  auch  die  liedei-samlungen  auf  die  wende  des  17.  und  18.  Jahr- 
hunderts als  auf  die  zeit  hin,  in  der  die  füi*  das  neuere  Volkslied  entscheidenden 
züge  gefunden  und  ausgebildet  worden  sind.  Freilich  müssen  auch  die  etwas  später 
gedruckten  liedersamlungen  noch  mit  hinzugezogen  werden,  so  vor  allem  das  Berg- 
liederbüchlein, welches  keineswegs,  wie  Uhland  meinte,  sehr  alte  und  weit  zurück- 
gehende lieder  enthält,  sondern  im  wesentlichen  den  liederbestand  um  1700  reprä- 
sentiert. 

Die  frage  nach  der  entstehung  des  neueren  Volksliedes  ist  bis  jezt  trotz  der 
Wichtigkeit  des  gegenständes  immer  flüchtig  nur  berühii,  und  versuche  zu  ihrer 
lösung  sind  kaum  gemacht  worden.  Ich  glaube,  dass,  wenn  auch  im  einzelnen  noch 
manches  dunkel  ist,  die  oben  gegebenen  gesamtanschauungen  das  richtige  treffen. 
Sobald  meine  Studien  über  diesen  gegenständ  volständig  zum  abschlusso  gekommen 
sind,  werde  ich  den  vei*such  machen,  die  frage  in  einem  gi'össeren  zusammenhange 
zu  beantworten. 

BERLIN.  GEOBO   ELLINOEB. 


MISCELLEN. 

Gardinenwiese. 

In  meiner  heimatstadt  Quedlinbui'g  liegt  zwischen  dem  Wiperti-kloster  und 
dem  Schlossberge  ein  stück  land,  das  den  namen  der  „Gardinenwiese**  führt. 
Zulezt  hat  über  diese  bezeichnnng  Oberlehrer  dr.  Rudolf  Kohlmann  in  der  festschrift 
zur  feier  des  350jährigen  bestehens  des  Quedlinburger  gymnasiums  (Quedlinburg,  druck 
von  Carl  Voges  1890,  s.  10)  gehandelt,  der  neben  der  landläufigen  erklärung  aus 
dem  Iyz,  jardin  auch  die  Vermutung  Brechts  in  den  erläuteiningen  vor  dem  2.  bände 
des  urkundenbuches  der  stadt  Quedlinburg,  bearbeitet  von  K.  Janicke  s.  XCI:  „Gar- 
dinen-wiese,  d.  i.  wol  CJortinen-  oder  Wallwiese"  abgelehnt  hat. 

Zunächst  ist  zu  bemerken,  dass  wir  in  der  Quedlinburger  bezeichnnng  eine 
volksetymologische  umdeutung  des  flurnamens  Gartine,  Gärtine  haben,  der  in 
dieser  form  aus  Könnem  an  der  unteren  Saale  beigebracht  ist  (s.  DWb.  4,  1418)  in 
einer  gerichtlichen  anzeige,  in  der  ein  bäuerliches  gnindstück  feilgeboten  ward, 
bestehend  in  einem  husche,  einer  gartine  auf  der  Pernener  mark  und 
12  morgen  acker.  Ferner  führt  Vilmai-  im  idiotikon  von  Kurhessen  s.  117  aus 
Niederhesseu  die  bezeichnungen :  „In  der  Oärthine^\  „in  der  obersten  Qärthine*^\ 
„in  der  Breitengarthine"' ]  „in  denen  Qärthiuen^  an.  Kohl  mann  sieht  in  der  bezeich- 
nung  mit  dem  deutschen  wörterbuche  eine  Weiterbildung  von  garte n  in  der  bedeu- 
tnng  „umzäuutes  landstück**.  Allein  es  ist  klar,  dass  diese  bezeichnung  eine  zu 
algemeine  ist,  als  dass  sie  zu  einer  spcciellen  flurbozeichnung  hätte  werden  können. 
Ich  mochte  deshalb  vielmehr  auf  das  alte  niederdeutsche  femininum  jart,  jarde,  jar- 
den  verweisen,  über  das  die  herausgeber  dos  Mittelniederdeutschen  wöiterbuchs  bd.  2, 
s.  401  bemerken:   „Es  ist  ohne  zweifei  das  fries.  terde,  alts.  gerde,  engl,  yard,  rate 


NEUE  ERSCHKINT7N0BN  287 

oder  messrute  gemeint,  die  von  verschiedener  grosse  ist.  Nach  der  aussage  von  land- 
leuten  ans  Zwischenahn  (im  Ammerlande  bei  Oldenburg)  versteht  man  unter  Jarthen 
oder  Vorjarthen  ^jWendeäcker",  d.  h.  landstreifen  auf  den  eschen,  auf  denen  der  pflüg 
umwendet,  die  daher  nicht  eh^r  besamt  werden  dürfen,  als  bis  die  hinter  ihnen 
liegenden  stücke  besamt  sind*^.  Ebenda  wird  erwähnt,  dass  das  wort  noch  im  Olden- 
burgischen zur  bozeichnung  von  länderstücken  gebräuchlich  ist,  z.  b.  tiaiefard, 
twiefcüirte,  Dohjahrten,  wie  es  sich  denn  appellativisch  auch  in  einer  Oldenburger 
Urkunde  von  1496  findet:  itetn  ene  stucke,  heten  de  dorp  iaren,  dat  buwet  Ey- 
lerSf  1  sekepel  komes.  Dass  das  westphälische  und  hessische  garde,  gerde,  in  dri- 
gerde,  vif  gerde  usw.,  von  denen  gardine,  gärdine  (mit  dem  ton  auf  der  zweiten 
silbe)  regelrechte  Weiterbildungen  sind,  dasselbe  wort  ist,  ist  ebendaselbst  richtig 
bemerkt.  Vilmars  meinung,  dass  gart  aus  quart  entstelt  sei,  wird  mit  recht  als 
völlig  unhaltbar  hingestelt;  aber  auch  gegen  Hildebrands  (DWb.  5,  s.  1392  und  Woe- 
stes  (Ztschr.  des  bergischen  geschichtsvereins  1872  s.  183)  erklärung,  die  es  Bxilgart, 
garten,  zaim,  umzäuntes  land  zurückführen  wollen,  wird  zurückgewiesen.  „Dagegen 
spricht  das  verschiedene  genus  und  die  bestirnte  Unterscheidung  (wenigstens  im  Old.) 
zwischen  garden  und  jart,  sowie  sachlich  der  umstand,  dass  jart,  fals  es  ein  teil 
eines  esches  ist,  niemals  eingehegt  gewesen  sein  kann,  weil  die  esche,  im  gegensatz 
zu  dem  eingehegten  sondereigentum ,  immer  offen  waren '^. 

NORTHEIM.  B.   SPRENQEB. 


NEUE   EESCHEINUNGEN. 


BtttÜeher,  G«  und  Klnzel,  K«,  Denkmäler  der  älteren  deutschen  litteratur 
für  den  litteraturgeschichtlichen  Unterricht  I,  3;  N^ibelungenlied.  VI  und  170s. 
1,20  m.  lY,  1:  Litteratur  des  17.  Jahrhunderts,  ausgewählt  und  erläutert. 
X  und  130  s.    1  m.    Halle,  buchhandlung  des  Waisenhauses.  1892. 

Braitmaier,  prof.  dr.,  Goethecult  und  Goethephilologie.  Eine  Streitschrift. 
Tübingen  1892  (in  comm.  bei  G.  Fock,  Leipzig).    IV  und  120  s.    2,50  m. 

Der  Verfasser  hat  dui*ch  seine  Geschichte  der  poetischen  theorie  und  kritik 
von  den  discursen  der  maier  bis  auf  Lessing  (Frauenfeld  1888.  89)  bewiesen, 
dass  es  ihm  weder  an  litteraturkentnis  noch  an  geist  fehlt.  In  der  vorliegenden 
Streitschrift  zeigt  er  auch  einen  lebhaften  und  stellenweise  drastischen  schwä- 
bischen witz;  aber  von  dem  fein  abgeklärten  und  selbst  bei  schai-fer  sachlicher 
gegnerschaft  stets  Uebenswürdigen  humor,  den  Fr.  Vischer  bei  behandlung  der- 
selben fragen  anzuwenden  wüste,  bleibt  dieser  witz  sehr  weit  entfernt.  Neben 
manchem  beachtenswerten  enthält  die  schrift  auch  rasche  und  schiefe  urteile;  vor 
allem  ist  einzuwenden,  dass  fast  alle  männer,  die  der  Verfasser  wegen  ihres  über- 
triebenen Goethecultus  speciell  angreift,  in  demselben  bei  weitem  nicht  in  dem 
masse  befangen  waren  nnd  sind,  wie  herr  Braitmaier  durch  citicren  einzelner 
äusserungen  (oder  auch  ohne  citat)  glaublich  machen  will.  Die  lebenden  mögen 
selber  für  sich  reden,  wenn  es  ihnen  in  diesem  falle  der  mülio  wert  erscheint; 
aber  gegen  angriffe  auf  einen  verstorbenen  sollen  auch  hier  einige  werte  gesagt 
sein.  "Wie  kann  herr  Braitmaier  s.  38  von  einer  abneigung  Scherers  gegen  Schil- 
ler reden?  Hat  er  niemals  die  Charakteristik  desselben  in  Scherers  litteratur- 
geschichte  s.  581  —  613  gelesen,  die  allein  schon  zeigt,  wie  viel  verwantschaft  mit 
Schillers  geiste  in  Scherer  selbst  lag?  Goethes  werke  hat  er  bewundert  und  analy- 


288  NACHBICHTEN 

siert;  Schiller  war  er  selbst  congenial,  soweit  dies  ein  forscher  des  neunzehnten 
Jahrhunderts  einem  denker  und  dichter  des  achtzehnten  Jahrhunderts  nur  sein 
kann.  Wie  komt  femer  herr  Braitmaier  dazu,  die  bezeichnung  ^  Durchschnits- 
wiener*  s.  37  fg.  mit  bezug  auf  Scherer  zu  gebrauchen ,  der  —  so  lange  er  in  Wien 
wirkte  und  noch  später  —  gerade  gegen  die  mit  dieser  benennung  von  herm 
Braitmaier  gemeinten  schwächen  des  phäakentumes  und  des  mangels  an  nationa- 
lem selbstbewustsein  mit  aller  kraft  gekämpft  hat  (vgl.  z.  b.  Vorträge  und  aufsätze  *■ 
s.  146.  192;  vgl.  den  schluss  der  litteraturgeschichte !)  ?  Wie  kann  endlich  herr 
Braitmaier  mit  bezug  auf  die  erwähnten  schwächen  sagen,  dass  Scherer  für  die 
„weiblichen"  perioden  der  litteraturgeschichte  gegenüber  den  „männlichen*'  ge- 
schwärmt habe?  Die  bezeichnendste  äusserung  Scherers  bei  der  aufstellung  jener 
geistvollen  antithese  ist  (QFI2,  2):  „der  i*uhm  frauenhafter  zeiten  ist  ihre  gerech- 
tigkeit,  ihre  duldsamkeit,  ihre  anerkennung  des  gegners*^.  Herr  Braitmaier  frei- 
lich scheint  einer  solchen  epoche  nicht  entsprossen  zu  sein,  o.  e. 

Die  HTcnisehe  chronik  in  diplomatischem  abdruck  nach  der  Stockholmer  handschrift 
nebst  den  Zeugnissen  Vedels  und  Stephanius  und  den  Hvenischen  volksüberliefe- 
rungen  herausgegeben  von  Otto  Lnitpolt  Jireezek.  (Sonderabdruck  aus  Acta 
Germanica  UI,  2.)    Berlin,  Mayer  &  Müller.  1892.    XVH,  39  s.     1,80  m. 

Kelle,  Joh.,  Geschichte  der  deutschen  litteratur  von  der  ältesten  zeit  bis 
zur  mitte  des  elften  Jahrhunderts.    Berlin,  W.  Hertz.    1892.    435  s.    8  m. 

Poesehel,  Joh.,  Die  sogenante  Inversion  nach  und,  Anregung  zu  einer  sprach- 
geschichtlichen Untersuchung.  [Einladungsschrift  der  landesschule  Grimma  am 
24.  septbr.  1891.]    Grimma,  G.  Gensei.     13  s.    4.-    0,75  m. 

Von  der  gründlich  angelegten  und  scharfsinnig  unterscheidenden  Unter- 
suchung enthält  dieses  programm  leider  nui*  den  ersten  abschnitt.  Sobald  die 
volständige  ausgäbe,  welche  der  Verfasser  vorbereitet,  erschienen  ist,  soll  sie  in 
dieser  Zeitschrift  ausführlich  besprochen  werden. 

Reieke,  Joh.,  Zu  J.  Chr.  Gottscheds  lehrjahren  auf  der  Eönigsberger 
Universität.  I.  Königsborger  diss.  1892  [auch  abgedruckt  Altpreussische  monats- 
schrift  XXIX,  1.  2;   der  11.  teil  wird  in  derselben  Zeitschrift  erscheinen].     34  s. 

Wessely,  B.,  Über  den  gebrauch  der  casus  in  Albrechts  von  Eyb  deut- 
schen Schriften  unter  vergieichung  des  mhd.  und  nhd.  Sprachgebrauches.  Ber- 
lin, diss.  1892.    58  s. 

Der  Verfasser  hat  nicht  nur  fleissig  gesammelt,  sondern  auch  die  verschie- 
denen gebrauchsweisen  der  obliquen  casus  sorgfältig  gesondert  und  nicht  ohne 
Scharfsinn  übersichtlich  dargestelt 


NACHRICHTEN. 

Der  ao.  professor  dr.  B.  Seuffert  in  Graz  wurde  zum  Ordinarius  emant 
Der  privatdocent  dr.  Friedrich  Kauffmann  in  Marburg  ist  als  ao.  professor 

für  germanische  philologie  an  die  Universität  Halle  berufen;   dr.  Ernst  Elster  in 

Leipzig  ist  zum  ao.  professor  für  deutsche  spräche  und  litteratur  emant. 

Herr  dr.  Albert  Köster  (zulezt  in  Hamburg)  ist  als  ao.  professor  für  neuere 

deutsche  spräche  und  litteratur  an  die  Universität  Marburg  berufen;   ebenso  prof.  dr. 

Berthold  Litzmann  von  Jena  zum  1.  Oktober  an  die  Universität  Bonn. 


Halle  a.  S.f  Bachdrackorei  des  'Waisenhauses. 


ÜBER  GOETHES  BEUCHSTÜCKE  DES  GEDICHTES 

„DEE  EWIGE  JUDE". 

Wie  arg  die  Goetheforschung  in  die  irre  gerät,  wenn  sie  ohne 
Steuer  und  kompass  sich  dem  meere  der  einfalle  überlässt,  zeigen  neuer- 
dings wider  Paul  Hoffmanns  ,, Untersuchungen  über  Goethes  ewigen  Juden" 
in  Seufferts  „Vierteljahrschrift "  (IV,  116  — 152).  Sie  bedarf  einer  auf 
alseitiger,  durch  Übung  gereifter  kentnis  der  mittel,  welcher  die  Unter- 
suchung zu  erfolgreicher  Wirksamkeit  sich  bedienen  muss;  einer  mit 
liebevoller  Sorgfalt  den  spuren  der  dichtung  folgenden,  von  inniger 
Vertrautheit  mit  des  dichters  fühlen,  denken,  leben  und  streben  getra- 
genen anschauung;  eines  besonnenen,  alle  umstände  erwägenden,  durch 
keinen  augenblicklichen  schein  zu  bestechenden  urteils  und  voller 
beherschung  des  weit  verbreiteten  gebietes,  aus  dem  jederzeit  das  ent- 
sprechende dem  forscher  zur  Verfügung  stehen  muss.  Ganz  besonders 
erweisen  sich  diese  Vorbedingungen  als  nötig,  wo  es  sich  um  ergüsse 
von  Goethes  jugenddrang  handelt,  deren  Verständnis  dem  alternden 
dichter  selbst  längst  verloren  gegangen  war,  so  dass  seine  eigenen 
äusserungen  aus  den  beiden  lezten  Jahrzehnten  seines  lebens  nichts 
weniger  als  den  Stempel  urkundlicher  Wahrheit  tragen.  Hofl&nann  fasst 
die  Untersuchung  am  unrechten  ende  an,  häuft  übereilte  Schlüsse  auf- 
einander, sucht  das  zu  entdecken,  was  klar  ausgesprochen  vorliegt, 
und  findet  schliesslich  das  gerade  gegenteil. 

Gehen  wir  zunächst  auf  den  hauptpunkt  ein,  in  welchem  HofBnann 
von  der  bisherigen  meinung  abweichen  zu  müssen  glaubt.  Er  sezt 
die  dichtung  des  bruchstückes  in  das  frühjahr  1775  statt  in  den  vor- 
hergehenden sommer.  Hierzu  gelangt  er  auf  eigentümlichem  wege: 
er  sucht  zunächst  die  Stimmung  zu  entdecken,  aus  welcher  die  bruch- 
stücke  geflossen  seien,  sucht  sodann  nachzuweisen,  zu  welcher  zeit 
diese  Stimmung  bei  Goethe  geherscht,  und  da  er  so  glücklich  ist,  diese 
auf  eine  kurze  zeitstrecke  zu  beschränken,  so  hat  er  sein  ziel  erreicht. 
Hoffmann  findet  in  der  dichtung  „erbitterung  und  höhn"  gegenüber 
den  Vertretern  der  kirche,  und  besonders  der  protestantischen  geistlich- 
keit;  angriffe  gegen  den  katholicismus  fehlten,  weil  dieser  Goethe  frem- 
der gewesen  als  das  wirken  der  protestantischen  lehre.     Und  doch  wird 

ZOTSOHRIFT  P.    DEUTSCHR   PHILOLOGIE.      BD.    XXV.  19 


290  DÜNTZER 

der  katholicismus  gehörig  gestreift  in  v.  201  fgg.;  denn  dort  werden 
die  katholischen  länder  als  diejenigen  bezeichnet,  „wo  man  so  viele 
kreuze  hat,  und  man  für  lauter  kreuz  und  Christ  ihn  eben  und  sein 
kreuz  vergisst".  Manche  protestantische  und  auch  katholische  geistliche 
schäzte  Goethe  persönlich  sehr  hoch,  sein  unwille  galt  nur  den  hersch- 
süchtigen,  das  Christentum  zu  ihren  weltlichen  zwecken  ausbeutenden 
herren  der  kirche.  Gegen  den  protestantismus,  wie  er  geworden, 
wante  er  sich,  weil  dieser  sich  rühmte  die  kirche  gereinigt  zu  haben; 
wogegen  er  bedauern  muste,  dass  auch  die  reformation  nichts  gebes- 
sert, nur  den  pfaffen  haus  und  hof  genommen  habe,  um  wider  pfaffen 
hineinzupflanzen,  die  freilich  weniger  grimassen  machen,  aber  desto 
mehr  schwatzen  (277  —  281).  Die  Protestanten,  bei  denen  Christus  nur 
noch  auf  den  kirchfahnen,  den  Windfahnen,  vorkomme,  hätten  freilich 
den  Sauerteig  ausgescheuert;  aber  auch  von  der  religion  des  herzens 
sei  wenig  übrig  geblieben.  Und  so  führt  er  uns  diese  bloss  auf  ein 
möglichst  angenehmes  leben  und  eine  neue  hierarchie  gerichtete  geist- 
lichkeit  in  den  köstlichen  bildem  eines  „geistlichen  schafes"  (213  —  226) 
und  eines  im  konvent  herschenden  „  oberpfarrers "  (229  —  233.  286  — 
293)  leibhaft  vor.  Daneben  hören  wir,  dass  nirgendwo  eine  spur  von 
Christi  lehren  zu  finden  sei  (235  —  240);  und  wie  wenig  man  vom  evan- 
gelium  wisse,  wird  mit  recht  ergötzlicher  laime  dadurch  gezeigt,  dass 
bei  der  torwache,  wo  man  die  namen  der  ein-  und  ausgehenden  auf- 
schreibt, niemand  des  Heilands  evangelische  bezeichnung  als  „des 
menschen  söhn"  versteht  Das  ist  heiterster  humor,  nicht  verbissene 
Verhöhnung.  Christus  selbst  staunt,  dass  die  sitliche  besserung,  die  er 
mit  seiner  lehre  bezweckt  hat,  nirgendwo  erscheine,  vielmehr  alle  bösen 
leidenschaften  in  voller  blute  stehen,  sein  geist  der  liebe  und  des  wol- 
tuns  verweht  sei  (173  —  200);  was  der  dichter  selbst  vorher  mit  derbem 
ausdrücken  bezeichnet  hat  (165 — 172).  Es  war  Goethes  innerste  Über- 
zeugung, dass  das  Christentum  die  reine  lehre  seines  gründers  auf  das 
ärgste  verunstaltet  habe,  keineswegs  ein  ausfluss  der  Verbitterung  und 
des  hasses,  wie  uns  Hoffmann  gern  einreden  möchte.  Das  auffalligste 
scheint  HofEmann  der  „cynische  ton",  in  welchem  in  unsem  bruch- 
stücken  von  der  gottheit  die  rede  sei,  besonders  im  gespräche  von 
Gott  vater  mit  seinem  lieben  söhne  (97  — 112).  Diesöö  ist  freilich  in 
sehr  humoristischem  tone  gehalten,  und  die  scharfe  laune  über  das  auf 
die  gottheit  unwürdig  angewante  menschliche  familienverhältnis  lässt 
sich  nicht  verkennen.  Hoffmann  selbst  ist  freilich  weit  entfernt,  die 
launige  dichtung  zu  verstehen,  nach  welcher  Gott  vater  darüber  auf- 
gebracht ist,  dass  sein  die  menschen  heilender  söhn,  statt  auf  die  erde 


GOETHES  EWIGER  JUDE  291 

seine  äugen  zu  richten,  nach  einem  weit  entfernten  sterne  geeilt  ist, 
um  einem  weibe  in  seiner  not  beizustehen;  er  muss  ihn  rufen,  weil 
es  auf  der  erde  eben  übel  zugeht.  Wenn  Goethe  sich  auch  die 
vermenschlichung  der  gottheit  sonst  wol  zurechtzulegen  wüste  (obgleich 
ihm  die  freilich  würdig  gehaltene  darstellung  in  Klopstocks  „Messias" 
nicht  ganz  behagte  und  die  vergröberung  derselben  in  der  Vorstellung 
mancher  geistlichen  und  besonders  des  volks,  bei  der  hohen  geistigen  Ver- 
ehrung, mit  der  ihn  selbst  die  gottheit  erfülte,  äusserst  misfallen  muste) 
so  erklärt  es  sich  doch  leicht,  wie  bei  dem  einmal  angeschlagenen 
launigen  tone  sein  drastischer  spott  gerade  dieses  Verhältnis  traf. 
Übrigens  gehören  diese  verse  zu  den  spätem  bruchstücken,  die  ihm 
von  zeit  zu  zeit  einfielen;  ursprünglich  und  kurz  hintereinander  gedich- 
tet waren  nur  die  drei  stücke  1—72,  116  —  200  und  201  —  297.  Wie 
er  beim  „Faust"  von  dem  gespräch  mit  Wagner  gleich  zur  belehrung 
des  Studenten  durch  Mephisto  und  dann  zu  der  geschichte  mit  Gret- 
chen  übersprang,  so  hier  von  der  ersten  einführung  des  ewigen  Juden, 
noch  ehe  er  der  beziehungen  desselben  zum  heilande  gedacht  hatte, 
zur  widerkunft  des  herm  nach  dreitausend  jähren,  und  dann  mit  vor- 
läufiger übergehung  der  katholischen  länder  zum  besuche  der  prote- 
stantischen. Goethe  war  längst  entschiedener  freidenker;  denn  es  ist 
ein  seltsamer  irtum,  wenn  Hoffmann  (s.  150),  durch  Goethes  darstel- 
lung im  fünfzehnten  buche  von  „Wahrheit  und  dichtung"  verleitet, 
sich  denkt,  erst  im  jähre  1774  habe  er  sich  von  der  brüdergemeinde 
getrent. 

Aus  diesem  „cynischen  tone",  der  hier  eigentlich  gar  nicht  herscht, 
aber  (bezeichnend  für  den  Charakter  der  ganzen  dichtung)  schon  in  der 
einleitung  frisch  und  frei  hervorbricht,  macht  Hof&nann  einen  schluss, 
der  ihn  recht  weit  führt,  aber  dafür  auch  kein  schluss,  sondern  ein 
Sprung  ist  Dieser  ton  „habe  offenbar  seinen  grund  in  einer  Stim- 
mung, in  der  Goethe  an  der  Vorsehung  wie  an  der  menschheit  und 
sich  selbst  nicht  verzweifelte,  aber  zweifelte".  Fragen  wir  nach  einem 
diese  behauptung  nur  irgend  vertretenden  gründe,  so  hören  wir:  „Dass 
sich  dazwischen  wider  stellen  von  wahrer  Innigkeit,  namentlich  von 
frommer  Verehrung  des  heilandes  finden,  wie  vor  allem  in  der  antwort 
Christi:  ,Du  fühlst  nicht'  usw.  (133  fgg.),  beweist  das  schwankende 
im  empfinden  und  denken  des  dichters.  Schroffer  können  sich  gegen- 
sätze  nicht  gegenüberstehen  als  die  cynisch  gehaltene  rede  Gott  vaters 
und  diese  antwort."  Aber  die  verse  113  fgg.  sind  nichts  weniger  als 
antwort  auf  die  rede  des  vaters  108  — 112,  worauf  sie  nicht  passen; 
beide  stellen  gehören  zu  verschiedenen  bruchstücken,   und  die  zweite 

19* 


292  DÜNTZER 

sezt  eine  andere,  nicht  ausgeführte  rede  des  vaters  voraus,  in  der  er 
sich  nicht  über  des  sohnes  teilnähme  an  bedrängten  (d.  i.  leidenden, 
wie  das  105  fg.  erwähnte  weib),  sondern  über  sein  mitleid  mit  Sün- 
dern, die  ängstlich  um  rettung  flehen,  ausgesprochen  haben  muss. 
Solcher  wegen  hatte  der  vater  den  söhn  gerufen.  Die  betreffenden 
verse  dürften  kaum  ganz  gleichzeitig  mit  97  — 112,  sondern  erst 
nach  einiger  zeit  gedichtet  sein,  wofür  auch  das  ganz  abweichende 
versmass  zu  zeugen  scheint;  denn  nur  hier  haben  wir  sechsfüssige, 
früher  vier-  oder  fünffüssige,  unter  die  sich  durch  blosses  versehen 
zweimal  (76  und  77)  in  einem  andern  bruchstück  ein  sechsfüssiger 
verirte,  aber  nicht  unmittelbar  hinter  einander  in  einem  reimpaar. 
Doch  hiervon  abgesehen,  wie  könte  es  vom  schwanken  des  empfindens 
und  denkens  des  dichters  zeugen,  wenn  er  zwei  verschiedene  per- 
sonen  auch  in  verschiedenem  tone  sprechen  lässt?  Und  der  ton  des 
vaters  ist  keineswegs  „cynisch";  er  ist  nur  „ganz  aufgebracht",  wie 
der  dichter  ausdrücklich  sagt,  und  er  spricht  in  dem  einem  ernsten 
vater  einem  jungen  söhne  gegenüber  nicht  zu  verübelnden  tone:  „Das 
hast  du  dumm  gemacht"  (das  war  ein  dummer  streich).  Alles  dies  ist 
freilich  mit  keckem,  fast  Lucianischem  tone  hingeworfen;  selbst  dass 
der  heiland  auf  einem  weit  entfernten  steme  einer  gebärenden  beisteht, 
ist  eine  kecke,  übermütige  dichtung,  die  Goethe,  hätte  er  das  gedieht 
wirklich  ausgeführt,  wol  fallen  gelassen  haben  würde,  da  97  — 112,  ja 
auch  113  fgg.  kaum  zu  der  mit  116  beginnenden  widerkunft  stimmen 
dürften ,  die  ja  eine  andere  veranlassung  vorauszusetzen  scheint.  Jedes- 
fals  ist  es  der  entschiedenste  irtum,  wenn  Hof&nann  aus  diesen  von 
ihm  nicht  verstandenen  versen,  die  nicht  derselben  zeit  wie  die  drei 
grossem  stücke  anzugehören  scheinen,  ein  schwanken  im  empfinden 
und  denken  findet  und  die  schrofsten  gegensätze  in  Goethes  eignem 
geiste  daraus  herleitet.  Aber  auch  hiermit  ist  er  noch  nicht  am  ziele. 
Ganz  unvermittelt  wagt  er  den  lezten  sprung:  „Goethe  muss  zu  jener 
zeit  innerlich  aufs  schwerste  gelitten  haben."  Seite  daraus,  dass  Goethe 
den  vater  und  den  söhn  in  verschiedenem  tone  sprechen  lässt,  sich 
ergeben,  dass  dieser  innerlich  aufe  schwerste  gelitten  habe,  wie  unse- 
lig müsten  erst  die  dramatiker  sein,  welche  die  allerverschiedensten 
Charaktere,  ihr  gefühl  und  ihr  ganzes  wesen  lebendig,  oft  in  höchster 
aufregung,  auszuprägen  verpflichtet  sind! 

Trotz  allem  glaubt  Hoffmann  wirklich  drei  „merkmale"  erwiesen 
zu  haben,  aus  denen  sich  Goethes  Stimmung  bei  der  dichtung  der 
bruchstücke  ergebe.  1.  „Hass  gegen  die  geistlichkeit,  so  weit  sie  nicht 
dem  ideale  des  christlichen  laien  entspricht."     (Vielmehr  spottet  er  der 


GOETHES   EWIGER   JUDE  293 

geisüichkeit,  deren  leben  ein  höhn  auf  die  gemütliche  lehre  des  Stifters 
des  Christentums  sei.)  2.  „Zweifel  an  sich,  der  menschheit  und,  nach 
dem  cynischen  tone  zu  schliessen,  an  Gott".  (Jeder  beweis  dafür  fehlt; 
dass  Goethe  an  den  gott  der  christlichen  Offenbarung  nicht  geglaubt,  ist 
gewiss,  ergibt  sich  aber  keineswegs  aus  dem  spotte  des  dichters  über 
die  durchaus  verweltlichte  Vorstellung  von  Gott  vater.)  3.  „Wechsel 
von  solchen  bittem  Stimmungen  und  inniger  hingäbe,  und  zwar  in 
ein  und  demselben  gedichte,  ja  im  selben  teile  des  gedichts".  (Wie 
seltsam  es  mit  dieser  behauptung  stehe,  haben  wir  gesehen.)  Diese 
wilkürlich  erschlossene  Stimmung,  „die  bitterkeit  gegen  die  menschheit 
und  die  gottheit  selbst,  die  innere  Zerrissenheit  des  dichters",  wird  nun 
mit  gewohnter  raschheit  zum  beweise  misbraucht,  die  einzige  zeit,  in 
welcher  die  bruchstücke  gedichtet  sein  könten,  sei  das  frühjahr  1775. 
Zu  keiner  zeit  hat  unsern  dichter  das  vertrauen  auf  ein  über  ihm  wal- 
tendes Schicksal,  eine  weise,  auf  unergründlichen  wegen  ihn  leitende 
Vorsehung  verlassen,  wenn  er  auch  über  die  art,  wie  die  menschen 
sich  dieses  unsichtbare  und  unfassbare  wesen  denken,  wol  scherzen 
mochte:  wie  er  sich  zu  diesem  grossen  unbekanten  verhielt,  hat  er 
in  der  zeit  seines  titanischen  jugenddranges  seinen  Faust  aussprechen  las- 
sen. Wenn  Fritz  Stolberg,  was  Hoflfmann  nicht  erwähnt,  ihm  einen 
„titanenkampf  gegen  seinen  gott"  zuschrieb,  ja  berichtete,  im  november 
oder  december  1775  habe  er  ihm  von  riesengeistem  gesprochen,  die 
sich  auch  den  ewigen  geoffenbarten  Wahrheiten  nicht  beugten,  so  gehört 
dies  zu  den  leidenschaftlichen  entstellungen  des  bildes  seines  Wolfgang, 
womit  er  den  treulosen  abfall  von  diesem  vor  sich  selbst  zu  bemänteln 
sachte,  da  er  sich  den  glauben  an  eine  gottheit  nicht  vorstellen  konte, 
ohne  die  drei  personen  der  christlichen  Offenbarung;  während  es  zur 
zeit  viele  wahrhaft  fromme  freidenker  gab,  denen  Lavaters  „entweder 
Christ  oder  atheist"  ein  greuel  beschränktester  Unduldsamkeit  war. 
Welche  Widerwärtigkeiten  ihm  auch  in  seinem,  dem  naturdrange  unab- 
lässig folgenden',  von  mancherlei  leidenschaften  umgetriebenen  leben 
bereitet  waren,  er  vertraute  seinem  Schicksale,  dass  es  ihn  recht  führe, 
und  verehrte  es  gläubig,  wie  schwer  es  ihm  auch  zuweilen  fiel.  Was 
Hoffmann  zum  beweise  „einer  religiösen  Wandlung  und  bittersten  Ver- 
stimmung" in  den  ersten  monaten  des  jahres  1775  aus  seinen  briefen 
herausreisst,  erscheint  in  ganz  anderer  beleuchtung,  wenn  man  es  im 
zusammenhange  und  in  Verbindung  mit  seinem  damaligen  leben  betrach- 
tet, dabei  auch  sein  dichterisches  schaffen  nicht  ausser  acht  lässt,  das 
mit  einer  Verzweiflung  an  sich,  der  menschheit  und  Gott  ganz  unverein- 
bar ist    Das  ausbeben  einzelner  ausser ungen  aus  des  dichters  wunderbar 


294  DÜNISUIR 

wechselndem,  von  mancherlei  tiefgreifenden  Verhältnissen  bewegtem,  oft 
wild  stürmischem,  dann  wider  sich  beruhigendem  und  heiterm  leben 
ist  eine  leere  Spiegelfechterei.  Hätte  Hof&nann  auf  der  suche  nach 
äusserungen,  die  seinem  verurteile  günstig  schienen,  Goethes  Seelen- 
leben in  den  monaten  märz  und  april,  wie  es  trotz  aller  lückenhaftig- 
keit  im  algemeinen  klar  vorliegt,  reiflich  ei^ogen,  er  würde  gefunden 
haben,  dass  dieser  bei  allen  Verworrenheiten  und  aller  ihn  um  treiben- 
den Unruhe  nie  das  vertrauen  auf  seine  gute  natur  und  ein  ihm  gewo- 
genes Schicksal  verloren  hat.  Man  nehme  nur  die  äusserung  an  die 
gräfin  Auguste  Stolberg:  „Mir  ists  wider  eine  zeit  her  für  wol  und 
wehe,  dass  ich  nicht  weiss,  ob  ich  auf  der  weit  bin,  und  da  ist  mirs 
doch,  als  war'  ich  im  himmel."  Wie  könte  ein  an  Gott  und  weit  ver- 
zweifelnder, ein  in  sich  zerrissener  sich  so  aussprechen?  Doch  wozu 
einzelnes  hervorheben,  wo  das  hin-  und  herwogen  der  innigsten  gefühle 
von  lust  und  leid  so  ergreifend  vorliegt?  Seltsam  genug  bringt  HofF- 
mann  es  nicht  zu  einer  festen  Zeitbestimmung  von  Goethes  „höchstem 
innem  leiden";  freilich  sezt  er  es  s.  145  in  den  mai,  aber  sonst  spricht 
er  vom  „spätem  frühjahr".  Die  merkwürdige  Veränderung  seiner  Stim- 
mung durch  die  im  lezten  drittel  des  april  plötzlich  erfolgte  geheime 
Verlobung  erwähnt  er  mit  keinem  werte.  Und  doch  ist  es  unzweifel- 
haft, dass  des  dichters  unruhe  vor  dieser  am  stärksten  war,  er  darauf 
das  glück  des  bräutigams  kurze  zeit  genoss,  bis  dieses  durch  die  Stel- 
lung, welche  die  familie  der  braut  gegen  ihn  und  seine  eitern  einnahm, 
getrübt  wurde,  so  dass  er  bald  daran  dachte,  eine  Verbindung,  die  das 
gehofte  familienglück  nicht  verspreche,  ganz  aufeugeben.  Zunächst 
fasste  er  den  entschluss,  seine  Schwester  in  Emmendingen  zu  besuchen, 
um  sich  zu  vergewissem,  ob  er  lili  entbehren  könne.  In  dieser  zeit, 
vor  der  ankunft  der  grafen  Stolberg,  wahrscheinlich  am  zweiten  Bücke- 
burger posttage  des  monats,  am  6.  mai  (später  war  er  von  der  anwe- 
senheit  der  grafen  zu  sehr  in  anspruch  genommen),  scheint  der  brief 
an  Herder  geschrieben,  aus  dem  Hof&nann  kapital  schlagen  möchte. 
Er  begint  mit  gefasster  ruhe:  „Mir  gehts  wie  dir,  lieber  bruder.  Mei- 
nen ballen  spiel'  ich  wider  die  wand  [versuche,  was  ich  vermag]  und 
federballen  mit  den  weibern  [unterhalte  mich  mit  frauenzimmem]. 
Dem  hafen  häuslicher  glückseligkeit  und  festem  fuss  in  wahrem  leid 
und  freud  der  erde  [die  ihm  die  ehe  zu  geben  versprach]  wähnt'  ich  vor 
kurzem  näher  zu  kommen,  bin  aber  auf  eine  leidige  weise  wider  hinaus 
ins  weite  meer  geworfen."  Am  Schlüsse  heisst  es:  „Ich  tanze  auf  dem 
drahte,  fatum  congenitum  [das  mitgeborene  Schicksal]  genant,  mein 
leben  so  weg!    Von  meiner  frescomalerei  wirst  ehstens  sehen  [„Erwin 


GOETHES  EWIGER   JUDE  295 

und  Elmire"],   wo   du   dich   ärgern  wirst,   gut  gefühlte   natur  neben 
scheuslichem    locus    communis    zu   sehen.     Fiat    voluntas!     [Ein 
freundlicher  wünsch,   nicht  im  evangelischen  sinne.]"     Und  doch  ver- 
wendet Hof&nann  eben  diesen  brief  als  beweis,   dass  damals  Goethes 
inneres  leiden  den  höchsten  grad  erreicht  habe;   denn   er  zeige   hier 
„Verachtung  des  menschen^  und  der  christlichen  lehre,  und  zum  min- 
desten nichtachtung  gegen   die  gottheit  selbst".     Von  alle  dem  findet 
sich  nichts,   nur  entschiedener  Unglaube  an  die  christliche  Offenbarung 
und  das  gefühl  menschlicher  beschränktheit     Herder  hatte  ihm  seine 
beiden  neuesten  christlichen  Schriften  „Erläuterungen  zum  neuen  testa- 
ment"  und  „Briefe  zweener  brüder  Jesu"   (Jacobus  und  Judas)  gesant, 
worin  ihn  dessen  gefühlvolle  behandlung  fesselte.    Die  ganze  lehre  von 
Christo  schien  ihm  nur  ein  scheinding,  das  ihn  als  menschen,  als  ein- 
geschränktes bedürftiges  ding  rasend  mache;  doch  so  behandelt,  werde 
ihm  alles,  auch  gott  oder  teufel,  lieb,  da  er  darin  einen  ewig  gleichen 
bruder,  den  menschen  erkenne,  der  freilich  bald  gott,  bald  wurm,  bald 
narr  sei.     Hof&nann  scheint  zu  meinen,  erst  jezt  sei  Goethes  Unglaube 
an  die  christliche  Offenbarung  durchgebrochen,  es  sei  bei  ihm  eine  „alge- 
meine innere  Umwälzung"  eingetreten,   die  Goethe  in  „das  tiefste  see- 
lische leiden"  gestürzt,  dessen  vornehmster  grund  wol  „das  schwankende 
und  unleidliche  seines  Verhältnisses  zu  Lili"  gewesen.    Kante  er  denn 
nicht  das  berühmte  bekentnis  im  briefe  an  Pfenninger  vom  26.  april 
1774,   das  viel   schärfer   und   bestimter   als  die  äusserung  an  Herder 
ist!    Und  selbst  Jacobis  gattin  macht  er  aus  seinem  Unglauben  kein 
ffeheinmis:    ob   ihre   buben   an  Christ   oder  an  Götz   oder  an  Hamlet 
ffiaiibten,   das  sei  alles  eins,   ruft  er  zwei  monate  früher  aus;   nur  an 
ötwas  müsten  sie  glauben,   da,   wer  an  nichts  glaube,   an  sich  selber 
ver-zweifle.     Und  an  welches  höhere  wesen  er  glaubte,   wüste  er  sehr 
J^^stimt;   an  diesem,   an  sich  selbst  und  den  menschen  verzweifelte  er 
nicht,  am  wenigsten  damals,  wie  sehr  er  auch  um  Lili  ütt.    Yon  jenem 
völligen  Unglauben  an  Gott,   von  innerer  Zerrissenheit  und  menschen- 
verachtung   zeigt  sich  bei  Goethe   nie   eine  spur;   und  am  wenigsten 
^o.n  man  einen  solchen  verzweifelten  zustand  im  frühjahr  1775  nach- 
weisen, wenn  er  auch  im  april  zunächst  durch  die  ungewissheit  seines 
Verhältnisses  zu  Lili  und  manches  andere,   wie   durch  Wagners  spot- 
achrifl  „Prometheus"  und  Jacobis  misverständnis  seiner   „Stella",   in 
iiMruhe  versezt  wurde.   In  das  ende  des  monats  falt  gar  seine  Verlobung, 
die  ihn  nur  sehr  kurze  zeit  beglückte,   da  wol  schon   in   den  ersten 
tagen  des  mai  der  widerstand  von  Lilis  familie  hervortrat    In  dieser 
zeit,  am  3.  mai,   schrieb  er  an  Knebels  Schwester,  der  er  nicht  ver- 


296  DÜNTZER 

raten  durfte,  was  ihn  quälte,  er  „lebe,  wie  immer,  in  strudelei  und 
unmässigkeit  des  Vergnügens  und  schmerzens".  Ist  es  schon  auffallend, 
dass  Hoffmann  keinen  bestirnten  Zeitpunkt  für  das  bruchstück  festzu- 
setzen vermag,  um  so  erstaunlicher  scheint  es,  wenn  er  kurzweg,  indem 
er  zwischen  dem  plan  und  dem  beginn  der  ausführung  eine  längere  zeit 
vergehen  lässt,  s.  150  erklärt:  „Der  plan  selbst  fält  in  die  zeit  der  tren- 
nung  von  der  brüdergemeinde,  also  ins  jähr  1774,  das  fragment  aber 
in  der  hauptsache  in  den  spätfrühling  1775.  Beide  fliessen  aus  einer 
quelle,  dem  deutschen  Volksbuch.  Aber  während  der  entwurf  aus  reli- 
giösen zweifeln  hervorgieng  [an  diesen  litt  Goethe  damals  nicht,  er 
war  längst  fest  entschieden,  wie  wir  gezeigt  haben]  und  eine  ernste 
dichtung  beabsichtigte,  wich  das  fragment  infolge  eines  Umschwunges 
der  Stimmung  von  dem  plane  ab  in  der  behandlung  des  Stoffes  und 
in  seinem  ganzen  ton."  Da  haben  wir  ja  ganz  neue  aufstellungen,  die 
zu  beweisen  nicht  die  geringste  anstalt  gemacht  wird.  Dass  die  tren- 
nung  von  der  brüdergemeinde  in  das  jähr  1774  versezt  wird,  wider- 
spricht allem,  was  wir  sonst  wissen.  Erinnerte  sich  denn  Hoffmann 
nicht  einer  der  bekantesten  tatsachen,  dass  Kestner  schon  im  november 
1772  schrieb,  Goethe  gehe  nicht  in  die  kirche,  auch  nicht  zum  abend- 
mahle, bete  selten,  weil  er  dazu  nicht  lügner  genug  zu  sein  behaupte, 
habe  aber  vor  der  christlichen  religion  alle  hochachtung,  nur  nicht  in 
der  gestalt,  wie  sie  unsere  theologen  vorstelten!  Und  doch  behauptet 
Hoflftnann,  der  dichter  habe  sich  erst  1774  von  der  brüdergemeinde 
getrent,  ja  sein  „Ewiger  Jude"  sei  der  geheime  absagebrief  von  dieser. 
Wer  den  anfang  des  gedichts  mit  Verständnis  liest,  der  muss  sich  sagen, 
dass  hier  kein  länger  gehegter  und  gepflegter  entwurf  zu  gründe  Hege, 
noch  weniger  ein  früherer  ganz  umgeworfen  worden,  sondern  dass  die 
dichtung  mit  reissender  gewalt  aus  der  seele  fliesse.  Und  schon  der 
dritte  vers  bohrt  alle  aufstellungen  Hoffmanns  in  den  grund;  denn  ein 
zerrissener,  an  nichts  glaubender,  Gott,  weit  und  sich  verachtender 
mensch  ist  das  gerade  gegen  teil  von  dem,  was  Goethe  hier  von  sich 
sagt:  „Nie  war  mein  busen  seelenvoller." 

Auch  der  wideraufhahme  des  planes  der  dichtung  auf  der  fahrt 
über  die  Apenninen  im  Oktober  1786  gedenkt  Hoffnaann,  wobei  er  mit 
recht  von  dem  tagebuchbericht  an  frau  von  Stein  ausgeht:  „Heute  [am 
22.  Oktober]  früh  sass  ich  ganz  still  im  wagen  [mit  einem  päpstlichen 
ofRcier,  dessen  geselschaft  ihm  „von  vielem  nutzen  war"]  und  habe 
den  plan  zu  dem  grossen  gedieht  der  ankunft  des  herm  oder  dem 
ewigen  Juden  recht  ausgedacht."  Er  bemerkt  aber  nicht,  dass  sich 
aus  der  art  der  einführung  ergibt,  frau  von  Stein  müsse  von  diesem 


60EIHSS  EWIGBB  JUDE  297 

plane  gewusst  haben.  Und  eine  veranlassung,  gegen  die  freundin  des- 
selben zu  gedenken,  ergibt  sich  leicht,  wenn  es  auch  jedesfals  zwei- 
felhaft bleibt,  ob  in  die  abschrift  seiner  ungedruckten  werke,  die  er 
dieser  im  jähre  1781  verehrte,  auch  die  bruchstücke  des  gedichtes  auf- 
genommen waren.  Das  grosse  mystische  gedieht  „Die  geheimnisse", 
von  dem  Goethe  in  den  jähren  1784  und  85  imter  ihrer  wärmsten,  ihn 
drängenden  teilnähme  eine  bedeutende  anzahl  stanzen  schuf,  muste,  da 
es  auf  die  Verschiedenheit  der  religionen  sich  bezog,  auch  die  rede  auf 
seine  Jugenddichtung  bringen,  in  der  er  die  arge  entartung  des  gemüt- 
lichen Urchristentums  mit  scharfer  laune  getroffen  hatte.  Schon  damals 
dürfte  er  auch  die  Schlussentwicklung  des  Zusammentreffens  des  zur 
erde  zurückgekehrten  heilands  mit  dem  ewigen  Juden  näher  bedacht 
haben,  mochte  er  auch  noch  nicht  zum  entschlusse  gekommen  sein, 
wo  diese  statfinden  solle.  So  wäre  es  leicht  zu  begreifen,  wie  er  auf 
dem  w^ege  nach  Rom  gegen  frau  von  Stein  dieses  plans  unter  der 
bezeichnung  der  „ankunft  des  herm  oder  des  ewigen  Juden"  als  eines 
bekanten  gedenken  konte.  Die  ausführung,  welche  Goethe  im  jähre 
1814  in  der  „Italienischen  reise"  der  kurzen  stelle  des  tagebuchs  gab, 
darf  eben  so  wenig  auf  Zuverlässigkeit  anspruch  machen  als  die  dort 
frei  ausgeführten  plane  der  „Iphigenie  in  Delphi"  und  der  „Nausikaa" ; 
es  fehlten  Goethe  ältere  aufzeichnimgen,  so  dass  er  die  lücken  seines 
gedächtnisses  jfrei  ergänzen  muste.  Im  vorigen  jähre  hatte  er  im  fünf- 
zehnten buche  von  „Wahrheit  und  dichtung"  eine  gleichfals  durchaus 
freie  darstellung  des  anfangs  des  gedichtes  bis  zu  dem  augenblick  ent- 
worfen, wo  der  Jude,  betroffen  vom  fluche  des  heilandes,  von  „unruhe 
und  Sehnsucht"  zu  seiner  Wanderung  sich  getrieben  fühlt  „Von  die- 
ser", schloss  er  „und  von  dem  ereignis,  wodurch  das  gedieht  zwar 
geendigt,  aber  nicht  abgeschlossen  wird,  vielleicht  ein  andermal."  Man 
darf  zweifeln,  dass  ihm  damals  vorgeschwebt  habe,  was  er  1814  in 
der  „Italienischen  reise"  mit  einer  deutlich  vorliegenden  zeitverschie- 
bung  über  die  katastrophe  des  gedichtes  frei  ergänzte.  Das  tagebuch 
hatte  des  planes  am  22.  Oktober  gedacht,  dann  am  27.  eines  priesters, 
der  seit  der  entfernung  des  päpstlichen  officiers  in  seinem  wagen  platz 
genommen.  Dies  veranlasste  ihn  mit  der  freiheit,  welche  die  bearbei- 
tung  der  „Italienischen  reise"  auch  sonst  zeigt,  das  brüten  über  den 
plan  des  gedichtes  um  fünf  tage  zu  verschieben  und  es  mit  der  anwe- 
senheit  des  priesters  und  der  nähe  Roms  in  Verbindung  zu  bringen. 
So  heisst  es  denn  jezt:  „Dem  mittelpunkte  des  katholicismus  sich 
nähernd,  von  katholiken  umgeben,  mit  einem  priester  in  eine  sedie  ein- 
gespart", habe  er  lebhaft  empfunden,  welch   ein  barockes   heidentum 


298  OÜNTZEB 

heute  auf  den  gemütlichen  anfangen  des  Christentums  laste.  Da  sei 
ihm  denn  der  ewige  Jude  wider  eingefallen,  der  einen  so  wunderlichen 
zustand  erlebte,  dass  Christus  selbst,  als  er  zurückkomme,  in  gefahr 
gerate,  zum  zweiten  mal  gekreuzigt  zu  werden.  „Jene  legende:  Venio 
iterum  crucifigi,  solte  mir  bei  dieser  katastrophe  zum  stoff  dienen", 
schliesst  er  etwas  seltsam.  Nur  in  sehr  entfernter  weise  hätte  dieses 
wort  des  heilandes  an  Petrus,  der  durch  die  flucht  sich  der  Verfolgung 
wegen  seiner  lehre  entziehen  wolte,  hier  anwendung  finden  können, 
wie  ich  dies  schon  früher  bemerkt  habe.  Auch  HofBnann  erkent  das; 
aber  er  hilft  sich  mit  der  leeren  Vermutung,  Goethe  habe  von  der 
legende  nur  jene  werte  gekaut,  „in  der  bedeutung,  wie  er  sie  selbst 
verwenden  wilP.  Aber  nicht  von  jenen  werten  ist  die  rede,  sondern 
von  der  legende,  die  durch  das  Stichwort  kurz  bezeichnet  wird.  Noch 
schlimmer  als  diese  misdeutung  ist  es,  wenn  HofEmann  nicht  weiss, 
dass  Goethe  sich  auch  noch  in  Rom  mit  der  sage  beschäftigte,  ^hmidt 
hat  (Schriften  der  Goethegeselschaft  11,  396)  aus  einem  römischen 
notizhefte  die  werte  mitgeteilt:  „Ewger  J(ude).  P(ius)  VI.  Schönster 
der  menschenkinder  [als  solcher  erscheint  Christus  immer].  Neid.  Will 
ihn  einsperren,  ihn  nicht  weglassen,  wie  ihn  [den  papst]  der  kaiser  [wäh- 
rend der  anwesenheit  de  spapstes  in  Wien,  wie  die  sage  gieng].  |  Staats- 
gef(angen)  im  Vatikan  behalten.  |  al  Gesu  [kloster  in  Rom].  Jesuitentross. 
Lob  des  ungerechten  haushalters."  Das  dürfte  denn  doch  Hoflmanns  an- 
sieht zuwiderlaufen,  in  Italien  habe  Goethe  „ein  strenges  und  keusches 
kunstwerk"  in  seinem  „Ewigen  Juden"  beabsichtigt  Auch  Schmidt 
denkt,  „ein  neues  stilvolleres  gedieht"  habe  die  bruchstücke  in  knittel- 
telversen  verdrängen  sollen.  Goethe  bedachte  damals  wol  nur  den 
abschluss  der  Wanderung  durch  das  erscheinen  des  heilands,  ohne  ernst- 
liche absieht,  das  gedieht  neu  auszuführen.  HofEmann  bezieht  sich 
auch  auf  das  nach  Riemer  im  jähre  1808  von  Goethe  beabsichtigte 
gedieht  „Maran  Atha  oder  der  herr  komt".  Ganz  unbekant  scheint  es 
ihm  dabei  geblieben  zu  sein,  dass  eine  schrift  Herders  von  1779,  wel- 
che dieser  selbst  für  sein  meisterstück  erklärte,  den  titel  „Maran  Atha. 
Das  buch  von  der  Zukunft  des  herm"  führte.  In  dieser  neuen  bear- 
beitung  der  „Offenbarung",  die  Goethe  mit  anteil  las,  behauptete  Her- 
der, die  „Offenbarung",  an  deren  abfassung  durch  Johannes  er  festhielt, 
enthalte  das  wesen  des  Christentums  und  der  Weltgeschichte  und  beruhe 
auf  dem  gedanken,  nur  auf  den  trümmem  eines  so  verfallenen  reiches 
könne  das  wahre  reich  gottes  erscheinen.  Goethe  scheint  eine  dich- 
terische darstellung  dieser  widerkunft  des  herm  augenblicklich  im  sinne 
gehabt  zu  haben,  wobei  wol  an  sein  zusammentreffen  mit  dem  ewigen 


60BTHSS  EWie£B  JUDE  299 

Juden,  das  nicht  notwendig  zu  dieser  gehört,  kaum  gedacht  war. 
Vielleicht  war  er  dazu  gekommen  durch  von  Sonnenbergs  Überspantes 
gedieht  „Donatoa  oder  das  weitende",  das  nach  dessen  tode  von  Gru- 
ber herausgegeben  worden  war.  Goethe  schenkte  dasselbe  weümachten 
1806  der  frau  von  Stein. 

Ganz  unbegreiflich  ist  es,  wie  Hoflfmann  aus  einem  gedichte,  das, 
wie  der  anfang  auf  das  unzweideutigste  dartut,  der  ausfluss  übermütig- 
ster laune  und  überschäumender  schaffiingskraft  ist,  die  bitterste  Ver- 
zweiflung an  Gott  und  weit  und  die  furchtbarste  Zerrissenheit  heraus- 
lesen konte.  In  kräftigstem  tone  hören  wir  den  launigen  sänger  ver- 
künden, sein  dichterischer  drang  lasse  ihn  nicht  ruhen,  es  treibe  ihn 
nachts  aus  dem  bette,  um  einen  reisenden  mann  zu  singen,  der  unzäh- 
lige wunder  gesehen,  die  noch  immer  „in  unserm  unbegrifFenen  gotte 
in  einem  punkte  (augenblicklich)  geschehen",  während  man  die  zeit 
der  sogenanten  eigentlichen  wunder  gewöhnlich  für  längst  abgeschlos- 
sen erklärte,  was  er  als  kindische  gotteslästerung  abweist  („trutz  der 
lästrer  kinderspotte ").  Kann  er  auch  nur  in  kunstlosen  knittelversen 
sich  aussprechen,  so  fühlt  er  sich  doch  dazu  gedrungen,  er  erkent  es 
als  seine  pflicht;  und  die  lieben  leser,  fügt  er  launig  hinzu,  lassen  sich 
so  viel  gefallen,  dass  sie  auch  das,  was  der  geist  ihm  eingibt,  in  sei- 
nem kauderwelsch  freundlich  aufnehmen  werden.  Und  mit  welcher 
lachenden  laune  beschreibt  er,  wie  er  zum  ersten  besten  kiel  greift, 
um  seine  gedanken  aufs  papier  zu  bringen,  wobei  der  lustige  vergleich 
mit  den  auf  einem  besenstiele  reitenden  hexen  leise  angedeutet  ist! 
Bei  dem  dränge,  das  innerlich  geschaute  niederzuschreiben,  erinnert 
man  sich  der  ausgeführten  Schilderung  am  anfange  des  sechzehnten 
buches  von  „Wahrheit  und  dichtung",  wo  er  bemerkt,  er  habe  oft  lust 
gehabt,  wie  Petrarca,  sich  ein  lederwams  machen  zu  lassen,  und  sich 
zu  gewöhnen,  darauf  auch  bei  finsterer  nacht  zu  schreiben.  Schon  im 
fünfzehnten  buche,  und  zwar  gleich  nach  den  andeutungen  über  den 
„Ewigen  Juden",  hatte  er  seines  produktiven  talents  gedacht,  das  ihn 
seit  einigen  jähren  keinen  augenblick  verlassen  habe;  ja  er  bringt  dort 
die  betrachtung  desselben  mit  seinem  „Prometheus"  in  Verbindung. 
Dieselbe  heiter  alles  beleuchtende  übermütige  laune,  wie  im  eingange, 
herscht  in  der  Schilderung  des  schusters  im  heiligen  lande  Judäa,  wo- 
hin er  das  separatistengetriebe  seiner  lieben,  konventikelreichen  Vater- 
stadt Prankfurt  verlegt;  und  schon  hier  bricht  seine  leidige  Überzeugung 
durch,  dass  das  Christentum  durch  die  priester  greulich  verunstaltet, 
die  geistliche  leitung  zu  einem  seinen  mann  nährenden  handwerk 
erniedrigt  worden   sei;   der  lieben   eitelkeit   der  Separatisten  wird  ein 


300  DÜNTZXB 

guter  teil  ihres  frommen  treibens  zugewiesen.  Wenn  irgendwo  guter 
humor  die  leicht  fliessende  darstellung  belebt,  so  in  diesen  72  versen 
der  einleitung,  dieses  neckischen  epischen  proömiums.  Aber  von  hier 
macht  der  dichter,  wie  schon  früher  bemerkt,  einen  gewaltigen  sprung 
über  dreitausend  jähre.  Die  zwischenliegenden  bruchstücke  hat  HofF- 
mann  mit  grosser  kühnheit  auf  bestimte  zeiten  der  kirchengeschichte 
bezogen,  wobei  er  von  der  Voraussetzung  ausgeht,  sie  stünden  in  der 
handschrift  in  derselben  folge,  in  welcher  sie  Riemer  hat  drucken  lassen. 
Da  die  Weimarer  ausgäbe  den  „Ewigen  Juden"  noch  nicht  gebracht,  wis- 
sen wir  dies  ebenso  wenig,  wie  ob  noch  andere  bruchstücke  vorhanden. 
Höchst  wahrscheinlich  finden  sich  die  bruchstücke  in  dieser  folge  nicht 
in  der  handschrift,  sondern  die  Ordnung  ward  von  Riemer  nach  dem 
inhalt  bestimt;  so  bruchstück  7  und  8  unmittelbar  vor  die  widerkunft 
des  herrn  (9  und  10)  gesezt,  weil  sie  diesen  vorhergehend  gedacht 
werden  müssen.  Ich  gehe  hier  auf  die  deutungen  von  Hoffmann 
nicht  näher  ein.  Am  wunderlichsten  ist  die  beziehung  der  verse:  „Es 
waren,  die  den  vater  auch  gekant.  Wo  sind  sie  denn?  Eh,  man 
hat  sie  verbrant"  auf  den  späten  antitrinitarier  Servet,  während  der 
köstliche  spott  nur  darauf  geht,  dass  man  sich  der  gegner  der  drei- 
einigkeitslehre  durch  hinrichtung  entledigt  habe;  wobei  Goethe  wahr- 
scheinlich noch  gar  nicht  an  die  stelle  dachte,  wo  er  dies  bon  mot 
anbringen  wolte.  Kühne,  aber  unglückliche  griffe  sind  die  deutung 
von  2  und  6  auf  Nero  und  Jung  Stilling.  Was  Goethe  sehr  spät  von 
einem  besuche  des  ewigen  Juden  bei  Spinoza"  im  anfange  des  sechzehn- 
ten buches  von  „Wahrheit  und  dichtung"  sagt,  bezieht  Hofi&nann  auf 
die  älteste  zeit;  es  sei  mit  den  übrigen  bruchstücken  wenigstens  im 
geist  schon  erschaffen  worden.  Diese  stelle  war  frühestens  im  frühjahr 
1813  geschrieben,  wahrscheinlich  aber  ist  sie  ein  späterer  zusatz.  Wenig- 
stens wird  der  Zusammenhang  eher  gefördert  als  gestört,  wenn  man 
sich  dort  die  werte  „Was  ich  mir  aber  aus  ihm  zugeeignet"  bis  „aus 
dem  sinne  schlug"  sich  wegdenkt 

Wie  sich  der  „Ewige  Jude"  zeitlich  zu  den  übrigen  bedeutenden 
Schöpfungen  Goethes  in  den  drei  jähren  seines  titanismus  verhalte, 
daran  hat  Hoffmann  nicht  gedacht.  Besonders  in  betracht  kommen  die 
dichtungen,  in  welchen,  wie  im  „Ewigen  Juden",  eine  altüberlieferte  ^ 
sage  frei,  ja  dem  ursprünglichen  sinne  zuwiderlaufend  umgestaltet  wurde, 
sein  „Prometheus"  und  „Faust".  Von  dem  ersten  wissen  wir  jöst, 
dass  er  dem  jähre  1774  angehört,  wie  auch  „Satiros";  der  andere  wurde 
im  September  1774  begonnen  und  wol  bis  zum  december  fortgesezt;  in 
die  ersten  monate  von  1775  fallen  die  Singspiele  und  „Stella".    Nun 


601THBS  BWIQER  JUDE  301 

fragt  sich:  sollen  wir  den  „Ewigen  Juden"  vor  oder  nach  dem  „Faust*' 
setzen?  Da  wir  Hofifmanns  Verzweiflungsstimmung  abgetan  haben,  kön- 
ten  wir  firagen:  wann  dürfen  wir  eine  solche  übermütige  laune  und 
solchen  glühenden  Schaffensdrang  bei  Goethe  annehmen,  wie  ihn  die 
bruchstücke  zeigen,  vor  „Faust"  oder  in  den  unruhig  bewegten  ersten 
monaten  von  1775?  Gerade  nach  der  bekantschaft  mit  Lavater,  Jacobi 
und  Basedow,  als  er  und  Jacobi  sich  gegenseitig  zu  lebendigem  schaf- 
fen aufmunterten,  noch  ehe  die  sorge  über  die  aufnähme  seines  „Wer- 
ther"  von  Seiten  Lettens  und  Kestners  ihn  beunruhigte,  beglückte  ihn 
eine  solche  Stimmung,  wie  die  briefe  an  Jacobi  zeigen.  Schon  an  sich 
möchte  es  wahrscheinlicher  sein,  dass  Goethe  vom  „Ewigen  Juden"  zu 
dem  ihm  tiefer  am  herzen  liegenden  „Faust"  übersprang,  als  dass  er  den 
umgekehrten  weg  gegangen  sein  solte.  Doch  weiss  ich  wol,  dass 
dies  noch  immer  nichts  beweist. 

Zulezt  gedenken  wir  Goethes  eigener  äusserungen  über  unser 
gedieht  in  seiner  späten  lebensbeschreibung.  Es  hat  sich  immer  mehr 
herausgestelt,  dass  Goethe  über  die  entstehungszeit  seiner  ältesten  dich- 
tungen  nichts  bestimtes  wüste,  auch  in  spätem  jähren  sich  nicht  mehr 
völlig  in  den  geist  zu  versetzen  wüste,  der  ihm  diese  eingegeben  hatte. 
Ebenso  klar  liegt  vor,  dass  die  stellen,  wo  er  in  „Wahrheit  und  dich- 
tung"  seiner  einzelnen  werke  gedenkt,  meist  durch  die  bequemlichkeit 
bestimt  wurden,  sie  mit  der  darstell ung  seines  lebens  in  Verbindung 
zu  bringen.  „Götz"  und  „Faust"  werden  mehrfach  erwähnt,  wo  von 
seinen  ältesten  arbeiten  die  rede  ist;  aber  zur  zeit,  wo  sie  wirklich 
begonnen  wurden,  geschieht  ihrer  keine  er  wähnung.  Wenn  es  im 
firühjahr  1771,  zur  zeit  seiner  ersten  bekantschaft  mit  Merck,  heisst, 
„Faust"  sei  schon  fortgerückt  gewesen,  „Götz"  habe  sich  in  seinem 
geiste  ausgebaut,  so  ist  beides  unwahr:  „Götz"  war  im  ersten  entwurf 
vollendet,  „Faust"  noch  nicht  begonnen.  Die  dichtung  von  „Wer- 
thers leiden"  wird  unmittelbar  nach  Jerusalems  tod  gesezt,  mehr  als 
ein  jähr  zu  früh,  weil  es  sich  so  am  leichtesten  machte.  So  geschah 
es  denn  auch  mit  dem  „Ewigen  Juden",  dessen  Goethe  auf  veranlassung 
seines  Verhältnisses  zur  brüdergemeinde  gedenkt,  auf  das  ihn  der  tod 
der  frommen  Klettenberg  führte.  Er  erzählt,  wie  er  plötzlich  gefun- 
den, welche  kluft  seine  ansieht  von  der  der  brüder  scheide,  wie  er  in 
folge  seiner  trennung  von  ihnen  sich  ein  eigenes  Christentum  gebildet, 
es  auch  durch  sein  frommes  vertiefen  in  die  kirchengeschichte  zu 
begründen  gesucht  Da  habe  er  denn,  weil  alles,  was  er  mit  liebe  in 
sich  aufgenommen,  „sich  sogleich  zu  einer  dichterischen  form  angelegt", 
den  wunderlichen  einfall  ergriffen,   am  leitfaden  der  sage  vom  ewigen 


302  DÜNTZEB 

Juden  ^die  hervorstehenden  punkte  der  religions-  und  kirchengeschichte 
nach  befinden  darzustellen".  Zeitlich  schwebt  hier  die  trennung  von 
der  brüdergemeinde  nebst  der  dichtung  des  ^Ewigen  Juden"  ganz  in 
der  luft;  aber  Hoffmann  versezt  jene  trennung  in  das  jähr  1774,  was 
nicht  allein  unserer  jetzigen  keiitnis,  sondern  auch  der  von  Goethe 
angegebenen  Ursache  widerspricht,  welche  die  Vollendung  des  gedieh ts 
gehindert  habe.  Dieses,  hören  wir,  sei  desto  eher  liegen  geblieben,  als 
sich  eine  epoche  entwickelte,  die  schon,  als  er  den  „Werther"  schrieb, 
und  nachher  dessen  Wirkung  sah,  notwendig  anspinnen  muste.  Unmit- 
telbar darauf  gedenkt  er  seines  „Prometheus",  der  bekantlich  1773 
gedichtet  wurde;  dass  Goethe  „Werther"  irrig  ins  jähr  1772  verlegte, 
ward  schon  erwähnt.  Nach  dieser  darstellung  würden  also  der  „Ewige 
Jude"  und  die  trennung  von  der  brüdergemeinde  spätestens  1772  fal- 
len; aber  eine  feste  Zeitbestimmung  wolte  und  konte  Goethe  gar  nicht 
geben.  Ihm  war  es  nur  um  eine  einleitung  zu  seiner  mitteilung  über 
die  entstehung  des  „Ewigen  Juden"  zu  tun,  die  er  an  den  tod  der 
Klettenberg  anknüpfen  wolte.  Was  er  hier  vom  Studium  der  kirchen- 
geschichte sagt,  gehört  mehrere  jähre  früher;  schon  ehe  er  nach  Strass- 
burg  gieng,  hatte  er  sich  in  Arnolds  „Kirchen-  und  ketzergeschichte" 
versenkt,  wie  das  achte  buch  von  „Wahrheit  und  dichtung"  ausführ- 
lich berichtet.  Das,  was  er  im  fünfzehnten  buche  vom  plane  seiner 
dichtung  erzählt,  beruht  ganz  auf  der  Vorstellung,  die  er  sich  im  jähre 
1813  davon  bildete,  ist  eine  so  freie  ausführung,  wie  die  der  „italieni- 
schen reise"  eingefügten  plane  der  „Iphigenie  in  Delphi"  und  der 
„Nausikaa",  was  sich  daraus  ergibt,  dass  die  hier  gegebene  schüderung 
des  „Ewigen  Juden"  durchaus  abweicht  von  der  im  ersten  bruchstücke, 
wie  Hoffmann  selbst  bemerkt  hat.  Das,  was  er  von  Simon  von  Kyrene, 
dem  tuche  der  Veronika  und  dem  fluche  des  heilands  erwähnt,  nahm 
er  aus  erneuter  lesung  des  Volksbuches.  Hoffmann  war  nicht  berech- 
tigt, diese  im  gedieht  nicht  hervortretende  kentnis  schon  der  zeit  der 
dichtung  selbst  zuzuschieben  und  daraus  Schlüsse  zu  ziehen.  Kann 
somit  das  fünfzehnte  buch  von  „Wahrheit  und  dichtung"  nicht  als  zu- 
verlässiger zeuge  gelten,  so  bedeutet  noch  viel  weniger  der  summa- 
rische überblick  seiner  „in  die  tiefere  menschheit  greifenden"  dichtung 
der  jähre  1769  bis  1775  in  den  viel  spätem  „Tag-  und  Jahresheften". 
Euer  lesen  wir:  „Es  entsteht  ein  leidenschaftlicher  Widerwille  gegen  mis- 
leitende,  beschränkte  theorien;  man  widersezt  sich  dem  anpreisen  fal- 
scher muster.  Alles  dieses  und  was  daraus  folgt,  war  tief  und  wahr 
empfunden,  oft  aber  einseitig  und  ungerecht  ausgesprochen".  In  die- 
^m  sinne  seien   „Faust",   die    „Puppenspiele"    und    der    „Prolog  zu 


\ 


OOETHES  BWIQEK  JUDE  303 

Bahrdt"  zu  beurteilen.  Die  bruchstücke  des  „Ewigen  Juden"  und  von 
„Hanswursts  hochzeit"  habe  er  in  der  ausgäbe  lezter  band  nicht  mit- 
teilen dürfen;  mehreres  dieser  frechen  art  sei  verloren  gegangen,  nur 
die  ferce  auf  Wieland  erhalten.  Dass  er  unter  „frech"  nur  die  über- 
mütige laune  versteht,  bedürfte  keiner  bemerkung,  hätte  nicht  Hofif- 
mann  aus  dieser  stelle,  die  der  bruchstücke  des  „Ewigen  Juden"  nur  als 
in  diese  freiere  richtung  schlagend  gedenkt,  das  ergebnis  gezogen,  es  werde 
deren  innerer  anlass  als  „leidenschaftlicher  Widerwille",  die  haltung 
des  ganzen  als  „frei"  bezeichnet  Aber  keiner  dieser  ausdrücke  bezieht 
sich  insbesondere  auf  die  bruchstücke,  die  Goethe  damals  noch  weni- 
ger näher  angesehen  haben  wird  als  im  jähre  1813;  denn  gerade  die 
ersten  abschnitte  der  „Tag-  und  jahreshefte"  sind  am  allerspätesten 
rasch  entworfen,  als  die  ausführlichen  berichte  seit  der  mitte  der  neun- 
ziger jähre  längst  vollendet  waren.  Uns  liegen  jezt  die  bruchstücke 
der  dichtung  vor;  an  sie  müssen  wir  uns  halten.  Aus  ihnen  ergibt 
sich  ein  viel  anderes,  wenn  auch  dem  umfange  nach  beschränkteres 
bild  als  Hoffmanns  völlig  verzertes,  zu  dessen  aufstellung  „ein  grosser 
aufwand  schmählich  ist  vertan."  Wir  durften  nicht  gestatten,  dass  ein 
solches  wind  ei,  wie  es  wol  geschieht,  als  eine  leistung  verehrt  werde, 
sondern  musten  warnend  zeigen,  wie  es  damit  steht. 

KÖLN.  H.    DÜNTZER. 


DAS  NEUHOCHDEUTSCHE  PEONOMEN. 

EIN  BEITRAG  ZUR  DEUTSCHEN  GRAMMATIK. 

In  den  lezten  fünfzehn  jähren  ist  für  erforschung  der  gesetze,  die 
in  dem  werdeprozess  der  neuhochdeutschen  spräche  walten ,  anerkennens- 
wertes und  gehaltvolles  geleistet  worden.  Ebenso  hat  das  Studium  der 
lebenden  mundarten  an  umfang  und  tiefe  gewonnen;  es  ist  ferner  die 
monographische  behandlung  des  Sprachgebrauchs  einzelner  schriftsteiler, 
wie  Luthers,  mehr  und  mehr  zu  ihrem  rechte  gekommen.  Dagegen 
hat  die  darstellung  des  stufenweise  fortschreitenden  ganges  der  neuhoch- 
deutschen Schriftsprache  in  der  historisch  -  objectiven  weise  Jacob 
Grimms  verhältnismässig  geringere  beachtung  gefunden.  Wol  sind 
auf  dem  gebiete  der  lautlehre  und  syntax  zwei  bedeutende  werke 
erwachsen:  „Grundlagen  des  neuhochdeutschen  lautsystems"  von  Karl 
von  Bah  der  und  Oskar  Erdmanns  alle  Zeitabschnitte  der  hoch- 
deutschen  spräche,    mithin    auch    den    neuhochdeutschen,    umfassende 


304  JEITTELSS 

„Grundzüge  der  deutschen  syntax",  teil  I.  Allein  die  neuhochdeutsche 
formenlebre  ist  seit  K.  A.  Hahns  „Neuhochdeutscher  grammatik/ 
Abt.  I.  (Frankf.  a/M.  1849)  und  Jos.  Kehreins  Grammatik  der  deut- 
schen spräche  des  fünfzehnten  bis  siebenzehnten  Jahrhunderts*'  (Leip- 
zig 1854 — 56.  3  teile)  nach  der  angedeuteten  richtung  kaum  um  einen 
schritt  weiter  geführt  worden.  Das  buch  von  Hahn,  das  sich  selber 
nur  einen  „versuch"  nent  (vorrede  s.  X),  kann,  so  verdienstlich  es  für 
seine  zeit  war,  schon  darum  nicht  genügen,  weil  es  nur  auf  einem 
sehr  bescheidenen,  gröstenteils  aus  W.  Wackemagels  Deutschem  lese- 
buch  entnommenen  apparate  von  belegen  beruhte.  Was  aber  das  werk 
von  Kehrein  anlangt,  so  ist  es,  abgesehen  von  seiner  beschränkung 
auf  das  15. — 17.  Jahrhundert,  wenigstens  in  dem  teile,  der  die  formen- 
lebre enthält,  nicht  viel  mehr  als  eine  zwar  reichhaltige,  jedoch  kei- 
neswegs lichtvolle,  den  verrat  des  sprachlichen  materiales  möglichst 
erschöpfende  beispielsamlung  und  lässt  die  wissenschaftliche  Verarbei- 
tung des  aufgehäuften  stofies  nur  zu  sehr  vermissen.  Eine  neue 
behandlung  der  formenlebre  in  dem  ausgesprochenen  sinne  erscheint 
daher  nichts  weniger  als  überflüssig. 

Die  nachfolgenden  blätter  setzen  sich  nun  die  aufgäbe,  die  ent- 
wicklung  des  deutschen  pronomens  seit  der  zweiten  hälfte  des  15.  Jahr- 
hunderts auf  grund  von  reichlichen  quellenbelegen  aus  dem  bezüglichen 
litteraturschatze  in  übersichtlichem  zusammenhange  darzulegen. 

Als  quellenwerke  habe  ich  benüzt*:  die  Schriften  von  Seb.  Brant,  Thom.  Mur- 
ner, G.  Rollenhagen,  Burkh.  AValdis,  Fischart,  Luther  (Dichtungen  =  Luther 
D.),  Opitz,  Fleming,  P.  Gerhardt,  Sim.Dach,  Spee,  J.Rist,  Andr.Gryphius, 
Logau,  Grimmeishausen  (SimpL),  G.  R.  Weckherlin,  Günther  nach  den 
unter  dem  titel  „Deutsche  dichter  des  sechzehnten  Jahrhunderts*  (Lpz.  1867 — 83. 
18  bde.)  und  „Deutsche  dichter  des  siebzehnten  Jahrhunderts*'  (Lpz.  1869 — 83. 
15  bde.)  von  Karl  Goedeke  und  Jul.  Tittmann  besorgten  ausgaben;  "Wickrams 
Rollwagenbüchlein,  Fischarts  dichtungen  (Fisch.  Kurz)  nach  der  „Deutschen 
bibliothek",  herausgegeben  von  H.  Kurz;  "Witten weilers  Ring,  Niclas 
V.  Wyles  Translationen,  Paulis  Schimpf  und  ernst,  Steinhöwels  Aesop  nach  den 
ausgaben  in  der  „Bibliothek  des  litterar.  Vereins  in  Stuttgart  (bd.  23.  57.  85. 
117);  Murners  Schelmenzunft  (Murn.  Schelm.),  Fischarts  Geschichtklitterung 
(Fisch.  Garg.),  Krügers  Hans  Ciawerts  historien,  Sandrubs  Delitiae,  Schupps 
Fi-eund  in  der  not,  Chr.  Weises  Erznarren,  Reuters  Schelmufifeky  (1.  fassung) 
nach  den  „Neudrucken  deutscher  litteraturwerke  des  XVL  und  XVIL 
Jahrhunderts«  (Halle  1878  fgg.  nr.9— 14.  33.  59.  65  —  71.  85).  —  Ferner:  Eyb, 
Albrecht  von,  Ob  einem  manne  sey  zunemen  ein  eelich  weyb  oder  nit  (In:  Schrif- 
ten zur  german.  philologie.  Herausgegeben  von  Max  Roediger.  Heft  IT.  BerL  1890).  — 
Eyb,  A.  V.,  dasselbe,  nach  der  Nürnberger  ausgäbe  von  Fritz  Creußner  1472  (Eyb, 

1)  Die  von  mir  gebrauchten  abkünnngen  füge  ich  dort,  wo  sie  nicht  ohnehin  leicht  eAeab&x 
sind ,  in  klammem  hinzu. 


NHD.   PEONOMKN  305 

(Creußner).—  Geiler  von  Keisorsberg,  J.,  Predigten.  Augsburg  1508. 4.  (Keis.)  — 
Geiler  von  Keisorsberg,  J.,  Schilf  der  penitontz.  Augsb.  1514.  4.  Keis.  Pen.) 
—  Geiler  von  Keisorsberg,  J.,  Die  ältesten  Schriften.  Herausg.  von  L.  Dacheux. 
Freiburg  1882.  (Keis.  D.)  —  Luther,  Martin.,  Von  den  guotten  wercken.  s.  1. 
1521.  U.  4.  (Luth.  GW.)  —  Luther,  M.,  Vom  abendmal  Christi.  Wittemberg 
1528.  kl.  4.  (Luth.  Abendm.)  —  Luther,  M.,  Wider  den  falsch  genanten 
stand  des  ßapsts  vnd  der  BischÖffen.  s.  1.  &  a.  kl.  4.  (Luth.  Bapst.)  —  Franck 
von  Word,  Sebastian,  Spi-üchworter  gemeiner  Tütscher  nation.  Zürich,  Froschauer 
(1.545).  kl.  8.  (Franck  Spr.)  —  Franck  v.  W.,  Seb.,  Paradoxa  ducenta  octo- 
ginta  ...  8.  1.  1542.  kl.  4.  (Franck  Par.)  —  Franck  v.  W.,  Seb.,  Von  dem 
grewlichen  laster  der  trunckonheit.  s.  1.  1533.  kl.  4.  (Franck  Trunk.)  —  Agri- 
cola,  Johann,  Drey  hundert  Gemeyner  Sprichwörttor.  s.  1.  1529.  2tle.  8.  (Agric.)  — 
Zinkgref,  J.  W.,  Der  Teutschen  scharpfsinnigo  kluge  Spruch.  Straßb.  1G26  — 31. 
2  tle.  8.  (Zinkgr.)  —  Bodmer,  J.  J.,  Vier  kritische  gedichte  in:  „Deutsche 
litteraturwerko  des  18.  Jahrhunderts.  ITgg.  von  B.  Seuffert".  Nr.  12.  Stuttg. 
1883.  —  Hallo r,  Albrecht  v.,  Vei*such  schweizerischer  gedichte.  10.  aufl.  Göttin- 
gen 17G8.  —  Klopstock,  F.  G.,  Oden.  Hamburg  1771.  —  Lossing,  G.  E.,  Sämt- 
liche Schriften.  Hgg.  von  K.  Lachmann.  3.  aufl.  besorgt  von  Fmnz  Muncker.  Leip- 
zig 1886  fgg.  —  Bürger,  G.  A.,  Godichte.  Göttingen  1778.  —  Liscov,  Ch.  L.,  lx)b 
der  schlechten  Schriftsteller.  Hannover  1794.  —  Goethe,  J.  W.,  Sämtliche  werke. 
Mit  einleitungen  von  Kaii  Goedeko.  Stuttg.  1874.  15  bde.  (G.) —  Schiller,  Friedrich 
Sämtliche  werke.  Mit  einleitungen  von  Karl  Goedeke.  Stuttg.  1871.  4  bde.  (Seh.)  — 
Briefwechsel  des  grossherzogs  Karl  August  von  Sachsen -Weimar -Eisenach  mit 
Goethe  in  den  jähren  1775  bis  1828.  Weimar  1863.  2 bde.  (Brief w.  G.KAug.)  — 
Platen,  Aug.  v..  Gesammelte  werke.  Stuttg.  1853.  5  bde.  —  Alle  andern  von  mir 
beuüzten  werke  und  ausgaben,  werden  an  der  betreffenden  belegstelle  selbst  ersicht- 
lich gemacht.  —  [Vgl.  auch  Gortzitza,  gymn.-progr.  Lyck  1877.     0.  E.] 

1.    PcrsSnlichcs  nngcschlechtiges  pronomcn. 

Die  kürzeren  formen  des  gen.  sg.  meiuy  dein,  sein,  aus  denen 
die  heute  gebräuchlichen  meiner,  deiner,  seiner  hervorgiengen ,  sind 
nunmehr  vorzugsweise  auf  die  gebundene  rede  und  dichterische  prosa 
eingeschränkt.  Gottsched  hat  in  seiner  „Deutschen  sprachkunst"  (5.  aufl. 
1762)  schon  das  heutige  paradigma  der  längeren  formen;  auch  Schot- 
tel,  „Ausführl.  arbeit  von  der  teutschen  haubtsprache"  (1663)  stelt 
bereits  diese  den  einfachen  formen  voran. 

Beispiele  für  den  gebrauch  der  ursprünglichen  formen:  0,  scho- 
net mein  Seh.  (M.  Stuart)  2,  221.  Denkt  er  7ioch  mein?  ebd.  Ich 
denke  dein  G.  1,  33.  als  Juitt*  ich  sein  mich  überhoben  G.  (Tasso)  5, 
397.  Sie  erivehrte  sich  sein  G.  (Wortli.)  7,  59.  0  Selige,  die  sein 
geniest  Bürger  301.  er  muss  sich  mei?i  erwehren  Grillparzer,  Werke 
(Ott.)  4,  170.  Do7't  begcfpiete  der  Haler  zuerst  LaureUa,  die  ...,  ohne 
sein  XU  achten,  vorüberschritt  Heyse,  Novellen  (1.  samlg.  5.  aufl.)  111. 
In  quellen  des  15.  Jahrhunderts  war  dieser  gebrauch  noch  allein-  lier- 

ZEITSCHRIFT   F.    DEUTSCHE   PHILOLOOIK.       BD.    XXV.  20 


306  JEITTBLBS 

sehend,  obgleich  schon  bei  Suchenwirt,  mithin  ein  Jahrhundert  vor- 
her,  spuren  des  späteren  gebrauchs  zu  finden  sind;  s.  Koberstein,  über 
die  spräche  des  österr.  dichters  P.  Suchen wirt  (Naumbg.  1828 — 42)  IT,  63. 
Auch  im  16.  Jahrhundert  tauchen  die  neueren  formen  vorerst  mehr 
vereinzelt  auf  und  fehlen  in  manchen  schritten  noch  gänzlich.  Dage- 
gen sind  sie  im  17.  Jahrhundert  schon  stark  in  Verwendung. 

Beispiele:  ich  laß  mich  beduncken,  da^  dein  gemtäe  V7id  begire 
hie  gegeimmriig  sein  vnd  sein  noch  mit  meiyier  lieb  vmbgebe7iy  tvarten 
mein  V7id  ivollen  nit  an  mich  abscheiden  Eyb  58.  du  .  .  ,  ,  wollest 
7iit  vey^gcsseyi  mein  ebd.  92.  wann  ob  er  gleych  vil  mü  vnd  arbeit 
daraiiff  legt,  so  spotte?i  sy  seiri  villeicht  nur  darxu  Keis.  44'.  war- 
lieh  7na7i  wirt  dei7i  nit  tvayien  Keis.  Pen.  104'.  es  lacht  alle  weit 
vnd  sjyottet  sein  Pauli  39.  Der  sprach  gern,  V7id  ivas  7neiner  miTider 
ivert  ist,  das  teil  ich  dir  nach  geben  ebd.  207.  von  si7i  selbs  wegen 
Franck  Spr.  1,  158^  deTwk  ouch  di7i  selbs  da7'by  ebd.  2,  51'.  Ein 
yeder  ist  sin  selbs  groster  fynd  2,  44**.  von  sei7i  selbs  wegen  Franck 
Par.  76**.  wo  er  nit  sein  selbs  sorget  vnd  schonet  ebd.  78'.  Ja  diser 
mensch  ninipt  sich  seyii  selbs  7iit  a7i  144**.  Vergißmei7inicht  7  ergißt 
auch  seiner^  selbst  für  ihr  Flem.  63.  wen7i  man  sei7i  begehrt  ebd.  49. 
wo  seiner  wird  gedacht  72.  Beiner  woW  er  ivarten  nicht  88.  So 
gedenk'  ich  stetigs  deiner,  Daß  ich  auch  vergeße  mei7ur  180.  So 
darf  ich  deiner  doch  mit  Fh*euden  stets  gedenken  268.  Wer  sein  selbst 
Meister  ist  230.  Ich  achte  deiner  ?iicht  Opitz  14.  daß  ich  dich  jetzt 
grüße  Vnd  deiner,  tvie  ich  iiill,  .  .  .  genieße,  Das  macht  mein  bester 
Freund  ebd.  57  —  58.  Ei7i  Beigmann  aber  ka7i  so  ivenig  sein  ent- 
gelten^ Als  wenig  Ursach  ist,  der  seine  Reben  pflegt,  Daß  7tmn' 
eher  Mensch  sich  nur  auf  bloßes  Saufen  legt  84.  De?'  Fürst  der 
Seligkeit  hat  seiner  nicht  geachtet  216.  wann  doch  Jesu  .  .  .  ?ranw 
wirst  dich  7nei7i  erbarmen?  Spee  14.  Ich  seiner  oft  7nuß  lachen  ebd. 
157.  wann  deiner  ieh  ge^e7ike  175.  Wilstu,  daß  7nan  dich  bei  uns 
2vol  verehr'  und  deiner  denke  Logau  72.  Dieser  dankte,  daß  7fuin 
seiner  gleichwol  Mite  da  gedacht  ebd.  220.  Wer  sein  selbst  kan  füg- 
lich sein.  Geh'  kein'  andre  Pflichten  ein  254.  —  In  westdeutschen, 
vornehmlich  alemannischen  schritten  und  drucken  des  16.  Jahrhunderts, 
bei  Braut,  Fischart,  in  dem  Froschauerischen  drucke  von  Seb.  Francks 
Sprichwörtern  u.  dgl.,  stösst  man  zuweilen  auf  die  form  deinen  für 
dein,  deiner,  z.  b.  der  laßt  dir  im  kat  kein  7 echt  go7i,  soTider  spottet 
di7ien  Franck  Spr.  1,  66'— 66'*.     Vgl.  DWb.  IV./2,  1029. 

Über  den  gen.  pl.  unser,  euer  ist  zu  bemerken,  dass  daneben  die 
ungrammatischen  formen  U7iserer,  euei^er  vorkommen,  die  zu  verwerfen 


NHD.   PRONOMEN  307 

sinA  Sie  scheinen  erst  im  17.  Jahrhundert  entstanden  oder  wenig- 
stens in  Umlauf  gekommen  zu  sein.  In  der  zeit  Schillers  und  Goethes 
begegnen  sie  häufig  und  sind  auch  heutzutage  gar  nicht  selten.  Gott- 
sched (Kern  d.  deutsch,  sprachkunst,  6.  aufl.  1769)  sezt  die  form  eurer 
sogar  ins  paradigma.  Das  Deutsche  Wörterbuch  III,  191  (artikel  euei*) 
bemerkt:  „das  erste  beispiel  dieses  fehlers  bietet  mir  Opitz  dar".  Unab- 
hängig von  Grimm,  habe  auch  ich  trotz  fleissigster  nachsuchungeu  kein 
beispiel  zur  Verfügung,  das  vor  Opitz  fielet  Beispiele:  Wann  Bath 
und  That  erliegt,  wann  alles  ist  gethan,  Körnt  Oott  doch  in  das  Spiel 
und  nimt  sich  unsrer  an  Op.  218.  Nicht  aus  Verachtung  eurer  isis 
geschehn  Seh.  (Teil)  2,  537.  danii  bedarf  es  unserer  nicht  mehr  ebd. 
551.  Und  Eurer  —  wahrlich  hätf  ich  nicht  gefehlt  ebd.  542.  Und 
so  ist  der  Oliickliche  vollkommen  fertig,  das  Geschöpf  unsere?'  selbst 
G.  (Werth.)  7,  45.  Da>s  Wesen  der  Wesen  bedarf  utiserei^  nicht  0er- 
vinus,  Gesch.  d.  d.  dichtung  IV*,  275.  Wei*  ist,  ihr  frühen  Urwelt- 
flächte.  Der  eurer  ohne  Schrecken  dächte  Schack,  F.  A.  v.,  Aus  zwei 
weiten  (Stuttg.  1887)  374. 

3.   PersSnIiches  geschlechttges  pronomen. 

Der  nom.  und  acc.  sg.  neutr.  von  er  erecheint  schon  in  Schriften  aus 
dem  ende  des  15.  Jahrhunderts,  z.  b.  in  jenen  Eybs  und  Wyles,  fast 
durchgehends  in  der  heutigen  form,  -die  ui*sprünglich  dem  gen.  sg. 
masc.  und  neutr.  angehörte.  Hinwider  ist  dieser  alte  genetiv  bis  auf 
einzelne  spuren  in  gewissen  redensarten,  wie  „es  zufrieden  sein*',  „es 
kein  hehl  haben",  „es  dank  wissen"  u.  dgl.,  geschwunden,  in  denen 
er  ungefühlt  fortlebt  Ich  gebe  dafür  beispiele  aus  älterer  und  neuerer 
zeit.  Denn  sol  ein  erbars  khtd  heutfe  oder  morgen  zum  reghnent 
gebrauchet  tverden,  so  ist  es  not,  das  es  n'Ier  leutle  wesen,  rede  .  .  . 
gesehen  habe  Agric.  1,  59'.  ihr  habt  es  freien  Fug  Flem.  238.  der 
Alte  war  es  wohl  zu  frieden  Weise  104.  wenn  ichs  xu  frieden  wäre 
Schelm.  41.  Er  hat  es  nimmermehr  Gewin  f  Bürger  84.  die  berühm- 
testen Buchfiihrer  haben  es  darum  kein  Hehl  Lisc.  111.  so  sind  Alle, 
nur  wollen  sie  es  nicht  Wort  haben  G.  (W.  Meister)  7,  245.  ich  bin 
es  la?ige  iiberxeugt  G.  Forster,  Werke  9,  79.  Aber  Anton  war  es  wohl 
xufrieden,  daß  jet\t  die  Tochter  mit  dem  Vater  fuhr  Gust.  Freytag, 
Werke  5,  68.     Vgl.  DWb.  III,  1126  fgg. 

1)  Doch  verzeichnet  Kehreiu,  Grammatik  der  deutsch,  spräche  des  15.  — 17. 
jahrh.  I,  211  schon  aus  Joh.  Dietenbergers  ^katholischer  BiboU''  (Cöln  1571)  die  form 
etterer,  —  [Bei  Gortzitza  s.  66  fg.  kein  älterer  beleg.    0.  E.] 

20* 


308  JEITTELES 

Für  den  gen.  sg.  sehiy  seiner  trift  man  in  alemannischen  Schrif- 
ten und  druckwerken  des  16.  Jahrhunderts  auch  bisweilen  die  form 
seine7i,  z.  b.  Nu7i  was  eiyi  guter  fremid,  ein  Burger,  bey  jni,  so  sei- 
nen  wartet  Wickr.  163,  4.  War  den  tüfel  ein  mal  xehuß  geladen, 
kan  sineii  niernernier  abkommen  Franck  Spr.  1,  98*.  Ilettest  du  sinefi 
ee  gedacht,  so  wäre  er  ee  kommen  ebd.  1,  164'.  Das  ist,  sy  fraget 
keinen,  wie  er  das  sin  hab  an  worden,  ob  er  sinen  vrirdig  sye  ebd.  2, 122'. 

Der  gen.  sg.  fem.  und  ^q\\,  pl.  lautet  in  schritten  des  15.  Jahr- 
hunderts noch  algemein  und  in  jenen  des  16.  Jahrhunderts  noch  sehr 
häufig  ir,  z.  b.  wie  wol  vil  fürsten  U7id  herren  yr  (Sigismunda)  beger- 
ten  7iu  der  ee  Eyb  (Creußner)  59^  Maiina  .  .  .  ließ  sich  ir  keinen 
nit  sehen  ebd.  7P.  Es  wirt  jr  kaitier  sündigen  Luth.  GW.  A4'. 
Es  begegnet  eim  esel  imd  louwen  .  .  .  ein  huff  wotff:  als  jr  der  esel 
von  verrem  waiiiam,  fieng  er  an  was  er  mocht  ze  rüchlen  Franck 
Spr.  2,  127^.  darmnb  solt  er  sich  ir  nit  mer  annemen  Keis.  75'.  ir 
/i'^/^ey  Wald.  2,  293.  ir  eyner  Mum.  Schelm.  21.  Dagegen:  Vor  Oott 
per  selbs  groster  Imi^  vor  der  weit  jrer  selbs  groster  schad  Franck 
Spr.  1,  172''.  Und  wenn  ihrer  auch  fünfxig  wer.  Erlöset  mich  nur 
von  der  schlangen  Roll.  1,  162,  54.  Das  auch  darüber  viel  verderben^ 
Ihrer  etlich  im  gfengniß  sterben  ebd.  1,  232,  389.  der  jhrer  viel  noch 
sind  beim  lehn  Krüger,  Ciawerts  bist.  4. 

Auch  im  17.  Jahrhundert  ist  die  ursprüngliche  form  noch  nicht 
ganz  erloschen,  obwol  ihrer  immer  ausschliesslichere  geltung  gewint 
Schon  Schottel  gibt  als  hauptform  im  paradigma  ihrer  an,  fügt  aber 
ihr  daneben  in  klammern  hinzu.  Bei  Gottsched  wird  bereits  die  län- 
gere form  ihrer  allein  angeführt.  Beispiele  für  beide  gebrauchsweisen: 
Kein  Schlaf,  der  sol  ihr  (gen.  sg.)  vergeßeij,  Flem.  179.  biß  du  jhr 
(sg.)  ivider  loß  werdest  Zinkgr.  1,  382.  Ich  muß  jhr  (pl.)  sclimien 
ebd.  1,  88.  Als  vmb  das  Jahr  1385  die  Juden  xu  Weissenfeid  in 
Meissen  eine  xusammenkunfft  hielten  vnd  jhrer  viel  .  .  .  dahin  kamen 
ebd.  1,  357.  jhrer  etliche,  die  nicht  schuldig  getvesen  Sandrub  88. 
Es  haben  ihrer  viel  . .  .  wol  großeii  Ruhm  verdient  um  ihren  Muih 
und  Streiten  Opitz  246.  indessen  wird  die  Welt  vergessen  ihrer  selbst 
ebd.  195.  Es  ritten  ihrer  xivei  nach  Rossen  Logau  43.  Es  stritten 
ihrer  xuei  ebd.  189.  Daß  eines  eijiem  andren  lebt,  i.st  keiyiem  ihrer 
nicht  erlaubt  ebd.  261.  ihrer  xehen  Rist  58.  ihre}*  viel  ebd.  156. 
ihrer  keinen  ebd.  186. 

Eine  seltnere  nebenform  von  ir  für  den  dat  sg.  fem.,  die  ich 
z.  b.  in  der  Creußnei-sclien  ausgäbe  von  Eybs  Ehebuch  (1472)  finde, 
ist  ire:  Der  man  hielt  ez,  für  vnmüglich  vnd  versprach  yre  das  also  24'. 


NHD.    PHONOMEN  309 

In  alemannischen  Schriften  und  drucken  des  15.  und  16.  Jahr- 
hunderts erscheint  bisweilen  für  gen.,  dat.  fem.  sg.  und  gen.  plur.,  ana- 
log mit  den  oben  besprochenen  formen  detwew,  seinen  iür  dein  (deinef^), 
sein  (seiner)  y  die  form  ire^i,  z.  b.  Die  bübery,  wo  man  jren  nit  weert, 
laßt  sich  nit  gelingen  Franck  Spr.  1,  201  ^  er  liebet  sy  also,  das  der 
brütgam  sich  xu  jreii  in  ein  fleisch  vom  hhmnel  herab  laßt  ebd.  1, 
77*.  Gab  jren  (dat.  sg.)  die  leer  Wickr.  16,  15.  Ein  anxahl  jhren 
(gen.  pl.)  entran  diser  Seichschwämme  . . .  Fisch.  Garg.  233.  Mit  söl- 
lidien  wmien  vei^spotteten  sie  Esopum,  do  iren  xwen  nuon  so  vil 
truogen  als  er-allain  Steinhöwel,  Aes.  43.  Vgl.  DWb.  IV./2,  2054  — 
2055. 

Eine  andere  nebenform  des  dat.  sg.  fem.  und  gen.  pl.,  die  gleich- 
fals  zumeist  in  alemannischen  Schriften  und  drucken  des  15.  — 17. 
Jahrhunderts  vorkomt,  hat  altertümliches  gepräge  und  heisst  iro  (ira)  : 
Als  er  dns  xu?n  dickern  mal  vmi  iro  (i.  e.  siner  gemahel)  erfordert 
Salat  (ed.  Baechtold)  151.  Der  herr  venviUigete  ira  das  und  ließ  un- 
den  bi  dem  kilcMiof  ir  einen  ingang  machen  Strettlinger  Chronik  (ed. 
Baechtold)  84.  Im  Fricktal  machten  si  sich  uß  dem  land,  des  wurdest 
inen  iro  dorfer  alle  verhrant  Liliencron,  Hist.  volksl.  II,  408.  Vgl. 
DWb.  IV./2,  2058. 

In  betreff  der  dative  ihm,  ihr,  ihnen  ist  zu  erwähnen,  dass  die- 
selben vormals  bis  spät  in  die  neuhochdeutsche  zeit  zugleich  stelver- 
tretend  für  den  der  hochdeutschen  spräche  ursprünglich  fehlenden  dat. 
des  reflexivum  gebraucht  wurden.  Beispiele:  der  vater  ivird  seiner 
gestraft  an  dem  sone  dann  an  im  selbst  Eyb  19.  Ai)i  armer  ver- 
schulter  jnensch,  der  ain  grosse  sach  au  ff  im  hat  Keis.  33'.  Ain 
mensch  soll  sich  offt  im  taye  ixu  jm  selber  keren  ebd.  44  \  er  machte 
ihm,  die  Augen  mit  Speichel  naß  Gryph.  (Dramen)  172.  der  vater  . . 
besorgt,  ob  ir  die  tochter  den  tod  hei  gethan  Eyb  58.  Es  war  die 
gute  Stadt  ir  selber  nicht  getreu  Kist  137.  si  dunt  in  selber  schad  und 
schand  Brant  213.  Viel  sind  .  .  .  von  Felsen  abgestürxt  Und  haben 
ihnen  selbst  die  schivere  Zeit  verkürzt  .  .  .  Opitz  207.  Von  Kirchen- 
dienern sagt  er:  sie  sollen  jhnen  drey  ding  stets  lassen  angelegen  sein 
Zinkgr.  1,  251.  Jedoch  begint  dieser  gebrauch  schon  im  16.  Jahrhundert 
almählich  der  heutigen  Verwendung  der  reflexiven  dativform  sich  zu  wei- 
chen, und  diese  —  die  dem  bedürfhisse,  Zweideutigkeiten  zu  begegnen, 
entsprungen  sein  dürfte  —  gewiut  dann  seit  dorn  17.  Jahrhundert  mehr 
und  mehr  Verbreitung,  ohne  übrigens  so  bald  vollends  durchzudrin- 
gen. Gottsched  sezt  zwar  schon  in  seinen  lehrbüohern  der  deutschen 
spräche  den  dat.  sich  ins  paradigma  des  reflexivum,  verwahrt  sich  aber 


310  JEITTELES 

zugleich  gegen  den  zu  seiner  zeit  offenbar  noch  in  umlauf  befindlichen 
dat.  ihviy  ihr,  ihnen.  Wie  tief  die  alte  gebrauchsweise  im  wesen  der 
spräche  wurzelte,  beweisen  femer  süddeutsche  volksmundarten,  in  denen 
sie  bis  zum  heutigen  tag  fortlebt  Beispiele:  Gleich  als  tven  eyn  vat- 
ter  vil  streit tige  imgehm*same  Idnder  hat,  seixt  er  ei7is  aus  jnai  x& 
sich  an  den  tisch  Franck  Par.  40 '\  Got  muß  das  angenmnmen  fleisch 
mit  ehr  vnd  preyß  kr&nen,  mit  sich  in  die  hohe  füren  mid  dem  eyn 
namen  geben  über  alle  7iamen  ebd.  57 ^  Ein  frommer  Mann,  der 
stets  einen  Öund  mit  sich  lauffen  hatte  Zinkgr.  1 ,  350.  Sucht  er  . . . 
eigen  Nutzen  y  so  schadet  er  sich  selbst  ebd.  2,  53.  Die  Frauen  pfleg- 
ten auch  in  Indien  vorxeitcn,  Nachdem  ihr  Mann  verschied,  seUßst 
tinter  sich  xu  streiten  Opitz  232.  Wer  sich  nu?i  nicht  selber  helfen 
kirnte,  der  usw.  Weise  40.  tvenn  es  ja  an  Gevattern  mangelte,  so 
hätten  sie  ei^ien  Mahler  bey  sich  ebd.  97.  Beide  construktionen  stehn 
neben  einander:  Allein,  tveil  er  sie  mit  aller  Gewalt  tvolte  neben  sieh 
habeti,  lüde  er  ihm  (sibi)  und  den  seinigen  grosse  Mißgunst  auf  den 
Halß  Schupp  11. 

Der  dat  sg.  ihm  hiess  früher  gar  nicht  selten  voller  ime,  ihme, 
z.  b.  jme  Wylo  297,  6.  yme  Wittenweiler  206.  ijne  ebd.  159.  Keis. 
D.  16,  8.  ihme  Salat  151.  Opitz  173.  Log.  11.  130.  201.  Simpl. 
1,  281.     2,  244  usw.;  vereinzelt  irno,  s.  Zamcke  z.  NarrenschifF  386. 

Der  acc.  sg.  ihn  lautete  vormals  neben  in  auch  ine^  ihne  0hne), 
z.  b.  bei  Eyb  (Creußner)  109\  Fisch.  249.  Fisch.  Garg.  251.  334.  Sand- 
rub  122.  Zinkgr.  1,  98;  vereinzelt  sogar  inen,  ihnen,  so  bei  Luther 
D.  182.  240. 

Der  dat.  pl.,  der  sich  heute  von  dem  acc.  sg.  vorteilhaft  unter- 
scheidet, hiess  noch  im  15.  und  16.  und  teilweise  selbst  im  17.  Jahr- 
hundert in,  ihn,  jedoch  ist  schon  im  15.  — 16.  Jahrhundert  die 
erweiterte  form  inen,  ihnen  sehr  verbreitet,  so  zwar,  dass  die  beiden 
formen  abwechselnd  neben  einander  vorkommen.  Man  vgl.  z.  b.  bei 
Luther  GW.  >  Cl^  E  2^  E  3'.  E  3^  I  2\  14'.  L  2'.  N  2',  >e« 
ebd.  C  2'.  D  2'\  I  3^  NP  (an  lezterer  stelle  beide  formen  in  einer 
zeile);  bei  Fischart  (Kurz)  jn  1,  34.  81.  138,  jnen  1,  169.  3,  339. 
363;  bei  Murner  in  60.  113.  190,  inen  39.  132;  bei  Franck  Pai*. 
jnen  (jhnen)  56'.  57'.  65'.  75^  76'.  101  ^  103^  jn  fjhn)  76'. 
112';  bei  Spee  ihn  86,  37.  41.  87,  45.  208,  181.  244,  45,  ihnen 
87,  43.  173,  68.  175,  165.  179,  95.  210,  236.  231,  4.  244, 
27.  30. 

Bei  gewissen  Schriftstellern,  insbesondere  prosaikern,  überwiegt 
oder  herscht  ausschliesslich  inen,    das  ist  z.  b.   bei  Luther  in  seinen 


NHD.    PRONOMEN  311 

späteren  Schriften  (s.  Franke,  Grundzüge  der  Schriftsprache  Luthers  189), 
in  Francks  Sprichwörtern  und  in  dessen  Paradoxa  sowie  in  Paulis 
Schimpf  und  ernst  der  fall.  Ausschliesslich  begegnet  man  dieser  form 
seltsamerweise  auch  schon  bei  Nicl.  Wyle,  man  vgl.  u.  a.  43,  28. 
56,  8.  99,  22.  135,  25.  27.  173,  21  —  22.  217,  26.  267,  32  —  33. 
274,  35  und  s.  Nohl,  Die  spräche  des  Niclaus  v.  Wyle  (Heidelb. 
1887)  s.  81.  In  der  zweiten  hälfte  des  17.  Jahrhunderts  scheint 
ihnen  bereits  durchgedrungen  zu  sein;  wenigstens  sezt  Schottel  (s.  536) 
diese  form  allein  ins  paradigma,  während  in  den  ersten  Jahrzehnten 
dieses  Jahrhunderts,  wie  wir  oben  (bei  Spee)  gesehen  haben,  ihn  noch 
fortbestund. 

Eine  seltnere  nebenform  des  dat.  pl.  ist  ine  (ihnc),  z.  b.  ffi  Wan- 
ten, iede?^man  xufj  ifie  nach  Liliencron,  Volkslieder  2,  411.  Mi/^h  nitnpt 
wunder y  das  sie  sich  nicht  vor  jhne  selber  schämen  Franck  Trunk.  F  3'. 

Anmerkung.  Die  in  manchen  Schriften  älterer  zeit,  z.  b.  in 
Wittenweilers  Ring,  vorkommenden  formen  sei ,  sey  als  nom.  und  acc. 
sg.  fem.,  scy,  seu  als  nom.  pl.,  es  und  enk  für  vos,  vobis  sind  mund- 
artliche eigenheiten  von  lokaler  beschränkung. 

3.   Pronomen  possessivnm. 

Hier  mag  erwähnung  finden ,  dass  in  der  flexion  von  imser,  euer, 
gemde  wie  bei  den  mit  el,  er  abgeleiteten  adjectiven,  öfter  bald  das  e 
der  endung,  bald  jenes  der  ableitung  abfölt,  z.  b.  nnsers  Glücks  Haller 
136.  unsers  Scheidevs  ebd.  166.  unsres  Reisens  134.  nnsers  Streits 
Lisc.  180.  tmsers  Glücks  Seh.  (Teil)  2,  532.  nnsres  Sonnefisystenis 
G.  (W.  Meister)  8,  96.  Euers  Gelds  l/jssing  (Nath.)  3,  70.  eiiers 
Raths  und  euers  Beistandes  G.  (Götz)  6,  71.  Nicht  eures  Gelds  he- 
darfs  —  ein  Herx  wie  euers  wiegt  Tonnen  Goldes  auf  und  Millionoi 
Schill.  (Wall.)  2,  84.  ewres  Busens  Seh.  (Braut  v.  M.)  2,  439.  eures 
Winks  Platen  3,  314.  eures  Kindes  ebd.  4,  407.  mit  unscrm  Arm 
Klopstock,  Oden  71.  mwh  unserut  Sinn  G.  (Iphig.)  5,  318.  aus 
Enerni  Hause  Less.  (Nath.)  3,  63.  Kuerm  Rathe  ebd.  70.  eurem  Rathe 
G.  3,  78.  an  Euerm  Geläute  ebd.  7,  163.  nach  eurem  Willen  ebd. 
3,  8».  von  Eurem  Vater  (Jhland,  Gedichte  (Stuttg.  1853)  446.  die 
euern  G.  (Iphig.)  5,  317.  durch  unsrer  Hände  Fleiß  Seh.  (Teil)  2,  521. 
unter  etiren  Btiisten  Haller  44.  mit  Eiwrn  eigenen  Gedrotken  Less. 
3,  101.  In  altern  neuhochdeutschen  werken,  insbesondere  poetischen, 
zeigen  sämtliche  possessiva  (mit  ausnähme  von  /;%  das  häufiger  die 
unverküi'zten  formen  beizubehalten  scheint)  neigung  zum  abwurf  des 
flexivischen,   seltener  des  ableitenden  e^   und   zwar  in  allen  endungen. 


312  JKITTBLKS 

selbst  jenen,  auf  deren  e  der  consonant  r  folgt,  obschon  die  vollen 
formen  keineswegs  fehlen.  Beispiele  für  die  gekürzten  formen:  din 
sach  Murn.  78.  sein  tugent  Wald.  2,  105.  seifi  iiarung  Pauli  207. 
euwe?^  fröd  ebd.  107.  mins  lebefis  Wyle  54,  35.  deins  dieners  Eyb  99. 
meins  gefiders  Sachs  1,  104.  meins  todes  ebd.  149.  deins  lebend  149. 
Seins  gesellen  Pauli  199.  luisers  hergotis  Murn.  77.  unsers  kerxetis 
Weckh.  161.  eivers  abgotts  Luth.  Bapst  A  2*.  euers  Unglücks  Weckh. 
180.  cite^^s  fleißes  ebd.  184.  eiiers  lobs  185.  meinr  kunst  Wald.  2, 
101.  deinr  ere  ebd.  100.  ImU  euiver  verschrybung  Wickr.  73.  init 
sim  stand  Brant  163.  an  si7n  vater  ebd.  181.  i7i  sim  gtvali  Pranek 
Spr.  2,  42*.  in  viim  garn  ebd.  mit  deim  brei  Fisch.  237.  in  seim 
namen  ebd.  1 78.  von  seim  Glied  Sandrub  67.  vnset'm  fmsxtnrt  Pauli 
369.  in  imserm  garten  ebd.  187.  uiiserm  Schöpfe?*  Dach  73.  wiserm 
Gott  Speo  113.  xü  vnser  frawen  Luth.  GW.  I  3^  in  unser  Seeleti 
Rist  245.  mem  rechten  fu^x  Pauli  299.  sein  miind  ebd.  382.  sein 
xoren  Sachs  1,  80.  mein  bnlen  ebd.  179.  unfern  geist  ebd.  72.  mein 
regel  Murn.  129.  sin  hilf  ebd.  133.  sein  fran  Sachs  1,  205.  sein 
mütter  Pauli  362.  all  sein  sach  Sandrub  123.  euer  eigne  ehr  Weckh. 
89.  dein  federn  (noni.  pl.)  Sachs  1,  104.  sein  acJisen  Wald.  2,  112. 
andre  unsrer  frehiden  mehr  Weckh.  153.  eurer  Sünden  Dach  96. 
an  din  kindern  Murn.  249.  allen  sin  gesellen  ebd.  130.  uf  s^in  federn 
64.  fnit  sein  eignen  fußen  Wald.  2,  57.  iii  vnsem  reden  Pauli  337. 
xü  misem  xeiten  ebd.  137.  irs  ampts  Eyb  45.  irs  manns  ebd.  63.  im 
müttvil  Brant  15. 

Das  in  der  althochdeutschen  und  älteren  mittelhoclideutschen 
spräche  noch  mangelnde  possessivum  ihr  gewint  im  15.  — 16.  jahrhun- 
deii;  immer  algemeinerc  Verbreitung  und  scheint  gegen  ende  des  17. 
Jahrhunderts  völlig  diu'chgcdrungen. 

Eine  besondere  bewantnis  hat  es  mit  der  gegen  ende  des  17.  Jahrhun- 
derts aufgekommenen ,  seit  der  mitte  des  gegenwärtigen  wider  verschwun- 
denen form  Jhro  in  der  feierlichen  rede.  Die  erste  spur  davon  finde  ich 
in  Abrahams  a  Sta.  Clara  „Mercks  wol,  soldat"  (Wien  1680),  vorrede  1: 
^^Ihro  Geniidigster  Landes -Für  st  ^  und  am  ende  derselben:  ^Ihro 
Gnaden  Dienstbeflissener  I\  Fr.  Abrahmmis  ä  S.  Clara"',  Hingegen 
ersclieint  in  den  zwei  jähre  später  (1682)  veröffentlichten  godichten 
Morhofs  unter  den  vielen  Widmungen  zu  poetischen  „glück wünschen^ 
und  „  leichcnbestattungen "  ausschliesslich  dafür  IJero.  Aber  auch  im 
18.  —  19.  Jahrhundert  genoss  Ihro  keineswegs  algemeine  Verbreitung, 
z.  b.  findet  sich  in  Gellcrts  „Briefen  nebst  einer  praktischen  abhand- 
lung  von  dem  guten  geschmack  in  briefen"  (Leipz.  1758)  keine  er>väh- 


NUD.   PBONOMEN  313 

nung  davon;  die  stelle,  die  von  dem  gebrauch  der  titulaturen  handelt, 
lautet:  ^Man  soll  nicht,  wie  man  meistens  im  umgange  redet,  durch 
Sie,  Ihnen,  Ihre,  sondern  durch  Dieselben,  Dero,  Deroselben,  Höchst- 
denenselben,  reden"  (s.  76).  Andere  Schriftsteller  wider  bevorzugen 
Ihro.  Ich  gebe  einige  weitere  beispiele.  Da  tritt  der  Haushoffneister 
herein  und  meldet  ihm  die  Beherbergung  des  verspäteten  Pfarrherrn, 
und  tvie  er  itxt,  voller  Verlangen,  Ihro  Gräfliche  Gnadefi  zu  sprechen, 
vor  der  Kammerthüre  lauschte  Thümmel,  Wilhelmine  (1773)  60.  In- 
deß,  sollte  etwas  nicht  vollkommen  nach  Ihro  Gnaden  Bequemlichkeit 
getvesen  seyn,  so  geruhen  Ihro  Gnaden  nur  au  befehlen  Lessing  (Minna) 
2,  192.  Ich  wolMe  Glicht  tim  Alles  —  Ihro  Excellenx,  fiel  ich  ein, 
ich  bitte  tausendmal  um  Verzeihung  G.  (Werth.)  7,  51.  Es  muß  doch 
ivohl  so  sein,  Ihro  Dtirchlatwht  Seh.  (Geisterseher)  4,  77.  wenn  nicht 
der  Gedanke,  mich  für  Ihro  Dienst  verdoppelt  xu  sehen,  so  vergniig- 
lieh  und  aufheiternd  wäre  Brief w.  G.  K.  Äug.  2,  46.  In  Hoffnung 
mich  Ihro  Gegenwart  bald  xu  erfreuen  unterthänigst  Goethe  ebd.  82. 
Das  Deutsche  Wörterbuch  (lV/2,  2058)  erklärt  dieses  Ihro  für 
possessivisch  unter  hin  weis  auf  die  gleichzeitig  daneben  vorkommende 
form  dero  und  trent  es  von  dem  oben  erwähnten  ?Vo,  ihro,  Ihro,  das 
bald  als  gen.  und  dat.  sg.  fem. ,  bald  als  gen.  pl.  gebraucht  war.  Allein 
gerade  die  kaum  zufällige  Übereinstimmung  mit  dem  in  derselben 
anwendung  begegnenden  gen.  des  demonstrativum,  dero,  lässt  vielmehr 
veiinuten,  dass  hier  gleichfals  ein  ungefülilter  casus  des  persönlichen 
pronomen  und  zwar  wahi-schoinlich  der  gen.  pl.  vorliegt,  der  dann 
allerdings  possessivische  Verwendung  fand.  Man  vgl.  Frisch,  Toutsch- 
lateinisches  Wörterbuch  I,  486,  wo  dieses  Ihro  gleiclifals  als  gen.  pl. 
erklärt  wird. 

GRAZ.  ADALB.    JEITTELES. 

(Foi-tsetzuug  io\^t) 


DEUTSCHE  A\^VNDEKTRUPPEN  IN  DÄNEMARK. 

I. 

Schon  früh  wurde  Dänemark  von  fremden  .schauspiolertruppen 
besucht  So  liatte  der  könig  Friedrich  II.  zwischen  157J)-  8()  zweimal 
englische  komödianten  in  seinen  diensten,  welche  auch  1585  in  Hel- 
singör  spielten  und  in  dem  folgenden  jähre,  als  die  ersten  in  Deutsch- 
land, nach  Dresden  und  Berlin  berufen  wurden.  Umgekehrt  sante 
10  jähre  später,  zur  krönungsfeier  Christians  IV.,  der  seh  wager  des 
königs,   herzog   Heinrich   Julius    von    Braunschweig,   seine   englischen 


314  FALUDAN 

komödianten  nach  Dänemark^.  In  demselben  jähre  suchte  ein  fahren- 
der poet,  der  Schlesier  Martin  Schwarzbach,  vergebens  die  erlaubnis, 
eine  komödie  ,,Studentes'' ^  in  Kopenhagen  aufzuführen,  und  nicht  bes- 
seres glück  hatte  1629  ein  ähnliches  gesuch  einiger  deutschen  Studen- 
ten. Als  die  bitte  1633  erneuert  wui'de,  hatte  sie  hingegen  vielleicht 
den  erwünschten  erfolg,  und  möglicherweise  ist  bei  dieser  gelegenheit 
Rists  Irenaromachia  hier  gespielt  worden  3.  1634  führte  ein  Deutscher, 
der  Satiriker  Hans  Lauremberg,  als  professor  in  Sorö  die  renaissance- 
komödie,  und  1655  die  oper  bei  hofe  ein*,  und  deutsche  opern-ballete 
waren  in  der  folgezeit  daselbst  nicht  ungewöhnlich. 

Die  anwesenheit  eigentlicher  Wandertruppen  aber  spüren  wir  erst 
in  der  zweiten  hälfte  des  17.  Jahrhunderts.  Vom  anfang  des  Jahres 
1663  spielte  in  Kopenhagen  eine  niederländische  bände  unter  Andreas 
Joachim  Wulff,  der  sich  hier  ansiedeln  wolte  und  auch  ein  Schauspiel- 
haus bauen  Hess,  aber  schon  1664  schuldens  halber  aufhören  muste*. 
Sein  „hauptagent"  Michael  Daniel  Treu  war  jedoch  Deutscher  und  ohne 
zweifei  derselbe,  welcher  später  als  puppenspieler  und  prinzipal  zu 
Lüneburg  1666  und  München  1677,  1681  —  85  auftrat®.  Vielleicht  war 
er  söhn  oder  verwanter  des  ersten  bekanten  deutschen  wanderprinzi- 
pals  Carl  Treu,  der  1622  und  25  in  Berlin  spielte^. 

1)  Bolte  im  Jahrb.  d.  Sliakespearegeselsch.  XXJU,  1888,  s.  99.  102.  103. 
•  2)  0.  zw.  von  Stimmelius  1550,  vgl.  H.  Meyei-s  Studentica,  Leipzig  1857. 

3)  WeiiauJf,  llistorisko  aoteguelser  til  Holbergs  lystspil,  Kopenhagen  1858, 
282  fgg.  Overskou,  Den  danske  skueplads,  Kopenb.  1854,  I,  80  fgg.  Paludan, 
Kenaissancebovacgolsen  i  Danniarks  litt.,  1887,  307. 

4)  Paludan,  H.  Willumsen  Laurembergs  4  Skjajmtedigte ,  1890,  s.  Xll  u.  XXV. 

5)  Worlauff  285  fgg.     Overskou  1 ,  103  fgg.     262  fgg. 

6)  Zeitschr.  f.  doutche  phil.  XXI,  283.    Gaodertz,  Theaterzustände  von  Hildes- 
heim, Lübeck,  Lüneburg,  1888,  s.  99:    Michael  Daniel  Drey  sucht  8.  sept.  1666  zu 
Lüneburg  spielerlaubnisz ,    nachdem  wir  unsz   nuhnmehr  Edliehe  Jahre  bey  IhiX)  Kö- 
nigl.  Maij.  von  Tennemarck  auifgehalton  haben. '^  —  Bolte  in  Herrigs  Archiv  LXXXU, 
85.     Die  dort  citierten  belegstellen  im  Jahrb.  für  Münchener  gesch.  I  konte  ich  nicht 

einsehen. 

7)  Nach  Löwen,  Schriften  IV,  13  (vgl.  Plümicke,  Theatergesch.  v.  Berlin  40;  De- 

vrient,  Gesch.  d.  deutsch,  scliauspielk.  1,  201)  soll  der  dänische  hofprediger  oder  gar 
„oberhofprediger"  Lassenius  in  seiner  Jugend  zu  dieser  ältesten  Trcuschen  truppe  gehört, 
später  vielleicht  eine  eigene  gebildet  und  schliesslich  von  dem  kurfürsten  Georg 
Wilhelm  überredet  den  schauspielei^stand  verlassen  haben.  Johann  Lassenius  war  aber 
erst  1636  als  söhn  eines  pomnierschen  pfarrers  geboren,  verbrachte  1657  —  66  einen 
grossen  teil  seiner  Jugend  auf  zum  teil  ziemlich  abenteuerlichen  reisen,  wurde  dann  rcctor 
und  prediger  zu  Itzehoe,  gieng  in  den  dienst  des  stathalters  Banzau  als  hofprediger, 
wurde  aber  k<'inoswegs  in  dieser  oigenschaft,  sondern  in  der  bescheidenen  stellong 
eines  diaconus  oder  zweiton  predigers  au  der  deutschen  St.  Fetrikirohe   1676  nach 


WANDERTRUPPEN  IN  DÄNEHARK  315 

Ungefähr  gleichzeitig  mit  Wulff  und  Treu  muss  nach  eigener 
aussage  der  deutsche  bandenprinzipal  Andreas  Fandszen  in  Dänemark, 
vielleicht  zu  Odense  schon  1661  und  in  Bergen  1664,  gespielt  habend 
Weiter  sind  wir  berechtigt,  in  Carl  Andreas,  der  1672  in  Kopenhagen 
Spielerlaubnis  erhielt,  einen  der  bedeutendsten,  aber  wenig  bekanten 
Vorgänger  Veltens,  Carl  Andreas  Paulsen  zu  vermuten,  der  schon  um 
1630  eine  bände  gebildet  haben  soll  2.   Er  wird  öfters  bloss  durch  den 

Ko{>eDhagen  berufen.  Er  machte  sich  als  eifriger  asketischor  Schriftsteller  bekant, 
wurde  1677  dr.  theol.,  im  nächsten  jähre  professor,  und  starb  1692.  Schon  das  jähr 
seiner  geburt  macht  jede  Verbindung  mit  der  viel  älteren  Carl  Treuschen  truppe 
unmöglich,  wie  auch  schon  von  Kusz  in  den  Schi. -holst,  provincialborichten  1833, 
554,  von  Schröder  in  den  Neuen  sohl. -holst,  provincialborichten  1834,  168  fgg.  (vgl. 
396  fgg.  L's  Leben  von  Knickbein),  von  Gervinus,  Hagen,  Gesch.  des  theaters  in 
Preussen  93,  u.  a.  bemerkt  ist.  Dennoch  kehrt  das  misvorständnis  wider,  z.  b.  bei  Brach- 
vogel, Gesch.  d.  kgl.  theatei^s  in  Berlin  I,  1877,  21—22,  der  auch  Lassenius  aLs 
„kgl.  dänischen  hofpredigor '^  in  „Stockholm*'  (!)  enden  lässt.  Uagen  und  nach  ihm 
Genee,  Lehr-  u.  wandorjahre  d.  deutschen  Schauspiels  284,  glauben  an  eine  Ver- 
wechselung unseres  Lassenius  mit  seinem  gleichnamigen  vater,  der  auch  prediger 
war,  sonst  aber  ziemlich  unbekant  ist.  Schröder  hingegen  und  neuei*dings  Carstens, 
Art.  Lassenius  in  der  Allg.  deutschen  biographie,  finden  die  annähme  nicht  unwahr- 
scheinlich, dass  unser  Joh.  liassenius  gegen  den  schluss  seines  abenteuerlichen  Wander- 
lebens, um  1666,  für  kürzere  zeit  in  eine  schauspielertruppe  getreten  ist.  Unstreitig 
scheint  diese  ansieht  l)esser  beglaubigt,  nachdem  sich  herausgestelt  hat,  dass  in  di«»,- 
sen  jähren  wirklich  eine  jüngere  Treu'sche  (nicht  wie  Carstens:  „Trauische '')  truppe 
bestand,  welche  die  tradition  leicht  mit  der  älteren  und  früher  bekanten  verwechselt 
haben  kann.  Immerhin  bleibt  es  doch  bedenklich,  dass  der  kurfüi-st  Georg  Wilhelm, 
der  Lassenius  von  der  bühne  abberufen  haben  soll,  schon  1640  starb.  Betrat  Ijasse- 
nius  nur  von  der  not  getrieben  die  bretter,  so  geschah  dies  schwerlich  zu  Berhn,  in 
der  nähe  seiner  heimat  und  der  Universität  Kostock,  wo  er  rühmlich  studiert  hatte; 
eher  im  südöstlichen  I)eutschland  oder  Hngarn,  wo  er  von  den  Jesuiten  hingoschlept 
war.  Aber  auch  nicht  die  leiseste  anspielung  auf  oine  solche  episode  findet  sic^h  in 
den  gleichzeitigen  quellen,  dem  Programma  funebre  der  Kopenhagener  Universität  l)ei 
Lasseuius's  tod,  der  lebensbeschreibung  bei  Moller,  ('imbr.  litt.  11,  und  einer  anderen 
in  der  dritten  ausgäbe  von  Ijasseniiu^ ,  Heiliger  perlen. schätz,  Copenh.  u.  L(*ipz.  1701,  4° 
wahrscheinlich  von  dem  deutschen  prediger  zu  Hclsingör  Boldich.  I'ngefähr  zu  der- 
selben zeit,  in  die  seine  scenische  Wirksamkeit  fallen  muss,  fähi-t  Jiassenius  in 
seinen  „Arcana  politico-atheistica",  1666,  12'"'',  s.  63  fgg.  b«*i  beschrribung  eines 
Jahrmarkts  heftig  gegen  die  gaukler,  zahnbrechcr  und  Schauspieler,  diese  „carcino- 
mata  et  pestes  reipublicae'^  aus.  AVolte  man  hier  die  reue  des  bekehrten  orthodoxen 
eiferers  über  irwege  seiner  vorzeit  s«»hen,  so  ist  dagegen  zu  bemerken,  dass  Lassenius 
anderswo,  z.  b.  in  dem  „Perlensdiatzo'^,  ed.  cit.,  2.  Verteilung,  394,  auf  das  Schau- 
spiel zurück  komt  und  ohne  weitc^ren  ärger  erbauUcho  gleich nisse  dai'aus  herleitet. 

1)  Werlauff  285.  Ovei-skou  J,  110.  Suhms  Saml.  Jl,  2.  heft,  140.  Schütze, 
Hamb.  theatergesch.  33.     Dovrient,  (Jesrh.  «1.  d.  schauspielk.  J,  204. 

2)  Werlauff  2b8.     Overskou  1,  112.     riümit-ke,  Theatergesch  v.  l'>erlin  49. 


316  PALUDAN 

Vornamen  bezeichnet,  als  „Prinzipal  Carl",  „Carl  (Andreas)  Paul", 
„Carl  Paulson",  und  hatte  schon,  als  er  1665  zu  Frankfurt  erscheint, 
in  Dänemark  und  (1663)  in  Schleswig  gespielte  1668  war  er  in 
Mecklenburg  und  Lübeck,  und  als  die  „Carlische  geselschaft"  einige 
jähre  später  wider  in  Mecklenburg  auftritt,  hat  sie  in  der  Zwischenzeit 
Schv/eden  und  Dänemark  besucht  2.  Auf  dieser  reise  treffen  wir  am 
5.  Jan.  1671  den  „Prinzipal  Carl"  in  KieP,  und  im  märz  1672  bekomt 
„Carl  Andreas"  erlaubnis,  zweimal  wöchentlich  in  Kopenhagen  zu  spie- 
len. In  demselben  jähre  wurde  die  „trefliche  Schauspielerin"  Anna 
Paulson  von  Kopenhagen  nach  Petersburg  berufen,  ein  beweis  unter 
anderen,  dass  schon  vor  Veiten  weiber  auf  der  bühne  sich  auszeich- 
neten*. Ob  es  hingegen  diese  truppe  war,  die  in  einem  königlichen 
pass  auf  der  reise  nach  Kiel  14.  jan.  1676  als  „unsere  comedianten", 
also  als  dänische  hoftruppe  bezeichnet  wird,  ist  zweifelhaft,  da  die 
„Carlische  hochteutsche  compagnie"  schon  1674  von  Dresden  nach 
Wien  zog,  also  nicht  mehr  in  Dänemark  angesiedelt  war^  Vielleicht 
handelt  es  sich  hier  eher  um  die  „kgl.  dänischen  priviligierten  hof- 
acteurs  mit  figuren",  also  puppenspieler,  die  in  Hamburg  um  dieselbe 
zeit,  doch  auch  mit  lebenden  personen,  agierten*^.  In  diesem  falle  war 
der  hof  nicht  besonders  kritisch,  denn  höchst  wahrscheinlich  war  es 
dieselbe  truppe,  die  kurz  nachher  in  der  bitschrift  eines  gewissen  Nico- 
laus Locke  vom  sept.  1680  als  „eine  so  gar-  undt  überausschlechte 
bände"  bezeichnet  wird.  Locke  dagegen  will  „eine  bände  vndt  Kern 
der  vortrefflichsten  Commoedianten "  in  Hamburg  zusammengebracht 
haben,  und  bekam  auch  für  ganz  Dänemark  Privilegium,  das  er  jedoch 
nie  benuzt  zu  haben  scheint  l  Ebcnfals  suchte  1695  der  sächsische 
Schauspieler   (ehemaliges  mitglied  der  Veltenschen  truppe?)    Joh,  Aug. 

1)  Litzinann  in  der  Ztschr.  f.  vgl.  litteraturgesch.  u.  renaissanceliti ,  o.  f.  I,  11. 
Bolte  in  Herngs  archiv  LXXXII,  86.  Schon  um  1650  und  wider  25.  apr.  1664  tref- 
fen wir  „Carl  Andreas  Paulj**  in  Lüneburg.     Gaedertz,  Thoaterzustände ,  75.  99. 

2)  Jahrb.  f.  mecklenb.  gesch.  1836,  I,  95.  96. 

3)  Litzmann  a.  a.  0. 

4)  Overskou  T,  112.  Litzmann  a.  a.  0.  Die  quellen  für  die  berufung  nach 
Russland  hei  Tietz  Bunte  skizzen  aus  Rüd  und  ost,  Wessolofsky  Deutsche  einflüsse 
auf  das  alte  russ.  theatcr,  1876,  und  Fechner,  Chronik  der  evangel.  gemeinden  in 
Moskau,  1876,  standen  mir  nicht  zu  gebot. 

5)  Overskou  1,  113.  Bolto  a.  a.  0.  80.  Ob  Carl  Andreas  Paul  dann  wider 
mit  „«lessen  Schwiegersohn  Veiten"  in  Lübeck  am  7.  juni  1675  war?  Vgl.  Gaedortz, 
Thoaterzustände  s.  48.  147. 

6)  Ovei-skou  1,  113.     Schütze  96. 

7)  Overskou  1,  113.  265.     Werlauff  288.  503. 


WANDERTRUPPEN  IN  DÄNEMARK  317 

üblich  Privilegium  als  „Stadt- comociiant''  zu  Kopenhagen;  von  ihm  wis- 
sen wir  aber  später  nur,  dass  er  1G97  in  Schweden  war^ 

Zweifelhaft  bleibt  es,  ob  der  ungefähr  sechsjährige  aufenthalt  einer 
trappe  „ nordischer  comedianten  in  hochdeutscher  spräche"  oder  „chur- 
sächsischer  hochdeutscher  comedianten"  in  Schweden  1690  —  97  auch 
die  dänische  theatergeschichte  berührt  Die  schwedischen  Urkunden  ^ 
begegnen  sich  hier  mit  deutschen,  indem  wir  1697  dieselbe  truppe 
zu  Güstrow  in  Mecklenburg  antreffen,  durch  die  hoftrauer  am  tode 
des  königs  Karl  XL  aus  Schweden  vertrieben,  nachdem  sie  sich 
„6  jähre  in  den  nordischen  platzen  aufgehalten"^.  In  diesen  sechs 
Jahren  hat  sie  vielleicht  auch  Kopenhagen  besucht,  und  sehr  wahr- 
scheinlich Bergen  in  Norwegen,  wo  der  dichter  Holberg  als  kind 
eben  zu  dieser  zeit  biblische  Schauspiele  aufgeführt  sah'*.  Die  schwe- 
dischen Verfasser  wollen  in  diesen  „ chursächsischen  comedianten"  die 
berühmte  Veltenscho  bände  sehen,  was  sich  aber  schlechterdings  nicht 
mit  der  genauen  Chronologie  bei  C.  Heine'*  vereinigen  lässt,  ob  es 
schon  durch  die  untei*suchungen  Silf verstolpes  *^  beglaubigt  ist,  dass  Vel- 
tens  truppe,  vielleicht  in  Schwedisch -Pommern,  vor  dem  königeKarl  XL 
gespielt  hat. 

Im  jähre  1703  hören  wir  wider  einmal  von  einem  besuche  nieder- 
ländischer comedianten  in  Kopenhagen,  und  in  demselben  jähre  scheint  die 
witwe  Veiten  Dänemark  besucht  zu  haben '^;  über  wesen  und  leistungen 
aller  bisher  genanten  truppen  lassen  sich  jedoch  aus  alten,  zerstreuten 
Urkunden  nur  gelegentliche  und  fragmentarische  aufschlüsse  schöpfen. 
Zuverlässliche  erörterungen  gibt  erst  die  sainlung  der  ältesten  theater- 

1)  WerlaufF  292.  Silfvoi-stolpo,  Källor  til  svouska  toatenis  bist.,  in  der 
schwed.  zeitschr.  Framtiden,  1877,  143. 

2)  Silfvorstolpe  a.  a.  o.  142.  E.  Liind,  Riad  ur  svenska  teatorns  bist.,  iu 
GrÖnstedts  scliwed.  ztscbr.  „Nu"  T,  1874—75,  s.  42(i.  Dablgrou,  Stockbolins  tliea- 
trar,  1866,  9  fgg. 

3)  BärenspruDg  im  Jalirb.  f.  mockk'nb.  gescb.  F,  97.  Litzinann  in  dor  Ztsobr. 
f.  vgl.  litteraturgescb.,  n.  f.  I,  10. 

4)  Overskou  I,  110.     Ilolborg,  Episteln,  nr.  226.  382. 

5)  Job.  Veiten,  Akad.  diss.,  llallo  1887.  Ebor  stellt  es  mit  dies«'m  nordis(-bon 
aufentbalt  kursäcbsiscber  komödianten  in  vorbindung,  wenn  ein  gewisser  „Franz  Mel- 
chior Hart,  Saxonia  Comoodiant.*^  am  4.  jan.  1092  zn  Tiüneburg  spielerlaubnis  sn(.*bt, 
uachdem  er  in  Schweden,  nUnemark,  Liefland,  Sachsen  usw.  gespielt  bat.  (iaedertz. 
Theaterzustände  119. 

6)  ^Samlaren",  ztscbr.  d.  sebwed.  litteraturgeselscb.,  1889,  ^f)— ;"»(>.    1890,  76— vS3. 

7)  Overskou  1,  121.  (laedei-tz  a.  a.  o.  123:  Frau  Wlten  sucht  am  1.  nov. 
1703  aus  Hamburg,  nach  einer  bcscbwerliclien  reise  von  Kopenhagen,  in  Lüneburg 
spielerlaubDis. 


318  PALUDAN 

Zettel  der  dänischen  nationalbühne  von  1722  an,  welche  auf  der  kgl. 
bibliothek  zu  Kopenhagen  vorhanden  ist,  und  in  welche  sich  auch 
einige  schauspielankündigungen  der  deutschen  banden  verirt  haben,  die 
ein  wenig  früher  in  Dänemark  spielten ^  Unter  den  ersten,  wahr- 
scheinlich schon  von  1707,  treffen  wir  hier  einen  anschlagszettel  der 
truppe  der  witwe  Veiten: 

„Die  Königl.  Pohlnische  und  Churfürstl.- Sächsische  Hoff-Comoe- 
dianten  Werden  mit  gnädigster  Erlaubnüs,  Heute  Frey  tags  den  4  No- 
vemb.  [1707]  umb  ihnen  sonderbahre  Affection  zu  erwerber  (!),  auf- 
führen eine  von  dem  berühmten  Italiänischen  Meister  Cicognini  ent- 
lehnte Haupt -Action,  die  sich  betitult: 

Statua,  Oder:  die  in  ein  Marmorsteinernes  Bild  verliebte 

Princeszin  Adamira. 

Personeo  der  Action. 

1.  Indamoro,  König  in  Sicilien. 

2.  Adamira,  seine  Tochter. 

3.  Dionysia,    Princeszin   aus   Aragonien,    in    Gestalt   eines    Gärtners, 
unter  den  Namen  Laureno. 

4.  Heinrich,  Printz  aus  Castilien. 

5.  Fischetto,  sein  Kammer-Diener. 

6.  Corinto,  Printz  aus  Aragonien,  unbekant,  unter  dem  Nahmen  Pe- 
rideus. 

7.  Pasquella,  seine  vermeynte  Mutter,  eine  alte  lustige  Frau. 

8.  Drusilla,  des  Königs  heimliche  Liebste. 

9.  Despino,  ilir  lustiger  Knecht. 

10.  Idraspe,  Capitain  von  des.  Königs  Wacht. 

11.  Trinea,  der  Adamira  Kammer- Mädgen. 

.'     .  \  Zwev  Banditen. 

13.    Arzeo        } 

Kui-tzer  Summarischer  Inhalt: 

Des  ei'sten  Actus: 

Der  Capitain  Idnispe  findet  den  Despino  auff  der  Schildwacht  vor 
der  Drusilla  Kammer-Thür  sclilaffend.  Der  König  beurlaubet  sich  mit 
seiner  heimlichen  Maitresse  Drusilla,  diese  bestellet  durch  Despino  zwey 

1)  Die  Zettel  sind  schon  von  "Werlauff  Antegnelser  292  fgg.,  und  Overskou 
Danske  skupplads  I,  126.  136  fgg.  erwähnt,  nirgends  aber  abgedruckt.  Meine  abschrif- 
ten  sind  mit  allen  Sprachfehlern  wortgetreu  und  in  ihrer  logischen  und  grammatischen 
unbehülflichkeit  für  die  bildungsstufe  der  fahrenden  Schauspieler  bezeichnend. 


WANDERTRUPPEN  IN  DÄNEMARK  319 

Banditen,  welche  den  Gärtner  Laureno  nmbringen  sollen,  weil  er  in 
ihre  geile  Begierden  nicht  hat  willigen  wollen.  Printz  Heinrich  ent- 
decket seinem  Kammer-Diener  Fischetto  die  grosse  Liebe,  so  er  gegen 
die  Princeszin  Adamira  trägt,  und  klaget  daneben  über  ihre  kaltsinnige 
Härtigkeit,  Drusilla  wil  Printz  Heinrich  zur  Gegenliebe  anreitzen, 
beköAt  aber  den  Korb,  und  musz  mit  Schanden  abziehen.  Perideus 
koilit  mit  seiner  Pflege -Mutter  Pasquella  an  den  Sicilischen  HoflF,  an 
welchem  sich  auch  die  Princeszin  Diooysia  aus  Arragonien,  in  Mafis- 
Kleidern  und  Gärtners -Gestalt,  unter  dem  Namen  Laureno  auffhält, 
damit  sie  aufF  Printz  Heinrich  desto  besser  Achtung  geben  kan,  wel- 
cher ihr  in  Arragonien  die  Ehe  zugesaget,  ihre  Liebe  genossen,  und 
hernach  verlassen.  Tepandro  und  Arzeo  geben  Feuer  auflF  Laureno, 
und  verwunden  ihn,  Perideus,  Pasquella  und  der  Capitain  Idraspe 
komen  ihm  zu  Hülffe. 

Des  andern  Actus. 

Die  Princeszin  Adamira  beklaget  ihre  heimliche  Liebe  gegen  die 
Marmorsteiner  Statuam,  und  wird  von  ihrem  Kammer -Fräulein  Trinea 
vergebens  getröstet,  Printz  Heinrich  bemühet  sich  umsonst  um  der 
Admirä  Gegenliebe.  König  Indamoro  will  von  seiner  Tochter  Adamira 
die  Ursache  ihrer  Traurigkeit  und  heimlichen  Leydens  wissen,  kan  aber 
wegen  ihrer  Halszstarrigkeit  und  Verschwiegenheit  nichts  erfahren.  Der 
Gärtner  Laureno  meldet  den  Perideus  und  die  Pasquella  bey  dem  Kö- 
nige an,  werden  von  demselben  in  Dienst  genommen,  und  machet 
Pasquella,  welche  sich  in  den  Laureno  verliebt  hat,  gar  poszirliche 
Händel.  Perideus  wird  in  Liebe  entbrannt  gegen  die  Princeszin  Ada- 
mira, entdecket  solches  dem  Laureno,  und  begehret  seiner  HülflFe. 

Des  dritten  Actus. 

Trinea  überlieffert  der  Pasquella  die  Schlüssel  zum  Garten -Zim- 
mer, und  vexiret  sie  mit  der  Liebe  gegen  den  Laureno.  Die  Prin- 
ceszin Adamira  klaget  gegen  die  Statua  im  Garten  ihre  Liebe,  Laureno, 
welcher  sich  verstecket  hat,  höret  solches,  und  erfähret  also  ihr  Oeheim- 
nüs,  überredet  sie  auch,  dasz  er  die  Kunst  könne,  einen  Stein  leben- 
dig und  beweglich  zu  machen,  und  verspricht  solches  ins  Werk  zu 
richten.  Drusilla  lasset  durch  ihren  Diener  Despino  dem  Perideus  ihre 
Liebe  antragen,  Laureno  oftfenbahret  dem  Perideus  der  Adamira  heim- 
liche Liebe  gegen  die  Statua,  mid  gicbt  ihm  den  Rath,  dasz  er  auff 
die  künfftige  Nacht  die  Statua  präsentiren  solle:  die  Princeszin  zu 
betrügen,  und  seine  Begierde  zu  erfüllen,  hernach  überredet  er  den 
Printz  Heinrich,  dasz  die  Princeszin  Adamira  gegen  ihn  verliebet  sey. 


320  PALUDAN 

und  werde  seiner  künfftige  Nacht  im  Garten  erwaiien.  Drusilla  ent- 
decket dem  Despino  dasz  sie  die  Rache  so  wohl  an  Printz  Heinrich, 
als  an  Perideus,  wegen  verschmäheter  Liebe,  suchen  wolle.  Adamira 
kommt  im  finstem  zu  ihrer  geliebten  Statua  in  den  Garten,  welche 
sie  lebendig  machet,  und  mit  sich  führet.  Printz  Heinrich  vermeinet 
Adamira  anzutreffen,  enpfanget  aber  unwissend  seine  verlassene  Liebste, 
die  Dionysia,  welche  sich  in  der  Adamira  Kleider  verstellet  hat,  wer- 
den also  Adamira  und  Heinrich  durch  die  Dunckelheit  der  Nacht  artig 

betrogen. 

Des  vierten  Actus. 

Drusilla  klaget  dem  Printz  Heinrich  bey  dem  König  fälschlich  an, 
als  habe  er  sie  mit  Gewalt  zu  seinem  Willen  zwingen  wollen,  Despino 
musz  diese  Anklage  wider  seinen  Willen  bekräflftigen  helflPen.  Der 
König  beklaget  sich  über  Printz  Heinrich,  dieser  solches  hörend,  ver- 
meynet,  dasz  der  König  um  seine  Liebe  wisse,  tritt  derohalben  hervor, 
und  bekennet  dem  König,  dasz  er  vergangene  Nacht  der  Princeszin 
Adamira  ihre  Liebe  genossen  habe,  der  König  jaget  ihn  zornig  von 
sich,  und  verfluchet  die  Unkeuschheit  seiner  Tochter  Adamira.  Peri- 
deus, welcher  von  ferne  solches  höret,  bildet  sich  ein,  dasz  der  König 
von  seiner  gepflogenen  Liebe  Kundschaff't  habe,  und  entdecket  solches 
dem  Könige,  und  wird  mit  Grimm  abgewiesen.  Darauf?  bringet  Pas- 
quella  dem  Könige  der  Adamira  Kleider,  welche  sie  in  des  Laureno 
Kammer  gefunden,  und  saget,  das  Adamira  mit  Laureno  in  Unzucht 
gelebet  habe.  Der  König,  seiner  Tochter  Ehre  zu  retten,  wil  sie  mit 
Printz  Heinrich  vermählen,  aber  Laureno  kommet  darzwischen,  und 
entdecket,  dasz  sie  die  Princeszin  Dionysia  sei,  befindet  sich  also 
Heinrich  betrogen,  bittet  seine  Liebste  um  Verzeihung,  und  vertraget 
sich  mit  ihr. 

Des  füuiTten  Actus. 

Der  König  examiniret  seine  Tochter  scharff,  dasz  sie  sagen  solle, 
wer  vergangene  Nacht  bey  ihr  gewesen,  sie  aber  bleibet  beständig 
darauft*,  dasz  es  die  Marmorne  Statua  sey,  weswegen  sie  der  König 
für  unsinnig  hält,  beschliesset  aber  bey  sich,  den  Beti'ug  zu  erforschen. 
Pascjuella  suchet  Gegen -Liebe  bey  Laureno,  weil  sie  ihn  vor  ein  Manns- 
bild hält,  und  verehret  ihm  ein  köstlich  Kleinod,  Drusilla  und  Despino 
sehen  dieser  Kurtzweil  zu,  und  venneynet,  dasz  das  Kleinod  dem  Kö- 
nige gestohlen  sey.  Perideus  wird  in  Gestalt  der  Statua  ertappet  und 
gefangen  genommen,  und  siehet  die  Princeszin  Adamira,  dasz  sie  betro- 
gen worden.  Perideus  wird  von  der  Drusilla  als  ein  Dieb  angeklaget, 
aber  vermittelst  des  Kleinods,   wird   er  vor   den   verlohmen   Printzen 


WANDRRTRUPPRN   IN   DÄNEMARK  321 

Coriuto  aus  Arragonien  vom  Könige  erkannt,   und  mit  der  Prineeszin 
Adamira  vermählet. 

Nach  dieser  vortrefflichen ,  raren,  Haupt- Action,  soll,  damit  jeder- 
mann vergnügt  uns  verlassen  möge,  den  Beschlusz  machen,  eine  Nach 
Gomödie,  welche  ungemein  lustig  und  sich  betitult:  Pickelherings  Dop- 
pelte HejTath". 

Den  titel  „kgl.  polnischer  und  churfürstlich  sächsischer  hof-come- 
dianten"  bekam  die  truppe  der  witwe  Veiten  nach  der  wähl  des  kur- 
fürsten  Friedrich  August  zum  polnischen  throne  1697;  1714  gieng  der- 
selbe auf  die  Haacksche,  später  Hoffmannsche  truppe  über^  Das  stück 
war  bereits  von  Veiten  1684  in  Dresden  und  1690  in  Torgau,  nach 
1700  vielleicht  in  Nürnberg  aufgefühii;  und  ist,  wie. schon  der  theater- 
zettel  besagt,  nach  Giacinto  Cicognini,  einem  der  besseren  dranuitiker 
Italiens  im  17.  Jahrhundert  bearbeitet  2.  Dem  ausführlichen  referat  bei 
Klein  zufolge  weicht  die  hauptaction  nur  unwesentlich  von  Cicogninis 
„Adamim  overo  la  Statua  dell'  onore",  Venezia  1663  (1657?),  ab.  An 
dem  scenengang  ist  vielleicht  ein  wenig  geändert,  einige,  meist  unter- 
geordnete personen  haben  namen  gewechselt  (die  maitresse  des  königs 
lieisst  im  original  Lesbia);  die  alte  Pasquella  und  Despino,  welcher  bei 
Cicognini  eunuch  ist,  nähern  sich  als  „lustige"  pei-sonen  etwas  mehr 
dem  weiblichen  und  männliclien  liarlekin,  dessen  figur  in  der  haupt- 
action nicht  gern  fehlen  durfte.  Bei  Cicognini  ist  die  stelle  der  hund- 
lung  an  den  hof  des  schwedischen  königs  in  „Nicosia"  verlegt,  und 
die  äussei-st  verwickelten  liebesintrigen  spinnen  sich  zwischen  schwe- 
dischen, dänischen  und  norwegischen  prinzen  und  Prinzessinnen  ab, 
um  durch  die  blaue  ferne  den  romantischen  effekt  zu  erhöhen.  Wahr- 
scheinlich zu  demselben  zwecke  hat  der  deutsche  bearbeiter  die  scene 
nach  Spanien  und  Italien  zurück  verlegt,  weil  diese  gogenden  im  nor- 
den als  land  der  romantik  galten^.  80  kam  aber  das  stück  um  das 
lokalinteresse,  welches  die  ursprüngliche  fassung  bei  einer  aiifführung 
in  Kopenhagen  dargeboten  hätte,  besonders  zu  einer  zeit,  wo  kaum 
jemand  an  dem  gänzlichen  mangel  aller  geschichtlichen  und  nationalen 
farbung  würde  anstoss  genommen  haben. 

1)  FürsteDaii,  Goscli.  der  iiiusik  und  dos  theatoi*s  in  Drosden  TT,  200. 

2)  Hoino,  Joh.  Veiten  30.  58.  60.  Klein,  Go.sch.  de.s  dramas  V,  000  fg-f.  Jahr- 
buch d.  Shakespearogoselsoh.  XIX,  14G,  ur.  11. 

3)  In  Meissners  Verzeichnis,  Shakcspcarejalirl).  XIX,  140,  lässt  jedoch  der 
titel:  „Bio  in  eine  statua  verlihte  jirinzesin  Adaniira  aus  Nordwogen"  (Nürnberg 
um  1710?)  auf  eine  vei"schied(*ne,  in  di(js«'r  iiinsieht  Cicognini  näher  stehende  redac- 
tion  schliessen. 

ZRITSCHRIFT   F.    DKUTSCHE   PHILOI.OGIK.     BD.  XXV.  21 


322  '  PALUDAN 

n. 

Ungefähr  aus  derselben  zeit  datiert  sich  vermutlich  ein  zweiter 
anschlagzettel ,  der  einzige,  der  sich  von  einer  Vorstellung  der  Wander- 
truppen in  den  dänischen  provinzen  erhalten  hat: 

„Comoedia  Genandt:  Der  Verirrte  Liebes-Stand,  oder  Der 
Durchlauchtige  Bauer.  Dediciert  und  prsesentiii  Dem  Hoch  und 
Wohlgebornen  Herrn,  Hn.  Hans  Schach,  Graff  von  Schackenburg  etc. 
Stifft- Befehl ungs- Mann  über  Riber-Stifft  etc..  Meinem  gnädigsten  Gra- 
fen und  Herrn". 

Nach  einer  langen  poetischen  widmung,  einer  guten  probe  der 
elenden,  eben  so  gespreizten  als  kriechenden  komödiantenpoesie  der 
zeit,  welche  L.  A.  D.  unterzeichnet  ist,  folgt  der 

„Summarische  Inhalt  der  Persohnen. 

1.  Orismanna,  Königin  in  Böhmen. 

2.  Sigislaus,  ihr  Vetter,  Printz  in  Böhmen. 

3.  Odoardus,  Hertzog  und  General  der  Königin. 

4.  Hedregundis,  Princeszin  der  Wenden. 

5.  Salamiro,  grosser  Stadhalter  in  Böhmen. 

6.  Protopan,  Hoher- Priester. 

7.  Mehim  \ 

9.   Herminus  1   i^..  .  ,.  .     ^-u 

10.  Belsarus    )  königliche  Rathe. 

11.  Saga,  eine  Ziegeunerin. 

12.  Dolfero 

13.  Fiandus 

14.  Hedwan,  ein  Bauer. 

Actus  I. 
Orismanna,  Königin  der  Böhmen,  kommt  mit  Sigislao  ihres  Bru- 
ders Sohn,  nach  niedergelegten  Wendischen  Kriegs-Heer  und  Gefan- 
genschafft der  Wendischen  Princeszin  Hedregundis  triumphirend  in 
Böhmen  an.  Orismanna  ertheilet  Befehl,  die  Hedregundis  den  Göttern 
auffzuopffern,  Sigislaus  wird  in  denselben  Augenblick  gegen  sie  ent- 
brant,  und  suchet  ihren  Todt  zu  hindern,  bisz  der  dai*zukommende 
Hohe -Priester,  nachdem  der  Tempel  eröffnet,  die  Königin  auf  mildere 
Gedancken  bringet,  und  die  Gefangene  völUg  vom  Tode  befreyet 

Actus  n. 
Sigislaus,   nachdem  er  von  einem  erscheinenden  Nächtigen  Geist 
Nachricht  erlanget,  dasz  sein  Vater  von  Hertzog  Odoardo  mit  GilBEt  sey 


„    ^  ,2  Priester. 

8.   Sacer 


>  Ziegeuner. 


WANDERTRÜPPBN   IN  DÄNEMARK  323 

hingerichtet  worden,  verpflicht  sich  hoch,  seinen  Tod  zu  rächen.  He- 
dregiindis  geräth  in  ein  Gespräch  mit  ihm,  welches  die  Ankunfft;  der 
ungestümen  Orismanna  verhindert.  Sigislaus  entdecket  der  Königin 
Mäuchelniörderischen  Tod  seines  Vaters,  und  kau  sein  rachgierich  Ge- 
müth  dabey  nicht  verbergen.  Die  Königin  bittet  aus  falschen  Sinn, 
er  möchte  sich  nach  dem  Ober- Zimmer  verfügen,  sie  wolle  ihm  gleich 
folgen,  und  fernere  Unterredung  halten,  Sigislaus  gehet,  und  fället  in 
die  daselbst  zugerichtete  Falle,  nehmlich  eine  Grube  von  Ottern  und 
Schla[n]gen  angefüUet  Odoardus  geräht  bey  der  Königin  in  Verdacht, 
ob  habe  er  Sigislaum  den  Mord  seines  Vaters  entdecket,  wird  aber 
bald  bey  ihr  wieder  ausgesöhnet.  Die  Königin  versammlet  ein  Gericht 
über  die  unschuldige  Hedregundis,  gibt  vor  sie  sey  mit  Sigislao  ver- 
letzter Majest  schuldig,  Sigislaus  als  überwiesen  habe  die  Flucht  genom- 
men, fället  hernach  selbst  das  Urtheil,  man  soll  ihr  einen  Ti-unck,  wel- 
cher sie  ihres  Sinnes  beraubet,  eingeben,  und  heniach  in  eine  wüste 
Einöde  Verstössen,   Sigislaus  entkommt  in  Bauren  Habit  den  Zorn  .der 

Orismanna. 

Actus  III. 

Hedregundis  kommet  rasend  zu  einer  Compagnie  Ziegäuner,  Saga, 
die  vornehmste  darunter,  bringet  ihr  durch  einen  Kräuter-Trunck  den 
verlohmen  Verstand  wieder,  und  nimmt  sie  vor  ihre  Tochter  an,  Sigis- 
laus verdingt  sich  als  ein  Knecht  bey  einen  Bauer  Orismanna  ist  cnt- 
schlüssen,  ihren  heimlichen  Buler  Hortzog  Odoardum  auff  den  Thron 
zu  heben,  hier  wieder  legen  sich  die  Reichs -Stände,  entschliessen  sich 
endlich  das  Oracul  zu  befragen,  welches  zur  Antwordt  gibt,  dasz  der 
Böhmische  Thron  einen  Bauren  und  Ziegouncr  bescheret  sey,  hierüber 
wird  Orismanna  erzürnet,  hauet  dasz  Götzen- Bild  entzwey,  versincket 
aber  zugleich  in  den  Schlund  der  Erden.  Odoardus  wird  auff  Befehl 
der  Stände  gefänglich  angenommen,  das  Oracul  wird  wieder  gefragt, 
wer  das  Reich  regieren  solte,  gibt  zur  Antwort,  der  auf  einen  eysernen 
Tisch  sein  Brod  wird  essen.  Deszhalben  werden  an  unterschiedene 
Oerter  Hoff- Bediente  geschicket  solchen  zu  suchen. 

Actus  IV. 

Sigislaus  geräth  mit  der  verkleideten  Hedregundis  in  einen  Lie- 
bes-Discurs,  jedoch  unwissend,  das  es  seine  Liebste  sey.  Belsarus  ent- 
lediget den  Odoardum  seiner  Gefängnüs,  welcher  hernach  im  Wald 
dem  arbeitenden  Sigislao  unerkandt  aufif  stöst,  und  alle  seine  Schelm- 
stücke ordentlich  erzohlet,  aber  darbey  eine  grosse  Reu  blicken  last. 
Sigislaus  heist  ihn  um  mehr  Sicherheit  willen,  sich  in  eine  alte  Scheuer 

21* 


324  PALUDAN 

verbergen.  Fürst  Salamiro  mit  einem  Priester  finden  Sigislaum  aiiff 
dem  Pflug  sein  Brod  essen,  kündigen  ihm  Königliche  Würde  an,  wobey 
sich  der  neue  König  wunderlich  anstellet,  indem  er  den  Fürsten,  aller 
seiner  Würden  und  Güter  entsetzet,  und  die  gantze  Ziegäuner-Zunffl 
nebst  dem  Odoardo  und  seinen  Wirth  und  Wirthin  gefönglich  anneh- 
men lasset. 

Actus  V. 

Sigislaus  legt  seine  verstelte  Grausamkeit  ab,  setzet  den  Fürsten 
Salamiro  in  seine  Würden  und  Güter  wieder  ein.  Belsarus  erlangt 
Gnad  wegen  des  entledigten  Odoardi.  Odoardus  wird  zu  ewigen  Zeiten 
aus  dem  Königreich  Böhmen  verbannet,  der  Bauer  Hedwan  und  die 
Ziegeuner  werden  begnadiget,  und  Sigislaus  vermählet  sich  nach  vor- 
liergehender  scharfifen  Keuschheits-Prob,  mit  der  Ziegeunerin  Hyacyn- 
tha,  welche  zuletzt  vor  die  Princeszin  Hedregundis  erkennet  wird. 

Nach  dieser  Haupt- Action  sol  folgen  eine  lustige  Nach-Comoedie 

Arleqvin  der  betrogene  Kup[ler]. 

Das  stück  finde  ich  nur  in  Meissners  Verzeichnis  [Jahrb.  der 
Shakespearegeselsch.  XIX,  149,  nr.  71:  „Der  Eiserne  tisch  oder  prinz 
sigislaus  aus  böhmen**,  zu  Nürnberg  nach  1700?]  erwähnt;  dessen 
Inhalt  aber  nirgends  widergegeben.  Seinen  Ursprung  habe  ich  nicht 
ermitteln  können;  vielleicht  fände  sich  wie  für  die  Adamira  ein  origi- 
nal in  der  romantischen  dichtung  Italiens  oder  Spaniens.  Die  perso- 
nennamen  in  unserem  stück  tragen  jedoch  weniger  italienisches  gepräge 
als  die  der  Adamira. 

Der  Zettel  hat  keinerlei  datierung,  ialt  aber  nach  den  dem  grafen 
Schack  beigelegten  ämtern  und  ehrentiteln  zwischen  1698  — 1711^, 
wahrscheinlich  in  die  lezteren  jähre  dieser  periode.  Die  truppe  ist  auch 
nicht  näher  bezeichnet,  aber  die  buchstaben  L.  A.  D.  unter  der  poe- 
tischen Widmung  können  meiner  ansieht  nach  nichts  anders  als  Leonard 
Andreas  Denner  bezeichnen.  Dies  war  gewiss  der  ältere  Denner,  wel- 
cher wie  sein  söhn,  der  bokante  Harlekinspieler,  seine  tochter  und 
sein  künftiger  Schwiegersohn,  der  spätere  prinzipal  Johann  Spiegelberg, 
ursprünglich  mitglied  der  Veltenschen  truppe  gewesen  sein  soll.  Nacli 
Devrient^  bildeten  sie  1710  eine  eigene  geselschaft,  die  namentlich  im 
norden  hospitierte.  Die  Jahreszahl  ist  jedoch  zweifelhaft;  die  Denner- 
Spiegelbergsche  bände  dürfte  sich  schon  eher  abgesondert  haben.  Von 
den  kurf.  sächsischen  und  kgl.  polnischen  comödianten  der  witwe  Vel- 

1)  Worlauff,  Antegnelser  292. 

2)  Gesch.  (1.  deutschen  schauspielk.  I,  344. 


WANDKRTRÜTPEN   lÜ   DÄNEMARK  325 

ten  weiss  man  nur,  dass  sie  1697  in  Dresden  und  Wien,  1702  und 
1709  in  Hamburg,  1704  in  Nürnberg,  1707  in  Kopenhagen  spielten ^ 
Hingegen  ist  es  unsicher,  ob  es  diese  bände  und  nicht  vielmehr  schon 
die  Denner-Spiegelbergsche  war,  welche  im  Winter  1709  — 10  bei  ihren 
irfahrten  auf  dem  eise  in  den  skandinavischen  reichen  so  übel  zugerich- 
tet wurde,  dass  Jfr.  Denner  sich  die  beiden  grossen  zehen  amputieren  las- 
sen muste^.  Jedesfals  spielte  die  Denner-Spiegelbergsche  familie  noch 
vier  jähre  früher,  1706,  mit  Stranitzky  in  Wien  zusammen,  vielleicht 
doch  nur  zeitweilig  von  Veltens  getreu t;  aber  nicht  lange  vor  oder 
nach  dieser  zeit  treffen  wir  urkundlich  den  älteren  Denner  als  prinzi- 
pal einer  eigenen  bände  zu  Köln.  Maltzahn,  Bücherschatz  346,  hat 
nämlich  folgenden  anschlagzettel: 

„Denen  Hoch- Edel -Gebohrnen,  Gestrengen  .  .  .  Herren  Bürger- 
meisteren und  Rath  Der  Käyserlichen  Freyen- Reichs -Stadt  Collen  am 
Rhein,  Meinen  Gnädigen  und  Hochgebietonden  Herren  wolte  folgende 
Haupt- Action  nebst  vorgehendem  Musicalischen  Prologo  Genannt  Der 
im  Krieg  verirrte,  und  in  der  Lieb  verwürrte  Soldat  Als  ein  Zeichen 
seiner  unterthänigen  Pflicht  und  Schuldigkeit,  gehorsambst  aufführen 
und  verbundenst  dediciren,  Deroselben  Unterthäniger  Diener  Leonardus 
Andreas  Denner,  Principal  der  Königl.  Grosz-Britt.  und  Churfürstl. 
Braunschweig-Lüncburg.  würklichon  Hoff-Acteurs". 

Der  Zettel  ist  ohne  jähr;  Maltzahn  sezt^  ihn,  ich  weiss  nicht  wa- 
rum, in  die  jähre  1698 — 1708,  was  nicht  übel  mit  der  mutmasslichen 
Zeitangabe  für  die  aufführung  des  „Durchlauchtigen  Bauers''  zu  Ripen 
in  Jütland  stimt.     Der  Verfasser  der  poetischen  widmung  L.  A.  D.  spricht 

1)  Devrient  I,  315  —  16.  318.  Fürstenau  II,  299.  Ovei-skou  I,  126.  Siehe 
Gaedertz,  Theaterzuständo  121.  123. 

2)  Schmidts  mir  loidov  unzugäiifjlicht?  (Chronologie  des  deutschen  thcatei*s  erzählt 
diese  etwas  romantische  geschichte  von  Spiegelhergs  bände;  Overekoul,  127  hingegen 
von  Veltens,  die  sich  von  Kopenhagen  nach  Holstein  reisend  auf  dem  gofrornen 
Mt  Verirte.  (Vgl.  hierzu  die  oben  citiorto  notiz  bei  (iaedertz  a.  a.  o.  123  von  der 
iKJSchwcrlichcu  überfahrt  der  witwe  Veiten  von  Koj)enhagen  nach  Holstein  im  oktol)er 
1703.)  Overskou  beruft  sit-h  auf  Jüwen,  in  dessen  Theatergesoh.  (Schriften  IV, 
Hamb.  1706)  diese  erzählung  sich  jedoch  nicht  iindot,  dagegen  eine  andere,  höchst 
a|K)kryphe,  von  tlem  entsetzen  der  naiven,  halb  heidnischen  (!j  Gotländer,  als  Vel- 
tens trupjH),  vom  Sturm  versclilagen ,  in  theatercostumen  ilire  insel  betrat.  Die  zwei 
traditionen  vermischt  Devrient  I,  34J ,  der,  ohne  besonden»  geographische  skrupoL 
Spiegelbergs  ti'U))j)e  „auf  dem  gefrornen  Delt"  nach  Ootland  wandern  liisst  (!)  E.  Lund 
(Blad  ur  svenska  teaterns  bist. ,  „Nu'^  1871—75,  427)  findet  mit  fug  Uverskous  bericht 
wahrscheinlicher;  all(;in  woher  stamt  denn  eigentlich  dieser?  Weder  schwedische 
noch  diinische  gleichzeitige  quollen  wissen  von  einem  l)esuch  deutscher  scliausjneler 
im  jalire  1710,  und  auch  die  d»3utschen  scheinen  etwas  trübe  und  widers])recheud. 


326  FALUDAN 

auch  in  dem  Ripener  programm  mehrmals  in  der  ersten  person  und 
im  eigenen  namen,  so  dass  wir  berechtigt  sind,  in  ihm  den  prinzipal, 
und  also  in  der  truppe  die  königl.  grossbrittannischen  und  kurfüretlich 
braunschweig -lüneburgischen  hof-acteurs  zu  vermuten.  Von  dieser 
geselschaft  weiss  man  sonst  nichts  weiter,  als  dass  die  bekante  Caroline 
Weissenborn  und  ihr  gatte  Neuber  mitglieder  waren,  als  sie  1718  zu 
Braunschweig  getraut  wurden^.  Es  war  also  nicht,  wie  v.  Reden - 
Esbeck  vermutet,  die  Haacksche  truppe,  welche  diesen  titel  führte; 
vielmehr  hatten  Neuber  und  seine  gattin  1717  ihre  scenische  laufbahn 
bei  der  Spiegelbergschen  bände  angefangen  und  waren  dann  in  dem 
nächsten  jähre  zu  den  kgl.  grossbrittannischen  acteurs  übergegangen; 
was  sehr  natürlich  ist,  vorausgesezt  dass  Denner,  der  mit  Spicgelberg 
in  so  naher  Verbindung  stand,  noch  8  — 10  jähre  nach  seinen  Vorstel- 
lungen in  Köln  und  Ripen  an  der  spitze  der  leztgenanten  truppe  war. 

m. 

Die  beiden  Vorstellungen  zu  Köln  und  zu  Ripen  sind  sogenante 
„Raths-komedien*^,  welche  die  truppen,  um  sich  für  gute  aufnähme  zu 
bedanken,  mit  feierlicher,  auch  poetischer  Widmung  der  obrigkeit  zu 
ehren  zu  geben  pflegten.  In  Deutschland,  besonders  in  den  freien 
Städten,  war  es  bürgemieister  und  rat,  denen  man  auf  diese  weise  hul- 
digte 2;  in  Dänemark  aber,  wo  unter  der  souveränen  regierung  die  com- 
munaladministration  weniger  entwickelt  war,  wante  man  sich  an  den 
stelvortreter  des  königs  oder  an  hohe  und  einflussreiche  gönner.  So 
finden  wir  dasselbe  stück  „Der  verwirrte  Soldat",  welches  in  Köln  von 
Denner  als  ratskomödie  aufgeführt  war,  auch  in  Kopenhagen  1719,  dem 
üboi-secretär  der  dänischen  kanzlei  Ditlew  Wibe  zu  ehren,  von  der  Spie- 
gelbergschen truppe  gespielt.  Diese  hauptaction  war  eine  der  bckau- 
testen  und  beliebtesten;  sie  stand  fünfzig  jähre  liindurch  auf  dem  reper- 
toire  verschiedener  truppen  und  gehört  zu  den  wenigen,  die  volständlg 
veröffentlicht  sind,  vielleicht  in  einer  zu  Laibach  schon  1671  aufgeführ- 
ten redaction^.  Später  wurde  sie  in  Dresden  1673,  und  in  Torgau  1690 
von  Veiten,  zu  anfang  dos  18.  Jahrhunderts  von  Denner  in  Köln,  1719 
von  Spiegelberg  in  Kopenhagen,  1720  (auch  1733?)  in  Stockholm  und 

1)  Trauschein  bei  v.  Reden -Esbeck,  Caroline  Neuber,  41. 

2)  Vj,'l.  A.  Cohn  im  Jahrb.  d.  8hjikespoaregos.  XXIII,  269  fgg.,  1092  und  1609 
in  Breslau.     Oaedertz  Theaterzust.  110,  1080  in  Lüneburg. 

3)  Durch  G.  v.  Kadicz,  Agram  1865;  vgl.  Litt,  centralbl.  1866,  nr.  49,  Job. 
Jioltü  in  der  Ztschr.  f.  deutsche  pliil.  XIX,  1887,  s.  86  uud  Klemmiug,  Sveriges 
dramatiska  literatur  539. 


WANDKSTRUPFEN   IN   DÄNEMARK  327 

möglicherweise  1724  in  Hamburg  von  demselben  gespielt  Die  aus- 
gäbe von  Badicz  stand  mir  nicht  zu  geböte;  um  andern  die  vergleich ung 
zu  erleichtem,  teile  ich  hier  das  Eopenhagener  programm  mit,  nur  mit 
weglassung  der  in  Kopenhagen  eigens  hinzugedichteten  widmung  und 
einer  Aria,  worin  „Fama  der  Hoch -Edel  und  Wohlgebohmen  Wibschen 
Familise  alles  Glück  und  Heil  wünschet,  Wobey  sich  der  Berg  Parnas- 
sus  mit  denen  Musen  praesentiret**,  ein  stück  poesie  von  demselben 
schlage  wie  die  Dennersche.  Der  text  selbst  scheint  nach  dem  in  Bol- 
tes  aufsatz  gegebenen,  kurzen  andeutungen  ganz  derselbe  zu  sein,  wel- 
cher in  Berlin  und  Wien  handschriftlich  erhalten  ist,  vermutlich  also 
auch  mit  dem  von  Badicz  herausgegebenen  gleichlautend.  Einige 
Unklarheiten  und  kleinere  namensänderungen  sind  wol  auch  hier  der 
schriftstellerischen  unbeholfenheit  des  programverfassers  zuzuschreiben. 

„Mit  AUergnädigster  Königlicher  Bewilligung,  Wollen  Dem  Hoch- 
Edel  und  Wohlgebohmen  Herrn,  Herrn  Detlev  von  Wiben,  Ritter  von 
dem  Elephanten  Orden.  Sr.  Königl.  Majestät  von  Dennemarck  und 
Norwegen,  etc.  Hoch-wohlbestajten  Geheimten  ßath  und  Grosz-Cantz- 
lern.  Ihrem  grossen  und  vielvermögenden  Patron  dediciren  und  über- 
geben Gegenwärtige  Blätter.  Und  Ihm  einig  zu  ehren  auf  den  gewöhn- 
lichen Theatro  in  einen  Schau -vSpiel  vorstellen,  eine  galante,  modeste 
und  sehenswürdige  Action,  Genandt:  Des  glückes  Probier-Stein, 
Oder  Der  im  Krieg  verirrte,  und  in  der  Liebe  verwirrte  Lie- 
bes-Soldat Heute  Montags  den  23  Januarii  [1719]^.  Die  vor  itzo  An- 
wesende Hoch  Teutsche  Comoedianten".  (Hier  folgt  widmung  und  prolog.) 

Persohnen  der  Action. 

1.  Selim,  König  in  Persien. 

2.  Selimor,  sein  Sohn,  unter  dem  Nahmen  Ormachus. 

3.  Albia,  Königs  Tochter.  * 

4.  Aribane,  des  Türckischen  Kaysers,  Solimans  Tochter  und  Selimors 
Liebste. 

5.  Parsinor,  ein  Land -Fürst,  und  der  Albia  Liebhaber. 

6.  Ajachmor,  Ein  Feldtherr. 

7.  Achniet 

8.  Harbi       .  Königliche  Käthe. 

9.  Sultan     J 

10.    Ornian,  Selimoi*s  Hoff- Meister. 

1)  Der  tagcsaiigabe  nach  köute  die  Jahreszahl  auch  1713  sein;  aber  Wibc  wui'de 
erst  am  6.  jan.  1716  elepbautenritter. 


328  PALÜDAN 

Summarischer  Inhalt. 

Selim  ein  König  in  Persien,  hält  mit  seinen  Ministris  Kriegs- 
Bath,  ob  es  vor  sein  Land  und  Reich  besser  gethan  sey  mit  dem 
Türckischen  Kayser,  Solimann,  noch  länger  zu  streiten,  oder  gegen 
denselben  die  Waffen  nieder  zu  legen.  Harbi  will,  dasz  man  den 
Feind  mit  aller  Macht  verfolge.  Achmet  thut  unterschiedene  Vorschlage, 
wie  das  Yolck  zum  Streit  könne  muhtig  und  hertzhafft  gemacht  wer- 
den. Sultan  aber  meinet,  es  sey  weszlicher  [sie!]  gehandelt,  wenn  man 
noch  ein  klein  wenig  mit  Frieden  stille  lege,  und  wartete,  bisz  der 
Feind  von  neuen  den  ersten  Angriff  thue.  Und  weil  Selim  sich  die- 
sen Anschlag  gefallen  lasset,-  bemühet  sich  Füret  Parsinor  auffs  beste, 
solchen  mit  Nachdruck  zu  wiederlegen.  Dieses  hat  um  desto  eher 
seine  Wirckung,  indem  die  Zeitung  von  der  Princcssin  Albia  Gefan- 
genschafft gebracht  wird.  Worüber  denn  der  König  der  massen  ergrim- 
met, dasz  er  eher  sterben,  als  sein  geliebtestes  Kind  in  Solimans  bar- 
barischen bänden  lassen  will.  Der  Perser  Feldherr  Ajachmor  setzet 
mit  der  Klinge  seines  Degens  des  Türckischen  ICaysers  Tochter,  der 
Aribane  eifferig  nach,  welches  bey  jedermänniglichen  eine  grosse  Ver- 
wunderung verursachet,  da  sie  nicht  wissen,  was  es  vor  eine  Persohn 
gewesen.  Aribane  tritt  darauff  mit  geblösten  Gewehr  herein,  giebt 
sich  zu  erkennen,  und  nachdem  um  ihrcntwillen  der  Krieg  angefangen 
worden,  begehret  sie  von  dem  Könige,  dasz  er  durch  ihre  Hand  ster- 
ben soll.  Ormachus  beschützet  des  Königes  hohe  Wohlfahrt  durch 
seine  Klinge,  und  redet  mit  freundlichen  werten  Aribane  ein,  dasz 
sie  ihren  zorn  mäszige.  Sie  aber  wendet  vor,  es  sey  fast  ohnmöglich, 
sich  zu  zwingen,  allermassen  der  blutdürstige  Selim  sie  ihres  Liebsten, 
durch  Ertödtung  seines  Sohnes  beraubet  hat.  Doch  nach  langer  Unter- 
redung besänfftiget  sie  sich,  sonderlich,  da  ihr  Erlaubnisz  gegeben  wird, 
ihres  liebsten  Grabmahl  zu  sehen.  Ajachmor  mit  Sultan  und  Achmct 
bringen  die  höchsterfreuliche  Nachrieht,  das  Solimans  gantze  Krieges- 
Macht  gäntzlich  von  ihnen  erleget  sey,  und  Fürst  Parsinor  die  Print- 
zessin  Albia  aus  der  Türeken  Gewalt  errettet  habe.  Albia  und  Parsinor 
zeigen  sich  in  Persohn  selber,  und  nachdem  er  sich  so  tapß'er  gehalten, 
bekommt  er  die  Printzessin  von  des  Königes  Hand,  statt  einer  könig- 
lichen Belohnung,  zu  seiner  Gemahlin.  Ormachus  als  ein  Erhalter  des 
Königes,  wird  ebenfals  begnadiget,  und  mit  dem  Fürstenthum  Meschet 
boschencket.  Aribane  erhält  desgleichen  völligen  Pardon,  und  wird  mit 
aller  Liebe  und  Höffliclikeit  umfasset.  Ormachus  beseufftzet  sein  Elend 
besonders,  dasz  er  seine  liebste  Aribane  verlassen  müssen,  und  von 
seinem  Vater  so  unbarnihertzig  verfolget  worden,   der  ihn  auch  sogar 


WANDERTRUPPEN   IN   DÄNEMARK  329 

todt  ZU  seyn  vermeinet.  Orman  als  sein  Hoffmeister,  erkündiget  sich 
bey  Ormacho  seines  wahren  Zustandes,  und  weil  er  mit  selbigem  Mit- 
leiden trägt,  versichert  er  ihn  durch  einen  theurcn  Eydschwur  seiner 
getreuen  Hülffe. 

Actus  II. 

Der  König  Selim  bezeuget  ein  überflüsziges  Wollgefallen  gegen 
Ormacho,  dasz  er  ihm  beym  Ijeben  erhalten,  und  wieder  Aribane 
geschützet  Aribane  wird  von  neuen  der  Königlicher  Gnade  vei-sichert. 
Ajachmor,  Sultan  und  Achmet  müssen  ihr  üutdüncken  geben  von  Ari- 
bane Schönheit  Drauff  offenbahret  ihnen  der  König,  dasz  er  sie  zu 
seiner  Gemahlin  begehre.  Solches  glauben  sie  nicht,  dasz  es  geschehen 
könne,  denn  die  liebe,  so  sie  zu  Selimor  getragen,  sey  allzu  grosz. 
Doch  Ajachmor  thut  den  Voi-schlag,  man  solle  einige  Gesandschaffl  an 
Soliman  abfertigen,  und  mit  ihm  Friede  stifften,  vielleicht  möchte  die 
Heurath  können  vollzogen  werden.  Darzu  wird  Fürst  Parzinor  erwählt 
Ajachmor  ist  darüber  vergnügt,  weil  er  in  dessen  Abwesenheit  seine 
Liebste  Albia  zu  entwenden  hoffet  Aribane  verwundert  sich  gegen 
Albia  über  den  prächtigen  Staat  des  Persischen  Hoffes  woboy  Parsinor 
und  Ormachus  mit  zugegen  seyn.  Ajachmor  fordert  den  Parsinor  zum 
Könige  welcher  auch  alsobald  seinen  Abschied  von  seiner  Albia  nimmt, 
und  dem  Ajachmor,  selbigen  indesz  zu  bedienen,  überlasset  Ormachus 
allein  nimt  Gelegenheit  bey  Aribane  mit  verblümten  Reden  von  Selimor 
und  seiner  Liebe,  die  er  gegen  Aribane  gehabt,  zu  reden,  welcher 
Discours  der  König  aber  unterbricht,  worauff'  sich  gleich  Aribane  beur- 
laubet wogzugehen.  Der  König  verlanget  von  Ormacho,  dasz,  weil  er 
beredtsahm,  er  doch  solle  vor  ihm  bey  Aribane  um  Liebe  anhalten. 
Dieses  verspricht  er  zwar  zu  thun  aber  mit  grosser  Bestürtzung  seines 
Gemüthes,  denn  er  selber  die  Aribane  liebet  Ajachmor  entdocket  dem 
Ormacho,  dasz  er  die  Princessin  Albia  liebe,  und  obschon  Fürst  Par- 
sinor ihrer  sey  thoilhaft'tig  worden,  wollo  er  sie  ihme  doch  wieder  ent- 
führen zu  dem  Ende  habe  er  auch  dem  König  überredet,  dasz  er  ihn 
zu  der  Gesandtschaftt  nach  Solinum  brauchen  soltc.  Ormachus  erschrickt 
über  dergleichen  .-IJiiszhcit  gewaltig.  Aribane,  beklaget  vor  sich  ihren 
Selimor,  *ksjz  sie  seiner  Liebe  nicht  weiter  geniessen  kan.  Ormachus 
.xlai'ffegon  seine  Aribane,  dasz  er  sich  nicht  daifi*  vor  seinem  grausah- 
nien  Vater  ihr  zu  erkennen  geben.  Füi^st  Parsinor  besuchet  Ormachum, 
und,  weil  sie  beyderseits  vei*traute  Freunde,  kan  dieser  nicht  umhin, 
ihme  des  Ajachmor  Bubenstück  zu  offenbahren,  doch  ohne  Nennung 
der  Persohn,  weil  er  seine  Ehre  dabey  zu  Pfände  gesotzet  Aribane, 
welcher  von  Ormacho  höret,    dasz  der  König  sie  liebet,  ja  sie  gar  zu 


330  PALUDAN 

seiner  Gemahlin  haben  will,  schlaget  solche  Liebe  aus,  und  wil  von 
keinen  andern,  als  Selimor,  wissen.  Nachdem  Ormachus  sich  gegen 
ihr  blosz  giebet,  und  saget,  er  sey  Selimor,  der  biszhero  Ormachus 
geheissen,  sincket  sie  in  eine  stai'cken  Ohnmacht  zur  Erden  nieder. 
Ormachus  wird  auch  bestürtzt,  denn  da  der  König  nach  der  Ursache 
fragt,  was  der  Aribane  fehle,  weisz  er  nicht,  was  er  andtw orten  soll. 
Doch,  da  er  sehr  draufF  dringet,  wendet  er  ein,  er  habe  bey  ihr  den 
Befehl  des  Königs  vollbracht,  und  als  sie  es  vernommen,  sey  sie  fast 
des  Todes  gewesen.  Albia  imd  Ajachmor  können  sich  nicht  genug 
darüber  verwundern,  Ajachmor  rathet  demnach  dem  König,  er  solle 
mit  Gewalt  sichs  von  Ormacho  sagen  lassen,  woher  ein  solch  schleunig 
Schrecken  entstanden.  Ormachus  gehorsahmet,  und  was  er  kurtz  vor- 
her mit  deutlichen  Worten  gegen  der  Aribane  gesprochen,  dasselbe 
saget  er  hier  sehr  vorklümet  aus.  Und  weil  er  sich  so  gar  an  dem 
König  mit  dem  Degen,  hernach  an  dem  Ajachmor  vergreifft,  wird  er 
in  VerhafFt  gezogen.  Fürst  Pai-sinor  tröstet  die  betrübte  Aribane  mit 
liebreichen  Zureden,  der  Princessin  Albia  erweckt  er  eine  Freude  durch 
Oflfenbahrung  ihres  Bruders  Selimors,  welches  auch  Orman  vor  seine 
Persohii  erweiset,  indem  er  bey  diesen  Handel  mit  ßath  und  That 
ihnen  an  die  Hand  zugehen  getreulich  angelobet 

Actus  in. 

Ormachus  im  Gefängnisz  beklaget  abermahl  seinen  unglückseligen 
Zustand,  dasz  da  ihn  der  Himmel  hat  hoch  gebohren  werden  lassen, 
er  doch  nicht,  wie  andere  Fürsten  und  Könige  Kinder,  leben  kan, 
Orman  spricht  ihm  einen  Muth  ein,  mit  Versicherung,  er  werde  noch 
heute  sein  Aribane  als  Braut,  umarmen  können.  Dieses  will  er  nicht 
glauben,  weil  sein  geiler  Vater  ihm  verhindernisz  machet,  wird  aus 
Liebe  nach  Aribane  rasend,  aus  Verzweififlung  reisset  er  die  Ketten 
entzwey,  und  springet  aus  dem  Gefängnisz.  Aribane  solches  hörend, 
lauftet  ihm  geschwinde  nach.  Pai-sinor,  nebst  Aehmet  und  Harbi,  las- 
sen sich  von  Orman  dem  richtigen  Verlauft  der  Sache  mit  Ormacho 
erzehlcn,  und  entschlieszen  sich  mit  einhelliger  Stimme,  ihre  Rache 
am  Selim,  den  gottlosen  Vater,  deswegen  auszuüben.  Ormachus  raset 
und  tobet,  und  will  von  Aribane  sich  nicht  bosänfftigen  lassen,  ist  unge- 
halten, dasz  Aribane  seine  Liebe  verachtet,  Harbi  und  Sultau  lästern 
(loni  König  und  vertheidigen  gegen  ihm  den  Ormachum,  worüber  Ajach- 
mor hefftig  erzürnet  wird.  Orman  meldet  einen  Abgesandten  von  Soli- 
man  an,  der  König  will  ihm  nicht  hören,  aber  er  musz  sich  doch  wieder 
des  Königs  Willen  stellen.     Seiini  siehet  sich  verrahten,  weil  der  gantze 


WANDEBIBUPPSN   IN   DÄNKliABK  331 

HoflF  voller  Aiiffruhr  ist.  Des  Gesandten  Begehren  wird  nach  allen 
stücken  erfüllet.  Der  König  fragt  den  Parsinor,  warum  er  nicht  ver- 
reiset, und  die  Gefangenschaffl  [sie!]  nach  Soliman  vorrichtet,  darauff 
er  diese  Antwordt  ertheilet,  weil  nenilich  Ajachmor  in  seiner  Abwe- 
senheit habe,  wollen  mit  seiner  Liebste  durchgehen.  Ajachmor  will 
sich  zur  Rede  stellen,  wird  aber  bald  abgewiesen.  Albia  sagt  ihrem 
Vater  ins  Gesicht,  es  sey  nicht  recht,  dasz  er  mit  seinen  Kindern,  als 
ein  Tyrane,  verfahre.  Ormachus  raset  abermahl,  denn  der  König  will 
wieder  ins  Gefangnisz  werffen.  Keiner  will  die  Hand  an  ihm  legen, 
weil  er  ein  Printz,  und  von  seinen  Vator  unschuldig  leiden  musz. 
»Sultan  körnt,  und  meldet,  wie  dasz  Aribano  nicht  mehr  am  Pereischen 
Hoffe  zu  finden  sey.  Der  Türckische  Abgesandte  giebt  sich  zu  erken- 
nen, und  zeiget,  dasz  unter  den  Manns- Kleidern  Aribane  verborgen 
gewesen.  Selbige  fordert  von  dem  Könige  und  Ajachmor  den  Degen. 
Ormachus  erhält  seinen  vorigen  Verstand.  Wird  von  jeder  männiglich 
vor  Solimor  erkandt,  und  angenommen.  Selim  bittet  um  Verzeihung, 
dasz  er  so  höchlich  geirret,  und  sagt,  es  sey  aus  einer  brünstigen  Liebe 
gegen  Aribane  geschehen.  Erlanget  Gnade.  Ajachmor  aber  wird  als 
ein  Verrähter,  aus  Persien  auflf  ewig  verbannet.  Aribano  und  Orma- 
chus und  Parsinor  und  Albia  schweren  einander  ewige  Treue,  einander 
nicht  zu  lassen.  Und  wird  also  dieser  Action  unter  vielen  Olückwün- 
schungen  zu  aller  anwesenden  Contentement  hiermit  geendiget 

Nach  Endigung  dieser  admirablen  Haupt-Action  soll  zu  desto 
mehrer  Gemüths  Vergnügung,  eine  recht  lustige  Nach  Comödie  den 
vcUligen  Schlusz  machen  Genandt 

Die  vier  verliebten  Geister. 

Der  Schauplatz  ist  auf  den  Schneider  Gelachs- Hause  in  der  I3ro- 

legger- Strasse  auß*  der  Eck  von   der  Endelosz-Strasse,    und  wird  pnr- 

ciso  umb  4.  Uhr  angefangen   und  giebt  die  Pereon  in  Tx)gen   16 — 12 

—  8  bis  4.  Lübsch^. 

IV. 

Dieselben  „hochdeutschen  Coinedianton"  gaben  einige  tage  früher 
im  monat  januar  und  wider  am  9.  niai  1719  zu  Kopenhagen  die 
bekante  tragödie  Papinian  von  Andreas  Oryphius.  In  einem  früheren 
artikel  dieser  Zeitschrift^  habe  ich  gezeigt,  wie  das  damals  so  beliebte 
stück  für  eine  dilettantenvorstollung  zu  St.  Gallen  1080  abgeändert 
wurde;  es  liegt  aber  also  noch  in  einer  dritten  bearbeitung  vor,  der 
Haupt-  und  staatsaction.     Die  schauderhafte    und   ei-Sfliütternde  schil- 

1)  Ztschr.  f.  doutscho  pliil.  XXIll,  'J3U. 


332  PALUDAN 

derung  der  blutigen  regierungszeit  des  tyrannen  Caracalla  eignete  sich 
sehr  wol  für  die  Wanderbühne  und  wurde  schon  1677  von  der  Treu- 
schen  truppe,  1690  von  Veiten  in  Torgau  und  um  1710  in  Nürnberg 
gegeben  1.  Ungefähr  in  dem  leztgenanten  jähre  wurde  die  tragödie  für 
den  behuf  der  Wandertruppen  neu  bearbeitet,  warscheinlich  von  dem 
bekanten  bandenprinzipal  Haskerl,  und  in  dieser  redaction  ist  sie  neuer- 
dings von  C.  Heine  nach  einer  Wiener  handschrift  teilweise  widerge- 
geben 2.  Diese  Haskerlsche  hauptaction  war  es,  die  in  Kopenhagen 
1719  gegeben  wurde,  drei  jähre  früher  als  die  erste  aufiführung  in 
Deutschland,  die  Heine  hat  ermitteln  können  (1722  in  Dresden  von 
der  Hofifniannschen  truppe).  Auch  hier  ist  uns  der  theaterzettel  mit 
ausführlicher  Inhaltsangabe  und  scenengang,  wie  es  damals  bei  den 
haupt-  und  Staats -actionen  üblich  war,  noch  erhalten;  er  dürfte  zu 
vergleichung  mit  Heines  auszug  aus  dem  stücke  hier  seinen  platz 
behaupten  können: 

Mit  allergnädigster  Königliche  Bewilligung  Werden  heute  am  Don- 
nerstage den  12ten  Janarij  [1719]  Die  von  denen  vor  jetzo  Anwesen- 
den Hoch-Teutschen  Comoediantcn  Denen  Respective  Liebhabern  Teutscher 
Schau -Spiele;  mit  lobendigen  Persohnen  vorstellen,  Eine  modeste, 
galante  und  sehenswürdige  Haupt- Action  Genandt  Der  Groszmüh- 
tige  Rechts-Gelehrte  ^milius  Paulus  Papinianus  Oder  Der 
kluge  Phantast  und  warhaffte  Calondermacher  Ein  recht  Mei- 
sterstück der  Comma3dien.  —  Persohn 

Antoninus  Bassianus,  Römischer  Kayser. 
Antoninus  Gota  Des  Kaysei-s  Bruder. 
Juliana  Die  Kayserin. 
Pappinjauus  Der  Rechts -Gelehrte. 
Plaucia  Pappinjanus  Gemahlin. 
Tji^tus  Kavserlicher  Raht. 
Flavius,  Kleandcr  Zwey  Kammer  Diener 
Trosullus  Stern  Kückcr. 
Trarrcus  Calondermacher. 

Actus  primus.  ~  Letus  Flavius  und  Oleander  halten  unter  Re- 
dung,   wie  sie  den   Pappinjanum  seiner  ehren  Aempter  berauben  und 

1)  Jahrb.  d.  Shakespoaivgosolsch.  XIX,  148,  nr.  150:  „Pie  Enthauptung  pa- 
l»iniani  d(?s  rechtsgolohrton  unt(;r  Caracalla".  Der  zeit  nach  könte  dies  vieUoicht  aacb 
ifaskerls  bcarbeituiig  sein. 

2)  Eine  bearboitung  dos  Papinian  auf  dem  rcpertoir  der  wandertmppeo ,  Ztschr. 
f.  deutsche  phil.  XXI,  280  fgg. 


..i 


WANDERTRUPPEN  IN  DANEMARK  333 

wie  sie  ihn  bey  den  Kayser  in  Ungnade  bringen  mögen;  Flavius  aber 
gantz  alieine  gedencket  aufif  Mittel  wie  er  ihn  bey  den  Kayser  in  Gna- 
den setzen  mögen,  Pappin janus  sitzet  beym  Tisch  und  beklaget  sich 
der  Verdriszlichkeit  und  des  grossen  Unrechts  so  ihn  von  den  Kayser 
wiederfahret,  Plaucia  seine  Gemahlin  tröstet  ihn,  bittet  er  möchte  dem 
Kayser  Fuszfällig  werden,  er  aber  kan  dieses  nicht  thun  weil  der  Kay- 
ser ihn  kein  Gehör  ertheilen  wiU,  Lotus  stehet  und  lauret  und  saget 
wie  dasz  er  diese  Untreu  den  Kayser  offenbahren  will,  Trarreus  und 
Jjotus  haben  einige  kurtzweilige  Reden  mit  einander,  wegen  des  Pap- 
pinjanus.  Pappinjanus  und  Flavius  halten  unteiTodung  wegen  des 
Kaysers  gefasten  Zoni  wieder  den  Pappinjano. 

Actus  2.  —  Der  Kayser  triumphieret  wegen  seines  gehabten  Sie- 
ges, Lotus  aber  bildet  dem  Keyser  ein,  als  ob  sein  Bruder  Geta  ihm 
nach  Krone  und  Cepter  trachte,  der  Kayser  will  anfängliches  nicht 
glauben,  weill  aber  der  Kayser  an  seinen  Bruder  Geta  ein  sein  Bedien- 
ten niit  einiger  üecreta  zu  unterschreiben  sendet,  weill  er  aber  die- 
selben nicht  gleich  unterschreiben  wil,  bekommt  er  einen  Argwohn, 
Lotus  seinen  Wort  zu  glauben,  welcher  ihn  dann  auch  die  Anleitung 
giebet,  seinen  Bruder  umbs  Leben  zu  bringen;  Geta  beklaget  des  Kay- 
sers Zorn,  welcher  er  wieder  ihn  traget;  Julia  seine  Mutter  redet  ihm 
solches  aus  den  Siim,  bittet  ihn,  das  er  seinen  Bruder  nichts  wiedor- 
sprechen  möge;  Geta  gehet  hin  seinen  Bruder  aufzuwarten;  Frasullus 
stehet  mit  seinen  Spei-spectiev  und  betrachtet  den  Himmels-Lauff;  Frar- 
reus  stehet  von  hinten  und  siehet  seine  närrische  Grillen  an,  und 
haben  einen  poszirlichen  Discours;  der  Kayser  setzet  sich  mit  seinen 
Bruder  auf  den  Thron,  werden  aber  streitig  zu  sannnen,  der  Kayser 
ersticht  seinen  Bruder;  die  Kayserin  beklaget  den  Tod  ihres  Sohnes. 
Trarreus  und  Frasullus  trösten  die  Kayserin;  Trasullus  hat  etliche 
Kurtzweil  mit  Todten  Cörper. 

Actus  3.  —  Der  Kayser  sitzet  an  den  Tisch,  beklaget  die  Mordt 
so  er  an  seinen  Bruder  gethan,  weil  er  aber,  der  Lotus  welcher  ihn 
zu  dieser  Morät  verführet,  kein  besser  Geschenck  zu  geben  weisz, 
schickt  er  ihn  einen  Brief,  nobst  ein  Dolch  und  einen  Becher  mit  Gifft, 
womit  er  sich  selbst  das  Leben  nehmen  sol,  Lotus  sitzet  bey  dem  Tisch, 
frohlocket  über  dasz  jenige,  dasz  sein  Anschlag  so  wohl  von  statten 
gegangen  ist,  Flavius  überbringet  ihn  den  Brief  nebst  den  Becher  und 
Dolch:  Oleander  kommt  und  hebet  des  Kaysers  einmahl  gefaszten  Urtheil 
auf;  Frarreus  und  Frasullus  halten  einen  lächerlichen  Discours,  worüber 
sie  sich  erzürnen,  und  einander  beim  Kopff  kriegen,  einer  von  des 
Kavsers  Bedienten  wil  sie  von   einander  treiben. 


334  PALÜDAN 

Actus  4.  —  Der  Kayser  begehret  von  Pappinjano,  dasz  er  eine 
Schutz-Rede  vor  dem  Volck  für  ihm  thun  sol,  welches  er  ihn  aber 
abschlägt,  worüber  der  Kayser  zornig  wird,  und  ihn  seiner  Ehren - 
Aempter  entsetzet;  Plautia  höret  die  Klage  der  Gemahlin  Pappinjano; 
Flavius  kündigt  dem  Pappinjano  die  Enfetzung  (!)  seiner  Ehren -Aem- 
ter,  und  beraubet  ihn  seines  Regiments -Staps,  Gewehr  und  seines  Kin- 
des, der  Kayser  befielet  dem  Kinde  das  Leben  zu  nehmen,  und  weil 
Pappinjanus  noch  in  seinen  Willen  nicht  willigen  wil,  befielet  der 
Kayser  ihm  auch  den  Kopfif  abzuschlagen. 

Actus  5.  —  Der  Kayser  fallet  in  einer  Raserey;  Julijana  und 
Plautia  kommen  und  bitten  vor  Pappinjano  weill  aber  er  schon  ent- 
haupt  ist,  erlangen  sie  diese  Antwort  das  sie  zu  späte  kommen,  und 
jaget  sie  von  ihnen,  die  mittel  Gardine  wird  anffgezogen,  da  Presen- 
tiret  ein  Monument  worin  der  Pappinjanus  mit  seinem  Kinde  lieget, 
die  Kayserin  und  Plautia  kommen  und  beklagen  den  Todt  des  Pappin- 
jano, TrasuUus  kommet  und  tröstet  sie,  und  schlieszen  die  Comniödie 
mit  Värsen. 

Nach  Endigung  dieser  admirablen  Haupt- Action  soll  zu  desto 
mehrer  Gemüths  Vergnügung,  eine  recht  lustige  Nach  Comödie  den 
völligen  Schlusz  machen. 

Der  Schauplatz  ist  auf  den  Schneider  Gelachs -Hause  in  der  Bro- 
legger- Strasse  auff  der  Eck  von  der  Endelosz- Strasse,  und  wird  pra^ 
eise  umb  4  Uhr  angefangen  und  giebt  die  Persohn  in  Logen  16,  —  12, 
—  8  bisz  4  Lübsch". 

Etwas  später  in  demselben  jähre  finden  wir  den  Papinian  wieder 
von  den  „  Hochteutschen  Comoedianten**  in  Kopenhagen  aufgeführt, 
aber  mit  geändertem  titel  Auch  in  Deutschland  lautete  nach  Heine  283 
der  titel  häufig  ganz  vorschieden  an  den  verschiedenen  stellen,  wo  das 
stück  gespielt  wurde. 

„Mit  aller  gnädigster  Erlaubnisz  Wird  heute  Dienstag  den  9  Maij 
[1719]  Denen  nach  Standes  Gebühr  Hoch-  und  Viel  Gt^elirten  Lieb- 
habern derer  Comoedien,  Die  Welt -berühmte  Hochteutscho  Compagnie 
eine  galante  Haupt  Action  aufführen,  Betittelt:  Der  unschuldige 
Bruder-Mord  Oder  Das  blutige  Rom,  unter  der  Regierung 
dos  Römischen  Käysers  Antonini  Bassiani  Caracallae,  Wie 
auch  Der  Kluge  Phantast  und  Warhafte  Astrologus.  Zum 
Boschlusz  folgt  eine  lustige  Nach  Comoedie  Genannt,  Arleqvin  eine 
vci-stelte  Mumie. 

Der  Schau-Platz  ist  auff  den  Schneiders  Gelachs-Hausz  und  prae- 
sice  des  Abens  umb  5  Uhr  wird   die  Gardine  gezogen.     Anbey  dienet 


WANDBRTRÜPPKN  IN  dXnKHARK  335 

ZU  wiszen,  dasz  wir  diese  Woche  nur  die  einzige  Comoedie  aufifüren 
werden;  Und  weil  sie  etwas  lang,  wird  dienstlich  ersuchet,  sich  bey 
Zeiten  einzustellen.  —  Der  erste  Platz  giebt  die  Persohn  1  Mck  I^z« 
der  andre  12  Lsl.  der  dritte  8  auch  6  Lsz.'' 

Dass  es  sich  hier  um  die  von  Heine  veröffentlichte  hauptaction 
handelt,  geht  aus  dem  inhaltsreferat  ganz  deutlich  hervor.  Zwar  finden 
sich  besonders  gegen  den  schluss  einige  Verschiedenheiten;  die  ereten 
scenen  des  4ten  acts  sind  in  dem  Kopenhagener  stück  auf  den  3ten 
verlegt,  die  lezte  scene  des  4ten  acts  auf  den  5ten;  die  Überlieferung 
des  Lretus  an  die  kaiserin  und  seine  grausame  strafe  sind  nicht  erwähnt, 
auch  trägt  die  kaiserin  hier  nicht  dem  Papinian  ihre  hilfe  an;  über- 
haupt scheint  der  lezte  teil  des  stücks  stark  verkürzt,  und  das  ballet- 
tenartige  schlusstableau  vei-sammelt  nicht  alle  personen  des  Schauspiels. 
Solche  änderungen  können  sich  aber  die  truppen  nach  massgabe  der 
äusseren  Verhältnisse  bei  der  jedesmaligen  aufführung  leicht  gestattet 
haben,  geschweige  dass  unser  schwerfälliges  referat  sehr  wol  wesent- 
liche teile  der  handlung  vergessen  haben  kann.  Merkwürdig  ist  es, 
dass  die  geistererscheinungen  am  schluss  des  4.  acts  in  der  dänischen 
redaction  fehlen,  da  dergleichen  gespensterscenen  sonst  in  den  mei- 
sten hauptactionen  zu  den  wichtigsten  und  fast  unerlässlichen  mit- 
tein des  bühneneffekts  zälilen.  Bei  der  aufführung  in  St.  Gallen  hat 
man  dagegen  geflissentlich  „dasjenige  so  bey  uns  ungebräuchlich  oder 
nicht  gern  gesehen  wirt,  wie  die  Geister  und  Höllische  Furien"  aus- 
gelassen. 

Übrigens  hat  Heine  302  fgg.  diese  hauptaction  mit  dem  original  des 
Grj^phius  verglichen  um  zu  zeigen,  wie  die  fahrenden  Schauspieler  das 
gelehrte  drama  für  den  roheren  geschmack  ihres  publikums  zurecht 
machten.  Die  gröberen  elementc  der  handlung  sind  in  den  Vordergrund 
gezogen,  der  bloss  rhetorische  teil  des  dialogs  beschnitten  und  bis  auf 
einige  besonders  pathetische  stellen  in  prosa  bearbeitet,  die  lyrischen 
chöre  und  „royhen",  in  denen  sich  Gryphius  am  höchsten  empor- 
schwingt, fallen  ganz  hinweg.  Die  pei*sonenliste  wird  nach  den  kräf- 
ten  der  truppe  beschränkt,  in  Dänemark  noch  stärker  als  in  Deutsch- 
land; so  sind  ausser  mehreren  nebenpersonen  nicht  nur  der  vator  Pa- 
pinians,  sondern  auch  seine  niuttor  Eugenia  gestrichen  und,  wie  es 
besonders  in  dem  sehr  verworrenen  referat  des  4ten  acts  den  anschein 
hat,  teilweise  mit  der  kaiserin  vermengt.  Nach  einer  anderen  seite  hin 
ist  die  handlung  wider  bedeutend  erweitert:  durch  hinzufügung  der 
für  die  hauptaction  ganz  unerlässlichen  Hanswurstscenon,  welche,  um 
dem    volksgeschmack    entgegen   zu   kommen,    dem    tragischen   dement 


336  PALUDAN 

ganz  roll  und  äusserlicli  ein  burleskes  anfügten.  Die  rolle  des  Hans- 
wursts spielt  in  der  hauptaction  der  „kalendermach er **  Trarreus,  zum 
teil  auch  der  „sterakijcker"  Trasullus,  von  denen  nur  der  zweite  bei  Gry- 
phius  vorkonit,  dort  aber  als  ganz  ernst  gehaltene  nebenperson.  Die 
plumpen  schwanke  der  zwei  narren  sind  mit  der  handlung  nur  lose 
verbunden  und  treten  gewöhnlich  vor  und  nach  den  ergreifendsten 
scenen  ein,  vielleicht  um  den  erschütternden  eindruck  etwas  zu  ver- 
wischen; so  heisst  es  in  der  Kopenhagener  redaction  unmittelbar  nach 
dem  brudermord  des  kaisers:  „Trasullus  hat  etliche  kurzweil  mit  (dem) 
toten  körper".  Übrigens  scheinen  hier  einige  der  komischen  auftritte, 
besonders  im  anfang  des  4ten  acts,  weggelassen  oder  vielleicht,  als 
extemporiert,  in  das  programm  nicht  aufgenommen  zu  sein.  Wie  viel 
gewicht  man  derlei  narrenspossen  beilegte,  ist  aus  der  starken,  oft  gar 
irreleitenden  hervorhebung  auf  dem  anschlagzettel  klar:  „Der  gross- 
müthige  Rechtsgolehrte  .  .  .  Papinianus  oder  der  kluge  Phantast  und 
wahrhafte  Calendermacher".  Dieser  misgeschmack  war  besondei's  von 
dem  berühmten  Wiener  Hanswurstspieler  Stranitzky  ausgebildet,  und 
solche  nebentitel  haben  fast  alle  von  ihm  aufgeführten  (und  geschrie- 
benen?) hauptactionen  aus  ungefähr  derselben  zeit^:  „Triumph  der  Ehre 
und  des  Glücks  oder  Tarquinius  Superbus,  mit  Hanns  Wurscht  dem 
unglückseligen  Verliebten ,  durchtriebenen  Hofschrantz,  interessirten 
Kupier  usw."  „Die  Enthauptung  des  weltberühmten  Redners  Ciceronis, 
mit  H.  W.  dem  seltsamen  Jäger,  lustigen  Fallirten,  verwirrten  Brief- 
träger usw.",  „Die  Verfolgung  aus  Liebe  oder  die  grausame  Königin 
Atalante,  mit  H.  W.  dem  lächerlichen  Licbes-Ambassadeur,  betrogenen 
Curiositetenseher,  einfältigen  Meuchelmörder"  u.  m.  dgl. 

Die  Schauspieler,  welche  vom  Januar  bis  mai  1719  in  Kopenhagen 
auftraten,  bezeichnen  sich  immer  als  „hochteutsche  comedianten".  Die- 
ser name  ist  aber  nicht  oinzelbezeichnung  irgend  einer  bestimten  ti'uppe, 
sondern  die  landläufige  benennung  aller  deren,  die  deutsch  spielten 2. 
Allem  anschein  nach  waren  jedoch  diese  comödianten  die  bände  Johann 
Spiegelbergs,  ein  ableger  der  berühmten  Veltenschen  truppe,  die  sich 
um   1712  aufgelöst  hatte.     Noch  früher  aber   schieden  einige  mitglie- 

1)  Schlager,  Wiener -skizzen,  N.  F.  1839,  I,  281.  Weiss,  Wiener  haupt- 
und  Staats -actionen  1854;  die  meisten  vom  jalir  1724;  vgl.  C.  Heine,  Das  Schauspiel 
der  deutschen  Wanderbühne  vor  Gottsched  1889,  28  fgg.  35. 

2)  So  nanten  sich  z.  b.  schon  die  Carlische  truppe  1G74,  die  in  Laibaeh  1G71, 
die  in  Breslau  1G02  und  99  und  die  in  Schweden  1690  —  97  auftretenden  comödiau- 
tou  (Ztscbr.  f.  deutsche  phil.  XIX,  87.  Jahrb.  d.  Shakespearogeselsch.  XXIII,  268); 
auch  die  Velteusche  bände,  bis  sie  sächsische  lioftruppe  wurde,  u.  a.  m. 


WANDERTRT7PPBN  IN   DÄNElfABK  337 

der  derselben  aus  und  trieben  sich  auf  eigene  gefahr  in  Norddeutsch- 
land und  den  nordischen  reichen  herum.  Darunter  waren,  wie  schon  vor- 
her gesagt,  die  familien  Denner  und  Spiegelberg,  welche  bald  einzeln, 
bald  gemeinschaftlich  agierten.  Die  wanderzüge  der  Veltenschen  truppe 
bis  zum  tode  Johann  Veltens  1692  sind  neuerdings  namentlich  durch  die 
Untersuchungen  0.  Heines  ziemlich  genau  bekant  geworden,  und  auch 
die  zweite  deutsche  haupttruppe  in  der  ersten  hälfte  des  17.  Jahrhun- 
derts, die  Neubersche,  hat  durch  ihre  Verbindung  mit  Gottsched,  welche 
den  Übergang  zum  regelmässigen  kunstdrama  vermittelte,  die  auftnerk- 
samkeit  der  forscher  auf  sich  gezogen.  Hingegen  ist  die  geschichte  der 
kleineren  norddeutschen  Wandertruppen  in  dem  Zeitraum  zwischen 
1710  —  27  noch  ziemlich  unerörtert;  aber  eben  für  diese  geschichte 
geben  die  Kopenhagener  theaterzettel  und  andere  dänische  Urkunden, 
wie  wir  teilweise  schon  gesehen  haben,  einige  belege.  Haben  wir  es 
hier  mit  Joh.  Spiegelberg  zu  tun,  so  ist  der  ungefähr  halbjährige  auf- 
enthalt  seiner  truppe  zu  Kopenhagen  1719  die  erste  sicher  beglaubigte 
spur  von  der  Wirksamkeit  derselben;  denn  es  ist  unklar,  in  welchem 
Verhältnis  sie  zu  der  früheren  Dennerschen  geselschaft  gestanden  hatte, 
und  auch  nicht  gewiss,  ob  sie  in  Hamburg  vor  1724  auftrat ^  Spie- 
gelberg nent  sich  aber  nirgends  auf  den  Kopenhagener  theaterzetteln ; 
und  noch  mehr  verwickelt  wird  die  frage  dadurch,  dass  offenbar  unge- 
fähr gleichzeitig  ein  zweiter  prinzipal  desselben  namens  wirkte.  Gla- 
ser^ kent  einen  „Hochfürstlich  Würtembergischen  prinzipal"  Christian 
Spiegelberg,  welcher  1711  während  der  Braunschweiger  messe  auftrat; 
V.  Reden-Esbeck^  glaubt  dies  durch  eine  namensverwechselung  mit 
dem  bekanten  Johann  Spiegelberg  erklären  zu  müssen.  Das  dürft» 
aber  übereilt  sein.  Gewöhnlich  wird  berichtet,  dass  Joh.  Spiegelberg 
auf  einem  seiner  wanderzüge  zu  Bergen  in  Norwegen  den  23.  sept 
1732  starb,  und  wirklich  spielte  noch  im  anfang  des  Jahres  1733  daselbst 
eine  deutsche  truppe.  Die  noch  erhaltenen  ministerialbücher  der  dom- 
kirche  zu  Bergen  wissen  aber  von  keinem  Johann  Spiegelberg;  dagegen 
weisen  sie  aus,  dass  am  26.  sept.  1732  ein  Christian  Spiegelberg  begra- 
ben wurde*.  Dies  zusammen tieffen  mit  Glasers  bericht  kann  kaum 
zufällig  sein;  es  ist  also  wahi-scheinlich ,  dass  zwei  prinzipale  Spiegel- 
berg im  ersten  drittel  des  18.  Jahrhunderts  in  den  nordLschen  reichen 
spielten,   und  dass  es  der  weniger  bekante  würtembergische  hofcomö- 

1)  Schnitze,  Hamburg,  theatergesch.  48.  50. 

2)  Gesch.  (1.  theaters  in  ßrauoschweig,  1861. 

3)  Caroline  Neuber  39. 

4)  Huitfeldt,  Christiania  theaterhist. ,  Kopenh.  1876,  s.  41. 

ZKITSCHRIFT   F.    DEUTSCHR   PHILOLOGIE.      BD.    XXV.  22 


338  PALUDAN 

diant,  nicht  aber  der  vermutlich  zu  Kopenhagen  1719  auftretende  prin- 
zipal der  ^hochdeutschen  compagnie"  Johann  Spiegelberg  war,  der  zu 
Bergen  starb.  Dagegen  treffen  wir  die  witwe  des  lezten,  Mad.  Elisabeth 
Spiegelberg  geb.  Denner,  1735  zu  Norrköping  in  Schweden  spielend^. 

V. 

Die  anwesenheit  einer  anderen  deutschen  bände  zu  Kopenhagen 
in  der  fastenzeit  1717  kennen  wir  nur  aus  einem  officiellen  briefwech- 
seP,   welcher  weder  namen   noch  repertoire  angibt,   die  Vorstellungen 
aber  als  ziemlich  erbärmlich  bezeichnet.     Das  oben  genante  jähr  1719 
hingegen  war  an  Schauspielen   in   deutscher   spräche   besonders   reich, 
indem  ausser  den  „hochdeutschen  comedianten"  auch  eine  zweite,  von 
mir  früher  in  dieser  Zeitschrift  XXIII,  231  fgg.  ausführlicher  besprochene 
geselschaft  auftrat,   welche  u.  a.   den  „Titus  Andronikus"   als  puppen- 
komödie   und   als    „lustiges   nachspiel"    die   tragödie   Wenceslaus    von 
Rotrou  gab.     Nach  diesem  jähre  aber  wurde  Kopenhagen  unseres  Wis- 
sens  von   keiner   eigentlichen   deutschen   Wandertruppe   mehr   besucht 
Dies  erklärt  sich  u.  a.  aus  den  Verhandlungen,  die  ein  ehemaliges  mit- 
glied  der  französischen  hoftruppe,  Etienne  Oapion,  schon  1718  mit  der 
regierung  eingeleitet  hatte,   und  welche  1720  zu  dem  ihm  vergönten 
privilegiimi  führten,  dass  er  allein  komödien  mit  lebendigen  personen 
(1721    auch   mit  puppen,    Seiltänzern   u.  dgl.)    aufführen    und   fremde 
komödianten   verschreiben   dürfe*.     Die   behörden   wünschten  nämlich 
den   zufluss  von   fremden   gauklern   möglichst   zu  hemmen,   und   dies 
gelaug  auch  zum  teil  wirklich.     Doch  kam  der  bekante  „starke  mann^ 
Johann  Carl  v.  Eckenberg  noch  in  demselben  jähre  1720  mit  einer  bände 
von  Seiltänzern  in  Kopenhagen  an.     Über  seine  Wanderungen  in  die- 
ser ei*sten  zeit  herscht  einige  Unsicherheit,  die  sich  jedoch  durch  beglau- 
bigte dänische  Urkunden  teilweise  aufklären   lässt.     Nachdem  er  1719 
in  Russland  aufgetreten  war,   spielte  er  in  der  fastnachtzeit  und  nach 
ostem  1720  zu  Königsberg,   verliess  aber  unzufrieden  die  Stadt ^  imd 

1)  Schwed.  zeitschr.  „Nu**  I,  428. 

2)  Dr.  0.  Nielsen,  Kjöbenhavn  paa  Holbergs  Tid,  Kopenh.  1884,  s.  231. 

3)  Werlauff,  Antegn eiser  1858,  s.  217  fgg.  302.  Danske  samlinger  v.  Braun, 
0.  Nielsen  und  A.  Petersen,  II,  354  fgg.  Ein  gleiches  Privilegium  war  schon  1706 
einem  Dänen.  Anders  Gamborg,  gegeben,  von  diesem  aber  nicht  benuzi  Werlauff 
a.  a.  0.  293. 

4)  Hagen,  Gesch.  des  theaters  in  Preussen  113  fgg.  Bolte,  Der  ^starke  mann** 
J.  C.  Kckenborg,  in  d.  Forsch,  z.  brandonb.  u.  prcuss.  gesch.  11,  1889  s.  214.  Voo 
den  in  diesem  aufsatz  genanten,  Bolte  nicht  zugänglichen  werken  finden  sich  auf 
dänischen  bibliotheken  „Curieuse  uachrichten  von  starken  leuten**  (nicht  aber  in  dio. 


WANDEBTRUPPEN  IN  DANEMARK  339 

mus8  gegen  ende  des  Jahres  in  Kopenhagen  angelangt  sein,  wo  er,  wie 
es  scheint,  als  eine  art  von  reklame  seine  „Abgenötigte  ehrenrettung" 
herausgab  und  im  december  nicht  nur  seiltänzerkünste  u.  dgl.  vor- 
führte, sondern  auch  mit  lebenden  personen  agierte,  vermutlich  „bur- 
lesques  comedies",  possen,  die  er  ausdrücklich  nent,  als  erden  15. jan. 
1721  für  längere  zeit  spielprivilegium  suchte.  Capion  protestierte  aber 
gegen  einen  solchen  eingriff  in  sein  Privilegium,  und  Eckenberg  muste 
sich  mit  ihm  vereinigen.  Nach  kurzer  zeit  trenten  sie  sich  jedoch  wider; 
Eckenberg  gab  abermals  allein  Vorstellungen,  verliess  aber  bald  die 
Stadt  und  kam  im  april  nach  Stockholm^.  In  demselben  monat  des 
folgenden  Jahres,  1722,  erschien  er  noch  einmal  zu  Kopenhagen  und 
producierte  sich  erst  auf  Capions  theater;  nach  drei  wochen  aber  errich- 
tete er  eine  eigene  bude  ausserhalb  der  stadt,  wo  er  auch  comödian- 
ten  engagierte.  Auf  Capions  klage  wurde  ihm  dies  verboten  (septem- 
ber  1722),  und  bald  nachher  verschwindet  er  aus  Dänemark  für  immer*. 
Die  nachricht  bei  mehreren  deutschen  Verfassern,  dass  er  in  Dänemark 
geadelt  sein  solle,  oder  wenigstens  seinen  adel  erneuert  bekommen 
habe,  entbehrt  jeder  stütze.  Nach  allem,  was  wir  von  seiner  behand- 
lung  seitens  der  behörden  wissen,  genoss  er  beim  hofe  keineswegs  eine 
gleiche  gunst  wie  später  in  Berlin  bei  Friedrich  Wilhelm  I^. 

Inzwischen  hatte  Capion  1721  das  erste  eigentliche  Schauspielhaus 
gebaut  und  gab  im  jähre  1722  französische  und  deutsche  Vorstellungen 
mit  ausländischen  schauspielern.  Sein  repertoire  kennen  wir  nicht; 
aber  schon  am  23.  sept.  1722  gieng  aus  der  Verbindung  des  dichters 
Holberg  mit  Capion  und  einem  andern  ehemaligen  französischen  hof- 
schauspieler  Montaigu  eine  dänische  nationalbühne  hervor,  ungefähr 
wie  später  eine  deutsche  aus  Gottscheds  Verhältnis  zu  der  Neuberschen 
truppe.  Das  neue  nationale  repertoire  und  die  einheimischen  Schau- 
spieler stelten  die  leistungen  der  Wandertruppen  ganz  in  schatten  und 
machten  ihnen  die  concurrenz  unmöglich. 

Übersetzung,  Kjöbenh.  1720)  und  Eckenbergs  „Abgenötigte  ehrenrettung*',  welche  dem 
Inhalt  und  der  zeit  nach  in  Kopenhagen  geschrieben  scheint.  Neue  aufschlüsse  von 
bedeutung  geben  diese  schiiften  nicht,  meist  nur  ülustriei'te  beschreibung  der  kunst- 
stücke  Eckenbergs. 

1)  Werlauff  220.  476.  Dahlgren ,  Om  Stockhohns  theatrar,  Stochholm  1866,  s.  22. 

2)  Werlauff  222. 

3)  Deyrient,  Gesch.  d.  deutschen  Schauspielkunst  I,  353.  Schütze  62.  Plü- 
micke,  Theatergesch.  v.  Berlin  106.  Brachvogel,  Gesch.  d.  kgl.  theaters  in  Berlin 
66.  71.  Vgl.  0.  Nielsen,  Kjöbenhavn  paa  Holbergs  Tid  248  fgg.  Rahbek  Hesperus 
(zeitschr.)  VI,  236,  Kopenhagen  1822. 

22* 


340  PALUDAN 

Der  einzige,  der  mit  den  dänischen  comödianten  zu  wetteifern 
versuchte,  war  Salomon  Paulsen  v.  Quoten,  kein  deutscher  truppen- 
prinzipal,  wie  man  bei  Dement^  u.  a.  liest,  sondern  gewesener  däni- 
scher Soldat,  wahrscheinlich  aber  doch  deutscher  oder  niederländischer 
abkunft;  dann  zahnbrecher,  „oculist,  stein-  und  bruckschnieder"  und, 
wie  dergleichen  quacksalber  oft  2,  zugleich  comödiant  oder  wenigstens 
Puppenspieler.  In  Kopenhagen  trat  er  schon  1715  auf  und  erreichte 
nach  widerholten  bitschriften  1718  die  erlaubnis,  deutsche  comödien 
mit  lebendigen  personen  zu  agieren  3.  Wie  er  das  Privilegium  benuzt 
hat,  wissen  wir  nicht  recht;  nach  einem  versuche  mit  Capion  zusam- 
men zu  spielen  zog  er  sich  bald  zurück  und  gieng,  als  Capion  spiel- 
monopol  bekommen  hatte,  mit  seiner  trappe  nach  Schonen  (okt  1720), 
wo  er  jedoch  ebenfals  abgewiesen  wurde*.  Unter  den  von  ihm  gespiel- 
ten stücken  nent  Holberg,  v.  Quoten  selbst  auf  der  bühne  vorführend, 
dr.  Faustus,  Adam  und  Eva,  Zauberei  von  Arniida^ 

Als  die  dänische  Schaubühne  nach  dem  tode  des  pietistischen 
Christian  VI.  wider  eröfhet  wurde  (1747),  baten  auch  v.  Quoten 
und  sein  söhn  mehrmals  vergebens  um  die  erlaubnis,  deutsche  (spä- 
ter auch  dänische)  tragödien  und  comödien  mit  lebenden  personen 
aufführen  zu  dürfen^  und  erlangten  endlich  ihr  ziel  durch  benutzung 
des  einem  general  Arnold  vergönten  Privilegiums.  Der  söhn,  Julius 
v.  Quoten,  zeigte  sich  als  ein  ganz  energischer  leiter,  welcher  ein 
eigenes  theatergebäude  errichtete  und  tüchtige  leute  engagierte,  Deut- 
sche wie  Dänen;  mehrere  der  lezteren  gehörten  später  zu  den  besten 
kräften  der  nationalbühne.  Er  spielte  zweimal  wöchentlich  deutsche 
comödien  abwechselnd  mit  Moliöre,  Holberg,  Seiltänzer-  und  gaukler- 
künsten,  anfangs  nicht  ohne  glück;  nach  einem  halben  jähre  aber 
zog  er  in  dem  wetstreit  mit  der  dänischen  Schaubühne  den  kür- 
zeren und  muste  im  mai  1748  sein  vorhaben  einstellen.  Vergebens 
suchte  er  dann  ein  Privilegium  für  die  provinzen  und  Norwegen 
und  nahm  endlich  seine  Zuflucht  zu  dem  ursprünglichen  gewerbe  sei- 
nes vaters. 


1)  Gesch.  d.  deutschen  Schauspielkunst  I,  352. 

2)  Devrieut  I,  354.  üer  Italiener  Sebastian  di  Scio  zu  Berlin  1693  (Brach- 
vogel 49)  und  Stockholm  169(i,  s.  Silfverstolpe  in  der  schwedischen  zeitschr.  Fram- 
tiden  1877,  143. 

3)  Werlauff  472  fgg.     0.  Nielsen  243  fgg. 

4)  Dahlgren,  Om  Stockholms  theatiur,  Stockholm  1866,  21. 

5)  Hexeri  eller  blind  alarm,  act.  4,  sc.  5. 

6)  Werlauff  483  fgg. 


WANDKRTBÜFPIN  IN  DÄNEMARK  341 

Die  titel  der  von  ihm  gespielten  stücke  hat  uns  Overskou  erhal- 
ten ^  Wir  treffen  da  ungefähr  ein  dutzend  deutscher  dramen  ausser 
einigen  nicht  näher  bezeichneten  nachspielen.  Einiges  darunter  gehört 
zum  alten  repertoire  der  Wandertruppen ;  aber  die  eingetretene  geschmacks- 
änderung  zeigt  sich  auch  daran  deutlich  genug,  dass  diese  stücke  nur 
ein-,  höchstens  zweimal  aufgeführt  wurden,  während  Holbergs  dänische 
originale  und  die  Übersetzungen  aus  dem  französischen  sich  längere  zeit 
auf  der  bühne  behaupteten.  Eine  bekante  hauptaction  war  „Der  flüchtige 
Virenus  oder  die  getreue  Olimpia"  (1747  und  48  bei  v.  Quoten  zweimal 
aufgeführt),  schon  zu  Kegensburg  1687,  zu  Nürnberg  um  1710  und  in 
Hamburg  1721  gespielt  2.  Zweifelhafteren  Ursprungs  sind  „Ulysses  und 
Penelope  oder  Die  treue  beständigkeit"  (1748,  einmal)^,  „Der  grausame 
Nero  oder  Die  triumphierende  liebe"  (1747)  (vielleicht  die  von  Haak 
in  Hamburg  1719  gespielte  action  „Nero  oder  die  beleidigimg  aus 
liebe"*)  und  „Aurora"  (1747),  nicht  unwahrscheinlich  identisch  mit 
„Kronen -streit  zwischen  Aurora  und  Stella"^,  nach  Calderon  auch 
französisch  und  niederländisch  bearbeitet  und  oft  aufgeführt:  Lüneburg 
1666,  Dresden  1676,  von  Veiten  in  Torgau  1680,  rielleicht  in  Nürn- 
berg um  1710,  Frankfurt  1741,  später  von  Kopf  bearbeitet  1754.  „Die 
spanische  blutmahlzeit  oder  Tugendspiegel  der  damen"  (1747,  einmal) 
nent  Bolte  als  dem  repertoire  Eckenbergs  in  Berlin  1733  angehörig®. 
„Don  Petros  totengastmahl "  (1747  —  48),  die  bekante  geschieh te  von 
Don  Juan,  war  von  Veiten  in  Torgau  1690,  in  Nürnberg  um  1710, 
in  Wien  von  Prehauser  1716,  daselbst  wider  1752  und  1761  und 
anderswo  öfters  aufgeführt^,  auch  als  Puppenspiel;  es  bleibt  aber  wol 
fraglich,  ob  dies  eine  eigentliche  hauptaction,  vielleicht  nach  einer  der 
bei  Engel  11  genanten  italienischen  dramatisierungen  der  sage  war, 
oder  nicht  vielmehr  eine  modernere  bearbeitung  nach  Moliöres  Festin 
de   Pierre    (1665).     Jedesfals   gab   v.  Quoten    1748   ein   lustspiel  von 

1)  Danske  skueplads  U,  63. 

2)  Jahrb.  d.  Shakospeareges.  XIX,  150,  nr.  77.    Schütze  45. 

3)  Ztschr.  f.  deutsche  phil.  XXIII,  238  näher  voq  mir  besprochen. 

4)  Devrient  I,  323. 

5)  Bolte  in  der  Ztschr.  f.  deutsche  phil.  XIX,  92  und  in  Herrigs  Arch.  LXXXII, 
122.  Heine,  Joh.  Veiten  29.  Dei^s.,  Das  Schauspiel  der  deutschen  Wanderbühne  7. 
8.  10,  und  Zeitschr.  f.  vgl.  litteraturgesch.  u.  ronaissancelitt.  N.  F.  II,  395.  Jahrb. 
d.  Shakespearegeselsch.  XIX,  152,  nr.  122. 

6)  Forsch,  z.  brandenb.  u.  preuss.  gesch.  11,  221. 

7)  Heine,  Joh.  Veiten  37.  Jahrb.  d.  Shakespeareges.  XIX,  154,  nr.  158  „Don 
petro  gaatmahl".  Engel,  Deutsche  puppencomödien  I.  Bolte,  Meliere -übs.  des  17. 
jahrh.,  in  Hemgs  Archiv  LXXXII,  81  fgg. 


342  FALÜDAN,  WANDERTBUPPEN  IN  DÄNEMARK 

Destouches  ^Das  gespenst  mit  der  trommel"  in  Gottscheds  deutscher 
Übersetzung  von  1740.  Neueren  Ursprungs  waren  ebenfals  die  schäfer- 
spiele „Pavona  oder  die  vierfache  liebe"  (1748)  und  „Der  versteckte 
hammel  oder  die  gelehmte  liebe''  (1748),  dieses  von  J.  C.  Rost  1742^). 
Eigens  für  die  v.  Quotensche  truppe  gedichtet  waren  ein  paar  stücke 
in  deutscher  spräche,  ein  heldenspiel  „Die  träumende  liebe"  oder  „Phi- 
stophile"  von  dem  Schauspieler  Linckwitz  1747,  und  ein  singespiel 
„Die  gekrönte  tugend"  zum  geburtstag  der  königin  1748 2.  Endlich 
treffen  wir  zwei  lustige  nachspiele:  „Harlequins  Bryllup",  1747  —  48  mit 
tanz,  und  „Die  böse  Grethe  oder  Harlequins  Pattebarn "  (d.  i.  „Säug- 
ling", 1748),  dieses  mit  halb  dänischem,  halb  deutschem  titel,  woraus 
sich  nicht  ersehen  lässt,  in  welcher  spräche  es  aufgeführt  ist.  Gott- 
sched hat  unter  dem  jähre  1716  die  zwei  bekanten  gesangspossen 
„Harlekins  (singender)  hochzeitschmaus"  und  „Harlekins  kindbetterin- . 
schmaus",  die  jedoch  schon  in  Nürnberg  um  1710,  und  auch  später, 
ungefähr  gleichzeitig  mit  v.  Quotens  Vorstellungen,  erwähnung  finden^. 
Beide  sind  1730  ins  dänische  übersezt:  „Herr  Harlequins  BröUups- 
og  Barsei -Gilde,  Sangviis  Forrestillet"*,  und  es  unterliegt  wol  keinem 
zweifei,  dass  wenigstens  erstere  in  dieser  Übersetzung  aufgeführt  wurde. 
Ob  dagegen  „die  böse  Grethe"  mit  dem  „Kindbetterin- schmaus"  iden- 
tisch ist,  bleibt  unsicher;  in  den  erhaltenen  exemplaren  der  leztgenan- 
ten  ist  von  keiner  „bösen  Grethe"  die  rede. 

Von  der  v.  Quotenschen  concurrenz  befreit  sezte  die  dänische 
Schaubühne  ihre  Wirksamkeit  fort,  wesentlich  auf  Holberg,  Moliöre  und 
die  Franzosen  gestüzt,  aber  von  dem  hinsiechenden  deutschen  drama 
ganz  unbeeinflusst.  Sie  hatte  von  der  mitte  des  Jahrhunderts  nur  noch 
mit  französischen  schauspielern  und  italienischer  oper  zu  kämpfen,  und 
muste  daher  auch  ballet  und  Singspiel  auf  das  repertoire  setzen,  selbst 
bisweilen  französisch  spielen.  Deutsch  wurde  aber  niemals  gespielt, 
und  von  deutschen  Wandertruppen  hören  wir  wenig  mehr.  Durch  die 
Gottschedsche  reform  nahmen  diese  auch  nach  und  nach  ein  anderes 
gepräge  an  und  näherten  sich  mehr  den  stehenden  bühnen.  Der  „kgl. 
dänische  privilegierte  comödiant"  J.  F.  Darmstädter,   welcher  1735  zu 

1)  Gottsched  317.    Maltzahn  533. 

2)  Overskou  U,  45.  61. 

3)  Jahrb.  d.  Shakespeaieges.  XIX,  152,  nr.  129  „singente  harlequin*,  nr.  130, 
''kindbetts  schmausz\  Maltzahn  533  (1743).  Schütze  87.  266  (1750.  1742).  Köh- 
ler, Ztschr.  f.  deutsches  altert,  u.  deutsche  litt.  XX,  119  fgg. 

4)  Kgl.  bibl.  zu  Kopenhagen,  Dan,  katalog  55—263,  2  expL 


DUFLOU,  HANS  BACHS  ALS  MORALIST  343 

Rostock  auftrat^,  war  schwerlich  mehr  als  ein  taschenspieler.  Unter 
der  pietistischen  regierung  Christians  VI.,  1730  —  46,  als  alle  theatra- 
lischen Vorstellungen  in  Dänemark  selbst  eingestelt  waren,  wissen  wir 
auch  nicht,  dass  fremde  Schauspieler  privilegiert  wurden.  Schwieriger 
erklärlich  ist  die  lezte  erwähnung  einer  deutschen  truppe  in  Kopen- 
hagen, als  vom  mai  bis  Oktober  1749,  in  ausdrücklichem  widerstreit 
mit  den  Privilegien  der  dänischen  bühne,  ein  gewisser  Ferdinand  Hal- 
lasch aus  Königsberg  Schauspiele,  seiltanz  und  andere  künste^  gab. 
Gewiss  aber  waren  hier  die  gauklerkünste  vorwiegend;  denn  in  den 
deutschen  theatergeschichten  dieser  zeit,  besonders  bei  Hagen,  Theater 
in  Preussen,  finde  ich  keinen  prinzipal  oder  Schauspieler  dieses  namens, 
und  dänische  quellen  geben  über  seine  Vorstellungen  auch  keinen  wei- 
teren aufschluss. 

KOPENHAGEN.  J.   PALUDAN. 


HANS  SACHS  ALS  MOßALIST  IN  DEN  FASTNACHT- 

SPIELEN. 

Es  ist  ein  unbestrittenes,  physisches  wie  politisches  gesetz,  dass 
jede  starke  impulsion  eine  reaction  nach  sich  zieht.  Wie  der  erfrischende 
ström  der  renaissance  den  wüst  der  scholastischen  gelehrsamkeit  weg- 
schwemte,  so  machte  die  durch  die  philosophischen  Schriften  vorberei- 
tete französische  rovolution  den  drangsalen  und  Standesungerechtigkeiten 
vorläufig  ein  jähes  ende;  und  die  deutsche  Jugend  verliess  damals  die 
von  den  drei  einhoiten  eingeengte  bühne  der  französischen  dramatischen 
muster,  um  sich  jubelnd  dem  neu  entdeckten,  scheinbar  masslosen 
Shakespeare  hinzugeben. 

Dieses  gesetz  bewährt  sich  auch  an  den  einfachsten  gegenstän- 
den. Es  ist  gewiss,  dass  das  fastuachtspicl  des  15.  jahrhundeits  von 
groben,  alles  Zartgefühl  verletzenden  Schilderungen  strozt.  Wie  wir 
nun  Hans  Sachs  aus  seinen  werken  kennen,  die  in  auffälliger  weise 
das  gepräge  seines  geistes  tragen,  kann  es  uns  nicht  zweifelhaft  sein, 
dass  er  es  als  eine  heilige  sendung  auf  erden  ansah,  mit  diesem  kot 
und  kehricht  aufzuräumen,  und  dass  Goethe  recht  hatte,  als  er  ihn  so 

1)  Jahrb.  d.  voreins  f.  mocklenh.  gesch.,  1836,  I,  103:  Bärensprung,  Gösch, 
des  theators  in  Mecklenburg -Schwerin.  Nach  Dahlgren,  Stockholms  thoatrar  29,  komt 
er  1736  und  38  auch  in  Schweden  als  comödiant  und  zahnbrocher  vor  (vgl  Nu,  m&- 
nadsskrift  v.  Joh.  Grönstedt  I,  1874—75,  428). 

2)  Oversktou  n,  96. 


344  DUFLOÜ 

aiiCFasste  und  darstelle  (Hans  Sachsens  poet.  sendung  y.  39  fgg.).  ^  In 
einem  fliegenden  blatt:  Gespräch  mit  der  fasnacht,  wante  sich  Hans 
Sachs  1540  in  heiterer  form,  aber  mit  ernster  mahnung  an  seine  mit- 
bürger.  Doch  das  sagte  er  sich  wol  selber,  es  muste  die  stimme  eines 
unwükommenen  Sittenpredigers  im  algemeinen  lärm  verhallen  . . .  Hier 
(aber)  sah  der  mann,  der  unstreitig  mit  an  der  spitze  des  geistigen 
lebens  seiner  Vaterstadt  stand,  seinen  eigentlichen  beruf  angezeigt^  K 
Hans  Sachs  war  sich  dessen  so  gut  bewusst,  dass  er  dieser  niedrigen 
kunstgattung  des  fastnachtspieles  so  viel  fleiss  zuwendete,  wie  es  vor- 
her und  nachher  nie  geschehen  ist. 

In  bezug  auf  die  herkunjft  der  vom  dichter  bearbeiteten  stofPe  müs- 
sen uns  gleich  die  häufigen  enüehnungen  aus  Boccaccios  Decame- 
rone  auffallen.  Dieser  in  allen  lebensgenüssen  verfeinerte  weitmann, 
der  von  männern  wie  frauen  die  anstössigsten  geschichten  in  der  rei- 
zendsten form  erzählen  lässt,  war  ein  lieblingsschriftsteller  des  Hans 
Sachs.  Wie  tief  muss  im  herzen  des  braven  mannes  das  sitliche  gefühl 
gewurzelt  haben,  dass  er  sich  daran  ergötzen  und  doch  die  reinheit 
des  gemütes  bewahren  konte!  Aber  dem  reinen  ist  alles  rein.  Der 
dichter  nahm  seine  stofFe  allenthalben  her,  nur  sorgte  er  dafür,  dass 
die  nutzanwendung  keine  falsche  war.  "Wenn  ich  das  verfahren  des 
mannes  beobachte,  komme  ich  immer  auf  denselben  vergleich.  Der 
natter  schneidet  man  Stachel  und  giftdrüsen  aus  um  sie  nachher  sogar 
als  unschädliches  Spielzeug  zu  gebrauchen;  ebenso  lässt  sich  nachwei- 
sen, dass  Hans  Sachs  aus  dem  von  Boccaccio  überkommenen  stoff  das 
unzüchtige  ausmerzt,  ehe  er  ihn  verwertet.  Wenn  wir  den  Bauer  im 
feg ef euer  (Goetze,  Neudrucke,  nr.  42)  mit  Decamerone,  giom.  IH,  8 
vergleichen,  so  constatieren  wir  im  ganzen  den  nämlichen  verlauf  der 
geschieh te,  mit  dem  unterschiede,  dass  bei  Boccaccio  der  abt  den  ein- 
fältigen bauer  in  ein  unterirdisches  gemach  einsperren  lässt,  um  unter- 
dessen die  frau  besitzen  zu  können,  während  im  deutschen  dieses  motiv 
in  ein  sehr  löbliches  und  dem  amte  des  geistlichen  angemessenes  verwan- 
delt ist:  die  lust,  den  ehemann  von  seiner  lästigen  eifersucht  curieren  zu 
helfen.  Im  Grosz  eyferer  (Goetze  nr.  45)  komt  ähnliches  vor.  Die 
frau  sagt  ihrem  eifersüchtigen  mann,  dass  sie  zur  beichte  gehen  will; 
dieser  besticht  den  kaplan  und  fungiert  als  beichtvater,  um  hinter  die 
geheimnisse  seiner  frau  zu  kommen,  welche  ihn  erkent  und  ihm  schalk- 
haft gesteht,  dass  sie  jede  nacht  den  besuch  eines  pfaffen  empfangt 
Der  aufgebrachte  gatte  bezwingt  sich   und  steht  nachher  zwei  nachte 

1)  Goedeke  und  TittmanD,  DichtuDgon  des  Hans  Sachs  in,  s.  XTT. 


HANS  SACBS  AUS  MORALIST  345 

hindurch  schildwache  an  der  hintertür,  natürlich  vergebens.  Bei  Boc- 
caccio (giom.  Vn,  5)  will  sich  die  geplagte  frau  dadurch  an  ihrem 
manne  rächen,  dass  sie  seinen  unbegründeten  argwöhn  rechtfertigt,  und 
die  geschieh te  mit  der  beichte  ist  nur  eine  list,  um  ihn  zu  entfernen 
und  den  ehebruch  zu  ermöglichen.  Wenn  aber  bei  Hans  Sachs  die 
magd,  welche  die  stelle  einer  kuplerin  vertritt,  den  verschlag  macht, 
sich  mit  dem  liebhaber  in  Verbindung  zu  setzen,  antwortet  die  frau: 
V.  43  Ich  hab  mich  fromb  ghalten  biszher 

An  ihm,  dieweyl  und  aber  er 

Seins  eyfem  je  nit  ab  wil  lassen, 

So  beweisz  ich  ims  solcher  massen, 

Dasz  im  erst  eyfem  not  musz  thon. 

Doch  wil  ich  mein  Ehr  bhalten  schon 

Und  aller  Bubrey  müssig  gehn 

Als  ein  fromb,  ehrlich  Weib  bestehn, 

Und  in  mein  Ehling  stand  beharren 

Doch  den  Eyfrer  machn  zu  ein  Narren. 
Dazu  ist  jede  frau  berechtigt;  man  merkt  aber  den  unterschied. 

Wenn  nun  aber  die  tendenz,  das  alzu  derbe  fastnachtspiel  zu 
versitlichen,  bei  Hans  Sachs  fast  überall  scharf  ausgeprägt  erscheint, 
so  ist  dies  doch,  glauben  wir,  nicht  ausnahmeios  der  fall.  Tadellos  in 
dieser  beziehung  sind  nicht  alle  stücke.  Ich  denke  dabei  an  die  num- 
mem  46,  54,  61,  74  der  Goetzeschen  ausgäbe.  In  46,  54,  74  wer- 
den die  ehemänner  von  ihren  frauen  geprelt  und  geäft,  einfach  weil 
sie  zu  dumm  sind  um  zu  merken,  dass  man  ihnen  einen  blauen  dunst 
vormacht,  oder  (um  in  der  spräche  der  zeit  zu  reden)  dass  man  sie 
am  narrenseil  herumzieht  Nr.  61  enthält  die  geschichte  einer  übrigens 
ehrlichen  frau,  welche  sich  von  einer  kuplerin  durch  eine  alzu  grob 
gesponnene  list  verführen  lässt,  vom  rechten  pfade  abzuweichen.  Was 
uns  in  diesen  stücken  verlezt,  ist  die  demütigung  und  Verhöhnung  des 
guten  und  der  triumph  des  bösen,  welches  mit  erhobenem  köpf  den 
sieg  davonträgt. 

Allein  auch  hier  lässt  sich  einiges  zu  gunsten  des  dichters  bei- 
bringen, und  obgleicli  die  tatsachen  als  solche  offen  am  tage  liegen, 
glauben  wir  dennoch  so  viel  von  der  gemütsstimmung  des  biedern 
meisters  erraten  zu  haben ,  um  über  den  Sachverhalt  ins  klare  zu  kom- 
men. Vielleicht  köute  ein  unbedingter  bewunderer  des  Hans  Sachs 
entgegnen,  dass  aus  jedem  stück  ein  moralisches  epimythion  gezogen 
werden  kann.  Das  ist  insofern  richtig,  als  sich  aus  jedem  stücke 
überhaupt   irgend   welche   lehre   abstrahieren   lässt     Aber   völlig   ent- 


346  DÜFLOÜ 

schuldigt  wird  der  dichter  dadurch  noch  nicht;  und  sein  Verteidiger 
hätte  zugleich  einen  satz  aufgestelt,  welcher  der  reinsten  wilkür  das  tor 
öfnen  würde.  Wie  wir  den  dichter  kennen,  so  steht  es  aber  geradezu 
fest,  dass  ihm  hier  keine  unsitlichen,  höchstens  schalkhafte  absichten 
unterzulegen  sind.  Man  beachte  dazu  noch  folgendes.  Das  54.  fast- 
nachtspiel, in  dem  Heinz  Meyr  von  seiner  frau  hintergangen  wird  und 
diese  ungestraft  wegkomt,  ist  datiert  vom  12.  Oktober  1553.  Ist  es 
nicht  auffallend,  dass  er  schon  am  24.  ein  neues  spiel  schreibt,  wo 
die  frau  energie  und  geduld  ihres  gatten  erproben  will  um  nachher 
desto  ruhiger  die  ehe  zu  brechen,  aber  übler  zugerichtet  wird  als 
irgend  welche  andere?  Das  wainent  hüntlein  vnirde  verfasst  am 
25.  Januar  1554.  Ist  es  nicht  geradezu  entscheidend,  dass  das  nächst- 
folgende, nur  6  tage  später  geschriebene  fastnachtspiel  einen  plumpen 
„buhler"  schildert,  der  von  seiner  geUebten  spöttisch  geäft  und  von 
der  eignen  frau  gehörig  „gelaust"  wird?  Wir  glauben  hiemach  an 
die  möglichkeit,  dass  der  biedere  dichter,  bewusst  oder  unbewusst, 
scrupel  empfand  in  bezug  auf  das  vorhin  geleistete,  und  seinem  ehr- 
lichen gewissen  gegenüber  gleichsam  seinen  fehler  dadurch  sühnen 
wolte,  dass  er  zunächst  ein  spiel  mit  schroff  entgegengeseztem  ausgang 
verfasste. 

Sehen  wir  uns  jezt  die  moral  des  Hans  Sachs  genauer  an !  Unter 
den  von  Goetze  publizierten  stücken  gibt  es  nur  ein  halbes  dutzend 
ungefähr,  welche  wirklich  bloss  einen  spass  oder  eine  schalkheit  zum 
gegenstände  haben,  ohne  dass  dabei  die  moral  dem  dichter  über  die 
Schulter  blickt  Es  sind  etwa  die  nummern  21,  34,  37,  51,  72,  79, 
80.  Sonst  ist  die  absieht  deutlich,  wobei  der  dichter  nun  in  doppelter 
weise  verfährt.  Entweder  sind  die  stücke  ernst  gehalten  und  es  werden 
uns  allegorische  personen,  wie  frau  Glück,  frau  Wahrheit,  frau  Armut, 
Plutus  usw.  und  algomeine  typen  wie  der  „Karg"  und  „Mild"  vor- 
geführt; oder  das  stück  ist  ein  dramatisierter  schwank,  wo  die  moral 
offen  hervortritt,  ohne  dass  der  dichter  es  je  unterlässt  am  schluss  den 
herold  oder  einen  andern  eine  direkt  auf  das  publikum  bezügliche  sit- 
tenpredigt  halten  zu  lassen. 

Betrachten  wir  zunächst  des  menschen  Verhältnis  zu  Gott,  so 
finden  wir  bei  Hans  Sachs  die  hauptidee  der  Lutherischen  glaubens- 
neuerung  wider: 

XIX,  309  das  man  vertrawe  got 

In  aller  trüebsal,  angst  und  not 

Der  kan  helffen  zw  seiner  zeit 

Aus  aller  widerwertikeit. 


HANS   SACHS  ALS  MORALIST  347 

Oder  LH,  403,  wie  Adam  zu  Eva  sagt,  von  gott  redend: 

Du  hörst,  das  er  sunst  nichts  begert, 
Denn  das  ihn  Menschlich  gschlecht  auflf  erdt 
Im  glaube  und  vertraw  allein. 

Der  glaube,  nichts  als  der  völlige,  unbedingte  glaube  an  Gott  war  es, 
den  Luther  als  mittel  zur  Seligkeit  den  ablassbriefen,  gebeten  und  guten 
werken  der  katholiken  entgegensezte  ^.  Und  Gott  ist  ein  liebevoller 
vater,  dessen  gute  unerschöpflich  ist  So  stelte  sich  ihn  Luther  vor, 
der  mit  ihm  in  direkter  communion  lebte  und  zu  ihm  ein  grenzen- 
loses vertrauen  hatte 2.  Hans  Sachs  war  nicht  so  stolz  und  verwegen; 
doch  überträgt  er  auf  Gott  die  charakterzüge  eines  grundbraven  Deut- 
schen. In  dem  spiele  von  den  ungleichen  kindern  Evae  erscheint 
er  uns  wie  ein  liebreicher  hausvater,  der  seine  bedrängten  kinder  vor- 
tröstet. Er  fragt  die  kinder  Adams,  ob  sie  beten  können;  man  bildet 
sich  fast  ein,  dass  er  sich  nach  ihren  fortschritten  in  der  schule 
erkundigen  wird;  weil  Set  so  gut  betet,  macht  er  ihn  zum  könig,  einen 
zweiten  zum  ritter,  einen  dritten  zum  bürgermeister,  usw.  Wie  ganz 
im  einklang  damit  ist  die  äusserung  Gottes  (LXVII,  363  fgg.),  dass  er 
die  menschen  wol  plagen  und  quälen  müsse,  weil  sie  es  sonst  zu  bunt 
machen  würden! 

Zu  dieser  evangelischen  moral,  in  welcher  der  gottergebene  mensch 
nie  mündig  wird,  gesellen  sich  aber  demente,  welche  gar  nicht  dazu 
stimmen.  Ich  will  nicht  zu  grosses  gewicht  legen  auf  den  häufig  wider- 
kehrenden ausdruck  das  waltxend  glück,  der  bei  Hans  Sachs  eine 
dem  blinden  Schicksal  der  Griechen  ähnliche  macht  bezeichnet  und 
vielleicht  nur  eine  durch  seine  belesenheit  in  den  Schriftstellern  des 
altertums  veranlasste,  rhetorische  figur  sein  mag.  Aber  im  algemeinen 
erscheinen  uns  des  Hans  Sachs  personen  nicht  als  unfrei,  und  im 
68.  spiele  schildert  er  die  laster  als  an  einen  pfähl  gebunden,  von  dem 
jedermann  sie  nach  seinem  gutdünkon  ablösen  darf  oder  nicht.  Dies 
will  doch  deutlich  sagen,  dass  der  mensch  der  Urheber  seines  eigenen 
Schicksals  sei  und  sich  selbst  bestimme.  Verfolgt  man  dagegen  jene 
der  evangelischen  moral  zu  gründe  liegende  communion  mit  Gott  bis 

1)  Tauli  Römerbrief  JIl,  28. 

2)  Schweitzer,  Uans  Sachs  (1887,  Nancy)  s.  126  erwähnt  das  factum,  dass, 
als  Melanchthon  krank  war,  Luther  aus  unmut  darüber  Gott  „di«!  obren  rieb**  und 
seinem  freunde  versicherte,  Gott  werde  ihn  genesen  lassen,  was  diesmal  auch 
zutraf.  —  [Im  algem«3inen  verweisen  wir  bei  dieser  gelegonheit  auf  die  eingehende 
besprechung  des  Schwoitzerschen  workes  durch  M.  Rachel  in  dieser  Zeitschrift  XXIV, 
265—269.    Red.] 


348  DUFLOÜ 

in  ihre  lezten  winkel,  so  stöst  man  auf  den  quietismus,  d.  h.  auf  die 
Verneinung  des  freien  willens,  welche  folgerung  Erasmus  trotz  allem 
widerstreben  Luthers  unerbitlich  gezogen  hat^. 

Zwischen  diesen  beiden  glaubensanschauungen  liegt  eine  grosse 
kluft,  und  doch  sind  beide  tatsächlich  bei  Hans  Sachs  vorhanden. 
Männer  wie  Luther  und  unser  dichter,  rüstige,  tatkräftige,  volblütige 
menschen,  kühne  geister,  waren  nicht  dazu  aufgelegt  ihrem  ich  zu 
eutsagen.  Das  16.  Jahrhundert  hat  keine  schlaffen,  lauen  leute  her- 
vorgebracht; für  dergleichen  ist  in  stürmischen  zeiten  kein  platz.  Und 
Schweitzer  sagt  treffend  von  Luther:  „die  gesunde  vemunft  des  men- 
schen corrigierte  die  logischen  fehler  des  theologen '^  *. 

Aus  dem  vorhergehenden  begreift  es  sich,  dass  in  den  fastnacht- 
spielen das  wort  sünde  fast  nicht  vorkomt  Der  gedanke,  der  Hans 
Sachs  stets  vor  dem  geiste  schwebt,  ist,  dass  man  sich  des  bösen  erweh- 
ren soll  nicht  etwa  der  gnade  und  rechtfertigung  wegen,  sondern  weil 
es  schlecht  und  töricht  ist  Deshalb  wird  das  wort  sünder  durch  narr 
ersezt  Dieser  die  ganze  moral  seit  Brant  dominierende  spotname  ist 
die  strafe  des  bösen,  welche  ihn  noch  im  diesseits  trift;  und  als  der 
kern  der  lehre,  wie  Gervinus  vorzüglich  sagt,  stelt  sich  für  den  ein- 
zelnen die  selbsterkentnis  heraus,  gerade  wie  bei  den  alten,  auf  dem 
fronton  des  delphischen  tempels. 

Betrachten  wir  nun  die  menschen  in  ihrem  Verhältnis  zu  ein- 
ander. Hier  treibt  die  moral  unseres  dichters  ihre  reichsten  bluten. 
Hans  Sachs  wendet  sich  abwechselnd  an  jung  und  alt,  verheiratete  und 
Junggesellen,  frauen  und  männer,  bauem  und  bürger,  Untertanen  und 
herscher.  Jedes  gebiet  berührt  er,  die  notwendigkeit  eines  guten  regi- 
ments  wie  das  häusliche  leben  auf  dem  lande,  das  los  der  fürsten  der 
erde  wie  die  kindererziehung.  Hans  Sachs,  der  mit  seinem  stände 
zufriedene  schuster,  weiss  wol,  dass  die  reichen  und  mächtigen  nicht 
immer  die  glücklichsten  sind,  und  es  ist  von  jeher  so  gewesen.  Als 
der  herr  die  stände  schuf,  sagte  er  zu  Eva: 

LH,  377  Köng,  Ritter,  Burger  und  Kauf&nan 

Gleich  wol  gar  kein  Handtarbeit  han; 

Doch  unter  jrem  bracht  verborgen 

Stecken  sehr  grosz  müh,  angst  und  sorgen 

Von  Krieg,  Auffrhur  und  Rauberey, 

Kranckeyt  und  Unglücks  mancherley. 

So  sich  zu  tregt  im  Regimendt. 

1)  Vgl.  darüber  Schweitzer  s.  127. 

2)  Ebenda  s.  126. 


HANS  SACHS  ALS  MORALIST  349 

Die  andern  stände 

Haben  kein  ander  sorg  nit  mehr, 

Denn  wie  man  "Weib  und  Kind  emehr. 

Die  handt  arbeit  ist  in  gesandt, 

Macht  süssen  schlaff,  nüchter  und  rundt, 

In  ist  auch  wolschmach  speisz  und  tranck, 

Auch  ist  in  die  weil  nit  so  lang. 
Wer  über  menschen  und  länder  regiert,   soll  das  wankelmütige 
glück  fürchten;  er  hat  viele  feinde  und  wenig  freunde;  man  lauert  ihm 
vielfetch  auf  um  ihn  umzubringen;  denn  furcht  ist  der  grundstein  seiner 
herschaffe:  Du  sagst  recht,  ir  viel  fürchten  mich; 

Ich  allein  musz  sie  fürchten  all  — 
sagt  Dionysius  zu  Dämon  (XLVII,  214  fg.);  sowie  Diogenes  zu  Alexan- 
der (XLIV,  175  fg.): 

So  fürchtens  dich  als  ein  allein, 

Du  must  sie  fürchten  all  gemein. 
Hans  Sachs  ist  consequent,  wenn  er  kaiser  Augustus  auf  seinem 
weichen  polsterbette  schlaflose  nachte  zubringen  lässt  (L,  283  fgg.).  Er 
sucht  den  irtum  zu  beseitigen,  als  ob  nur  die  mächtigen  die  glücklichen 
dieser  weit  wären;  er  selbst  erklärt  uns,  weshalb  er  seine  popularität 
nie  benuzt  hat  um  seinen  Schusterschemel  gegen  einen  sessel  im  Stadt- 
regiment  zu  vertauschen: 

Vni,  305   Erst  het  dein  stille  rhu  ein  end, 

Du  würst  ein  Knecht  der  Unterthanen. 
Es  gereicht  dem  dichter  zur  ehre,  die  Unabhängigkeit  und  sein 
handwerk  geliebt  und  die  gleichheit  der  stände  in  bezug  auf  acht- 
barkeit unwandelbar  bis  in  sein  hohes  alter  durch  sein  beispiel 
behauptet  zu  haben.  Aber  nicht  jedermann  dachte  wie  er,  und  öfters 
fühlte  er  das  bedürfnis,  diese  so  tüchtige  lehre  den  leuten  aufe  neue 
einzuschärfen.  Ne  sutor  ultra  crejßidam,  halt  sich  mer  ider  in  sein 
stand  (LXXVIII,  223);  oder  wie  es  L,  327  fgg.  heisst: 

Halt  innen  beide  mundt  und  handt. 

Das  er  nit  mehr  hie  thu  verzem. 

Denn  im  sein  pflüge  mag  emem; 
und  umständlicher  IX,  256  fgg.: 

Welcher  kein  Rosz  am  paren  hat, 

Derselbig  sol  zu  Fusen  lauffen; 

Und  welcher  nicht  hat  "Wein  zu  kauffen, 

Der  trinck  Wasser  an  seinem  Tisch; 

Und  wer  nit  hat  Wiltpret  und  Fisch, 


350  DUFLOU 

Der  Esz  Rintfleisch  odr  Haberprey; 
Und  wen  die  Armut  drucken  sey, 
Der  ker  den  Mantel  nach  dem  Wind, 
Den  Sack  zu  halbem  Theil  zu  pind 
Und  nem  für  das  Merer  das  Minder, 
Damit  er  hin  pring  Weib  und  Kinder  . .  .;^ 

denn  LVIII,  359  fg.: 

Wer  nit  müeg  rüeben  essen. 

Der  mfies  zu  leczt  den  grebel  fressen. 

Und  er  bleibt  noch  immer  in  derselben  gedankenreihe,  wenn  er  betont, 
dass  auf  zeitliches  gut  nicht  zu  achten  sei,  sondern  auf  „frümkeit**; 
das  sei  der  rechte  reichtum  (XXX,  430). 

Das  sind  vorzügliche  ratschlage  für  arme  leute,  die  andere  um 
ihren  wolstand  beneiden;  doch  die  reichen  redet  er  auch  an,  und 
sein  beständiges  streben  geht  darauf  hinaus,  das  gute  einvernehmen 
zwischen  armen  und  reichen  zu  befestigen.  Der  i-eiche  soll  mild  und 
freundlich  gegen  den  armen  sein  (XXVI,  361  fgg.);  desgleichen  dieser 
immer  fleissig,  standhaft  in  der  tugend  und  ohne  neid.  Der  eine  kann 
ja  den  andern  nicht  entbehren;  der  arme  wäscht,  kocht,  spült,  bäckt 
für  den  reichen,  imd  dieser  beschüzt  ihn  mit  seinen  „geworben". 
Zwei  laster,  welche  Hans  Sachs  auch  ausrotten  will  und  die  ebenfals 
dem  reichtum  anhaften,  sind  die  zwei  extreme  geiz  und  Verschwen- 
dung. 

VII,  67  wer  gelt  lieb  hat. 

Der  wird  des  geltes  nimmer  sat. 

VII,  81  gutes  vil 

wird  weng,  wo  mans  verschwenden  wil  — 

das  sind  epigrammatische  Zusammenfassungen  zweier  gedanken,  wo- 
rüber der  dichter  sich  ausführlich  verbreitet.  Dem  geiz  vor  allem  ist 
er  feind;  der  ist  der  quell  vieler  andren  laster  wie  „wucher,  fürkauff 
imd  finantz,  arglist,  renck  und  alafantz  (VII,  193  fg.);  seine  begier  ist 
grenzenlos;  geschieht  es,  dass  etwa  ein  pfennig  fehlt  — 

VII,  135  Da  liegst  du  denn  die  nacht  zu  wemmem, 
An  rhu  zu  seufftzen  und  zu  gemmern. 

Audi  schont  Hans  Sachs  die  geizhälse  nie.  In  nr.  32  wird  der  Rei- 
chenburger,  welcher  Simplicius  sein  geld  entwendet  hatte,  auch  seiner- 

1)  Dasselbe  thema  behandelt  das  69.  kapitel  aus  Murners  Narrenbeschwö- 
rung. 


HANS   SACHS   ALS   MORALIST  351 

seits  von  Sapiens  geprelt     In  nr.  16  wird  gegen  den  Kargas  ein  com- 

plott  geschmiedet,  wodurch  man  ihm  einige  taler  abzwackt,  welche  die 

lustigen   spassvögel   gleich  verschraausen.     In  nr.  41    spielt   man   dem 

geizigen  einen  noch  ärgeren  possen.    Man  stiehlt  ihm  seinen  schinken, 

gibt  ihm  eine  aus  dreck  gemachte  pille  zu  verspeisen  und  überzeugt 

ihn  zulezt,   dass  er  sich  selbst  bestohlen  habe.     Und  der  dichter  sezt 

hinzu  : 

317  Also  musz  man  schuhen  die  Affen 

Und  die  filtzingen  geitzhels  straffen; 

denn  332  Ein  Sparer  musz  ein  zerer  haben, 

Dasz  der  geltsack  zu  grosz  nit  wachs 
Bey  kargen  Leuten,  wünscht  Hans  Sachs. 

Verschwendung  aber  ist  kaum  besser.  „Demmen  und  schlemmen", 
possierliche  kleider  kaufen  (VIII,  111  fgg.),  jagen  und  koppeln  halten 
(ebd.  196  fgg.)  zieht  armut  und  eine  reihe  von  quälen  nach  sich  wie 
den  husten,  die  reude,  die  kratze,  die  Schwindsucht,  den  hamstein, 
reissende  schmerzen,  rote  äugen,  sausende  obren,  Schwindel  usw. 
(LXVni,  362  fgg.).  Die  katze  wird  das  beste  stück  vieh  im  hause, 
und  der  schlemmer  denkt  sich  im  himmel,  wenn  ihm  der  eintritt  in 
ein  spital  verstattet  wird.  Den  goldnen  mittelweg  soll  man  folglich 
wählen,  der  ehrenvoll  ist  und  beliebt  macht 

Was  unserm  dichter  ebenfals  ein  |dom  im  äuge  ist,  ist  das 
unzüchtige  leben  mancher  jungen  leute  und  sogar  mancher  eheleute. 
Einmal  verfährt  er  dabei  gewissermassen  theoretisierend,  d.  h.  er  lässt 
von  einem  erdichteten  „buliler"  die  quälen  aufzählen,  welche  ihn  betrof- 
fen haben,  oder  einen  richter  dessen  betragen  verurteilen.  Den  buhler 
stelt  er  uns  dar  „traurig  und  kränklich  dahergehend*',  durch  seine 
geschenke  verarmt,  abgehärmt  von  dem  tollen  leben,  der  eifersucht, 
dem  „sehnen  und  meiden",  und  dabei  im  krieg  mit  den  franzosen^ 
Wol  sucht  der  buhler  einzuwenden,  dass  die  buhlerei  der  menschlichen 
natur  entspricht,  dass  gott 

V,  64  das  werck  der  Liebe  pur 

Selbst  hat  gepflantzt  in  die  natur, 

dass  der  buhler  glücksvoile  stunden  zubringt,  usw.;  aber  seine  brüder, 
der  trinker  und  der  spieler,  die  er  um  das  väterliche  erbe  betrügen 
will,  reissen  ihm  schonungslos  die  larve  vom  gesicht.     Manches  beispiel 

1)  Nl.  Syphilis,  damals  auch  wälsche  kratz  geuant.  Vgl.  Histoires  de 
Paolo  Jovio  (Liou  1558)  I,  206  und  Dechambre,  Dictionu.  des  sciences 
medicales,  3.  serie.  XIV,  255  fgg. 


352  BÜFLOU 

aus  dem  alten  testament  und  den  proverbiis  Salomonis  wird  angeführt 
von  diesen  bibelfesten  menschen  um  darzutun,  dass  Gott  die  buhlerei 
immer  grausam  bestraft  hat.  Es  ist  aber  auch  wahr,  dass  sie  dagegen 
andere  stellen  aus  der  bibel  aufklauben,  um  ihr  eigenes  sündiges  leben 
zu  rechtfertigen,  was  abermals  beweist,  wie  bequem  sich  mit  bibel- 
stellen herumschlagen  lässt.  Die  gesellen  des  buhlers  schonen  ihn 
durchaus  nicht;  scherzweise  erinnert  man  ihn  daran,  wie  er  manchmal 
rücklings  die  stiegen  hinuntergeworfen  wurde;  kurzum,  es  wird  ein 
abschreckendes  gemälde  entworfen. 

Das  zweite  verfahren  unseres  dichters  besteht  darin,  dass  er  einen 
buhler  handelnd  auftreten  lässt,  so  dass  wir  Zuschauer  dessen  sind, 
was  ihm  widerfahrt  Mit  wenigen  ausnahmen  kommen  diese  leute 
nicht  so  glatt  weg,  wie  man  sich  denken  könte.  Im  Teufelbannen 
wird  dem  höckerigen,  unzüchtigen  pfarrer  ein  possen  gespielt,  der  den 
spass  wirklich  auf  die  äusserste  spitze  treibt  (nr.  37);  in  nr.  62  wird 
ein  alter  zahnloser  kerl  unbarmherzig  verspottet.  Nr.  69  führt  uns  einen 
messner  vor,  der  sich  blind  stelt,  um  seine  ehebrecherische  frau  auf 
frischer  tat  mit  dem  geistlichen  zu  ertappen;  er  schiesst  diesem  einen 
eisernen  bolzen  in  den  buckel  und  legt  seiner  frau  „fünffingerkraut" 
aufs  haupt.  Den  frauen  ergeht  es  nicht  besser,  obschon  ihre  unver- 
gleichliche erfinderische  verschmiztheit  sie  öfters  geschwind  eine  list 
oder  ausrede  ersinnen  lässt,  wodurch  sie  dem  gerechten  zome  des 
gatten  entgehen.  Wenn  sie  sich  nach  einem  mislungenen  versuche  (wie 
in  nr.  57)  bekehren,  dann  unterbleibt  die  strafe;  wenn  sie  aber  die 
geduld  ihres  mannes  misbrauchen  und  überreizen,  so  begegnet  ihnen 
mitunter  noch  schlimmeres  als  prügel,  wie  ein  aderlass  (nr.  56);  und 
wenn  eine,  die  selber  „holz  trägt",  die  Verwegenheit  so  weit  treibt, 
die  tugend  ihres  mannes  zu  erproben,  da  verbrent  sie  sich  jämmer- 
lich die  finger  (nr.  38).  Also,  gleichviel  wohin  man  sich  wendet,  fast 
überall  sehen  wir  die  Unzucht  gestraft 

Um  diesem  übel  abzuhelfen,  wo  es  unter  jungen  leuten  grassiert, 
kent  Hans  Sachs  nur  ein  mittel,  das  sein  lieblingsthema  ist:  die 
ehe.  Von  der  würde  des  ehelichen  Standes  ist  keiner  mehr  überzeugt 
als  er.  Nicht  nur  komt  dieses  motiv  zu  widerholten  malen  in  seinen 
fastnachtspielen  und  anderen  dichtungen  wider,  sondern  auch  hier, 
wie  schon  einmal  vorher,  constatieren  wir  das  übereinstimmen  von 
wort  und  tat.  Der  siebenundsechzigjährige  greis  fühlte  sich  noch 
gesund  und  rüstig  genug  um  eine  zweite  ehe  zu  schliessen  mit  einem 
achtzehnjährigen  mädchen,    Barbara  Harscherin,   deren  reize  der  greis 


HANS  8A0H8  ALS  MORALIST  353 

in  versen  verherlichte,   welche   eher  von  einem  jtingling  herzurühren 
scheinen.     Schon  1518  schrieb  er,  indem  er  sich  an  die  frauen  wante: 

I,  382    Spardt  ewr  lieb  bisz  in  die  Eh, 

Denn  habt  ein  Lieb,  sonst  keine  meh. 

Dem  buhler  gebietet  er  (in  nr.  5,  nach  1533  gedichtet): 

V.  463  thu  dir  selber  nemen 

Einen  Gemahel  zu  der  Ehe! 
Die  hab  denn  lieb  und  keine  meh! 

Gleiche  aussagen  finden  wir  in  VIII,  253  (12.  juli  1538);  XXIII,  385 
(10.  Oktober  1550);  LXXXIV,  465  fgg.  (31.  Oktober  1560). 

Es  macht  einen  sonderbaren  eindruck,  wenn  man  daneben  die 
galerie  der  bösen  weiber  durchmustert.  Aber  doch  sind  beide  dinge 
zu  vereinbaren.  Hans  Sachs  ist  der  ansieht,  dass  der  mann  sich  seine 
frau  erziehen  kann  und  muss,  und  dass  es  seine  eigne  schuld  ist, 
wenn  es  ihm  nachher  in  der  ehe  sauer  wird.  Deshalb  unterlässt  er 
nicht  die  männer  zu  belehren,  um  den  hausfrieden  zu  fördern: 

XXVIII,  295  Zeuch  erstlich  dein  wevb  an  den  ortten 

Zu  gehorsamb  mit  guten  wortten^. 

Zum  beispiel: 
XVII,  82  Mein  Gmahel,  es  wer  mein  gemüt, 
Meins  hertzen  wolgfallen  und  wil, 
Das  du  einzogen  werst  und  stil. 

Vieles  gepolter  taugt  nicht  (XII,  366  fg.);  helfen  aber  keine  guten  werte, 

XXVni,  298   So  thu  dich  etwas  ernstlich  stellen 

Zu  wern  ir  eygen  sinnig  art. 
Wo  sie  dir  noch  helt  wider  hart. 
So  magstus  straffen  mit  der  zeyt, 
Doch  mit  vernunflFt  und  bscheidenheyt. 
Wie  man  den  spricht:  ein  frommer  man 
Ein  ghoreamb  weyb  im  ziehen  kan^. 

Vor  allem  aber  komt  es  darauf  an,  ihr  anfangs  nicht  die  zügel  schies- 
sen zu  lassen ^  und  beiderseits  nicht  aufbrausend  zu  sein^:  so  erlangt 
man  schliesslich  wol  den  „pachen  im  deutschen  hof".  Der  schlimste 
fehler,   mit   dem   ein  mann  behaftet   sein    kann,    ist   zulezt   noch   die 

1)  Vgl.  XX V[,  34  fg. 

2)  Dasselbe  XII,  373  fg. 

3)  Vgl.  XXVm,  23  fg.  und  XXVI,  382  fgg. 

4)  Nr.  LXIV. 

ZBIT8GUBIFT  F.   DEUTSCHE  PHILOLOGIE.     BD.   XXV.  23 


354  DUFLOÜ 

eifersucht.  Nicht  nur  ist  sie  eine  unaufhörliche  folter,  welche  den 
mann  geradezu  wahnsinnig  macht,  sondern  sie  ist  auch  das  beste  mittel 
um  das  herbeizuführen,  was  man  befürchtet  Die  spiele  42  und  45 
sind  beide  gegen  diese  plage  gerichtet  Im  17.  wird  einer  von  dieser 
krankheit  durch  einen  von  Hans  Sachs  angestelten  arzt  curiert 

Also  ist  der  biedermann  fortwährend  bestrebt  seine  mitmenschen, 
die  ehemänner,  zur  richtigen  erkentnis  ihrer  pflichten  und  rechte  anzu- 
halten. Und  man  kann  ihm  nicht  zur  last  legen,  dass  er  den  stoff 
nicht  erschöpft  habe.  Also:  wenn  es  geschieht,  dass  man  mit  einem 
„schelligen  gaul  erschlagen"  ist,  der  nicht  hören  will,  so  muss  man 
in  extremis  wol  zum  bereits  erwähnten  kraut,  zu  prügeln  und  beschwö- 
rungen  eigentümlicher  art^  seine  Zuflucht  nehmen  2.  Hans  Sachsens 
ideal,  eine  treue,  züchtige^  frau,  die  fleissig  ihre  haushaltung  besorgt 
und  keine  klatschschwester  ist,  wird  zwar  auf  diese  weise  nicht  ver- 
wirklicht; aber  es  ist  nicht  zu  leugnen,  dass  der  mann,  welcher  aus 
erfahrung  reden  konte,  zweifelsohne  richtig  sah,  als  er  den  Ursprung 
mancher  häuslichen  Uneinigkeit  auf  die  Unvernunft  des  mannes  zurück- 
führte. 

Man  denke  nicht,  dass  unser  bild  bereits  volständig  sei.  Nach- 
dem er  das  Verhältnis  von  mann  und  frau  beleuchtet  und  erörtert  hat, 
geht  der  dichter  zu  den  kindern  über: 

V,  481  jr  solt  ewre  Kinder  halten 

Unter  der  Ruten,  die  mit  schmertzn 
Des  Kinds  thorheit  treib  ausz  dem  hertzn, 
Auff  das  nit  Wüstling  darausz  werden. 

Man    soll    sie    auferziehen    „auff  Gottes   forcht,    sitten    und   tugent"* 
(v.  489),  denn 

VI,  363  So  bald  ein  Son  kompt  zu  den  Jam, 
Sol  man  ihn  fleissiglich  bewarn 
Vor  loser  gsellschafft,  wo  man  kan. 
Wie  uns  lert  der  weisz  Salomon^. 

1)  Z.  b.  LXIV,  309  fgg. 

Male  Bestia  in  spelunckes 

Chabes  kümaulque  et  munckes 

Pengel  que  sub  Schulter  et  lentes 

Facit  dein  rüesel  hie  loquentes!    (die  frau  wolte  nicht  sprecheu). 

2)  Vgl.  XXVI,  380  fgg.;  XLIX,  365  fgg. 

3)  Vgl.  LXXXrV,  428  fgg. 

4)  Dasselbe  UI,  402. 

5)  Proverb  I,  10;  IV,  14. 


HANS   SACHS  ALS  MORALIST  355 

An  die  Jünglinge  selbst  wendet  der  dichter  sich;  er  begnügt 
sich  nicht  im  algemeinen  auf  die  notwendigkeit  der  guten  sitten  und 
der  tugend  hinzuweisen  (wie  XIX,  320  fgg),  sondern  das  ganze  spiel 
nr.  8  ist  dazu  bestimt,  die  ranke  und  schlingen  blosszulegen,  welche  der 
fürwitz  oder  „bethulancia",  hier  gewissermassen  ein  Inbegriff  der  ver- 
führerischen lockungen,  denen  der  jüngling  ausgesezt  ist,  der  Jugend 
bereitet  Wir  heben  nur  eins  hervor,  das  für  den  dichter  bezeichnend 
ist,  nämlich  den  rat,  den  er  müssiggängern  gibt,  ihre  zeit  auf  das  Stu- 
dium zu  verwenden!. 

Was  nun  die  mädchen  anbelangt,    so  ist  Hans  Sachsens  moral 
recht  hausväterlich  und  vorsichtig: 
XXXIX,  533  Thut  flcissig  auff  owr  Töchter  schawen. 

Das  sie  sich  einmütig  einziehen  2, 
Beywonung  der  Manszbilder  fliehen 
Und  der  gar  nit  zu  Hause  laden. 
Wann  es  bringt  jren  ehren  schaden; 
Obs  gleich  nit  unehrlich  zu  geht. 
Doch  ein  bösz  gschrey  darvon  entsthet 
Durch  der  klaffer  gifftige  zungen. 
Es  sei  uns  gestattet,   zum  schluss  das  sonst  noch  hin  und  her 
zerstreute  aufzulesen  und  hier  zusammenzustellen. 

Wie  der  dialog  Ciceros  de  amicitia  dem  dichter  bekant  war, 
so  unterlässt  er  nicht  auf  das  seltene  glück  eines  rechten  freundes 
hinzuweisen,  der  den  tadel  nicht  zurückhält;  falsche  freunde  und  heuch- 
1er  werden  scharf  mitgenommen^.  Dieses  spricht  für  des  dichters  bie- 
dersinn;  für  seine  gesunde  vernuuft  hingegen  spricht  seine  Verspottung 
der  „alchamey^'  (VIII,  325)  und  der  wahrsagerei,  deren  zweck  und 
kern  er  ganz  richtig  erfasste  (X,  200  fgg.).  Törichte  woltaten  rügt  er 
ebenfals;  man  soll  nicht  den  ersten  besten  „ freihart "  beherbergen,  der 
abends  an  die  türe  klopft  (XXV,  346  fgg.),  und  Spitzbuben  soll  man 
auch  nicht  trauen 

Wan  art  die  lest  selten  von  art  (LXXXI,  392). 
Gleich  unvernünftig  ist  es,  sich  in  andrer  leute  händel  einzumischen; 
LXVI,  423  das  sich  sol  ein  weiser  mon 

Kains  fremden  haders  nemen  on 
Und  sich  gar  nicht  darmit  peküemer. 
Das  nit  an  in  springen  die  trüemer. 

1)  Vm,  140  und  vgl.  die  äusserung  des  doctors  LXXXTTT,  168  fgg. 

2)  Dasselbe  LXXXIV,  435. 

3)  Proverb  VIII,  133;  XIV  passim;  XIX,  314  fgg;  XXXI,  passim. 

23* 


356  E.  0.  uäywl 

Der  grund  ist  malerisch  ausgedrückt  Man  soll  sich  immer  vor  den 
folgen  fürchten,  sagt  der  dichter,  und  eben  deshalb  soll  man  auch  ein 
geheimnis  treu  bewahren.  Diese  lehre  wird  illustriert  durch  das  spiel 
vom  knaben  Lucius  Papirius  Cursor  (nr.  73).  Dies  Jführt  Hans  Sachs 
auf  den  gedanken,  dass  man  immer  vor  weibem  und  kindem  reinen 
mund  halten  soll,  damit  kein  geheimnis  ruchtbar  werde  und  dadurch 
etwa  ein  mit  vieler  mühe  aufgebauter  plan  mislinge  (v.  391  fgg.).  Des- 
halb ist  es  auch  zu  empfehlen,  dass  man  nicht  zu  neugierig  sei,  oder, 
wenn  man  etwas  gemerkt  hat,  es  geheim  halte.  Alles  zu  bekritteln 
und  zu  beschnattern,  hat  nie  einem  menschen  vorteil  eingebracht;  im 
schlimsten  fall  kann  es  eine  derbe  Züchtigung  veranlassen,  wie  der 
aime   narr  Jeckel    zu   seinem   schaden   fühlen   muste  (nr.  83). 

Es  ist  jezt  also  klar:  Hans  Sachs,  der  vernünftige  und  praktische 
mann,  wendet  sich  in  seiner  moral  hauptsächlich  an  den  gesunden 
menschenverstand  seiner  zuhörrr;  viel  weniger  an  das  herz,  die 
höhern  gefühle.  Doch  glauben  wir,  dass  sie  vor  dem  Vorwurf  der 
hausbackenheit  gesichert  ist.  Einzelne  aussprüche  zeugen  von  einem 
überlegenen,  der  zeit  vorausgeeilten  einblick  in  die  Weitverhältnisse; 
manches  der  spruchgedichte  (die  wir  hier  absichtlich  von  unserer 
Untersuchung  ausgeschlossen  haben)  zeigt  uns  den  dichter  als  einen 
so  feinen  und  fleissigen  beobachter  der  politischen  ereignisse,  wie  es 
ein  beschränkter  geist  nie  hätte  sein  können.  Allein  er  war  ein  kind 
seiner  zeit  und  liesa  sich  die  klarheit  des  blickes  durch  keine  trugbil- 
der  und  falsche  Vorstellungen  trüben.  Wie  er  verfuhr,  so  muste  in 
dieser  zeit,  wo  der  physische,  man  dürfte  sagen  tierische  teil  des  men- 
schen noch  so  grell  hervortrat,  jeder  verständige  reformator  verfahren, 
wenn  er  nicht  scheitern  wolte.  Hans  Sachs  ist  öfters  Luther  an  die 
Seite  gestelt  worden  wegen  des  anteils,  den  er  an  der  reformation  in 
seiner  sphäre  nahm;  wir  glauben,  dass  beide  auch  zusammengehören  als 
unermüdliche  bekämpfer  der  torheit  und  des  lasters. 

GENT.  G.   DUPLOU. 


DIE  QUELLEN  VON  KLINGEES  LUSTSPIEL:  DER      * 

DEEWISCH. 

Nachdem  Klinger  in  seinem  „Orpheus"  zum  erstenmal  den  boden 
der  märchenweit  betreten  hatte,  versuchte  er  mit  unleugbarem  geschick 
märchenhafte  motive  auf  der  scene  zu  komischer  Wirkung  zu  verwer- 


QUELLEN   VON  KLINOEBS   DERWISCH  357 

ten.  Diesem  versuche  verdanken  wir  eines  seiner  besten  stücke:  das 
lustspiel  ^Der  derwisch*'  (Prag)  1780;  aufgenommen  in  bd.  HI  des 
theaters  1786,  sonst  in  keine  samlung  Klingerscher  Schriften.  Man 
kante  bisher  die  quellen,  aus  welchen  Klinger  die  motive  zu  diesem 
stücke  schöpfte,  nur  zum  geringen  teile;  vgl.  M.  Rieger:  Klinger  in  der 
stunn-  und  drangperiode,  Darrastadt  1880,  s.  297.  Klingers  haupt- 
quelle war  Henri  Pajons  „L'Histoire  des  trois  fils  d'Hali  Bassa  de  la 
mer  et  des  filles  de  Siroco,  gouverneur  d'Alexandrie".  Dieses  märchen 
erschien  zuerst  1745  im  Mercure  de  France  (august  —  december)  unter 
dem  Pseudonym  M.  Jaques  (vgl.  Le  cabinet  des  f6es,  Genf- Paris  1786 
bd.  XXXIV,  s.  7).  Der  Abb6  de  la  Porte  druckte  es  unter  dem  titel 
„N6angir  et  ses  freres,  Argentine  et  ses  soeurs"  in  seiner  „Bibliothöquo 
des  F6es  et  des  Gönies"  ab.  Daraus  übersezte  es  Wieland  in  dem 
ersten  bände  seines  „  Dschinnistan  oder  auserlesene  feen-  und  geister- 
mährchen''  (3  bde.  1786  —  89;  beiHempel  30.  teil  s.  75  —  129).  In  der 
samlung  von  feenmärchen  „Le  cabinet  des  föes"  1786  findet  es  sich 
abgedruckt  bd.  34,  s.  119  —  236. 

Die  hauptzüge  der  äusseret  verwickelten  handlung  des  märchens 
sind  folgende.  Ein  weiser  derwisch  machte  den  drei  söhnen  des  Bassa 
vom  meere  drei  wertvolle  geschenke,  deren  besitz  ihnen  glück  bringen 
solte.  Dem  ältesten  söhne  gab  er  einen  rosenkranz  mit  neunundneunzig 
der  schönsten  korallen  und  begleitete  seine  gäbe  mit  den  werten: 
„Bewahre  diesen  schätz,  sei  dem  propheten  getreu  —  und  du  wirst 
glücklich  sein".  Dem  zweiten  söhne  schenkte  er  ein  täfeichen  von 
kupfer,  auf  welchem  der  name  des  gesanten  gottes  in  sieben  sprachen 
eingegraben  war,  und  sagte:  „Der  name  des  freundes  des  allerhöch- 
sten möge  dein  haupt  bedecken;  der  turban,  das  zeichen  der  recht- 
gläubigen begleite  ihn  immer  —  dann  wird  dein  glück  volkommen 
sein''.  Dem  jüngsten  söhne  legte  er  ein  arniband  an  mit  den  werten: 
„Rein  sei  deine  rechte,  und  deine  linke  unbefleckt!  Bewahre  dieses 
kleinod,  das  in  Medina  verfertigt  wurde  —  und  dein  glück  wird  nicht 
gestört  werden". 

Die  söhne  des  Bassa  achten  der  worte  des  derwisches  nicht  und 
geraten  ins  unglück.  Der  älteste  söhn  misbraucht  den  rosenkranz.  Er 
verliert  eine  koralle  davon  und  ist  verurteilt  mehrere  stunden  des  tages 
die  verstreuten  korallen  aufzulesen,  zu  zählen  und  die  fehlende  ver- 
geblich zu  suchen.  Der  jüngste  söhn  berührt,  nicht  eingedenk  der 
Warnung  des  derwischs,  eine  unreine  speise.  Sofort  verliert  seine  band 
die  natürliche  färbe  und  wird  zu  ebenholz.  Drei  stunden  muss  er 
täglich  sein  unglück  beweinen.    Dem  zweiten  söhne  N6angir  wird  das 


358  K.   0.   MAYER 

kupfertäfelchen  entwendet  Er  wird  dadurch  in  einen  kupfernen  koch- 
tiegel  verwandelt  und  erlangt  erst  nach  einigen  jähren  seine  natürliche 
gestalt  wider. 

Den  drei  söhnen  des  Bassa  waren  von  kindheit  an  die  drei  töch- 
ter  des  gouverneurs  von  Alexandrien  Siroco  zu  frauen  bestirnt.  Auch 
diese  besitzen  talismane  in  gestalt  von  ringen,  welche  sie  vor  unglück 
schützen  sollen.  Zwei  der  mädchen  lassen  sich  von  listigen  Juden  ihre 
talismane  herauslocken  und  werden  auf  der  stelle  in  zwei  taschenuhren 
verwandelt:  Argentine  in  eine  sUberne,  Aurore  in  eine  goldene.  Sie 
können  nur  entzaubert  werden,  wenn  man  ihnen  die  beiden  ringe 
wider  anhängt  Doch  erlangen  sie  für  eine  stunde  ihe  natürliche 
gestalt,  wenn  man  sie  um  mitternacht  aufzieht  Unterlässt  man  dies, 
so  rollen  sie  dem  jeweiligen  besitzer  eUends  davon. 

Die  beiden  ringe  werden  den  Juden  von  zwei  Girkassierinnen 
entlockt  Dabei  spielt  der  oben  erwähnte  derwisch  eine  rolle.  Die 
zwei  Girkassierinnen  erzählen  vor  dem  Bassa  und  seinen  söhnen  ihre 
wundei-samen  erlebnisse.  Sie  waren  für  den  harem  des  grosssultans 
bestimt  Auf  der  reise  dahin  werden  sie  von  zwei  jungen  männern 
entführt  Der  eine  ist  der  prinz  der  schwai'zen  marmorinsel  D61icat; 
der  andere  —  Th61amir  —  ist  zwar  nicht  von  so  vornehmer  abkunft; 
aber  er  besizt  geheimnisse,  die  ihn  dem  grösten  herscher  ebenbürtig 
machen.  D61icat  muste  aus  der  residenz  seines  vaters  fliehen,  weil  er 
die  ihm  bestirnte  braut  nicht  heiraten  wolte.  Die  jungen  männer  brin- 
gen die  beiden  mädchen,  D61y  und  T6zile,  auf  das  schloss  Th61amirs 
zu  genussreichem  leben.  T6zile,  die  geliebte  Th^lamirs,  zeigt  bald  eine 
auffallende  Zärtlichkeit  gegen  D61icat  und  erregt  ihres  liebhabers  eifer- 
sucht  Dieser  findet  einst  nachts  im  walde  D61icat  mit  einer  schönen 
in  zärtliches  Zwiegespräch  vertieft.  Er  hält  das  mädchen  für  T6zile; 
die  erlauschten  werte  des  gespräches  scheinen  seine  Vermutung  zu 
bestätigen.  In  raschem  zome  schlägt  er  den  liebenden  mit  einem  säbel- 
streich beide  köpfe  ab.  Mit  schrecken  wird  er  sich  nach  begangener 
tat  seines  irtums  bewust.  Eilig  legt  er  die  abgehauenen  köpfe  an  die 
leiber  an,  steckt  ihnen  eine  magische  pille  in  den  mund  —  und 
sogleich  wachsen  die  köpfe  an,  ohne  die  mindeste  narbe  sehen  zu  las- 
sen. In  der  dunkelheit  und  eile  hatte  er  aber  die  köpfe  vertauscht 
Erst  als  man  in  den  palast  zurückkomt,  wird  die  Verwechslung  ent- 
deckt Thölamir  wül  den  schaden  wider  gut  machen  und  beiden  noch- 
mals die  köpfe  abschlagen,  um  sie  auszutauschen;  doch  die  beiden 
Opfer  seiner  eifersucht  wollen  sich  zu  dieser  „Operation*'  nicht  ent- 
schliessen.     Einige  zeit   nach  dieser  begebenheit  stirbt  D61icats  vater. 


QUELLEN   VON  KLINGERS  DERWISCH  359 

Es  findet  sich,  dass  er  seinen  söhn  von  der  thronfolge  ausgeschlossen 
hat  Trotzdem  will  D61icat  mit  D61y  in  die  hauptstadt  Er  hoft  das 
volk  für  sich  zu  gewinnen.  Da  zeigen  sich  aber  die  schlimmen  folgen 
des  kopfwechsels.  Er  sowie  D61y  werden  für  betrüger  erklärt.  Beide 
werden  enthauptet.  Th61amir  und  T6zile  legen  die  abgehauenen  köpfe 
an  die  leiber  an ,  und  die  magischen  piUen  tun  abermals  ihre  Wirkung. 
In  der  eile  wurde  aber  D61icats  köpf  nicht  genau  an  den  hals  ange- 
passt,  und  der  prinz  stirbt  sogleich  nach  seiner  widerbelebung  an  Ver- 
blutung. D61y  im  höchsten  schmerz  und  zom  durchbohrt  Th61amir 
als  den  urheber  des  ganzen  Unglücks  mit  einem  Schwerte.  So  weit  die 
erzählung  der  beiden  Cirkassierinnen. 

Das  märchen  eilt  sodann  dem  ende  zu.  Die  zwei  töchter  Sirocos 
gelangen  in  den  besitz  ihrer  ringe  und  gewinnen  ihre  natürliche  gestalt 
wider.  In  der  fünften  falte  des  kleides  der  entzauberten  Aurore  findet 
sich  die  vermisste  neunundneunzigste  koralle.  Dadurch  wird  der  älteste 
söhn  des  Bassa  von  seinem  zaubor  erlöst  Auch  der  dritte  söhn  wird 
bald  von  seiner  ebenholzhand  befreit,  und  eine  reihe  von  Vermählun- 
gen schliesst  die  verwickelte  handlung. 

Klinger  hat  in  seinem  lustspiele  die  motive  dieses  märchens  auf- 
gegriffen imd  zu  komischer  Wirkung  ausgearbeitet  In  den  mittelpimkt 
stelt  er  einen  derwisch.  Ein  solcher  spielt  auch  im  märchen  eine 
rolle;  Klingers  derwisch  trägt  jedoch  ganz  andere  züge.  Den  Zusam- 
menhang derselben  einerseits  mit  dem  derwisch  AI  Hafi  in  Lessings 
Nathan,  andererseits  mit  dem  gi'afen  Cagliostro  weist  M.  Rieger  über- 
zeugend nach  in  Klingers  leben  s.  290  fg.  Der  derwisch  besizt  (wie 
Th61amir  im  märchen)  die  gäbe  tote  zu  erwecken.  Nur  bewirkt  er 
dies  nicht  mittels  magischer  pillen,  sondern  mit  hilfe  einer  Wunder- 
kerze, die  er  den  toten  in  den  mund  steckt  Aus  allen  teilen  der  weit 
kommen  leute  nach  Omius  zum  derwisch  um  sich  da,  wenn  sie  gestor- 
ben, zu  neuem  leben  erwecken  zu  lassen.  An  dem  hofe  des  sultans 
von  Ormus  lebt  dessen  Schwester,  die  schöne  Genevra.  Der  ruf  ihrer 
Schönheit  zieht  viele  prinzen  an  ihren  hof.  Doch  keiner  von  ihnen 
vermag  den  zauber  zu  lösen,  der  sie  fesselt  „Unaufhörlich"  —  so 
erzählt  einer  ihrer  bewerber,  der  prinz  Mustapha,  seinem  cousin,  dem 
prinzen  Oronoko  [II,  2]  —  „unaufhörlich  zählt  sie  Diamanten.  Ein 
kleines  niedliches  Körbchen  trägt  sie  in  der  Hand,  da  sammelt  sie 
dieselben  hinein  und  schüttet  sie  wieder  aus  und  sucht  sie  wieder. 
So  geht  das  rastlos  fort  ....  Es  müssen  neunundneunzig  Diamanten 
sein,  wenn  ihr  Geschick  ein  Ende  nehmen  soll.  Zählt  sie  aber  die 
Steine,   so  sind  es  achtundneunzig.     Da  zählt   sie   wider   und   seufzt: 


360  K.   0.   MATER 

Achtundneunzig  sinds.  Verwünschtes  Schicksal!  Bevor  sie  neunund- 
neunzig gleiche  Diamanten  zählt,  darf  sie  mit  keinem  von  uns  reden 
und  keinen  zum  Gemahl  erwählen".  Sie  leidet  also  unter  demselben 
Zauber,  wie  der  älteste  söhn  des  Bassa  vom  meere.  Wie  dessen  erlö- 
sung  von  der  entzaubening  der  beiden  in  taschenuhren  verwandelten 
töchter  des  Siroco  abhängt,  so  ist  die  befreiung  der  Genevra  an  das 
Schicksal  zweier  illyrischer  prinzessinnen  geknüpft  Diese  wurden  von 
dem  mächtigen  zauberer  Primrose  in  taschenuhren  verwandelt  (der 
grund  ist  nicht  erzählt)  und  spielen  in  dem  stücke  als  taschenuhren 
ihre  rolle.  Sie  können  nur  erlöst  werden,  wenn  man  sie  mit  dem 
glockenschlage  zwölf  aufzieht.  Prinz  Musfapha  erzählt  [I,  7)  dem  der- 
wisch  folgendes  abenteuer:  „Gestern  Morgen  kauf  ich  eine  Uhr  von 
Gold.  Wie  ich  Abends  in  mein  Zimmer  trete,  liegt  eine  Uhr  von 
Silber  grad  auf  meiner  Schwelle.  Ich  nehme  die  Uhm  und  hänge  sie 
beide  gegen  mein  Bett.  Um  Mittemacht  erwacht  ich  und  hörte  die 
Uhm  deutlich  sagen:  ,Ach  diesmal  sind  wir  wiederum  nicht  aufgezogen 
worden!'  Da  sprang  ich  auf,  weg  waren  meine  Uhren,  die  Gekaufte 
und  Gefundene  miteinander". 

Tm  5.  auftritt  des  IV.  aufzugs  liegen  die  beiden  taschenuhren  auf 
der  scene. 

[„Die  PrlDzessinneD  aus  IlIyrieD  als  zwei  Uhren  auf  dem  Boden:] 
Prinzessin  Rose  a.  T.  U.:  Prinzessin  Schwester! 
Prinzessin  Zamora  a.  T.  U.:   He! 

Pr.  Rose  a.  T.  U.:  Bist  Du  abgelaufen? 

Pr.  Zamora  a.  T.  U.:    Du? 
Pr.  Rose  a.  T.  U.:   Ja! 
Pr.  Zamora  a.  T.  ü.:   Ich  auch! 
Pr.  Rose  a.  T.  ü.:  Zwölfe  muss  es  nun  gleich  sein! 
Pr.  Zamora  a.  T.  TL:   Ich  denke,  ja! 

Pr.  Rose  a.  T.  U.:  Würden  wir  doch  einmal  zur  rechten  Zeit  aufge- 
zogen ! 
Pr.  Zamora  a.  T.  U.:  Möchte  sich  doch  einmal  das  schreckliche  Schick- 
sal versöhnen  lassen! 
Pr.  Rose  a.  T.  U.:  0  Himmel!  welch  ein  harter  Stand  für  Prinzessin- 
nen, als  Taschenuhren  in  der  Welt  herumzurollen!" 
Man  vergleiche  damit  folgende  stellen  des  märchens,  die  Elinger 
fast  wörtlich  benuzt  hat:    N6angir,   der  zweite  söhn  des  Bassa,   kauft 
bei  einem  Juden  eine  silberne  taschenuhr.     Als  er  abends  nach  hause 
komt,  findet  er  auf  der  schwelle  seines  zimmere  eine  prächtige  goldene 
uhr  liegen.     Gab.  d.  f6es  XXXIV  [s.  129  fg.]:  „il  se  coucha  tranquille- 


QUELLEN  VON  KLINeERS  DEBWISCH  361 

ment  apr^  avoir  mis  ces  deux  montres  sur  Testrade  oü  il  se  pr6pa- 
roit  ä  dormir.  S'6tant  6veill6  par  hasard  au  milieu  de  la  nuit,  il 
entendit  une  voix  aussi  douce  qu'un  tiinbre  d'argent,  qui  sembloit 
sortir  d'uno  des  deux  montres  (comme  eile  en  sortoit  en  efPet)  qui  dit: 
ma  chöre  Aurore,  ma  chöro  soeur,  vous  a-t-on  montö  ä  minuit?  Non, 
ma  fidelle  Argen tine,  röpondit  une  autre  voix;  et  vous?  Moi?  r6pon- 
dit  la  premiöre,  on  m'a  aussi  oubli6e;  quel  malheur,  il  est  une  heure 
pass6e,  nous  ne  pourrons  sortir  que  demain  de  notre  prison!  Oui, 
dit  la  premiöre  voix,  en  cas  que  Ton  ne  nous  nöglige  pas  encore  comme 
aujourd'hui.  Nous  n'avons  plus  ä  faire  ici,  dit  Aurore,  rendons  nous  ä 
notre  destin6e:  partons.  Aussitot  le  jeune  N^angir  qui  s'etoit  lev6  ä 
moiti6  surpris  d'un  semblable  .predige,  vit  ä  la  clart6  de  la  lune  les 
deux  montres  sauter  par  terro  et  rouler  hors  de  sa  chambre  par  la 
chattiftre''. 

Der  betler  Derbin  in  Klingers  stück  findet  endlich  die  beiden 
uhren  und  entzaubert  sie,  indem  er  sie  zur  rechten  zeit  aufzieht.  In 
einer  falte  des  Unterrocks  der  prinzessin  Rose  findet  sich  der  fehlende 
neunundneunzigste  diamant,  dessen  die  schöne  Genevra  zu  ihrer  ent- 
zauberung  bedarf 

Zur  hauptperson  des  Klingerschen  Stückes  ist  der  derwisch  gemacht; 
die  motive  der  handlung  aber  nahm  Klinger  aus  der  erzählung  der 
beiden  Cirkassierinnen  bei  Pajon.  Der  derwisch  verliebt  sich  in  ein 
reizendes,  einfaches  mädchen,  Fatime,  dessen  mutter  er  vom  todo 
erweckt.  Die  dankbarkeit  fördert  Fatimes  gegenliebe.  Der  derwisch 
will  mit  ihr  an  den  Ganges  ziehen,  um  dort  ein  stilles,  glückseliges 
leben  zu  führen.  Zum  unglück  verlieben  sich  aber  auch  der  sultan 
und  sein  favorit  Culi  in  das  mädchen  und  suchen  es  in  ihre  netze  zu 
locken.  Fatimes  bruder  Halli,  an  gesinnung  und  aussehen  seiner 
Schwester  ganz  unähnlich,  gibt  sich  zum  Werkzeug  für  die  verführungs- 
absichten  Culis  her.  Er  bestelt  seine  Schwester  in  der  dämmerungs- 
stunde  in  des  sultans  garten  zu  einer  Unterredung.  Fatime  findet  sich 
ein.  Sie  will  ihren  bruder  bereden ,  seinem  bisherigen  schlechten  lebens- 
wandel  zu  entsagen  und  mit  an  den  Ganges  zu  ziehen.  Der  derwisch, 
welcher  des  sultans  und  Culis  absiebten  auf  Fatime  wol  kent,  erfährt, 
dass  sich  seine  geliebte  zu  einem  steldichein  in  des  sultans  garten 
begeben.  Voll  eifei-süchtigen  zorns  über  Fatimes  angebliche  treulosig- 
keit  ergreift  er  einen  säbel  und  eilt  ihr  nach.  Er  findet  sie  mit  einem 
manne  scheinbar  in  ein  liebesgespräch  vertieft;  die  werte,  die  er  hört, 
bestärken  seinen  verdacht,  und  mit  einem  Säbelhieb  schlägt  er  beiden  die 
köpfe  ab.    Jezterst  entdeckt  er  seinen  irtuni.     Der  vermeintliche  lieb- 


362  OEDBBSOHIÖLD 

haber  ist  Fatimes  bruder  Halli.  Rasch  passt  der  derwisch  die  köpfe 
an  den  rumpf  an  und  lässt  seine  Wunderkerze  wirken.  Aber,  o  schreck! 
er  hat  in  der  dunkelheit  die  beiden  köpfe  vertauscht,  und  seine  geliebte 
Fatime  trägt  nun  Hallis  hässliches,  rotbärtiges  gesicht  Ihr  bruder  mit 
seinem  tausche  zufrieden,  macht  sich  eiligst  aus  dem  staube,  um  einem 
zweiten  geköpftwerden  zu  entgehen.  Fatime  ist  trostlos.  Die  drastische 
Wirkung,  welche  in  der  komik  dieser  scene  liegt,  weiss  Klinger  gut 
auszubeuten.  Um  Fatime  wider  zu  ihrem  köpfe  zu  verhelfen  muss  ein 
deus  ex  machina  in  der  person  des  mächtigen  Zauberers  Primrose  her- 
bei. Mit  dessen  hilfe  schlägt  der  derwisch  dem  HaJli  den  köpf  ab  und 
sezt  ihn  wider  seiner  geliebten  auf.  In  einem  wolkenwagen  bringt  er 
sie  an  den  Ganges.  . 

WIEN,    29.  SEPTEMBER    1891.  K.    0.    MAYER. 


THEODOR  WISfiN. 

Die  alte  norwegisch -isländische  litteratur  ist  schon  seit  langer  zeit  in  Schwe- 
den eifrig  gepflegt  worden.  Nachdem  man  in  der  ereten  hälfto  des  17.  jahrh.  auf 
Island  angefangen  hatte,  den  denkmälem  der  vorzeit  aufs  neue  seine  aufmerksamkeit 
zuzuwenden,  erweckte  diese  bowegung  (die  isländische  „renaissance")  zunächst  in 
Schweden  den  stärksten  nachhall,  wo  der  eifer  die  Schriftwerke  der  ersten  blüteepoche 
nordischer  litteratur  zu  sammeln ,  herauszugeben  und  zu  erklären  damals  grösser  war, 
als  in  der  dänisch -norwegischen  monarchie,  obgleich  von  den  in  dieser  vereinten  beiden 
Völkern  das  eine  durch  die  politische  Zusammengehörigkeit,  das  andere  durch  stamver- 
wantschaft  den  Isländern  näher  stand.  Im  18.  Jahrhundert  änderte  sich  dies  freilich, 
da  namentlich  durch  die  grossartige  Wirksamkeit  Arni  Magnüssons  jczt  Kopenhagen 
der  hauptsitz  der  isländischen  philologie  wurde,  während  in  Schweden  die  altnor- 
dischen Studien  lauer  betrieben  wurden.  Sie  erloschen  jedoch  niemals  ganz.  Als 
später,  am  anfang  unseres  Jahrhunderts,  der  grosse  linguist  Rask  in  Dänemark  zu 
einer  eindringenderen  und  wissenschaftlicheren  behandlung  der  altskandinavischon 
sprachen  den  grund  legte,  hatte  Schweden  zwar  keinen  ihm  ebenbürtigen  Sprachfor- 
scher aufzuweisen,  aber  die  häupter  der  nationalen  (oder  sogenanten  gotischen) 
schule,  Tegner,  Geijer,  Ling,  Afzelius  u.  a.  verstanden  es  doch,  den  inhalt  der  altn. 
sagas  und  lieder  in  Schweden  bekant  und  beliebt  zu  machen.  Bald  darauf  begann 
jedoch  auch  bei  uns  mit  Schlyter  und  Bydqvist  ein  streng  philologisches  Studium, 
das  sich  freilich  zunächst,  wie  billig,  hauptsächlich  dem  altschwedischen  zuwante. 
Die  Verhältnisse  änderten  sich  aber,  als  die  nordischen  sprachen  zum  gegenstände 
des  Universitätsunterrichtes  gemacht  und  (1859)  professuren  für  dieses  fach  inüpsala 
und  Lund  enichtet  wurden.  Die  ersten  Inhaber  dieser  lehrstühle,  Carl  Säve  imd 
Carl  August  Hagbei'g,  waren  nämlich  enthusiastische  be wunderer  der  altisländischen 
spräche  und  litteratur;  sie  lasen  vorzugsweise  über  diese  und  stelten  sie  auch  bei 
den  Prüfungen  in  den  vordergiTind. 

Hagberg,  der  erst  in  ziemlich  vorgerücktem  alter  die  Vertretung  des  neuen 
iaches  an  der  Universität  Lund  übernommen  hatte  —  vorher  hatte  er  sich  nament- 


THIODOB  wia^N  363 

lieh  durch  seine  musterhafte  Shakespeare -Übersetzung  bekant  gemacht  —  kam  freilich 
selbst  in  der  noixiischen  Sprachforschung  wenig  über  den  Standpunkt  des  genialen 
dilettanten  hinaus,  verstand  es  jedoch  als  lehrer  fruchtbaren  samen  auszustreuen.  Als 
er  1864  starb,  wurde  einer  seiner  besten  schüler,  Theodor  Wisen,  sein  nachfolger. 

Wisen  wurde  1835  in  der  nähe  von  Kalmar  geboren;  sein  vater,  der  dem 
bauomstande  entstamte,  war  prediger.  Auf  der  schule  sowol  als  auf  der  Universität 
erwarb  sich  der  junge  Wisen  durch  seinen  klaren  verstand  und  gründlichen  fleiss 
grosso  anerkennung.  Nachdom  er  den  doctorgrad  erreicht  hatte,  wurde  er  1862 
docent  für  griechische  spräche  und  litteratur.  Den  klassischen  sprachen  hatte  er 
nämlich  bis  dahin  vorzugsweise  seine  Studien  gewidmet,  während  er  die  nordischen 
nur  nebenbei  betrieben  hatte.  Um  so  mehr  ist  es  zu  be wundem,  dass  er  auch  in  die- 
sen, nachdem  Hagbergs  stelle  ihm  übertragen  worden,  sehr  bald  gründlich  zu  hause  war. 

Als  Professor  hat  Wisen  mit  geschick  und  pflichttreue  gewirkt.  Bei  der  wähl 
des  hauptfaches  liess  er  sich  von  der  in  Schweden  traditionellen  verliebe  für  die 
schöne  und  reiche  altnorwegisch -isländische  litteratur  bestimmen,  die  besonders  anf 
diejenigen,  die  mit  der  griechisch-römischen  klassicität  sich  vertraut  gemacht  haben, 
eine  grössere  anziehungskraft  auszuüben  scheint.  Seine  Vorlesungen  behandelten  die 
poetische  Edda,  die  alte  skaldendichtung  und  isländische  sagas,  vorzüglich  die  tslen- 
dingasQgur.  Als  direkter  des  Seminars  für  nordische  philologie  in  Lund  —  das  er 
selber  begründet  hatte  —  leitete  er  jedoch  auch  Übungen  im  altschwedischen,  goti- 
schen, angelsächsischen  usw.  In  seinem  Unterricht,  wie  übeiiiaupt  in  allem  was 
er  sich  vornahm,  betätigte  Wisen  bei  dem  entwerfen  des  planes  reife  bedachtsamkeit 
und  bei  der  ausführung  Scharfsinn,  klarheit  und  eleganz.  Daher  wai'en  seine  coUegien 
auch  sehr  beliebt,  und  viele  haben  durch  sie  die  anregung  zu  ernsteren  Studien 
empfangen. 

Wiscns  littcrai'ische  tätigkeit  ist  nicht  so  umfassend  gewesen,  wie  man  dies 
bei  seiner  grossen  bcgabung,  dem  lebhaften  Interesse  für  sein  fach  imd  seinem 
unermüdlichen  fleisse  hätte  erwarten  sollen.  Seine  ungewöhnliche  praktische  tüchtig- 
keit  und  formgowantbeit  waren  nämlich  die  Ursache,  dass  seine  zeit  und  seine  kräfte 
in  sehr  bedeutendem  masse  durch  andere  aufgaben  in  anspruch  genommen  wuiilen; 
und  zwar  bediente  man  sich  seiner  besondere  gern  bei  den  geschäften,  welche  die 
Verwaltung  und  leitung  der  univereität  nötig  mach  ton.  Rector  der  Universität  war  er 
1876  —  77  und  1885—91.  Von  den  sonstigen  pflichten,  die  ihm  auferlegt  wurden, 
sei  nur  noch  erwähnt,  dass  er  von  1879 — 85  bei  den  Studentenexamina  (d.  h.  den 
maturitätsprüfungen  an  den  gymnasien)  censor  war  und  im  jähre  1878  zum  mitgliede 
der  schwedischen  akademie  eruant  wurde;  besondei's  das  leztgenante  chrenamt  hat 
ihm  viele  ai'beit  verursacht. 

Trotz  dieser  hindernden  umstände  hat  Wisen  jedoch  durch  eine  reihe  tüchtiger 
und  nützlicher  arbeiten  seine  Wissenschaft  fördern  können.  Da  am  Schlüsse  dieses 
nachrufes  ein  volständiges  Verzeichnis  seiner  Schriften  gegeben  wird,  beschränke  ich 
mich  hier  darauf,  nur  diejenigen,  die  mir  die  bedeutendsten  scheinen,  besonders  her- 
vorauheben. 

Für  die  grammatische  Untersuchung  des  altisländischen  war  ts  dringend  not- 
wendig, dass  die  umfangreichste  der  auf  uns  gekommenen  älteren  handschriften,  die 
grosse  isländische  Ilomiliubok  (Cod.  membr.  Holm.  15,  4*^)  mit  diplomatischer  treue 
veröffentlicht  werde.  Wisen  unterzog  sich  dieser  aufgäbe,  die  doppelt  schwer  war, 
einmal  wegen  der  beschaffeuheit  der  handschrift  selbst  und  dann  deswegen,  weU  er 
in  Lund,  wo  die  arbeit  ausgeführt  werden  musto,  weder  gelegenheit  hatte,  vergleiche 


364  GKDKBSCmÖLD 

mit  anderen  alten  handschriffcen  anzustellen,  noch  von  fachmännern,  die  auf  demsel- 
ben gebiete  tätig  waren,  rat  einholen  konte;  das  nntemehmen  war  überdies  in  Schwe- 
den das  erste  seiner  art.  Trotzdem  entsprach  Wisens  ausgäbe  der  Homiliubok,  die 
1872  erschien,  den  ansprüchen  der  damaligen  zeit  in  voistem  masse.  Neuerdings 
hat  freilich  ein  jüngerer  forscher,  dr.  L.  Larsson,  eine  von  Wisens  buch  abweichende 
lesung  und  doutung  mehrerer  (doch  meist  minder  wichtiger)  punkte  erweisen  wollen; 
aber  Wisen  verteidigte  seine  auffassung,  und  es  dürfte  bis  jezt  noch  nicht  entschie- 
den sein,  wie  weit  der  eine  oder  der  andere  recht  hatte. 

Die  norwegisch -isländische  kunstdichtung  (die  skaldenpoesie)  kann  als  der 
eigentliche  mittelpunkt  von  Wisens  philologischer  schriftstellerei  bezeichnet  werden. 
Als  fruchte  langjähriger  ai'beit  auf  diesem  gebiete  erscheinen  1886  und  1889  die  bei- 
den bände  seiner  Carmina  norroena,  einer  reichhaltigen  auswahl  von  skaldischen 
dichtungen,  von  den  ältesten  dürftigen  resten  des  8.  Jahrhunderts  bis  hinab  zu  den 
crzeügnissen  der  rimurpoesie.  Die  texte  sind  sprachlich  und  metlisch  normalisiert; 
es  folgen  auf  sie  ein  kritischer  apparat,  bemerkungen  über  die  gedichte  und  ihre 
Verfasser,  eine  ausführliche  erörterung  der  verschiedenen  motive  und  endlich  ein  vol- 
ständiges  glossar.  Die  Carmina  norroena  haben  bereits  bei  denen,  die  sich  mit  der 
skaldischen  poesie  beschäftigen,  als  ein  sorgfältiges  und  zuverlässiges  handbuch  grosse 
anerkennung  gefunden;  sie  übertreffen  durch  diese  eigenschaften  ganz  bedeutend  das 
nach  einem  grösseren  massstab  angelegte,  aber  leider  alzu  subjektive  und  wilkürliche 
CJorpus  poeticum  boreale  von  Vigfusson  und  Powell.  —  Fernere  Zeugnisse  für  das 
liebevolle  Studium,  das  Wisen  der  altnordischen  poosie  widmete,  sind  die  editio  prin- 
ceps  von  drei  grösseren  cyklen  von  „rimur"  („  Riddararimur  *") ,  eine  Untersuchung 
über  das  eigentümliche  metrum  „M^lahättr*^  und  eine  sorie  „  Emendationer  och  exe- 
geser tili  norröna  dikter*^,  sowie  seine  Edda-syntax,  die  schon  vor  dem  bekanten 
buche  von  Nygaard,  das  dasselbe  thema  behandelt,  erschien. 

An  dem  gi-ossen,  noch  nicht  ganz  vollendeten  schwedischen  conversationslexi- 
kon  „Nordisk  familjebok"  hat  sich  Wisen  als  fleissiger  und  gowanter  mitarbeit«r 
betätigt;  alle  artikel  zur  nordischen  mythologie  und  verschiedene  andere  zur  altnor- 
dischen sprach-  und  litteraturgeschichte  sind  von  seiner  band. 

Es  geschah  besonders  wegen  seiner  Verdienste  als  Sprachforscher,  dass  die  schwe- 
dische akademie  Wisen  zu  ihrem  mitgliede  erwählte;  aber  auch  als  Stilist  und  redner 
hätte  er  diese  auszeichnung  verdient.  Unter  seinen  schiiften,  die  in  den  abhandlun- 
lungen  der  akademie  erschienen,  sind  die  biographischen  arbeiten  zum  gedächtnisse 
J.  E.  Rydqvists  und  C.  J.  Schlyters  für  philologen  von  besonderem  interesse. 

Zum  schluss  muss  noch  erwähnt  werden,  dass  Wisen  es  war,  der  die  akade- 
mie veranlasste,  die  arbeiten  an  dem  grossen  neuschwedischen  wÖrterbuche,  die  vor 
mehr  als  hundert  jähren  begonnen,  aber  ins  stocken  geraten  waren,  nach  einem 
neuen  plane  wider  aufzunehmen  (1883).  Unter  seinen  auspicien  wurde  dann  diese 
Sache  so  eifrig  gefördert,  dass  die  eigentliche  redactionsarbeit  1891  beginnen  konte. 
Au  dieser  konte  er  sich  leider  nicht  lange  beteiligen,  da  am  15.  febr.  1892  der  tod 
seinem  wirken  ein  ziel  sezte. 

Wisens  fioimgang  erweckte  algemeine  trauer,  und  nicht  bloss  die  näheren 
freunde,  sondern  alle  diejenigen,  die  sein  klares  urteil  und  seine  in  verschiedenen 
ämtern  vielfach  erprobte  kraft,  seinen  festen  Charakter  und  seinen  offenen,  redlichen 
sinn  hatten  schätzen  leroen,  empfanden  seinen  tod  als  einen  schweren  verlust  Der 
unterzeichnete,  ein  treuer  und  dankbarer  freund  und  schüler  Wisens,  hegt,  was  die- 
sen nachruf  angeht,   nur  die  befürchtung,   dass  er   in  dem  bestreben,   den  schein 


THEODOR  wisks  365 

übertriebeneo  lobes  zn  vermeiden,   den  Verdiensten  des  verstorbenen  nicht  genügend 
gerecht  geworden  ist. 

CHRONOLOGISCHES   VERZEICHNIS   DER  VON   TH.  WIS6N   VERÖFFENT- 
LICHTEN SCHRIFTEN 

(mit  ausschluss  der  rein  amtlichen). 

De  vi  et  usu  particulae  o)^   apud  Thucydidem  commentatio.    Havniae  1862.    (Akad. 

abhandlang.) 
Hjeltesängerne  i  Sämunds  Edda.  I.    Lund  1865. 
Om  ordfogningen  i  den  äldre  Eddan.    Acta  Univ.  Lund.  1865  (auch  als  akad.  abhand- 

lung  erschienen). 
Recension  von:  Efterladte  skrifter  af  R.  Koyser.    Nordisk  tidskr.  1866. 
Recension  von:    Norroen   fomkvsedi,    udg.   af  Sophus  Bugge,    und  von:   Ssemiindar 

Edda,  händudg.  ved  Sv.  Grundtvig.    Nordisk  tidskr.  1868. 
Urval  af  norroenum  fomkvsedum  handa  hinum  bokmennta-idkendum  tlnt  saman  ok 

ütgefit.     Lund  1870.      [Ein  anonym  erschienener  Vorläufer   der  Carmina  noiTcena 

zum  gebrauch  bei  akad.  Vorlesungen.] 
Om  qvinnan  i  nordens  fomtid.     Nordisk  tidskr.  1870.    (Auch  besonders  erschienen.) 
Altnordische  wortdeutungen.     Germania  XVI  (1871). 
Homiliu-bok.    Isländska  homilier,    utg.  efter  en  handskriffc   frän   tolfte  ärhundradet. 

Lund  1872. 
Oden  och  Loke.    Tvä  bilder  ur  fomnordiska  gudaläran.    Stockh.  1873. 
Artikel   (besonders  die  nord.  mythologie  betreffend)   in  Nordisk  familjebok,   Stockh. 

1875  —  92. 
Inträdestal  i  Svenska  akadcmien   den  20  dec.   1878.     (Minnesteckning   öfver  Johau 

Erik  Rydqvist.)    Svenska  akademiens  handlingar  frän  1796  UV  (Stockh.  1879). 
Riddara-rimur,  efter  handskrifterna  utgifna.    Köpenhamn  1881.     (Skrifter  udgivne  af 

Samfund  til  udgivelse  af  gammcl  nordisk  litteratur,  nr.  4). 
Tal  vid  Lunds   universitets    fest  d.  1  okt.  1881    (kronprins  Gustafs   och   prinsessan 

Victorias  fürmälning).    Lund  1881. 
Om   norröna   medialformer   pä    -umk  i   första   pei'sonen   singularis.     Arkiv   f.  nord. 

filol.  I  (Christ.  1883). 
Tal  ä  Svenska  akademiens  högtidsdag  den  20  dec.  1883.    Svenska  akademiens  hand- 

Ungar  frän  1796  LX  (Stockh.  1884). 
Carmina  norroena.    Ex  reliquiis  vetustioris  norroenae  poesis  selecta,    recognita,    com- 

mentarüs  et  glossario  instructa.   Vol.  I.    Lundae  MDCCCLXXXVI.    Vol.  U.  Lundae 

MDCCCLXXXIX. 
MÄlahättr.    Ett  bidrag  tili  noiTöna  metriken.     Arkiv  f.  nord.  filol.  LH  (Christ.  1886). 

Auch  als  univ.  -  progi'.  von  Lund. 
Om  den  filosofiska  graden  vid  Lunds  universitet.     Lund  1886.    (Programm.) 
Emendationor  och  exegeser  tili  norroona  dikter.    Lund  1886  —  91.     (Ursprünglich  in 

universitäts- Programmen  gedruckt) 
üttalande  i  rättstafningsfrägan ,   afgifvet  tili  Svenska  akademien.     Lund  1887.    (Nur 

in  25  expll.  gedruckt.) 
Textkritiska  anmärkningar  tili  den  Stockholmska  homilieboken.     Ark.  f.  nord.  filol.  IV. 

(Christ.  1888). 
Nägra  ord  om  den  Stockholmska  homilieboken.    Ett  genmäle.    Lund  1888, 


366  MÖLLEB 

Minnesteckning  ofver  Carl  Johan  Schlyter.    Svenska  akademiens  handlingar  frän  1886 

IV.    (Stockh.  1890). 
Recension  von-.^Dor  lj6[)ahattr,   eiae  metrische  Untersuchung  von  Andreas  Heusler. 

Arkiv  f.  nord.  filol.  Vlü.    (Lund  1892). 

LUND   IM  MAI  1892.  GUSTAF   CEDERSCHIÖLD. 


LITTERATUR 

Fritz  Beehtel,  Die  hauptprobleme  der  indogermanischen  lautlehre  seit 
Schleicher.  Göttingen,  Vandenhoeck  &  Ruprechts  vorlag.  1892.  X,  414  s.  8. 
9  m. 

Der  gedanke,  die  „hauptprobleme  der  indogerm.  lautlehre  seit  Schleicher"  zum 
gegenstände  eines  eignen  buches  zu  machen,  ist  ein  vorzüglicher  zu  nennen.  Das 
buch  soll  (Vorwort  s.  V)  „über  die  wichtigsten  Umgestaltungen  bcricht  erstatten,  die 
das  von  Schleicher  entworfene  System  des  gomeinindogermanischen  lautbestandes  seit 
dem  ei*scheinen  des  Gompendiunis  erfahren  hat.  Es  soll  zeigen,  welche  probleme 
aufgeworfen,  auf  welchem  wege  und  wie  weit  sie  gelöst  seien;  und  es  soll  da,  wo 
die  lösung  noch  nicht  gelungen  ist,  den  versuch  machen,  sie  der  lösung  auf  eigene 
Verantwortung  hin  näher  zu  führen".  Ob  und  wie  weit  die  lösung  eines  problems 
gelungen,  darüber  besteht  nun  alleixiings  in  einigen  fallen  Übereinstimmung,  so  in 
betreff  des  problems,  das  die  vermeintliche  „erste  Steigerung"  bot;  in  andern  aber 
nicht.  So  hält  nicht  der  Verfasser  und  auch  der  referent  nicht,  aber  ein  grosser  teil 
der  Sprachforscher  das  problcm,  das  die  längen  i  und  ü  bieten,  für  gelöst  durch 
Osthoff:  Kluge  hat  die  folgeningen  der  OsthofFschen  leÄre  ja  sogar  in  sämtlichen 
auflagen  seines  Etymol.  Wörterbuchs  als  sichorstehend  dem  grossen  publikum  vor- 
gefühlt. Es  ist  klar,  dass,  wo  es  sich  um  probleme  gleich  diesem  handelt,  ein  buch 
mit  dem  titel  des  vorliegenden  je  nach  dem  Standpunkte  des  Verfassers  ein  sehr  ver- 
schiedenes aussehn  haben  muss;  und  zwar  in  einem  um  so  höheren  grade,  ein  je 
selbständigerer  forscher  der  Verfasser  ist.  Ein  weniger  selbständiger  Verfasser  könte 
in  solchen  fällen  rein  orientierend  darlegen,  was  tatsächlich  zur  zeit  der  abfassuug 
von  einem  teile  der  forscher  angenommen  wird,  w^as  von  andern.  Ein  buch,  das  so 
verführe,  könte  für  denjenigen,  der  erst  sich  in  die  Sprachwissenschaft  hineinzuver- 
setzen bestrebt  ist,  erwünschter  sein  als  das  vorliegende,  und  es  könte  auch  sein, 
dass  mancher  anhänger  einer  vom  Verfasser  bekämpften  ansieht  lieber  eine  solche 
behandlung  gesehen  hätte.  Die  meisten  forscher  werden  indessen  doch  zweifellos, 
wie  der  referent  es  tut,  auch  ohne  überall  dem  Verfasser  zustimmen  zu  können,  ein 
buch,  wie  das  vorliegende  es  ist,  vorziehen  und  dem  Verfasser  dafür  danken,  dass 
er  da,  wo  die  lösung  (nach  seinem  urteil)  noch  nicht  gelungen  ist,  den  versuch 
machon  will,  die  probleme  „der  lösung  auf  eigene  Verantwortung  liin  näher  zu 
führen  ". 

"Wir  haben  demgemäss  in  dem  vorliegenden  buche,  wie  für  ein  buch,  dessen 
Verfasser  F.  Bechtel  ist,  völlig  in  der  Ordnung,  genau  gesagt  eine  darstellung  der 
behandlung  der  hauptprobleme  der  indogerm.  lautlehre  von  Schleicher  um  1860  bis 
Bechtel  1890.  Die  darstellung  ist  nicht  in  allen  abschnitten  völlig  gleichmässig:  in 
einigen  kapiteln  wird  mit  grösserer  kürze  und  mit  weniger  Zwischengliedern  von 
Schleicher  zu  Bechtel  übergegangen,   ohne  dass  die  länge  oder  kürze  überall  zu  der 


ÜBER  BECHTEL,  HAUFTPBOBLIMB  DEB  INDOQERM.  LAUTLBHBE  367 

zahl  der  wirklich  bestehenden  Zwischenglieder  oder  zu  der  Wichtigkeit  des  problems 
in  genauem  Verhältnis  steht.  Nicht  alle  probleme  werden  behandelt,  was  auch  der 
titel  „die  h au pt probleme"  nicht  verspricht :  wie  der  Verfasser  im  vor^'ort  s.  VI  mit- 
teilt, sind  „ein  kapitel  über  die  tonlosen  aspiraten,  ein  anderes  über  die  imterschei- 
dung  von  j^  und  y,  ^  mid  »"  vorhanden  gewesen,  aber  „gefallen*.  Die  ansichten 
des  Verfassers  scheinen  noch  während  des  druckes  manche  Wandlungen  erfahren  zu 
haben  ^ 

S.  2  der  acht  Seiten  langen  „Einleitung*^  lesen  wir:  „Es  sind  zwei  gesetze, 
deren  auffindung  für  die  ont^vickelung  massgebend  geworden  ist,  die  die  Sprachwis- 
senschaft nach  Schleicher  genommen  hat:  die  von  Karl  Vemer  mitgeteilte  ergänzung 
des  Grimmschen  lautverschiebungsgesetzes,  und  das  von  mehreren  gelehrten  gleich- 
zeitig gefundene  palatalgosetz".  „Die  entdeckung  des  palatalgesetzes ",  sagt  der  Ver- 
fasser s.  6,  „steht  an  tiagweite  hinter  der  Vernerschen  entdeckung  nicht  zurück". 
Dies  kann,  wenn  man  die  unmittelbarsten  wichtigen  konsequenzen  des  einen  wie  des 
andern  gesetzes  zählt,  lichtig  genant  werden.  Aber  um  die  bedeutung,  wie  einer 
historischen  tat  überhaupt,  so  auch  einer  solchen  auf  dem  gebiete  der  Wissenschaft, 
richtig  zu  ermessen,  muss  man  nicht  allein  vorwärts,  auch  rückwärts  blicken.  Ver- 
fahrt man  demgemäss,  so  wird  man  finden  (imd  keiner,  der  die  zeit  um  1875  als 
forscher  auf  dem  gebiete  der  indogeim.  lautlehre  miterlebt  hat,  wird  darüber  in  zwei- 
fei sein),  dass  vom  ersten  erscheinen  des  „CJompendiums*  bis  heute  keine  sprach- 
wissenschaftliche arbeit  an  epochemachender  bedeutung  sich  mit  dem  „Kopenhagen, 
juli  1875"  datierten  aufsatz  im  2.  heft  von  Kuhns  zeitschr.  23  messen  kann,  und 
dass  mit  dem  gesetz,  das  so  lange  eine  idg.  Sprachwissenschaft  lebt  Vemers  namen 
fortführen  wird,  eine  neue  periode  der  idg.  Sprachwissenschaft  begann,  die  noch 
heute  fortdauert,  ohne  durch  eine  neue  abgelöst  zu  sein.  Das  von  dem  mitentdecker 
Vemer  so  genante  „  palatalgesetz "  (s.  Liter,  centralbl.  1886,  sp.  1710)  steht  auf  den 
schultern  des  „Vernerschen  gesetzes "  ^.  Das  palatalgesetz  und  das  Vemorsche  gesetz 
verhalten  sich,  wenn  man  entdeckungen  einer  einzelwissenschaft  mit  weltgeschicht- 
lichen ereignissen  vergleichen  darf,  zu  einander  etwa  wie  Baiboas  findung  des  Gros- 
sen oceans  1513  und  Columbus  erete  reise  1492. 

Der  Verfasser  zeigt  s.  6  fgg.  den  Zusammenhang  zwischen  Schleichers  „forde- 
rung,  die  vorgeschichtlichen  phasen  der  sprachentwickelung  in  die  betrachtung  zu 
ziehen ,  und  den  entdeckungen  meiner  nachfolger"  (s.  2).  S.  7 :  „Die  vermittelung  zwi- 
schen Schleicher  und  Verner  bildet  Scherers  1868  erschienenes  buch  Zur  geschieh te 
der  deutschen  spräche". 

Der  erste  (in  folge  der  im  andern  vom  Verfasser  vorgenommenen  Streichungen 
bei  weitem  grössere)  teil  von  Bechtels  buch  (s.  10 — 290)  hat  den  titel:  „Aus  der 
lehre  von  den  vokalen". 

Der  „Erste  abschnitt"  (s.  10 — 181)  behandelt  in  vier  kapiteln  „Kürzen 
und  diphthonge  mit  kurzem  ersten  komponenten". 

1)  Ref.  hat  in  seinem  leben  kein  buch  gesehen,  in  dem  auch  nur  annähernd 
so  häufig  karten  gelogt  ist,  wie  in  diesem. 

2)  Ob  die  „Zweiteilung  des  o",  die  „mindestens  für  das  germanische  eine 
ursprüngliche  war",  „ihre  motive  in  früheren  sprachzuständen  hat  oder  bis  in  die 
indogermanische  periode  hinaufreicht'',  erklärt  Verner  zu  ende  seines  aufsatzes  KZ.  23, 
138  für  „einer  näheren  Untersuchung  wert",  die  er  darauf  selbst  mit  den  andern  ent- 
decken! des  palatalgesetzes  angestelt  hat. 


368  IfÖLLKB 

Das  1.  kapitel  (s.  10— 73)  führt  uns  von  Schleichers  a  nriit  seiner  „ersten 
Steigerung"  ä  durch  Curtius'  ^Spaltung  des  a- lautes*',  Miillenhoffe  lehre  von  der  Prio- 
rität des  e  und  o  vor  *  und  u,  Amelungs  ^zwei  irgendwie  verschiedenen  a- lauten'' 
der  grundsprache  mit  läugnung  der  „Spaltung".  Brugmanns  a^,  a,,  a,  und  mög- 
licherweise noch  mehr  o,  Collitz'  und  Joh.  Schmidts  kritik,  zum  palatalgesetz  (s.  62), 
mittels  dessen  bewiesen  wird,  was  die  Überschrift  des  kapitels  ist:  Die  vokale  a, 
f,  0  gehören  der  Ursprache  an".  „Der  von  Bopp  und  Schleicher  als  keines 
beweises  bedürfende  [1.  bedürfend  hingestelte]  satz,  dass  der  ursprachliche  vokalisraus 
nach  dem  arischen  rekonstruiert  werden  müsse",  macht  s.  63  dem  satze  platz,  „dass 
der  vokalismus  der  Ursprache  im  wesentlichen  mit  dem  eui'opäischen  identisch  sei". 
„Wer  nach  diesem  neuen  principe  den  vokalismus  der  Ursprache  konstruiert",  lesen 
wir  ebenda,  lässt  es  nicht  mit  Brugmann  ,ununtersucht',  wie  viel  kurze  ,a- laute'  die 
Ursprache  besessen  habe:  er  behauptet  vielmehr,  dass  die  anzahl  joner  vokale  drei 
gewesen  sei,  nicht  weniger,  aber  auch  nicht  mehr".  (Trotz  dieser  mit  bestimtheit 
vorgetragenen  werte  lernen  wir  später  im  3.  kapitel  s.  104  einen  vierten  an  stelle  des 
einen  Schleicherschen  a  erecheinenden  kurzen  vokal  kennen,  den  der  Verfasser  9 
schreibt.  Dieser  soll  wol  als  „Schwächung"  ausserhalb  der  reihe  stehn:  ob  er  aber 
auch,  wenn  \nT  die  laute  der  von  uns  erschlossenen  periode  der  grundsprache  pho- 
netisch betrachten  könten,  ausserhalb  der  reihe  zu  stehen  hätte,  kann  der  Verfasser 
nicht  wissen.)  „Er  nent  sie  indes",  so  lesen  wir  s.  63  unten  weiter,  „weder  a- laute, 
noch  färbungen  des  a,  weil  er  nicht  der  Vorstellung  vorechub  leisten  will,  er  denke 
sie  aus  einem  einheitlichen  laute  hervorgegangen".  „Dies  ist",  bemerkt  eine  note, 
„nötig  hervorzuheben,  weil  für  F.  Masing  „zweifellos  ist,  dass  o^  und  a,  sich  aus 
einem  und  demselben  a-laut  differenziert  haben".  In  diesem  punkte  stimme  ich 
Masing  bei  gegen  den  Verfasser:  ein  e  und  ein  o  können  wol,  wenn  sie  in  irgend 
einem  sprachzweige  in  völlig  verschiedenen  werten  vorkommen,  von  haus  aus  völlig 
unabhängig  von  einander  sein;  sie  können  aber  unmöglich,  wie  im  indogermanischen, 
in  einem  ablautverhältnis  zu  einander  stehn,  ohne  dass  entweder  der  eine  der  beiden 
laut^  aus  dem  andern,  oder  beide  aus  einem  gemeinsamen  dritten  hervorgegangen 
sind.  —  Innerhalb  des  §5  „Collitz  und  Schmidt"  wird  s.  46  —  60  die  auf  Schleicher 
zurückgehende  lehre  Brugmanns  zurückgewiesen,  nach  welcher  europ.  o  in  offner 
Silbe  durch  indoiran.  ä  vertreten  wird.  In  der  sache  steht  der  referent  völlig  auf  der 
Seite  Collitz,  Job.  Schmidts  und  des  Verfassers  (vgl.  KZ.  24,  519  note  2,  PBB.  7, 
498).  Was  aber  die  formelle  seite  der  kritik  bctrift,  so  kann  ich  nicht  umhin  zu  finden, 
dass  Brugmaun  hier  vom  Verfasser  weniger  gerecht  behandelt  wird,  als  dieser  einen 
andern  mit  seinen  ansichten  ihm  näher  stehenden  forscher  behandeln  würde.  Da.ss 
ein  gelehrter  eine  im  jähre  1876  aufgestelte  ansieht  der  kritik  gegenüber  im  jähre 
1880  in  engeren  grenzen  fester  zu  stellen  sucht,  durch  einen  zusatz,  den  er  1876 
in  derselben  fassung  noch  nicht  geben  konte  (nämlich  durch  ausnähme  des  o,  das  mit 
ö  ablautet,  da  Brugmann  doch  schon  früher  das  bestehen  andrer  „a -laute"  angedeu- 
tet hatte),  wovon  hier  viel  wesens  gemacht  wird  (s.  51  fgg.)i  darin  vermag  ich  durch- 
aus nicht  etwas  verwerfliches,  nur  etwas  höchst  natürliches  su  sehen. 

Das  2.  kapitel  „Die  Steigerungen"  (s.  73  —  97)  führt  von  dem  Schleicher- 
schen System  der  drei  vokalreihen  zu  der  erkentnis,  die  heute  gemeingut  ist,  dass  die 
vermeintliche  „erste  Steigerung"  der  t-  und  m- reihe  in  Wirklichkeit  die  grundstufe, 
die  veiineintlichen  „grundvokale"  i  und  u  in  Wahrheit  Schwächungen  waren. 

Das  3.  kapitel  behandelt  die  „vokalschwächung"  (s.  98  — 154).  „Schwä- 
chung" ist  dem  Verfasser  (s.  104)  der  gesamtbegriff,   „reduktion"  und  „  ausstossnng " 


ÜBER  BECUTEL,   HAXJPTPROBLEMll  DER  INDOGERM.    LAUTLEHRE  369 

nent  er  dessen  Unterabteilungen  (=  Holtzmanns  ^vokalschwächung '^  und  ^vokalaus- 
stossung*^,  Schleichers  Schwächung  ini  engem  sinne  und  ^ Schwund*^).  Die  doppelte 
form  der  Schwächung  rührt  teils  (s.  105)  von  der  vei-scliiedenen  „natur  der  laute, 
die  den  zu  schwächenden  vokal  umgeben'',  teils  (s.  106)  von  der  „Verschiedenheit 
der  Stellung  des  woiies  im  satze  und  der  liierdurch  bedingten  vei'schiedenhoit  des 
accentos".  Mit  der  annähme  dieses  lezten  erklärungsginindes  gibt  der  Verfasser 
Osthoff  i*echt,  so  wenig  er  sich  auch  „die  ausführung  dieses  gedankens,  bekant  unter 
dem  namen  „nebentonige  und  tonlose  tiefstufe**  anzueignen  vermag".  In  doppelwör- 
tern  wie  got.  guma:  lit.  zmü  sieht  Bechtel  „Zeugnisse  für  die  abstufung  des  exspi- 
ratorischen  accentes  im  vortone,  die  wir  uns  durch  vergleichung  mit  dem  mhd.  ton- 
losen und  stummen  e  veranschaulichen  dürfen''.  „Nehmen  wir  an",  sagt  der  Verfas- 
ser, dass  der  von  Paul  für  das  germanische  aufgestelte  satz:  „es  können  nicht  zwei 
auf  einander  folgende  silben  ganz  gleiche  tonhöhe  oder  gleiches  tongewicht  haben" 
für  die  m^sprache  galt,  „so  wird  der  vorton  des  zweisilbigen  wertes  da  seinen  silben - 
wert  zu  erhalten  im  stände  sein,  wo  er  zwischen  zwei  haupttönen  liegt".  „Wo  aber 
dem  schwachen  vokale  des  vortones  schon  ein  anderer  schwacher  vokal  vorhergieng, 
hatte  er  keine  kraft  der  Vernichtung  zu  wideretehn".  (Verglichen  könte  hier  werden 
nhd.  ge-leit  :  he-g-leiten;  ge-leise  :  ent-g-leisen;  ge-img,  ge-nüge  :  be-,  ver-g-nü- 
gen.)  Die  accente  der  beiden  Osthoffschen  tiefstufen,  wenn  diese  hier  mit  recht  zui* 
erklärung  herangezogen  werden,  können  in  dem  vorliegenden  falle  nichts  andres  als 
ein  urspi-ünglicher  „anudätta"  und  ein  „anudättatara"  gewesen  sein. 

Der  Verfasser  behandelt  in  diesem  kapitel  die  Schwächung  des  „vor  die  ton- 
silbe  gei-atonen  e"'  (s.  108).  Ei*  nent  also,  wie  auch  andre  es  getan  haben  und  tun, 
den  vokal  vor  seiner  Schwächung  e,  obwol  er  gar  nichts  darüber  wissen  kann,  ob 
der  ungeschwächte  vokal  wirklich  ein  e  gewesen  ist:  feststehend  ist  nur,  dass  es  sich 
um  die  Schwächung  desjenigen  vokals  handelt,  der  in  der  ursprünglich  hochtonigen 
Silbe  als  e  erscheint.  Wenn  dieses  c  erst  durch  den  hochton  aus  einem  ursprüng- 
lichen a  hervorgegangen  ist,  so  ist  derselbe  ui-sprünglicho  vokal,  tonlos,  vor  seiner 
Schwächung  schwerlich  ein  e  gewesen,  ob  derselbe  gleich  durch  die  Schwächung  in 
der  Stellung  vor  vei'schlusslaut  oder  spirant  zu  einem  vokal  geworden  ist,  der  in  den 
vei'schiedenen  indogerm.  dialekten  mit  dem  hochtonigen  e  qualitativ  zusammengefallen 
ist  und  auf  vorhergehende  A;- laute  gleich  diesem  wirkt.  Der  ungeschwächte  tonlose 
vokal  könte  sich  zu  diesem  reducierten  verhalten  haben,  wie  das  ahd.  tonlose  a  in 
x^unga,  fogal  zum  mhd.  reducierten  laut  in  xunge,  vogel,  der,  wo  der  vokal  e 
geschiieben  wird ,  doraelbe  laut  gewesen  sein  kann  wie  im  nhd.  (wenn  nicht  ein  nasal 
oder  eine  liquida  solbstlauteud  geworden  ist),  nämlich  der  dem  a  näherstehende 
niediopalatalo  (engl,  „mixod")  vokal,  verschieden  von  dem  antepalatalen  e.  Den  redu- 
cierten vokal  der  grundspracho ,  der  dem  hochtonigen  e  gegenübei'steht,  schreibt  der 
veifasser  9.    Sein  a  entspricht  J.  Schmidts  «.    Bechtel  behandelt 

1)  die  Schwächung  des  „mit  muten  und  Spiranten  verbundenen" 
vokals  (s.  108  — 114).  Der  schwache  vokal  erscheint  gleich  dem  hochtonigen  im 
sanski*.  als  a,  im  griech.  als  *,  im  germ.  als  e*.  (Manche  der  vermeintlichen  «?  kön- 
ton  jedoch  in  Wirklichkeit  unter  dem  hochton  entstandene  e  gewesen  sein,  die  durch 
ausgleichung  an  die  stelle  der  a-  oder  Schwundstufe  getreten  sind.)  —  Das  von 
Thumeysen  (KZ.  30,  351)  für  die  grundspracho  zu  erweisen  gesuchte  selbstlauteude  * 
wird  vom  Verfasser  in  einer  note  (s.  108  fg.)  mit  recht  abgewiesen. 

1)  Anders  Sievers,  Beitr.  16,  236  fg. 

ZEITSCHRIFT   F.    DKUTSCHK   PHILOLOGIE.      BD.    XXV.  24 


370  MÖLLKR 

2)  Schwächung  des  ^mit  nasalis  oder  liquida  verbundoneu^  vokals^ 
(s.  114 — 143).    Der  vokal  mit  folgendem  w,  w,  r,  /  wird  (s.  114) 

I.  vor  folgendem  vokal 

a)  (mit  ausstossung  dos  vokals)  zu  inj  n,  r,  l;  oder 

b)  (durch  reduktion)  zur  „Verbindung  eines  schwachen  vokales  mit  jenen  konso- 
sonanten*'.  Diese  Verbindung  wird  in  den  jüngeren  sprachen  wie  folgt  ver- 
treten (s.  115): 

„idg.  d  -\-  m  =  sanskr.  aw,  gr.  afi^  got.  um. 

idg.  a  -f"  r  =  sanskr.  ir,  griech.  «(>,  got.  aür^. 
Der  Verfasser  bezeichnet  also  den  reducierten  vokal  vor  liquida  oder  nasal,  dessen 
Vertretung  in  den  jüngeren  sprachen  eine  ganz  andere  ist,  mittels  desselben  Zeichens 
0  wie  den  reducierten  vokal  vor  verschlusslaut  oder  Spirant,  obwol  er  nicht  behaup- 
ten kann ,  dass  der  reducieite  vokal  in  der  grundsprache  in  jenem  falle  derselbe  gewe- 
sen ist,  wie  in  diesem,  auch  nicht  einmal,  dass  jener  vokal  nach  geschehener  reduk- 
tion in  dem  gesamten  gebiete  der  grundsprache  und  vor  liquiden  einerseits,  nasalen 
anderseits,  ein  einheitlicher  gewesen  ist:  aber  der  Verfasser  will  alles  dieses  auch 
ge^viss  nicht.  —  Indem  Bechtel  (wie  Joh.  Schmidt)  reducierten  vokal  -\-  m,  n,  r,  l 
vor  vokal  für  die  grundsprache  annimt',  stelt  er  sich  in  einen  gegonsatz  gegen  „  die 
anhänger  der  sonantentheorie^  (s.  131),  die  den  wurzelvokal  beseitigt  sein  lassen  imd 
der  grundsprache  die  lautgruppen  mm,  nn,  fr,  II  zuschreiben.  „Gegen  derartige 
ausätze  erhebt  das  germanische  protest,  wie  Paul  (PBB.  6,  109  fg.)  gezeigt  haf,  dem 
Bechtel  (s.  132)  sich  anschliesst,  obwol  Paul,  ohne  das  von  ihm  selbst  früher  vor- 
gebrachte zu  widerlegen,  seinen  einwand  hat  fallen  lassen  (6,  409).  In  got.  batirans, 
numansj  skulum,  munum  usf.  „kann  niemals  der  vokal  vor  nas.-liq.  ganz  geschwun- 
den gewesen  sein^,  es  müste  sonst  y,skullum  heissen  gerade  wie  hullum'^,  Paul  und 
Bechtel  bemerken  nicht,  dass  so  gut  wie  das  germanische  auch  die  übrigen  europäischen 
dialekte  protestieren :  nur  das  griechische  «  vor  v,  fi  könte  passen ,  es  heisst  aber  ßuQvg 
usw.,  nicht  ^ßqaqvg^  oder  j^ßaQQvg"-.  Die  „formulierung'*  (Bechtel  s.  217)  könte  nun 
allerdings  so  gegeben  werden,  dass  alles  passt':  die  lautgruppen  mm,  nn,  rr,  U 
einerseits,  schwacher  vokal  -\-  m,  n,  r,  l  anderseits  sind  in  Wirklichkeit  in  schwa- 
cher silbe  nicht  in  dem  masse  von  einander  verschieden,  wie  es  auf  dem  papier  den 

1)  liquidae  und  nasale  fasst  der  Verfasser  unter  dem  guten  von  £.  Seelmann 
(Ausspr.  des  latcin  1885,  s.  242)  eingeführten  ausdruck  „ mittellaute '^  zusammen:  für 
verschlusslaute  und  Spiranten  entbehrt  er  dagegen  eines  zusammenfassenden  ausdrucks, 
da  er  die  benennung  „ geräuschlaute '^  nicht  im  Sieversschen  sinne,  sondern  in  der 
bedeutung  „nicht -vokale"  gebraucht.  Für  (Sievers')  geräuschlaute  und  jene  „ mittel- 
laute *^  eine  zusammenfassende  bezeichnung  zu  haben,  ist  alleixlings  wünschenswert. 

2)  Das  gleiche  tut  P.  Kretschmer,  KZ.  31 ,  394  (welcher  den  reducierten  vokal 
mit  «  bezeichnet). 

3)  Germ.  Wörter  imd  wortformen  mit  tdl  haben  zu  der  zeit,  als  der  vokal 
sich  cinstelte,  ganz  gewiss  noch  kein  //  gehabt:  solte  dies  aber  doch  der  fall  sein, 
so  kann  behauptet  werden,  dass  in  unbetonter  silbe  lautgesetzlich  tU  mit  kurzem  / 
cutstanden,  und  später,  als  die  silbe  den  ton  empfiong,  das  //  durch  systemzwang 
widerhergostelt  wäre.  Das  entsprechende  gilt  von  den  germ.  unn,  umm,  urr.  Die 
h  V^t  'f}}  T  luit  folgendem  einfachen  konsonanten,  also  auch  U  usw.,  wenn  solche 
Vorbindungen  vorkamen,  waren  nämlich  kurze  silben,  darum  konte,  wenn  {  zu 
germ.  ul  ward,  aus  II  auch  nur  ul  hervorgehn,  da  sonst  die  lautgruppe  von  vokal 
zu  vokal  um  die  dauor  des  ersten  silbenauslautenden  /  länger  geworden  wäre.  Aus 
demselben  gründe  haben  die  im  sanskrit  und  griechischen  aus  n,  tn  einmal  entstan- 
denen *a",  a™  den  nasal,  der  die  silbe  lang  gemacht  hätte,  verloren- 


t^BEB  BEGHTEL,  HAÜPTPROBLElfB  DRR  IND06KRM.  LAÜTLEHBE  371 

anschein  hat,  sie  liegen  sich  vielmehr  in  der  praxis  recht  nahe,  so  dass  sie  häufig 
mit  einander  wechseln.  Dass  aber  die  uns  vorliegenden  vokale  griech.  a,  germ.  u 
usw.  vor  m,  n,  r,  l  notwendig  aus  sonantischen  m,  n,  r,  l  erwachsen  sind,  kann 
nicht  bewiesen  werden:  bei  unbefangener  betrachtung  weisen  dieselben  auf  einen 
grundsprachlichen  schwachen  vokal  zurück^,  und  mit  den  möglicherweise  vorgekom- 
menen phasen  mm,  nn,  rr,  U  brauchen  wir  uns  nicht  zu  befassen.  In  diesem  punkte, 
wo  es  sich  um  die  grundsprachlichon  Vorläufer  der  griech.  afi,  avy  «(>,  «iL,  germ. 
ww,  un,  ur,  tU  vor  vokal  handelt,  gebe  ich  also  dem  Verfasser  recht. 

II.  flFolgt  aufm,  n,  r,  /  ein  konsonant",  so  wird  die  ursprüngliche  lautgnippe 
im  falle  der  Schwächung  ersezt  (s.  114)  „durch  die  Verbindung  eines  schwachen  voka- 
les mit  jenen  konsonanten*'.  Bechtels  aufPassung  weicht  auch  hier  „von  derjenigen, 
die  von  Brugmanu  inauguriert  und  heute  fast  algemein  angenommen  isf^,  „darin  ab, 
dass  diese  mit  selbstlautenden  my  n,  r,  /  operiert,  deren  stimton  sie  in  den  einzel- 
sprachen zum  Völlen  vokale  sich  entfalten  lässt''.  „Dass  bei  auflösung  der  Ursprache 
silbenbildendo  nasale  und  liquidae  nicht  bestanden  haben^,  meint  der  Verfasser  s.  128 
unten,  gehe  „aus  den  erscheinungen  der  einzelsprachen ^  hervor.  Es  wird  aber  nur 
das  slavisch- litauische  ins  feld  geführt.  Joh.  Schmidt  hat  bewiesen  (Zur  gesch.  des 
idg.  vok.  2,  8  fgg.),  dass  die  selbstlautenden  r,  l  slavischer  dialekte  „an  die  stelle 
urslavischer  tr,  H,  selten  ür,  ül  getreten  sind",  denen  (wie  Jagiö  gezeigt  hat)  lit.  ir, 
il,  ur,  ul  entsprechen.  Ebenso  hat  das  gemein -slavisch -litauische  statt  selbstlauten- 
der nasale  die  Verbindung  i  +  nasal  gehabt  Durch  das  slavisch -litauische  i  vor 
dem  r,  l  oder  nasal  ist  vorhergehendes  k,  g  im  slav.  in  c,  i,  im  lettischen  in  »,  /* 
gewandelt  worden.  „Der  schwache  vokal",  meint  Bechtel  s.  131,  „ist  also  auf  einem 
gewissen  Sprachgebiete  in  sehr  früher  zeit  vorhanden  gewesen.  Die  sonantontheorie 
ist  dazu  gezwungen,  ihn  dort  neu  entstehen  zu  lassen.  Sie  ist  es  eben  so  für  jede 
einzelsprache  [dem  steht  auch  durchaus  nichts  im  wege],  und  kann  als  unveränder- 
ten fortsetzer  eines  ursprachlichen  lau  tos  einzig  das  indische  r  betrachten".  Bis  zu 
diesem  punkte  können  und  milssen  alle  anhänger  der  „sonantentheorie"  Bechtel  recht 
geben.  Ich  glaube  aber  nicht,  dass  viele  von  ihnen  sich  genötigt  sehen  werden,  auf 
des  veifassers  ausführungen  hin  die  sonanten  fallen  zu  lassen.  In  den  Engl.  Studien 
3  (1879),  s.  149  habe  ich  drei  griinde  angegeben,  aus  welchen  es  mir  notwendig 
schien  mit  Brugmann  grundsprachliche  selbstlautende  liquiden  und  nasale  anzuneh- 
men.    Bechtel  bemerkt  s.  133,   dass  von   diesen   „zwei  geprüft  werden  müssen"'. 

1)  der  nicht  in  dem  gesamten  gebiete  der  grundsprache  ein  und  derselbe 
gewesen  zu  sein  braucht  (doch  ist  der  vokal,  aus  dem  griech.  a  und  germ.  u  her- 
vorgegangen, gewiss  vor  allen  vier  konsouanten  der  gleiche  gewesen,  und  zwar  der- 
sol^  laut,  der  unten  im  2.  abschnitt  s.  387  mit  a  bezeichnet  werden  wird). 

2)  Warum  nicht  auch  der  dritte,  sagt  er  nicht  Der  dritte  grund,  bei  mir  der 
erste,  war  die  beobachtung,  dass  „im  sanskrit  k,  g  vor  solbstlautendem  rund  dem  Ver- 
treter von  selbstlautendem  nasal  k,  g  bleiben,  ktmi-  „wurm",  gata-  „gegangen"  (aus 
gmtd'Y  nicht  zu  palatalen  werden,  vgl.  Kluge,  QF.  32,  s.  19  fg.  Hiergegen  hat  mir 
F.  de  Saussure  im  august  1879  bemerkt  (in  einem  briefe,  aus  dem  ich  mir  seine  erlaub- 
nis  erbeten  habe  das  folgende  mitzuteilen),  dass  dem  indo- iranischen  palatal  oder  nicht - 
palatal  nicht  viel  zu  entnehmen  sein  werde.  Es  sei  nicht  zu  beweisen,  dass  g  grade 
in  der  form  gatd  lautgesetzlich  sei;  der  Ursprung  des  g  der  wurzel  gam  (neben  zend 
gamaiti  und  der  w.  gam  im  Naighantuka)  könne  ebensowol  in  formen  wie  gagmm, 
gcLgcCma,  gdnium,  d-gät  usw.  gesucht  werden.  Vor  r  und  der  Vertretung  von 
(Saussures)  f'  scheine  sdlerdings  k,  g  das  regelrechte^  zu  sein.  „Aber  wir  finden  z.  b. 
schon  im  Veda  crtdti  „knüpfen",  crttd,  vi-cft,  «a»i-cff7und  dabei  nicht  einmal  ein 
coW-".    Ein  weiterer  fall,    cirna,   sei  „gewiss  keine  junge  form,   da  sie  von  ihrer 

24* 


378  MÖLLER 

die  grandsprachliche  form  nach  eingetretener  dehnong  wäre  also  gewesen  pod-s,  acc. 
pö^dm,  pl.  pddes  (wie  nhd.  lautgesetzlioh  höf,  köfes,  Äö/e),  ebenso  in  den  andern 
von  Bechtel  s.  171  fg.  (unter  b)  angeführten  wurzelnomina:  durch  Übertragung  aber 
konte  später,  noch  grundsprachlich,  das  ö  auch  in  den  nom.  treten  (wie  in  nhd.  köfj 
höfesy.  Die  dehnung  tiitt  auch  im  auslaut  ein:  sd  muste  es  heissen,  wo  der  artikcl 
den  tiefton  gewählt  hatte  (ved.  so,  „metrisch  verlängert **) ,  so  (ved.  sa^  gr.  6),  wo 
das  in  dieser  form  ui*sprünglich  nur  tieftonige  wort  tonlos  geworden  war.  Ebenso  ent- 
standen zahlreiche  andre  doppelformen:  gen.  -esjo  (ved.  -asja)  neben  -esjo,  präp.  do 
(germ.  to)  neben  do  (slav.  do,  ahd.  Jta),  pro  (ved.  pra ,  avest  frä,  lat.  pro)  neben 
pro  (gr.  TiQdy  skr.  pra,  avest  got.  fra)  usw.  Vgl.  Whitney,  Ind.  gr.  §  248;  Osthoff, 
Morph.  Unt  4,  226). 

Der  von  der  dehnung  betroffene  vokal  war  häufiger  als  irgend  ein  andrer  ein 

0,  einfach  darum,  weil  allein  diesem  vokal  nach  alter  regcl  der  tiefton  zukam.  Fälle 
der  dehnung  eines  o  durch  den  tiefton  habe  ich  Boitr.  7,  498  fgg.  massenhaft  beige- 
bracht'. Der  ursprüngliche  vokativausgang  -d  ward  jezt  durch  dehnung  -ö*,  dcirn 
(s.  Bezzenberger,  Beitr.  15,  296  fgg.)?  während  die  vokativausgänge  —oi,  -du  bleiben 
(skr.  ägnS,  sün^,  lit.  nakt'e,  sünaü,  gi*.  IrixoT,  vgl.  Kretschmer,  KZ.  31,  356  fgg.)- 
Regeh-echt  ist  die  dehnung  in  der  3.  person  sing,  des  perfekts  (Bechtel  s.  165),  gr. 
yfybive,  unerklärt  bleibt  jedoch  die  kürze  des  o  in  der  1.  sing.,  skr.  tatdpa  usw. 
(und  im  europ.  in  der  3.  sing.) :  das  o  rauss  wol  in  diesem  falle  nicht  tieftonig  geblie- 
ben, sondern  vielmehr  hochtonig  geworden  sein.     Regelrecht  ist  die  dehnung  in  der 

1.  dual,  hherdve(s),  1.  plur.  hherdmefsi)  (daneben  in  Europa  gr.  (p^QOfiig  usw.  mit 
tonlos  gewordenem  o?).  Die  kausativen  haben  in  der  ersten  silbe  den  tieften  gehabt 
{dt,  ot/),  so  schwer  derselbe  hier  auch  zu  erklären  ist,  daher  (Bechtel  s.  169)  skx 
pätdjati  aus  potejeti  usw.  (neben  patdjati  aus  formen  mit  tonloser  erster  silbe). 

Zu  der  zeit,  als  diese  dehnung  einbat,  haben  aber  auch  andre  vokale  den  tief- 
ton tragen  können.  Zunächst  nicht  wenige  e.  Neben  hochtonigem  nie  „mich*'  hätte 
die  tioftonige  form  nach  früherer  regel  *md  lauten  müssen;  neugeschaffen  war  aber 
statt  dessen  ein  *mh,  woraus  jezt  mit  dehnung  inS^  (vgl.  Osthoff,  Zur  gesch.  des  per- 
fekts s.  126).  Ebenso  ve  „oder"  (skr.  va)  neben  hochtonigem  ve  und  un tonigem  u 
(gr.  ^-/^,  lat.  ne-ve,  ne-u,  Osthoff  ebd.  128,  Kretschmer,  KZ.  31,  365);  qd  neben 
urspr.  hochtonigem,  dann  untonigem  qe  „und"  (Osth.  V2B)\  augment  e  (gr.  t]-)  neben  c 
(ebd.  129).  In  einer  Zusammensetzung  *septm'd^cmto-m,  mit  der  dehnung  septm- 
decmto-m  (got.  sibun-tehund,  das  h  nach  taihunY^  war  der  tiefton  oder  svarita  auf 
die  erste  silbe  des  zweiten  bestandteils  gefallen:  in  einer  früheren  periodo  hätte  der 
tiefton  den  vokal  zu  o  gefärbt  i^docmt-)^  was  jezt  nicht  mehr  möglich  war.  So  im 
zweiten  bestandteile  von  kompositen  mehrfach,  wie  in  skr.  ^td-^ärada-  adj.  „hun- 
dert herbste  zählend,  gebend",  n.  „alter  von  hundert  jähren". 


1)  Aus  einer  flexion  pod-s,  pöd-m  konton  später  doppelformen  wie  jovog  und 
skr.  tana-,  dieses  wie  pada-,  hervorgehn  (vgl.  PBBtr.  7,  509). 

2)  Zahlreiche  daselbst  unrichtig  mit  ö  angesezte  Wörter  haben  nach  der  neuen 
fassung  der  regel  vielmehr  o  gehabt:  nökt-  „nacht"  500,  pocs  got.  fahs  510,  pötnl 
„herrin"  511,  doc-^nn  Soy^tc  516  usw. 

3)  Anders  über  sihuntehund  usw.  Brugmann,  Morph,  unters.  5,  12  fgg. —  VcL 
Joh.  Schmidt,  Die  Urheimat  der  Indogermanen  und  das  europäische  zahlsystem  (Ab- 
handl.  der  Berliner  akad.  1890).  Einige  beispiele  der  dehnung  oder  „vrddhi"  finden 
sich  s.  26  dieser  schiift  und  bei  P.  Kretschmer  KZ.  31,  456  verzeichnet. 


1 

i 


ÜBKB  BBCHTEL,  HAUPTFROBLKMK  DER  INBOQEHM.  LAUTLEHRE  379 

Der  tiefton  konte  auch  auf  die  yon  haus  aus  nur  untonigen  i,  u  fallen,  nu 
(vgl.  Osthoff,  Mü.  4,  273)  ist  neugeschaffene  tieftonform  neben  dem  untonigen  nu 
^nun*^,  nicht,  wie  Beohtel  s.  150  annimt,  die  durch  den  hoohton  gerettete  mittelstufe 
zwischen  der  ältesten  erschliessbaren  betonten  form  *neu  (vielmehr  nevd  <:  ndvä)^ 
und  der  jüngsten  nu.  Ebenso  tu  neben  tu  „du*^  (Osthoff,  MU.  4,  268  fgg.),  der 
enklitischen  form  des  urspr. /a-t^a;  su-  neben  su  „gut**  (ebd.  251);  i*-  neben*-  „er** 
(ebd.  229  fgg.)i  der  enklitischen  form  des  urspr.  a-ja  (hochtonig  ejö-m,  skr.  ajdm 
„er*,  lat  acc.  eum)\  nt-  neben  ni-  „ nieder **  (ebd.  223);  ebenso  wird  peri-  mit  ton- 
losem *  zu  pert-,  wenn  der  tiefton  auf  die  zweite  silbe  fiel  (ved.  pdrf-  in  pdri-vrta' 
usw. ,  ebd.  245)  usw.  Hierher  gehören  alle  von  Osthoff  (MU.  4)  behandelten  gemein- 
indogermanischen'  txmdü^  die  nicht  Saussures  (aus  seinen  i^,  u^  hervorgegangene) 
i,  ü  sind";  zunächst  nur  soweit  sie  in  offiier  silbe  des  indogeimanischen  ihre  stelle 
gehabt  haben,  sodann  durch  formübertragung  auch  in  weiterer  ausdehnung.  Der 
„  neben  ton  ^  hat  aber  nicht  die  l,  ü  konserviert,  sondern  die  länge  ist  sekundäi*, 
durch  den  nebenton  geschaffen,  genau  wie  bei  den  e,  ö,  die  bei  Osthoff  vol- 
ständig  von  den  f,  ü  getrent  sind.  „Nebentonige  tiefstufe ^  ist  (da  Osthoffs  „ tief- 
stufe'^  nach  Mü.  4,  281  die  schwächste  stufe  bei  exspiratorischer  betonung  bezeic 
hnet*)  eine  contradictio  in  adjecto:  das  richtige  wäre  „nebentonig  gewordene  frühere 
tiefstufe''. 

Nach  der  analogie  zahlreicher  einsilbiger  tieftonwörter  (Beitr.  7,  499)  von  der 
art  wie  bhör-s  „fortträger,  dieb*'  zu  bkerd,  deren  acc.  *hhdrm,  pl.  *bkdres  jezt  durch 
die  dehnung  bhdrm,  bhores  wurden,  waren  andre  einsilbige  wui'zelnomina  mit  dem 
tiefton  gebildet  worden,  die  nicht  mehr  den  vokal  o  bekamen.  So  verschiedene  mit 
dem  vokal  e,  der  diesen  tieftonwörtem  von  haus  aus  durchaus  nicht  zukommen 
konto:  von  dem  in  lat.  rego  vorliegenden  wurzelnomen  gebildet  *r^'8,  acc.  jezt  mit 
dehnung  re^^m  (l&t  regeni)^  pl.  re:^  (skr.ragaSj  nom.  sg.  räf),  Bechtel  171.  Ebenso 
von  legh'  „liegen"  acc.  leghm  (lat.  legem)  ^  Bechtel  173.  Neben  dem  hochtonworte 
gkverd-s  (lat.  ferus)  das  tieftonwort  acc.  ghvenn,  \}Lghvere8  {(^fjQa,  (f^fjQ(s).  —  Ein- 
silbige wurzelnomina  von  i-  und  t«- wurzeln  hatten  von  haus  aus  in  den  starken 
kasus  die  diphthonge  öi  und  du,  wie  vötc-s  „haus**,  acc.  vdicm  (in  gi*.  o7x«-(f«),  gen. 
vicos:  war  in  solchen  Wörtern  das  «,  u  aus  den  schwachen  kasus  in  die  starken 
gedrungen,  dann  ward  es  jezt  in  offner  silbe  gedehnt,  vics,  acc.  t^J*cnt  (woraus  avest. 
pJS'  neben  skr.  vi^-).  So  konten  zu  dieser  zeit  auch  tieftonwörter  mit  i,  u  neu 
gebildet  werden,  die  den  diphthong  nie  gehabt  haben,  so  vielleicht  das  weil;  „maus*^, 

1)  Um  zum  werte  nevd-  „neu"  zu  gelangen,  müsto  Bechtel  also,  ebenso  wie 
Osthoff,  MU.  4,  274  ein  suffix  -o  oder  -c  antreten  lassen.  Ich  dachte,  dass  Bechtel, 
der  „auf  den  schulteni  Ascolis  und  Ficks  steht",  „über  ein  stambildendes  suffix"  -o 
nicht  „verfügt"  (s.  230). 

2)  Also  nicht  die  durch  einzelsprachliche  (z.  b.  iranische)  lautgesetze  zu  stände 
gekommenen  längen,  auch  nicht  italische,  germanische,  slavische  alte  ei,  die  eine 
verliebe  für  lange  t  zu  solchen  gestempelt  hat,  noch  gotische  als  möglichkeiten  ange- 
sezte  „w" ,  die  in  Wirklichkeit  u  sind  usw.  Auch  nach  der  analogie  bestehender  l :  i, 
ü :  u  an  die  stelle  urspriinghcher  ei  (:  *),  eu  (;  ü)  getretene  jüngere  *,  ü,  wie  wahr- 
scheinlich das  u  in  skr.  guhati,  sind  auszunehmen. 

3)  Genauer  alle  ausser  den  von  Kretschmer,  KZ.  31,  380 — 87  behandelten  f,  ü, 

4)  Da  Osthoffs  „tiefstufe"  und  mein  „tiefton"  ausser  dem  ersten  bestandteil 
des  namens  nichts  mit  einander  gemein  haben,  so  ist  nicht  einzusehn,  wie  das,  was 
Osthoff  von  seiner  „tiefstufe"  sagt,  der  entstehung  der  „o-stufe"  durch  meinen 
„tiefton"  den  boden  soll  entziehen  können  (Morph,  unters.  4,  xv). 


380  MÖLLER 

gen.  mttsösj  acc.  musmy  pl.  miises  (u  in  mus-ko-,  s.  OsthofF,  MTJ.  4,  217  fg.)*.  Vgl. 
Bechtel  s.  174,  note.  Die  nomiDative  des  sing,  haben  den  langen  vokal  schliesslich 
von  den  andern  starken  kasus  angenommen,  lat.  rex,  lex,  müs,  gr.  d-i^Q  usw.:  der- 
selbe Vorgang,  wie  wenn  im  nhd.  die  in  of&ier  silbe,  wBges,  entstandene  länge  auch 
dem  einsilbigen  werte,  wig,  zuerteilt  wird. 

Ebenso  hatten  die  tieftonwörter  auf  -t,  -u  (die  in  ihrer  flexion  kein  -ei-,  -eu- 
hatten,  gen.  -ios,  -uds)^  als  die  dehnung  durch  den  tiefton  in  offner  silbe  eintrat, 
neben  dem  ö  bereits  andre  vokale.  Neben  dem  hochton  wort  auf  -ä-  ^cno  „weib"  war 
mit  dem  gleichen  vokal  im  zweiten  teile  von  kompositen  ein  tieftonwort  auf  -i-, 
*-^dm-8,  entstanden,  woraus  jezt  -^ent-s  (skr. -gäni-,  z.  b.  in  dvi-gani-,  got.  selb- 
ständig geworden  qens).  Vielleicht  ist  ebenso  das  S  entstanden  in  medhu-Edi-s  „ho- 
nigesser",  slav.  medv-H%  „bär".  Das  germanische  hat  zahlreiche  adjektive  auf  -/, 
von  e- Verben  gebildet,  mit  dem  vokal  e,  alle  urspmnglich  mit  präfixen,  wie  -nemi-s 
(got.  anda-nem^ ,  mhd.  ge-rmme) ^  -prcci-s  {ahd.  gi- fragt,  an.  frag-r)  usw. —  Germ. 
hü-di-x  „haut"  neben  lat.  cu-ti-s  (OsthofF  4,  98)  muss  wol  ein  ku-ti-s,  gen.  kutids 
gewesen  sein.  ^ —  Mhd.  swäger  „Schwager*^  wird  ein  w- stamm  gewesen  sein,  sv&*cni-s^. 

Weibliche  tieftonwörter  auf  -a^,  das  später  meistens  durch  -ä  abgelöst  worden 
ist,  wie  XMTTrj,  honri,  &qä  „sorge",  *aTQ(o(pa,  *TQ(onaf  wovon  aTQ(0(fd(o,  TQtonäto  zu 
aiQ^tfü),  TQ^7T(o,  haben  neben  den  o  ein  e  gehabt,  daher  häufige  germanische  bilduu- 
gen  wie  genn.  nemo  die  „-nähme",  vSrö  „sorge",  vrckö  (ahd.  rähha)  neben  germ. 
vrakö  (ae.  tvracu)^  dieses  aus  den  obliquen  kasus  von  *vrögä.  Oder  sind  solche 
Wörter  im  zweiten  teile  von  kompositen  aus  hochtonwörtem  mit  e  entstanden,  also 
germ.  ge^ö  (ahd.  geba)^  aber  -g^ö  (mhd.  gäbe),  urspr.  in  an-,  ab-,  über-,  wider - 
gäbe  usw.? 

Indogerm.  a  (in  äyo))^  von  haus  aus  unbetont,  muste  natürlich  gleichzeitig 
unter  denselben  bcdingungen,    durch  sekundären   nebenton   in  oSner   silbe   gedehnt, 


1)  Ein  „ablaut"  ü:u,  den  Joh.  Schmidt,  KZ.  25,  21,  Pluralb.  s.  219  fg.  (t :  i 
ebd.  220)  zu  erweisen  sucht  (womit  nicht  der  tatsächliche  Wechsel,  sondern  die 
geschehene  verküi'zung  eines  altem  langen  w  zu  w  in  tonloser  silbe,  entsprechend 
der  des  ä  zu  a,  gememt  ist),  könte,  wenn  nicht  eine  widerholte  reduktion  statgefuu- 
den  hat,  nur  durch  jüngere  analogie  zu  stände  gekommen  sein,  da  der  ablaut,  die 
kürzung  in  tonloser  silbe,  beendet  war  als  das  ü  (t)  aus  dem  vielmehr  älteren  u  (f) 
entstand.  (Die  von  Joh.  Schmidt  gelehite  „ doppel Verkürzung "  vor  weiter  fort- 
lückendem  hoch  ton,  welche  Bechtel  s.  270  zweifelhaft  findet,  vennag  ich  nicht  anzu- 
nehmen). 

2)  Das  wort  „Schwager"  hat  ursprünglich  jedesfals  nicht  den  gatten  der  Schwe- 
ster, nur  den  bruder  der  frau,  den  vormund  und  fortgeber  der  braut  als  söhn  und 
rechtsnachfolger  des  verstorbenen  schwähers  bezeichnet.  Das  wort  war  wol  ursprüng- 
lich zweites  gliod  eines  kompositums  (=  „für-schwäher",  „jung-schwäher"  oder 
dgl.),  daher  das  germ.  g.  In  der  lautgruppe  idg.  kr  kann  das  A;,  als  die  dehnung 
eintrat,  zur  folgenden  silbe  gehört  haben  (sonst  müste  die  dehnung  in  -sv^ru-s, 
wenn  dies  die  grundform  war,  jünger,  nach  zahlreichen  Vorbildern  analogisch  geschaf- 
fen sein).  Über  die  grundform  des  wertes  „schwäher"  vgl.  Kretschmer,  KZ.  31, 446  fg.: 
lautete  dies  wort  bereits  svecuro-s  {ixvQog^  ahd.  swekur,  ae.  sweor  usw.),  dann  wird 
die  grundform  des  Wortes  „Schwager"  -sveeuro-s  gewesen  sein.  War  das  wort  selb- 
ständig, dann  ontstamt  das  germ.  g  der  den  obliquen  kasus  entnommenen  oxytonie- 
rung  (svecrü-s  oder  svecuro-s). 

3)  Mit  diesem  -a  ist,  der  lehre  Joh.  Schmidts  gemäss,  das  giiech.  -«  des  pla- 
rals  des  neutrums,  das  aber  von  Schmidt  selbst,  Plui'alb.  258,  völÜg  verkant  worden 
ist,  ursprünglich  identisch. 


ÜBER  BECHTIEL,  HAUPTPROBLEME  DER  INDOOERM.  LAUTLEHRE  381 

a  werden,  also  mit  dem  urspininglich  hoclitonigen  a  zusammenfalleD.    So  in  nau-s 
(später  näU'8)^  gen.  navdsj  acc.  navm  u.  a.  ^ 

Ob  auch  ein  f  (n  usw.)  gleich  dem  i,  u  sekundär  den  nebenton  bekommen 
konte?  A  priori  wird  man  es  nicht  verneinen  können.  Ein  durch  unsre  dehnung  in 
offner  silbe  entstandenes  langes  f  hätte  natürlich  nichts  zu  tun  mit  Saussures  r ,  dem 
Bochtel  die  existenz  abspricht  (s.  u.):  es  braucht  nicht  durch  dieselben  skr.  fr, 
ür  vertreten  zu  sein,  durch  welche  dieses  vertreten  sein  solte.  Ist  griech.  x^^,  skr. 
'härd'  (acc.  m.  -hJardam  in  su-hard-  „wolgesint",  dur-hard-  „übelgesint**)  und  skr. 
Jiärdi  „herz"  (Bechtel  171,  vgl.  Joh.  Schmidt,  Pluralb.  224)  ein  altes  cfd-  (neben 
cfd'y  skr.  Ärrf-),  efdi,  so  dass  theoretisches  f  gemeiuindogerm.  durch  er  vertreten 
wäre?  Germ,  hert-  im  w- stamme  got.  hairiö  köute  lautgesetzlich  aus  älterem  eerd- 
entstanden  sein  mit  kürzung  der  länge  vor  der  konsonantengruppe  (der  n- stamm  wie 
in  ausö  aus  älterem  aus-,  vgl.  Joh.  Schmidt,  Plui'alb.  109). 

Den  tiefton  auf  der  Wurzelsilbe  hatte  von  alters  her  der  sing,  des  perfekts: 
3.  sing.  vöidCf  skr.  veda,  gr.  foiSe,  got.  vait.  Indem  als  charakteristisch  für  das 
perfekt  nicht  sowol  der  vokal,  als  vielmehr  dieser  bestimte  accent  gefühlt  ward,  sind 
nach  dieser  analogie  peifekte  mit  Übertragung  des  vokals  des  präsens,  der  dann  in 
offner  silbe  durch  den  tieften  gedehnt  ward,  neu  gebildet  worden:  ede  „ass"  (lat 
edit,  got.  -et)^  redupl.  griech.  fS-rj&e  (nach  älterer  regel  hätte  es  heissen  müssen 
ed-Sde)\  ebenso  mit  a  statt  des  älteren  ö'  perfekta  wie  gr.  Xäkri^Uy  lat.  scäbi,  got. 
höf  usw. '  Manche  andre  perfekta  sind  nach  solchen  Vorbildern  wahrscheinUch  erst 
in  jüngerer  zeit  gebildet  worden,  die  giiechischen  -rixa  zu  -^'ö  usw.;  lat  -llqui^ 
vidi,  die,  wenn  das  t  alt,  bildungen  wären  wie  oben  tn^-. 

Alle  fälle  der  dehnung  können  durch  das  gosetz  in  der  oben  gegebenen  form 
nicht  unmittelbai*  erklüi-t  werden :  ebenso  wie  im  nhd.  ist  der  in  offener  silbe  gedehnte 
vokal  auch  in  geschlossene  silbe  und  in  Stellungen  vor  konsonantengruppen  hinein- 
getragen. So  bleibt  einstweilen  unerklärt  die  vokaldehnung  im  5-aorist,  slav.  vem 
„führte"  zu  ved({,  nesü  „trug*"  zu  nesq  usw.,  lat.  rexi,  texi  usw.  (Bechtel  157):  vgl. 
Osthoff,  Zur  gesch.  des  perf.  112.  227,  der  diese  lat.  e  dui'ch  Übertragimg  aus  dem 
altern  perfekt  legi,  *regi  orkläii;.  Die  dehnung  hat  in  den  vei-schiedensten  sprachen 
über  ihr  ursprüngliches  gebiet  hinausgegiiffeu^:  uamentiich  im  indischen  hat  das  aus 

1)  Wie  die  Schwächung  der  hochstufe  a  muste  das  a,  das  Schwächung  der 
hochstufen  e',  ö'  ist  (s.  u.) ,  durch  die  gleiche  dehnung  a  werden :  so  in  einigen  unter 
den  von  Bremer,  Beitr.  11,  268  fg.  zusammengestelten  «.  —  Von  diesem»  quaUtativ 
verschiedenes  unbetontes  a  (von  Bechtel  a  geschrieben,  Saussures  -4),  woraus  giiech.  «, 
skr.  i  (s.  u.),  ist  im  sanskrit  nach  dem  hoohton  ausserordentiich  häufig  lang,  J  (brd- 
vlmi  „rede",  stärtman-  „ausbreitung"):  die  dehnung  wird  durch  den  dem  hochton 
folgenden  abhängigen  svarita  bewirkt  und  bereits  in  grundsprachlicher  zeit  zugleich 
mit  jenen  andern  dehnungen  eingetreten  sein.  (Solte  dieser  vokal  mit  jenem  a 
ursprünglich  identisch  gewesen  sein,  s.  u.,  dann  hätten  wir  ä  als  resultat  der  deh- 
nung durch  den  selbständigen  tiefton,  dagegen  im  sanskrit  ein  7,  wo  die  dehnung 
durch  den  abhängigen  svarita  eifolgte.)  Die  Unregelmässigkeit  der  länge  lässt  dieselbe 
eher  als  rest  einer  alten  regel,  denn  als  ergebnis  einer  jüngeren  regel  ei'scheinen. 

2)  Die  germ.  perfektpluiale  nemumj  setum,  brekum  usw.  werden  wol  (wie 
die  forum  vom  sing,  für)  von  älteren  3.  sing.  *nem,  *8et,  *brek  (=  lat.  emit, 
sedtt  usw.)  herrühren,  die  neben  den  1.  sing,  nam  usw.  bestanden  haben,  aber  dann 
(ausser  et  und  ae.  nöm,  cwöni)  durch  diese  ei-sezt  worden  sind. 

3)  So  ist  nach  der  analogie  der  (von  J.  Schmidt,  Pluralb.  82  fgg.  nachgewie- 
senen) kollektiven  femin ina,  welche  die  stelle  des  plurals  des  neutr.  vertraten,  auf 
'ön,  'ör,  -ö8   (die  die  länge  des  nom.  aus  dem  acc.  sing,  übernommen  hatten),   im 


382  MÖLLER 

e  und  ö  entstandene  ä  in  geschlossener  silbe  (wie  in  säpta-  n.  „  siebenzahl  ^  von 
sapta)^  wozu  auch  alle  äi  und  äu  vor  konsonanten  gehören,  als  ^lYrddhi*^  oder 
,,  zweite  Steigerung*^  weite  ausdehnung  gefunden. 

Dass  die  Wirkung  des  tieftons  nicht  auf  den  vokal  o  beschränkt  gewesen  sei, 
habe  ich,  nachdem  ich  selbst  schon  solches  gedacht,  zuerst  ausgesprochen  gefunden 
bei  M.  Bing,  Altlatein.  Studien,  Pressburg  und  Leipzig  1882,  s.  52:  „Der  svarita 
blieb  svarita  und  vokalbildner  auch  dann,  als  längst  . . .  der  kurze  grundvokal  durch 
die  betonung  zu  e  und  o  differenziert  war**.  —  Otto  Bremer,  PBBtr.  11,  267  lehrt, 
dass  den  «  und  ü  innerhalb  der  i-  und  u- reihe  ein  ä  innerhalb  der  a- reihe  (als 
deren  hochstufe  er  e  ansieht)  entspreche,  und  bemerkt,  dass  die  länge  neben  der 
kürze  „auch  sekundär  sein^  (264,  note  2),  „i  und  a  unter  bestirnten  bedingungen 
gedehnt  worden  sein**  köuten.  —  Paul  Kretschmer,  der  (KZ.  31,  338  fg.)  für  Ost- 
hoffs  hypotheso  „eine  tatsächliche  grundlage  nicht  aufzufinden  veimag  '^,  da  in  den  ein- 
zelsprachen, welche  die  alte  betonung  gewahrt  haben,  „keine  spur  einer  von  der 
stell img  im  satz  abhängigen  Verschiedenheit  der  tonstärke,  geschweige  denn  von 
einem  danach  sich  regelnden  Wechsel  von  t,  ü  mit  i,  u  zu  entdecken*^  ist^  erklärt, 
dass  betontes  ü  (und  also  auch  t)  „nur  in  unbetonter  silbe  entstanden  sein  kann*^ 
und  hält  es,  ebenso  wie  unabhängig  von  ihm  Beohtel,  für  „wahrscheinlich,  dass  es 
seine  länge  darum  festhielt,  weil  es  den  accent  erhielt,  ehe  es  weiter  zu  ü  reduciert 
wurde '^.  Kretschmer  meint  aber,  meines  erachtens  richtiger  als  Bechtel,  „dass  der 
accent,  welchen  ü  durch  diese  Verschiebung  empfieng,  der  circumflex  gewesen  zu 
sein  scheint '^  (der  mit  dem  selbständigen  tiefton  oder  svarita  identisch  ist):  er  weist 
u.  a.  hin  auf  die  mqtanfafjiivri  in  griech.  vOv,  — 

Der  „zweite  abschnitf^  (s.  182 — 290)  behandelt  in  abeimals  vier  kapitein, 
die  einzeln  durchzunehmen  ich  mir  versagen  muss  (das  erste  und  lezte,  5.  und  8., 
übergehe  ich  völlig),  „Längen  und  diphthonge  mit  langem  ersten  kompo- 
nenten**. 

Neben  den  im  4.  kapitel  besprochenen  dehnungeu  kurzer  vokale  hat  die  grund- 
sprache  lange  vokale  ä,  e,  ö  gehabt,  die  ihrerseits  älter  sind  als  die  aus  ihnen  her- 
vorgegangenen kürzungen. 

Kürzung  dieser  lezteren  ä,  e,  ö  ist  (vor  der  tonsilbe  und  durch  accentver- 
schiebung  in  der  tonsibe)  nach  s.  238  fgg.  im  europäischen  ohne  das  griechische  a 
(se-  „säen^,  dö-  „geben '^:  lat.  sätus,  datus):  im  griechischen  erscheint  als  kürzung 
eines  wurzelauslautenden  rj,  <o  neben  dem  a  ein  f,  o  {hog,  d^eros,  derog;  SoTog, 
noTÖg)^  selten  im  aussergriechischen  ourop.  ein  ebensolches  e  (s.  244),  o  (247).  Bech- 
tel vermutet  (s.  248.  265),  dass  „c,  o  und  a  zwei  verschiedene  schichten  der  Schwä- 
chung repräsentieren,  jene  die  ältere,  diese  die  jüngere".    Er  sagt  nicht,  wie  er  sich 

iranischen  ein  -önt  geschaffen  (J.Schmidt  160 fgg.,  der  aber  diese  endung  für  gomein- 
indogerm.  hält);  ebenso  im  indischen  plur.  neutr.  -anti,  -ämsi  aus  -önta,  -önsa 
nach  'änl  aus  -(>na  (oder  nach  J.  Schmidt  aus  önt-i  usw.). 

1)  Nach  spuren  seiner  regel  in  den  einzelsprachen  suchend  findet  Osthoff 
(s.  351),  dass  wir  „in  der  tat  auch  nach  dieser  seite  hin  nicht  gänzlich  von  allen 
anhaltspunkten  ontblösf^  sind.  Es  heisst  (s.  352)  regelmässig  ü  (statt  u)  nü,  ü  my 
und  von  i-  „gehen",  ää-  „schieben'*  hinter  präfixen  (wie  sam)  ijäi,  uhjät,  nicht 
ijäty  ühjät,  „Es  dürfte*,  bemerkt  Osthoff  s.  353,  „vielleicht  von  interesse  sein,  zu 
crfahi-en,  dass  ich  auf  diese  historisch -einzeLsprachlichen  reminiscenzen  an  das  alte 
gesetz  . . .  erst  hinterdrein  aufmerksam  geworden ,  nicht  zum  entwerfen  meiner  kon- 
struktionen  von  ihnen  ausgegangen  bin".  (Man  greift  doch  überall  erst  im  wasser 
nach  dem  Strohhalm.) 


tBXR  BECHTEL,   HAUPTPROBLEME   DER  INDOGERM.   LAUTLEHRE  383 

dies  denkt  Dass  eine  ältere  Schwächung  nicht  mit  allen  e  und  ö  in  gleicher  läge 
volständige  , Schicht  gemacht*^,  sondern  einer  jungem  Schicht  einen  teil  der  arbeit 
hinterlassen  haben  solte,  kann  man  sich  nicht  wol  denken.  Solten  aber  zwei  schich- 
ten auf  einander  gefolgt  sein,  so  solte  man  doch  denken,  dass  das  dem  ungekürzten 
e  und  ö  femer  gerückte  a  das  ergebnis  der  altem  (s.  u.),  das  ihm  näher  geblie- 
bene e,  o  das  ergebnis  der  jungem  schiebt  gewesen  sei.  Eine  jüngere  schiebt  der 
Schwächung  wäre  nur  als  jüngerer  analogievorgang  denkbar:  das  e,  o  könte  nur 
entweder  eine  qualitative  angleichung  des  älteren  resultats  der  Schwächung  an  das 
hochtonige  €,  ö,  oder  neue  Schwächung  eines  durch  ausgleichung  widerhergestelten 
e,  ö  sein.  Diesen  Vorgang  aber,  in  welcher  weise  er  nun  geschehen  sein  mag,  wird 
man  wahrscheinlicher  der  einzelsprache  als  der  grundsprache  zuschreiben.  Im  grie- 
chischen ist  qualitative  ausgleichung  eine  häufige  erscheinung. 

Das  indisch -iranische  sezt  eine  dem  gemeineurop.  a  entsprechende  einheitliche 
kürzung  der  di-ei  längen  voraus.  Der  Verfasser  zeigt  (s.  248  fgg.),  dass  dieses  europ.  a 
im  indisch -iranischen  im  übrigen  durch  %  (skr.  sthüd-  araxogy  düa-  &€r6g,  ^itä- 
(naUy')xoTog) ^  in  zwei  fällen  aber  dui'ch  älteres  a  vertreten  wird,  nicht  wie  Saus- 
sure und  mit  ihm  Hübschmann  annehmen  vor  j  und  t^,  dagegen  1)  unmittelbar  vor 
einem  ursprünglichen  «,  mit  dem  das  a  sich  zum  diphthong  verband  (skr.  sthBmdm- 
„festigkeit^),  2)  wo  das  a  sekundär  unter  den  hochton  geraten  ist  {dd^i  „beisst^, 
gr.  (fax-). 

Mit  recht  wird  von  Bechtel  s.  240  die  existenz  eines  ursprünglichen  beton- 
ton a  geläugnet  und  s.  256  igg,  ein  „grund vokal  a^  neben  dem  von  ihm  e  genanten 
grundvokal  abgewiesen:  jener  vermeintliche  grund  vokal  ist  überall  Schwächung. 

Die  By  ö,  denen  kürzungen  zur  seite  stehn,  fasst  Bechtel  zum  teil  (s.  202. 
235)  als  dehnungen  von  der  art  der  im  4.  kapitcl  behandelten:  er  spricht  mehrfEich 
davon,  dass  die  dehnung  „grund vokal  einer  neuen  reihe  geworden  ist*^  (so  202)  und 
von  kürzungen  solcher  dehnungen.  Grundvokal  einer  neuen  reihe  aber  (dies  ist  bei 
Bechtel  nirgends  zu  sehn)  kann  die  dehnung  doch  nur  durch  jüngere  analogie  gewor- 
den sein,  da,  als  die  dehnung  eintrat,  die  kürzung,  die  wir  ablaut  nennen,  bereits 
vollendet  war.  Anderseits  kann  ö,  was  Bechtel  aber  nur  vom  ö  im  wurzelinlaut 
bemerkt  (s.  235),  „ablaut  einer  der  längen  e,  ä  vorstellen^.  Klar  dargelegt  sind 
diese  Verhältnisse  vom  Verfasser  m'cht,  wie  überhaupt  das  6.  und  7.  kapitel,  die 
nach  den  Überschriften  bzw.  „belege  der  grundvokale  e,  ä,  ö^  bringen  und  die 
„Schwächungen  von  ä,  e,  ö^  behandeln  sollen  (während  im  6.  kapitel  ebenso  viel  von 
diesen  die  rede  ist,  und  das  7.  kapitel  ebenso  gut  die  Überschrift  des  6.  führen 
könte),  weniger  übersichtlich  geordnet  sind. 

Woher  stammen  denn  nun  aber  die  nach  abzug  der  dehnungen  und  der 
ablauts-ö  als  rest  bleibenden  langen  „  gmndvokale '^  ?  Der  Verfasser  weist  s.  237 
Saussures  hypothese  ab.  ä  in  Xad^Wj  sagt  Bechtel,  soll  aus  ea  (so  schreibt  er  für 
Saussures  a^^)^  ö  in  *liXtoiya  aus  oa  (Saussures  a,^)  entstanden  sein:  Saussures 
hypothese  ist  also  genötigt  „zwei  entgegengesezt  wirkende  kontraktionswoisen  neben 
einander  zu  behaupten^.  Aber  eine  andere  erklärung  der  laugen  vokale  ist  a  priori 
weit  wahrscheinlicher  als  die  durch  kontraktion  von  vokal  -|-  a- vokal.  Von  meinem 
erklärungsversuch ,  Beitr.  7,  492  note  2  (vgl.  Engl.  stud.  3,  150  fg.)  sagt  Bechtel  nichts. 
Unendlich  oft  sehen  wir  vokalisühe  länge  durch  Schwund  eines  konsonanten  entstehn, 
und  sehr  oft  finden  wir  in  unsem  jüngeren  sprachen  einerseits  auf  diese  weise  ent- 
standenen langen  vokal,  anderseits  vokal  -f-  konsonaiit  als  genossen  z.  b.  in  derselben 
ablautreihe,  wie  nhd.  se-  {sehe,  gesehen)  neben  geh-  (mit  von  Norddeutschen  verschie- 


384  MÖLLKn 

den  gesprochenem  e-laut  hier  und  dort),  aber  nirgends  sehn  wii*  wol  in  entsprechender 
weise  eine  lautghippe  vokal  +  vokal  a  oder  aus  derselben  durch  konti^ktion  entstan- 
dene länge  als  genossen  einer  lautgruppe  vokal  +  nichtvokal.  Ich  behaupte  deshalb, 
als  eine  hypothese  die  weit  wahrscheinlicher  ist  als  jede  andre  zur  erklärung  derselben 
beobachtung  findbare,  dass  die  indogermanischen  langen  „ grundvokale '^  aus  dem  einen 
kurzen  grundvokalo  (Bechtels  e)  und  einem  folgenden  geschwundenen  konsonanteu 
hervorgegangen  sind  ^  Das  ablautverhältnis  e  :  ö  ist  einfach  ein  e :  o  mit  geschwun- 
denem folgenden  konsonanten.  Im  ablautverhältnis  ä :  ö  ist  dagegen  ein  solcher  kon- 
sonant  geschwunden,  der  älteros  e  in  a  gewandelt  (oder  auch  urspr.  a,  das  sonst  e 
wird,  koaservieii;)  hat.  War  die  entstehung  des  ä  :  ö  aus  ea  :  oa  schon  darum 
unwahrscheinlich,  weil  doit  rückschi-eitende,  hier  fortschreitende  kontraktion  vorläge, 
so  können  wir  ein  ä  und  ö,  aus  einem  e  und  o  und  geschwundenem  folgenden  kon- 
sonanten entstanden,  tatsächlich  neben  einander  finden.  Im  englischen  ist  mittelengl. 
ar  zu  offnem  ö  (ä),  fö(r)^  8tö{r)m  usw.,  dagegen  mittelengl.  er  zu  ä  geworden,  fa{r) 
me.  fety  8tä(r)  me.  sterre,  dä{r)k  me.  derk,  }ui{r)t  (geschr.  heart)  me.  herte  usw. 
Ein  nouengl.  stä(r)v{e)  :  *stö{r)ve7i  aus  me.  sterve :  storven,  derselben  ablautreiho  wie 
help :  holpen  angehöiig,  besteht  zufällig  in  dei*  Schriftsprache  nicht  mehr,  da  das  ver- 
bum  (wie  auch  help)  schwach  geworden  ist,  könte  aber  bestehn.  Der  konsonant,  der 
im  indogerm.  ä:  ö  geschwunden  ist,  könte  also  möglicherweise  derselbe,  wie  der  hier 
im  neueugl.  geschwundene,  gewesen  sein,  ein  liintcres  r,  vei'schiedeu  vom  Zungen- 
spitzen-r.    (Ein  andrer  häufig  schwindender  konsonant  ist  ?,  vgl.  ne.  ta{l)k,  fo{l)k.y. 

Die  oben  besprochene  Schwächung  a  der  „langen  grundvokale*^  ist,  ebenso  wie 
die  iy  u  aus  urspr.  ai,  au  (hocht.  ei,  eu),  nicht  durch  „ausfall  des  a"'  bei  lebzeiteu 
des  folgenden  konsonanten,  sondern  durch  kürzung  des  langen  vokals  zu  stände 
gekommen.  Das  einförmige  a  (der  „älteren  schiebt")  ist  nicht  Verkürzung  der  hooh- 
tonigen  e,  a  (dann  wäre  das  resultat  der  Verkürzung  ein  mannigfaltiges  geworden, 
wie  die  analogische  Verkürzung  der  „jüngeren  schiebt''),  sondern  vielmehr  kürzung 
eines  einförmigen  untonigen  ä,  das  aus  dem  einheitlichen  ursprünglichen  a  mit  dem 
jedesmaligen  früheren  folgenden  konsonanten  hervorgegangen  war. 

Dass  die  „einsilbigen"  verbalwurzeln  ursprünglich  zweisilbig  gewesen  sind, 
erkent  Bechtel  mit  Ascoli  und  Fick  (aber  wol  nicht  für  die  wurzeln  auf  langen  vokal) 
an.  Als  „zweisilbige  wurzeln"  (die,  aber  nicht  nach  Bechtels  auffassung,  ursprüng- 
lich dreisilbig  gewesen  sind)  bezeichnet  er  s.  193  die  von  Saussure '^  sogenanten  udät- 
ta-wui*zeln*,  solche  wie  griech.  x€Qa-(vvvfit),  xQ(fia-(wv^tf  -fÄai).  Der  Verfasser 
hält  den  auslautenden  vokal  solcher  zweisilbiger  wurzeln,  gr.  «  =  skr.  i  (t)  für  ein 
gemeinindogerm.  a,  und  er  hält  ein  wirkliches  und  primitives  (in  diesem  falle  nicht 
durch  kürzung  entstandenes)  gemeinindogerm.  a  für  den  urspiünglichen  auslaut  solcher 
wurzeln.  In  dem  durch  Saussures  Scharfsinn  erklärten  -na  des  präsens  solcher  wur- 
zeln, S(e)^a-,  pi-äs.  <f«|U-vi?-^*,  skr.  ^vii-,  präs.  pam-na-mi  usw.  (vgl. /m^-,  priis. 

1)  Bremer,  Btr.  11,  265  note,  scheint  in  der  täuschuug  begriffen  zu  sein,  dass 
in  *ea  *oa  (woraus  nach  ihm  e,  ö)  das  a  wirklich  vorliege,  nicht  hypothetisch  sei. 

2)  „Wie  got.  qiman,  gißati,  stilan  usf.  zu  skr.  gä-  (griech.  /J«-),  gajaii 
„singt",  stäju'  „dieb"  stehe"  (Bechtel  243),  habe  ich  Beitr.  7,  494  zu  erklären 
gesucht. 

3)  nach  dem  Dhätupätha. 

4)  die  Bechtel  nach  andern  grammatischen  werken  „«Sf- wurzeln*  (d.  i.  sa-i-t, 
mit  einem  i  versehene,  im  gegonsatz  zu  den  „aw-tY- wurzeln"  ohne  das  *)  zu  nen- 
nen vorzieht. 


ÜBKR  BECHTEL,   HAII1*TPR0BLEME  DEB  INDOGEBM.   LAUTLEBBE  385 

ju-ne-g-mi  ">  skr.  jtmdgifiii;  oru  „hören*',  präs.  cr-ne-tA-mi  ">  skr.  ^rnomi)  ist  ihm 
(las  a  „kontraktionsprodukt''  (s.  208)  von  e  (des  olements  -we-)  und  dem  wurzelvokal 
a,  was  er  für  das  ä  in  la^ü)  abwies.  Für  Saussure,  und  ebenso  füi*  mich,  ist 
natürlich  das  a  des  präs.  -na-mi  dasselbe  wie  das  u  in  >L«^w:  für  mich  ist  das  -na- 
entstanden  aus  dem  element  -ne-  und  dem  geschwundenen  konsonanten,  von  wel- 
chem oben  die  rede  war,  und  dieser  war  der  wirkliche  auslaut  der  wurzel,  wenn 
man,  von  dem  ui-sprünglich  folgenden  (sog.  „thematischen")  vokal  absehend,  z.  b.  in 
j{e)ug-  den  konsonanten  g  als  „wurzelauslaut"  bezeichnet. 

Da  wir,  wo  wir  von  „wurzeln"  sprechen,  nicht  die  wirkliche  wurzel,  d.  h. 
das  urwort,  sondern  tatsächlich  in  unsern  Wörtern  vorliegende  bestandteile  zu  meinen 
und  anzusetzen  pflegen,  so  werden  wir  auch  jenen  unbekanten  konsonanten  bei  der 
ansetzung  der  wurzel  ignorieren  und,  wie  die  wui'zel  von  XA^o}  und  kiivd^dviü  als 
lädh  oder  ladhy  ebenso  im  wurzelauslaut  mit  Bechtel  ein  -a  ansetzen.  Einem  cferc-, 
veid-,  jeug-j  lädh-  entspricht  Bechtels  ansetzung  dema-,  tera-  usw.,  einem  drc-, 
vid-fjug-j  ladh-  entspricht  die  ansetzung  der  wurzel  als  dyna-,  tra-K 

Oft  ist  beobachtet  worden,  dass  „zweisilbige"  oder  „udätta- wurzeln"  und  kür- 
zere „einsilbige",  „anudätta- wurzeln"  neben  einander  stehn,  vgl.  Saussure  s.  260, 
Kretschmer  KZ.  31,  395,  Bechtel  s.  195.  So  svep-  „schlafen"  (skr.  svdptum)  und 
srepa-  (skr.  svapi-)^  ves-  „kleiden"  und  vesa-  (skr.  vasi-^  gr.  ia-vog)^  ver-  „wäh- 
len" (skr.  vrtd-)  und  vera-  {vrnitCj  vürnd-)^  ster-  (skr.  stftd-,  stdrtum)  und  stera- 
(skr.  stirnd-,  stdrVtumj  stdriman-)^  creu-  „hören"  und  creva-  (>  pro-,  xXv-\  ^eu- 
„opfern,  anrufen"  (wovon  das  germ.  „gott"  und  das  wort  idg.  ^uto,  gen.  ^huterds, 
">  nom.  skr.  ßiötä  „opferer,  hauptpriester ",  altn.  godi)  und  ^eva-  (skr. hütd-,  kavt- 
man-).  OsthofP  meint  MU.  4,  279:  «Das  misliche  seiner  ganzen  theorie  tritt  bei 
de  Saussure  besonders  s.  260  fg.  hervor,  wo  er,  auf  eine  anzahl  unserer  fälle  mit 
V,  u  zu  sprechen  kommend,  sich  nur  so  zu  helfen  weiss,  dass  er  mehrere  wurzeln 
für  „udättäs"  und  „anudättäs"  zugleich  erklärt*).  Es  scheint  doch  klar  zu  sein, 
dass  diese  längeren  „zweisilbigen  wui-zeln"  sich  zu  den  kürzeren  nicht  anders  ver- 
halten, als  durch  andre  konsonanten  „erweiterte"  wurzeln,  z.  b.  ^leud  „giessen" 
(giuta,  fundo)  zu  zfieu  (/*/^')i  <iass  also,  wenn  wir  den  in  dem  langen  ä  geschwun- 
denen unbekanten  konsonanten  mit  (dem  zeichen  des  umgekehrten  V)  A  bezeichnen, 
z.  b.  das  zweisilbige  stera-,  ui^spr.  stara-Atf-,  eine  ei'weiterung  des  urspr.  stara  ist, 
wie  steru-f  urspr.  stara-ra  eine  andre  erweiterung  derselben  wurzel  (skr.  strnomi, 
lat.  struoy  got.  straujafij  vgl.  Bechtel  210),  und  dass  überhaupt  die  ursprünglich  in 

1)  Diese  lezte  weise  der  ansetzung  der  wurzeln  verglich  ich  Engl.  stud.  3,  151 
der  in  der  semitischen  grammatik  üblichen.  Vom  Standpunkte  meiner  hypotheso  aus, 
welche  die  „langen  grundvokale"  durch  die  annähme  geschwundener  konsonanten 
erklärt,  wären  „zweisilbige  wurzeln"  auf-a,  wie  die  oben  angesezten  (/(g)w/a-,  t{e)ra- 
mit  einem  terminus  der  semitischen  grammatik  cils  wurzeln  „tertiae  gutturalis" 
(solche  mit  mitlerem  a  wie  lu^dh  als  „mediae  gutturalis")  zu  bezeichnen,  wenn  näm-r 
Uch  die  geschwundenen  konsonanttin ,  wie  höchst  wahrscheinlich,  welche  man  sich 
auch  denken  mag  (gutturales  oder  kehlkopf-r,  h,  der  Spiritus  lenis  usw.),  guttui*ale 
oder  kohlkopfkonsonanten  gewesen  sind  (neben  welchen  die  /;- laute  natüilich  nicht 
„gutturale"  genant  werden  dürfen). 

2)  „Ich  fürchte",  fährt  Osthoff  fort,  „dass  diese  so  ausnahmsweise  zugelassenen 
zwitterwurzeln  schliesslich  nicht  eine  winzige  minderheit,  sondern  bei  weitem  die 
grosse  mehrhoit  aller  sein  werden".  „Jja  liste  de  cos  variations  ne  serait  Jamals 
finie"  hatte  Saussure  selbst  bemerkt  (s.  246,  note).  Vgl.  Joh.  Schmidt,  Pluralb. 
380  fg. 

ZEITSCHBIFT   F.    bEUTSCBE  PHILOLOGIE.     BD.  XXV.  25 


386  MÖLLER 

Wirklichkeit  dreisilbigen  wurzeln  durch  hinzutritt  eines  elements  aus  älteren  wirklich 
zweisilbigen  hervorgegangen  sind.  "Was  aber  die  hinzugetretenen  demente  urspmng- 
lich  bedeutet  haben,  ist  natürlich  in  den  meisten  fallen  verborgen. 

Die  einsilbigen  auf  langen  vokal  ausgehenden  wurzelformen  von  udätta- wur- 
zeln,   wie  strä-  (lat.  strätus)  zu  stera-,    fasst  Bechtel  s.  207  fgg.   (vgl.  201  fg.)    als 
entstanden  durch  „dehnung*  des  auslautenden  wurzelvokals.    Die  ansieht  Saussures, 
der  die  in  Europa  erscheinenden  r,  /  mit  folgendem  langen  vokal  indischem  7r,  ör, 
und  europ.  m,  n  mit  folgendem  langen  vokal  indischen  an,  ä  gleichsezte  und   aus 
langer  liquida  oder  nasalis  sonans  hervorgehen  liess,   weist  Bechtel  s.  212  mit  recht 
ab.     (Ebenso  Ki-etschmer,  KZ.  31,  400.     Beide  zeigen,    dass  der  lange  vokal  nach 
der  liquida  oder  dem  nasal  gemeinindogermanisch  ist.)    Aber  auch  Bechtels  ansieht 
ist  nicht  richtig.     Richtig  urteilt  über  das  rä  Kretschmer,  KZ.  31,  403  fgg.    Der- 
selbe komt  „zu  dem  ergebnis,    dass  die  zweisilbigen  oder  udätta -wurzeln  nicht  wie 
die  einsilbigen  eine,  sondern  zwei  starke  formen  besitzen**:  die  rä  (wo,  rä,  ja  usw.) 
sind  hochtonformen  gleich  den  era   (etna,  eva,  eja).    „Wie   sich   diese  doppolform 
erklärt",  sagt  Kretschmer,  „ist  eine  frage  für  sich":  er  meint,  es  „dürfte  die  annähme 
am  nächsten  liegen ,    dass  den  beiden  starken  formen  -er-ö^  zu  gründe  liegt   (ö^J  = 
ä,  e,  ö),  d.  i.  Wurzel  +  angetretener  langer  vokal.     War  die  zweite  silbe  betont,  so 
wurde  era^  zu  m^;  trug  dagegen  die  erste  silbe  den  ton,  so  sei  der  lange  vokal  redu- 
ciert  worden.    Ganz  richtig  ist  das  nicht.      Zunächst  ist  der  besitz   zweier   starker 
formen  nicht  eine  eigentümlichkeit  der  sogenanten  udätta -wurzeln:   auch  zahlreiche 
sogenante  „einsilbige"  wurzeln,   nämlich  solche  mit  drei  konsonanten   (den   Spiritus 
lenis  eingerechnet),  die  gleich  jenen  ursprünglich  di'eisilbig  gewesen  sind,  zeigen  den 
hochtonigen  vokal  bald  vor  dem  zweiten,    halb  vor   dem   dritten   konsonanten.    So 
erscheint  neben  deiv-  ein  djeu-  aus  urspr.  ddjava  :  dajäva;   neben  dere-  „  sehn "  ein 
dreC'  aus  urspr.  ddraca  :  dardca;  perc  (ahd.  as.  fergön)    „fragen"   neben  prec  aus 
pdraca :  pardca;  ceru-  (skr.  ^rnomi)  neben  creu  „hören"  aus  cdrava :  cardva  *.  Wie 
steril'  neben  streu-  „ausbreiten"  ein  stdrava :  stardva,  ebenso  ist  stera-  neben  strä- 
ein  urspr.  stdra-A<i  '  stard-AO"    Die  Urbedeutung  der  doppelheit  stera-  und  strä-  in 
der  Verbalflexion  hat  dagegen  wol,   nach  Benfey  (in  der  Kieler  monatsschrift  18.54), 
Bechtel  richtig  erkani    Die  difFeronzierung  war  ein  dynamischer  Vorgang.    Ursprüng- 
lich  bezeichnete  wol   die  form   mit   dem  accent  auf  erster  silbe  {dra)   ein  tempus 
imperfectum,  die  mit  dem  accent  auf  der  zweiten  (ard)  ein  tempus  perfectum.     Oder 
(vgl.  Bechtel  s.  190  fgg.)  jene  erete  wurzelform  bezeichnete  die  „besondem"   zeiten 
(präsens,  imperfokt),  diese  zweite  die  „algemeinen"  (perfekt,  aorist,  futur),  vgl.  drec- 
in  skr.  fut.  draksfami  neben  derc-  {StQxo/A(u)\  ghrehh-  „greifen"  in  skr.  perf.  gagrdbha 
neben  gherhh-  (in  ahd.  ga/rha  „garbe")'. 


1)  Oft  erscheint  der  vokal  an  erster  stelle  anlautend  als  a  anstatt  des  erwar- 
teten e.  S.  die  von  Saussure,  Mem.  275  —  283  zusammengestelten  „phenomenes  spe- 
ciaux„:  aus-  :  ves-,  auks-:vek^-,  {*anbh-)  ambh- :  nehh- ^  {*amdh-)  andh-  :  medh- 
usw.  Ob  ein  später  verlorener  urindogermanischer  konsonaut,  den  ich  hier  mit  * 
bezeichnen  will,  ein  folgendes  e  in  a  gewandelt  (oder  das  ursprüngliche  d  konser- 
viert) hat,  'eus  (>>  aus):* ves,  aus  *dvasa :*avdsa? 

2)  Wie  das  perfekt  scheinen  überhaupt  tieftonwörter  ursprünglich  nur  von  der 
zweiten  form  der  wurzel  gebildet  zu  sein;  sodjous-,  djhus-  (gen.  divös)^  mcYii  döiv-s. 

Komparativ  und  Superlativ  werden  von  der  zweiten  wurzelform  gebildet  neben 
einem  positiv  von  der  ersten  form,  vgl.  PBBeitr.  7,  506. 


ÜBER  BECHTEL,   HAUPTPROBLEME   DER  INDOOKRM.   LAUTLEHRE  387 

Die  verschiedenen  konsonanten,  denen  die  langen  vokale  ihre  entstehung  ver- 
danken, können  zu  verschiedenen  zeiten  geschwunden  sein:  wenn  der  Schwund  des 
unbetonten  zweiten  und  dritten  vokals  trilitteraler  wurzeln  (vor  dem  konsonanten  eines 
Suffixes)  wie  dere-  aus  ddraca^  älter  ist  als  der  Schwund  des  konsonanten,  dem  das 
hochtonige  ä  seine  länge  dankt,  dann  kann  das  von  ICretschmer  als  zu  gründe  liegend 
angesezte  -erä,  das  einer  wurzelform  mit  zwei  e- vokalen  wie  clerec  entspräche,  in 
dieser  gestalt  nicht  existiert  haben  und  der  vorliegende  kurze  vokal  (gr.  «,  skr.  t) 
kann  dann  nicht  reduktion  des  langen  ä  sein.  Der  konsonant  muste  in  diesem  falle 
zwischen  konsonanten,  wenn  es  ihm  möglich  war,  auf  eignen  beinen  stehn,  event. 
zum  selbstlauter  werden  (wie  das  u  in  -eru-)^  und  dieser  selbstlauter,  wenn  er  nicht 
vokal  war,  konte  nachträglich  in  einen  vokal  übergehen.  Bechtel  betont  s.  208  (aber 
von  der  irrigen  Voraussetzung  ausgehend,  dass  dies  -a  ein  urspritngliches  sei)  den 
unterschied  des  im  auslaut  „zweisilbiger  wurzeln"  ei*scheinenden  -a  von  dem  a,  das 
kürzung  der  „langen  grundvokale''  ist:  er  schreibt  aber  beide  mit  dem  gleichen  zei- 
chen a.  (Kretschmer,  der  den  laut  in  beiden  fällen  für  reduktion  einer  länge  hält, 
schreibt  wie  Brugmann  in  beiden  fallen  a.)  Bechtel,  der  also  zusanmienfall  der  bei- 
den nach  ihm  „strenge  zu  scheidenden'^  elemento  in  dem  einen  laute  a  annehmen 
muss,  lässt  trotzdem  die  beiden  laute  in  den  vei-schiedenen  sprachen  zum  teil  einen 
verschiedenen  weg  einschlagen.  Im  griechischen  haben  wir  das  gleiche  «,  ebenso 
nach  s.  208  dasselbe  a  im  lateinischen,  im  indisch  -  iranischen  das  gleiche  t  (und  f),* 
aber  nur  die  „kürzung*  a  wird  hier  unter  nachti-äglich  sich  einstellendem  hochton 
durch  d  vertreten,  nicht  der  auslaut  der  udätta-wurzel*.  Im  germanischen  legt 
Bechtel  der  „  kürzung "  die  Vertretung  a  (s.  239  fgg.) ,  dem  „wurzelauslaut  *  dagegen 
die  Vertretung  u  bei  (s.  206  fg.)':  ali<l-  ciniä,  lat.  anas;  ahd.  hiruxy  gr.  xegafdg; 
dazu  das  germ.  u  in  der  endung  des  perfekts  =  gr.  «,  skr.  i.  Dieser  im  germa- 
nischen durch  u  vertretene  laut  kann  nicht  wol  das  von  Bechtel  angenommene  a 
gewesen  sein  (indogenn.  o  in  endungen  wird  lautgesezlich  nicht  durch  germ.  t*,  son- 
dern durch  germ.  a  vertreten,  vgl.  Beitr.  7,  537).  Brugman  wählt  sein  zeichen  für 
den  laut   „in  anlehnung  an  den  gebrauch  des  o  für  den  „indistinct  vowel-sound 


11  K 


1)  Wo  der  lezte,  der  sogenante  thematische  vokal,  vor  dem  anlautenden  kon- 
sonanten eines  Suffixes  fehlt,  ist  sein  Schwund  gewiss  eben  so  alt,  wie  der  des  unbe- 
tonten urspmnglichen  -a  im  auslaut  des  selbständigen  wortes  (s.  o.  s.  376):  der 
Schwund  des  unbetonten  zweiten  vokals  (des  in  derco-  geschwundenen)  mindestens 
eben  so  alt,  warscheinlich  noch  älter. 

2)  Betontes  sanskr.  -a-,  das  wurzelauslautendem  ski*.  -**,  gr.  -«  zur  seite  steht, 
lässt  Bechtel  s.  195  —  99  vielmehr  griechischem  -*-  oder  -o-  in  xaX^'(aatti)^  dfi6-(aaai) 
entsprechen.  Dieses  kann  richtig  sein.  (Auf  die  -6,  -o  im  auslaut  zweisilbiger  wur- 
zeln und  die  ihnen  zur  scite  stehenden  längen  -e,  -ö  vermag  ich  hier  nicht  einzu- 
gehn.) —  Bechtel  meint  (195  fgg.  208),  das  „ui-sprachliche  a"  (gr.  «,  skr.  t),  das  „in 
der  zweiten  silbo  des  ursprachlichen  wortes  steht,  und  zwar  hinter  der  tonsilbe", 
laute  ab  mit  betontem  e  (gr.  xtlu-  :  x«A^-,  skr.  ^vdsi- :  ^vasd-).  Dieses  bin  ich  nicht 
im  stände  für  richtig  zu  halten.  Das  sanskr.  d  =  gr.  *,  o  in  pait.  ^vasdni-  neben 
3.  sing,  ^vdsl-ti  „schnaubt"  usw.  (s.  196)  ist  in  meinen  äugen  sicher  der  tliematische 
vokal,  und  zwar  entweder  der  der  älteren  und  kürzereu  anudätta-wurzel,  oder  der 
der  udätta  -  Wurzel ,  in  dem  lezteron  falle  also  der  dem  geschwundeneu  konsonanten 
ursprünglich  folgende  vokal  (vor  dem  der  konsonant  spurlos  geschwunden  wäre): 
sanskr.  vama-  =  griech.  /f^^-  (für  lautgesetzL  *ßnfii-)  aus  vdme-  wäre  also  ent- 
weder urspr.  vamd-  odQv  vamAd-, 

3)  nach  Bezzenberger,  Beitr.  17,  216  note,  der  hinzufügt,  dass  e  in  hd.  kirux, 
miltih,  sciluf  vor  solchem  wurzelhaften  u^  nicht  aber  vor  einer  svarabhakti,  zu  i 
werde. 

25* 


388  MÖLLER 

(Grundr.  1,  101).    Der  laut,  den  Brugmann  im  äuge  hat,  den  Sweet  und  andre  zum 
teil  durch  9,    zum  teil  und  wie  mir  scheint  besser   (da  das  zeichen  9  dazu  verführt 
einen  e- artigen  laut  zu  sprechen)  dui'ch  das  a- ähnliche  zeichen  (des  umgekehrten  v) 
a  bezeichnet  haben,  kann,  wie  ich  glaube,  mit  grösserer  Wahrscheinlichkeit  als  jeder 
andre  dem  im  auslaut  der  udätta- wurzeln  erscheinenden  grundsprachlichen  vokal  bei- 
gelegt werden:    Bechtels  terd-,   Binigmanns  ter9'j    Bezzenbergers  terv-  (woraus  gr. 
xtQii^  skr.  tari"),   wofür  man  auch  schreiben  kann  tera-,   hätte  demnach  etwa  wie 
engl,  terror  gelautet.    Im  neuengl.  ist  dieser  vokal  besondei*s  häufig  in  unbetonten 
Silben,   die  früher  ein  (in  der  schrift  bis  heute  fortgeführtes)  r  enthielten,    das  vor 
seinem  Untergang  ein  hinteres  r  war.    Wenn,   wie  oben  vermutet,    das  indogerm.  ä 
entstanden  ist  wie  der  gleiche  laut  in  ne.  8tä{r)^  das  mit  ihm  ablautende  indogerm.  ö 
wie  der  gleiche  laut  in  ne.  8tö{r)m,  dann  kann  der  eben  angesezte  indogerm.  laut  in 
tera-  (aus  tdraAo)  aus  selbstlautend  gewordenem  hinteren  r  (oder  auch,  wie  im  engl, 
meistens,   aus  schwachem  vokal  -\-  hinterem  r)  hervorgegangen  sein.    Der  Übergang 
dieses  vokals  im  sanskiit  in  i  wäre  dasselbe  „unrounding*^,  das  dem  selben  unbeton- 
ten vokale  in  englischen  mundai-ten  oft  begegnet,   der  Übergang  in  den  entsprechen- 
den front -glide-vowel  (wie  in  der  in  die  gebildete  spräche  aufgenommenen  ausspmche 
der  zweiten  silbe  von  y^Mrs*^  für  das  ältere  jezt  „vulgär"  gewordene  j^Müsus*^  der 
romane,  d.  i.  -sas  mit  a  als  Vertreter  des  ursprünglichen  r).    Der  Übergang  im  grie- 
'chischen  in  «  ist  leicht  zu  begreifen^  und  die  entstehung  des  germ.  u  aus  diesem 
laute  begreiflicher,  als  es  die  aus  jedem  andern  kui'zen  vokal  ausser  urspr.  o  und  u 
wäre.    Ebenso  ist  begreiflich  der  Schwund  dieses  vokals.    Im  litauischen  ist  der  aus- 
laut der  ,, zweisilbigen  wurzel"  zwischen  konsonanton  geschwunden,  dehnung  des  vor- 
hergehenden e  und  d  und  gestossene  be tonung  hinterlassend  (s.  Bezzen berger  in  sei- 
nen Btr.  17,  221  fgg.,  danach  kurz  Bechtel  s.  227):  ger-ve  „ki-anich"  y^Qu-vog,  mel-zu 
„melke*  vgl.  got.  müuks,  dntis  „ente**^. 

Den  hochtonformen  e%a  und  e^a  stehn  als  untonformen  f  und  ü  zur  seite, 
von  Saussure  erklärt  (aus  ta,  ^ua^^  die  auch,  neben  ta,  ifa,  als  untonfoiinen  gegen- 
über den  zweiten  hochtonformen  i^,  t^ä  erecheinen  (vgl.  Kretschmer,  KZ.  31,  383  fg., 
svädu-s  :  got  süt-s).  Saussure  hat  nun  als  Schwächungen  von  eruj  eni^,  ena  die- 
sen t,  ü  parallele  grundsprachliche  lange  selbstlautende  liquiden  und  nasale  angenom- 
men, die  im  sanskr.  durch  fr,  ür,  an,  ä,  im  europäischen  verschieden,  zum  grossen 
teile  durch  liquiden  oder  nasale  mit  folgendem  langen  vokal  vertreten  seien.  „Die 
Voraussetzungen,  auf  welche  de  Saussure  seine  aufstellung  von  idg.  langen  r  (w,  w) 
begründete",  haben  Osthoff  (Morph,  unters.  4,  iv)  und  Brugmann  (Grundr.  1,  252  fg.) 
„im  wesentlichen  unbeachtet  gelassen,  dagegen  die  daiaus  gezogene  folgerung  ursprach- 
licher langer  üquida  (und  nasalis)  sonans  bereitwillig  anerkant"  (Kretschmer,  KZ.  31, 
4(X)).     Dass  im  sanskrit  ir,  ür,  an,  ä  die  schwache  stufe  zu  ari,  ami,  ani  dar- 

1)  Ein  a  ist,  wie  auch  aus  starkem  vokal  e  +  hinterem  r  (westfal.  dasken 
„dreschen'')  häufig  aus  unbetontem  nhd.  -er  der  schrift  entstanden.  Vgl.  eine  stelle 
der  Flieg,  blätter,  die  ich  aus  dem  gedächtnis  widergebe:  Schalterbeamter:  ...  „macht 
in  summa"  so  und  so  viel.  Bäurin:  „In  summa?  Wie  viel  macht's  denn  nacha  im 
winta?". 

2)  Nach  vorhergehendem  tieften  (was  selten  vorkam,  da  es  nach  urspi-üng- 
licher  regel  statt  tola-  vielmehr  (lo  -  heissen  muste,  s.  s.  386  note  *)  scheint  der  laut 
algemein  geschwunden  zu  sein,  bevor  dehnung  in  offner  silbe  eintreten  konte,  daher 
T6k-(fiK)  neben  reXa-,  raia-. 

3)  wonn  ich  für  den  rest  dieses  abschnittes  a  für  Saussures  ^  setzen  darf. 


ÜBEB  BECHTfiL,   HAUiTPROBLIMK  DKB  INDOGKRM.   LAUTLEHBB  389 

stelle,  ist  unwiderleglich  von  Saussure  bewiesen:  dass  jenen  lautgi'uppen  aber  indo- 
germanische lange  liquida  und  nasalis  sonans  zu  gründe  liege,  haben  unabhängig  von 
einander  Kretschmer  (a.  a.  o.  395  fgg.)  und  Bechtel  (216  —  233)  widerlegt,  die  auch 
beide  gezeigt  haben,  dass  jenen  europäischen  rä^  lä  {rö,  /ö),  mä,  nä  {nS)  vielmehr 
indoiran.  rä,  lä,  mä,  nä  entsprechen. 

Die  Schwächung  der  hochtonigen  er,  el,  em,  en  vor  vokalen  wai*  (s.  o.  s.  369, 
in  Bechtels  bezeichnung)  er,  9l,  9m,  9n,  woraus  skr.  ir,  ur,  am,  an.  Schwächung 
der  hochtonigen  era,  ela,  cvia,  ena  war  demgemäss  9ra,  9la,  dma,  9na  (Bechtel  9ra, 
Kretschmer  <»r9  usw.).  Im  griechischen  sind  diese  lautgruppen  durch  «p«,  aka,  afia, 
ava  vertreten,  die  Saussuro  (267.  273,  Bechtel  s.  230)  nicht  zu  erklären  weiss: 
ßuQa&Qov,  Tulicg,  xäfiarog,  d-uvtciog.  Im  Sanskrit  entsprechen  den  griech.  uqu,  aka 
in  einzelnen  fällen  das  erwartete  tri,  uri,  täi  (Bechtel  230  fg.)S  ^^  den  meisten 
fallen  jene  ir,  ür,  Dass  der  vokal  in  skr.  ir,  tir,  am,  an  und  in  ir,  ür,  am,  ä{n) 
qualitativ  der  gleiche  ist,  betonen  beides  Kjetschmor  und  Bechtel  als  wesentlich  und 
wichtig.  Kretschmer  sezt  diese  skr.  tr,  ür,  mn,  ä(M)'  unmittelbar  =  griech.  «(>«, 
aka,  avLa,  ava,  und  dieses  halte  ich  für  das  richtige.  Er  bemerkt  (KZ.  31,  402 
oben,  409  unten),  dass  der  wurzelauslaut  skr.  i  „unter  dehnung  des  vorangehenden 
vokals  geschwunden  •*  ist.  Die  dehnuug  in  tr  für  iri  usw.  ist  der  gleiche  Vorgang 
wie  in  den  eben  gesehenen  litauischen  er,  el,  an  (auf  welche  auch  Bechtel  hinweist) 
aus  idg.  ern,  da,  ana.  Bechtel  nimt  indessen,  was  ich  nicht  für  richtig  halte, 
s.  232  neben  den  idg.  dra  usw.  eine  gomeinindogerm.  zweite  Schwächung  an,  deren 
resultat  ar"  usw.  war,  die  Verbindung  des  „schwachen  vokales  mit  der  langen  nasalis 
oder  liquida  consouans*^.  Die  Inder  und  Ei'anier,  erklärt  er  (229),  hätten  „die  deh- 
nung von  dem  konsonanten  auf  den  vokal  verlegt  ^^.  Ohne  Saussure  hätten  wir  hier 
schwerlich  die  zeichen  r,  m  usw.  gesehen,  sondern  statt  dessen  die  sonst  für  konso- 
nanten übliche  doppclschreibuug  (oder  ist  der  läogenstrich  gesezt  um  dem  äuge  for- 
men wie  ^r97nmtö',  r>  skr.  ^räntd- ,  zu  ersparen?).  Die  assimilation  des  a  (oder 
auch  des  ihm  zu  grimdo  liegenden  konsonanten)  an  die  r,  m,  n  würden  wir,  wenn 
vor  konsonanten,  um  so  eher  vor  vokalen  erwarten,  wo  wir  sie  nicht  sehn  (vgl. 
oben  s.  386,  anm.  ^)*. 

Eine  zweite  gemeinindogermanische  Schwächung  der  „zweisilbigen  wurzeln ** 
auf  -a  habenwir  vielmehr  in  der  der  zweiten  hochtonform  auf  -ä  ohne  vorhergehen- 

1)  Parallele  mögliche  a7nt,  aiii,  von  denen  Bechtel  nichts  sagt,  sind  von  den 
ursprünglich  hochtonigen  dmi,  dni  nicht  sicher  zu  scheiden;  es  gibt  jedoch  einige 
imi  (s.  205  fg.). 

2)  an  ward  ä  vor  t  in  vortoniger  silbe,  am  ward  an  vor  dentalen  (Job.  Schmidt, 
Plur.  170  fg.,  Bechtel  220  fg.). 

3)  „Dass  die  Eranier  anteil  nahmen '',  meint  Bechtel,  „geht  aus  ihrer  mit  der 
indischen  übereinstimmenden  behandluiig  der  langen  vokale  hervor*'.  Die  Eranier 
haben  avost.  ä  =  skr.  ä  (xuta-,  skr.  gätd'  „geboren'*),  aber  avest.  are  =  skr.  fr 
{dareya-  „lang''  skr.  dirgfiä-^  arema-  „arm,  hand",  skr.  Irma-).  Liest  Bechtel  also 
däreya-?  Oder  ist  ihm  are  =  jenem  skr.  tri?  Kretschmer  erkläi*t  dagegen  (s.  396): 
„die  vokallänge  in  fr,  ür  ist  also  ausschliesslich  indisch". 

4)  Im  litauischen  haben  wir  (nach  Bezzenberger,  Beitr.  17,  214  fgg.)  als 
Schwächung  der  „zweisübigen  wurzeln"  vornehmlich  ur,  ul,  um,  die  Bechtel  den 
skr.  fr,  ür,  an  gleich  sezt,  neben  lit.  ir,  il,  im,  in.  Von  urspr.  ey^,  e%a  hat  das 
litauische  (Bezzenb.  217  fgg.)  noch  die  Schwächungen  uv,  ui.  Dies  ui  ist  natürlich 
nicht  das  urspr.  f,  sondern  jüngere  analogische  speciell  litauische  Schwächung:  das  ii 
wird  vor  seinem  Schwund  im  litauischen  die  M-färbung  angenommen  haben  und  diese 
ist  dann  in  den  ur,  ul,  um,  ui  auf  den  vorgehenden  selbsüauter  übertragen. 


390  MÖLLER 

den  vokal  zur  seite  stehenden  Schwächung  auf  a  (nicht  ä),  gr.  «  =  skr.  «,  wie  in 
titXttfiiv,  über  welche  Kretschmer  s.  404  fg.,  der  lateinische  und  germanische  bei- 
spiele  mit  a  beibringt,  Bechtel  kurz  s.  206. 

Zweiter  teil:    „Aus  der  lehre  von  den  konsonanten". 

9.  kapitel    ,Die  gutturale**  (s.  291  — 380). 

An  stelle  der  einen  Schleichei'schen  A;- reihe  nimt  der  Verfasser  mit  Bezzenber- 
ger  (Beitr.  16,  234  fgg.)  und  Osthoff  (Morph.  untei*s.  5,  note  s.  63  fg.)  nicht  zwei, 
sondern  drei  grurdsprachliche  lautreihen  an: 

1)  eine  ^- reihe  (^,  3,  3Ä),  Osthoffs  ,  postvelai'e  *^,  Brugmanns  „volare  ver- 
schlusslaute mit  labialisierung  in  den  if- sprachen^. 

Im  german.  ist  das  nachgeschlagene  tf  vor  (vorgermanischem)  o,  ö  (germ.  a, 
ö)   und  Uj  ü  lautgesetzlich  verloren  gegangen. 

Im  griechischen  verlieren  9 -laute  nach  t;  die  labialisierung  (s.  353,  nach  Saus- 
suro  Mem.  de  la  soc.  deling.  6,  161),  wie  in  Xvxogy  xvxXog,  vyQog^  ßov-x6kog  (neben 
Inno-  usw.  -nöXog),  Vor  0  lehnt  Bechtel  (s.  355)  mit  recht  eine  Vertretung  der 
g- reihe  durch  x- laute  statt  durch  71 -laute  ab  (ausser  der  ion.  stamform  zo-,  die  in 
der  enklise  entstanden  sein  wird):  Bugges  Zusammenstellung  von  xoXnog  mit  alt- 
schwed.  hvalfr  „Wölbung''  erklärt  er  für  nicht  zwingend  {xoXnog  ist  vielmehr 
dem  ahd.  halba  verwant).  Vor  «  und  e  werden  g- laute  in  einer  bestimten  dialekt- 
gruppe  des  äolischen,  die  Bechtel  (s.  358)  nachFick  „achäisch"  nennen  will,  durch  n- 
laute  (ausser  in  thessal.  ;f«f,  kypr.  at^*  =  Tt^),  im  übrigen  griechischen  durch  t- laute 
vertreten.  "Worte  der  griechischen  spräche,  die  tt- laute  vor  £,  i  statt  dieser  erwar- 
teten T-laute  zeigen  (n^TQa,  ßfa  „gewalf*,  ß{og  „leben'*)  müssen  aus  jener  achäischen 
dialektgruppe  stammen'. 

2)  eine  Aj- reihe  {k,  g,  gh)^  Osthoffs  „palato volare" ,  Brugmanns  „volare  ver- 
schlusslaute ohne  labialisierung  in  den  t^- sprachen**. 

Das  griechische  allein  gibt  zu  bomerkungen  anlass.     Während  nach  Brugmann 

A;- laute  ohne  labialisierung  vor  £,  e  im  griech.  x- laute  bleiben,  sind  nach  Bezzen- 
berger  (16,  248)  und  Bechtel  (359)  auch  die  A;- laute  vor  f,  i  normalerweise  durch 
T-laute  vei*treten  («/t^w,  cffilyi;?,  TaX/tvig),  Doch  sind  für  diese  reihe  vor  «,  i  tat- 
sächlich ;f- laute  häufiger,  wie  in  xtXrjgf  x^vTQcovy  y^Q^vog,  xetfuXi]:  Bechtel  will  die- 
selben (s.  367),  „fals**  sie  „nicht  sämtlich  aus  anders  vokaUsierten  formen  eingeführt 
sind",  als  Wirkungen  einer  Schuchardtschen  „rein  lautlichen  analogie**  erkläi-en,  was 
wenige  werden  acceptieren  können.  —  Im  äolischen  hat  die  g'- reihe  in  die  z- reihe 
übergegriffen  (Bezzenberger  16,  253  fgg.,  Bechtel  361  fg.):  labiale  als  Vertreter  die- 
ser reihe  müssen  wider  aus  dem  achäischen  stammen,  vor  e,  i  {dipiXXta,  äfimXog 
neben  uyx(6v)  und  vor  andern  lauten  {növog  neben  &uixovog,  ßaaT€(C(o)'. 


1)  Diese  von  haus  aus  untonige  pronominalform  muss  also  in  diesem  dialekte 
in  der  enklise  das  1*  verloren  haben,  bevor  ku  zu  n  werden  konte. 

2)  Aber  iniarttfint,  das  Bechtel  (s.  361)  wie  Bezzenberger  (16,  237)  zu  diesen 
Worten  stelt  als  „ denominativum  von  *niaTo-  =  skr.  ctttd-  „verstand"",  hat  doch 
gewiss,  der  alten  annähme  gemäss,  die  präposition  int.-  und  gehört  zur  wurzel  ot«- 
wie  „verstehn",  ahd.  fir-stän,  fir-stantan,  ae.  for-stondan,  ne.  under-stand. 

3)  0.  Hoffmann,  Bezz.  beitr.  18,  149  fgg.,  will  aus  dem  einen  thessal.  xh 
schliessen,  dass  ^- laute  „in  allen  griechischen  dialekten  vor  hellem  vokale  das  v 
verloren"  haben,    dagegen  die  äolischen  tt- laute  neben  ionisch -dorischen  t- lauten, 


ÜBER  BECHTEL,   HAÜPTPROBLEBIE  DER  INDOOERM.   ULUTLEHRB  391 

3)  Die  p- reihe  (Bechtel  schieibt  mit  Fiok  p,  i,  zh.    Ich  schreibe  wie  früher 

Diese  lautreihe,  die  die  meisten  mit  mir  für  eiae  reihe  palataler  verschluss- 
laute  gehalten  haben  (Die  palatalreihe  der  idg.  grundspr.  Leipzig  1875)  hält  Bechtel 
(8.370  fg.)  mit  Joh.  Schmidt  (KZ.  25,  134  fg.,  Urheimat  der  ludogermanen  8)  und 
Fick  (Vgl.  wb.  *)  für  eine  grundsprachliclie  reihe  i)alataler  Spiranten.  „Welchen  weg 
die  palatalen  Spiranten  zumckgelegt  haben  um  bei  den  westeuropäischen  gutturalen 
verschlusslauten  anzugelangen,  entzieht  sich  der  erkentnis''.  Bechtel  sagt  zunächst 
gar  nicht,  welchen  lautwert  er  seinen  „palatalen  Spiranten^  beigelegt  wissen  will. 
Meint  er  den  palatalen  Spiranten/  (wie  in  nhd.  ich)  mit  einem  dazu  gehörigen  tönen- 
den y  und  aspirierten  yhl  Dann  wären  diese  Spiranten  im  westeuropäischen  unmit- 
telbar, ohne  Zwischenstufe,  in  verschlusslaute  übergegangen,  zunächst  in  palatale 
verschlusslaute,  die  dann  neben  nicht  palatalen  lauton  zu  velai'en  wurden:  der  Über- 
gang tonloser  Spiranten  in  tonues  ist  nicht  selten,  der  tönender  Spiranten  in  medien 
sehr  geläufig  (vgl.  das  anlautende  g  des  niederdeutschen,  das  erst  neuerdings  in  einem 
grossen  teil  des  gebietes  media  geworden  ist  aus  älterem  im  nnl.  erhaltenen  Spiran- 
ten). Bechtel  aber  meint  gewiss,  nach  den  von  ihm  verwanten  zeichen  zu  schliessen, 
den  laut  des  skr.  p  (=  polu.  s)  und  dazu  gehörige  tönende  i,  zh.  Diese  mouillier- 
ten oder  palatalen  s- laute  wären  dann  zunächst  zu  /-lauten  geworden  (wie  im  spa- 
nischen geschehen)  und  diese  auf  dem  eben  angegebenen  wege  zu  A;- lauten. 

Ich  kann  mich  der  auffassung  Bechtols  nicht  anschliessen.  Eine  ursprüng- 
liche (nicht  aus  einer  reihe  von  verschlusslauten  erwachsene)  reihe  palataler  Spiranten, 
aus  tonlosem,  tönendem  und  tönendem  aspirierten  gliede  bestehend,  könte  erst  ange- 
nommen werden,  wenn  auch  andre  dreigliedrige  spiitintenreihen,  oder  mindestens 
eine  solche  nachgewiesen  wäre,  neben  dem  dentalen  s  ein  x  und  ein  xh  (wol  zu 
merken  ein  vom  s  von  haus  aus  geschiedenes,  nicht  aus  ihm  in  tönender  imigebung 
hervorgegangenes  x^).  Eine  dreigliedrige  spirantonreilie,  die  palatale,  eine  für  Spi- 
ranten abnorme  tönende  aspirata  mit  umfassend,  ohne  pai'allele  Spirantenreihen,  aber 
neben  den  di'eigliedrigen  reihen  der  verschlusslaute,  könte  zunächst  nur  aus  einer 
älteren  reihe  von  afTrikaten,  ts,  dz,  dzhy  hervorgegangen  sein,  welche  laute  nirgends 
ursprünglich  sind,  sondern  aus  palatalen  vei*schlusslauten  erwachsen  zu  sein  pflegen. 
Diesen  schluss  zieht  Bechtel  nicht.    Es  wäre  also  nur  die  ost-indogerm.  Wandlung  der 

wo  ilmen  lateinische  und  germanische  />- laute  entsprechen,  aus  urspr.  kv,  gv,  ghv 
erklären.  Dies  luzte  könte  in  einigen  oder  allen  fällen  richtig  sein.  Hoffmann  weist 
hin  auf  <yt]Q  =  äol.  <fi]o  (aus  ghvcr-  :  ostslav.  ^reri  mit  ^v  als  ergobnis  der  zweiten 
slavischen  palatalisierung,  nicht  x^  während  das  westsLiv.,  poln.  xwierx,  cech.  xvef, 
und  das  lit.  zverl-s  auf  palatalen  anlaut,  wie  ihn  HofFmann  für  das  wort  annimt, 
xhvcriSf  zurückweisen).  Aber  woher  sollen  denn  die  übrigen  äol.  ti- laute  vor  hellen 
vokalen  stammen,  denen  nicht  lat.  germ.  /?- laute,  sondern  ^u- laute  entsprechen? 
Die  beschränkung  auf  lat.  germ.  jo- laute  ist  schwerlich  haltbai*:  Hoffmann  hat  selbst 
ein  loch  in  seine  regel  genssen,  indem  er  auch  dem  zahlwort  „vier**  trotz  lat.  qua- 
tuor  den  ui-spr.  anlaut  kv  statt  q  zuerteilt  (äol.  m'avQfg  für  *nvavQtg,  aus  der 
schwachen  form  kutv-,  wie  (furvüj,  Id^vg  aus  *(f>vTva),  *vd-vg  usw.?).  Die  konsequenz 
würde  gewiss  sein,  dass  alle  q,  3,  3A  für  uisprüngliche  k,  g,  gh  -\-  v  erklärt  wür- 
den (über  xtg  s.  0.  s.  389  note  *).  [Ursprüngliche  q  -[-  v  nimt  0.  Wiedemann  an  In- 
dogerm.  forschungen  1,  256.] 

1)  Bartholomaes  indogerm.  xh,  das,  wenn  begründet,  eine  solche  lautliche 
entwickelung  gewesen  wäre  (gxh,  hxh  aus  gh,  hh  +  s),  ist,  nach  Krotschmers 
bomerkungen  KZ.  31,  433  fg.,  von  Bartholomae  selbst  zurückgenommen  Idg.  forsch. 
1,  313. 


390  MÖLLKB 

den  vokal  zur  seite  stehenden  Schwächung  auf  a  (nicht  d),  gr.  a  =  skr.  t\  wie  in 
T^T XttfjiiVf  über  welche  Eretschmer  s.  404  fg. ,  der  lateinische  und  germanische  bei- 
spiele  mit  a  beibringt,  Bechtel  kurz  s.  206. 

Zweiter  teil:    „Aus  der  lehre  von  den  konsonanten". 

9.  kapitel    ,Die  gutturale**  (s.  291  — 380). 

An  stelle  der  einen  Schleichei"schen  A;- reihe  nimt  der  Verfasser  mit  Bezzenber- 
ger  (Beitr.  16,  234  fgg.)  und  Osthoff  (Morph,  untoi^s.  5,  note  s.  63  fg.)  nicht  zwei, 
sondern  drei  giurdsprachliche  lautreihen  an: 

1)  eine  g- reihe  (q,  3,  3Ä),  Osthoffs  ^postvelare",  Brugmanns  „velare  ver- 
schlusslaute mit  labialisierung  in  den  if- sprachen**. 

Im  german.  ist  das  nachgeschlagene  t*  vor  (vorgermanischem)  o,  ö  (germ.  a, 
ö)   und  Uy  ü  lautgesetzlich  verloren  gegangen. 

Im  giiechischen  verlieren  g'- laute  nach  i;  die  labialisierung  (s.  353,  nach  Saiis- 
suro  Mem.  de  la  soc.  de  ling.  6,  161),  wie  in  kvxog,  xvxkog,  vyQos,  ßov-x6Xog  (neben 
Inno-  usw.  -noXog),  Vor  0  lehnt  Bechtel  (s.  355)  mit  recht  eine  Vertretung  der 
^- reihe  durch  x- laute  statt  durch  71 -laute  ab  (ausser  der  ion.  stamform  xo-,  die  in 
der  enklise  entstanden  sein  wird):  Bugges  Zusammenstellung  von  xoXnog  mit  alt- 
schwed.  hvalfr  „Wölbung**  erklärt  er  für  nicht  zwingend  (xoXnog  ist  vielmehr 
dem  ahd.  halba  verwant).  Vor  «  und  i  werden  g- laute  in  einer  bestimten  dialokt- 
gruppe  des  äolischen,  die  Bechtel  (s.  358)  nachFick  „achäisch**  nennen  will,  durch  71- 
laute  (ausser  in  thessal.  ;fi?,  kypr.  at^*=rTt^),  im  übrigen  griechischen  durch  r- laute 
vertreten.  "Worte  der  griechischen  spräche,  die  tt- laute  vor  €,  i  statt  dieser  er^'ar- 
teten  t -laute  zeigen  {ti^tq«,  ßfa  „gewalf*,  ßfog  „leben**)  müssen  aus  jener  achäischen 
dialektgruppe  stammen'. 

2)  eine  Aj- reihe  (k,  g,  gh)^  Osthoffs  „palatovelare** ,  Brugmanns  „velare  ver- 
schlusslaute ohne  labialisierung  in  den  t<- sprachen**. 

Das  griechische  allein  gibt  zu  bcmerkungen  anlass.    TVährend  nach  Brugmann 

Aj- laute  ohne  labialisierung  vor  «,  t  im  griech.  z- laute  bleiben,  sind  nach  Bezzen- 
berger  (16,  248)  und  Bechtel  (359)  auch  die  A;- laute  vor  «,  t  normalerweise  durch 
T- laute  vei*treten  {ahita,  dihfvg,  TeX/ivig).  Doch  sind  für  diese  reihe  vor  e,  t  tat- 
sächlich ;?- laute  häufiger,  wie  in  xiXrjg,  x^vTQtovy  y^^avog,  xttfaXi]:  Bechtel  will  die- 
selben (s.  367),  „fals**  sie  „nicht  sämtlich  aus  anders  vokalisierten  formen  eingeführt 
sind**,  als  Wirkungen  einer  Schuchardtschen  „rein  lautlichen  analogie**  erkläi-en,  was 
wenige  werden  aoceptieren  können.  —  Im  äolischen  hat  die  q- reihe  in  die  z- reihe 
übergegriffen  (Bezzenberger  16,  253  fgg.,  Bechtel  361  fg.):  labiale  als  Vertreter  die- 
ser reihe  müssen  wider  aus  dem  achäischen  stammen,  vor  €,  t  {dtfi'XXo),  äfimlog 
neben  uyx(6v)  und  vor  andern  lauten  {novog  neben  fiäxovog,  ßaaTuC(o)^. 


1)  Diese  von  haus  aus  untonige  pronominalform  muss  also  in  diesem  dialekte 
in  der  enklise  das  1*  verloren  haben,  bevor  k\i  zu  n  werden  konte. 

2)  Aber  Iniatafiai,,  das  Bechtel  (s.  361)  wie  Bezzenberger  (16,  237)  zu  diesen 
Worten  stelt  als  „  denominativum  von  *niaTo-  =  skr.  ctttu-  „veratand  **  '*,  hat  doch 
gewiss,  der  alten  annähme  gemäss,  die  präposition  Im-  und  gehört  zur  wurzel  arä' 
wie  „verstehn**,  ahd.  firstän,  fir-stantan,  ae.  for-stondan,  ne.  under-stand. 

3)  0.  Hoffmann,  Bozz.  beitr.  18,  149  fgg.,  will  aus  dem  einen  thessal.  xig 
schliessen,  dass  q- laute  „in  allen  griechischen  dialekten  vor  hellem  vokale  das  r 
verloren**  haben,   dagegen  die  äolischen  tt- laute  neben  ionisch -dorischen  t- lauten, 


ÜBER  BECHTEL,  HAUPTPROBLEME  DER  INDOGERM.  LAUTLEHRE  391 

3)  Die  p- reihe  (Bechtol  schi-eibt  mit  Fick  p,  i,  zh.    Ich  schreibe  wie  früher 

Diese  lautreihe,  die  die  meisten  mit  mir  für  eine  reihe  palataler  verschluss- 
laute  gehalten  haben  (Die  palatalreihe  der  idg.  grundspr.  Leipzig  1875)  hält  Bechtel 
(s.  370  fg.)  mit  Joh.  Schmidt  (KZ.  25,  134  fg.,  Urheimat  der  ludogermanen  8)  und 
Fick  (Vgl.  wb.  *)  füi'  eine  grundsprachliclie  reihe  i)alataler  Spiranten.  „Welchen  weg 
die  palatalen  Spiranten  zuiückgelegt  haben  um  bei  den  westeuropäischen  guttuiulen 
verschlusslauten  anzugelangen,  entzieht  sich  der  erkentnis*^.  Bechtel  sagt  zunächst 
gar  nicht,  welchen  lautwert  er  seinen  „palatalen  Spiranten*'  beigelegt  wissen  will. 
Meint  er  den  palatalen  Spiranten  x  (^3  in  i^d.  ich)  mit  einem  dazu  gehörigen  tönen- 
den y  und  aspirierten  yhl  Dann  wären  diese  Spiranten  im  westeuropäischen  unmit- 
telbar, ohne  Zwischenstufe,  in  vorschlusslauto  übergegangen,  zunächst  in  palatale 
verschlusslaute,  die  dann  neben  nicht  palatalen  lauten  zu  volaren  wui'den:  der  Über- 
gang tonloser  Spiranten  in  tonues  ist  nicht  selten,  der  tönender  Spiranten  in  medien 
sehr  geläufig  (vgl.  das  anlautende  g  des  niederdeutschen,  das  erst  neuerdings  in  einem 
grossen  teil  des  gebietes  media  geworden  ist  aus  älterem  im  nnl.  erhaltenen  Spiran- 
ten). Bechtel  aber  meint  gewiss,  nach  den  von  ihm  verwanten  zeichen  zu  schliessen, 
den  laut  des  skr.  p  (=  poln.  s)  und  dazu  gehörige  tönende  i,  zh.  Diese  mouillier- 
ten oder  palatalen  s- laute  wären  dann  zunächst  zu  /-lauten  geworden  (wie  im  spa- 
nischen geschehen)  und  diese  auf  dem  eben  angegebenen  wege  zu  A:- lauten. 

Ich  kann  mich  der  auffassung  Bochtols  nicht  anschliessen.  Eine  ursprüng- 
liche (nicht  aus  einer  reihe  von  verschlusslauten  erwachsene)  reihe  i)alataler  Spiranten, 
aus  tonlosem,  tönendem  und  tönendem  aspirierten  gliede  bestehend,  könte  erst  ange- 
nommen werden,  wenn  auch  andre  dreigliedrige  Spirantenreihen,  oder  nündestens 
eine  solche  nachgewiesen  wäre,  neben  dem  dentalen  s  ein  %  und  ein  xh  (wol  zu 
merken  ein  vom  s  von  haus  aus  geschiedenes,  nicht  aus  ihm  in  tönender  imigebung 
hervorgegangenes  X'^).  Eine  dreigliedrige  spirantonreihe,  die  palatale,  eine  für  Spi- 
ranten abnorme  tönende  aspirata  mit  umfassend,  ohne  paiallele  spiiantenreihen,  aber 
neben  den  dreigliedrigen  reihen  der  verschlusslaute,  könte  zunächst  nur  aus  einer 
älteren  reihe  von  afTrikaten,  U,  dz,  dzU,  hervorgegangen  sein,  welche  laute  nirgends 
ursprünglich  sind,  sondern  aus  palatalen  verschlusslautcu  erwachsen  zu  sein  pflegen. 
Diesen  schluss  zieht  Bechtel  nicht.     Es  wäre  also  nur  die  ost-iudogerm.  Wandlung  der 

wo  ihnen  lateinische  und  germanische  />- laute  entsprechen,  aus  urspr.  kv,  gv,  ghv 
erklären.  Dies  lezte  könte  in  einigen  oder  allen  fällen  richtig  sein.  Hoffmann  weist 
hin  auf  Ot]Q  =  äol.  (p}o  (aus  ghver-  :  ostslav.  ^rerr?  mit  ^v  als  ergobnis  der  zweiton 
slavischen  palatalisierung,  nicht  s:,  während  das  westslav.,  polo.  xivi4rx,,  cech.  xvef, 
und  das  lit.  zveri-s  auf  palatalen  anlaut,  wie  ilm  HofFmann  für  das  wort  annimt, 
xhveriSf  zurückweisen).  Aber  woher  sollen  denn  die  übrigen  äol.  tt- laute  vor  hellen 
vokalen  stammen,  denen  nicht  lat.  germ.  /?- laute,  sondern  gw- laute  entsprechen? 
Die  beschränkung  auf  lat.  germ.  jo- laute  ist  schwerlich  haltbar:  Hofifmann  hat  selbst 
ein  loch  in  seine  regel  gerissen,  indem  er  auch  dem  zahlwort  „vier**  trotz  lat.  qtta- 
tuor  den  urspr.  anlaut  kv  statt  q  zuerteilt  (äol.  m'avQtg  für  *7ivavQ€g,  aus  der 
schwachen  form  kutv-,  wie  (/trt'w,  i^iV  aus  *(fVTVü},  *vO-vg  usw.?).  Die  konsoquenz 
würde  gewiss  sein,  dass  alle  7,  3,  3/1  für  ursprüngliche  k,  g,  gh  +  v  erklärt  wür- 
den (über  xig  s.  0.  s.  389  note  *).  [Ursprüngliche  q  -\-  v  nimt  0.  Wiedemann  an  In- 
dogerm.  forschungen  1,  256.] 

1)  Bartholomaes  indogerm.  xhj  das,  wenn  begründet,  eine  solche  lautliche 
entwickelung  gewesen  wäre  {gxh,  hxh  aus  ghy  hh  +  5),  ist,  nach  Krotschmers 
bomerkongen  KZ.  31,  433  fg.,  von  Bartholomae  selbst  zurückgenommen  Idg.  forsch. 
1,  313. 


392  MÖLLER 

palatalen  verschlusslaute  zu  einer  gemoinindogermanischen  gemacht,  im  übrigen  nichts 
gewonnen :  das  westeuropäische  wäre  nur  auf  einem  weiten  umwege*  wider  zum  ausgangs- 
punkte  zurückgekehrt  Bechtel  hält  die  annähme  einer  gemeinindogermanischen  palata- 
len Spirantenreihe  darum  für  notwendig,  weil  die  griechischen  x,  y,  x  dieser  reihe  nicht 
durch  folgende  palatale  vokale  e,  i  gewandelt  werden:  er  meint  darum,  die  sprossen  der 
p- reihe  könten  nicht  verschlusslaute  gewesen  sein  zu  der  zeit  wo  die  sprossen  der 
k-  und  der  ^- reihe  vor  palatalen  vokalen  palatalisiert  wurden.  Ich  glaube  nicht,  dass 
wir  in  einem  so  komplicierten  falle  wie  diesem  mit  Sicherheit  sagen  können,  dass  wir 
alle  mögiichkeiten  des  lautwandels  übersehen:  es  kann  sehr  leicht  ein  fehler  in  der 
rechnung  bestehn.  So  kann  in  unserm  falle  der  fehler  leicht  da  liegen ,  wo  wir  einen 
schwachen  punkt  bemerken,  in  der  von  Bechtel  angenommenen  Vertretung  der  k- 
reihe  vor  f,  e  im  griechischen.  Die  x- laute  der  x^Xrjgj  y^qavogy  in  denen  Bechtel 
die  Unregelmässigkeit  sieht,  könten  mit  Brugmann  die  regelrechten  Vertreter  dieser 
A;- reihe,  die  i- laute  in  ahm  und  genossen  dagegen  die  regelrechten  Vertreter  der 
^- reihe  sein,  und  die  Unregelmässigkeit  entweder  in  diesen  vorgriechi schon  ^,  3,  3A 
oder  in  den  aussergriechischen  Vertretungen  dieser  g'- reihe  liegen*.  Die  k  (entspre- 
chend überall  die  medien  und aspiraten)  wären  dann  vor  £,  e  zu  palatalen  Xf,  gleich- 
zeitig (wie  im  ostslavischen)  die  ky,  (alte  kv,  wie  alte  (^,  die  zusammengefallen 
waren)  zu  palatalen  Uy>'  geworden:  diese  palatalen  U^'  (aus  welchen  achäisch  n) 
wären  darauf  im  nicht  achäischen  griech.  zu  ^V,  woraus  t,  umgespmngen ,  während 
die  palatalen  U  im  übrigen  blieben  und  mit  den  grundsprachlichen  palatalen  zusam- 
menfielen. 

Angenommen  jedoch,  dass  Bechtels  prämissen  richtig,  so  müste  ich  seine 
schlussfolgorung  bis  auf  weiteres  gelten  lassen.  Aber  ich  würde  dieselbe  doch  nur 
gelton  lassen  können  für  das  griechische,  nicht,  wie  Bechtel  will,  für  das  gemein- 
indogermanische. Brugmann  in  seinem  Grundriss  §  380  nahm  einen  dialektischen 
unterschied  in  der  behandlung  der  palatalen  (Bechtels  (j- laute)  für  die  indogerm. 
grundsprache  an.  Ich  halte  dieses  für  richtig.  Diese  difFerenz  braucht  für  die  grund- 
sprache  in  nichts  anderem  bestanden  zu  haben,  als  dass  im  westen  reine  palatale 
verschlusslaute  K,  g,  gh,  im  osten  diese  laute  mit  nachgeschlagenem  ^  oder  j  gespro- 
chen wurden,  Ui,  ^',  gih'  (ebenso  wie  das  gemein -englischfriesische  ein  solches  A'| 
gehabt  hat  =  ae.  ce,  an  stelle  des  spätem  engl,  cä,  fries.  tx,  sth,  sx  usw.).  Das 
griechische  würde  sich,  wenn  Bechtel  recht  hat,  zum  osten  gestelt  haben.  Die  wei- 
tere entwickelung  wäre  im  osten  gewesen  Uj  >  t's  >  s  (oder  stellenweise  vielleicht 
^i  -^  ^y  ^  /)»  entsprechend  g^'  ">  d'z  ">  z  (oder  gj  >>  d'y  >  y)'  im  griech.  wären 
endlich  die  palatalen  Spiranten  auf  dem  oben  angegebenen  wege  zu  verschlusslauten 
X,  y  geworden*.  Es  könten  auch  wol  jene  Af»  oder  Uj  gemeinindogermanisch  gewesen 
sein:  im  italischen,  keltischen,  germanischen  wäre  dann  die  palatale  affektion  auf- 
gegeben, ebenso  wie  heute  auf  Seeland  die  gemeindänischen /5^y,  gj  (hj,  gj  der  schrift) 
zu  Äf^,  g  geworden  sind.     Anzunehmen,  dass  die  westeuropäischen  verschlusslaute  auf 

1)  Äf  >  Vj  >  te'  >  «  >  /  >  k. 

2)  So  könten  z.  b.  ae.  cilfor-lambj  ahd.  chilburra  „lamm**,  aus  denen  auf 
ureprünglich  g  für  dekifvg^  (tSiXiftög  und  zubehör  geschlossen  wird,  den  anlaut  k 
für  kw  von  ae.  cealf,  ahd.  chalp  übernommen  haben. 

3)  Der  tönende  aspiiierte  spirant  zh  zur  tonlosen  aspirata  yz=:kh  nicht  auf 
dem  wege  >'Ä  >•  /h  7>  kh  (wenn  y,  /  wie  oben  den  tonlosen  und  tönenden  Spiranten 
bezeichnen),  denn  /h  wäre  gewiss  mit  /  zusammengefallen,  sondern  auf  dem  wege 
yh  ">  gh  '>  kh. 


ÜBER  BECHTEL,  HAUPTPBOBLKMB   DEB  INDOGKRM.   LAUTLEHRE  393 

demselben  umwege  wie  die  griechischen  entstanden  seien,  ist  (wenn  Bechtel  für  dsa 
grieoh.  recht  hat)  ebenso  wenig  notwendig,  als  es  um  des  schwedischen  tx  (ts,  <»),  j 
willen  nötig  wäre  anzunehmen,  die  seeländischen  /5,  g  seien  zunächst  aus  palatalen 
Spiranten  /  oder  i  mit  dazu  gehörigem  tönenden  hervorgegangen. 

Bechtel  nimt  (s.  364  fgg.  370  fg.)  mit  Joh.  Schmidt  einen  Zusammenhang 
zwischen  den  griechischen  r,  cf,  d-  als  Vertretern  der  beiden  ersten  reihen  und  den 
indoii'anischen  und  slavischlitauischen  palatalen  an.  Die  grundsprache ,  meint  er 
(371),  habe  eine  palatale  <^'- reihe  und  eine  palatale  /5- reihe  gehabt  (vor  palatalen 
vokalen  an  stelle  der  q-  und  A:- laute),  für  eine  dritte  palatale  ^- reihe  an  stelle  der 
Bechtelschen  p- reihe  sei  kein  räum.  Dieses  lezte  argumont  ist  nicht  zwingend:  waren 
diese  ältesten  palatale  schon  zur  stufe  äJ»  Qlj)  vorgerückt,  dann  könte  daneben  wol 
eine  vom  parasiten  noch  nicht  afßcierte  fc'- reihe  aufkommen.  Aber  dass  die  beiden 
reinen  palatalreihen,  die  (]f'- reihe  und  die  ^•- reihe,  wie  in  Westeuropa  geschehn, 
reinlich  auseinander  gehalten  wären,  scheint  mir  höchst  unwahi'scheinlich.  Ein 
palatales  oder  mouilliertes  q  hätte  auch  schwerlich  den  labialen  nachschlag  t^  erfah- 
ren, den  das  q  in  Europa  ohne  das  slavisch- litauische  erfahren  hat.  Sicherer 
würde  es  dann  sein,  wie  eventuell  die  palatale  affektion  der  c- reihe  (Vi  oder  Uj)^ 
ebenso  die  labiale  affektion  der  (^-i-eihe  schon  der  grundsprache  als  gemeinindoger- 
manisch zuzuschreiben ,  q^  oder  qv  (woraus  vor  palatalen  vokalen  q^  oder  qv) ': 
die  labiale  affektion  wäre  im  osten  nachträglich  wider  geschwunden  wie  die  palatale 
im  Westen. 

Den  Zusammenhang  zwischen  der  griechischen  palatalen  affektion  der  beiden 
hinteren  A;- reihen  und  der  indo- iranischen  will  ich  durchaus  nicht  bestreiten,  da 
lautwandlungon  bis  in  die  späteste  zeit  über  die  grenzen  von  dialokten  und  sprachen 
hinweg  sich  verbreiten  können:  jedenfals  ist  dieser  palatalismus  jünger  als  die  affek- 
tion der  gmndsprachlichen  palatalreihe.  Ein  tenninus  ad  (juem  für  das  eintreten 
jener  affektion  im  oston  ist  die  indoiranische  Wandlung  des  e  in  a.  Im  slavisch- 
litauischen hat  noch  das  gemeinslavolit.  ^,  das  an  stelle  des  Bechtelschen  9  erecheint, 
^•- laute  in  derselben  weise  beeiuflusst  >vie  die  älteren  e  und  ^.  Im  griechischen  steht, 
wenn,  wie  ich  zu  glauben  geneigt  bin,  Brugmann  gegen  Bezzenberger  und  Bechtel 
recht  hat,  natürlich  nicht  allein  die  affektion  des  q^  und  kcj  die  zu  r  führte,  son- 
dern ebenso  die  durch  diese  vorausgesezte  affektion  des  k  zu  U  (s.  o.)  in  x^krig,  yiQu- 
vo^  mit  der  indoiranischen  und  slavolitauischen  palatalisierung  beider  hinteren  A;- reihen 
in  Zusammenhang.  Mie  diesen  griechischen  palatalen,  die  x,  y^  x  blieben,  verhielt 
es  sich  genau  ebenso  wie  mit  den  speciell  litauischen  A*,  g  vor  palatalen  vokalen, 
die  auch  reine  palatale  verschlusslaute  geblieben  sind.  Der  grundsprache  jedoch  kann 
diese  im  osten  geschehene  affektion  dieser  beiden  reihen  nicht  mit  Sicherheit  zuge- 
schrieben werden.  Bei  ansetzung  grundsprachlicher  formen  darf  sie  (bei  dem  jetzigen 
stände  unserer  kentnis)  nicht  in  der  schrift  bezeichnet  werden,  denn  solte  sie  bereits 
indogermanisch  gewesen  sein,  sp  wissen  wir  nicht,  ob  nicht  auch  (wie  im  heutigen 
iiissischen)  alle  möglichen  andern  laute  durch  folgenden  palatalen  vokal  mouilliert 
oder  palatalisiert  worden  sind,  so  dass  wir,  wenn  wir  q,  U  vor  c,  i  schreiben,  vor 
denselben  vokalen  auch  t\  p\  n,  m\  s  usw.  schreiben  müsten. 

Das  lezte  10.  kapitel  (s.  380 — 390)  lehrt  in  der  Überschrift:  „/  gehört  der 
Ursprache   an**.      Dies  folgt  aus  „Fortunatovs  regel**    (Bezz.    beitr.  6,  215 — 220), 

1)  Sezt  man  dieses  «',  «<,  so  kann  man  sich  mit  einer  reihe  von  zeichen,  k,  g, 
gh,  begnügen:  g^e^ni-s,  ekho-s  usw. 


392  MÖLLKR 

palatalen  verschlosslaute  zu  einer  gemeinindogermanischeD  gemacht,  im  übrigen  nichts 
gewonnen:  das  westeuropäische  wäre  nur  auf  einem  weiten  umwege*  wider  zum  ausgangs- 
punkte  zurückgekehrt  Bechtel  hält  die  annähme  einer  gemeinindogermanischen  palata- 
len spiranteni-eihe  darum  für  notwendig,  weil  die  griechischen  x,  y,x  dieser  reihe  nicht 
durch  folgende  palatale  vokale  € ,  t  gewandelt  werden :  er  meint  darum ,  die  8pi*ossen  der 
p- reihe  könten  nicht  verschlusslaute  gewesen  sein  zu  der  zeit  wo  die  sprossen  der 
k-  und  der  q'- reihe  vor  palatalen  vokalen  palatalisiert  wurden.  Ich  glaube  nicht,  dass 
wir  in  einem  so  komplicierten  falle  wie  diesem  mit  Sicherheit  sagen  können,  dass  wir 
alle  möglichkeiten  des  lautwandels  übei'sehen:  es  kann  sehr  leicht  ein  fehler  in  der 
rechnung  bestehn.  So  kann  in  unserm  falle  der  fehler  leicht  da  hegen ,  wo  wir  einen 
schwachen  punkt  bemerken,  in  der  von  Bechtel  angenommenen  vortretung  der  An- 
reihe vor  f,  ft  im  griechischen.  Die  x- laute  der  xiXrjgj  y^Qttvog^  in  denen  Bechtel 
die  Unregelmässigkeit  sieht,  könten  mit  Brugmann  die  regelrechten  Vertreter  dieser 
ik- reihe,  die  i- laute  in  ahio)  und  genossen  dagegen  die  regelrechten  Vertreter  der 
gr- reihe  sein,  und  die  Unregelmässigkeit  entweder  in  diesen  vorgriechischen  ?>  3,  3/1 
oder  in  den  aussergriechischen  Vertretungen  dieser  gr- reihe  liegen*.  Die  k  (entspre- 
chend überall  die  medien  und aspiraten)  wäi'cn  dann  vor  £,  e  zu  palatalen  A\  gleich- 
zeitig (wie  im  ostslavischen)  die  k\i  (alte  kv,  wie  alte  q^j  die  zusammengefallen 
waren)  zu  palatalen  U^'  geworden:  diese  palatalen  lt\L  (aus  welchen  achäisch  n) 
wären  darauf  im  nicht  achäischen  griech.  zu  t'^^  woraus  t,  umgespmngen ,  während 
die  palatalen  U  im  übrigen  blieben  und  mit  den  grundsprachlichen  palatalen  zusam- 
menfielen. 

Angenommen  jedoch,  dass  Bechtels  prämissen  richtig,  so  müste  ich  seine 
Schlussfolgerung  bis  auf  weiteres  gelten  lassen.  Aber  ich  ^vürde  dieselbe  doch  nur 
gelton  lassen  können  für  das  griechische,  nicht,  wie  Bechtel  will,  für  das  gemein- 
indogermanische.  Brugmann  in  seinem  Grund riss  §  380  nahm  einen  dialektischen 
unterschied  in  der  behandlung  der  palatalen  (Bechtels  p- laute)  für  die  indogerm. 
grundsprache  an.  Ich  halte  dieses  für  richtig.  Diese  differenz  braucht  für  die  grund- 
sprache  in  nichts  anderem  bestanden  zu  haben,  aLs  dass  im  westen  reine  palatale 
verschlusslaute  U,  g,  gh,  im  osten  diese  laute  mit  nachgeschlagenem  t  oder  j  gespro- 
chen wurden,  JU,  ^,  g*k'  (ebenso  wie  das  gemein  -  englischfriesische  ein  solches  A'| 
gehabt  hat  =  ae.  ce,  an  stelle  des  spätem  engl,  eh,  fries.  tx,  sth,  sx  usw.).  Das 
griechische  würde  sich,  wenn  Bechtel  recht  hat,  zum  osten  gestelt  haben.  Die  wei- 
tere entwickelung  wäre  im  osten  gewesen  Uj  ">  t's  ">  s  (oder  stellenweise  vielleicht 
Uj  ">  i'x  >  /) ,  entsprechend  gj  '>  d'z'>  z  (oder  gj  >>  d'y  >  y) :  im  griech.  wären 
endlich  die  palatalen  Spiranten  auf  dem  oben  angegebenen  wege  zu  verschlusslauten 
X,  y  geworden*.  Es  könten  auch  wol  jene  Äf»  oder  Uj  gemeinindogerraanisch  gewesen 
sein:  im  italischen,  keltischen,  germanischen  wäre  dann  die  palatale  affektion  auf- 
gegeben, ebenso  wie  heute  auf  Seeland  die  gemeindänischen  W'jy  gj  {hj,  gj  der  schrifk) 
zu  ^^,  g  geworden  sind.     Anzunehmen,  dass  die  westeuropäischen  verschlusslaute  auf 

1)  U  >  Vj  >  te'  >  s  >  ;f  >  k. 

2)  So  könten  z.  b.  ae.  cilfor-lamb,  ahd.  chilburra  „lamm*^,  aus  denen  auf 
ui-sprünglich  g  für  &iX(fvg^  (tStXiftog  und  Zubehör  geschlossen  wii*d,  den  anlaut  k 
für  kw  von  ae.  cealf,  ahd.  chalp  übernommen  haben. 

3)  Der  tönende  aspirierte  spirant  zh  zur  tonlosen  aspirata  /  =  kh  nicht  auf 
dem  wege  yh  >•  /h  >-  kh  (wenn  ;',  /  wie  oben  den  tonlosen  und  tönenden  Spiranten 
bezeichnen),  denn  /^  wäre  gewiss  mit  x  zusammengefallen,  sondern  auf  dem  wege 
yh  ">  gh  :>  kh. 


ÜBER  BECHTEL,  HAUPTPBOBLKMB  DEB  INDOGKRM.  LAUTLEHRE  393 

demselben  umwege  wie  die  griechischen  entstanden  seien,  ist  (wenn  Bechtel  für  dsa 
griech.  recht  hat)  ebenso  wonig  notwendig,  als  es  um  des  schwedischen  tx  (ts,  ts)^  j 
willen  nötig  wäre  anzunehmen,  die  seeländischen  U^  g  seien  zunächst  aus  palatalen 
Spiranten  /  ^^'^^  ^  i^it  dazu  gehörigem  tönenden  hervorgegangen. 

Bechtel  nimt  (s.  364  fgg.  370  fg.)  mit  Joh.  Schmidt  einen  Zusammenhang 
zwischen  den  griechischen  t,  cf,  ^  als  Vertretern  der  beiden  ersten  reihen  und  den 
indoii'anischen  und  slavischlitauischen  palatalen  an.  Die  grundsprache ,  meint  er 
(371),  habe  eine  palatale  g'- reihe  und  eine  palatale  ä5- reihe  gehabt  (vor  palatalen 
vokalen  an  stelle  der  q-  und  A;- laute),  für  eine  dritte  palatale  ^- reihe  an  stelle  der 
Bechtelschen  p- reihe  sei  kein  räum.  Dieses  Iczte  argument  ist  nicht  zwingend :  waren 
diese  ältesten  palatale  schon  zur  stufe  Äf*  Qtj)  vorgerückt,  dann  könte  daneben  wol 
eine  vom  parasiten  noch  nicht  afßcierte  ^'- reihe  aufkommen.  Aber  dass  die  beiden 
reinen  palatali'eihen ,  die  ^'- reihe  und  die  ^* -reihe,  wie  in  Westeuropa  geschehn, 
reinlich  auseinander  gehalten  wären,  scheint  mir  höchst  unwahi'scheinlich.  Ein 
palatales  oder  mouilliertes  q  hätte  auch  schwerlich  den  labialen  nachschlag  tf  erfah- 
ren, den  das  q  in  Europa  ohne  das  slavisch  -  litauische  erfahren  hat.  Sicherer 
würde  es  dann  sein,  wie  eventuell  die  palatale  affektion  der  c- reihe  (Hi  oder  Uj)^ 
ebenso  die  labiale  affektion  der  9- reihe  schon  der  grundsprache  als  gemeinindoger- 
manisch zuzuschreiben ,  q^  oder  qv  (woraus  vor  palatalen  vokalen  q^  oder  qv)  *: 
die  labiale  affektion  wäre  im  osten  nachträglich  wider  geschwunden  wie  die  palatale 
im  Westen. 

Den  Zusammenhang  zwischen  der  griechischen  palatalen  affektion  der  beiden 
hinteren  A;- reihen  und  der  indo- iranischen  will  ich  durchaus  nicht  bestreiten,  da 
lautwandlungen  bis  in  die  späteste  zeit  über  die  grenzen  von  dialokten  und  sprachen 
hinweg  sich  verbreiten  können:  jedenfals  ist  dieser  palatalismus  jünger  als  die  affek- 
tion der  gi-undsprachlichen  palatalroihe.  Ein  tenninus  ad  quem  für  das  eintreten 
jener  affektion  im  oston  ist  die  indoiranischo  Wandlung  des  e  in  a.  Im  slavisch- 
litauischen hat  noch  das  gemeinslavolit.  f ,  das  an  stelle  des  Bechtelschen  9  ei-scheint, 
A:- laute  in  derselben  weise  beeiuflusst  wie  die  älteren  e  und  i.  Im  griechischen  steht, 
wenn,  wie  ich  zu  glauben  geneigt  bin,  Brugmann  gegen  Bezzenborger  und  Bechtel 
recht  hat,  natürlich  nicht  allein  die  affektion  des  q^  imd  kv,  die  zu  t  führte,  son- 
dern ebenso  die  durch  diese  vorausgesezte  affektion  des  k  zu  U  (s.  0.)  in  x^Xrig,  y^Qu- 
vog  mit  der  indoiranischen  und  slavolitauischen  palatalisierung  beider  hinteren  A;- reihen 
in  Zusammenhang.  Mie  diesen  griechischen  palatalen,  die  pc,  y,  /  blieben,  verhielt 
es  sich  genau  ebenso  wie  mit  den  speciell  litauischen  k,  g  vor  palatalen  vokalen, 
die  auch  reine  palatale  verechlusslaute  geblieben  sind.  Der  giimdsprache  jedoch  kann 
diese  im  osten  geschehene  affektion  dieser  beiden  reihen  nicht  mit  Sicherheit  zuge- 
schrieben werden.  Bei  ansetzung  grundsprachlicher  formen  darf  sie  (bei  dem  jetzigen 
stände  unserer  kentnis)  nicht  in  der  schrift  bezeichnet  werden,  denn  solte  sie  bereits 
indogermanisch  gewesen  sein,  sp  wissen  wir  nicht,  ob  nicht  auch  (wie  im  heutigen 
russischen)  alle  möglichen  andern  laute  durch  folgenden  palatalen  vokal  mouilliert 
oder  palatalisiert  worden  sind,  so  dass  wir,  wenn  wir  q\  U  vor  c,  i  schreiben,  vor 
denselben  vokalen  auch  t\  p\  n,  m\  s  usw.  schreiben  müsten. 

Das  lezte  10.  kapitel  (s.  380 — 390)  lehrt  in  der  Überschrift:  „/  gehört  der 
Ursprache   an".     Dies  folgt  aus  „Fortunatovs  regel''    (Bezz.    beitr.  6,  215  —  220), 

1)  Sezt  man  dieses  «',  ^^  so  kann  man  sich  mit  einer  reihe  von  zeiohen,  kf  jr- 
gh,  begnügen:  g^eni-s,  ekho-s  usw. 


394  8UM0NS 

naoh  welcher  /  -|~  dental  im  sanskrit  mit  schwuDd  des  /  doi'ch  den  lingual  vertreten 
wird  {ani-  „achsennageP  aus  a/m-,  ahd.  hm;  paiata-  „dach,  htllle,  decke,  Schleier" 
aus  pelt'j  gr.  n^krt},  altn.  feldr  „decke*;  puta-  „falte*  ausjöZ^o-  oder  Bechtels pa/to-), 
während  r  +  dental  im  skr.  unverändert  bleibt.  Ausnahmen  von  der  regel  sucht 
Bechtel  auf  den  lezten  Seiten  385  fgg.  zu  erklären,  entweder  durch  geschehene  dia- 
lektmischung  innerhalb  des  indischen  oder  durch  systemzwang  (wie  wenn  das  part. 
pürnd'  „voll"  das  r  seines  wurzelverbs,  präs.  piparmi  „fülle*  festgehalten  hat.  Ich 
glaube  eher,  dass  ür  aus  dU  überhaupt  auszunehmen  ist,  da  hier  der  dental  ursprüng- 
lich nicht  unmittelbai*  folgte,  urnä  „wolle",  fnürdkän-  m.  „haupt"  ae.  acc.  moldan 
m.  „Scheitel"). 

Die  nach  dem  vorwort  gestrichenen  kapitel  und  namentlich  den  „anhang  über 
den  ursprachlichen  accent"  möchten  wir  dem  Verfasser  nicht  gänzlich  schenken: 
hoffentlich  kann  er  uns  einmal  in  der  folge  seine  gedanken  und  seine  resultate  auch 
betrefs  dieser  problomo  in  einer  gestalt  vorlegen,  die  ihn  selbst  und  uns  befriedigt, 
wie  das,  was  er  uns  in  dem  vorliegenden  buch  gegeben,  wenn  auch  wol  nicht  alle, 
doch  hoffentlich  die  meisten  leser  und  jedesfals  den  unterzeichneten  referenten  im 
grossen  und  ganzen  befriedigt  und  dem  Verfasser  zu  dank  verpflichtet  hat. 

Einige  zu  ende  des  buches  nicht  berichtigte  druckfehler,  die  ich  mir  bemerkt 
habe,  sind:  s.  114,  z.  3  v.  o.  lies  a//n.  (oder  a«s/.?)  statt  aesn.  S.  226  in  der  note 
1.  213  statt  253.  S.  328,  z.  10  v.  o.  1.  ko  statt  ky.  S.  340,  z.  15  —  17  waien  nicht 
die  k  unter  südeurop.,  die  k^  unter  germ.  zu  setzen,  sondern  die  beiden  reihen 
kj  k^  usw.  ohne  Zwischenraum  zusammenzudrucken. 

FREDERIKSBERG    (KOPENHAGEN),   FEBR.    1893.  HERMANN   MÖLLER. 


Die  V<?lsungasaga.  Nach  Bugges  text  mit  einleitung  imd  glossar  hemusgegeben 
von  Wilhelm  Ranlseh.  Beriin,  Mayer  &  MüUer.  1891.  XVUI,  216  s.  8. 
m.  3,60. 

Die  bestimmung  der  vorliegenden  ausgäbe  ist,  wie  der  herausgeber  im  vorwort 
bemerkt,  „für  lohrzwocke,  insbesondere  für  die  erste  nordische  lektüre"  zu  dienen. 
Aus  persönlicher  orfahrung  möchte  ich  der  Verwendung  der  V^lsungasaga  für  den 
angedeuteten  zweck,  trotzdem  sie  den  nicht  gering  anzuschlagenden  vorteil  bietet, 
dass  sie  den  aufänger  in  einen  ihm  teilweise  bekanten  stofkreis  einführt,  nicht 
unbedingt  das  wort  reden.  Dass  die  Y^lsungasaga  den  älteren  IslendingasQgur  sti- 
listisch weit  nachsteht,  ist  bokant.  Bedenklicher  aber  ist  ein  anderer  mangel,  der 
unmittelbar  aus  der  entstehungsweise  der  saga  hervorgeht.  Als  paraphrase  von  alten, 
vielfach  beai'beiteton  und  interpolieiten  liedern,  die  dem  sagaschreiber  häufig  genug 
nicht  mehr  verständlich  waren,  ist  die  erzählung  ohne  fortwährende  hinzuziehung 
und  vergleichung  der  zu  gründe  liegenden  Strophen,  die  doch  dem  anfänger  nicht 
zugetraut  werden  kann,  weder  überall  leicht  fasslich  noch  besonders  genussmch. 
Und  nun  gar  in  den  paiiien,  wo  durch  die  grosse  lücke  des  Codex  Regius  die  ver- 
gleichung der  quellen  versagt,  lässt  sich  die  erzählung  häufig  nur  unter  der  Voraus- 
setzung verstehen,  dass  der  Verfasser  Strophen,  deren  Zusammenhang  und  sinn  ihm 
unklar  waren,  in  ungefährer  prosaischer  Umschreibung  ihres  Wortlautes  widergegeben 
hat.  So  kann  ich  in  den  kapiteln  28  und  29,  besonders  im  lezten,  oft  nur  ein 
zusammenhangsloses  gestammel  entdecken,  womit  sich  „für  die  erste  nordische  lek- 
türe" nicht  viel  anfangen  lässt. 


ÜBER  VOLSÜNOASAQA  ED.   RANISCH  395 

Doch  soll  durch  dieses  bedenken  das  verdienst  des  herausgebers  nicht  geschmä- 
lert werden.  Als  einzige  zugleich  ausführliche  und  zusammenhängende  quelle  für  die 
nordische  gestalt  der  Nikelungensage  verdiente  die  saga  eine  handliche  neue  ausgäbe. 
Bugges  text  in  den  „Norröne  skrifter  af  sagnhistorisk  indhold*^  (Det  norske  oldskrift- 
selskabs  samlinger  YHI)  ist  nicht  leicht  mehr  zu  beschaffen  und  entbehrt  sowol  einer 
einloitung*  als  eines  glossare,  während  Wilkens  ausgäbe  (1878)  sich  über  zwei  bände 
erstreckt  (das  glossar  erschien  1883  besonders)  und  überdies  wegen  ihrer  verwirrenden 
einleitung  dem  anfänger  nicht  empfohlen  werden  kann.  Rauisch  gibt  nach  einer  eiu- 
leitung,  die  meines  erachtens  den  am  wenigsten  befriedigenden  teil  der  ausgäbe  bil- 
det, einen  abdruck  des  textes  (s.  1 — 79)  und  ein  ausführliches  glossar  (s.  80 — 212) 
nebst  namen Verzeichnis  (s.  213  — 16). 

Der  text  ist  ein  mit  Bugges  genehm igung  vei'anstalteter  abdruck  dos  in  den 
„Norröne  Skrifter"  veröffentlichten,  doch  in  der  Orthographie  verschiedentlich  von 
diesem  abweichend.  Ranisch  verwendet  die  typen  q,  0,  0  (=  0?),  e  (=  05),  braucht 
p  auch  im  in-  und  auslaut,  x  statt  s  nach  //  und  nn  (mit  nicht  streng  durchgeführ- 
ter Vereinfachung  des  vorhergehenden  consonanten) ,  ferner  x  statt  eines  dontals  4.  « 
und  in  der  medio- passiven  form  des  verbums  (also  z.  b.  ilxka,  mcfixkr;  sverxy  ox; 
hafax).  Über  die  consequenz  dieser  Orthographie  liosse  sich  bekantlich  mit  dem  her- 
ausgeber  rechten,  zumal  auch  die  veree  sich  derselben  haben  fügen  müssen;  ich 
unterlasse  es  jedoch  auf  diese  frage  weiter  einzugehen.  Von  den  besserungs vorschla- 
gen, welche  Bugge  in  semer  ausgäbe  unter  dem  texte,  in  den  anmerkungen  hinter 
dem  texte  und  auf  dem  mnschlag  in  den  „tillseg  og  rettelser*^  bietet,  sind  viele  mit 
recht  aufgenommen,  und  der  herausgeber  hätte  bei  einem  für  anfänger  bestimten 
buche  in  der  herstellung  eines  lesbaren  textes  ruhig  noch  etwas  weiter  gehen  können. 
Freilich  war  die  grenze  schwer  zu  ziehen,  wenn  von  dem  eigentlichen  plane,  einen 
i*einen  abdruck  des  Buggischen  textes  zu  geben,  einmal  abgewichen  wurde.  Als  bei- 
spiel  erwähne  ich  c.  29,  z.  113  (Bugge  153*-),  wo  Sigur{)r,  indem  er  seine  unaus- 
löschliche liebe  zu  Brynliildr,  auch  nach  seiner  Vermählung  mit  Gu{)riin,  beteuert, 
u.  a,  äussert:  en  af  mir  bar  eky  sein  ek  7ndtta,  Pat  er  eh  var  i  komm^shqllj  ok 
unpa  ek  Pri  pö,  at  rer  vdrum  qll  saman  usw.  Ich  kann  der  stelle  nur  dann  einen 
vernünftigen  sinn  abgewinnen,  wenn  man  die  von  Björner  vorgeschlagene,  von 
Bugge  fragend  wider  aufgenommene  conjektur  acceptiert:  mdtta,  pd  er  ek  var  (so 
auch  "Wilken  und  G.  Vigfüsson  Cpb.  II,  539),  oder  nach  Bugges  verschlag  in  den 
,tilljeg^  Pat  ganz  streicht.  Die  deutung  der  Überlieferung  in  Rauischs  glossar  s.  v. 
bera  (s.  91**)  vermag  ich  nicht  recht  zu  verst^'hen;  richtig  übersezt  Edzardi:  „doch 
imterdmckte  ich  es,  soviel  ich  vermochte,  die  weil  {==pd  er  oder  er)  ich  im  königs- 
saale  wai".  Zum  absoluten  gelirauch  von  bera  af  ser  in  der  hier  geforderten  bedeu- 
tung  „sich  in  etwas  finden,  sich  über  etwas  hinwegzusetzen  suchen"  vgl.  z.  b.  Ijaxd. 
c.  76  (ed.  Kälund  283^*):  OvPrünu  pötti  mikit  frdfall  porkehj  en  bar  pö  skqruli^a 
af  ser;  weitere  beispicle  bei  lYitzner*  I,  128*.  In  diesem  wie  in  manchen  ähnlichen 
fällen  hätte  dem  zweck  der  ausgäbe  die  aufnähme  einer  leichten  emendation  besser 
entsprochen  als  die  beibehaltnng  einer  nicht  oder  schwer  veretändlichen  losart.  Viol- 
leicht wäre  es  auch  wünschenswert  gewesen,  in  den  dem  texte  einverleibten  Strophen 

1)  Noch  dor  Umschlag  dos  dritten  hoftos  der  ,,Norrüne  Skrifter"  (1873)  verspricht  eine  einloi- 
tong,  die  n.  a.  untorsnchangen  ,,om  vodkommendo  sagaor,  songe  og  sagn"  enthalten  gölte.  Wir  ver- 
danken Bugge  so  yiol ,  dass  ihn  zu  mahnen  undankbar  erschienen  könto.  So  möge  sich  nur  schüchtern 
der  wonsch  hervorwngen,  dass  auch  diese  oinleitnng  uns  noch  einmal  dio  reiche  belehnmg  und  anrogung 
spende ,  ohne  welche  keinor  von  oinor  Buggiächen  arbeit  sich  trent. 


396  siJUONs 

erhaltener  und  verlorener  lieder  sichere  metrische  besserungen  nicht  zu  verschmähen, 
also  z.  b.  str.  22 "^  vip  himni  in  vip  himin  zu  ändern,  das  auch  sprachlich  den  Vor- 
zug verdient  (vgl.  Vsp.  57  ^  Hyndl.  42*.  Helg.  Hund.  11 ,  38**^  u.  ö.),  sowie  ande- 
rerseits metrisch  verderbte  zeilen  irgendwie  als  unrichtig  zu  bezeichnen,  wie  z.  b. 
str.  23^  bliku  reipi  (reid  CJd.).  Unter  dem  texte  ist  auf  die  quellenstellen  verwiesen, 
dagegen  sind  die  handschriftlichen  lesarten,  wo  der  text  von  ihnen  abweicht,  nicht 
verzeichnet. 

Im  glossar  liegt  entschieden  der  Schwerpunkt  von  Ranischs  arbeit.  Der  her- 
ausgeber  hat  es  „in  nahem  anschluss  an  Wimmers  musterglossar  zum  (sie!)  Laßsbog 
(sie!)  gearbeitet".  Ohne  sein  muster  zu  en*eichen,  darf  es  doch  als  sorgfältig,  ver- 
ständig und  seinem  zwecke  durchaus  entsprechend  gerühmt  werden.  Die  bedeutungen 
sind,  soweit  ich  nachgeprüft  habe,  in  guter  an  Ordnung  aufgeführt,  schwierigere  aus- 
drücke volständig  üboi'sezt,  die  nötigen  grammatischen  fiugerzeige  hinzugefügt,  sodass 
es  den  anfäiiger  kaum  irgendwo  im  stiebe  lassen  dürfte.  Wilkommcn  sind  auch  die 
gotischen  entsprechuugen ;  hie  und  da  wird  auch  auf  andere  germanische  sprachen 
verwiesen  (so  s.  v.  afl,  afla,  apaldr,  drdagar,  blautr,  rekkr),  doch  ohne  ereicht- 
liches  System,  unter  aka  wird  gar  lat.  agere  angezogen.  Richtiger  wäre  es  gewesen, 
wenn  der  herausgeber  sich  aufs  gotische  beschi-änkt,  hier  aber  nach  möglichster  vol- 
ständigkeit  gestrebt  hätte.  Für  den  anfänger  ist  es  femer  vei*wirrend,  dass  nicht 
geschieden  ist  zwischen  völliger  identität  der  got.  und  an.  Wörter  und  loserem  zusam- 
menhange. Gegen  eine  formel  wie  d  (got.  and) ,  akr  (got.  akrs)  \  bjarga  (got.  bairg- 
an)  ist  nichts  einzuwenden;  aber  bei  bdpir  (got.  hajöps)^  borg,  bjarg  (got.  bairga- 
hei)^  daupi  (got.  daupit^)  u.  ä.  wäre  ein  „vgl.''  als  Warnungstafel  wol  am  platze 
gewesen.  Vor  allem  aber  wie  gesagt  hätte  der  herausgeber  den  gotischen  wertschätz 
noch  eifriger  ausbeuten  können.  Beim  durchblättern  des  glossars  sind  mir  die  folgen- 
den got.  entsprechungen  aufgestossen ,  die  nach  Ranischs  System  liätten  angeführt 
werden  sollen:  aldr  (vgl.  got  framaldrs  adj.,  ein  bahuvrihi- compositum?);  zu.  aum- 
ligr  vgl.  gut.  anns  (Noreon  Ark.  6,  313  fg.);  band:  vgl.  got.  bandi;  blaupr:  vgl. 
got.  blaupjan;  bl&mi:  got.  *bldma^;  zu  dul  vgl.  got.  dtvals  und  seine  sippe;  eigna: 
got.  ga-aiginon;  einnhverr:  vgl.  got.  ainhwarjixuh;  eyPa:  vgl.  got.  *aups;  fdr: 
vgl.  got.  *ferja  „ nachsteller " ;  zu  den  compositis  mit  fjql-  waren  die  entsprochenden 
mit  got.  fdit-  hei-anzuziehen;  zu  fldr  wäre  dem  anfänger  eine  Verweisung  auf  got 
ga-piaihan  nützlich;  [frd:  got.  fra-  findet  sich  nur  in  der  Zusammensetzung];  fripa: 
got.  ga-fripdn;  fyrirkonia:  got  fauraqiman;  gdlgi:  got.  galga;  gaman  doch  wol 
=  got.  gaman  xoiviovUc  H  Cor.  13,  13  (s.  Kluge,  Kuhns  ztschr.  26,  70.  J.  Schmidt, 
Idg.  neutra  s.  25);  gatdtnr:  vgl.  got.  gaumjan;  gipta:  vgl.  got.  fra-gifts;  zu  gneipr 
dürfte  got.  ganipnan  zu  vergleichen  sein;  gnött:  vgl.  got.  ganohs;  gramr:  vgl.  got 
gramjan;  hamr:  vgl.  got.  -hamön;  heit:  got.  ga-hait;  zu  hekla  wäre  zu  verweisen 
auf  got.  hakuh  (an.  hx^kul1)\  hepta:  got.  haftjan;  hljöta:  vgl.  got.  hlaups  stm.;  zu 
hljöpr,  hlt/Pa  vgl.  got.  *hliup  stn.?  (an.  Mj6p)\  hlogja:  got.  uf-hlobjan;  hrista: 
vgl.  got.  -hrisjan;  keyra  entspricht  lautlich  genau  dem  got.  kausjanj  imd  auch  die 
bedeutungen  lassen  sich  vermitteln;  leyna:  got.  ga-laiLgnjan  (sik);  lifna:  got,  af- 
lifnan;  liki:  got.  ga-leiki;  linbrök:  vgl.  got.  lein;  zu  Ijöp  vgl.  got.  liupön,  liupar- 
eis;  menxkr :  goi.  mannisks ;  mettr:  zu  got  matjan;  m^kfa:  vgl.  got  muka-mödei; 

1)  arkrs  8^b  ist  ein  unschädlicher  drnckfehlor.  Bedenklicher  ist  s.  v.  bitr:  got.  beUrs;  lies 
baitrs. 

2)  Belogt  ist  nur  acc.  pl.  blötnans,  doch  vgl.  ausser  an.  biömi  auch  ags.  bläma,  as.  biomo,  ahd. 
btuomo. 


ÜBER  VOLSÜNaASAOA  ED.   BANISCH  397 

ofr  (od.  of):  vgl.  got.  ufjö  ^übei-fluss''  11  Cor.  9,  1;  reyrteinn:  vgl.  got.  ratis; 
zu  salr  vgl.  got.  saljan  „wohnen";  seinn:  vgl.  got.  sainjan;  sißr  adv.  comp.:  got. 
Pafia-seißs;  skapi:  vgl.  got.  skapts;  snarpr:  vgl.  got.  at-snarpjan;  snjör:  got. 
snaitcs;  sporpr  ist  wol  =  got.  spaürds;  zu  staka  vgl.  got.  hleipra  -  stakeins ,  auch 
*  staks  (si(ikins)?\  svelta  swv.:  vgl.  got.  swiltan  (an.  sveltay  svalt)\  zu  toA»  vgl.  got 
tikan;  traitst:  vgl.  got.  trausti;  uborinthy  ükunnr,  üviss^:  got.  unhaüransj  un- 
kunpSf  untoeis;  zuün^tr,  üvitry  üv^'nn  vgl.  got  mmuts,  unwita,  unweniggo;  ullar- 
lagPr :  zu  got.  trulla;  vargr:  got.  launa-tcargs;  ve:  vgl.  got  weihs;  vist:  zu  got. 
msan  (an.  t^era);  t?«7»;  vgl.  got.  fra-weit,  id-weit;  vq'rUa:  vgl.  got.  wenjan  (an. 
v(Bna)\  perra:  vgl.  got.  gapairsan;  pö  =  got.  j^auÄ  (ags.  pedJi)\  porpari:  zu  got. 
paürp  (an.  Porp);  zu  prutna  vgl.  got.  prutsfdl,  us-priutan  (an.  prj6ta)\  pverliga: 
vgl.  got.  pwairhs;  pyrft:  got.  Paürfts;  zu  /y^r  vgl.  got.  put-haüm;  Pqkk:  vgl.  got. 
Pa>gks;  ^vi:  vgl.  got.  aiics;  t^drerpr:  got.  andwairps.  Hieimit  sei  die  liste  geschlos- 
sen, obwol  gewiss  noch  manches  übersehen  ist. 

Indem  ich  einzelne  bemerkungen  zum  glossar,  die  sich  natürlich  unschwer 
machen  lassen,  unterdrücke,  hebe  ich  noch  einmal  ausdmcklich  hervor,  dass  ich 
dasselbe  trotz  der  gerügten  ungleichmässigkeiten  als  eine  rühmenswerte  und  nutz- 
bringende arbeit  betrachte. 

Leider  kann  der  einleitung  nicht  dasselbe  lob  gespendet  werden,  ßanisch 
bemerkt  über  sie  im  vorwoii;,  sie  solle  „einen  überblick  über  die  nordische  Nibelun- 
gendichtung bis  auf  die  V^lsungasaga "  geben,  unter  besonderer  benutzung  von  Mül- 
lenhoffs  abhandlungen  in  der  Ztschr.  f.  d.  a.  10,  146  fgg.  23,  113  fgg.  und  dem 
(inzwischen  erschienenen)  kommentar  zu  den  eddischen  8igur{)sliederu  (Deutsche  alter- 
tumskunde  V,  2);  manches  eigene  sei  „freilich  mehr  behauptet,  als  bewiesen'*. 
Schwerlich  dürfte  diese  angäbe  über  zweck  und  anläge  der  einleitung  zugleich  auch 
ihre  rechtfertigung  enthalten.  Was  man  an  ei'stcr  stelle  in  einer  einleitung  zu  einer 
neuen  ausgäbe  der  Vglsungasaga  zu  finden  hoft,  eine  erörterung  der  litterargeschicht- 
licheu  Stellung  des  denkmals,  sucht  man  vergebens;  denn  die  hastigen  notizen  am 
Schlüsse  (s.  XVIIl),  zwanzig  zeilen,  köimon  gewiss  nicht  dafür  gelten.  Von  der  über- 
liefeining,  dem  Verhältnis  der  saga  zur  liedersamluiig,  zur  Ragnarssaga,  zur  fidreks- 
saga,  zu  den  rimur,  ist  nicht  oder  kaum  die  rode.  Statt  einer  wünschensweiten 
Zusammenstellung  der  litteratur  über  die  saga  wird  der  „anfänger"  in  einer  schluss- 
note  abgespeist  mit  einem  hinweis  auf  meine  Untersuchungen  über  die  V^lsungasaga 
iu  den  Beiträgen  und  die  einleitung  zu  Edzardis  nicht  näher  namhaft  gemachter  Über- 
setzung —  und  ist  so  klug  noch  wie  zuvor,  fals  er  nicht  Edzardis  ausgezeichnete 
einleitung  hinzunimt.  Anderei-seits  darf  billig  bezweifelt  werden,  ob  demjenigen,  der 
Hanischs  buch  als  „ei-ste  nordische  loktüre''  benutzen  soll,  mit  dem  zwar  vielfach 
ansprechenden,  aber  nirgends  über  blosse  andeutungen  und  Vermutungen  hinauskom- 
menden chronologischen  überblick  über  die  eddische  Nibelungendichtung  gedient  ist, 
der  den  grösseren  teil  der  einleitung  bildet  (s.  XI  —  XVIII).  Ranisch  unterscheidet 
von  den  alten  liedern  des  10.  jalirhunderts  —  Reginsmal,  Fafnismäl,  Sigi'drifumal, 
das  lied  (oder  die  liedor),  das  c.  26.  27  der  Vs.  zu  gründe  liegt,  Brot  af  Sig.,  das 
fast  volständig  sein  soll,  anfang  und  schluss  der  Sig.  skamnia,  Atlakvi{)a,  Ham[)is- 
mal  —  die  gedichte  einer  zweiten,    um   1000  anhebenden  litteraturepoche,    recapitu- 

1)  Doch  ist  in  der  bedoatung  ,,migewiss"  wol  üvias  anzusetzen  und  in  diosfti  falle  got.  'unwiaa 
za  vergleicbon.  Entsprechend  wUren  r.  v.  visa  die  bodeatungon  1)  und  2)  zu  trennen  als  vias  (got.  -weU) 
and  viss  (got.  *-tru»).  Mit  rocht  nimt  Bernhardt  unwinamina  I  Cor.  9,  2C  (die  einzige  stelle,  wo  sich 
das  wort  findet)  als  Schreibfehler  für  umHasamma. 


398  SIJMONS,    &BEB  V0L8ÜKGA8AGA   BD.   RANISCH 

lationsgedichte,  Prophezeiungen,  ausmalungen  von  rührenden  Situationen  (s.  XIV — 
XVII).  Ais  jüngstes  unter  den  heldenlicdern  der  Edda  gilt  ihm  niit  recht  die  rein 
dialogische  Gripisspä  (s.  XVn  fg.).  Manche  gute  und  fördernde  hemcrkung  fliesst 
dabei  unter,  kann  aber  eine  blosse  aneinanderreihung  von  behauptungen  über  eines 
der  schwierigsten  litterarhistorischen  probleme  an  ungeeignetem  orte  nicht  rechtfer- 
tigen. Was  nützen  dem  anfänger  annahmen,  wie  die  der  interpolation  von  Fafn.  41 
(s.  XII  anm.  =  DA  V,  367),  die  kritische  sichtung  der  Sig.  sk.  (s.  XIII,  vgl.  DA  V, 
373  fgg.),  die  erörterung  über  das  gegenseitige  Verhältnis  der  drei  Gu{)i'unlieder 
(s.  XVn,  vgl.  DA  V,  370.  392.  396  fgg.)  usw.,  wenn  er  sich  nicht  bei  MüUenhoff 
die  nähere  begründung  sucht?  In  einer  besprechung  der  Deutschen  altertumskunde 
V,  2  komme  ich  auf  einige  der  hier  berührten  fragen  zurück.  Zu  Ranischs  deutung 
von  8ig.  sk.  34 — 41  (s.  XV  fg.),  die  ihm  soweit  ich  sehe  eigentümlich  ist,  darf  ich 
auf  diese  ztschr.  XXIV,  25  fgg.  verweisen. 

Der  erste  teil  der  einleitung  (s.  V — XI)  skizziert  die  vorauszusetzende  frän- 
kische gestalt  der  Nibelungcnsage,  sowie  die  spociell  nordischen  lungestaltungen  der- 
selben, die  zwischen  der  ersten  aneiguung  der  sage  und  der  eddischon  dichtung  lie- 
gen. In  allen  hauptpunkten  schliesst  Ranisch  sich  an  Müllenhoff  an,  sodass  auch 
für  mich  zum  Widerspruch  nur  in  einzelheiten  eine  veranlassung  vorliegt.  Auf  die 
Brynhildr-Sigrdrifafrage  einzugehen  darf  ich  mir  durch  einen  hinweis  auf  diese  Zeit- 
schrift XXIV,  1  fgg.  ersparen.  Mit  MüUenhofF  verlegt  Ranisch  auch  den  wesentlichen 
inhalt  von  c.  1  und  2  der  Vs.  in  die  fränkische  sage:  dem  gegenüber  beliarre  ich 
bei  meinem  Widerspruch  (s.  Pauls  Grundr.  11,  1,  24).  Weder  für  die  erzäliluugen 
von  Sigi  und  Rerir,  deren  namen  schon  genügend  ihren  nordischen  ui-sprung  ver- 
raten,  noch  für  die  abstammung  des  Welsungengeschlechtes  von  0|)inn  lassen  sich 
in  der  deutschen  sage  die  leisesten  audeutungen  entdecken,  und  MüllenhofF  gelingt 
nur  durch  die  annähme  einer  lücke  in  der  überliefenmg,  die  Ranisch  s.  VI  „nicht 
unbegründet  •*  findet,  die  herstellung  eines  verständigen  Zusammenhanges.  Gegen 
meine  behauptung,  dass  der  ljniivv^o<;  des  geschlechtcs,  Walis,  der  ältesten  fränkischen 
sage  auch  als  der  stamvater  desselben  gegolten  habe,  wendet  Maitin  in  seiner 
besprechung  der  betreffenden  lieferung  des  ginindrisses  (diese  ztschr.  XXIII,  .369)  ein, 
dass  dessen  name  weiter  zurück  deute,  der  „echte**  sei  doch  der  echte  abkömling, 
und  man  frage  natürlich,  wessen?  Aber  Walis  (got.  walis)  bedeutet  zunächst  nicht 
„echt",  sondern  „auserlesen**,  wie  die  etymologie  und  die  Verwendung  des  got.  ac^ec- 
tivs*  lehren:  leider  steht  die  bildung  in  den  germanischen  sprachen  vereinzelt  (doch 
s.  Müllenhoff,  Ztschr.  f.  d.  a.  23,  172  fg.),  sie  schliesst  sich  aber  ungezwungen  au 
griechische  adjectiva  wie  rUi;(^iJj;  „unverhohlen**,  amv^rig  „unerforscht",  die  mit  der 
für  ein  westgerm.  *tcalis  (ags.  Wcels)  vorauszusetzenden  suffixbetonung  die  bedeutuug 
des  part.  perf.  pass.  verbinden.  Bmgmanns  ausspruch:  „adjectiva  von  der  art  des 
gr.  \pav$rii  dvG-^tvrii;  sind  [im  germ.]  wol  nicht  vorhanden**  (Grundriss  II,  395) 
bedarf  demnach  einer  cinschränkuug.  Weshalb  nun  der  stamvater  eines  geschlechtes 
nicht  „der  auserlesene"  heissen  solte,  ist  m'cht  abzusehen.  Ein  Welisung  als  patro- 
nymicum  zu  *  Walis  (ZE  nr.  X,  1)  =  ags.  Wcelsimjj  an.  Volsungr  entspricht  seiner 
bildung  nach  dem  Berhtuny  der  Wolfdietrichssage,    welches  pati'onymicum  gleichfals 


Col.  3,  A^gawalidai  guPs,  weihans  jah  walisans  ^xXexioi  d^eov^  ayiot  xal  ijyantjfi/voi.  Zwar 
Phil.  4,3.    I  Tim.  1 ,  2  und  Tit.  1 ,  4  gr.  yy^aiog,  aber  in  der  bodeutnng  ,,  treu  befunden". 


1)  Col. 
übersozt  es 

In  der  stelle  II  Tim.  2,  1  hat  walisu  keine  entsprechung  im  original.    Bemerkenswert  ist  der  ausschliess- 
liche gebrauch  schwacher  formen ,  auch  da ,  wo  man  die  starke  erwartete  (I  Tim  1 ,  2.    Tit.  1,4),  doch 
benso  II  Tim.  1,2:  Piawhts  apauaiaulus Teimaupadau  Uubin  bctma. 


KAUFFMANN,  ÜBER  METER,  EDDISCHE  K0SM060NIE  399 

auf  einen  algemein  lobenden  namen  *Ber(a)ht  (got.  hairhts)  „der  glänzende,  her- 
liche"  für  den  stamvater  eines  fränkischen  heldengeschlechtes  hinweist.  Wie  die 
Vs.  irt,  wenn  sie  Sigmunds  vater  V^lsungr  nent,  so  ist  in  unseren  mhd.  Wolfdie- 
trichen die  tradition  bereits  verdunkelt,  wenn  sie  den  vater  der  Berchtunge  selber 
patronymisch  bezeichnen. 

Zum  Schlüsse  noch  ein  paar  einzelheiten.  Attilas  tod  wird  s.  V  fälschlich  451 
statt  453  angesezt.  —  Zu  der  von  Ranisch  s.  VI  angenommenen  Kögeischen  deutung 
des  namens  Sintarfizzilo  vgl.  jczt  Sievei*s  Beitr.  16,  363,  dessen  bedenken  nicht  unbe- 
gründet sind.  —  Banisch  hält  s.  "VTII  beide  formen  der  sage  von  Sigfrids  tod  — 
draussen  im  waldo  oder  im  bette  an  Gu|)runs  seite  —  für  alt  und  meint,  sie  seien 
zugleich  nach  dem  norden  gekommen.  Die  frage,  die  bekantlich  in  verschiedener 
weise  beantwortet  ist,  soll  hier  nicht  erörtert  werden,  da  ich  andernorts  auf  sie  ein- 
zugehen gedenke.  Hier  sei  nur  erwähnt,  dass  Ranischs  bemfung  auf  Golther  Germ. 
34,  280  anm.  diesem  gelehrten,  dessen  auffassung  ich  übiigens  nicht  teile,  schwer- 
lich behagen  wird.  Golther  hat  sich  mit  aller  entschiedenheit  für  die  ursprünglich- 
keit derjenigen  form  der  sage  erklärt,  welche  Sigfrids  tod  in  den  wald  verlegt 
(s.  namentlich  seine  Studien  zur  germ.  sagengesch.  s.  78  fgg.  und  neuerdings  Litbl. 
1891,  sp.  264);  und  auch  die  citierte  Germania- stelle  besagt  nicht,  was  Ranisch  her- 
ausliest. 

ORONINOEN,   9.  DECRMBER   1891.  B.    SIJMONS. 


Die  eddische  kosmogonie.  Ein  beitrag  zur  geschichte  der  kosmogonie  des  alter- 
tums  und  des  mittelalters  von  EL  Hngro  Meyer.  Freiburg  i.  B.,  akademische 
Verlagsbuchhandlung  von  J.  C.  B.  Mohr  (Paul  Siebeck).  1891.  VII  und  118  s. 
3,60  m. 

Ln  5.  Jahrhundert  hatte  ein  byzantinischer  künstlcr  es  gewagt,  Christus  mit 
den  Zügen  eines  Zeus  darzustellen,  in  der  absieht,  die  Christen  einen  Chiistus,  die 
beiden  einen  Zeus  im  bilde  sehen  zu  lassen.  Theodorus  Ijcctor  erzählt,  ein  gericht 
gottes  habe  dem  frevler  die  band  gelähmt  (L.  Dietrichson,  Ohristusbilledet  s.  162  fg.). 
So  dachte  schon  die  alte  kirche  über  Synkretismus.  Noch  besass  sie  nichts  von  der 
rigorosen  strenge  der  ecclesia  triumphans  des  11.  und  12.  jahihunderts.  In  den  kata- 
komben  sah  man  den  auferstandenen  erlöser  als  Helios  auf  dem  sonnenwagen  zum 
himmel  fahren  oder  d<3n  göttlichen  hohcpriester  im  bilde  des  Orpheus  aller  kreatur 
seine  wunderbaren  werte  verkündigen  (Dietrichson  s.  158.  160).  Es  liegt  etwas  in 
diesen  darstellungen  von  dem  goiste  jener  zeit,  da  nach  Lactanz  die  missionare  von 
der  heidnischen  bevölkerung  der  antiken  weit  zu  hören  bekamen,  dass  auch  sie  au 
einen  gott  glaube,  dass  sie  denselben  gott  anbete  wie  die  Christen  —  mit  dem  ein- 
zigen unterschied,  dass  sie  ihn  nicht  Christus,  sondern  Jupiter  nenne.  Der  gegen- 
satz  der  kirche  zu  der  antiken  kultur  war  ein  total  anderer  als  der  gegensatz  der 
kirche  zu  der  germanischen  weit'.  Von  jener  borgte  die  kirche  das  gewaltige  rüst- 
zeug,  mit  dem  sie  diese  sicli  unterworfen  hat.  Es  ist  folglich  ganz  und  gai*  unhisto- 
risch, wenn  in  der  vorliegenden  studio  Juvencus  für  einen  Saomundr  zeugnis  ablegen 
soll.      Es   ist    damit   gerade   so   bestelt,    wie   mit   dem   taufstein    von   Ottravakyrka 

1)  Man  beachte  namentlich  den  nnterschiod  dor  christlich  aufgefärbten  heidnischen  littoratar 
(Aeschylos,  Sophokles  u.  a.),  worü})or  Giesoler,  Kirchongoschichte  I,  1,  225  und  die  daselbst  citierte 
Schrift  von  Aug.  BOckh  za  vergleichen  ist. 


400  EAÜFFMANN 

(s.  23),  der  nach  Meyer  uins  jähr  1000  (!!)  gearbeitet  ist  und  unter  alten  Christus- 
symbolen Thor  mit  hammer  und  drachen  darstelt  Ich  habe  denselben  im  Stock- 
holmer musoum  selbst  gesehen  und  kann  nur  bestätigen,  dass  die  von  Hans  Hilde- 
braud  gegeboDO  deutung  auf  den  steinhauer,  der  am  taufstein  arbeitet,  die  einzig 
mögliche  ist,  H.  Hildebrand,  Fränaldre  tider  s.  24  fg.  (Statens  Historiska  Museum 
s.  77).  Ich  habe  nicht  die  absieht,  auch  den  übrigen  „vermummungen  ^  die  maske 
zu  lüften.  Es  bedarf  nur  des  beweises,  dass  die  grund Voraussetzung  Meyers,  die 
heidnischen  Germanen  könton  überhaupt  eine  kosmogonie  gar  nicht  gehabt  haben, 
irrig  ist.  Diesen  beweis  zu  führen,  macbt  keinerlei  Schwierigkeiten.  Über  den  baby- 
lonischen Schöpfungsbericht  hat  sich  E.  H.  Meyer  seine  eigenen  gedanken  gemacht, 
die  um  so  weniger  gegenständ  der  discussion  sein  können,  als  die  neuesten  auf- 
schlüsse  der  jüngst  entzifferten  sumerischen  tafel  einen  fachmann  zu  ganz  andci*n 
resultaten  geführt  haben  (vgl.  Deutsche  rundschau  1891,  juliheft  s.  105  fgg.);  und 
was  den  platonischen  Timaeus  betiift,  so  ist  mit  der  ganz  vereinzelten  sogenan- 
ten  Übereinstimmung,  die  Meyer  s.  107  fgg.  darlegt,  so  lange  nichts  gewonnen,  bis 
Meyer  den  zwergkatalog  als  gleichzeitig  mit  den  umgebenden  partien  na(ihgewiesen 
und  nach  den  arten  der  dämonen  in  gruppen  aufgelöst  hat  —  eine  Sisyphusarbeit, 
die  nur  in  den  äugen  deijenigen  gelingen  wird,  die  mit  Meyer  glauben,  der  Völiispa- 
dichter  könte  die  von  heftiger  leidcnschaft  ergriffenen  weseu  des  Chalcidius  in  dem 
einen  Al|)jöfr  zusammengefasst  haben  (s.  109).  Mir  fält  bei  diesen  und  andern  sogenan- 
ten  Übereinstimmungen  die  hübsche  geschichte  von  pastor  Richardt  und  Lope  de  Vcga 
ein,  die  ich  bei  Joh.  Steenstrup,  Vore  folkeviser  fra  middelalderen  s.  272  fgg.  nach- 
zulesen bitte. 

Den  grundirtum  der  Meyerschen  schrift  bildet  das  verurteil,  in  den  eingangs- 
Strophen  der  Vglosp^  sei  uns  eine  kosmogonie  überhefert,  das  wort  in  dem  sinne 
genommen,  wie  wir  es  z.  b.  für  den  mosaischen  Schöpfungsbericht  zu  gebrauchen 
pflegen.  Meyer  kämpft  gegen  Windmühlen.  Schon  Wilh.  Müller  hat  darauf  hin- 
gewiesen, dass  die  götter  im  schöpfungsbericht  der  Scandinavier  mehr  als  ordner 
und  bildner,  denn  als  eigentliche  Schöpfer  der  naturzustände  auftreten.  Den  göttem 
wird  kein  uibeginn,  vielmehr  ein  begrenzter  anfang  wie  ein  begrenztes  ende  zuge- 
messen. Die  ewigkeit  der  materie,  die  ketzerische  philosophenlehre  von  der  priorität 
des  weltstoffes,  welche  der  mittelalterlichen  kirche  so  viel  zu  schaffen  gemacht  hat, 
bildet  auch  den  ereten  differenzpunkt  der  christlichen  und  der  heidnisch -gei*manischen 
legende.  Die  germanischen  götter  haben  die  geimanische  kulturordnung  geschaf- 
fen, nicht  unsern  planeten,  der  vor  ihnen  gewesen  und  nach  ihnen  sein  wird.  Alles 
liegt  bogi'iffen  in  den  wollten  der  VQlva:  Bors  syner  peir  es  mipgarp  mmran  scopo. 
Die  götter  sind  es,  welche  die  heimflt  der  menschen  wohnlich  eingerichtet  haben. 
Die  götter  haben  weder  die  riesen  noch  die  zwerge  noch  die  menschen  erschaffeo. 
V9I.  10  steht  klar  imd  deutlich,  von  den  göttem  sei  eine  art  klassenordnung  der 
zwerge  veranlasst  worden,  und  zwar  sei  Motsogner  der  oberste,  Durenn  der  zweit- 
oberste aller  zwerge  geworden.  Wie  ich  schon  in  dieser  zeitschr.  XXIV,  96  ange- 
deutet habe,  bin  ich  ganz  mit  Meyer  einverstanden,  wenn  auch  er  die  menschen- 
schöpfung  den  zwergen  zuweist  (s.  1Ö7).  Askr  und  Embla  haben  die  götter  bereits, 
wenn  auch  als  schwache,  hilflose  wesen,  vorgefunden.  Die  götter  haben  am  men- 
schengeschlecht  nach  seinen  anatomisch -physischen  dementen  keinen  anteil.  Ihnen 
verdankt  der  mensch  allein,  was  ihn  zum  kulturweson  gemacht  hat:  den  geist  und 
die  seole  mit  iliren  trieben,  die  körperliche  erscheinung  nach  form  und  bewegung  der 
Organe,    dazu    das  blut.     Gerade  das    lezte   ei*scheint    für   die  Germanen    besonders 


ÜBER  KETER,   EDDISGHE  E08M0G0NIE  401 

bedeutsam,  wenn  man  Leist,  Gräcoitalische  rechtsgeschichte  &  76G  fgg.  vergleicht. 
Mit  all  dem  weiss  sich  Moyer  nicht  zu  helfen  (s.  111  fg.),  und  das  ist  sehr  bezeich- 
nend. Die  vQlva  weiss  nichts  von  der  erschaffong  der  tiere,  nichts  von  der  orschaf- 
ung  der  lichtkörper  usw.  Die  natürliche  weit  des  organischen  und  anorganischen  ist 
älter  als  die  götter.  Das  göttergeschenk  in  die  urzeitliche  natürliche  weit  ist  die 
kultur:  die  göttor  stehen  nach  germanischer  Vorstellung  nicht  am  anfang  der  Schöp- 
fung, sondern  am  anfang  der  geschieht e.  Man  entschliesse  sich  nur  einmal,  die 
religiöse  Überlieferung  nicht  unter  dem  bilde  eines  gewittoi'schauspiels,  sondern  als 
Zeugnisse  aus  dem  Volksleben  des  altertums  zu  betrachten  —  und  man  wird  hier  einen 
der  angelpunkte  geimanischer  religion  erkennen. 

Meyer  zählt  nun  aber  s.  15  fgg.  eine  reihe  von  belegen  auf,  die  seine  annähme 
bestätigen,  dass  die  Germanen  überhaupt  nicht  reif  dazu  gewesen  seien,  eine  kosmo- 
gonie  zu  erzeugen.  Ich  begnüge  mich,  die  reihe  dieser  belege  nur  um  einen  zu 
vermehren,  der  dem  belesenen  Verfasser  nicht  hätte  entgehen  sollen,  denn  er  ist 
wichtiger  als  Babylon  und  die  Ophiten.  Er  führt  uns  mitten  in  das  herz  Deutsch- 
lands. Als  nämlich  Bonifatius  im  jähre  719  mit  vollmacht  von  papst  Gregor  aus- 
gestattet die  mission  in  Ostfranken  und  Hessen  eröfnete ,  wante  er  sich  an  den  bischof 
von  AViuchcster,  seinen  freund  Daniel,  der  ihm  schon  a.  718  einen  geleitsbrief  aus- 
stelte  und  der  auch  im  späteren  leben  dem  missionar  ein  treuer  bemter  gewesen 
ist.  Es  zeugt  für  den  ungewöhnlichen  ernst  des  verehrungswürdigen  mannes,  dass 
er  das  bokehrungsgeschäft  nicht  ohne  sorgfaltige  Vorbereitung  beginnen  weite.  Er 
hat  sich  von  Daniel  auskunft  erbeten,  wie  er  den  praktischen  missionsbetrieb  werde 
einzurichten  haben.  Auf  die  anfrage  ist  bei  Bonifatius  ein  schreiben  eingetroffen, 
das  für  beide  mäuner  ein  schönes  denkmal  acht  humaner  gesinnung  bleiben  wird. 
Der  erfahrene  wandorprediger  spricht  aus  jeder  zeile  dieses  bricfes  (Jaffo,  Monumenta 
moguntina  s.  71).  Er  wai*nt  den  Bonifatius  davor,  sich  zu  niediige  Vorstellungen 
von  seinem  heidnischen  publikum  zu  machen.  Die  eiubildungskraft  reiche  weit  genug, 
wenn  er  es  unternehmen  wolle,  den  gesichtskreis  der  beiden  von  unserer  erde  auf 
das  unbegrenzte  all  zu  erweiteiii ,  und  ihr  verstand  sei  scharf  und  geübt  genug,  «eine 
apologicn  zu  bekämpfen.  Keizc  sie  nicht,  indem  du  ihre  vorstelluugswelt  lächerlich 
machst;  aber  bemühe  dich  in  ruhig  sachlicher  dcbatte  ihnen  die  absurden  consequen- 
zon  ihres  glaubens  zu  gemüte  zu  führen:  guatenus  magis  confuse  quam  exasperate 
pagani  erubescant  pro  tarn  absurdis  opinionibus  et  ne  nos  latere  ipsorum  nefa- 
rios  ritus  ac  fahulas  esttnient.  Ich  stehe  nicht  an,  diesen  brief  unter  die  wert- 
volsten  denkmäler  germanischen  heidentums  zu  rechnen;  nicht  bloss  weil  hier  einmal 
der  Vorhang  über  eine  bühne  sich  lüftet,  auf  der  leibhaftige  individuen  stehen,  noch 
mehr  weil  Daniel  seine  missionsgrundsätze  durch  beispiele  erläutert  hat,  und  weil  hier 
einmal  ein  missionar  spricht,  der  es  geradezu  verwirft,  die  heidnische  religion  ein- 
fach zu  negieren,  vielmehr  individuell  aus  der  seele  der  beiden  heraus  irtum  und 
Wahrheit  mit  einfach  logischer  conseqiienz  sich  entwickeln  lässt.  Den  reichhaltigen 
brief  kann  ich  hier  nicht  in  seinem  ganzen  werte  behandeln.  Meyer  konte  aus  ihm 
lernen,  wie  unhistorisch  das  bild  ist,  das  er  sich  von  den  Gemianen  der  heidenzeit 
gemacht  hat,  wie  irrig  es  war  denselben  jede  fähigkeit  zu  kosmogonischer  Spekulation 
abzusprechen,  wie  richtig  die  Y^lospcJ  die  sogenante  Schöpfung  nicht  auf  das  weitall 
aiLsdehnt,  sondern  auf  unsem  planeten  einschränkt,  und  wie  lauter  sie  germanisches 
heidentum  überliefert,  wenn  sie  von  der  ungoschalfenen,  seit  urbcginn  vorhandenen 
matorio  zeugnls  gibt.  Daniel  fordert  den  Bonifatius  ausdrücklich  auf:  qiiodsi  shie 
initio  seniper  exst Hisse  rmmduyn  rontenderint  —  qnod  viultis  refuiare  ac  co7i' 

ZEITSCHRIFT   F.    DEUTSCHE   PHILOLOGIE.      BD.    XXV.  26 


402  WÜNDESUCH 

vincere  doeumeniis  aryumentisque  stude  —  tarnen  cUtercanies  interroga: 
quia  ante  natos  deos  mundo  imperaret?  quis  regeret?  usw.  Die  fortsetzung  der 
fragen  schliesst  schou  die  tatsache  in  sich,  dass  der  beide  dieselben  nicbt  ebne 
antwort  lässt;  und  wolte  man  die  fragen  als  ein  am  grünen  tiscb  ausgebecktes  Schema 
betrachten,  so  widerstritte  dem  schon  die  angäbe  des  briefes:  ne  nos  totere  ipso- 
rum  nefartos  ritus  ae  fahulas  estimeni.  Schlagende  bestätigung  für  den  bericht 
der  YQlva  enthalten  die  fragen:  qtwmodo  auteni  suo  siibdere  doniinatui  vel  sui  jtiri^ 
facere  mundum  ante  se  setnper  consistentem  pottierunt?  unde  atäem  vel  a  quo  vel 
quando  substitutus  aut  gentium  primus  deus  vel  dea  fuerat?  Es  entspricht  völlig 
den  Intentionen  des  briefschreibers ,  dass  auf  solche  weise  der  missionar  sich  ganz 
an  den  vorstellungskreis  des  beiden  hingibt,  bis  er  ihn  auf  dem  eigenen  gebiete 
geschlagen  hat.  Das  theogonische  problem  bringt  den  beiden  schliesslich  in  die 
schlinge  der  sohlussfragen:  tUrum  autem  adfiue  generare  deos  deasque  alios  alias- 
que  suspieantur?  Vel  si  jam  non  generant,  quando  vel  cur  cessaverunt  a  concu- 
bitu  et  partu?  Si  auiem  adkuc  generant,  infinitus  jam  deorum  effectus  nume- 
rus est, 

Meyer  erwartet,  dass  sein  buch  nur  von  dem  einzig  richtigen  Standpunkt  aus, 
nämlich  dem  historischen  beurteilt  werde.  Ich  habe  in  vorstehendem  nur  die  historie 
reden  lassen,  die  Meyer  nicht  so  versäumen  solte,  wie  es  in  seinen  büchem  der  fall 
ist  Was  Meyer  zum  Verständnis  der  Snorreschen  comiiilation  beigebracht  hat,  ist 
widerom  so  nützlich,  dass  ich  den  wünsch  widerhole,  er  möge  nicht  länger  wasser 
in  das  bodenlose  fass  giessen  und  sich  begnügen,  das  theologische  quellenmatorial 
der  Gylfaginning  zusammenzutragen.  Die  arbeit  ist  notwendig,  und  man  möchte  sie 
gerne  in  seiner  band  wissen.  Entschliesst  er  sich  dazu,  die  composition  der  Gylfa- 
ginning zu  zergliedern,  dann  werden  ihm  auch  ihre  heidnischen  quellen  in  anderem 
lichte  erscheinen. 

MARBURQ   I.   H.,  DEOEMBEH  1891.  FRIKDRICH  KAUFFHANN. 


Diu  Wärheit,  eine  reimpredigt  aus  dem  11.  Jahrhundert.    Von  £•  Weede. 

•  

Kieler  diss.    65  s.    Leipzig,  G.  Fock.  1891.    2  m. 

„Textbearbeitung  nebst  darstellung  der  spräche  und  verskunst*^  ist  die  auf- 
gäbe, die  sich  der  Verfasser  vorgezeichnet  hat,  und  er  lässt  dem  gemäss  wie  in  einem 
kleinen  ausschnitte  die  verschiedenen  gebiete  unsei*er  Wissenschaft  an  uns  vorüber- 
ziehen. Solche  mannigfaltigkeit  wird  leicht  auch  die  leistungen  etwas  beeinflussen, 
vor  allem  wenn  ein  so  vielumstrittoues  gebiet  wie  die  metrik  nur  neben  andern  zur 
darstellung  komt.  Freilich  Weede  lässt  die  verskunst,  die  er  festgestelt  hat,  grund- 
legend auch  auf  die  textbearbeitung  zurückwirken,  womit  sich  seine  Stellung  in  die- 
sen fragen  sofort  kon zeichnet.  Er  sagt  selbst  (einleitung  s.  8):  „Mit  grösserer  freiheit 
bin  ich  verfahren,  wo  es  sich  darum  handelte,  die  zwei  verse  eines  reimpaares  auf 
die  gleiche  hcbungszahl  zu  bringen;  in  solchen  fällen  habe  ich  öfters  eine  ent- 
behrliche Partikel  oder  eine  überflüssige  adverbiale  bestimm ung  als  mutmass- 
lichen Schreiberzusatz  gestrichen.  Die  berechtigung  solcher  änderungen  glaube  ich 
kapitel  Y  nachgewiesen  zu  haben '^a  In  diesem  kapitel  geht  der  Verfasser  jedoch 
zunächst  von  der  Voraussetzung  aus:  „wir  dürfen  dem  dichter  nicht  zutrauen,  dass 
er  vei-se  von  ungleicher  hcbungszahl  zu  reimen  verband  ^   (s.  47)  und  stieicht  dann 


ÜBKR  WKEDfi,   WARHJEIT  403 

je  Dach  bedürfnis  nicht  nur  adverbia  wie  vil  (v.  04.  80)*;  tcol  (G9),  sondern  auch 
Possessivpronomina  wie  mhie  in  mtne  vil  liebe  (v.  27),  das  doch  in  v.  126  unbean- 
standet blieb;  ähnlich  iuwer  in  69.  Auch  inhaltsvollere  werte  werden  gestrichen, 
wie  in  75  (chur%en  %iten)\  der  parallelismus  wird  aufgehoben  in  68  (für  äne  wur- 
xen  unde  äne  saf  ähnlich  27),  der  sinn  verändert  in  49.  Vor  allem  fehlen  ver- 
suche, zu  erklären,  inwiefern  die  Schreiber  zu  einschaltungen  kommen  konten;  z.  b. 
wäre  in  einer  stelle  wie  182  des  stUen  st  die  not  liden  die  auslassung  des  pronomeus 
durch  einen  Schreiber  viel  leichter  erklärlich,  als  umgekehrt  der  einschub.  In  vers 
122.  123  tut  die  Umstellung  bei  Woede  der  syntax  gewalt  an.  Wo  nun  aber  die 
Streichungen  nicht  ausreichten,  teilt  Woede  in  zwei  verse  ab,  obwol  er  hier  gegen 
die  reimtechnik  verstösst  und  gegen  die  verstrennungspunkte,  die  uns  die  Schreiber 
ziemlich  genau  erhalten  haben.  Und  doch  ist  ihm  ja  nicht  entgangen,  dass  namentlich 
zur  markierung  von  abschnitten  längere  vei'se  beliebt  sind  (s.  48).  Ausserdem  ist 
bei  den  jüngeren  Schreibern  hier  ein  bestreben  ersichtlich,  überlange  verse  des  Origi- 
nals auf  kosten  der  reimtechnik  zu  kürzen  (vergleiche  die  falschen  trennungspunkte 
in  90.  91);  also  scheint  es  schon  hieraus  unrichtig,  die  überlangen  verse  den  Schrei- 
bern zuzuweisen.  Und  verse,  wie  sie  Weode  mit  38  Wide  leides  ansezt,  scheinen 
noch  bedenklicher  als  die  überlangen. 

.  Nach  dieser  seite  hin  möchte  ich  also  die  textgestaltung  bei  Weede  nicht  unbe- 
dingt als  fortschritt  gegen  die  ausgäbe  von  Waag  (Kleinere  gedieh to  des  XL 
und  XII.  Jahrhunderts.  Halle,  Niemeyer.  1890.  S.  125  fgg.)  ansehen,  vor  deren 
erscheinen  Weede  anscheinend  seine  arbeit  schon  abgeschlossen  hatte.  Dagegen  zeigt 
sich  nach  der  philologischen  seite  Weede  entschieden  im  vorteil.  Schon  die  tren- 
nung  und  Umstellung  in  18.  19  muss  einleuchten,  während  bei  37.  38  wol  noch 
nicht  alles  in  Ordnung  ist.  Glücklich  ist  die  Icsung  touiide  in  112,  wogegen  in  114 
wol  besser  mit  Kraus  (A.  f.  d.  a.  XVII,  s.  29)  xiuJiet  üx,  einzusetzen  wäre.  Die 
lesungon  lieben  (27),  triuivun  (103),  ewarte  (111),  missetröstan  (146),  winde  (165) 
haben  jodosfals  das  für  sich,  dass  sie  —  ohne  grammatikalische  bedenken  zu  erre- 
gen —  die  i*eimtechnik  heben.  Wenn  sie  also  auch  nicht  gerade  bindend  sein  kön- 
nen,^ so  befriedigen  sie  wenigstens  die  fordorung,  dass  eine  textbearbeitung  auch 
etwas  von  einer  arbeit  an  sich  trage. 

Die  anmerkungen  Weodes  zu  seinem  texte  vei'dienen  von  den  verschiedensten 
gesichtspunkten  aus  lob.  Dass  wir  freilich  solche,  wie  die  zu  v.  49.  75  beanstan- 
den, erklärt  sich  aus  dem  oben  gesagten.  Die  ausführungen  über  die  spräche  und 
über  den  vors  bau  dos  gedichtes  (abschnitt  IV  und  V)  machen  den  eindruck  von 
gi-ündlichkeit  mid  zeigen  boobachtungsgabe.  Die  druckfehler  hat  der  Verfasser  selbst 
sorgsam  berichtigt. 

HEIDELBERG,   MAI   1892.  U.   WUNDEBLICH. 


Prothese  und  aphaorese  des  h  im  althochdeutschen.    Von  Uermann Garke» 
(Quellen  und  forschungon  09.)    X  und  127  s.    Sti-assburg,  Tiübnor.  1891.     3  m. 

„Orthographische  uugenauigkeiten '*  werden  die  erscheinungen  gerne  genant, 
die  Oarke  zu  eingehender  Untersuchung  heitinzieht;  und  von  diesem  gesichtspunkte 
aus  wird  zur  erkläruug  gewölmlich  auf  das  romanische  zurückgegriffen,    das  ja  auf 

1)  In  24  Oevü  vü  wol  ist  das  vil  mit  recht  als  vorschreihung  aafgofasst. 

2G* 


404  WÜNDERUCH,  ÜBEB  QAREE,  PROTHKSB  UND  APHÄRESB  DES  h 

die  schriftliche  fixierung  unserer  spräche  so  entscheidenden  einlluss  ausgeübt  hat. 
Wie  im  romanischen  prothese  und  aphärese  hand  in  hand  gehen  als  verschiedenartige 
zeugen  desselben  lautvorganges,  nämlich  der  Unsicherheit  im  vokaleinsatze,  so  hat 
man  beide  auch  für  das  deutsche  aus  einer  wurzel  abgeleitet.  Garke  stelt  sich  dem 
gegenüber  zunächst  rein  auf  deutschon  boden;  auf  diesem  sondergebiet  löst  sich  ihm 
auch  die  prothese  völlig  ab  von  der  aphärese,  und  er  gelangt  dazu,  dem  prothe- 
tischen  h  den  Charakter  eines  volwertigon  selbständigen  lautes  zu  sichern,  der  am 
einzelnen  werte  haftet;  wahi'end  die  aphärese  den  wechselfällen  des  satz-  und 
Wortzusammenhanges  unterliegt,  der  am  einzelnen  werte  das  anlautende  h  nicht 
immer  zur  geltung  kommen  lässt. 

Garke  hat  also  prothese  und  aphäi'ese  ganz  und  gar  auf  das  phonetische  gebiet 
verlegt,  während  beiden  bei  Braune  (Ahd.  gi*amm.  §  152,  1  und  §  153,  anm.  2)  nur 
graphische  existenz  zugestanden  wird^  Diese  ist  freilich  auch  für  Garke  der  aus- 
gangspunkt,  und  er  hat  ihr  durch  sorgfältige  Statistik  eine  so  breite  gi'undlage  geschaf- 
fen, dass  er  für  die  prothese  900  belege  ins  treffen  führen  kann  —  eine  zahl,  die 
jene  erscheinung  über  die  blosse  „ungenauigkeit*^  hinaushebt,  auch  weim  mit  Stein- 
meyer DLZ.  XIII,  s.  755  einige  belege  gestrichen  werden  müssen.  Die  stofliche 
beschränkung,  die  in  dem  thema  liegt,  wird  erfreulich  ergänzt  durch  die  volle 
beherschuug  des  eng  begrenzten  raumes,  und  aus  dieser  Verbindung  keimen  hüb- 
sche ergebnisse  auf.  Es  gelang,  die  räumliche  Verbreitung  der  prothese  abzugren- 
zen (s.  30),  in  dem  alle  dialektisch  volkommen  gesichci*ten  fälle  dem  westdeut- 
schen gebiete  angehören,  während  die  b airischen  denkmälcr  die  prothese  nur  in 
spuren  fremder  dialekte  zeigen.  Ausserdem  ergab  sich  für  die  prothese  selbst  als 
mitbestimmender  factor  der  dem  vokale  folgende  konsonant,  indem  spirantische  und 
sonore  laute  in  erster  linie  beteiligt  sind  (s.  11);  und  endlich  haftet  die  erscheinung 
am  werte  selbst  und  von  ihm  ausgehend  auch  an  gewissen  durch  die  bedeutug  zusam- 
mengehaltenen gruppen  (s.  21). 

Dieser  feststellung  von  tatsachen  hat  der  Verfasser  nun  auch  noch  den  ver- 
such einer  erklärung  zur  seite  gcstelt,  wobei  er  sich  an  ein  Hamburger  programni 
von  A.  Faul  anschliesst  Mit  der  lockerung,  dem  leisenK'erden  des  vokalischcn 
anlautes  im  Satzzusammenhang  soll  sich  die  entwicklung  eines  leisen  hauches  ver- 
binden, ähnlich  wie  sich  der  lateinisch  -  romanische  Spiritus  lenis  entwickelte,  wie 
sich  auch  im  silbenanlaute  im  wortinnem  der  verba  pura  ähnliches  volzog.  An  die- 
ser entwicklung  hatten ,  wie  schon  hervorgehoben ,  die  folgekonsonanten  ihi'en  bestirn- 
ten anteil,  und  der  Charakter  des  leisen  hauches  wurde  dann  durch  die  analogie  des 
h  zum  volwertigon  hauchlaute  verschärft.  Ob  dieser  erklärungsgrund  das  richtige  trift, 
kann  wol  erst  nach  umfassenden  phonetischen  Untersuchungen  festgestelt  werden; 
nameuÜich  dürfte  eine  beobachtung  des  heutigen  bairischen  vokaleinsatzes  im  gegcn- 
satze  zum  westdeutschen  hier  wol  nicht  umgangen  werden. 

Die  aphärese  ist  knapper  behandelt  woi-don,  als  die  prothese;  für  sie  sind 
auch  einzelne  fälle  zugestanden  worden,  in  denen  „individuelle  fehlerhafte  ausspräche" 
vorliege,  die  keinen  anspruch  erheben  könne  „in  das  gesamtbild  der  deutschen 
Sprache  aufgenommen  zu  werden  *'  (s.  45).  Vielleicht  gilt  ein  ähnlicher  erklärungs- 
grund auch  für  die  vereinzelte  prothese  einiger  denkmäler,  die  Garke  dem  bairischen 
dialekte  abgesprochen  hat,  vgl.  Braune  im  Litt,  centralblatt  1892  (s.  650). 

1)  Wirklichon  laatwort  teilt  Braano  einom  anderen  h  zn,  «las  sich  anlautend  zwischen  zwei 
vokalen  entwickelt  (§  152  b);  Garke  spricht  aber  diesem  h  za<^animonhang  mit  der  prothese  ab  (s.  9). 


F.   VOOT,   ÜBEB  LIOHTENBEROKB,   NIBELUNGEN  405 

Die  darstelluDg  ist  klar,  die  spräche  flüssig.  Die  belegsteilen  sind  Doch  den 
denkmälern  (s.  49  fgg.)  und  nach  begnfiichen  gmppen  (s.  83  fgg.)  geordnet,  wobei 
sehr  dankenswert  ist,  dass  das  pronomen  der  3.  person^  und  worte  wie  huwo  and 
ekfant  für  sich  betrachtet  werden  (s.  110  fgg.)-  Auch  jüngere  prothese  und  aphärese 
(s.  122  fg.)  werden  aufgeführt,  soweit  ihnen  keine  ahd.  parallelen  zui'  seite  stehen. 
Systematische  volständigkeit  konte  hier  natürlich  nicht  erzielt  werden.  Das  Verzeich- 
nis auf  Seite  15  fgg.  nimt  ergebnisse  desjenigen  auf  seite  83  fgg.  vorweg,  ohne  damit 
viel  nutzen  zu  stiften.  Namentlich  die  eini*eihung  von  begriffen  wie  glatxe,  atinn 
ohne  beifügung  eines  für  prothese  empfanglichen  lautbildos  muss  den  leser  eher  ver- 
wirren als  aufklären.  —  Die  Schlusszeilen  auf  seite  19  über  die  beiden  Schreiber  der 
Heliandstellen  (102  imd  4144)  haben  das  tatsächliche  Verhältnis  gerade  umgekehrt; 
sonst  sind  mir  keine  derartigen  Verstösse  aufgefallen. 

HSmELBERO,   FEBR.   1892.  H.   WUNDERLICH. 


Le  poeme  et  la  legende  des  Nibelungen  par  H.  Uehtenbergrer,  docteur  es 
lettres,  maitre  de  Conferences  ä  la  faculto  des  lettres  de  Nancy.  Paiis,  Hachetto. 
1891,    442  s.    Preis? 

Es  ist  ein  zeichen  für  den  pai'teigeist,  der  die  deutsche  Nibelungenfoi*schung 
beherscht  oder  beherschte,  dass  uns  noch  bis  heute  eine  einleitung  in  unser  grosses 
nationalepos  fehlt,  welche  mit  ruhigem,  rein  sachlichem  urteil  die  verschiedenen 
hypothescn  über  dasselbe  klarlegte  und  auf  grund  selbständiger  und  unbefangener 
prüfung  und  forschung  die  einschlägigen  fragen  erörterte  und  förderte.  Ein  franzö- 
sisches werk  ist  es,  welches  unter  obenstehendem  titel  zuerst  wenigstens  einen 
wesentlichen  teil  dieser  aufgäbe  löst.  Der  Verfasser  gibt  zunächst  eine  Übersicht  über 
den  inhalt  des  gedichtes,  indem  er  zugleich  auf  dessen  ungleichmässigkeitcn  wesent- 
lich im  anschluss  an  Lachmanns  kritik  aufmerksam  macht.  Er  stelt  sodann  in  kur- 
zen zügen  Lachmanns,  Müllenhoffs,  Holtzmanns  und  Bartschs  hypothese  dar,  wobei 
er  Holtzmanns  aufstellungen  und  die  Vermutungen  über  des  Künibergers  beziehungen 
zum  Nibelungenlied  als  völlig  haltlos  von  der  weiteren  Untersuchung  ausscheidet;  auf 
ein  ui*teil  über  die  grössere  urspiünglichkeit  von  A  oder  B  verzichtet  er  von  vorn- 
herein ebenso  wie  auf  jede  orörteiimg  des  rein  formalen;  den  gegenständ  seiner  Unter- 
suchung soll  ausschliesslich  einerseits  der  stoff,  andererseits  der  anschauungskreis 
der  dichtung  bilden;  bei  beiden  sind  aber  ältere  und  jüngere  demente  von  einander 
zu  sondern,  und  so  greifen  diese  Studien  überall  in  die  fi-age  nach  der  entstehungs- 
und  entwickeluugsgeschichte  des  Nibelungenliedes  ein.  Sie  sind  geeignet  zur  entschei- 
dung  darüber  beizutragen,  inwieweit  es  ein  individuelles  werk,  in  wieweit  es  das 
natürliche  erzeugnis  der  vereinigten  tätigkeit  österreichischer  spielleute  ist,  und  ob 
sich  dem  entsprechend  die  wage  mehr  zu  Lachmanns  oder  zu  Bartschs  gunsten  neigt. 
So  werden  denn  nun  weiter  nach  einem  überblick  über  die  quellen  die  historischen 
bestandteile  und  der  Ursprung  der  sage  kui'z  erörtert,  sodann  die  einzelnen  teile  der- 
selben ausführlich  in  der  weise  behandelt,  dass  die  verschiedenen  berichte  verglichen, 
die  älteste  form  und  deren  umwandelungen  festgestelt,  insbesondere  die  darstellung 
des  Nibelungenliedes  auf  ihre  grössere  oder  geringere  ursprünglichkeit,  auch  auf  das 
über-  oder  nebeneinanderliegen  von  schichten  vei*schiedenen  alters  untersucht  wird. 

1)  Garke  leitet  diese  pronominalfonnen  mit  h  nicht  von  einem  entsprechenden  stamme  ab,  son- 
dern erklärt  sie  dozch  prothese.  # 


406  P.  VOGT 

Dor  Verfasser  komt  zu  dem  resultat,  dass  unserem  opos  wirklich  einzelne  lieder  zu 
grande  liegen,  um  die  sich  nach  und  nach  jüngere  bestandteilo  ansezten,  so  jedoch, 
dass  alle  stücke  immer  die  glieder  einer  grossen  kette  bildeten  und  jedem  neu  hin- 
zutretenden von  vornherein  sein  bestimter  platz  zukam.  Man  kann  seiner  meinung 
nach  zugeben,  dass  sich  der  inhalt  eines  Lachmannschen  und  der  eines  alten  licdes 
vielfach  deckt.  Es  hat  sicher  lieder  von  Siegfrieds  ankunft  in  "Worms  (I),  von  Brün- 
hild  (IV  und  V),  von  Siegfrieds  tod  (VIII)  gegeben,  und  es  ist  äusserst  wahrschein- 
lich, dass  sie  in  den  entsprechenden  abschnitten  des  Nibelungenliedes  mehr  oder 
weniger  getreu  widergegeben  sind;  ähnliches  gilt  für  den  zweiten  hauptteil  des  opos. 
Aber  darum  besitzen  wir  noch  nicht  die  alten  originallieder.  Welche  Veränderungen 
die  dichtungen  in  den  bänden  der  spielleute  erfuhren,  können  wir  an  anderen  epen 
sehen.  Die  einzehien  teile  des  Nibelungenliedes  stimmen  im  stile  doch  immer  viel 
mehr  überein  als  irgendwelche  selbständigen  volksepen.  Vor  allem  setzen  die  offen- 
bar älteren  stücke  unserer  dichtung  vielfach  die  jüngeren  voraus  oder  bereiten  sie  vor. 
Alles  das  spricht  dafür,  dass  wir  das  ganze  nur  in  einer  durch  verschiedene  bände 
nicht  allein  erweiterten,  sondern  auch  überarbeiteten  gestalt  besitzen.  Die  ursprüng- 
liche form  dor  lieder,  auf  denen  es  aufgebaut  ist,  wird  sich  daher  nicht  mehr  her- 
stellen lassen. 

Es  folgen  einige  kapitel,  welche  die  auf  den  könig,  den  holden,  das  weib 
bezüglichen  anschauungen ,  sitten  und  poetischen  motive  des  Nibelungenliedes  dar- 
stellen. Unter  vergleichung  der  altgermanischen  Verhältnisse  nach  Tacitus  und  der 
behandlung  der  entsprechenden  dinge  in  der  spielmannspoesie  und  in  der  höfischen 
dichtung  wird  auch  diese  Seite  imseres  epos  entwickelungsgoschichtlich  beleuchtet 
Eine  kurze  Übersicht  über  die  geschichte  der  Nibelungensage  und  -dichtung,  wie  sie 
sich  nach  allem  vorangegangenen  darstelt,  bildet  den  schluss.  Anhangsweise  ist  noch 
eine  recht  zweckmässige  Übersicht  über  die  quellen  der  sage,  eine  Zusammenstellung 
der  Zeugnisse  über  sie  und  ein  gut  ausgewähltes  Verzeichnis  der  wichtigsten  littera- 
tui-  beigegeben. 

Der  Verfasser  behei-scht  seinen  gegenständ  durchaus;  er  ist  auch  in  der  neue- 
ston foi-schung  volständig  bewandert,  und  in  dem  streite  der  meinungcn  trift  er  mit 
klarem  und  besonnenem  urteil  seine  entscheidung.  Bei  seiner  Stellung  zur  liedcr- 
theorie  weiss  er  sich  im  einklang  mit  anschauungen,  die  neuerdings  verschiedene 
germanisten  unabhängig  von  einander  kundgegeben  haben  (s.  324  amn.).  Da  auch  die 
von  mir  im  Grundriss  der  germ.  philologio  ausgesprochenen  dazu  gehören ,  so  brauche 
ich  nicht  auch  meinerseits  noch  hervorzuheben,  dass  ich  im  prinzip  mit  dem  Verfas- 
ser zusammentreffe.  Doch  nehme  ich  sowol  für  den  als  älteste  grundlage  vorauszu- 
setzenden liedercyklus  als  auch  für  gewisse  elomente  der  bearbeitung  mehr  plan  und 
Zusammenhang  an.  Die  gründe  dafür  auseinanderzusetzen  und  des  weiteren  auf  alle 
einzelheiten  einzugehen,  bei  denen  ich  in  dieser  frage  mit  dem  Verfasser  nicht  über- 
einstimme, muss  ich  mir  hier  versagen.  Er  erhebt  ja  auch  keineswegs  den  anspruch, 
diese  dinge  irgend  erechöpfend  behandelt  zu  haben.  Aber  schärfer  hätte  er  seine 
Stellung  zu  Lachmanns  anschauungen  doch  wol  unter  allen  umständen  bestimmen 
können,  sowol  wo  er  mit  ihnen  übereinstimt  als  wo  er  von  ihnen  abweicht. 

Dass  er  sich  nicht  einmal  für  die  priorität  von  A  oder  B  entscheidet,  hat 
allerdings  tatsächlich  weniger  zu  bedeuten,  als  man  meinen  könte.  Bei  seinen  eror- 
terungen  folgt  er  doch  Lachmanns  ausgäbe,  und  sie  würden  wol  nirgend  anders  aus- 
gefallen sein,  wenn  er  sich  zu  A  bekant  hätte.  Wamm  er  das  nicht  getan  hat, 
gestehe  ich  nicht  recht  einzusehen.     Da  ihm  z.  l^  der  unterschied  der  str.  13  fg^. 


ÜBKR  LIOHTENBIROER,  NIBILTTNOICN  407 

vom  voTfaergehenden  volständig  klar  ist  und  er  auch  hier  nach  A  übersezt  (s.  9),  so 
hat  er  doch  auch  sicherlich  die  überzeuguDg,  dass  A  mit  dem  selbständigen  anfang 
der  str.  13  ^  troumde  Kriemhilie  usw.  gegen  BC,  wo  die  Verbindung  mit  der  ein- 
leitung  hergestelt  ist  (In  disen  hohen  eren  usw.),  das  ursprüngliche  bietet 

Mehr  bedeutung  hat  es,  dass  der  Verfasser  sich  andrerseits  doch  hie  und  da 
stärker  unter  dem  banne  der  Lachmanschen  kritik  befindet,  als  es  eigentlich  seinen 
grundanschauungen  entspricht;  so  wenn  er  gelegentlich  die  von  Lachmann  ausgeschie- 
denen Strophen  an  bedeutender  stelle  stilschweigend  bei  seite  lässi  Das  geschieht 
z.  b.  bei  str.  1528.  Es  liest  sich  ja  recht  schön,  wenn  er  mit  forÜassnng  derselben 
die  mitteilung  Hagens  über  die  prophezeiung  der  meeijungfrauen  und  die  Schilderung 
ihrer  Wirkung  folgendermassen  berichtet:  il  leur  rephte  la  pridieWon  des  ondines, 
„Je  vats  vons  annoneer  de  terribles  üouvelles:   naus  ne   reviendrons  jamaia  au 

pays  des  Burgondes  (1527) Et  ees  nauvelles  voUrent  de  rang  en  rang  et  les 

heros  rapides  pcUtrent  usw.*^  (1530).  Aber:  1.  sagt  Hagen  str.  1527  auch  noch  nu 
enthalt  iueh,  ritter  unde  kneht.  man  sol  vriunden  volgen:  ja  dunket  ez  mich  reht. 
Er  lässt  also  die  schon  in  marsch  befindlichen  halt  machen,  weil  er  ihnen  einen  rat 
geben  will,  den  sie  befolgen  sollen.  Dieser  itit  aber  wird  einzig  und  allein  in 
str.  1528  orteilt:  nu  rät  ich  wax  man  tue:  dax  ir  iueh  wäfent,  helde.  ir  suU  iuch 
tcol  betcam:  wir  haben  hie  starke  rinde;  dax  wir  gewerliehen  vam.  Streicht  man 
diese  Strophe  und  bezieht  man  die  eindringliche  mahnung  Hagens  ihm  zu  folgen  nur 
auf  die  aufforderung  zum  halt  machen,  so  muss  man  denken,  er  wolle  das  beer  von 
der  Weiterreise  abhalten.  2.  Widerum  nur  in  str.  1528  sagt  Hagen,  dass  er  seine 
Prophezeiung  von  den  meerweibem  habe.  Diese  berufung  auf  die  göttlichen  firauen 
ist  aber  ganz  unerlässlich ,  wenn  seine  werte  einen  so  gewaltigen  eindruck  hervorrufen 
sollen.  Nach  str.  1452  hat  ihm  niemand  glauben  geschenkt,  als  er  von  der  reise 
abriet  (von  der  darstellung  im  XIII.  liede  ganz  zu  schweigen);  und  jezt  soll  seine 
ohne  jede  gewähr  vorgebrachte  behauptung,  dass  keiner  von  der  reise  heimkehren 
werde,  das  ganze  beer  erbleichen  machen,  ohne  dass  irgend  jemand  fragt,  wie  er  zu 
dioser  meinung  komme!  Str.  1528  ist  also  ganz  unentbehrlich.  Damit  ist  aber  erwie- 
sen, dass  die  erzählung  vom  kämpfe  mit  Else  imd  Gelpfrat,  mag  man  nun  über  ihr 
alter  denken  wie  man  will ,  jedesfals  an  dieser  einen  stelle  mit  Lachmanns  XIV.  liede 
unauflöslich  verknüpft  ist.  —  In  anderen  fällen  sind  derartige  Verbindungen  der  nach 
Lachmann  älteren  und  jüngeren  teile  dem  Verfasser  nicht  entgangen.  So  bemerkt  er 
mit  vollem  rechte  bezüglich  des  YIII.  liedcs,  welches  ja  als  ein  rechtes  paradestück 
von  den  anhängem  der  Lachmann -Müllenhoffschen  hypotheso  vorgeführt  zu  werden 
pflegt,  in  den  vei^sen  921,  4  er  sach  nach  einem  bilde  an  des  küenen  gewant  und 
922,  2  er  schox  in  durch  dax  eriuxe  scheine  ihm  die  anspielung  auf  das  VH.  lied  so 
evident  wie  nur  möglich.  Er  hätte  aber,  da  hier  von  einer  ausscheidbaren  interpo- 
lation  nicht  die  rede  sein  kann,  ohne  jede  einschränkung  den  schluss  daraus  ziehen 
können,  dass  ein  selbständiges  VIII.  lied  nicht  mehr  hergestelt  werden  kann,  dass 
wir  es  nur  in  einer  fassung  besitzen,  in  der  es  mit  dem  (jüngeren)  siebenten 
auf  das  engste  verbunden  ist  Es  scheint  mir  noch  nicht  bostimt  genug,  wenn 
der  Verfasser  dazu  nur  bemerkt,  die  ablohnung  der  möglich koit,  dass  die  alten 
lieder  überarbeitet  seien,  führe  zu  sehr  unwahrscheinlichen  hypothesen,  und  man 
würde  hier  z.  b.  annehmen  müssen,  dass  der  urheber  des  VIII.  liedes  ein  dem  VH. 
entsprechendes  aber  älteres  gekaut  haben  müste.  Es  handelt  sich  nicht  allein  darum, 
woher  er  den  zug  kent,  sondern  auch  darum,  wie  er  ihn  erzählt  Er  konte  ihn  so 
wio  es  hier  geschieht  nur  berühren,  wenn  vorher  der  nötige  aufschluss  über  das  zei- 


408  F.  VOÖT 

eben  auf  Siegfrieds  kloid  gegeben  wai*.  Sonst  müsto  man  ibm  ein  ungescbick  in  der 
erzäblung  zuschreiben,  wie  es  den  schlimsten  der  vielgctadelten  interpolatorensünden 
würdig  zur  seile  zu  setzen  sein  wüixlo.  Denn  es  handelt  sich  ja  hier  durchaus  nicht 
um  ein  sagenmotiv,  welches  ein  dichter  als  albekant  und  selbstverständlich  voraus- 
setzen konte;  vielmehr  um  einen  zug,  von  dem  keiner  der  anderweitigen  berichte 
von  Siegfrieds  ermordung  auch  nur  das  geringste  weiss.  Wer  also  eine  ältere  grond- 
lage  des  YU.  liedes  voraussetzen  wolte,  müste  schon  annehmen,  dass  der  Verfasser  des 
VIII.  diese  nicht  nur  gekaut,  sondern  dass  er  sein  lied  auch  im  anschluss  an  sie  gedich- 
tet hätte,  damit  es  nur  mit  ihr  zusammen  vorgetragen  würde.  Um  die  Selbständig- 
keit des  YlII.  liedes  würde  es  also  dann  ebensowol  geschehen  sein,  und  die  ganze 
annähme  würde  keinen  schritt  weiter  führen.  —  In  andern  fällen  würde  den  verÜEis- 
ser  gewiss  schon  ein  eingehen  auf  die  einzelheiten  von  Lachmanns  textherstellung  zu 
einer  noch  entschiedeneren  ablehnung  der  alten  liedertheorie  gebracht  haben,  doch 
lag  ja  das  seinem  progranmi  fem.  Ich  will  daher  auch  meinerseits  nur  noch  auf 
einige  litterarhistorische  und  sagengeschichtliche  punkte  eingehen. 

Bezüglich  des  Eürnberges  bemerkt  der  Verfasser  s.  56,  dass  man  über  alles 
was  ihn  betrift  est  aitive  au  sceptieisme  le  plus  cmnpht.  Ich  glaube,  dass  bei  den 
vielbesprochenen,  vom  Verfasser  auf  s.  55  fg.  behandelten  Strophen  MF  8,  1  und 
9,  29  vor  allem  folgendes  zu  erwägen  ist.  Wir  müssen  uns  zunächst  unter  allen 
umständen  gegenwärtig  halten,  dass  wir  es  hier  nicht  mit  den  bei  einer  bestimten 
Situation  gesprochenen  woiien,  sondern  mit  einem  gedichte  zu  tun  haben.  Auch  wenn 
wir  uns  mit  Steinmeyer  A.  f.  d.  a.  14,  122  fg.  die  strophe  8, 1  an  den  boten  gerichtet 
denken,  können  wir  doch  unmöglich  annehmen,  dass  sie  von  der  frau  diesem  wirk- 
lich so  zugesungen  sei.  Oder  sollen  wir  glauben,  dass  sie  dem  boten  ihren  befehl 
in  poetisch  musikalischer  form  vorgetragen  habe,  dass  dieser  ihn  dann  dem  ritter, 
dem  der  auftrag  galt,  wider  vorgesungen  und  dass  MF  9,  29  der  ritter  alsbald  in 
derselben  vers-  und  strophenform  seinen  waffenknecht  mit  dem  befehl  angesungen 
habe,  ihm  ross  und  harnisch  zu  bringen,  damit  er  sich  vor  der  alzu  liebebedürftigen 
landesherrin  rette?  Und  das  alles  wäre  uns  dann  urkundlich  getreu  überliefert? 
Denkt  man  sich  aber  die  erste  strophe  etwa  als  eine  von  der  frouwe  dem  ritter 
schriftlich  zugestelte  poetische  liebesbotschaft,  so  weiss  ich,  von  andern  Schwierig- 
keiten abgesehen,  nicht,  wie  str.  9,  29,  für  die  man  dann  doch  zweifellos  mit  dem- 
selben rechte  eine  wirkliche  Situation  voraussetzen  muss,  als  antwort  auf  den  liebos- 
brief  in  versen  erklärt  worden  soll;  und  in  jedem  falle  fohlt  mir  das  Verständnis 
dafür,  wie  überhaupt  ein  weib,  und  noch  dazu  eine  landesherrin,  sich  in  wiiklichkeit 
mit  einer  so  begehrlichen  und  so  kategorischen  liebeserklärung,  mit  einem  liebes- 
befehl  bei  strafe  der  landes Verweisung,  einem  ihr  unbekanten  ritter  offen  an  den  hals 
wei'fcn  könte.  Die  auffassung,  welche  Steinmeyer  für  die  wahrscheinlichere  erklärt, 
dass  str.  8,  1  überhaupt  nicht  von  einer  frau,  sondern  von  dem  dichter  der  dazu 
gehörigen  str.  9,  35  verfasst  sei,  ist  also  doch  wol  die  einzig  gegebene.  Dann  kön- 
nen wir  natürlich  gar  nicht  wissen,  ob  und  in  wie  weit  diese  strophe  an  irgend  ein 
erlebnis  des  dichters  anknüpfen  mag;  aber  sicher  wissen  wir,  dass  die  rede  der  dame 
fingieii;,  dass  die  ganze  poetische  gcstaltung  der  Situation  des  dichters  eigentum  ist 
Zu  welchem  zwecke  kann  er  nun  unter  diesen  umständen  in  diesem  liedchen  den 
Kürenberc  genant  haben?  Das  singen  gerade  der  Eürenberges  vnse  lediglich 
als  Signalement  für  den  aufzusuchenden  sängor  anzugeben,  würde  meines  orachteos 
recht  pedantisch  und  darum  auch  unpoetisch  sein,  wenn  die  bosonderheit  dieses 
Signalements  an  sich  gai'  kein  interesso  und  keinen  wert  hätte,   ebensogut  durch  ein 


ÜBER  UCHTENBKBOKB,   NIBKLUNQEN  409 

anderes  ,  besonders  kenzcichoii'^  oi'sezt  werden  könte.  Wo  sonst  in  einem  liede  ein 
dichtemame  genant  wird,  da  handelt  es  sich  stets  uni  irgend  eine  besondere  bezie- 
hung  zwischen  dem  Verfasser  und  jenem  anderen  dichter,  und  irgend  eine  besondere 
absieht  komt  in  betracht,  sei  es  auszeichnung,  sei  es  herabsetzong  des  genanten  oder 
dergleichen.  Wenn  nun  hier  Eürenberc  als  Verfasser  der  weise  genant  wird,  deren 
gosang  einen  so  überwältigenden  eindruck  auf  die  dame  macht,  so  bedeufet  das 
für  ihn  als  dichter  zweifellos  ein  ganz  besonderes  lob.  Soll  der  Verfasser  des  liedes 
dies  einem  kunstgenossen  gezolt  haben?  Wenn  er  selbst  unter  dem  sänger  verstan- 
den sein  will,  durch  dessen  lied  die  frouwe  sich  so  hinreissen  lässt,  so  würde  diese 
Schmeichelei  gegen  den  kunstgenossen  eine  starke  beeinträchtigung  der  eigenen  kunst- 
leistong  enthalten;  und  eine  solche  würde  doch  hier  durchaus  nicht  am  platze  sein, 
wo  der  dichter  nur  die  ausserordentliche  Wirkung,  die  gerade  er  mit  seinem  gesange 
erzielt  hat,  zur  geltung  bringen  will;  sie  würde  überdies  einem  so  selbstbewusten, 
von  seiner  unwiderstehlichkeit  so  durchdrungenen  dichter,  wie  er  sich  sonst  in  die- 
sem liede  zeigt,  durchaus  nicht  anstehen.  Soll  aber  unter  dem  sänger  in  8,  1  (und 
damit  natürlich  auch  unter  dem  in  9,  29  redenden)  nicht  der  dichter,  sondern  eine 
unbestimte  persönlichkeit  gemeint  sein,  ist  also  das  ganze  rein  episch  oder  dramatisch, 
nicht  lyrisch  gedacht,  so  gewint  voUens  die  in  diesem  falle  einzige  beziehung  auf  eine 
bestirnte  person,  welche  durch  die  nennung  des  Eürenberc  erfolgt,  ein  ganz  beson- 
deres interesse,  und  es  wird  nicht  auch  hier  noch  irgend  ein  dritter  darunter  zu  ver- 
stehen sein.  In  beiden  föllon  ist  es  durchaus  das  natürliche  anzunehmen,  die  weise, 
deren  gesang  der  dichter  solche  wunder  tun  lässt,  sei  seine  eigene.  Jede  andere 
auslegung  nimt  meines  erachtens  dem  liedchen  ebensowol  seine  pointe,  wie  das  bei- 
spielsweise bei  dem  liede  MSH  I,  151  fgg.  (Minor,  Ulrich  v.  Wintcrstetten  s.  21) 
geschehen  würde,  wenn  man  behaupten  wolte,  der  Schenk,  dessen  lieder  da  nach 
den  reden  der  muttor  imd  der  tochter  eine  so  grosse  und  so  verführerische  Wirkung 
haben,  sei  nicht  der  dichter  dieses  liedes,  es  sei  nur  von  dem  samler  unter  seinen 
nanien  gebracht,  weil  dieser  darin  genant  sei.  Von  den  beiden  möglichkeiten ,  die 
ich  botrefs  der  persönlichkeit  des  in  unserem  liede  eingeführten  sängers  andeutete, 
ist  mir  die  annähme,  der  dichter  wolle  sich  mit  ihm  identificieren ,  entschieden  die 
wahrscheinlichste.  Das  motte,  welches  er  zum  schluss  für  sein  ganzes  minnewerben 
aufstelt:  icip  unde  vederspil  diu  werdefit  Itkte  xam,  stcer  si  xe  rehte  lucket  so 
suochent  si  den  man  gilt  auch  für  dies  kecke  licdchcn,  nach  welchem  selbst  die 
horrin  eines  landes  den  unwiderstehlichen  sänger  succhet  und  er  sie  dann  obendrein 
noch  ablaufen  lässt.  Die  verhüllende  art,  in  der  er,  der  Kürenberc  selbst,  sich  hier 
bezeichnen  lässt,  entspiicht  dem  gebrauche,  den  er  beobachtet,  wenn  er  mit  dem 
ein  schoene  ritter  10,  21  sich  selbst  meint,  wenn  er  die  frouwe,  die  sich  selbst  mit 
dem  geliebten  zusammenwünscht,  rufen  lässt  got  sende  si  xcsamenc  die  gerne  geliehe 
wellen  sin,  und  wenn  er  derjenigen,  die  sich  nach  dem  manne  sehnt,  die  worte  in 
den  mund  legt:  was  ich  wünsche  ist  den  Hüten  gel  ich,  —  Für  irgend  eine  der  unter 
seinem  namen  überlicfei-tcn  Strophen  eine  frau  als  Verfasserin  anzunehmen,  liegt  kein 
grund  vor,  da  wir  einmal  wissen,  dass  schon  die  ältesten  lyriker  frauen  i-edend  ein- 
führen. Gerade  das  als  besonders  weiblich  zsni.  gelobte  liedchen  stcentie  ich  stän 
aleine  in  mineni  hemede  8,  17  gibt  ein  bild  von  der  geliebten,  wie  es  sich  nur  die 
Phantasie  des  liebenden  ausmalt:  dass  ihre  „färbe  erblüht  wie  die  rose  am  dom- 
strauch^  bezeichnet  das  erröten  so  wie  es  ein  anderer  anschaut,  nicht  so  wie  man  es 
selbst  empfindet;  sie  könte  nur  etwa  sagen:  ich  fühle,  wie  mir  das  blut  in  die  Wan- 
gen steigt;   sonst  würde  sie  die  öusserung  ihrer  gemütsbewcgung  gewissennassen  im 


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Spiegel  beobachten,  und  das  wäre  mindestens  nicht  naiv.  Ich  sehe  also  keine  ver- 
anlassung, weshalb  wir  an  der  richtigkeit  der  handsohrifüiclien  Überlieferung  zweifeln 
selten,  nach  welcher  diese  unter  allen  umständen  in  ritterlichem  kreise  entstandenen 
lieder  demselben  ritterlichen  dichter  zuzuschreiben  sind.  Sein  name  von  Eürenborc 
ist  in  der  zeit,  in  der  gegend  und  in  dem  stände,  in  welche  wir  den  Verfasser  aus 
verschiedenen  gründen  ohnehin  werden  setzen  müssen,  urkundlich  nachgewiesen;  dass 
ein  Kürenberc  lieder  gedichtet  hat,  geht  aus  8,  5  zweifellos  hervor;  dass  er  die  vor- 
liegenden lieder  verfasste,  wird  durch  ebendiese  stelle  nach  der  vorgeh-agenen  aus- 
legung  nicht  widerlegt,  sondern  bestätigt.  Die  form  der  lieder  7,  19 — 10,  24  findet 
sich  sonst  in  keinem  lyrischen  gedichte;  sie  taucht  erst  wider  im  Nibelungenliede  und  in 
späteren  epen  auf.  Daraus  schliossen  zu  wollen ,  dass  der  Kürenberc  auch  das  Nibe- 
lungenlied gedichtet  habe,  ist  schon  deshalb  unberechtigt,  weil  die  grundvoraussetzung 
dieser  annähme,  dass  kein  dichter  eines  anderen  weise  entlehnen  durfte,  nicht  durch- 
aus zutrift,  und  weil  wir  vollens  über  das  Verhältnis  der  epischen  zu  den  lyrischen 
formen  in  dieser  beziehung  nichts  wissen.  Vor  allem  aber  liesse  sich  niemals  fest- 
stellen, was  denn  der  Eürenberger  an  dem  Nibelungenliede  gedichtet  haben  solto,  da 
ja  die  vorliegende  fassimg  für  ihn  gar  nicht  in  betracht  kommen  kann,  bis  zu  ihrem 
Zustandekommen  aber  verschiedene  bände  an  dem  epos  tätig  gewesen  sind.  Mit 
rocht  misst  daher  auch  Lichtenberger  dieser  hypothese  keine  bedeutung  bei;  doch 
ii*t  er,  wenn  er  s.  57  meint,  dass  nach  der  algemeinen  ansieht  der  Eürenberger  schon 
vor  1150  gelebt  habe. 

S.  79  bemerkt  der  Verfasser  gewiss  mit  recht,  dass  die  hj'pothese  von  der 
widergoburt  des  deutschen  volksepos  in  den  Rheinlanden  und  dessen  belobung  durch 
die  nordfranzösischen  chansons  de  geste  unzulänglich  begründet  scheine;  aber  die 
dem  Verfasser  zusagende  ansieht,  dass  dieselben  doch  den  rheinischen  spielleuten  eine 
grosse  anzahl  epischer  formein  geliefert  hätten  (vgl.  auch  s.  327),  ruht  doch,  vor- 
läufig wenigstens,  durchaus  nicht  auf  besserer  grundlage.  £s  wäre  gewiss  ein  dankens- 
wertes unternehmen,  den  stil  der  französischen  und  den  der  deutschen  volksepik  ein- 
gehender zu  vergleichen,  als  es  bisher  geschehen  ist.  An  bisher  nicht  bemerkten  Über- 
einstimmungen würde  es  wol  nicht  fehlen;  nur  müste  man  nicht  alles  gleich  aufent- 
lehnung  zurückführen.  Gleiche  Ursachen  können  auch  in  der  poesie  unabhängig  von 
einander  gleiche  Wirkungen  haben,  und  andererseits  darf  nicht  ausser  acht  gelassen 
werden,  dass  das  altfranzösische  volksepos,  mag  man  auch  seine  germanischen 
elemente  nicht  so  hoch  ansehlagen  wie  Rajna,  jedesfals  nicht  in  der  keltischen  oder 
lateinischen,  sondern  in  der  germanischen  schiebt  des  französischen  Volkstums  wur- 
zelt Für  verwantschaft  und  entlehnung  von  motiven  sind  auch  Heinzeis  Zusammen- 
stellungen in  den  Wiener  Sitzungsberichten  119,  78  fg.  zu  beachten. 

Auf  s.  87  und  434  pflichtet  der  Verfasser  MüUenhoff  in  der  annähme  bei, 
daraus,  dass  seit  dem  8.  Jahrhundert  Nibelung  als  personenname  vorkomme,  gehe 
hervor,  dass  damals  das  wort  schon  seine  eigentliche  bedeutung  verloren  hatte,  da 
kein  vater  seinen  söhn  einen  demon  infernal  genant  haben  würde;  während  der  Ver- 
fasser doch  ebenda  bezweifelt,  ob  Nibelung  jemals  demon  infernal  oder  esprit  de 
tentbrcs  bezeichnet  habe.  Sicher  ist  in  der  tat  nur  der  Zusammenhang  dos  namens 
mit  nehel;  dass  dieser  nicht  mehr  empfunden  sein  könte,  als  man  Nibelung  als  per- 
sonennamen  gebrauchte,  möchte  ich  nicht  behaupten;  auch  die  mythische  beziehung 
braucht  man  dabei  nicht  vergessen  zu  haben,  so  wenig  wie  bei  der  wähl  der  namen 
Alf  oder  Alberich.  "Weder  die  horkunft  ihres  namens  noch  ihr  gegensatz  zu  dem 
liclitheros  nötigt  etwas  andei^^  als  nebelgeistcr,    die  zugleich  auch  als  dunkelgeister 


ÜBKR  UCHTENBKROER,  NIBELUNGEN  411 

gedacht  sein  werden,  in  Uinen  zu  sehen.  Es  ist  sicherlich  nicht  zufällig,  dass  sich 
in  ihrem  besitze  die  ansichtbar  machende  tamkappe  befindet:  zu  den  Nibelungen 
gehört  auch  von  vomhorein  die  nebelkappe.  Den  zweifei,  den  der  Verfasser  s.  98 
und  157  an  der  ursprünglichkeit  dieses  zuges  äussert,  weil  der  zaubermantel  alzusehr 
an  die  feenmärchen  erinnere,  kann  ich  daher  nicht  teilen.  Bemerkenswert  bleibt 
auch,  dass  im  Siegfriedsliede  der  held  durch  dichte  fiusternis  dorthin  gelangt, 
wo  er  nachher  den  schätz  der  söhne  Niblings  findet;  und  im  Walberan,  wo  die 
unsichtbaikeit  des  ganzen  zwergenheeres  zwar  erwähnt  wird,  aber  ohne  bedeutung 
bleibt,  auch  nicht  festgehalten  wird,  ist  gerade  Nibelung  der  ftihrer  einer  schar,  bei 
der  allein  jene  eigenschaft  wirklich  zu  praktischer  geltung  komt,  indem  sie,  von  kei- 
nem menschen  gesehen,  schiffe  entführt  (Walberan  139  fg.,  vgl.  Nibelunge  451/2). 
Der  Nibelung  Eugel  reitet  im  Siegfiiedliede  auf  einem  kohlschwarzen  pferde  und  ist 
mit  der  nebelkappe  ausgestattet  ebenso  wie  der  Nibelungenmann  Alberich  im  Nibe- 
lungenliede; Alberichs  unsichtbarkoit  spielt  auch  im  Ortnit  bekantlich  eine  grosse 
rolle;  denselben  streich  wie  Nibelung  im  Walberan  führt  er  Ortn.  291  fg.  aus.  Dass 
aber  nun  auch  bei  der  gewinnung  der  Brünhild  die  anwendung  der  tamkappe  ursprüng- 
licher sein  müste  als  der  gestaltentausch,  folgt  natürlich  aus  dem  allen  noch  nicht. 

Auf  die  schwierige  frage,  wie  die  burgundischen  könige  in  der  sage  zu  Nibelungen 
wurden,  weiss  auch  der  Verfasser  keine  antwort,  die  ihn  befriedigte.  Die  Lachmann- 
sche  hypothese,  dass  es  neben  dem  historischen  ursprünglich  auch  einen  mythischen 
Günther  gegeben  habe,  dünkt  ihn  immerhin  am  wenigsten  unwahrscheinlich  (s  83). 
Aber  diese  annähme  stüzt  sich  doch  schliesslich  auf  nichts  weiter  als  auf  den  wünsch, 
die  Vorschmelzung  der  mythischen  und  der  historischen  elomente  irgendwie  zu  erklä- 
Yon.  Will  man  einer  der  personen  der  sage  eine  solche  doppelrolle  zuweisen,  so 
würde  sich  ein  genügender  grund  nur  bei  Gibeche  finden,  dessen  name  einerseits 
an  der  spitze  der  burgundischen  könige  steht,  andrerseits  als  der  eines  zwerges,  eines 
olbischen  wesens  überliefert  ist.  Zur  Verteidigung  dieser  ansieht,  welche  Rieger 
zulezt  noch  in  den  Quartalblättem  dos  histor.  Vereins  f.  d.  grossherzogtum  Hessen 
1881  s.  43  fg,  vertreten  hat,  Hesse  sich  noch  darauf  hinweisen,  dass  der  herr  des 
Wormser  rosengartens  (wenn  wir  von  Kriemhilt  absehen,  vgl.  Germ.  26,  173)  könig 
Gibeche,  nicht  etwa  könig  Günther,  ist;  während  andererseits  in  den  tirolischen  ber- 
gen eines  solchen  paradiesgartens  ein  zwerg  waltet,  Laurin,  ein  mit  übermenschlicher 
Schönheit,  stärke,  pracht  und  hcrlichkoit  ausgestattetes  wesen,  wie  auch  der  namo 
des  zwerges  Gibeche  auf  reichtum  und  milde  deutet.  Eine  Übertragung  der  rolle  des 
elben  auf  den  gleichnamigen  burgundischen  könig  könte  also  bezüglich  der  rosen- 
gartensage immerhin  statgefunden  haben;  ja  es  wäre  denkbar,  dass  beide  ursprünglich 
identisch  waren,  dass  der  burgundische  Gibica,  von  dem  nach  der  nordischen  Über- 
lieferung das  königsgeschlocht  seinen  namen  trägt,  ursprünglich  nur  der  mythische 
stamvater  desselben  war.  Aber  alles  das  ist  ja  keineswegs  sicher,  und  es  würde  von 
da  immer  noch  ein  sehr  weiter  schritt  zur  sage  von  Siegfried  und  den  Nibelungen 
sein.     Eine  andere  erklärung  scheint  mu:  hier  viel  näher  zu  liegen. 

Zu  den  ältesten  bestandteilen  dieser  sage  gehört  jedesfals  die  Vorstellung,  dass 
der  Nibelungenschatz  im  Rheine  ruhe.  Sie  findet  sich  in  den  älteren  nordischen 
rjuellen  ebensowol  wie  im  Nibelungenliede  und  im  Siegfriedsliede.  limgst  hat  man 
darauf  hingewiesen  \   aber  nicht  überall  ist  es  genügend  beachtet,    dass  dies  sagen- 

1)  Zalezt  besonders  Riogor  a.  a.  o.  und  Ueinzol,  Nibelangensage  s.  12  (Wienor  Sitznngsbor. 
109,  680). 


412  r.  vooT 

motiv  einen  tatsächlichen  liintergioind  in  der  goldhaltigkeit  des  Rheines  hat.  Wenn 
auch  jezt  die  goldgewinnung  dort  nicht  mehr  lohnt  (trotzdem  ein  Pariser  die  kühne 
rechnung  aufgostelt  hat,  dass  zwischen  Basel  imd  Mannheim  noch  gold  im  werte  von 
170  millionen  francs  im  Rheinsande  rohe),  so  ist  es  doch  nicht  lange  her,  dass  noch 
münzen  aus  Rheingold  geprägt  wurden,  und  das  ganze  mittelalter  hinduix;h  hat  die 
goldwäscherei  am  Oberrhein  eine  nicht  unbedeutende  rolle  gespielt.  Marquard  Freher, 
Origines  Palat.  ed.  2  (1613)  lib.  11  cap.  XYII  s.  84  fg.  bemerkt,  dass  der  Rhein  das 
gold  e  montium  au/riferomm  fiMs  radicibusque  abrasum  arenis  suis  involvat  et 
in  certos  vortices  cUque  caveas  (quibus  inde  nomen  natum  —  Ooltgrüiide,  da  gegol- 
det  wurdt)  congerat.  Wie  leicht  sich  die  Vorstellung  bilden  konte,  dass  an  solcher 
stelle  ein  grosser  schätz  unter  den  fluten  verborgen  sei,  leuchtet  ein,  imd  nichts  ist 
erklärlicher,  als  dass  die  Franken  den  unermesslichen  schätz  ihres  Nibelungenmythus 
in  ihrem  goldführenden  ströme,  im  Rheine  suchten.  Da  schon  mn  400  der  ägyptisch - 
griechische  Nonnus  den  Rhein  als  den  fluss  nent,  welcher  der  Beroe  bei  ihrer  Ver- 
mählung mit  Poseidon  das  gold  als  hochzeitgabe  herbeibringt  (Dionysiaca  43,  410), 
so  kann  den  Fi-anken  sein  goldreichtum  damals  nicht  nnbekant  gewesen  sein;  es 
spricht  also  alles  dafür,  dass  sie  den  Nibelungenhort,  von  dem  ihre  mythen  in  jener 
zeit  schon  berichtet  haben  müssen,  ebendamals  nirgend  anderswohin  versezten  als  in 
den  Rhein.  Freilich  nicht  in  den  teil,  an  dessen  ufern  sie  derzeit  sassen;  denn 
unterhalb  Mainz  scheint  kein  gold  mehr  vorzukommen,  während  unterhalb  Worms 
bei  Gemsheim,  in  dessen  nähe  jenes  Lochheim  liegt,  wo  das  Nibelungenlied  nach 
Lachmanns  auslegung  Hagen  den  hört  vei*senkcn  lässt,  „vor  Zeiten  eine  goldfischerei 
und  goldwäscherei  bestand*^,  und  ebenso  weiter  aufwäi*ts  in  verschiedenen  orten  der 
bairischen  und  badischen  Pfalz.  Aber  gerade  die  nicht  durch  den  augenschein  kon- 
trolierten  gerüchte  und  berichte  aus  dem  nachbai'lande  konten  sich  ins  phantastische 
steigern,  imd  der  grosse  reichtum  dieser  von  der  natur  gesegneten,  durch  römische 
kultur  gehobenen  landschaft  mochte  in  der  sage,  dass  dort  der  gewaltigste  schätz, 
der  Nibelungen  hört,  ruhe,  gi'eifbare  voi-stellung  gewinnen*.  Pflegt  der  sage  doch 
auch  sonst  der  schätz  zum  bilde  reicher  herschaft  und  grossen  besiztums,  zum  inbo- 
griff  aller  hilfsquellen  des  herschors  zu  werden.  Ich  erinnere  nur  an  die  Ermanrich- 
sage.  Als  daher  im  jähre  413  das  gi'osse  ereignis  geschah,  dass  jenes  reiche  land 
einem  germanischen  stamme,  den  Burgundionen  imter  könig  Gundahari,  anheimfiel, 
da  wii'd  unter  den  Franken  gesagt  und  gesungen  sein,  dass  diese  glücklichen  leute 
nun  den  grossen  Rheinschatz  erworben  haben,  sie  werden  die  herren  des  Nibelun- 
genhortes genant  sein.  Das  war  im  gründe  nichts  anderes,  als  wenn  der  Mamer 
(Strauch  XI,  2)  von  den  reichen  Rheinländern  singt:  in  dienet  ouch  des  Rines  grünt . . . 
der  Nibelunge  hört  Itt  in  dem  Lurlenberge  in  hi.  Als  aber  später  die  Burgundionen 
den  herlichen  besitz  verlieren,  als  die  Hunnen  jenes  mittelrheinische  Burgundenreich 
stürzen  und  Gundahaii  mit  den  seinen  unter  ihren  seh  wertem  fält,  da  heisst  das  in 
die  sinliche,  alles  individualisierende  spräche  der  sage  übersozt:  könig  Attila  bereitet 
dem  könig  Gundahari  mit  seinen  verwanten  und  seinen  leuten  den  Untergang,  um 
sich  des  Nibelungenhortes  zu  bemächtigen.  —  Waren  so  einmal  Günther  und  sein 
gcschlecht  zu  den  zeitweiligen  besitzen)  des  Nibelungenschatzes  geworden,  die  um 
seinetwillen  zu  gmnde  giengen,  so  musten  sie  natürlich  in  irgendwelche  Verbindung 
mit  denjenigen  erwerbera  und  herren  des  hortos  gebracht  werden,  von  denen  der 
mythus  schon  berichtete.    In  diesem  wurde  erzählt,  dass  Hagen  jenen  heros  Siegfried, 

1)  Dahl,  Beschreibung  des  fttrstentams  Lorsch  s.  251. 
3)  Vgl.  auch  Iloinzol  a.  a.  o.  s.  11  fg.  (679  fg.). 


ÜBER  UOHTENBBRQER,   NIBELUNGEN  413 

der  sich  den  schätz  erkämpft  hatte,  meuchlings  ermordete.  Denn  es  scheint  mir 
nicht  zweifelhaft,  was  auch  Lichtonberger  anzunehmen  geneigt  ist,  dass  Hagen,  von 
dem  keine  historische  quelle  etwas  weiss,  und  dessen  name  mit  den  alliterierenden 
der  burguudischen  könige  gar  nichts  gemein  hat,  der  nach  der  f^drokssaga  eines 
elben  söhn  ist,  von  vornherein  ebensowohl  wie  Siegfried  zum  mythus  gehörte.  Er 
wurde  nun  in  eine  enge  beziehung  zu  den  burgundischen  königen  gebracht;  die  art 
derselben  schwankt  noch  in  den  verschiedenen  Versionen:  bald  ist  er  der  bruder, 
bald  halbbruder,  bald  man  und  mäc,  immer  aber  steht  er  mit- ihnen  in  engster  genos- 
senschaft  So  gewinnen  sie  denn  auch  mit  anteil  an  seiner  mordtat,  durch  die  der 
Nibelungenhort  in  seinen  und  ihren  besitz  übergeht,  und  wei'den  schliesslich  nach 
dem  Schatze  auch  selbst  Nibelungen  genant. 

Die  Verbindung  der  beiden  haupttoile  der  sage  ist  auf  diese  weise  meines 
erachtens  dui'chaus  genügend  erklärt  Dass  damit  nun  auch  jede  einzelne  beziehung 
völlig  aufgeholt  sei ,  darf  man  natürlich  nicht  erwarten.  Verständlich  ist  es  so  jedes- 
fals,  wie  Günther  weiterhin  auch  bei  der  mythischen  tradition  von  Siegfried  und 
Brünhild  in  die  rolle  des  geheimen  gegenspielers  eintreten  konto,  der  den  von  Sieg- 
fried errungenen  preis  in  seine  bände  zu  bringen  weiss.  Aber  etwas  näheres  lässt 
sich  darüber  nicht  feststellen,  denn  wir  wissen  nicht,  auf  welcher  stufe  der  sagen- 
entwickelung  •  das  Brünhildenmotiv  gestanden  hat,  als  die  Verschmelzung  mit  dem 
historischen  elemente  erfolgte.  Ich  glaube  nicht,  dass  dieser  teil  der  Siegfriedsage 
damals  überhaupt  eine  einheitliche  gestalt  hatte;  hat  er  sie  doch  auch  in  der  Über- 
lieferung der  Edda  noch  nicht.  Die  geschichte  von  der  erweckung  der  Sigrdrifa  und 
die  von  der  gewinnung  der  Brünhild  konten  nur  künstlich  mit  einander  verbunden 
werden.  Wenn  Lichtenberger  s.  145  meint,  es  sei  zweifelhaft,  ob  die  orstere  urspi-üng- 
lich  noch  eine  weitere  folge  gehabt  habe  als  Siegfrieds  Unterweisung  im  runenzauber, 
so  steht  er  ja  mit  dieser  ansieht  nicht  allein;  aber  für  richtig  kann  ich  sie  nicht  hal- 
ten. Denn  sobald  man  mit  dem  Verfasser  annimt,  dass  auch  Sigrdrifa  von  der  lohe 
umgeben  ist,  und  sobald  man  mit  ihm  die  angäbe  der  prosa  für  echt  hält,  dass  Odin 
der  in  den  schlaf  versenkten  bestirnt  hatte  sich  zu  vermählen,  während  sie  das 
gelübde  tat,  keinen  mann  zu  nehmen,  der  sich  fürchten  könne,  so  muss  man  doch 
den  verlauf  der  erzählung  zweifellos  so  ergänzen,  dass  der,  welcher  die  flamme 
durchreitet  und  sie  aus  dem  zauberschlaf  erlöst,  eben  derjenige  ist,  welcher  keine 
furcht  kent  und  deshalb  ihre  band  erhält.  Dass  dies  wirklich  die  ursprüngliche 
entwickelung  war  und  dass  wir  andrei*seits  keinen  grund  haben  Sigrdrifa  und  Bryn- 
hild  für  von  anfang  an  verschiedene  pei*sönIichkoitcn  zu  halten,  hat  inzwischen  Sijmons 
in  dieser  Zeitschrift  XXIV,  1  fgg.  gezeigt.  Wir  haben  also  eine  Überlieferung  anzu- 
nehmen, nach  welcher  Siegfried  die  von  dem  undurchdriDglichen  hindemis  eingeschlos- 
sene Walküre  für  sich  erwirbt,  imd  wir  haben  demgegenüber  in  der  erzählung  von 
Brünhild  eine  andere  Überlieferung,  nach  welcher  er  sie  für  einen  anderen,  den  Gün- 
ther erringt.  Beide  traditionen  würden  sich  auf  verschiedene  fas.sungen  eines  natur- 
mythus  zurückführen  lassen.  Die  eine  könto  das  einwecken  der  schlummernden, 
fiustumfangenen  erde  durch  den  frühlings-  oder  lichtheros  und  die  vermälilung  der 
beiden  widerspiegeln;  die  andere  würde  zugleich  die  kehrseite  des  mythus  umfassen, 
nach  welcher  die  von  jener  freundlichen  gewalt  erol>erte  der  dunkelen,  winterlichen 
macht  anheimfält,  und  bei  ihr  möchten  dann  verwante  Überlieferungen  eingewirkt 
haben,  in  denen  wie  im  Freyr-Skirnir- mythus  von  der  stelvoi-tretcnden  erwerbung 
der  eingeschlossenen  junj^frau  oder  wi(»  im  Mougli^d- mythus  von  der  Verstellung  des 
eindringenden  werbers  orzälilt  wurde.      Sicherheit  ist  ja  in  diesen  dingen  nicht   zu 


414  P.  VOGT 

gewinnen;*  aber  soviel  muBS  doch  wol  zugegeben  werden,  dass  kein  zwingender  grund 
vorliegt,  hier  eine  älteste  einheitliche,  beide  motive  umfassende  sagengestalt  voraus- 
zusetzen und  dass  man  sich  eine  solche  schwer  würde  vorstellen  können.  Denn 
wenn  der  bann  der  waberlohe  einmal  duichbrochen  ist,  wenn  die  von  ihr  umgebene 
Jungfrau  aus  ihrem  todesschlummer  erweckt  imd  von  dem  geliebten  erworben  ist,  so 
kann  die  flamme  sie  doch  nachher  unmöglich  noch  umschliessen. 

Ganz  unaufgeklärt  lässt  Lichtenberger  die  deutsche  Umgestaltung  der  sage, 
durch  welche  Kriemhild  statt  Etzels  ihren  bi-üdeni  den  Untergang  bereitet.  Er  meint 
—  nach  dem  Standpunkte  den  er  einnimt  ohne  ersichtlichen  grund  —  dass  diese 
Umwandlung  ebenso  wie  die  einführung  des  Dietrich  von  Bern  vielleicht  seit  dem 
ende  des  6.  Jahrhunderts  volzogen  sei.  Jedosfals  aber  müsse  sie  nach  dem  bekan- 
ton  Zeugnis  des  Saxo  Grammaticus  über  des  sächsischen  Sängers  gesang  von  der 
notrssima  Orimildae  erga  frcUres  perfidia,  schon  im  anfang  des  12.  jahrhimderts 
bestanden  haben.  Der  milderen  auffassung  des  Nibelungenliedes  von  Etzel  schreibt 
er  einen  späten  Ursprung  zu;  er  sieht  in  ihr  eine  anahnlichung  dieser  rolle  an  den 
verbreiteten  typus  des  guten  königs,  die  ei'folgen  konte,  sobald  die  schuld  am  unter- 
gange  der  Nibelunge  von  ihm  auf  Kriemhild  übergegangen  war;  übrigens  sei  sie 
nicht  einmal  konsequent  durchgeführt,  denn  auch  im  Nibelungenliede  erscheine  Etzel 
hie  und  da  noch  in  imgünstigem  lichte,  und  ganz  zu  verwerfen  sei  Thierry's  ansieht, 
dass  Etzel  in  den  gennanischen  Überlieferungen  von  jeher  eine  ganz  andere  und 
wesentlich  vorteilhaftere  rolle  gespielt  habe  als  in  den  romanischen.  Gegen  Thierry's 
unzulängliche  und  widerspruchsvolle  ausführungen  konte  Lichtenberger  natürlich  mit 
vollem  recht  auf  Attilas  Stellung  in  der  eddischen  und  ältesten  gestalt  der  Nibclun- 
gensage  hinweisen;  wenn  er  aber  glaubt,  dass  diese  auffassung  vom  Charakter  des 
Hunnenkönigs  die  gemoiDgermanische  gewesen  und  erst  ganz  spät  geändoit  sei,  so 
veralgemeineii  auch  er  schliesslich  wie  Thierry  seine  beobachtungen  in  unrichtiger 
weise.  Natürlich  ist  Attila  von  seinen  germanischen  gegnem  andei'S  beurteilt  als  von 
den  ihm  verbündeten  und  unterworfenen  Germanenstämmen.  In  der  Dietrichsage  ist 
von  vornherein  für  den  blutdürstigen  und  habgierigen  Attila  der  Edda  gar  kein  platz. 
Schon  in  ihrer  ältesten  uns  bekanten  gestalt,  w^ie  sie  uns  im  Hildebrandsliede  vor- 
liegt, geniesst  Dietiich  in  der  Verbannung  den  schütz  des  beherschers  der  Hunnen 
und  kehrt  mit  seiner  hilfe  heim.  Wir  wissen  aber,  dass  darin  nur  die  Übertragung 
eines  abhängigkeitsverhältnisses  liegt,  in  welchem  Dietrichs  vater  Theodemer  tatsäcb- 

1)  yorge20gen  wird  jezt  im  lügemeinen  die  deatong  auf  den  tageszeitenm^'thufi ,  nnd  die  bozie- 
hang  der  waberlohe  auf  die  morgenrOte  (Scherer  LG^ll,  Sijmons  im  Grondriss  II,  1,  26,  'Wilmanns 
A.  f.  d.  a.  18,  72)  ist  Ja  an  sich  recht  ansprechend,  besonders  wenn  man  berücksichtigt,  dass  die  von 
ihr  umgebene  Brünhild  nach  der  Edda  wie  nach  der  doatschen  lokalsago  aaf  einem  folson  schlnmmort. 
Aber  weder  im  Freyr-  SkimirmythoH  noch  in  dem  von  Swipdag  nnd  Mengl^Ö  ist  doch  der  vafrlogi  so  zu 
doaten,  un<l  ebensowenig  läsest  sich  das  DomrÖschonmärchen  auf  den  Wechsel  der  tageszeiten  zurückfüh- 
ren. Ein  mythisches  motiv  wird  doch  anch  sicher  in  dem  aufschneiden  der  brünne  der  zu  erlösenden  und 
zu  erweckenden  Jungfrau  zu  suchen  sein;  während  dies  sich  sehr  gut  auf  das  durchbrechen  des  die 
sehlummerudo  natur  umschliessenden  frostpanzers  durch  den  licht-  und  sonnenheros  deuten  lässt,  wüste 
ijh  OS  aus  dem  tagosmythus  nicht  zu  erklären.  So  habe  ich  denn  anch  bedenken ,  mich  Wilmanns  anzu- 
schliossen ,  der  a.  a.  o.  in  seiner  nach  der  niedorschrift  des  obigen  textes  erschienenen  recension  von  Lich- 
tenbergers buch  sehr  sinroich  den  ersten  flammenritt  und  die  erweckung  der  Jungfrau  auf  morgenrOte  und 
Sonnenaufgang,  den  zweiten  flammenritt  und  ihre  Verbindung  mit  Günther -Siegfried  auf  abendrGte  und 
nächtliche  ruhe  dor  sonne  deutet.  Übrigens  würde  man  sich  doch  auch  bei  dieser  orklärung  die  beiden 
tivo,  sobald  sie  sich  zur  heldeosago  formteu,  wogon  dor  zweimaligen  durchbrechung  desselben  hlndor- 

nur   in   lose   nobonoliiondorhon^ohoiidon  liodurn,    nicht    in  oinor  wirklich  einheitlichen,    in  sich 

«onon  form  behandelt  denken  müssen. 


»»»Ol 


ÜBKR  LICHTEfTBERGER,  ^OBSLUNOKN  415 

lieh  ZU  Attila  stand.  Diese  konte  erst  nach  Dietnchs  lebzeiten  geschehen,  und  sie 
war  nur  möglich,  wenn  damals  noch  Überlieferungen  von  Theodomer  im  Umlauf 
waren,  in  welchen  der  söhn  in  die  stelle  des  vaters  eintreten  konte,  Überlieferungen, 
welche  den  Attila  nicht  sowol  als  feind  und  unterwerfer  wie  als  mächtigen  und  wol- 
wollenden  schutzhern  des  Ostgotenkönigs  erscheinen  Hessen.  Attila  spielte  also  in 
denselben  eine  rolle,  welche  ganz  seinem  namen  entsprach,  den  die  unterworfenen 
Germanen,  d.  h.  vor  allem  wider  die  Ostgoten,  ebenso  bildeten  oder  deuteten,  wie  die 
Russen  ihren  zaren  Täte  rohen  nennen.  Erinnern  wir  uns,  dass  gotische  spräche  und 
Sitte  jedesfals  einen  hervon'agenden  platz  an  Attilas  hof  einnahm,  dass  an  demselben 
seine  taten  in  epischen  liedom  gefeiert  wurden ,  dass  abenteuernde  germanische  recken 
dort  gonug  gelegenheit  zu  lohnendem  und  ehrendem  erwerbe  fanden,  dass  ostgotische 
könige  unter  ihm  und  für  ihn  fochten,  so  dürfen  wir  gewiss  annehmen,  dass  sich 
schon  von  Attilas  Zeiten  her  lieder  unter  den  Ostgoten  vererbton,  in  denen  er  als 
der  grosse  könig  dargestelt  wai*d,  um  den  sich  holden  und  fürsten  verschiedener 
germanischer  stamme  schai-en  und  der  sich  ihnen,  insbesondere  aber  den  Ostgoten 
imd  ihrem  könig,  hilfreich  ei'woist.  Wie  man  auch  immer  die  frage  nach  der  foit- 
dauer  von  rüsten  der  Rugier  in  Österreich,  von  trümmom  der  Ostgoten  in  den  öster- 
reichisch-bairischen  Alpenländem  beantworten  mag,  soviel  ist  doch  sicher,  dass  die 
reich  entwickelte  ostgotische  heldensage  und  dichtung  am  ei'sten  und  stärksten  in  jenen 
dem  Ostgotenreiche  einst  benachbarten,  teilweise  auch  ehedem  zugehörigen  gegenden 
ausgebreitet  war;  und  wenn  nun  die  ältesten  mittelhochdeutschen  nationalepen ,  die 
cbendort  gedichtet  wuixlen,  Nibelungen,  Biterolf,  Klage,  den  charakter  des  Etzel  und 
sein  Verhältnis  zu  geimanischcn  fürsten,  insbesondere  zu  dem  Ostgotenkönig  den  vor- 
auszusetzenden ostgotischen  Überlieferungen  entsprechend  darstellen,  während  er  in 
quellen  die  auf  fränkische  und  niedersächsische  tradition  zurückgehen  als  der  grau- 
same und  herschsüchtigo  tyrann  erscheint,  so  wird  das  gewiss  nicht  zufällig  sein. 
Als  die  fränkische  Nibolungensage  in  die  bairisch- österreichischen  lande  gelangte, 
begegnete  sie  eben  Überlieferungen  vom  könig  Etzel,  welche  von  einer  anderen,  gün- 
stigen auffassung  desselben  ausgiengen;  und  diese  auffassung  konte  nicht  ohne  folgen 
für  die  Nibelungensage  bleiben,  sobald  sich  ebondort  ihre  so  naheliegende  Verbindung 
mit  der  Dietrichsage  volzogen  hatte  und  ein  ausgleich  der  verschiedenen  Vorstellun- 
gen angestrebt  wurde.  Dieser  entwickelung  kam  nun  ein  anderer,  entscheidender 
umstand  entgegen.  Es  war  ein  unbefriedigender  ausgang  der  Siogfriedsage,  dass  der 
tod  des  holden  uugerächt  blieb.  Die  nordische  Überlieferung  liess  aus  diesem  gofühl 
heraus  den  sterbenden  Sigurd  selbst  noch  seinen  mörder  töten.  Die  deutsche  wcndung 
der  sage  ist  durch  eine  wandeluug  socialer  anschauungen  bedingt,  die  auch  Lamp- 
recht, Deutsche  geschichte  1,  106  in  Verbindung  mit  der  Nibclungoutradition  sezt, 
ohne  die  meines  erachteus  wichtigste  folgerung  daraus  zu  ziehen.  Wälirend  früher 
das  Verhältnis  zwischen  bruder  und  Schwester  als  ganz  besondei's  eng  und  heilig  galt, 
heiliger  als  die  ehe,  hielt  man  mit  der  foi-tsch reitenden  entwickelung  der  geselschaft- 
lichen  Ordnung  die  bände,  wclclie  die  beiden  gatten  verknüpfen,  für  die  festeren  und 
höher  zu  achtenden.  Kriemhilds  oi'sto  ptlicht  wurde  es  danach,  für  den  ermordeten 
gemahl  blutrache  zu  nehmen;  so  wuixie  der  Untergang  ihrer  mit  der  blutschuld  bela- 
denen  brüder  als  die  folge  davon  aufgefasst,  dass  Kriemhild  dieser  püicht  der  gattiu 
nachkam,  und  die  Überlieferung,  dass  sie  ihre  brüder  an  Etzel  rächt,  schwindet  damit 
natürlich  aus  der  sage.  Dass  Etzel  dahei  inmier  doch  noch  als  habgieriger  mitschul- 
diger hätte  gelten  können,  zeigt  die  I^idrokssaga.  Erst  die  voihindung  der  in  der 
bairisch -östen'cicbischcn  sage  herschenden   günstigeren   auffassung  Etzels    mit  jener 


416  F.  VOGT,   ÜBRR  LICBTENBBRaKB,   NIBELUNGEN 

vei'ändei*ten  anschauung  über  Eriemhilds  vei*pflichtungen  gegen  den  gatten  und  gegen 
die  brüder  hat  die  volle  und  einheitliche  Umgestaltung  der  sage  zur  folge  gehabt 
Übrigens  zeigt  diese  wandelung,  wie  früh  die  geschichte  von  Siegfried  und  Eriem- 
hild  und  die  vom  untergange  derNibelunge  als  ein  zusammengehöriges  ganzes  gegol- 
ten haben  muss. 

Dass  Lichtenberger  in  den  lezten  kapiteln  für  die  kenzeichnung  des  typischen 
und  des  eigenartigen  in  den  motiven  und  Charakteren  des  Nibelungenliedes  auch  die 
spielmannspoesie  zum  vergleiche  herbeigezogen  hat,  ist  nur  zu  loben.  Aber  er  über- 
schäzt  die  verwantschaft  der  beiden.  Er  findet  in  einzelnen  fallen  ähnlichkeiten,  wo 
ich  durchaus  keine  zu  entdecken  vermag,  z.  b.  wenn  er  s.  328  behauptet:  naus 
retrouvoiis  dans  le  Nibelungenlied  .  , ,  le  mativais  roi,  redouiable  ä  imis  ceux  qui 
pretendent  ä  la  main  de  sa  fille.  Die  grosse  verschiedonheit  des  ganzen  poetischen 
Stiles  der  Nibelungen  und  der  spielmannsepen  entgeht  ihm  ja  nicht,  und  er  macht 
einen  unterschied  zwischen  der  art  der  rheinischen  und  derjenigen  der  österreichischen 
Spielleute;  aber  nach  seiner  darstellung  erscheint  diese  mehrfach  als  eine  jün- 
gere Veredelung  von  jener.  Und  doch  kann  eine  dichtungsweise,  wie  sie  uns  im 
Orendel,  Morolf  und  Oswald  entgegentritt,  nun  und  nimmermehr  die  voi-stufe  der 
Nibelungenepik  gewesen  sein.  Das  Nibelungenlied  weist  zweifellos  auf  eine  lange 
zeit  weit  treuerer  und  ernsthafterer  pflege  alter  epischer  Überlieferungen  zurück,  als 
sie  aus  jenen  gedichten  spricht.  Schon  wenn  er  den  herzog  Ernst  mit  zu  jener  spiel- 
mannspoesie zählt,  hält  der  Verfasser  verschiedene  dichtungsarten  nicht  genügend 
auseinander,  obwohl  er  hier  einem  alten  hei'kommen  folgt.  Wie  wenig  berechtigt 
dies  ist,  zeigt  Lichtenberger  selbst  am  besten,  indem  er  da,  wo  er  auf  die  einzelnen 
charakteristischen  züge  der  spielmannspoesie  eingeht,  den  Ernst  ganz  ausser  betracbt 
lüsst;  sie  finden  sich  eben  in  diesem  gedichte  nicht  (vgl.  diese  ztschr.  XXII,  478  uod 
480  fg.).  Auch  sonst  hat  der  Verfasser  bei  seiner  litterarischen  Charakteristik  einzel- 
nes zu  sehr  veralgomeinert,  und  diesem  und  jenem  ästhetischem  urteil  kann  ich 
nicht  beipflichten.  Aber  im  ganzen  finde  ich  sowol  die  spielmannsepen  wie  das  Nibe- 
lungenlied mit  richtigem  nachempfinden  anschaulich  und  ansprechend  charakterisiert 
Im  Nibelungenlied  wird  spreu  und  woizon  meist  richtig  geschieden,  und  wenn  der 
Verfasser  auch  einiges  ohne  ausreichenden  grund  als  ridicule  bezeichnet,  so  hat  er 
doch  für  das  wirklich  giossartige  in  motiven  und  Charakteren  volles  Verständnis.  Auch 
die  darstellungsweise  unseres  grossen  epos  kenzeichnet  er  zutreffend  durch  die  sätze, 
mit  welchen  er  seine  abhandlung  beschliesst:  Le  poete  se  home  ä  retraeer  lea  aven- 
tures  merveilleiises  qve  rapparte  la  tradition,  il  est  sobre  dans  ses  descriptions; 
l'acce^it  de  ses  cliatUs  est  simple  et  franc,  Dans  ses  vers  sans  pretention,  sans 
arnefnenis  inutiles,  passe  un  souffle  de  poesie  naive  qui  etonne  par  son  äpre 
vigueur  ou  seduit  par  une  sorte  de  gräce  archa'ique,  et  ses  lieder  pretent  wie  vie 
d'une  singuliere  puissance  ä  ces  figures  ideales  un  peu  raides,  mais  si  expres- 
sives, ä  ces  vieux  heros,  ä  ces  types  de  femmes  etranges  et  mysterieux  edos  daus 
rimagifiation  des  anciens  Oermains. 

Lichtenbergers  buch  ist  vortreflich  geeignet,  in  Frankreich  zu  eingehenderer 
besclmftigung  mit  dem  Nibelungenliede  anzuregen  sowie  die  richtige  histoiische  und 
ästhetische  beui'teiluDg  desselben  und  die  erkentnis  seiner  nationalen  eigenart  dort  zu 
fördern.  Es  kann  aber  auch  deutschen  lesern  zur  einführuug  in  ein  litterarhistorisches 
Studium  unseres  nationalopos  recht  wol  empfohlen  worden. 

BRESLAU.  F.    VOGT. 


StUKOKR,  ÜBRB  fiAUV^BK,  CA8t»Att  SCfiEtDT  41? 

Adolf  Hauffen,  Caspar  Scheidt,  der  lehrer  Fischarts.  Stadien  zur  ge- 
sohichte  der  grobianischen  litteratur  in  Deutchland.  (Quellen  und  for- 
schungen  zur  sprach-  und  kultui'geschichte  der  germanischen  Völker,  heft  66.) 
Strassburg,  Trübner.  1889.    X  und  136  s.    3  m. 

Eine  kulturgeschichtlich  wichtige  aufgäbe  hat  sich  der  Verfasser  des  vorliegen- 
den buches  gestelt,  indem  er  die  klassische  Verkörperung  dos  grobianismus,  wie  sie 
im  sechzehnten  Jahrhundert  durch  Dedokind  und  Scheidt  ausgeprägt  worden  ist,  sowie 
ihre  vor-  und  nachgeschichte  darzustellen  unternommen  hat.  Schorer  durch  seinen 
an  grossen  gesichtspunkten  reichen  artikel  über  Dedekind  in  der  Alg.  deutsch,  biogr., 
Milchsack  durch  die  sorgfältigen  Zusammenstellungen  vor  seinem  neudmcke  des 
Scheidtschen  Grobianus  hatten  für  eine  solche  arbeit  bereits  die  wege  gewiesen.  Es 
war  selbstverständlich,  dass  die  betrachtung  von  den  altdeutschen  tischzuchten  aus- 
zugehen hatte,  dann  zu  zeigen  wai*,  wie  die  tischzuchten  almählich  parodistisch 
aufgefasst  werden  und  wie  hierauf,  nachdem  Sebastian  Brant  den  namen  Oro- 
bianis  geschaffen  und  die  litteratur  des  15.  imd  beginnenden  16.  Jahrhunderts  in 
ihren  meisten  ei'zeugnissen  ein  gewaltiges  material  zur  näheren  ausmalung  dieses 
dankbaren  gegenständes  aufgespeichert  hatte,  der  sog.  kleine  Grobianus  von  1538  die 
wichtigsten  merkmale  des  zum  Grobianerorden  gehörenden  kurz  und  bündig  zusam- 
menfasst  Diesen  weg  ist  der  Verfasser  unter  sorgfältiger  berücksichtigung  des  vor- 
handenen materials  auch  gegangen  und  hat  manche  neuen  hinweise  hinzugefügt, 
namentlich  sei  auf  die  Zusammenstellungen  über  Brant  und  Murner  sowie  die  übrige 
litteratur  im  ausgehenden  15.  und  beginnenden  16.  Jahrhundert  verwiesen,  s.  19  fgg. 
Es  wird  dann  weiter  gezeigt,  wie  Dedekind  das  im  Kleinen  Grobianus  bereits  gege- 
bene Schema  besser  ordnet  und  übersichtlicher  gruppiert  und  der  gestalt  durch  eine 
grosse  reihe  von  einzelzügen  greifbai'cs  leben  versohaft  hat.  Trotz  des  lateinischen 
gewandes  (oder  vielleicht  grade  wegen  desselben)  fand  die  dichtung  eine  ungemein 
weite  Verbreitung  und  wurde  durch  Scheidts  Übersetzung  denen,  die  des  lateinischen 
nicht  mächtig  waren,  zugänglich  gemacht.  Diese  Übersetzung  wird  in  der  vorliegen- 
den arbeit  sorgfältig  mit  dem  lateinischen  original  verglichen ,  und  der  Verfasser  zählt 
in  übei-sichtlicher  weise  die  Veränderungen  und  erweiterungen  auf,  die  Scheidt  sich 
erlaubt  und  die  im  wesentlichen  den  zweck  verfolgen,  den  ganzen  stofT  wirkungs- 
voller auszugestalten  und  die  parodistischen  elemente  mehr  herauszuarbeiten.  Sodann 
betrachtet  der  Verfasser  die  zweite  fassung  von  Dedekinds  Grobianus  (1582),  die  einer- 
seits durch  aufnähme  einer  grösseren  anzahl  meist  aus  Bebeis  Facetien  geschöpfter 
schwanke,  anderseits  namentlich  durch  die  oinfügung  der  weiblichen  nebonbuhlerin  des 
Grobianus,  der  Grobiana,  sich  auszeichnet.  Wichtig  ist  hier  vor  allem  der  s.  64  fg. 
geführte  nachweis,  dass  die  bis  jezt  wol  ziemlich  algemein  angenommene  abhängigkeit 
der  zweiten  fassung  Dedekinds  von  Scheidts  Verdeutschung  volständig  hinfällig  und 
durch  nichts  zu  beweisen  ist.  Wendelin  Hollbachs  boarbeitung  der  zweiten  fassung 
Dedekinds,  Kienheckols  prosaischer  auszug  und  Wenzel  Scharffers  übeiiragung  in 
Alexandrinern  werden  ausreichend  charakterisiert,  worauf  dann  noch  kurz  die  übrigen 
nachwirkungen  des  Grobianus  zusammengestelt  werden.  —  Ein  weiteres  kapitel  behan- 
delt Scheidts  lobrede  von  wegen  des  Meyen,  in  der  er,  zum  teil  ebenfals  auf  latei- 
nischen Vorbildern  fusscnd  und  auch  von  der  französischen  litteratur  nicht  unbeein- 
flusst,  den  mai  gegenüber  dem  herbst  herausstreicht.  Eine  betrachtung  über  die 
beeinilussung  Fischarts  durch  Scheidt,  welcher  neben  dem  gereimten  Euleuspiegel 
namentlich  noch  die  ti-unkeulitauei  aus  der  geschichtsklitterung  zu  gründe  gelegt  ist, 
bildet  den  schluss  des  buchos,  welches   von  hoiTu  prof.  Erich  Schmidt  angeregt  ist 

ZEITSCHRIFT   F.    DEUTSCHE   PHILOLOGIE.      BD.    XXV.  27 


4l8  KLLtNai&tt 

und   einen  schätzenswerten  beitrag  zur  kultur-  und  litteraturgeschichte  des  16.  Jahr- 
hunderts bietet. 

Was  die  kulturgeschichtlichen  folgerungen  aus  dem  vorliegenden  material 
betrift,  so  möchte  ich  davor  warnen,  den  werth  dieser  schildeixingen  zu  überschätzen. 
Grade  die  durchgeführte  ironie  und  der  algemeine  beifall,  den  diese  bei  den  Zeitgenos- 
sen iiudet,  zeigt  doch  schon  eine  gewisse  erhebung  über  die  greuliche  unilätei'ei.  Es 
liegt  mir  gewiss  fem,  zu  bestreiten,  dass  in  den  sitten  des  16.  Jahrhunderts  noch 
immer  eine  entsetzliche  rohheit  sich  zeigt,  allein  nach  meiner  kentnis  des  einschla- 
genden matetials  ist  im  16.  jahrhundei-t  der  höhepunkt  in  dieser  richtung  bereits 
überschritten;  dieser  fält  vielmehr  in  das  vorhergehende  Jahrhundert,  dessen  beispiel- 
lose wüstheit  im  Zeitalter  der  reformatiou  entschieden  nicht  wider  eiTeicht  worden 
ist.  Es  ist  notwendig  auf  diese  tatsache  ausdrücklich  hinzuweisen,  um  unrich- 
tigen Vorstellungen  vorzubeugen,  wie  sie  neuerdings  Johannes  Janssen  im  VI.  bände 
seiner  sogenanten  Deutschen  geschichte  wider  zu  verbreiten  gesucht  hat.  (Vgl. 
darüber  meine  ausführungen  in  der  Historischen  zeitschiift,  N.  F.  bd.  XXIX, 
s.  150  fgg.) 

Zu  der  nachgeschichte  des  Grobianius  möge  noch  ein  kleiner  nachtrag  beige- 
steueii;  werden.  Im  jähre  1630  erschien  in  Augsburg  eine  kleine  schrift:  AI a mo- 
dische Hobelbanck  (den  langen  titel  volständig  mitzuteilen  scheint  mir  unnötig; 
exemplar  auf  der  königl.  bibliothek  in  Berlin,  Yy  1391).  Sie  enthält  einen  dialog 
zwischen  zwei  adlichen  Adolf  und  Rudolf,  der  im  ganzen  von  sehr  verstän- 
digen gesichtspunkten  aus  sowol  das  grobianische  wesen  als  die  törichte  nach- 
üffung  fremder,  namentlich  französischer  sitten  oder  Unsitten  bekämpft,  auf  eine 
vernünftige  und  sorgfältige  crziehung  diingt  und  die  forderung  erhebt,  dass  der 
adliche  seinen  adel  ebenso  durch  sein  ganzes  inneres  wesen  wie  durch  den  äus.se- 
ren  anstand  beweisen  solle.  Dieses  gespräch  ei'schion  dann  umgearbeitet,  mit  sehr 
unnötiger  pedantischer  gelehrsamkeit  vermehrt  und  dadurch  entschieden  nicht  verbes- 
sert, später  noch  einmal  unter  dem  titel:  Renovirte  Und  mercklich  vermehrte 
Alamodischo  Hobel-Banck  (exemplar  in  Berlin,  Yyl421;  lun  1660,  da  der 
polnisch  -  schwedische  krieg  als  eben  beendet  erwähnt  wird,  s.  181:  Darum  die  bran- 
denburgischen Soldaten  in  jüngst  verflossenem  schwedisch  -  und  polnischen  krieg 
nicht  vergeblich  gesungen,  wie  schmeckt  uns  das  leder  von  den  gänson  so  wol!) 
In  diesem  buch  schliesst  sich  an  die  dem  gespräch  folgenden  kurzen  lehren 
s.  173  — 188  an  ein:  Kurtzverfasster  Grobianus.  Allen  Epicurischen 
Mast-Schweinen,  Venus-Nutzern,  Fantastischen  Pflaster-Trettern  und 
Müssiggengern,  sich  darinnen  zu  bespiegeln,  vorgestellet  Der  kurze 
auszug  weist  wider  16  abschnitte  auf  wie  der  sogenante  kleine  Grobianus,  Grobianus 
tichzucht  von  1538.  Doch  hat  er  mit  diesem,  der  freilich  ebenfals  noch  ziemlich 
lange  nachgewirkt  hat,  nichts  zu  tun.  Er  ist  vielmehr  ein  kurzer  auszug  aus 
der  ersten  fassuag  des  Grobianus;  das  Verhältnis  zu  Kienheckeis  bearbeitung,  an 
welche  man  wegen  der  prosaischen  foim  zuerst  erinnert  wird,  konte  ich  im  augen- 
blicko  nicht  feststellen,  da  mir  diese  nicht  zugänglich  war.  Am  ausfühi'lichsten  ist 
das  kapitol  über  das  trinken  behandelt,  hier  geht  die  prosa  in  eine  art  von  reimprosa 
über,  ganz  in  Fischarts  art,  an  welchen  auch  einige  maccaronische  Wendungen  erin- 
nern; einzelnes  in  dieser  stelle  klingt  an  die  trunkenlitanei  an. 

Um  eine  ungefähre  Vorstellung  von  diesem  lezten  selbständigen  ausläufer  der 
grobianischen  litteratur  zu  geben,  lasse  ich  die  oinleitung  und  die  ersten  lieiden 
abschnitte  folgen: 


ÜBER  HKtNK,   SOfiAÜSt^lKt  DKft  WANDfifttRUPPEK  41 6 

Kurtzverfasster  Grobianns.  Wem  nun  diese  vorgesetzte  hobel-banck 
allzu  rigoros  und  streng  zu  seyn  scheint,  der  kann  seine  fantastische,  ungehobelte 
Sitten  behalten,  und  nach  diesem  beygefügten  Grobiane  vermehren  und  einrichten,  so 
i^vird  er  hie  zeitlich  nicht  allein  überall  lieb  und  angenehm  seyn,  wie  die  sau  in  des 
Juden  haus,  und  der  esel  in  dem  blumen-feld;  nach  seinem  tod  aber  unfehlbar 
nebens  andern  seinen  gesohwomen  zunfft-brüdem,  in  Nobis-krng,  wo  man  die  äpffel 
aufm  sims  brfttet,  sein  loschier  finden;  dann  wie  die  arbeit,  so  ist  der  lohn!  Mas- 
sen sich  nicht  wenig  finden,  welche  den  Catonem  und  alle  seine  nachfolger,  so  sich 
unterstehen,  hoff-  und  tisch -zucht,  moralien  und  tugend- lehren  voi'zuschreiben, 
verlachen  und  verachten;  den  Syrach  für  einen  narren  und  dilltappen,  welcher  ver- 
mahnet: Wenn  du  bey  eines  reichen  mannes  tisch  sitzest,  so  sperre  deinen  rächen 
nicht  auf,  und  dencke  nicht,  hie  ist  viel  zu  fressen,  greiff  nicht  nach  allem,  was 
du  siebest,  und  nimm  nicht,  was  für  einen  andern  in  der  Schüssel  lieget;  Iss  wie 
ein  mensch,  was  dir  fürgesetzet  ist,  und  friss  nicht  zu  sehr,  auf  dass  man  dir  nicht 
gram  wird;  Wann  du  bey  vielen  sitzest,  so  gi-eiff  nicht  am  ersten  zu,  usw.  Cap.  31. 
Und  im  42.  Schäme  dich,  dass  du  mit  dem  arm  auf  dem  tische  liegest  Schäme 
dich,  dass  du  nicht  danckest,  wenn  man  dich  grüssei  Schäme  dich,  nach  den 
huren  zu  sehen,  und  fremder  mägde  zu  begehren,  usw.  Diss  alles  hält  Monsieur 
Schwemhardus  Grobianns,  aus  Schlaraffenland  gebürdig,  für  saalbaderey,  und  lehret 
gerad  das  widerspiel;  weiset  hingegen  seine  brüder  und  mit-glieder  auf  das  natür- 
liche schlaff-  fress-  und  sauff- recht,  und  an  die  heutiges  tages  im  schwang  gehende, 
incivilische  mores,  dann  allzuviel  gesetze  und  regeln,  machen  auf  ti-uoknen  land 
segeln,  das  ist,  verwirrt  und  näirisch  seyn.  Giebt  ihnen  demnach,  mit  Vergün- 
stigung des  Plutonischen  gross -printzen,  nachfolgendes  immerwehrendes  Privilegium, 
dergestalt  kürtzlich  verfasset,  dass  unser  neumodische  welt-fantasten,  selbiges  desto 
leichter  mercken  und  fassen  können. 

1.  Erstlich  und  zu  fördei'st  sollen  alle  dem  Grobiam'smo  beygethane,  für  allen 
dingen  ihren  bauch  oder  wanst,  als  ihren  abgott  in  ehren  halten,  und  durch  die 
finstere  nacht,  biss  an  das  helle  mittag -Hecht,  schnarchando,  ratzen,  schnarchen 
und  schlaffen,  die  wegen  des  tages  über  gepflogener  wollust  ermüdete  glieder  fein 
ausruhen  lassen,  und  nicht  ehe  aus  dem  feder-nest  fliegen,  biss  die  teuer  auf  dem 
tische  liegen,  und  die  h'ess-glocke  in  dem  magen  beginnet  zu  leuten,  dann  soll  er 
aus  dem  bette  schreiten,  die  kleider  auf  den  nackcn  fassen,  und  sich,  wann  es  son- 
derlich kalt  ist,  hinter  dem  warmen  ofen  anziehen,  damit  die  mägde  die  weissen 
beine  und  das  schnee  -  weisse  hälslein  sehen,  und  sich  darein  verlieben  können,  auch 
desto  grossem  appetit  und  lust  zu  ihm  haben  mögen;  mit  dem  morgensegen  soll  er 
Inhalten,  und  selbigen  sparen,  biss  zu  dem  abendsegen:  Nam  quod  potest  fieii  per 
pauca;  non  debet  fieri  per  plura;  oder  es  doch  kurtz  und  gut  machen,  ungefehr  die- 
ses inhalts:  das  walte  gott,  und  kein  böses  weib! 

2.  Einen  guten  morgen  soll  er  niemand  wünschen,  als  nur  der  Jungfer  Elisa- 
bct,  die  ihm  fein  sanfft  macht  das  bett,  den  andern  gruss  soll  er  crspahrcn,  und 
mit  selbigen  wind  die  biühheisse  suppen  über  den  tisch  blasen. 

BERLIN.  QEORO  ELLINGBR. 

Carl  Helne^   Bas  Schauspiel  der  deutschen  Wanderbühne  vor  Gottsched. 
Halle,  Max  Niemeyer.  1889.    VII  und  92  s. 

Die  geschichte  des  deutschen  volksdramas  im  siebzehnten  Jahrhundert  liegt 
noch  so  im  argen,  dass  jeder  beitrag,  der  einen  teil  des  über  dem  Schauspiel  der  fah- 

27* 


4^  ^uttoim 

renden  liegenden  dunkeis  zu  lüften  im  stände  ist,  auf  dankbare  aufnähme  bei  den 
facbgenossen  rechnen  darf.  Die  vorliegende  sohrift  nun  stelt  zunächst  die  stücke 
zusammen,  die  sich  nachweislich  auf  dem  repertoire  der  fahrenden  befunden  haben 
und  uns  Tolständig  erhalten  sind.  Dankenswert  ist  dann  femer  die  s.  9  fg.  gegebene 
aufstellung  über  die  herkunft  der  aufgeführten  stücke,  wobei  der  Verfasser  sich  nicht 
auf  die  volständig  erhaltenen  dramen  beschiünkt.  Das  hauptkontingent  stelt  das  spa- 
nische drama  (darunter  befinden  sich  fünf  stücke  von  Calderon  und  eins  von  Lope), 
daneben  erscheinen  französische,  niederländische  und  deutsche  originale;  ob  italieni- 
scher Ursprung  bei  allen  den  stücken,  die  der  Verfasser  hierher  rechnet,  wirklich 
anzunehmen  ist,  muss  dahingestelt  bleiben;  dass  auch  Englands  dramatische  Produk- 
tion noch  beständig  auf  das  drama  der  fahrenden  einwirkte,  sehen  wir  an  dem  Yer- 
irten  Soldaten.  Weniger  fördernd  als  diese  Übersicht  erscheint  mir  die  Zusammenstel- 
lung der  im  ernsten  drama  der  fahrenden  verwendeten  motive  s.  15  fgg.;  man  erhält 
kein  lichtiges  bild,  ebensowenig  wie  aus  der  s.  80  fgg.  gegebenen  Übersicht  über  die 
am  häufigsten  vorkommenden  Hanswurstcharaktere.  S.  42  fgg.  berichtet  der  Verfasser 
auf  grund  der  erhaltenen  dramen  über  die  axt  der  darstellung,  rollenbesetzung,  das 
aussehen  der  bühne,  die  notwendigen  requisiten  und  ähnliches,  wobei  s.  43  richtig 
bemerkt  wird,  dass  in  den  dramen  das  extemporieren  im  wesentlichen  auf  die  komi- 
schen scenen  sich  beschränkte,  was  sich  übrigens  auch  aus  den  älteren  puppen- 
spieltexten ergibt. 

Der  hauptwert  des  buches  beruht  auf  den  s.  61  fgg.  gegebenen  analysen  aus 
dramcnhandschriften  der  fahrenden,  welche  die  Wiener  bibliothek  besizt.  Ob  mit 
diesen  und  den  von  dem  Verfasser  früher  gegebenen  mitteilungen  die  schätze  der 
Wiener  bibliothek  nach  dieser  richtung  hin  ei-schöpft  worden  sind,  sagt  der  Verfasser 
nirgends;  der  referent,  der  die  Wiener  bibliothek  nicht  kent,  vermag  darüber  selbst- 
verständlich kein  uiieil  abzugeben.  Das  verhältnismässig  vollendetste  der  analysier- 
ten stücke,  scheint,  soweit  sich  aus  den  mitgeteilten  inhaltsangaben  schliessen  lässt, 
die  komödio  in  12  personen  s.  66  fgg.  zu  sein. 

Kann  somit  in  bezug  auf  das  neu  beigebrachte  material  die  arbeit  als  eine 
dankenswerte  bereichemng  unserer  kentnisse  des  dramas  der  fahrenden  dankbar  ent- 
gegengenommen werden,  so  erscheint  dem  referenten  das  verfahren  des  Verfassers, 
näheres  über  das  repertoire  der  Wandertruppen  zu  ermitteln  und  festzustellen,  bei 
weitem  nicht  ausreichend  zu  sein.  Auf  grund  der  wenigen  gleichzeitigen  handschrif- 
ten,  die  der  zufall  vor  dem  verderben  gerettet  hat,  lässt  sich  sicher  kein  auch  nur 
annähernd  richtiges  bild  von  der  beschaifenheit  und  dem  umfange  dieses  rapertoires 
gewinnen.  Unsere  kentnis  derselben  würde  immer  eine  ganz  mangelhafte  bleiben, 
wenn  wir  nicht  ein  wichtiges  hilfsmittel  mit  hinzunehmen:  die  Puppenspiele.  Ein 
grosser  teil  der  gedruckten  und  handschriftlich  erhaltenen  Puppenspiele  reicht  in  sei- 
nem kern  in  die  zeit  des  endenden  siebzehnten  Jahrhunderts  zurück;  bei  den  meisten 
kann,  wenn  man  ihre  litterarische  abstammung  betrachtet,  gar  kein  zweifei  darüber 
bestehen,  dass  sie  auf  der  bühne  der  fahi'euden  gespielt  sind  und  als  volksdramen  das 
Publikum  orgözt  haben.  Freilich  die  aufgäbe,  die  sich  somit  ergibt,  ist  nicht  leicht 
Zunächst  geben  die  samlungen  von  Puppenspielen,  die  wir  bis  jezt  besitzen,  so  vor- 
treflicho  diensto  sie  auch  unter  umständen  der  forschung  leisten,  doch  nur  einen 
verschwindend  kleinen  bruchteil  der  auf  den  puppenbühnen  gespielten  stücke  wider. 
Es  müste  also  zu  einer  derartigen  arbeit  das  reiche  handschriftfiche  material  hinzu- 
gezogen werdeü,  das  noch  auf  den  verechiedeuen  deutschen  bibliotheken  zu  finden 
ist.     Dauu  niüsteu  natürlich  die  spiele  ausgeschieden  werden,  von  denen  ein  zurück- 


ÜBBH  KRAUS,  FUFPENSHEL  VOM  DOCTOR  FAUST  421 

reichen  bis  an  den  anfang  des  achtzehnten  Jahrhunderts  oder  noch  ins  siebzehnte 
Jahrhundert  nicht  angenommen  werden  kann.  Natürlich  wären  auch  diese  spiele  einer 
genauen  Untersuchung  zu  unterwerfen,  denn  nicht  selten  komt  es  vor,  dass  teile 
älterer  stücke  in  ganz  junge  Puppenspiele  hineingeraten  sind.  (Ein  beispiol  in  dieser 
Zeitschrift  XXI,  s.  119.  Braunes  neudrucke,  90  und  91,  s.  XIY.)  Und  ebenso  lie- 
gen uns  ja  die  älteren  Puppenspiele  vielfach  überarbeitet,  korrumpieii;  und  dui*ch 
mannichfache  zusätze  entstelt,  vor.  Biese  stücke  müsten  ebenfals  einer  eingehenden 
Untersuchung  unterworfen  werden;  durch  vergleichung  der  verschiedenen  fiissungen, 
durch  ermittelung  der  stücke,  von  denen  sie  abgeleitet  sind,  durch  die  mittel,  die 
die  innere  kritik  an  die  band  gibt,  ist  dann  der  versuch  zu  machen,  den  ursprüng- 
lichen kern  in  diesen  stücken  festzustellen. 

Eine  ähnliche  arbeit,  wie  ich  sie  eben  skizziert  habe,  ist  gewiss  nicht  leicht 
Sie  sezt  eine  ausgebreitete  belesenheit,  ein  nicht  geringes  philologisches  geschick  und 
eine  sichere  kombinationsgabe  voraus.  Dennoch  müssen  versuche  gemacht  werden, 
sie  zu  lösen,  bevor  man  zu  einer  wirklichen  erledigung  der  frage  schreiten  kann, 
deren  beantwoiiung  der  Verfasser  in  dem  vorliegenden  buche  unternommen  hat.  Dass 
auch  das  gleichzeitige  kunstdrama  (z.  b.  die  stücke  des  Verfassers  der  Kunst  über 
alle  künste)  für  die  erkentnis  des  Schauspieles  der  fahrenden  manche  wichtigen 
anhaltspunkte  gewährt,  die  noch  keineswegs  genügend  ausgenuzt  sind  —  darauf  sei 
nur  mit  einem  werte  vorläufig  hingewiesen;  ich  denke  in  nicht  alzulanger  zeit  darauf 
zurückzukommen. 

BERLIN.  GEORG  ELUNGER. 


Das  böhmische  Puppenspiel  vom  doctor  Faust.  Von  Ernst  Kraus.  Abhand- 
lung und  Übersetzung.  Breslau,  vorlag  von  Wilhelm  Köbner.  1891.  VI  und 
170  s.    3  m. 

Das  vorliegende  buch  hat  das  verdienst,  unsere  kentnis  von  dem  czechischon 
Faustpuppenspiel,  die  sich  bis  jezt  im  wesentlichen  auf  Andrees  bekanten  bericht  grün- 
dete, beträchtlich  zu  vormehren  und  zwei  volständige  fassungon  des  Spieles  in  einer, 
wie  es  scheint,  getreuen  Übersetzung  bekant  zu  geben.  Der  Verfasser  hat  die  beiden 
texte  (neben  denen  Andrees  bericht  und  aufzoichnungen  eines  Studenten  über  eine 
aufführung  des  Puppenspiels  nur  wenig  in  betracht  kommen)  einer  sorgfältigen  ver- 
gleichung unterzogen,  deren  nachprüfung  dadurch  wesentlich  erleichtert  wird,  dass 
die  beiden  spiele  in  sauberem  abdruck  neben  einander  gostelt  sind.  Das  rcsultat 
dieser  vergleichenden  Untersuchungen  über  das  Verhältnis  der  beiden  fassungen  zu 
einander  ist  dieses,  dass  die  gleiche  anläge  sowie  viele  übereinstimmimgen  im  ein- 
zelnen auf  eine  gemeinsame  vorläge  liinweisen.  Gegen  diese  annähme  wird  sich 
gewiss  nichts  einwenden  lassen.  Über  das  alter  dieser  vorläge,  die  mit  C  bezeichnet 
wird,  spricht  sich  der  Verfasser  mit  der  grösten  vorsieht  aus;  die  sprachlichen  envä- 
gungon,  die  er  anstelt,  scheinen  ihm  zur  altorsbestimmung  entscheidende  merkmale 
nicht  zu  gewähren;  aus  inneren  gränden,  über  die  wir  indessen  keine  nähere  aus- 
kunft  erhalten,  glaubt  er  sich  aber  zu  dem  Schlüsse  berechtigt,  dass  C  weit  m  das 
achtzehnte  Jahrhundert  hinaufreiche.  Auf  die  weitere  frage  nach  der  vorläge  von  C 
geht  der  Verfasser  zunächst  durch  eine  vergleichung  der  böhmischen  texte  mit  den 
deutschen  Puppenspielen  ein:  irgendwelche  nonncnswei'te  aufschlüsse  ergeben  sich 
indessen  auf  diesem  wcgo  nicht,  obgleich  einzelne  gute  parallelen  angeführt  werden. 
Noch  weniger  können  aber  die  andichten  befriedigen,  die  der  Verfasser  über  das  ver- 


4^0  &uKoim 

renden  liegenden  dunkeis  zu  lüften  im  stände  ist,  auf  dankbare  aufnähme  bei  den 
facbgenossen  rechnen  darf.  Die  Yorliegonde  schrift  nun  stelt  zunächst  die  stücke 
zusammen,  die  sich  nachweislich  auf  dem  repertoire  der  fahrenden  befunden  haben 
und  uns  volständig  erhalten  sind.  Dankenswert  ist  dann  femer  die  s.  9  fg.  gegebene 
aufstellung  über  die  herkunft  der  aufgeführten  stücke,  wobei  der  Verfasser  sich  nicht 
auf  die  volständig  erhaltenen  dramen  beschiünkt.  Das  hauptkontingent  stelt  das  spa- 
nische drama  (darunter  befinden  sich  fünf  stücke  von  Calderon  und  eins  von  Lope), 
daneben  erscheinen  französische,  niederländische  und  deutsche  oiiginale;  ob  italieni- 
scher Ursprung  bei  allen  den  stücken,  die  der  Verfasser  hierher  rechnet,  wirklich 
anzunehmen  ist,  muss  dahingestelt  bleiben;  dass  auch  Englands  dramatische  Produk- 
tion noch  beständig  auf  das  drama  der  fahrenden  einwirkte,  sehen  wir  an  dem  Yer- 
irteu  Soldaten.  Weniger  fördernd  als  diese  Übersicht  erscheint  mir  die  Zusammenstel- 
lung der  im  ernsten  drama  der  fahrenden  verwendeten  motive  s.  15  fgg.;  man  erhält 
kein  richtiges  bild,  ebensowenig  wie  aus  der  s.  80  fgg.  gegebenen  Übersicht  über  die 
am  häufigsten  vorkommenden  Hanswurstcharaktere.  S.  42  fgg.  berichtet  der  Verfasser 
auf  grund  der  erhaltenen  dramen  über  die  art  der  darstellung,  rollenbesetzung,  das 
aussehen  der  bühne,  die  notwendigen  requisiten  und  ähnliches,  wobei  s.  43  richtig 
bemerkt  wird,  dass  in  den  dramen  das  extemporieren  im  wesentlichen  auf  die  komi- 
schen scenen  sich  beschränkte,  was  sich  übrigens  auch  aus  den  älteren  puppen- 
spieltexten  ergibt. 

Der  hauptwert  des  buches  beruht  auf  den  s.  61  fgg.  gegebenen  analysen  aus 
dramcnhandschriften  der  fahrenden,  welche  die  Wiener  bibliothek  besizt.  Ob  mit 
diesen  und  den  von  dem  Verfasser  früher  gegebenen  mitteilungen  die  schätze  der 
Wiener  bibliothek  nach  dieser  richtung  hin  ei'schöpft  worden  sind,  sagt  der  Verfasser 
nirgends;  der  referent,  der  die  Wiener  bibliothek  nicht  kent,  vermag  darüber  selbst- 
vei'ständlich  kein  uiieil  abzugeben.  Das  verhältnismässig  vollendetste  der  analysier- 
ten stücke,  scheint,  soweit  sich  aus  den  mitgeteilten  inhaltsangaben  schliessen  lässt, 
die  komödie  in  12  personen  s.  66  fgg.  zu  sein. 

Kann  somit  in  bezug  auf  das  neu  beigebrachte  material  die  arbeit  als  eine 
dankenswerte  bereichei-ung  unsei*er  kontnisse  des  dramas  der  fahrenden  dankbar  ent- 
gegengenommen werden,  so  erscheint  dem  referenten  das  verfahren  des  Verfassers, 
näheres  über  das  repertoire  der  Wandertruppen  zu  ermitteln  und  festzustellen,  bei 
weitem  nicht  ausreichend  zu  sein.  Auf  grund  der  wenigen  gleichzeitigen  haudschrif- 
ten,  die  der  zufall  vor  dem  verderben  gerettet  hat,  lässt  sich  sicher  kein  auch  nur 
aunäherad  richtiges  bild  von  der  beschaifenheit  und  dem  umfange  dieses  rapertoires 
gewinnen.  Unsere  kentnis  dei'selben  würde  immer  eine  ganz  mangelhafte  bleiben, 
wenn  wir  nicht  ein  wichtiges  hilfsmittel  mit  hinzunehmen:  die  Puppenspiele.  Ein 
grosser  teil  der  gedruckten  und  handschriftlich  erhaltenen  Puppenspiele  reicht  in  sei- 
nem kern  in  die  zeit  des  endenden  siebzehnten  Jahrhunderts  zurück;  bei  den  meisten 
kann,  wenn  man  ihre  litterarische  abstammung  betrachtet,  gar  kein  zweifei  darüber 
bestehen,  dass  sie  auf  der  büline  der  fahrenden  gespielt  sind  und  als  volksdrameu  das 
publikum  crgözt  haben.  Freilich  die  aufgäbe,  die  sich  somit  ergibt,  ist  nicht  leicht. 
Zunächst  geben  die  samlungen  von  Puppenspielen,  die  wir  bis  jezt  besitzen,  so  vor- 
trefliche  diensto  sie  auch  unter  umständen  der  foi*schung  leisten,  doch  nur  einen 
verschwindend  kleinen  bruchteil  der  auf  den  pupponbühnen  gespielten  stücke  wider. 
Es  müste  also  zu  einer  derai-tigen  arbeit  das  reiche  handschriftliche  material  hinzu- 
gezogen werden,  das  noch  auf  den  verechiedenon  deutschen  bibliotheken  zu  finden 
ist.     Dann  müsteu  natürlich  die  spiele  ausgeschieden  werden,  von  denen  ein  zurück- 


ÜBER  KRAUS,   FÜPPENSnEL  VOM  DOCTOR  FAUST  421 

reichen  bis  an  den  anfang  des  achtzehnten  Jahrhunderts  oder  noch  ins  siebzehnte 
Jahrhundert  nicht  angenommen  werden  kann.  Nattirlioh  wären  auch  diese  spiele  einer 
genauen  Untersuchung  zu  unterwerfen,  denn  nicht  selten  komt  es  vor,  dass  teile 
älterer  stücke  in  ganz  junge  Puppenspiele  hineingeraten  sind.  (Ein  beispiol  in  dieser 
Zeitschrift  XXI,  s.  119.  Braunes  neudrucke,  90  und  91,  s.  XIV.)  Und  ebenso  lie- 
gen uns  ja  die  älteren  Puppenspiele  vielfach  überarbeitet,  korrumpiei-t  und  durch 
mannichfache  zusätze  entstelt,  vor.  Diese  stücke  müsten  ebenfals  einer  eingehenden 
Untersuchung  unterworfen  werden;  durch  vergloichung  der  verschiedenen  fassungen, 
durch  ermittelung  der  stücke,  von  denen  sie  abgeleitet  sind,  durch  die  mittel,  die 
die  innere  kritik  an  die  band  gibt,  ist  dann  der  versuch  zu  machen,  den  ursprüng- 
lichen kern  in  diesen  stücken  festzustellen. 

Eine  ähnliche  arbeit,  wie  ich  sie  eben  skizziert  habe,  ist  gewiss  nicht  leicht 
Sie  sezt  eine  ausgebreitete  belesenheit,  ein  nicht  geringes  philologisches  geschick  und 
eine  sichere  kombinationsgabe  voraus.  Dennoch  müssen  versuche  gemacht  werden, 
sie  zu  lösen,  bevor  man  zu  einer  wirklichen  erledigung  der  frage  schreiten  kann, 
deren  beantwoiiung  der  Verfasser  in  dem  vorliegenden  buche  unternommen  hat.  Dass 
auch  das  gleichzeitige  kunstdrama  (z.  b.  die  stücke  des  Verfassers  der  Kunst  über 
alle  künstc)  für  die  erkentnis  des  Schauspieles  der  fahrenden  manche  wichtigen 
anhaltspunkte  gewährt,  die  noch  keineswegs  genügend  ausgonuzt  sind  —  darauf  sei 
nur  mit  einem  werte  vorläufig  hingewiesen;  ich  denke  in  nicht  alzulauger  zeit  darauf 
zurückzukommen. 

BERLIN.  GEORG  ELUNGER. 


Das  böhmische  Puppenspiel  vom  doctor  Faust.  Von  £mst  Kraus.  Abhand- 
lung und  Übersetzung.  Breslau,  vorlag  von  Wilhelm  Köbner.  1891.  VI  und 
170  s.    3  m. 

Das  vorliegende  buch  hat  das  verdienst,  unsere  kentnis  von  dem  czechischen 
Faustpuppenspiel,  die  sich  bis  jezt  im  wesentlichen  auf  Andrees  bokanten  bericht  grün- 
dete, beträchtlich  zu  vermehren  und  zwei  volständige  fassungen  des  Spieles  in  einer, 
wie  es  scheint,  getreuen  Übersetzung  bekant  zu  geben.  Der  Verfasser  hat  die  beiden 
texte  (neben  denen  Andi-ees  beiicht  und  aufzoichnungcn  eines  Studenten  über  eine 
aufführung  des  Puppenspiels  nur  wonig  in  betracht  kommen)  einer  sorgfältigen  ver- 
gloichung unterzogen,  deren  nachprüfung  dadurch  wesentlich  erleichtert  wird,  dass 
die  beiden  s[)iele  in  sauberem  abdruck  neben  einander  gostelt  sind.  Das  i-esultat 
dieser  vergleichenden  Untersuchungen  über  das  Verhältnis  der  beiden  fassungen  zu 
einander  ist  dieses,  dass  die  gleiche  anläge  sowie  viele  übereinstimmimgen  im  ein- 
zelnen auf  eine  gemeinsame  vorläge  hinweisen.  Gegen  diese  annähme  wird  sich 
gewiss  nichts  einwenden  lassen.  Über  das  alter  dieser  vorläge,  die  mit  C  bezeichnet 
wird,  spricht  sich  der  Verfasser  mit  der  grösteu  vorsieht  aus;  die  sprachlichen  envä- 
gungen,  die  er  anstelt,  scheinen  ihm  zur  altersbestimmung  entscheidende  merkmale 
nicht  zu  gewähren;  aus  inneren  giünden,  über  die  wir  indessen  keine  nähere  aus- 
kunft  erhalten,  glaubt  er  sich  aber  zu  dem  Schlüsse  berechtigt,  dass  C  weit  in  das 
achtzehnte  Jahrhundert  hinaufreiche.  Auf  die  weitere  frage  nach  der  vorläge  von  C 
geht  der  Verfasser  zunächst  durch  eine  vergleichung  der  böhmischen  texte  mit  den 
deutschen  Puppenspielen  ein:  irgendwelche  nennenswerte  aufschlüsse  ergeben  sich 
indessen  auf  diesem  wego  nicht,  obgleich  einzelne  gute  parallelen  angeführt  werden. 
Noch  weniger  können  aber  die  ansichteu  befriedigen,  die  der  vcifasser  über  das  ver- 


422  ELUNGEB 

hältnis  der  volksliodor  vom  Faust  zu  den  czechischeo  Puppenspielen  vorträgt.  Die 
an  sich  nicht  alzu  schwer  zu  erkennenden  bozichungen  zwischen  dem  volksdi*ama 
und  dem  epischen  Volkslieds  von  Faust  sind  in  neuester  zeit  durch  einen  unnötigen 
aufwand  subtilster  Untersuchungen  mehr  vordunkelt  als  erhelt  worden.  Die  wichtigste 
der  dabei  in  betracht  kommenden  fragen  ist  bekantlich  die,  auf  welche  weise  die  in 
dem  epischen  volksliede  vorkommende  scene,  in  der  Faust  sich  den  erlöser  am  kreuz 
malen  lässt,  in  das  drama  gekommen  ist  Kraus  versucht  den  knoten  mit  einem 
kühnen  streiche  zu  durchhauen.  Auf  dem  titolblatt  des  ältesten  druckes  des  epischen 
faustliedes  wird  ein  Prageiisches  Comoedi-Lied  erwähnt  Das  bezog  man  bisher  auf 
das  bekante  lyrische  Faustlied:  ^Fauste,  jene  Himmelsgaben ^,  welches  als  zweites 
stück  mit  in  dem  erwähnten  druck  enthalten  ist  und  dessen  bezeichnung  als  komödi- 
liod  schon  um  deswillen  keinen  anstoss  bot,  als  das  liod  tatsächlich  in  mehreren 
Puppenspielen  vorkomt  Kraus  stolt  nun  die  ansieht  auf,  dass  nicht  das  lyrische, 
sondern  das  epische  Volkslied  als  Pragerisches  Komödi-Lied  bezeichnet  werde.  Er 
schliosst  weiter,  dass  das  lied  den  inhalt  einer  Prager  aufführung  widergebe.  Da 
Prag  ausdrücklich  ei*wähnt  wird,  so  muss  nach  seiner  meinung  diese  Prager  auffüh- 
rung  eine  ganz  besondere  bedeutung  innerhalb  der  geschichte  des  volksdramas  haben. 
Auf  diesem  w*egc  gelangt  Kraus  zu  der  behauptung,  dass  im  siebzehnten  Jahrhundert 
mit  dem  deutschen  volksdrama  in  Prag  eine  entscheidende  Umarbeitung  vorgenommen 
sei ;  und  aus  dieser  bearboitung  sollen  sowol  die  deutschen  Volkslieder  als  die  epische 
vorläge  von  C  geflossen  sein. 

Ist  nun  schon  der  reale  Untergrund,  auf  dem  diese  vennutungen  sich  aufbauen, 
im  höchsten  masse  bedenklich,  so  wird  die  ganze  hypothese  volkommen  hinfalhg, 
wenn  man  das  titolblatt  des  ältesten  druckes  der  Faustballado  genauer  ins  äuge  lia.sst 
])ci  unbefangener  betrachtung  kann  es  nämlich  durchaus  nicht  zweifelhaft  sein,  dass 
mit  dem  Pragerischen  Comödi-Liod  das  lyrische  gedieht  gemeint  ist  "Was  Kraus 
s.  Ü5  fg.  dagegen  anfühii;,  lässt  sich  nirgends  halten.  Der  titel  begint:  „Eine  neue 
ausführliche  Beschreibung  dos  weit-  und  wohl -bekannten  auch  weit -berühmten  Johann 
Doctor  Faust  Von  Anhalt  geboren,  Meister  der  höllischen  Geister,  wie  er  sich  mit 
tlon  zwey  GeLsteni  auf  24.  Jahr  verschrieben  hat^  und  nun  folgt  eine  weitere,  sum- 
marische und  grobe  Zusammenfassung  des  inhaltes  des  epischeu  liedes  in  sätzen,  die 
meist  mit  wie  eingeleitet  werden;  am  Schlüsse  der  satz:  „wie  solches  femer  im  Pra- 
gerischen Comödi-Lied  zu  vernehmen  soyn  wird*'.  Es  ist  volständig  ausgeschlossen, 
dass,  nachdem  so  lange  von  dem  ersten  liede  die  rede  gewesen  ist,  dieser  satz.  der 
offenbar  auf  etwas  ganz  neues,  jedesfals  auf  et>^'as  anderes  als  das,  wovon  bisher 
gesprochen,  hinweist,  nun  ebenfals  auf  das  epische  lied  zu  beziehen  sein  solte.  Wer 
schon  viele  fliegende  blätter  des  endenden  siebzehnten  und  beginnenden  aehtzehnteo 
jalirhuiiderts  gesehen  hat  und  mit  der  ait  des  ausdrueks  der  titeliassungen  vertraut 
ist,  wird  gewiss  zugeben,  dass  der  titel  weiter  oichts  sagen  soll  als:  ^Ein  Üed  von 
der  persönlich keit  und  den  taten  des  Faust,  femer  ein  zweites  lied  (das  Pragerische 
C'omödi-Lied),  in  welchem  ebenfals  von  der  persönlichkeit  des  Faust  die  rede  ist^. 

Vorausgeschickt  hat  der  Verfasser  diesen  Untersuchungen  eine  recht  Icsensweite 
Übersicht  über  die  ziemlich  dürftige  böhmische  lokalsage  vom  Faust,  eine  Übersetzung 
dt's  Faustbuches  von  15S7,  eigene  czechische  dichtungen,  die  an  Faust  und  verwaute 
proMomo  anknüpfen,  sowie  mitteilungen  über  die  cxechischen  nachdichtungen  des 
Goothesohon  Faust 

BERLIN.  GIOBO  ILLCCeiB. 


ÜBER   BOLTI,   BAÜBR  IM   UEDB  423 

Der  bauer  im  deutschen  liedo.  32  lieder  des  15.  — 19.  Jahrhunderts  nebst  einem 
anhange  herausgegeben  von  Johannes  Bolte*  Berlin,  Mayer  und  Müller.  1890. 
(Acta  Germanica,  organ  f.  deutsche  philologie,  herausg.  von  Henning  und  Hof- 
fory.  m.) 

In  dem  vorliegenden  buche  hat  Bolte  aus  einzeldrucken,  handschriftlichen  und 
gedruckten  liedersamlungen  eine  reihe  von  erzeugnissen  des  volks-  imd  geselschafts- 
liedes  znsammengestelt,  in  denen  der  bauer  und  sein  leben  im  mittelpunkto  stehen. 
Der  naive  stolz  des  bauern  auf  die  vortreflichkeit  seines  Standes  komt  in  diesen  lie- 
dem  ebenso  zum  wort  wie  die  klagen  über  die  mühseligkeiten,  die  das  bäuerliche 
leben  mit  sich  bringt;  fast  alle  Verhältnisse  des  bauemlebens  worden  gesheift.  Das 
bäuerliche  liebeslied  in  den  verschiedensten  formen  fohlt  ebensowenig  wie  derbe  trink-, 
neck-  und  scheltlieder  und  die  volkstümliche  baliade;  die  leiden  dos  bauern,  etwa 
im  kriege,  werden  uns  in  chai'akteristischen  liedem  ebenso  vorgeführt  wie  seine 
freuden  im  Wirtshaus  und  bei  der  kinns.  Durch  diesen  umfassenden  Charakter  erhält 
die  samlung  einen  besonderen  kulturgeschichtlichen  wert,  zumal  die  äusseiningen  aus 
bäuerlichen  kreisen  und  über  bäuerliches  leben,  die  hier  vereinigt  sind,  nicht  einer 
einzigen  periode  angehören,  sondern  aus  den  verschiedensten  Zeitaltern  stammen  und 
somit  zu  vergleichenden  beobachtungen  hier  reiche  gelogenheit  geboten  wird.  —  Die 
meisten  der  mitgeteilten  lieder  waren  bisher  noch  nicht  bekant;  aber  auch  wo  bereits 
irgendwo  publicieiie  lieder  mitgeteilt  werden,  gibt  der  herausgeber  aus  dem  reichen 
schätze  seiner  samlungen  neue  und  bessere  fassungen. 

Die  einleitung  skizziert  kurz  die  Stellung,  welche  der  bauer  in  den  ver- 
schiedenen Perioden  der  deutschen  litteratur  eingenommen  hat,  und  verfolgt  die 
Wandlungen  dos  geschmacks  in  dieser  beziehung  bis  auf  die  gegenwai't  Im  anhang 
werden  zunächst  zwei  Sprüche,  ein  lob  der  bauern  und  eine  klage  über  die  hof- 
fahrt der  bauern,  aus  einer  Münchener  handschrift  des  fünfzehnten  Jahrhunderts 
mitgeteilt;  femer  enthält  der  anhang  ein  sehr  wertvolles  Verzeichnis  von  liedem  über 
den  bauemstand  aus  samlmigen ,  Zeitschriften  und  fliegenden  blättem.  Namentlich  ist 
die  reichhaltige  samlung  von  fliegenden  blättern  des  18.  und  19.  Jahrhunderts,  welche 
die  königliche  bibliothek  in  25  miscellaiibänden  besizt,  von  dem  Verfasser  für  dieses 
Verzeichnis  ausgenuzt  worden. 

Jeder  freund  der  volkspoesie  wird  dem  herausgeber  für  seine  gäbe  von  herzen 
dankbar  sein. 

BERUN.  GEORG  ELUNGER. 


Egberts  von  Lüttich  Fecuuda  ratis.  Zum  ereten  mal  herausgegeben,  auf  ihre 
(juellen  zui*ückgefühi*t  und  erklärt  von  Ernst  Voigt.  Halle  a.  S.,  Max  Niemeycr. 
1889.    LXVI  und  273  s.    9  m. 

In  dem  geleitsbriefe  ad  Alb ol dum  episcopum  bezeichnet  sich  der  Verfasser 
der  Fecunda  ratis,  die  uns  hier  in  volständigor  commentierter  ausgäbe  geboten  wird, 
als  E.  seruomm  dei  humillimus  prosbiter.  Joner  kann  nur  sein  bischof  Adalbold  von 
Utrecht  (seit  1010),  vorher  archidiaconus  an  der  kathodrale  zu  Lüttich,  der  1026, 
27.  nov.  starb.  Zwischen  1010  und  1026  also  ist  das  werk  verfa.sst;  genauer  zwi- 
schen 1022  und  1024,  da  der  dichter  der  von  Cluguy  aus  über  die  Niederlande  sich 
verbreitenden  askcse  mit  rücksichtsloser  schrofheit  entgegentritt,  dor  sich  doch  Adal- 
bold in  seinen  lezten  jähren  zuwante,  und  unter  der  von  westen  vordringenden  ketze- 
rei,    die  er  in  dem  stücke  de  malis  Francigenis  brandmarkt,   die  Neumanichaeer 


424  popEB 

zu  vei-stoheu  sind,  die  durch  dio  synode  von  Orleans  1022  verdamt  wurden.  Adal- 
bold  würde  auch  in  seiner  zwischen  1018  bis  1022  verfassten  Schilderung  der  taten 
kaiser  Heinrichs  II.,  in  der  er  die  Thietmarsche  gnmdlage  mit  Sentenzen  und  Sprich- 
wörtern verzierte,  dio  Fccunda  ratis  zum  schmuck  seiner  darstellung  verwant  haben, 
wenn  dieselbe  ihm  vor  dieser  zeit  zugekommen  wäre.  Der  Verfasser  hatte  das 
50.  jähr  überschritten,  als  er  schrieb,  war  also  ungefähr  972  geboren.  Er  war  Adal- 
bolds  gleichaltriger  Schulkamerad;  dieser  aber  war  nicht  in  Laubach  erzogen  unter 
Heriger  und  hatte  nicht  zu  Oerberts  füssen  gesessen,  wie  fälschlich  angenommen 
worden  ist  (Lobiensis  bei  Sigebert  ergibt  sich  als  Schreibfehler  für  Leodiensis):  er 
hatte  zu  Lüttich  unter  Notker  seine  ausbildung  erhalten  und  ist  zwischen  d99  imd 
1003  Vorsteher  einer  dom-  oder  stiftsschule  —  nicht  der  kathedralschule  selbst,  die 
sich  Notker  vorbehalten  —  gewesen.  —  Unter  der  Lütticher  geistliohkeit  und  den 
Zöglingen  der  dortigen  schule  unter  Heinrich  II.  und  Eonrad  H.  findet  sich  mit  dem 
anfangsbuchstaben  £  (ausser  dem  bereits  1012  verstorbenen  Erluin)  nur  ein  Egbert, 
von  dem  Sigebert  von  Gembloux  c.  146  berichtet:  Egebertus  clericus  Leodiensis  scrip- 
sit  metrico  stilo  de  aenigmatibus  rusticanis  librum  primo  breuem  sed  ampliato 
rationis  tenoro  scripsit  de  eadem  re  metrice  alterum  librum  maiusculum  (was  Trit- 
heim  mit  formelhaften  Zusätzen  ausgeschmückt  und  mit  falscher  datierung  versehen 
hat).  Damit  ist  inhaltlich  unser  werk  bezeichnet  (wie  sich  auch  sonst  Sigebert  mit 
der  angäbe  des  sachlichen  Inhalts  statt  des  titeis  begnügt),  vgl.  scholion  zu  I,  3  eo 
quod  plena  iocis  et  rusticis  instrumentis ;  auch  weite  sich  der  dichter  anfanglich  nur 
mit  der  uulgi  sententia,  dem  communis  sermo  befassen.  Der  ausdruck  aenig- 
ma  aber  ist  ein  umfassenderer  und  wird  neben  parabola  und  proverbium  gebraucht, 
wie  u.  a.  Alani  über  parabolarum,  d.  h.  sprich wörtersamlung,  zeigt.  Im  weiteren 
verlauf  hat  er  freilich  die  grenzen  nicht  innegehalten  und  teilt  diesen  fehler  mit  allen 
sprichwörtei-samlungen  des  mittelalters.  Was  endlich  Sigebert  von  einer  doppolten 
bearbeitung  sagt  wii-d  durch  unsre  dichtung  bestätigt,  in  der  die  kürzere  urform  in 
der  ausführlicheren  bearbeitung  noch  kentlich  ist:  v.  1 — 4  bilden  den  prolog,  1(X)5— 
1008  den  epilog  einer  aus  rund  1000  versen  (einer  im  mittelaltor  beliebten  verszahl) 
bestehenden  spruchsamluug. 

Für  zeit,  ort,  namen,  stand  ist  somit  eine  feste  grundlage  gewonnen.  Er  lohte 
unter  Otto  II.  und  III,  Heinrich  H.  und  Konrad  II.,  unter  den  Lütticher  bischöfen 
Notker  f  1008,  Balderich  f  1018,  Wolbodo  f  1021,  Durand  f  1025  und  vieUcicht 
Keginai-d  (f  1036). 

Von  seinem  Jugend-  und  manneslebon  ist  wonig  bekant:  aus  einem  deutschen, 
adlichcn  geschlechte  stammend  und  wie  sich  aus  seinen  äusscrungen  ergibt,  für  die  lauf- 
bahn  des  weltgeistlichen  bestimt,  kam  Egbert  um  979  in  dio  schule  Notkers,  trat  in 
ihr  seinem  mitschülor  Adalbold  nahe  und  ergriff  mit  eifer,  was  ihm  dio  schule  bot; 
von  eingehenden  fachstudien  nach  dieser  zeit  zeugt  seine  umfassende  belesenhcit  und 
gründliche  kontnis  der  bibel  wie  der  kirchenvätcr.  Er  wurde  dann  presbyter  und 
erlangte  einen  festen  platz  in  der  domgeistlichkeit.  Eine  lange  mühselige  Unter- 
suchung widmet  der  herausgeber  der  frage,  an  welcher  anstalt  Egbert  gewirkt 
habe:  es  kann  keine  kloster-,  auch  keine  der  sieben  Lütticher  pfarschulen  niederer 
art  gewesen  sein;  es  bleibt  für  ihn  nur  die  eine  höhere  lehranstalt,  die  Lüttich  um 
jene  zeit  besass,  die  dom schule.  Die  namen  der  Scholastiker  aber,  dio  sie  geleitet, 
und  ihre  anitsjahre  sind  durchaus  bekant;  unter  ihnen  findet  sich  für  ihn  kein  platz. 
Aber  eine  bischöfliche  domschule  kann  nicht  der  tätigkeit  eines  einzelnen  mannes 
anvertraut  gewesen  sein,  tiivium  und  quadrivium  nicht  in  einer  band  gelegen  haben; 


ÜBER  EORIRTS  nCUVDA  RATI8  ED.   VOIGT  425 

es  hat  unter  den  scholastici  auch  prosoholi,  submagistri  gegeben,  und  ein  solcher  ist 
nach  ansieht  des  herausgebers  auch  Egbert  gewesen  für  das  gebiet  dos  trivioni:  er 
lehrte  grammatik  und  Wortschatz  der  lateinisohon  spräche,  rhetorik,  dialektik.  Und 
zum  zwecke  der  erweitorung  und  ergänzung  des  trivialen  profanunterrichts  hat  er  seine 
prora  geschrieben.  Der  herausgeber  stelt  nun  sorgsam  aus  dem  werke  zusammen 
alle  hindeutungen  auf  Egberts  erfahrungen  im  lehrerberufe  und  seine  pädagogischen 
maximen;  er  zeichnet  ein  freundliches  bild  des  fünfzigjährigen,  der  einst  einen  höhe- 
ren Wirkungskreis  gehabt  und  sich  nun  auf  die  Unterstufe  beschränkt  sieht,  für  die 
er  dies  lehr-  und  lesebuch  abgefasst  hat  Zum  erstenmale  ist  in  diesem  die  ein- 
heimische Spruch-  und  beispielspoesie  in  ausgedehntem  masse  berücksichtigt;  es 
ist  für  die  didaktische  dicbtung  der  sächsischen  kaiserzeit  das  geworden,  was  der 
Waltharius  für  die  epische  ist.  Es  sind  drei  gruppen^  in  die  sich  das  ganze  werk 
Egberts  zerlegt:  A.  die  Catogruppe,  die  in  der  hauptsache  nur  proverbien  und  Sen- 
tenzen enthielt,  in  einzeiligen  (bis  596)  und  zweizeiligen  (bis  1006)  Sprüchen;  da  die 
fabel,  das  zweite  eloment  des  primärunterrichts ,  in  dem  engen  räume  nur  in  ihren 
pointon  angedeutet  werden  konte,  nahm  er  in  der  zweiten  gruppe  B.  in  drei-,  vior- 
und  mehrzeiligen  gedichten  (bis  1768)  den  wetstreit  (?)  mit  der  römischen  fabeldich- 
tung  auf  und  führte  darin  zugleich  ein  buntes  allerlei  weltlichen,  vorhersehend  bio- 
graphischen Charakters  vor  (die  elemente  von  B  sind  hauptsächlich  1)  spruchartigo 
betrachtungen  aus  der  Bibel,  den  kirchenvätem,  den  klassikem,  den  einheimischen 
Spruch-  und  formelschatz ,  2)  solche,  welche  des  dichters  individueller  empfindung 
klagenden  oder  satirischen  ausdruck  geben,  3)  fabeln  imd  fabelelemente,  nebst  lehr- 
haften erzählungen  und  schwanken);  da  endlich  der  trivialunterricht  nicht  Selbstzweck, 
sondern  nur  Vorläufer  und  grundlage  der  theologischen  Studien  war,  so  fügte  er  eine 
dritte  hauptgi*uppo  C  (605  verso)  hinzu,  welche  katechismusstüoke,  ethische,  alle- 
gorische, legendenhafte  abschnitte  umfasste  (aus  der  bibel,  Gregor,  Augustinus,  Am- 
brosius  u.  a.)  zur  Vorbereitung  und  einführung  in  die  geistliche  gelehrsamkeit.  Die 
dem  profanen  lehrstoff  im  wesentlichen  gewidmeten  gruppen  A  und  B  machte  er  zum 
ersten,  die  theologische  gruppe  C  zum  zweiten  buche  der  dichtung  und  nanto  das 
ganze,  das  wie  die  arche  Noah  die  ganze  weit  im  kleinen  umschloss,  das  vol- 
beladeno  schiff,  und  seine  beiden  bücher  bug  und  Spiegel. 

Von  der  älteren  prosa,  der  gruppe  A,  v.  1  — 1008  (warum  nicht  in  gleicher 
weise  für  die  anderen  teile  des  werks?)  stelt  der  herausgeber  sodann  die  quellen  (A: 
römische  litteratur,  prosa  und  poosic,  B:  bibel,  C:  die  kirchenväter) ,  soweit  sie  zu 
ermitteln  waren,  zusammen  und  zeigt,  dass  der  Verfasser  aus  einer  altem  rccension 
der  contradictio  Salomonis  geschöpft  haben  muss.  Egbeit  bietet  unmittelbare 
fruchte  umfassender  auf  die  quelle  zurückgehender  loktüre;  seinem  werke  liegen  nicht 
bloss  cxceri)te  und  ilorilegien  zu  gründe.  Seuie  auswahl  aus  den  quellen  war  keine 
erschöpfende;  nur  für  die  einheimischen  Sprichwörter  strebte  er  nach  möglichster  vol- 
zähligkeit.  Es  ist  ein  schätz  von  über  200  wirklich  einheimischen  Sprich- 
wörtern und  beispielon  durch  ihn  überliefert,  ein  schätz,  der  von  jedem  kenner 
der  Volkskunde  im  vergleich  mit  der  gnomik  anderer  nationen  als  ebenso  gross  und 
mannigfach  wie  sinnig  und  poetisch  bewundert  wei-den  wird  und  hinter  dem  alle 
neueren  samlungsvereucho  geradezu  verschwinden. 

in  welcher  weise  Egberts  dichtung  auf  ihre  und  die  folgende  zeit  gewirkt  hat, 
ist  schwer  zu  sagen.  Sie  ist  nur  in  einer  handschriit  (cod.  196  der  Kölner  dombiblio- 
thek)  und  in  einem  excerpte  (n.  51 — 60  der  Proverbia  Rustici  s.  XIU  in.,  s.  Rom. 
Forsch.  III,  639)  überliefert;  aber  vereinzelt  ist  sie,  wie  die  scholien  der  handschrift 


426  PEIPRB 

beweisen,  im  Unterricht  benuzt  worden,  und  als  schulmann  wird  Sigebert  von  Gem- 
bloux  sie  kennen  gelernt  haben.  Es  sobeint  doch,  dass  es  das  vorgehen  Egberts 
ist,  welchem  wir  die  weiteren  Spruchdichtungen  des  XI.  Jahrhunderts  verdanken: 
Arnulfe  Deliciae  cleri,  Otlohs  über  prouerbiorum,  die  Prouerbia  Wiponis,  die 
ßcheftlarer  Sprüche,  vor  allem  die  Prouerbia  Heinrici,  an  die  sich  im  XII.  und 
XIII.  Jahrhundert  anschliessen  das  floiilegium  Yindobonense,  die  alphabetische  blü- 
teniese von  St.  Omer,  die  Proverbia  Rustici,  das  Morilegium  Gottingense,  die  durch 
die  in  den  nationalsprachen  abgefassten,  teils  mit  teils  ohne  lateinische  version 
erscheinenden  deutschen  und  französischen  spruchwerke  vervolständigt  werden. 

Das  Verhältnis  dieser  samlungen  zu  Egbert,  mit  dem  sie  oft  im  Wortlaut  auf- 
fällig übereinstimmen,  darzulegen  hat  der  herausgober  wol  mit  absieht  in  rechter 
erkentnis,  dass  dazu  mancherlei  vorarbeiten  gehören,  noch  nicht  versucht  (vgl.  I,  146. 
224.  336).  So  ist  auch  das  Verhältnis  des  scholiasten  zu  Egberts  arbeit  (s.  s.  VIII) 
nicht  völlig  klar  gelegt;  manchmal  irt  der  scholiast  (nicht  überall,  wo  Voigt  einen 
irtum  annimt),  manches  hat  er  selbst  nicht  verstanden;  manches  versteht  er,  was 
wir  nicht  belegen  können  (z.  b.  I,  334);  sein  scholion  steht  einigemal  den  original- 
Sprichwörtern  näher,  als  die  fassung,  die  Egbert  dem  Spruche  gegeben  hat  (z.  b.  I, 
154  verglichen  mit  dem  Friesischen  Sprichwort),  oder  er  kent  offenbar  die  quelle  des 
Spruchs  (wie  I,  189).  Ist  es  einer,  der  die  schollen  verfasst  hat?  Sind  sie  das  werk 
mehrerer?  wai-en  ihm  oder  ihnen  die  quellen  Egberts  bekant  und  zur  band?  Die 
nächstliegende  Vermutung  ist  wol  die,  dass  der  scholiast  ein  ehemaliger  schüler  des 
dichters  gewesen  ist 

Gehen  wir  nach  dieser  darlegung  der  grundzüge  der  einleitung  zu  dem  werke 
Egberts  selbst  über,  so  können  wir  nicht  verhehlen,  dass  Voigt  den  wert  des  Werkes 
unserer  meinung  nach  doch  überschäzt  und  ihm  zu  viel  ehre  angetan  hat.  Wenn 
wir  auch  Egberts  samlung  der  deutschen  Sprichwörter  hochschätzen  und  an  seiner 
auswahl  bezeichnender,  origineller  stellen  der  bibel  wie  der  kirchenväter  unsere  freude 
haben,  so  iässt  sich  doch  bei  der  metrischen  und  sprachlichen  beb  an  diu  ng,  die 
dieser  stoff  durch  ihn  gefunden  hat,  eine  förderung  der  schüler,  die  er  durch  das  buch 
beabsichtigte,  kaum  als  möglich  denken  —  sie  kann  noch  viel  weniger,  bei  aller  noigung 
zu  jenen  Studien,  uns  heute  irgend  anmuten.  Um  so  mehr  ist  es  zu  bewundern,  was 
der  herausgeber,  um  jenen  deutschen  schätz  zu  heben,  mit  hingehendstem  eifer  und 
entsagungsvoller  unverdrossenheit  aus  diesem  werke  gemacht  hat:  ein  buch  voll  des 
interessantesten  Stoffes,  das  keiner,  der  für  den  sprach  sinn  hat,  ohne  gewinn  aus 
der  band  legen  wird;  ein  unentbehrliches  rüstzeug  für  alle,  die  mit  dem  sprich wör- 
terwesen  im  algemeinen  und  besonderen  sich  befassen.  Der  text  selbst  bot  dem  her- 
ausgeber bei  der  beschaffenheit  der  einen  handsclirift  nicht  gar  grosse  Schwierigkei- 
ten; w&s  wir  im  einzelnen  dagegen  zu  sagen  haben,  reihen  wir  später  in  imsre 
bemerkungen  ein.  Das  Verständnis  desselben  konte  nur  durch'  den  bewunderns- 
werten fleiss  und  die  staunenerregende  findigkcit  (eigenschaften,  die  uns  am  heraus- 
geber nicht  mehr  neu  sind),  mit  der  Voigt  die  beziehungen  der  einzelnen  verse  (ja 
Worte)  und  ihre  quellen  aufspürte  und  von  allen  Seiten  her  und  aus  allen  zeiten 
belege  sammelte,  gefördert,  meist  überhaupt  erst  ermöglicht  werden'.  Wie  versteht 
er  08,  selbst  aus  einem  scheinbaren  nichts  etwas  zu  machen,  was  band  und  fuss  hat, 

1)  DiLs  ungoschick  des  dichtors  ist  besonders  zn  beklagen  in  den  monosticha  (vgl.  I,  131;  ohne 
kommontar  ist  vieles  ganz  unverständlich ,  wie  1 ,  269.  323  u.  a. ;  die  konstraktion  macht  gar  oft  die 
grOsten  Schwierigkeiten  I,  222  fg.  333  n.  a.).  In  den  zwei-  and  mehrzeiligen  Sprüchen  vezriDgert  sich  die 
Unklarheit:  sie  war  also  folge  des  metrischen  Zwanges. 


ÜBSB  EGBERTS  FECÜNDA  BAUS  ED.  VOIGT  427 

und  aus  taubem  gestein  goldkörner  zu  gewinnen!  So  ist  das  buch  eine  reiche  fund- 
grube  edlen  erzes  geworden,  aus  der  man  erquickung  gewint  für  die  mühseligkeit 
des  textstudiums,  und  die  man  auch  ohne  den  text  zu  berücksichtigen  gern  wider 
aufsucht 

Bei  den  Schwierigkeiten,  mit  denen  der  erkiärer  auf  schritt  und  tritt  zu  ringen 
hatte,  ist  es  für  ihn  kein  Vorwurf,  dass  er  manches  oft  recht  naheliegende  übersehen, 
dass  er  widerum  öfters  Schwierigkeiten  gefunden  hat,  wo  solche  nicht  vorliegen,  und 
über  das  ziel  hinausgeschossen  hat  Wir  wollen  im  folgenden  zusammenstellen,  was 
wir  im  einzelnen  einzuwenden  oder  hinzuzufügen  haben. 

Zum  öfteren  hat  der  herausgeber  in  dem  teile,  der  zumeist  monosticha  enthält, 
mehrere  derselben  zusammengegliedeii.  Sicherlich  gibt  es  doppelverse,  z.  b.  222  fg. 
244  fg.:  aber  die  grössere  zalil  derer,  die  Voigt  dazu  stempeln  will,  dürfen  wir  nicht 
als  solche  anerkennen.  Abgesehen  von  unrichtiger  erklärung  (siehe  unsere  weiteren 
bemerkungen;  sodann  575  fg.)  ist  doch  zu  bedenken,  da.ss  der  dichter  in  derselben 
zeit  ganze  versreihen  geschaffen  hat,  wo  dann  ein  gedanke  den  anderan  erzeugte; 
so  ists  nicht  wunderbar,  wenn  mehrere  verse  hinter  einander  verwanten  sinnes  sind. 
Auffällig  ist  das,  um  ein  beispiel  von  vielen  anzuführen,  bei  v.  50  und  51,  die  auf 
bcobaohtung  verwanter  erscheinungen  beruhen.  Zu  doppelversen  verbinden  dürfen 
wir  dieselben  darum  doch  nicht  Ich  beanstande  also  diese  Verbindung  bei  12  fg. 
30  fg.    34  fgg.    46  fg.    148  fg.     161  fg.    205  fg.    218  fg.    333  fg.  u.  a. 

Zur  erklärung  möchte  ich  mir  erlauben  folgende  kurze  bemerkungen  anzu- 
fügen. 

46  poleirintts  kann  hier  nimmermehr  „füllen*^  bedeuten;  es  ist  dasselbe  wie 
poltron,  deaidtosiM,  segnis  s.  Du  Gange.  Der  folgende  vers  hat  nur  entfernte  verwant- 
Schaft  damit  und  ist  abzuti*ennen. 

174  kann  pro  meines  erachtens  nur  praeposition  sein. 

178  tiertit  ist  gleich  euertit  im  gegensatz  zu  stantes  zu  fassen. 

180  Die  erkläi'ung  «ganz  abgesehen  usw.*^  ist  entbehrlich. 

319  Wenn  der  scholiast^/o«  als  sororuxoria  erklärt,  so  möchte  ich  sein  zeugnis 
doch  nicht  ohne  weiteres  ablehnen.  In  die  namen  verwantschaftlicher  beziehung  hat 
sich  allenthalben  eine  erweiterte  bedeutung  eingeschlichen,  und  grade  die  bezeichnun- 
gen  Schwager  und  Schwägerin  zeugen  davon.  Die  ehe  mit  der  Schwester  der  verstor- 
benen frau  ist  noch  heute  in  vielen  landen  nicht  ohne  anstoss.  —  Der  sinn  des  ver- 
ses  ist  bei  dieser  annähme  ein  guter. 

327  Ich  interpungiei'e :  Cur  . . .  elitellas  ?  propter  asellos.  Ich  finde  keine  diffe- 
renz  zwischen  Egbeii;  und  seinem  scholiasten. 

415  Man  kann  die  stelle  auf  die  feuer-  und  rauchsäule  des  Exodus  (13,  21) 
deuten,  oder  auf  Frontiu  n,  5,  16  verweisen:  ifüerdiu  fumo^  noctu  igne  aignificare. 
Das  in  der  anmerkung  beigebitichte  scheint  mir  fremdartig. 

428  Ich  interpungiere:  Omne,  quod  est,  in  pr.  stat  limite  casus  {casus  geni- 
tiv).  Alles  auf  erden  ist  dem  zufall  unterworfen.  Die  erklärungen  und  parallelen 
die  Voigt  gibt,  scheinen  mir  nicht  zu  passen. 

434  Man  darf  nicht  anstand  nehmen,  hanor  in  seiner  eigentlichen,  weiteren 
bedeutung  festzuhalten;  vgl.  510. 

459  Die  Zusammengehörigkeit  mit  458  steht  nicht  so  fest  Mit  hoo  cckmien 
ist  der  ruf  oder  ton  „  but  but  ^  bezeichnet  —  also  die  klammem  müsten  fort  Was 
de  comibtM  besagen  will,  ist  nun  nicht  schwer  zu  enträtseln.  Die  knaben  „tutten*^ 
auf  den  hörnern  {comutant)^   bringen  leider  keine  anderen  töne  als  das  ewi^  wider- 


428  PEIPER 

holte  hut  but  hervor;  nicht  besser,  deutet  er  damit  an,  sind  ihre  schoUeistungen. 
Die  huccina  wird  in  Dieffonbach  Gloss.  85  butietna  oder  auch  buticitina  genant, 
butare  (neben  buffare  d.  h.  buffas  inflare)  erwähnt  Du  Gange:  das  hängt  wol  beides 
mit  dem  naturlaute  but  but  zusammen. 

464  TVer  sein  leben  bedroht  sieht  und  sich  nicht  zur  wehr  sezt,  ist  an  einem 
morde  schuldig,  ist  so  gut  wie  ein  Selbstmörder. 

523  Die  erklärung  passt  nicht;  so  trivial  der  vers  ist,  muss  sich  doch  Egbert 
etwas  dabei  gedacht  haben;  wahrscheinlich:  „kein  genuss  ohne  arbeit;  jeder  genuss 
will  errungen  sein." 

531  Ich  tilge  das  komma  hinter,  humi^  denn  nee  ist  nur  verstärktes  non 
oder  soviel  wie  ne  —  quidem, 

538  Ich  sähe  lieber  et  statt  est* 

571  Das  komma  muss  hinter,  nicht  vor  bellum  gesczt  werden: 
dum  iocus  est  bellum,  cessare  (sc.  a  bello)  et  omittere  debes. 

572  donis:  natürlich  ein  ganz  frostiges  Wortspiel,  wenn  nicht  ein  bittrer  tadel 
gegen  die  lohrer  drin  steckt,  welche  geschenko  nehmen  —  wie  übrigens  Voigt  selbst 
schon  s.  Xn  anm.  7  vermutet. 

605  Ich  verstehe  den  vers  nicht,  wenn  stipulas  imitatus  verbunden  werden 
soll;  ich  würde  lieber  constmieren:  eattuhis  inprimis  oberrat  stipulas  (vorwurf  der 
Oberflächlichkeit,  vergleich  aus  dem  leben  geholt:  wer  hätte  nicht  schon  wildernde 
katzen  über  die  stoppeln  streichen  sehen?)  imitatus  artem  (nicht  initiatus  oder 
institutiis  arte),  ad  quam  sollers  uix  producceris  ueterem.  Es  wird  trotz  deiner 
anstrengung,  trotz  langen  Unterrichts  nie  etwas  anderes  als  eine  näscherin  aus  ihr. 

628  Ich  nehme  iurgia  im  eigentlichen  sinne :  irrita  iurgia  iactabit  ==  ipsa 
suas  nolit  pondus  habere  preces?  post  pretium  dandum  ==  quae  poscet  munus. 

659  Die  zweite  hälfte  der  erklärung  scheint  mir  entbehrlich:  („andrerseits  darf 
nicht*^  usw.);  ich  kann  curruca  nur  als  hahnrei  gelten  lassen. 

701  nmic  scheint  mir  keine  gute  bosserung  der  hds.  lesart  non:  es  dürfte  sich 
noua  . .  uxor  empfehlen ,  wie  z.  b.  Ouid  M.  IX ,  103  noua  cum  eoniuge  bietet 

717  edita  kann  nicht  richtig  sein  (geboren?),  es  soll  doch  „bedeckt*^  heissen. 
Könte  scherzhaft  condiia  gesagt  sein? 

722  Wie  Voigt  diesen  vers  mit  721  verbindet,  ist  mii-  nicht  klar  gewoixien. 
Ich  würde  s.  721  als  ausruf  der  mutter  in  anfühiiingszeichen  einschliessen :  da  (als 
die  mutter  das  kaum  gesagt)  ist  auch  der  wolf  schon  da.    Auch  bei  uns  üblich. 

871  Ich  sehe  keinen  grund,  aiebat  zu  ändern. 

877  Solte  nicht  besser  komma  hinter  salubres,  kolon  hinter  atnor  gesezt 
werden? 

909  Der  vers  hat  meines  erachtens  mit  dem  Soldaten  bei  Horaz  nichts  zu  tun; 
er  steh|;  in  gedanklicher  verwantschaft  mit  den  ihn  umgebenden  verson  997  fg.  und 
1001. 

1023  Ich  würde  lieber  amorem  schreiben. 

1129  Der  gedanko  muss  sein:  mit  der  indignatio  ist  es  nicht  getan ,  trotz  deren 
gedeihen  sie  wol;  sie  müssen  zertreten  werden.  Daraus  ergibt  sich  mir  tarn  non 
minus  illa  uigescunt;  ans  uiescunt ,  wie  man  wol  schrieb,  war  leicht  der  fohler  ^«w- 
scunt  gemacht. 

1180  Der  vers  kann  nicht  dem  fuchse  in  den  mund  gelegt  werden.  Natürlich 
hat  der  bär  als  bowerbor  an  der  wähl  nicht  selbst  teilgenommen;  aber  er  hat  seine 
hinterträger  gehabt  und  durch  sie  des  fuchses  misgünstiges  votum  erfahren;   dafür 


ÜBIR  KQfiBRTS  ITBCÜÜDA  &ATt8  KD.  VOIGT  429 

hat  er  ihn  denn  später  (inde)  derb  abgestraft,  und  danach  {hine  muss  man  statt  hie 
schreiben)  berichtet  der  fuchs  den  brüdem  sein  leid.  Also  die  anführungszeichen  vor 
und  hinter  1180  müssen  \veg,  hinter  1181  muss  kolon  gesezt  weixien. 

1205  Erwünscht  wäre  eine  samlung  von  besonders  hervortretenden  stellen  mit 
allitteration  gewesen,  wie  sie  hier  in  tero  ter  tria  iura,  1308  loca  late  lumine 
liistrans  und  anderwärts  erscheint. 

1218  indoles  egregia  lässt  sich  wol  halten. 

1243  Ich  schreibe  hine  statt  hicy  wofür  Voigt  hoc  will. 

1322  aliquid  maius  gehört  zusammen. 

1323  Das  komma  setze  ich  hinter  protinus,  nicht  hinter  poteris. 

1341  Ich  möchte  dentihus  inlisis  der  hds.  lesart  inuisis  vorziehen.  Beleg- 
stellen dafür  gebe  ich  nachher  an:  für  jenes  finde  ich  keinen  beleg. 

1347  Es  ist  kein  grund  von  der  Überlieferung  cmisueta  mali  uesania  uentria 
abzuweichen:  im  gegenteU  spricht  alles  für  dieselbe.  TVarum  %o\iQ  consuetus  hier 
nicht  absolut  stehen  dürfen,  da  es  die  alten  so  gebraucht  haben?  ich  sehe  nicht,  wie 
1425  dagegen  sprechen  könto.    mali  uentris  uesania  ist  gut  gesagt:  statt  mala  u.  i. 

II.  185  quae  res  wird  kein  Icser  alter  und  mitlercr  zeit  anders  haben  verste- 
hen, kein  schriftsteiler  anders  haben  gebrauchen  können  als  im  recipierten  sinne  {id 
quod):  die  werte  zu  trennen  und  als  verschiedene  casus  zu  erklären,  geht  schlech- 
terdings nicht  an,  und  wenn  sich  ein  logischer  fehler  ergäbe  bei  der  gebräuchlichen 
auffassung  der  werte,  so  müsto  dieser  dem  schriftsteiler  schuld  gegeben  werden.  Das 
scheint  aber  doch  hier  nicht  der  fall  zu  sein.  „Dieser  umstand  (diese  auseiuander- 
setzung  auf  grund  der  Hiobworte)  lässt  deutlich  erkennen,  dass  [womit  auch  der 
evangelische  bericht  übereinstimt]  selbst  in  die  Schweine  der  böse  nur  auf  gottes  geheiss 
fährt.  "Wer  den  ausdruck  porei  auf  sich  beziehen  solte,  wird  Egbert  wol  gewusst 
haben. 

Zu  den  Auetores  vei*mag  ich  noch  viel  weniger  zu  bieten,  abgesehen  von  dem 
hinweis  auf  eine  quelle,  die  seitdem  so  gut  wie  verschollen  war. 

23  Vgl.  Dracontii  Satisf.  261  de  laud.  dei  I,  295  fgg. 

52  Vor  allen  gehört  natürlich  Hercules -Juno  hierher. 

73  Gerstenbrot:  auch  als  strafkost  zuerkant  von  Marcellus  bei  IJv.  23,  17,  9. 
Geringe  kost  der  Pullanen  s.  Ersch  und  Grubor  II,  1,  137.  I,  G2.  G9.  Schenkl. 
Bibellexicon  s.  v.  gorste. 

440  Ihiyiut  plectrum:  vgl.  Avitus  I,  88.    Fortunat.  vita  Martini  4,  39. 

448  Ähnliches  erzählt  Gregor  von  Tours  de  gloria  conf.  75  und  das  kürzhch 
von  AV.  Braudos  herausgegebene  gedieht  de  hiudibus  domini  (Progr.  Brauuschweig 
1887). 

520  Vergil.  G  II,  103  (I,  137)  vgl.  Dracont.  de  laud.  dei  I,  215.  111,  8, 
Boet.  Conf.  II  c.  2  u.  a.     Otto  Spr.  s.  159  und  321  fg. 

701  Ein  kleiner  beitrag  zu  der  samlung  von  belegen  sei  mir  vergünt  Rabbi 
Jose  bar  Rabbi  Bun  sagte:  Auch  wenn  ein  mann  eine  frau  heiratete,  welche  nicht 
für  ihn  passte,  brachten  seine  verwanten  körbe  und  fülten  sie  mit  feigen  und  nüs- 
sen;  darauf  zerbrachon  sie  dieselben  in  gegen  wart  der  kinder,  und  diese  suchten  den 
iuhalt  auf  und  sprachen:  N.  N.  ist  von  seiner  familie  abgeschnitten  worden.  Schied 
sich  ein  mann  von  seiner  frau,  so  geschah  dasselbe,  nur  sprachen  die  kinder:  N.  N. 
ist  zu  seiner  familie  wider  zurückgekehrt.  Aug.  Wünsche,  der  Jerusalemische  Tal- 
mud.   Zürich  1880  8.  200. 


480  PKIPBR,  ÜBBR  IGBIBTS  yiCÜNDA  fiATtS  BD.   VOtOT 

931  uentrieulus  deus:  in  jener  zeit  und  später  oft  gebraucht  C.  Bur. 
CLXXXVI. 

907  Ouid.  M  Yl,  386  a  non  est  ,.  tibi  tanti, 

1005  qui  eondidit  mnnia  soltis:  so  wörtlich  Dracontius  de  laud.  dei  m,  11. 

1015  commutat  fortuna  uices:  Boet  Consol.  phil.  I  c.  5,  29  tiersat  Fortuna 
uices.  Vgl.  Dracont  de  laud.  dei  11,  54  ac  mutent  elementa  uices  III,  306  ignorat 
mutare  uices  Satisf.  247  (=  Columbani  ad  Seth.  64)  altemant  elemenia  uices, 

1080  Horaz  Ars.  417  oceupet  hune  Scabies. 
1205  Ouid.  F  II,  573  tria  tura. 

1237  Jierbarum  uires:  Catonis  dist  II,  3.  Ebenda:  menstira  et  pondere:  Sa- 
lomon.  Sap.  11,  21. 

1275  <id  unguem:  Horat  S.  I,  5,  32  ad  unguem  Factus  homo. 

1341  dentibus  itüisis:  Draconi  Carm.  8,  355.  Orest.  618.  Man  wird  nach 
den  finiher  aus  Dracontius  belegten  stellen,  zumal  zu  1005,  nicht  zweifeln  dürfen,  dass 
Egbert  ihn  wirklich  gekant  hat.  Nach  den  jüngsten  mitteilungen  von  Manitias  im 
Rhein,  niuseum  46,  493  ist  daran  nichts  verwunderliches. 

1469  Horat.  Ep.  I,  18,  84  nam  tua  res  agitur,  paries  cum  proximus  ardet. 

1582  Ouid.  M.  XIÜ,  901  Mbula  .  .  arena.  Prudent.  P.  XI,  141  hibulae 
arenae. 

n.  33  Vergil.  G  I,  85  crepitantibus  urere  flammis. 

66  contento  uiuere  paucis^  ebenso  11,  593,  vielleicht  aus  Horaz  S  I,  3,  16 
huic  parco  paueis  contento? 

373  non  hostia  dignior  tdla,  und  420  hostia  grata  deo,  erinnern  wider  ao 
eine  reihe  Dracontius -stellen:  Carm.  10,  243  non  est  haec  uicthna  digna.  Orest 
881  non  est  haec  fiostia  grata.  Carm.  10,  246  iam  non  erit  hostia  grata,  de  laud. 
dei  III,  113  hostia  grata  iacens. 

433  qui  dum  carpit  iter:    Ouid.  M.  X,  709  carpit  Her  XIV,   122  durnque 
iter  . .  carpit.    Dracont  Orest  108  interea  dum  c.  i.  Satisf.  313  sessorem  dum  c.  i. 
444  ante  malorum:  Vergil.  A  I,  198. 
463  incircumscriptfts  circumscribenda :  vgL  H,  106  (g. 

Die  zahl  der  druokversehen  ist  bei  dem  schwierigen  druck  eine  zum  ver- 
wundem geringe.  S.  122  erkl.  zu  635  z.  6  lies  einst  mehr  statt  nicht  mehr,  s.  211 
vor  99  wird  doch  wol  in  HERVSALEM  das  I  ausgefallen  sein.  Das  wäre  ausser 
einigen  abgesprungenen  punkten  alles,  was  mir  in  dieser  beziehung  aufgestossen. 

Glossar,  metrischer  index,  namen-  und  Sachregister  sind  mit  Sorg- 
falt, wie  man  es  beim  verf.  gewöhnt  ist,  gearbeitet  Jedoch  ist  im  glossar  die  beschrän- 
kung  auf  werte  und  bedeutungen ,  die  nicht  im  Georges  ^  stehen ,  bei  einem  so  schwie- 
rigen Schriftsteller,  der  allerhand  spätlateinische  ausdrücke  gebraucht,  zu  bedauern. 
Wir  haben  ähnhches  schon  beim  Isengrimus  empfunden.  Wer  weiss  ohne  nachzu- 
schlagen mit  afites,  capulare,  uoluiabra,  uitulamina  b^scheid?  und  es  ist  doch 
auch  von  vorteil,  die  belege  für  die  ganze  spätere  latinität  möglichst  vereint  zu 
linden. 

BRESLAU.  R.    PKIPKR. 


lltSOKLUtN  431 

MISCELLEN. 

Koeh  eiBMial  täte  im  bedlnfimipssatze. 

Mit  bezag  auf  die  in  der  Ztschr.  f.  d.  phil.  widerholt  (zulezt  XXIV,  202.  504) 

angeregte  frage  nach  erklämng  und  gebrauch  der  Wendung  y^wenn  ...  thäte^^   die 

bisher  nur  für  das  16.  und  17.  Jahrhundert  belegt  war,   macht  dr.  0.  Bottich  er 

mich  auf  eine  stelle  bei  Geliert  aufmerksam.    In  der  fabel  „Damötas  und  Phyllis* 

heisst  es  str.  6: 

0,  thäte  nicht  sein  böser  Hund, 

Ich  müsste  diesen  Schäfer  küssen. 

Hier  ist  die  negation  nickt  hinzugefügt,  ohne  welche  der  satz  dem  18.  Jahrhundert 
ebenso  unverständlich  gewesen  wMre,  wie  uns;  aber  das  verbum  tun  in  der  beden- 
tung:  wirksam  sein,  d.  h.  vorhanden  sein  (vgl.  diese  Zeitschrift  XXIII,  42)  ist  noch 
in  alter  weise  erhalten. 

Eine  ganz  ähnliche  stelle  finde  ich  so  eben  noch  in  der  anonymen  satirischen 
Schrift  Karrikaturen  (Frankfurt  und  Leipzig  1788)  s.  64:  Wenn  heut  xu  Tage  die 
romehmen  Weiber  nicht  thäten,  würde  niefnand  mehr  von  Stipendien  leben  können, 

KIEL.  0.   ERDMANN. 


NEUE   ERSCHEINUNGEN. 

Comparetti,  Domenico,  der  Ealewala  und  die  traditionolle  poesie  der  Finnen.  Histo- 
risch -  kritische  studio  über  den  Ursprung  der  grossen  nationalen  epopöen.  Deutsche 
vom  Verfasser  autorisierte  und  durchgesehene  ausgäbe.  Halle,  Max  Niemeyer. 
1892.    XU,  327  s.    8  m. 

CosUn,  P.  J.,  Aanteekeningen  op  den  Beowulf.  Leiden,  E.  J.  Brill.  1892. 
32  s.     1  m. 

Der  als  Beowulfkenner  und  als  forsches  auf  dem  gebiet  altenglischer  gram- 
matik  rühmlichst  bekante  holländische  gelehrte  erörtert  und  erklärt  in  scharfsin- 
niger, bedächtiger  und  oft  überzeugender  weise  eine  anzahl  schwieriger  Beowulf - 
stellen,  meist  im  anschluss  an  die  neueste,  von  Socin  besorgte  G.S.  ausgäbe 
des  Heynischen  Beowulf. 

Festsehrift  zur  begrüssung  des  fünften  algemeiuen  deutschen  ncuphilologentages  zu 
Berlin  pfingsten  1892.  Vorfasst  von  mitgliedem  der  Berliner  geselschaft  für  das 
Studium  der  neueren  sprachen,  der  geselschaft  für  deutsche  philologie  und  der 
geselschaft  für  deutsche  littcratur.  Ilerausgeg.  von  Jul.  Zupitza.  Berlin,  Weid- 
mann. 1892.    IV,  202  8. 

Wir  verzeichnen  aus  dem  reichen  inhalt  dieser  festsehrift  die  beiden  artikel, 
die  für  germanisten  von  intoresse  sind:  Job.  Bolte,  „das  märchen  vom  tanze 
des  mönches  im  dornbusch*^  und  Erich  Schmidt,  „ein  verschollener  aufsatz 
A.  W.  Schlegels  über  Goethes  Triumph  der  empfindsamkeit*^. 

Gillholf,  Joh.,  Das  meklonburgische  volksrätsel.  Gesammelt,  eingeleitet  und 
mit  den  Varianten  herausgegeben.  Parchim,  H.  Wehdemann.  1892.  XVI  und 
142  s.    2  m. 

Samlung  von  931  volksrätseln  in  folgender  anordnung:  1)  der  mensch;  2)  die 
tierweit;  3)  die  pflanzen  weit;  4)  haus  und  hof,  häusliche  und  feldarbeit;  5)  stand 
und  handwerk;  6)  jähr  und  Jahreszeit;  7)  rechenaufgaben  und  verwantes;  8)  Wort- 
spiele;   9)  biblische  scherafragen;    10)  rätselmärchcn;    11)  verschiedenes.   —    Die 


432  NSÜB  RRSOHEtNÜKOlK.   —  KACRmcfitEK 

einzelnen  abteiluDgen  sind  durch  gut  orientierende  und  anregende  algemeine 
bemerkungen,  die  ganze  schrift  durch  ^beitrage  zur  lehre  von  der  inclination  im 
niederdeutschen^  eingeleitet»  Unter  den  litteraturausgaben  sind  die  beiden  sam- 
lungen  Frischbiers  in  dieser  zeitschiift  bd.  IX  und  XI  berücksichtigt,  nicht 
aber  die  noch  umfangreichere  XXIV,  240 — 264,  welche  gerade  viele  parallelen 
und  Varianten  zu  den  von  Gillhoff  veröffentlichten  rätseln  bietet. 

Hess,  Oeorgr,  Geist  und  wosen  der  deutschen  spräche.  Eingeleitet  durch  eine 
kurze  lebensbeschreibung  des  Verfassers  (f  als  direkter  des  gymnasiums  zu  Erfurt 
1891)  von  K.  H.  Keck.    Eisenach,  M.  Wilckens.    95  s.     1,60  m. 

Inhalt:  I.  Lautbeschaffenheit.  *II.  Formenbildung  und  forraenvenvertung. 
m.  Wortbildung  und  wertschätz. 

SehiUer,  Geschichte  des  dreissigjährigen  krieges  (buch  III).  Abridged  and 
edited  hy  Karl  Breul,  university  lecturer  in  Oerman.  Cambridge,  university 
press  1892.    XXXn  und  194  s. 

Diese  schön  ausgestattete  ausgäbe  beweist  in  erfreulicher  weise,  dass  mao 
auch  in  England  den  schriftstellerischen  und  pädagogischen  wert  des  Schillerschen 
geschichtswerkes  zu  schützen  weiss.  Die  (englische)  einleitung  ebenso  wie  die 
erläuteiiiden  anmerkungen  zeigen  eine  achtungswerte  bekantschaft  mit  der  deut- 
schen litteraturgeschichte  und  Sprachwissenschaft.  o.  e. 


NACHRICHTEN. 

Die  revidierte  Lutherbibel  ist  im  vorläge  der  v.  Cansteinschen  bibelanstalt 
in  Halle  a.  S.  erschienen;  der  preis  ist  für  die  gewöhnliche  ausgäbe  (mitteloktav  iu 
Petitschrift)  ungebunden  1,()0  m.,  gebunden  3  — 10  m.;  für  die  feine  ausgäbe  mit 
breiterem  rando  ungebunden  5  m.,  gebunden  7  — 13,50  m.  Das  noch  von  dr.  0.  Frick 
(t  im  Januar  1892;  das  angekündigte  ausführlichere  ,  begleitwort "  ist  nicht  ei-schie- 
nen)  geschriebene  voi-wort  gibt  eine*  dankenswerte  Übersicht  über  die  seit  1857  für 
die  sachliche  und  sprachliche  revision  des  bibeltextes  geführten  Verhandlungen  und 
arbeiten,  deren  resultate  1883  in  der  „probebibel'*  (vorlag  der  buchhandlung  des  Wai- 
senhauses) öffentlich  vorgelegt  wurden.  Die  von  verschiedenen  Seiten  gegen  die  probe- 
bibel  ausgesprochenen  bedenken  (vgl.  darüber  diese  Zeitschrift  XVII,  125  fg.  XVIII, 
376  —  380.  XX ,  30  fg.)  sind  von  den  zur  supeiTOvision  berufenen  sorgfältig  erwogen 
worden;  sie  haben  (nach  den  treffenden  werten  von  0.  Frick)  sich  ernstlich  bemüht, 
dass  die  ehrwürdige  kraft  der  alten  Luthersprache  mit  der  spräche  der  gegenwart 
immer  mehr  in  einklang  gesezt  werde,  und  zwar  so,  dass  die  alte  Lutherbibel  uns 
als  schul-,  gemeinde-,  volks-  und  kirchenbibel  erhalten  bleiben  kömie. 


Am  24.  juni  starb  zu  Kopenhagen  der  assessor  beim  oberappellationsgencht 
und  ohreudoctor  der  Kopenhagener  univeraität,  Yilhjälmur  L.  Finsen,  rühmhch 
bekant  als  herausgeber  der  altisllindischeu  rechtsquellen  (geb.  1.  april  1823  in  Reyk- 
javik).   

Der  privatdocent  dr.  F.  Holthausen  in  Giessen  wurde  zum  ausserordentlichen 
Professor  befördert. 

HaJle  a.  S.,  Buchdruckeroi  des  Waisenhauses. 


HBEEKS  SAGA  UND  NIFLUNGA  SAGA. 

In  meiner  abhandlung  über  die  handschriften  und  redaktionen  der 
fidreks  saga  im  Arkiv  för  nord.  fii.  VII,  s.  205  —  243  gelangte  ich 
s.  226  fgg.,  242  —  43  zu  folgenden  resultaten: 

Die  von  einem  Norweger  geschriebene  PS.  ist  uns  in  einer 
kürzeren  ursprünglicheren  fassung  und  einer  weitläufigen  Umarbei- 
tung überliefert.  Die  kürzere  redaktion  ist  nur  teilweise,  und  zwar 
in  einer  einzigen  handschrift  erlisten,  die  längere  hingegen  ziem- 
lich volständig  und  in  mehreren  handschriften,  deren  keine  das 
original  der  Umarbeitung  ist.  Die  einzige  membrane,  nr.  4  fol. 
der  königl.  bibliothek  in  Stockholm  ist  eine  mischhandschrift,  da 
sie  teils  die  kürzere  fassung,  teils  die  längere  Überarbeitung  wider- 
gibt; dies  erklärt  sich  daraus,  dass  die  handschrift  unter  der  lei- 
tung  zweier  redaktoren,  die  von  einander  abweichende  vorlagen 
benuzten,  geschrieben  ist.  Der  erste  teil  der  handschrift,  nach 
ihrem  redactor  membr.^  genant,  hört  im  c.  196  auf,  der  zweite  teil 
aber,  membr."*,  fängt  schon  bei  c.  152  an;  der  Schreiber  von  membr.^ 
hat  nämlich  in  die  arbeit  seines  Vorgängers  mehrere  blätter  ein- 
geschoben. 

Ausser  membr.^  kommen  noch  drei  handschriften  der  längeren 
redaktion  in  bctracht,  nämlich  eine  schwedische  Übersetzung  der 
vorläge  voji  membr.^  (S)  und  zwei  verhältnismässig  junge  papier- 
^  handschriften  (AB),  welche  eine  isländische  bearbeitung  der  saga 
repräsentieren.  AB  bilden  demnach  membr.'^S  gegenüber  eine  gruppe 
(I)  und  zusammen  mit  menibr.  ^S  eine  grössere  gruppe,  deren  vor- 
läge wir  U  nanten. 

Durch  hcranziehung  von  membr.  2,  welcher  handschrift  leider 
c.  1 — 20  fehlen,  ist  es  möglich  einen  teil  der  Umarbeitung  zu  con- 
trolieren.  Durch  vergloichung  der  handschriften  hat  sich  ergeben, 
diiss  diejenigen  capitel  innerhalb  des  abschnittes  c.  21  bis  196, 
welche  zwar  in  ü,  aber  nicht  in  membr. -  überliefert  sind,  der 
ureprünglichen   saga   nicht   angehört   haben.     Es  sind  c.  152  — 169 

ZKITSCllRIFT   F.    DEUTSCHE   PHILOLOGIK.      BD.    XXV.  28 


434  noKR 

(vSigurfls  Jugend  und   eine  von   c.  170  abweichende  erzählung  von 
HQgnis   geburt),    c.  172  — 188    (die   beschreibung   der  beiden   und 
ihrer  rüstungen).     Weiter  ergab   es   sich,   dass   in  U   eine   zweite 
redaktion  von  c.  21  —  56  (Vilkina  saga)  und  eine  von  c.  144  abwei- 
chende   nachricht    über    Osantrix   tod    (c.  191  — 192)    hinzugefügt 
wurde  und  dies  die  veranlassung  gewesen  ist,  dass  in  den  meisten 
uns  überlieferten  handschriften  der  redaktion  ü  die  ursprüngliche 
Vilkina  saga  fortgelassen  und   der  inhalt  des  c.  144  in  I  insofern 
geändert  wurde,  dass  Osantrix  mit  dem  leben  davonkomt.     Schliess- 
lich, dass  der  prolog  unecht  und  wahrscheinlich  nicht  einmal  älter 
als  die  isländische  bearbeitung  der  I^S  ist. 
So    leicht    nach    erörterung    der    handschriftenfrage,    wenn    man 
membr.2  heranzieht,  die  kritik  von  c.  21  — 196  ist,  so  schwierig  ist  es, 
in  bezug  auf  den  zweiten  teil  der  PS,  welcher  nur  in  der  Umarbeitung 
vorliegt,  zu  entscheiden,  was  ursprünglich  ist  und  was  später  hinzugefügt 
wurde.     Aus  dem  Verhältnis  der  handschriften  lässt  sich  nur  auf  die 
Wahrscheinlichkeit  schliessen,  dass  auch  dieser  teil  manche  interpolation 
enthalten  wird,   eine  Vermutung,   welche  an  dem  mangelhaften  zusam- 
menhange  vieler  in   ihm  enthaltenen  episoden,   der  uns  noch    weiter 
beschäftigen  wird,   eine   stütze  findet;    es   ist   aber  äusserst  schwierig, 
einen  richtigen  massstab  für  die  beurteilung  der  einzelnen  abschnitte 
zu  finden.     Der  zweite  teil  der  I^S  fordert  demnach  eine  selbständige 
Untersuchung,   welche  ausserhalb  der  grenzen  meiner  vorigen  abhand- 
lung  lag,   aber   doch   auf  grund  der  dort  erreichten  resultate  geführt 
werden  kann.     Diese  Untersuchung  bildet  den  hauptinhalt  der  folgenden 
blättcr.     Bevor  wir   aber   die  einzelnen  episoden  der  PS   in  betracht 
ziehen,   ist  es  durchaus  notwendig,   dass  wir  über  die  principion  klar 
werden,   welche  bei  der  kritik  der  PS  im  äuge  zu  behalten  sind.    Es 
ist   in   dieser   hinsieht   viel   gesündigt,   und    die   resultate   entspraclien 
durchweg  der  methode.     Ein    fehler,   den  man  selten  vermieden  hat, 
ist  der,   dass  man  die  ursprünglichkeit  der  einzelnen  partien   der  PS 
nach  ihrer  gr('>sseren  oder  geringeren  Übereinstimmung  mit  hochdeut- 
schen epen  beurteilte.     Dass  eine  solche  Übereinstimmung  nichts  beweist 
da  ein   umarbeiter  quellen  benuzt  haben  kann,   welche  der  hochdeut- 
schen  Überlieferung   vei*schiedener   sagen    sehr   nahe,    teilweise    sogar 
näher  standen   als   die  des  verfassei*s,   wurde  a.  a.  o.  s.  229  fgg.  mit 
besonderer  berücksichtigung  der  Vilkina  saga  ausgeführt     Man  muss 
demnach  in  der  PS  selbst  das  kriterium  zur  beurteilung  der  PS  suchen, 
und  zwar  zunächst   in   dem   teile   der   saga,   der   luigefähr   in   seiner 
ursprünglichen  form  erhalten  ist,   d.  h.  in  c.  21  — 196.     Die  quellen- 


I>IDREKS   SAGA    UND   NIFLUNOA    SAGA  435 

frage,   obgleich   von   der  frage   nach   der  komposition  der  saga  nicht 
ganz  zu  trennen,  nrnss  doch  genau  von  ihi-  unterschieden  werden. 

Schon  bei  oberflächlicher  betrachtung  der  c.  21  — 196,  wie  sie 
in  menibr.2  überliefert  sind,  muss  es  auffallen,  dass  der  sagaschreiber 
nicht  alles  das  in  die  saga  aufnahm,  was  ihm  nur  von  fremden  beiden 
zu  obren  kam,  sondern  dass  er  seinen  stoff  zu  einem  einheitlichen 
ganzen  zu  gestalten  versuchte.  Alle  erzählungen,  auch  solche,  in  denen 
die  hauptrolle  anderen  personen  zufält,  gruppieren  sich  um  Pidrekr, 
den  beiden  des  ganzen.  Der  zweite  teil  der  fS,  der  nur  in  der  Um- 
arbeitung U  überliefert  ist,  ist  dagegen  überaus  reich  an  episoden,  in 
denen  I^idrekr  gar  keine,  oder  nur  eine  bedeutungslose  rolle  spielt 
Da  liegt  denn  doch  die  Vermutung  nahe,  dass  dieser  zustand  wenig- 
stens bis  zu  einem  gewissen  grade  dem  umarbeiter  zuzuschreiben  sein 
wird.  Es  ist  weiter  von  vorn  herein  wahrscheinlich,  dass  eine  scharfe 
gi'enzlinie  zwischen  dem,  was  ursprünglich,  und  dem,  was  interpoliert, 
nicht  überall  nachweislich  -sein  wird,  denn  nicht  nur  sind  in  der 
längeren  redaktion  neue  episoden  hinzugefügt,  sondern  es  sind  auch 
mehrere  in  abweichender  fassung  mitgeteilt,  wodurch  die  kritik  der 
betreffenden  abschnitte  sehr  erschwert  wird  ^  Wir  müssen  daher 
bedächtig  zwischen  den  vielen  einander  manchmal  widersprechenden 
nachrichten  der  Umarbeitung  hindurch  die  spuren  des  Verfassers 
suchen,  dazu  an  die  stellen  anknüpfend,  wo  durch  ein  versehen  des 
umarbeiters  etwas  stehen  geblieben  ist,  was  an  eine  ältere  einheit 
malmt;  denn  aus  c.  21  — 196  lässt  sich  mit  gutem  gründe  schliessen, 
dass  die  PS,  soweit  sie  die  arbeit  6ines  Verfassers  ist,  einmal  ein  orga- 
nisches und  woldisponiertcs  ganzes  gebildet  hat. 

Den  ersten  abschnitt  der  PS  schlicsst  die  erzählung  von  Pidreks 
zug  nach  Bertangaland,  welche  mit  c.  224  zu  ende  ist.  An  und  für 
sich  ist  es  nicht  unmöglich,  dass  schon  zwischen  c.  196,  wo  membr.^ 
und  damit  die  kürzere  redaktion  der  PS  aufhört,  und  c.  224  ein  oder 
mehr  spätere  Zusätze  vorkommen.  Direkte  merkmale  der  Überarbeitung 
sind  mir  hier  freilich  nicht  aufgefallen;  es  scheint  auch  kein  anlass  dazu 
vorhanden   gewesen    zu   sein.     C.  224   verabschiedet   Pidi-ekr   sich   bei 

1)  Dio  Vilkina  saga,  welche  zufälligenvoise  in  beiden  redaktionen  erhalten  ist, 
zeigt,  "svie  einige  teile  der  PS  in  IT  behandelt  sind.  Es  muss  einleuchten,  dass  auf 
ähnliche  weise  überarbeitete  episoden,  fals  dio  ui*sprüngliche  fassung  nicht  zufällig 
überliefert  ist,  durch  keine  kritik  mehr  widerhergestelt  werden  können,  ebensowenig 
als  es  möglich  wäre,  aus  der  zweiten  Vilk.  s.  die  erste  zu  rekonstruieren.  Allerdings 
ist  CS  oft  tunlich,  an  einzelnen  stellen  die  Überarbeitung  deutlich  nachzuweisen. 

28* 


436  BORR 

könig  Isungr;  darauf  reitet  er  mit  seinen  mannen  heim.  Es  folgt  in 
c.  225  als  einleitung  zu  dem  zweiten  teile  der  saga  ein  programm  für 
tidrcks  nächste  tiitigkeit:  Nu  er  piärecr  komuigr  oc  aUir  lians  moni 
hafa  rceynt  sie  at  pvi,  at  eyigi  maSr  l  verqldu  er  sd,  er  nü  pari 
slxjqld  at  hera  peim  i  yegn  d  höhn,  pd  vilja  Jicir  nü  setja  sUi  rlki  oe 
horgir  störhqfdingjuin  til  fa?rdda  oc  stjOrnar,  Pidrekr  will  also  sein 
reich  befestigen,  und  zwar  dadurch,  dass  er  die  regierung  über  die 
verschiedenen  provinzen  vertrauten  personen  überträgt.  Dieser  plan 
gelangt  sofort  wenigstens  teilweise  zur  ausführung:  Ferr  Hornbogi  jarl 
heivi  til  Vinlands  oc  med  honum  Omliingr  son  haus  med  stna  lonn 
Fallborg,  oc  rdda  peir  sinu  rild  Iwiga  stufid  med  veg  oe  satmd,  Nü 
ferr  Shitram  austr  i  Foiidi  oc  gerix  par  hertugi  oc  er  enn  fragsti 
madr,  son  hans  cettmenn  liafa  vcrit.  Nü  ferr  Herbrandr  heim  til 
slns  rikis  oc  er  kann  enn  rtkasti  hertugi. 

Aber  durch  das  aussenden  einiger  vasallen  hat  iMdrekr  doch  seine 
aufgäbe  daheim  noch  nicht  vollendet;  man  würde  erwarten,  dass  jezt 
die  weiteren  Veranstaltungen  erwähnt  werden  selten,  welche  er  im 
intcresse  seines  landcs  trift  —  c.  223  eröfnct  einen  durchaus  neuen 
abschnitt  der  saga  und  muss  doch  mit  dem  folgenden  in  irgend  einem 
Zusammenhang  stehen  — ;  es  kann  uns  daher  nur  wundern,  wenn  wir 
c.  226  auf  einmal  vernehmen,  dass  iMdrekr  mit  Gunnarr  nach  Niflunga- 
land  zieht  und  den  könig  sogar  auf  der  brautfahrt  nach  Sipgardr  beglei- 
tet, eine  nachricht,  welche  sich  übrigens  nur  in  der  PS  findet,  und 
die  nur  den  zweck  hat,  die  folgende  erzählung  an  Pidrekr  zu  knüpfen. 
Eine  bessere  fortsetzung  des  c.  225  bietet  c.  240:  Nti  er  pat  eitthrert 
sinn,  at  pidrecr  lionungr  gcrir  ferd  slna  nordr  um  fjall,  oc  med  ho- 
num Fasold  oc  petlcifr  dmisld,  oc  alx  hcfir  hann  XL  riddara,  oc 
par  til  ferr  hann,  er  hann  kemr  til  borgar  l}recanfih,  oc  er  honum 
par  vel  fagtmd  oc  han^  mqnnum,  par  rdda  peim  borg  IX  dr/'fr 
Ih'usians  lontmgs,  oc  pcira  mödir  hefir  andaxc  af  peim  harmi,  er 
hau  fecl',  pd  er  drepinn  rar  Ecka.  Oc  nti  segir  pidrecr  konungr  sitt 
cerendi,  at  hann  vil  bidja  scr  til  cignarko)iu  ennar  clxtu  döttttr  Drus- 
iayis  konungs,  en  sü  heitir  Gudilinda,  oc  a7inar(rar)  peira  sgslnr 
til  handa  Phsoldi,  cn  ennar  III  systur  til  handa  petlcifi  danska  . . . 
....  Oc  nü  er  efnad  til  mikillar  veixlu  oc  gqfuglcgrar,  oc  at  pcssi 
rei.du  kvdngax  pidrecr  kommgr  oc  Fasold  oc  petlcifr  danski  ....  Oc 
mi  setx  P\sold  oc  petlcifr  at  riki  pvt,  er  dtt  hqfdu  d(vtr  Drusians 
konungs,  oc  gerir  pidrecr  komingr  pd  bdda  hertoga,  en  sjdlfr  ridr 
hann  heim  til  Dernar  ind  adra  sina  menn,  oc  med  honum  hans 
kona  Gndilind;  oc  er  hann  kemr  heim,  sitr  hann  nü  i  sinn  riki. 


I'IDBKKS   SAGA   UND   NIFLUNOA   SAGA  437 

Die  Veranstaltungen,  welche  PiSrekr  im  anscliliiss  an  c.  225  trift, 
bestehen  also  darin,  dass  er  zweien  seiner  freunde,  welche  noch  kein 
land  haben,  durch  eine  heirat  dazu  verhilft,  und  dass  er  selbst  sich 
verheiratet.  Was  sich  zwischen  diese  capitel  gedrängt  hat,  kann  nicht 
ursprünglich  sein.  Es  sind  zwei  episoden:  1.  Sigurds  und  Gunnars  hoch- 
zeit,  zu  welcher  interpolation  der  umstand  mitgewirkt  haben  kann, 
dass  in  c.  223  ^  und  dem  folgenden  c.  240,  und,  was  noch  näher  erör- 
tert werden  wird,  auch  in  dem  capitel,  welches  unmittelbar  auf  c.  240 
folgt,  von  verschiedenen  hochzeiten  die  rede  war,  wozu  aber  Sigurds 
und  Gunnars  begegnung  an  könig  Isungs  hofe  die  nächste  veranlassung 
war,  2.  die  erzählung  von  Herburt  und  Hilde.  Diese  ist  so  äusserlich 
mit  I'idrekr  verbunden,  dass  man  sie  schon  aus  dem  gründe  für  eine 
zutat  zu  erklären  geneigt  sein  wüi-de;  auch  steht  die  erbärmliche  rolle, 
die  Pidrekr  in  dieser  episode  spielt,  in  direktem  gegensatze  zu  der 
Schilderung  des  beiden  in  denjenigen  teilen  der  saga,  die  wir  als 
ui*sprünglich  ansehen  dürfen.  Dass  Herburt  mit  Pidreks  braut  entflieht, 
nimt  dieser  nicht  nur  ganz  ruhig  auf,  sondern  als  ob  nichts  geschehen 
wäre,  reist  er  darauf  c.  240  wolgemut  nach  Drekanfils,  um  sich  eine 
andere  braut  zu  holen.  Dass  dei*selbe  mann,  der  c.  240  verfasste,  auch 
die  gesehichte  von  Herburt  und  Hilde  solte  geschrieben  haben,  ist  aus 
dem  gründe  sehr  unwahrscheinlich;  ein  abschreiber  aber,  der  selber 
eine  liebesgoschichte,  an  der  Pidrekr  beteiligt  war,  zu  erzählen  hatte, 
wusto  sie  nirgends  besser  anzubringen  als  unmittelbar  vor  fidreks 
hochzeit 

Gegen  die.  ausgeführte  auffassung  von  c.  226  —  239  Hesse  sich 
anführen,  dass  c.  224  von  c.  226  —  230  nicht  getrent  werden  kann. 
Dort  vernehmen  wir,  dass  Sigurdr  Tidrekr  aus  Bertangaland  nach  Bern 
heim  folgte;  wenn  also  im  folgenden  nicht  mitgeteilt  wäre,  dass  Sigurdr 
Bern  wider  verlässt,  müste  man  annehmen,  dass  er  fortwährend  an 
Pidreks  hofe  verweilte;  es  wäre  in  dem  fall  doch  zu  verwundern,  dass 
er  dort  nachher  gar  nicht  mehr  genant  wird,  auch  Aväre  diese  annähme 
mit  der  Niflunga  saga  —  wenn  man  ihre  auffassung  in  dieser  hinsieht 
gelten  lassen  Avill  —  in  offenbarem  Widerspruch.  Welcher  wert  aber 
auf  den  anfang  von  c.  224  zu  legen  ist,  erhelt  aus  c.  223.  Als  Pidrekr 
und  seine  holden  sich  bei  könig  Isungr  verabschieden,  bietet  Sigurdr 
Tidreks  mannen  Hornbogi  und  ()mlungr  grosse  ehrengaben;  er  hat  also 
die  absieht,  selber  zurückzubleiben,  und  dass  er  seinen  plan  ändert, 
wird  nicht  mitgeteilt.     Dennoch  berichtet  c.  224  in  einem  tone,  als  ob 

1)  C.  22i5  boriolitet  Qnilungs  liochzcit  mit  Isungs  tochter  Falborg. 


438  BOKR 

solches  sich  von  selbst  ergäbe,  dass  Sigurfir  Pidrekr  begleitet  Diese 
nachricht  ist  also  vom  Schreiber  von  c.  226  —  230  ersonnen  i;  dasselbe 
gilt  von  dem  berichte  c.  222,  dass  Sigiirdr  dadurch,  dass  er  genötigt 
wird,  den  Zweikampf  gegen  Pidrekr  aufzugeben,  dessen  mann  wird. 

Es  ergibt  sich,  dass  der  hier  besprochene  abschnitt  der  redaction 
U  sich  dem  originale  gegenüber  ebenso  verhält  als  der  durch  membr.^ 
kontrolierbare  teil:  Umarbeitung  und  interpolation  gehen  durchweg  zu- 
sammen. Auf  c.  240  folgt  die  zweite  Vilkina  saga;  wir  gehen  vorläufig 
an  ihr  vorüber  und  kommen  zu 

C.  241 — 274,  der  kurzen  saga  von  Walther  und  Hildegunde  und  der 
langen  Irons  saga  jarls.  Beim  lesen  von  c.  275  fält  es  sofort  auf,  dass 
dieses  capitel,  in  dem  die  Vermählung  Vidgas  mit  Bolfriana,  der  wit- 
we  des  Aki  Qrlungatrausti  erzählt  wird,  die  natürliche  fortsetzung  zu 
c.  240,  und  zusammen  mit  c.  225  und  240  die  einleitung  zu  den  gros- 
sen Verwicklungen  des  zweiten  teiles  der  tS  bildet.  Die  grosse  Ver- 
stärkung von  fidreks  macht,  welche  hier  in  friedlicher  weise  vor  sich 
geht,  ruft  Erminreks  neid  hervor,  und  dieser  veranlasst  fidreks  flucht 
C.  275  gibt  darüber  aufschluss,  wie  es  komt,  dass  Vidga  in  den  fol- 
genden kriegen  auf  Erminreks  seite  kämpft,  einerseits  schliesst  es  an 
c.  240,  andererseits  enthält  es  den  keim,  aus  dem  sich  die  späteren 
ereignisse  entwickeln;  im  Zusammenhang  ist  es  also  unentbehrlich,  und 
zwar  gerade  am  ende  der  einleitung,  welche  die  zunähme  von  Pidreks 
macht  erzählt  Doch  könte  man  noch  zaudern,  c.  241 — 274 für  unecht  zu 
erklären,  wenn  nicht  auch  andere  tatsachen  die  unui-sprünglichkcit  die- 
ser capitel  sicher  stelten.  In  c.  275  wird  Akis  witwe  Bolfriana,  welche, 
wie  das  capitel  selbst  mitteilt,  in  der  Lombardie  zu  hause  ist,  Bolfrmna 
af  Drekanfil  genant,  ein  versehen,  das  offenbar  darin  seinen  grund 
hat,  dass  ein  abschreiber  an  die  drei  c.  240  genanten  Jungfrauen,  welche 
in  der  tat  zu  Drekanfils  wohnten,  dachte  und  vielleicht  auch  den  eben- 
fals  in  c.  240  erwähnten  Ekki  mit  Aki  Qrlungatrausti  verwechselte. 
Dass  dieses  nicht  hätte  geschehen  können,  wenn  c.  240  und  275  schon 
damals  durch  34  capitel  ganz  fremden  inhaltes  von  einander  getrent 
gewesen  wären,  leuchtet  ein;  dagegen  lässt  sich  der  fehler  leicht  durch 
die  annähme  erklären,  dass  in  der  vorläge  jenes  Schreibers  c.  241 — 274 

1)  AVie  es  scheint  folgten  unmittelbar  nach  c.  223  die  worte:  Oc  nü  ferr 
pidrekr  konungr  aptr  alla  sina  leid  enu  sqtnuy  sem  äctr  för  kann  fram  usw.;  es 
sind  dann  am  anfang  von  c.  224  57,  zellen  hinzugefügt;  man  braucht  nicht  anzuneh- 
men, dass  vom  urspmnglichen  texte  etwas  verloren  ist  Hingegen  müssen  c.  226  — 
230  einige  woi-to  verdrängt  haben,  welche  die  nachricht  enthielten,  dass  Gunnarr  und 
HQgni  aus  Bern  nach  Niflungaland  zurückreiten. 


!>IDIiKK8   SAGA   UND   NIBXUKGA   SAGA  439 

fehlten.    In   AB   sind   die   werte   af  Drekanfil  wider  fortgelassen;   S 
kürzt. 

Auch  der  Zusammenhang,  in  dem  c.  241  —  274  überliefert  sind, 
beweist  ihre  un ursprünglichkeit.  C.  275  wird  von  Aki  und  Bolfriana 
als  von  noch  nicht  genanten  personen  gesprochen;  es  ist  daher  unmög- 
lich, dass  der  Verfasser  von  c.  275  unmittelbar  zuvor  eine  lange  erzäh- 
lung  solte  mitgeteilt  haben,  in  der  Aki  und  Bolfriana  die  hauptrolle 
spielen ;  eine  solche  erzählung  ist  aber  die  Irons  saga  jarls.  Ebensowenig 
ist  die  sage  von  Walther  und  Hildegunde  hier  richtig  angebracht.  Sie 
weist  eine  merkwürdige  Übereinstimmung  mit  der  kurz  vorhergehenden 
sage  von  Herburt  und  Hilde  auf  —  es  liegt  nahe,  bei  diesen  liebes- 
geschichten,  deren  es  in  der  PS  mehrere  gibt,  an  öinen  und  denselben 
Verfasser  zu  denken.  Valtari  af  Vascannsteini  tritt  c.  151  als  Ermin- 
reks  stathalter  in  Gerimsheimr  auf;  seitdem  wurde  nicht  mitgeteilt,  was 
c.  241  voraussezt,  dass  er  als  geisel  an  Attilas  hof  kam,  wozu  auch 
gar  kein  grund  vorhanden  war,  denn  nach  der  Vorstellung  der  PS  war 
das  Verhältnis  zwischen  Attila  und  Erminrekr  bisher  ungetrübt  Im 
gegensatz  zu  allen  sonstigen  berichten  der  PS  tritt  Hcjgni  als  Attilas 
dienstmann  auf ^.  Aus  diesen  gründen  geht  klar  hervor,  dass  auch  die 
episode  von  Walther  und  Hildegiuide  interpoliert  ist^. 

C.  276  —  290  enthalten  die  erzählung  von  Pidreks  flucht  vor  Er- 
minrekr. Als  die  Ursache  alles  unhcils,  welches  f idrekr  erfährt,  wird 
c.  276  die  von  Erminrekr  dem  weibo  seines  ratsherrn  Sifka  zugefügte 
Schmach  genant,  Avas  diesen  dazu  reizt,  Erminrekr  durch  falschen  rat 
ins  verderben  zu  stürzen.  C.  278  —  283  berichten  sodann,  wie  Ermin- 
rekr auf  Sifkas  anstiften  selbst  den  tod  seiner  drei  söhne  herbeiführt, 
darauf  seine  beiden  neffen  Egard  und  Aki  unschuldig  hinrichten  lässt. 
Darauf  bringt  Sifka  den  könig  c.  284  dazu,  dass  er  von  fidrekr  von 
Bern  tribut  fordert;  als  dieser  in  einem  stolzen  tone  die  forderung 
abschlägt,  ontschliesst  sich  Erminrekr  zu  dem  kriege.  Nach  dem  vor- 
hergehenden würde  man  nun  erwarten,  dass  Sifka,  der  jezt  als  heerfüh- 
rer  Erminrcks  loos  in  seiner  band  hat,  keine  gelegenheit,  um  den  könig 

1)  Auf  die  nachricht,  dass  Valtari  Hijgni  ein  äuge  auswirft,  wird  zwar  in  der 
Niflunga  saga  angespielt;  daraus  lässt  sich  aber  nur,  und  nicht  einmal  mit  gowiss- 
hoit,  auf  einen  Zusammenhang  mit  der  NS,  über  den  weiter  unten  die  rede  sein  wird, 
schliessen. 

2)  Meine  benierkung  Arkiv  VII,  237  anm.  muss  demnach  insofern  gcändeit 
werden,  dass  die  episode  zwar  von  einem  anderen  Verfasser  als  die  2.  Vilk.  saga  zu 
sein  scheint,  deshalb  aber  nicht  urspiünglich  zu  sein  braucht.  Ich  komme  darauf 
zurück. 


440  DORR 

zu  beeinträchtigen,  unbenüzt  lassen  würde,  dass  er,  wenn  es  z.  b.  zu 
einer  Schlacht  käme,  zum  feinde  überlaufen  oder  auf  eine  andere  weise 
seinen  könig  verraten  würde.  Statt  dessen  tritt  Sifka  von  diesem  augen- 
blicke  an  als  Erminreks  treuer  freund,  dagegen  als  Hdreks  schlimster 
gegner  auf,  vor  dessen  gewalt  dieser  schliesslich  das  land  räumen  muss. 
Später  bleibt  Sifkas  betragen  den  beiden  königen  gegenüber  dasselbe, 
so  in  der  schlacht  bei  Gronsport;  fidrekr  betrachtet  ihn  persönlich, 
mehr  noch  als  Erminrek  als  seinen  erklärten  feinde  Wenn  demnach 
Sifka  nach  der  auffassung  des  sagaschreibers  mehr  fidreks  feind  als 
ein  Verräter  gegenüber  Erminrekr  ist,  so  passen  c.  276  —  283  sehr 
schlecht  in  den  Zusammenhang  dersaga^.  Zum  vci'ständnis  von  c.  284 
sind  sie  entbehrlich:  fidreks  wachsende  macht,  die  c.  240,  275  beschrie- 
ben wurde,  erklärt  genügend,  dass  Erminrekr  ihn  zu  fürchten  anfängt 
und  zu  demütigen  versucht;  wenn  zumal  Sifka  für  den  krieg  gegen 
f  idrekr  eiferte,  ist  es  nicht  nötig,  den  grund  dieses  Verfahrens  in  hass 
gegen  Erminrekr  zu  suchen;  im  gegenteil  lässt  es  sieh  sehr  gut  vor- 
stehen, dass  er  als  ratsherr  zuerst  die  seitens  des  mächtigen  nachbam 
drohende  gefahr  einsah,  und  davor  warnte.  Zugleicli  erklärt  sich 
daraus  Pidreks  bitterer  hass  gegen  Sifka. 

Man  könte  vielleicht  diesen  mangel  an  Übereinstimmung  zwischen 
c.  276  —  283  und  den  übrigen  berichten  der  fS  einer  inconsequcnz 
von  Seiten  des  sagaschreibers  zuschreiben,  wenn  nicht  das  folgende 
hinzukäme.  C.  278  gibt  Sifka  Erminrekr  den  rat,  seinen  söhn  Fridrekr 
nach  Vilkinaland  zu  senden,  um  von  Osantrix  tribut  zu  verlangen; 
Osantrix  aber  ist  schon  c.  144  umgekommen.  Zieht  man  nun  in 
betracht,  dass  die  zweite  Vilkina  saga,  in  der  Osantrix  eine  hauptroUe 
spielt,  in  IT  auf  c.  240  folgt,  also  von  ihrem  bearbeiter  beinahe  unmit- 
telbar vor  c.  276  gestelt  wurde  —  über  c.  241 — 274,  welche  jezt 
dazwischen  stehen  vgl.  unten  s.  441  —  weiter,  dass  unmittelbar  nach 
iMdreks  flucht  die  zweite  redaktion  der  erzählung  von  Osantrix'  tode 
folgt,  so  wird  man  sich  dem  Schlüsse  nicht  entziehen  können,  dass 
c.  276  —  283  die  arbeit  desselben  verfassen  sind,  der  die  zweite  Vil- 
kina saga  bearbeitete  und  c.  291  —  292  schrieb.  Schliesslich  führt  eine 
nähere  betrachtung  von  c.  281  —  283  zu  demselben  Schlüsse.  Nach 
allen  früheren  berichten  residieren  Egard  und  Aki,  und  seit  seiner 
Verheiratung  mit  ihrer  mutter  Bolfriana   auch  Vidga  zu  Fritila   (Ver- 

1)  C.  325:  yfir  her  Emiurcls  lonumjs  er  chin  hcrtttgi  Vidga,  yäarr  hinn 
gödi  vinr,  oc  atmarr  er  Sifka,  y(tarr  hijin  mikli  licinr;  vgl.  c.  326,  413  u.  a. 

2)  C.  401  tritt  Sifka  wider  als  venätor  auf,  aber,  wio  unten  nachgewiesen 
werden  wird,  in  einem  gleichfals  interpoliei-ten  capitel. 


PlDHKKR   SAOA   UND   NIFLUXOA   SAOA  441 

celli).  C.  282  aber  halten  sie  sich  auf  einmal  zu  Trelinnborg  d  Rhiar 
backa  auf.  Diese  Stadt  zerstört  Errainrekr;  ViÄga,  der  während  der 
belagerung  in  Bern  war,  komt  c.  283  zurück  und:  kittir  nü  stiia  borg 
hrevda.  Zur  sühne  gibt  Erminrekr  ihm  ])d  borg  er  liana  heitir,  oe 
nü  rceä)'  Viäga  feirri  borg.  Fritila  wird  gar  nicht  genant;  doch  hcisst 
Vidga  c.  323  wider:   Viäga   VcIentsso?i  af  fVitila. 

Uberselicn  wir  von  dem  gewonnenen  Standpunkte  aus  unsere  bis- 
herigen resultato,  so  crhelt  es  schon  jezt,  dass  in  der  PS  zwei  grup- 
pcn  von  intorpolationcn  deutlich  zu  unterscheiden  sind.  Es  wurde 
schon  s.  439  anm.  2  bemerkt,  dass  der  Verfasser  von  c.  241  —  244  mit 
dem  umarbeiter  der  Vilkina  saga  nicht  identisch  ist.  Da  es  wahr- 
scheinlich ist,  dass  der  Icztgenante  die  2.  Vilkina  saga  aus  dem  gründe 
hinter  c.  240  einfügte,  weil  er  die  absieht  hatte,  bald  auf  Osantrix 
zurückzukommen  (vgl.  oben  s.  440),  muss  man  nicht  nur  annehmen, 
dass  damals,  als  er  die  PS  umarbeitete,  c.  240  noch  nicht  durch  meh- 
rere ausserhalb  des  Zusammenhanges  der  saga  stehende  episoden  von 
284  fgg.  getrent  war,  sondern  auch  dass  der  Schreiber  der  2.  Vilk.  saga 
diese  episoden  nicht  geschrieben  hat;  mit  andern  werten,  wenn  c.  241 
—  274  älter  oder  von  demselben  Verfasser  wie  die  2.  Vilk.  saga  wären, 
so  würde  er  diese  lezte  hinter  c.  274,  nicht  vor  c.  241  gestelt  haben. 
Zwischen  der  2.  Vilk.  saga  und  c.  270  Hess  er  nur  c.  275  stehen,  weil 
dieses  capitel  nach  seiner,  allerdings  richtigen,  auffassung  nicht  von 
dem  folgenden  getrent  werden  konte.  Die  sage  von  Walther  und  Hilde- 
gunde,  sowie  die  Irons  saga  jarls  sind  also  jünger  als  die  zweite  Vil- 
kina saga,  c.  276  —  283,  c.  291  —  292. 

Nach  ausscheidung  der  interpolierten  c.  276  —  283  bleiben  für 
Tidreks  flucht  c.  284  —  290  übrig.  Diese  capitel,  obgleich  im  grossen 
und  ganzen  ursprünglich,  sind  doch  nicht  in  ihrer  ältesten  fassung  über- 
liefert; aus  dem  inhalt  ergibt  sich,  dass  die  erzählung  überarbeitet  ist. 

Als  Heimir  c.  285  vernimt,  was  Erminrekr  gegen  Pidrekr  im 
Schilde  führt,  macht  er  dem  könige  und  Sifka  heftige  vorwürfe;  das- 
selbe tut  Vidga,  der  darauf  (c.  2S0)  nach  Bern  reitet  und  Pidrekr 
erzählt,  was  Erniinrekr  im  sinne  hat.  Während  Hdrekr  und  die  sei- 
nen sich  schnell  rüsten,  komt  c.  287  Heimir  mit  derselben  botschaft 
angeritten.  Darauf  kehren  Vidga  und  Heimir  c.  288  zusammen  nach 
Rom  zurück,  wo  Heimir  den  könig  und  Sifka  aufs  neue  in  bittern 
Worten  tadelt  (hier  finden  sich  anspielungen  auf  c.  276  —  283,  was 
allein  schon  beweisen  würde,  dass  die  geschichte  umgearbeitet  ist)  und 
Sifka  ins  angesiclit  schlägt.  Von  Vidga  geschüzt  entkomt  er;  von  dem 
augenblicke  an  plündert  er  als  räuber  Erminreks  lande. 


442  BOKR 

Diese  erzählung  entliält  ziemlich  viel  unerklärliches.  Dass  Vidga 
Erininrekr  treue  schwur,  wurde  c.  275  mitgeteilt  Heimir  hingegen 
wurde  bisher  nur  als  fidreks  mann  genant;  was  ist  die  Ursache,  dass 
er  sich  jczt  auf  einmal  an  Erminreks  hofe  aufhält?  Vidga  und  Heimir 
sprechen  zusammen  ihre  schmachreden  gegen  Sifka;  weshalb  reiten 
sie  denn  jeder  für  sich  nach  Bern?  Der  umarbeiter  hat  wol  ein- 
gesehen, dass  Heimir,  solte  seine  ankunft  in  Bern  nicht  ganz  zweck- 
los erscheinen,  wenigstens  eine  nachricht  bringen  mäste,  welche  eini- 
germassen  neu  war;  deshalb  lässt  er  ihn  erzählen:  at  Erminricr  konimgr 
imin  eiga  sJccwit  paiigat,  was  freilich  zur  folgenden  mitteiking,  dass 
I*idrekr,  bevor  er  zu  Attila  flüchtet,  einen  heftigen  einfall  in  Ermin- 
reks land  tut,  ohne  irgend  einem  feinde  zu  begegnen,  schlecht  stimt. 
Durch  die  widerholung  geht  der  eindruck,  den  Heimirs  schelten  machen 
soll,  ganz  und  gar  verloren.  Diese  Widersprüche  lassen  sich  alle  aus 
dem  umstände  erklären,  dass  der  umarbeiter  Heimir  zu  Erminreks 
dienstmann  machte,  und  zwar  im  anschluss  an  eine  abweichende  Über- 
lieferung, welche  den  hochdeutschen  gedieh ten,  die  denselben  sagen- 
stoff  behandeln  (Rabenschlacht,  Dietrichs  flucht,  Alpharts  tod  u.  a.) 
näher  steht  ^,  der  auffassung  der  I^S  dagegen  widerspricht.  Dass  der 
sagaschroiber,  auch  als  er  c.  284  fgg.  schrieb,  sich  Heimir  noch  als 
Hdreks  mann  vorstelte,  beweisen  die  folgenden  werte,  welche  der 
umarbeiter  durch  ein  versehen  hat  stehen  lassen  (c.  287):  pd  srerr 
Ileiinir  Jmt  inä  guä,  at  vM  Mtmn  ver  vdrt  rikl  vict  uswmd  firir  snk- 
ar  Ermhtrix  komings,  oc  cnn  mä  hann  fd  af  oss  meira  skaSa  en 
gagn,  dar  cn  ver  skUjum,  J)6ti  hayiJi  tald  Bern  ok  alt  Omhnigalandy 
wo  unter  vdrt  rtki  doch  nur  Bern  ok  Omlungalmid  zu  verstehen  ist. 
Dass  Heimir  mit  Vidga  nach  Rom  reitet  und  Sifka  schilt,  kann  ein 
alter  zug  sein;  dass  er  räubcr  wird  und  Erminreks  land  plündert 
bestätigt  c.  4:29,  wovon  noch  die  rede  sein  wird. 

Nachdem  fidrekr  c.  287  Erminreks  land  verheert  hat,  zieht  er 
c.  289  nordwärts  über  die  Alpen  und  komt  bald  nach  Bakalar  zum 
markgrafen  Rodingeirr,  der  ihm  mit  seiner  frau  Gudilinda  entgegen- 
reitet und  ihn  gastlich  aufnimt.  Hier  erhebt  sich  zuerst  die  frage,  eine 
der  wichtigsten  für  die  kritik  der  saga:  wie  verhält  sich  Rodingeirr  zur 
PS?  Um  sie  zu  lösen,  werden  wir  diejenigen  teile  der  saga,  in  denen 
er  genant  wird,  in  ihrem  Zusammenhang  prüfen  müssen.  Es  sind:  die 
zweite  Vilkina  saga,  I'idreks  flucht,   Attilas  kriege  mit  Valdemar,  die 

1)  Hieran  orlvoiit  man  denselben  umarbeiter,  der  auch  in  dio  Vilk.  saga  zügc 
aus  der  süddeutschen  Überlieferung  aufnahm. 


PlDHKKS   SAGA   UND   NIFLUNOA    SAOA  443 

Schlacht  bei  Gronsport,  die  Niflunga  saga,  fidreks  klage  über  Rodin- 
geirs  tod  auf  seiner  heimreise  nach  Bern  und  eine  kurze  bemerkung 
über  ßodingeirr  c.  415. 

Was  die  Vilkina  saga  anbelangt,  wurde  Arkiv  VII,  229  —  238 
nachgewiesen,  dass  die  redaktion,  in  der  der  name  Rodingeirr  nicht 
begegnet,  die  ursprünglichere  ist;  statt  Rodingeirr  tritt  dort  Rodolfr, 
gleichfals  margi'eifi  zu  Bakalar  auf.  Es  wäre  in  der  tat  auffallend, 
wenn  derselbe  Verfasser  dieselbe  person,  der  er  denselben  rang  zuer- 
kent,  etwas  weiter  Rodingeirr  genant  hätte.  Der  bearboiter  der  zwei- 
ten Vilkina  saga  machte  aus  Rodolfr  zwei  personen,  nämlich  Rodin- 
geirr, der  zu  Bakalar  regiert  und  einen  herzog  Rodolfr,  dessen  land 
er  nicht  nent,  der  aber  in  der  Vilkina  saga  eine  hauptperson  ist,  und 
scliliesslich  für  Attila  Erka,  ihre  Schwester  Berta  für  sich  selbst  ent- 
führt. Aus  dem  leztgenanten  umstände  wird  es  klar,  weshalb  der 
umarbeiter,  anstatt  überall  den  namen  Rodolfr  durch  Rodingeirr  zu 
ersetzen,  aus  Rodolfr  zwei  verschiedene  personen  machte;  nach  seiner 
meinung  nämlich  heisst  Rodingeirs  weib  Godilinda,  nicht  Berta.  Daher 
konto  es  ihm  gar  nicht  einfallen,  dass  der  entflihrer  Erkas  und  Bertas 
mit  Rodingeirr  af  Bakalar  identisch  sein  solte.  Wenn  der  sagaschrei- 
ber,  was  nach  dem  vorhergehenden  wahrscheinlich  ist,  und  noch  näher 
ausgefülirt  werden  wird,  nur  Rodolfr,  keinen  Rodingeirr  kante,  so  ergibt 
sich  daraus  unmittelbar: 

1.  dass  der  umarbeiter  in  der  PS,  abgesehen  von  der  Viik.  saga, 
welche  er  anders  behandelte,  überall  Rodingeirr  statt  Rodolfr 
schrieb ; 

2.  dass  die  stellen,  wo  Godilinda  als  Rodingeirs  weib  genant  wird, 
nicht  zur  ursprünglichen  saga  gehören,  denn  in  dieser  heisst 
Rodolfs  weib  nicht  Godilinda,  sondern  Berta. 

Dass  der  name  Rodingeirr  in  der  tat  in  der  ältesten  fassung  der 
PS  nicht  vorkam,  beweisen  zwei  stellen,  welche  der  umarbeiter  zu 
ändern  vergessen  hat. 

C.  293  berichtet,  dass  Valdemar  af  Hölmgardi  in  Attilas  reich  einfält 
und  von  dort  einn  gödan  riddara  Rodolf  sendimatni  gefangen  mit 
sich  führt.  Dieser  ritter  kann  niemand  anders  als  der  aus  der  Vilk. 
saga  bekantc  Rodolfr  af  Bakalar  sein;  wahrscheinlich  hat  ihn  der 
umarbeiter  an  dieser  stelle  nicht  als  mit  Rodingeirr  identisch  erkant, 
den  er  bald  darauf  viele  beiden  taten  volbringen  lässt,  ohne  dass  es 
klar  würde,  wie  er  aus  der  gefangenschaft  entkommen  ist.  Man  hat 
hier  die  wähl  zwischen  der  annähme,  dass  alles,  was  weiter  von  Ro- 
dingeirr erzählt  wird,  eine  zutat  ist,  und  der,  dass  die  erzählung  von 


4i4  BOKR 

Rödolfs  befroiung  fortgelassen  wurde.  Die  zweite  annähme  hat  die 
grössere  Wahrscheinlichkeit  für  sich,  denn  noch  einmal  wenigstens  tritt 
Ro^olfr  später  in  der  ursprünglichen  saga  auf.  Doch  ist  ohne  zweifei 
ein  teil  der  hier  von  Rottingeirr  berichteten  hcldentaten  die  arbeit  des 
umarbeitcrs,  und  Rodolfs  ursprüngliche  rolle  in  der  episode  wird 
ungleich  geringer  gewesen  sein.  Wenn  z.  b.  Pidrekr  c.  297  vom  feinde 
umzingelt  ist,  fölt  es  auf,  dass  er  anstatt  zu  Attila  einen  boten  zu 
Rodingeirr  sendet;  dieser  wird  zwar  in  dieser  und  der  folgenden  episode 
(Schlacht  bei  Gronsport),  sowie  in  der  Niflunga  saga  als  I'idreks  vor 
allen  anderen  ausgezeichneter  freund  dargestelt,  aber  auch  dieses  wider- 
spricht der  sonstigen  auffassung  der  saga.  Auch  sonst  ist  in  Pidreks 
kriegen  mit  Waldemar  ein  mislungener  versuch,  Rodingoirr  nachträg- 
lich zu  einer  hauptperson  zu  machen,  deutlich  wahrnehmbar ^ 

Am  abend  vor  der  Schlacht  bei  Gronsport  reitet  Hildibrandr  allein 
aus  und  begegnet  Erminreks  ritter  Reinaldr,  der  ihm  die  zelte  des 
feindlichen  lagers  zeigt  (c.  326).  Hildibrandr  zeigt  darauf  auch  Pidreks 
lager,  und  in  dem  lager  Rodingeirs  zeit.  Hier  ist  in  membr.  Rodolfs 
stehen  geblieben,  was  ich  a.  a.  o.  s.  234  anm.  noch  für  einen  zufall 
hielt,  was  aber  im  zusammenljang  mit  dem  vorhergehenden  nur  so 
erklärt  werden  kann,  dass  der  umarbeiter  hier  den  namen  zu  ändern 
vqrgass,  ein  Versäumnis,  das  erst  von  den  späteren  abschreiborn ,  aus- 
genommen den  von  membr.,  nachgeholt  wurde.  Übrigens  tritt  hier 
die  neigung  des  umarbeiters,  Rodingoirr  zu  einer  hauptperson  zu 
machen,  noch  viel  deutlicher  hervor  als  in  der  erzählung  von  Attilas 
kriegen  mit  Waldemar.  Als  I^idrekr  nach  dem  siege,  der  ihm  seinen 
bruder  Pether,  Attila  seine  beiden  söhne  Erp  und  Ortwin  gekostet  hat, 
nach  Hünaland  zurückgekehrt  ist,  will  er  vor  Attilas  äugen  nicht 
erscheinen,  sondern  er  geht  /  eitt  Uta  hüs  (c.  338).  Rodingoirr  dage- 
gen begibt  sich  in  Attilas  halle,  wo  ausser  dem  könig  und  Erka,  wie 
aus  dem  Zusammenhang  hervorgeht,  noch  einige  ritter  sich  aufhalten. 
Attila  fragt  nach  des  krieges  ausgang,  den  Rodingoirr  ausführlich  erzählt 
Darauf  fragt  Attila,  wo  Pidrekr  zu  suchen  sei.  pd  svarar  einn  mactr 
((jardtxtirr  A) :  l  cino  steiharahüsi  par  sitr  mi  pidrekr  koniingr  ok 
,  meisiari  Hildibrandr  usw.  Hier  würde  es  schwer,  eine  antwort  auf 
die  frage  zu  geben,  was  einn  madr  bedeuten  soll.  Ist  damit  einer 
von  Attilas  mannen  gemeint?  Diese  wüsten  vor  Rodingeirs  eintreten 
nicht  einmal,  dass  Hdrekr  aus  dem  kriege  zurückgekehrt  war.     Ist  es 

1)  Man  beachte  die  ornüidendo  widerholung  von  kampfsccnen  c.  308,  die  dis- 
cussion  bei  der  bclagerung  von  Palteskja  c.  311.  Kodiugoirs  namen  wird  hier  jedes- 
mal genant;  die  gi'ossen  schlaohten  aber  worden  ohne  ihn  geschlagen  (c.  312  fgg.). 


I*1DRKKS   SAGA    UXÜ   XIFLUXOA    SAGA  445 

ein  mann  Roftingeirs?  Aber  Eoctingeirr  ist  allein  in  Attilas  hallo 
gegangen,  und  auch  wenn  er  begleitet  gewesen  wäre,  so  würde  doch 
ein  dienstmann  sich  nicht  hei-ausnehmcn ,  eine  frage,  welche  an  seinen 
herrn  gerichtet  war,  zu  beantworten,  am  wenigsten  unter  umständen 
wie  diesen.  Es  ergibt  sich  schon  wider,  dass  auch  diese  erzählung 
nicht  in  ihrer  ältesten  gestalt  überliefert  ist:  in  der  ursprünglichen  I^S 
hat  nämlich  Attila  sicherlich  die  nachricht  von  dem  tode  seiner  kinder 
nicht  aus  Rodingeirs  munde,  sondern  von  einer  grösseren  anzahl  per- 
sonen  erfahren,  obwol  es  nicht  klar  wird,  wo  er  dejiselben  begegnete. 
Auch  die  unmittelbar  folgenden  werte  setzen  ein  andere  sagenform 
voraus,  als  sie  hier  vorliegt.  Attila  sagt:  Minir  treir  riddarary  gan- 
(jid  nt  ok  hidid  pidrck  Ivmmg  yiiinn  vin  hin  koma  usw.  Aus  dem 
Zusammenhang  lässt  sich  nicht  ermitteln,  wer  diese  trcir  riddarar  ^mA^ 
obgleich  sie  in  einer  weise  erwähnt  werden,  als  ob  sie  dem  leser  schon 
bokant  seien,  was  in  der  ursprünglichen  saga  auch  zv/eifelsolnie  der 
fall  war. 

Obige  erörterungen  genügen  um  darzutun,  dass  der  sagaschreiber 
nur  Rodolfr,  keinen  Rodingeir  kante.  Wo  also  Godilinda  als  Rodingeirs 
wcib  genant  wird,  muss  mau  entweder  annehmen,  dass  sie  in  der 
ui^prünglichen  T'S  als  Rodolfs  wcib  vorkam,  was  mit  rücksicht  auf  die 
Vilk.  sage  unmöglich  ist,  oder  —  und  nur  diese  möglichkeit  bleibt 
übrig  --  dass  wir  es  mit  einer  interpolation  zu  tun  haben.  Das  ist 
denn  auch,  was  c.  289  anbetrift,  ganz  bestimt  der  fall.  C.  290,  obgleich 
niciit  in  seiner  ältesten  fassung  überliefert,  ist  doch  zum  teil  echt;  das 
capitel  erzählt  t'idreks  ankunft  bei  Attila. 

In  der  Niflunga  saga  (ich  bezeichne  mit  diesem  namen  hier 
nur  c.  342  —  348  und  356  —  394)  ist  Rodingeirr  nicht  nur  eine  haupt- 
person  an  Attilas  hofe,  bis  zu  dem  grade  sogar,  dass  er  im  gegensatz 
zu  andern  berichten  der  1\S  Tidreks  bester  freund  genant  wird,  aber 
auch  (Jodilinda  spielt  keine  geringe  rolle:  ich  weise  auf  c.  368  fgg., 
wo  HcxlingeiiT  und  (Jodilinda  die  Nibc^lungen  auf  eine  weise  bewirten, 
welche  an  das  Nibelungenlied  eriiuiert.  Der  schluss,  dass  auch  die 
Niflunga  saga  eine  interpolation,  und  zwar  vom  bearbeiter  der  zweiten 
Vilkina  saga  ist,  liegt  nahe.  Es  fragt  sich,  ob  eine  nähere  betrach- 
tung  der  NS  an  und   für  sich  zu  demselben  Schlüsse  führt. 

Der  Inhalt  der  NS  bildet  ein  ziemlich  abgeschlossenes  ganze  und 
enthält  nur  wenig  ansiuelungen  auf  ereignisse,  welche  die  f*S  auch  an 
anderer  stelle  mitteilt.  Wo  solches  der  fall  ist,  stimmen  die  nachrich- 
ten    der  NS   nicht  immer  zu   denen   der  I*S.     So  wird   am   anfang  der 


446  BOKR 

NS  (c.  342)1  YOTL  Gunnarr,  H(jgni  und  Sigurdr  gesprochen  als  von  per- 
sonen;  welche  noch  nicht  genant  wurden,  obgleich  Gunnarr  und  Hqgni 
als  tidreks  gaste  mit  ihm  nach  Bertagaland  gezogen  sind  und  Sigurdr 
dort  mit  ihm  gekämpft  hat.  Auch  die  Überschrift  der  NS^  lässt  ver- 
muten, dass  hier  eine  selbständige  erzählung  folgt,  obgleich  die  NS 
innerhalb  der  f  S  nur  eine  episode  sein  soll.  In  Übereinstimmung  mit 
dem  interpolierten  c.  169,  im  gegensatz  zu  dem  echten  c.  170  nent  die 
NS  Gunnars  vater  Aldrian  (Arkiv  VII,  228).  C.  342  erwähnt  die  härte 
von  Sigurcts  haut  als  etwas  neues,  obgleich  davon  schon  c.  190  erzählt 
wurdet  C.  375  berichtet,  dass  ÜQgni  nur  6in  äuge  hat,  dasselbe  in 
der  interpolierten  heldenbeschreibung  c.  184;  die  Ursache  teilt  das  inter- 
polierte c.  242  mit;  in  der  ursprünglichen  f  S  findet  sich  keine  ähn- 
liche bomerkung.  C.  373  erwähnt  eine  ausserordentliche  freundschaft 
zwischen  fidrekr  und  H(jgni;  c.  375  erinnert  Attila  sich,  dass  HQgiii 
früher  an  seinem  hofe  verweilt  hat;  dasselbe  in  dem  interpolierten 
c.  242;  weder  die  eine  noch  die  andere  benierkung  wird  durch  eine 
echte  stelle  der  f  S  gestüzt  Die  angaben  der  NS  stimmen  also  nicht 
überall  zu  denen  der  PS;  hingegen  scheint  zwischen  der  NS  und 
einigen  Interpolationen  ein  gewisser  Zusammenhang  zu  bestehen;  doch 
würden  die  wenigen  angeführten  stellen  zur  entscheidung  nicht  genü- 
gen. Wichtiger  ist  es  zu  prüfen,  wie  weit  die  NS  in  den  Zusammen- 
hang der  ganzen  PS  passt 

C.  316  berichtet,  dass  Pidrekr  zu  der  zeit,  als  er  zuerst  sein  land 
wider  zu  erlangen  versuchte  (schlacht  bei  Gronsport),  bereits  20  jähre 
im  exil  zugebracht  hatte;  in  dieser  angäbe  stimmen  alle  handschriften 
überein.  Wenn  in  der  ursprünglichen  tS  auf  die  schlacht  bei  Gron- 
sport die  ereignisse,  welche  die  NS  erzählt,  gefolgt  sind,  so  müssen 
verschiedene  jähre  zwischen  jener  schlacht  und  Pidreks  rückkehr  nach 
Bern  angenommen  werden.     Nach  c.  396  ist  iHdrekr  denn  auch  32  jähre 

1)  A  pessum  tima  i  Kiflungalatidi  i  peirri  borg,  er  heitir  Vemika,  pdf 
rcvär  firir  Qimnurr  konnngr  ok  med  honom  hans  brödtr  ü^gnty  oc  hinn  Priäi 
peira  mdgr,    sä  er  ägtetastr  hefir  rcrit  firir  allum  k<^ppom  oc  h^fäingjom  hvdr- 

tocggja  i  suärlfpidmn  oc  norärlandu7n en  petta  var  Sigurär  sveinn,   er  pd 

(ittl  Grimildi,  duitor  Aldrixins  konungs  oc  systor  Peira  Ounnars  oc  Ht^gtia  (1.  jF%>w 
oc  Gunnars?),  er  pd  dtti  Brynilldi  hlna  riko  oc  hlna  fagru. 

2)  Her  he  fr  upp  sagu  Niflunga  oc  frd  vidskiptum  Peira  Sigiiränr  sreim  oc 
ITogna  oe  Ounnars  konungs  oc  af  bardaganom  i  Susat.  oc  hverso  Qrimildr  hef(n}di 
sinnar  osaimdnr  er  henni  var  gqr  ai  saclauso  i  fyrstunni. 

3)  Über  das  Verhältnis  der  NS  zu  dem  intcrpoliei-ten  c.  166,  welches  die  erwer- 
iDg  der  liornhaut  erzälilt,  wird  weiter  unten  gesprochen  werden. 


I'IfJREKS   SAGA    UND   NIFLUNOA    SAGA  447 

landesflüchtig  gewesen,  sodass  für  die  NS  12  jähre  übrig  bleiben.  Aber 
c.  429,  wo  wir  erfahren,  dass  Heimir  viele  jähre  lang  Sifka's  reich 
verheert  hat,  fahrt  der  Verfasser  fort:  A  pessa  lund  f&r  frarn  XX  vetr 
alla  pd  hriä,  er  piärekr  Itonujigr  var  6r  simi  rtkL  So  A,  membr. 
fehlt,  S  nent  die  dauer  von  Pidreks  exil  nicht,  in  B  ist  XX  in  XXX 
geändert,  was  auf  keinen  fall  das  richtige  trift,  denn  nimt  man  an, 
dass  die  NS  echt  ist,  so  müste  hier  in  Übereinstimmung  mit  c.  396 
XXXII  stehen.  Die  lesart  von  A  findet  eine  stütze  an  c.  413.  Als 
Sifka  durch  Alibrandr  gefallen  ist,  sagt  fidrekr:  cf  pat  liefäi  kann 
gqrt  IX  vetru^n  fyrt',  pä  mundi  betr  standa  riki  ßmlunga.  So  A, 
B  hat  XI  statt  IX,  membr.  fehlt  Weder  die  lesart  von  A  noch  die 
von  B  gibt  einen  verständlichen  sinn,  denn  ebensowenig  vor  neun  als 
vor  elf  jaliren  war  eine  besondere  veranlassung  dazu  vorhanden,  Sifka 
zu  töten,  und  vor  elf  jähren  war  tidrekr  schon  seit  langer  zeit  ver- 
trieben. Allerdings  würde  es  im  Amelungenlande  besser  aussehen, 
wenn  Sifka  getötet  wäre,  ehe  er  die  feindschaft  zwischen  fidrekr  und 
Erminrekr  angefacht  hätte.  Dieses  steht  in  S  c.  355:  hadhe  tfiei  tva- 
rith  giorth  for  XX  aar,  tho  stodhe  bceth^r  i  humlungha  landhK 
Pidreks  rückkehr  hat  also  nach  c.  413,  429  statgefunden,  unmittelbar 
nachdem  er  aus  der  schlacht  bei  Gronsport  sich  nach  Hünaland  zurück- 
begeben hatte. 

Derselben  Vorstellung  begegnen  wir,  wie  es  scheint,  c.  397.  Pid- 
rekr  verabschiedet  sich  bei  Attila,  der  ihn  bittet  zu  bleiben  oder, 
wenn  er  durchaus  nach  Bern  ziehen  wolle,  wenigstens  seine  hülfe 
anzunehmen  (pd  tnl  ek  fd  per  lid  Hmia  lier) ,  fidrekr  weist  das  aner- 
bieten mit  den  folgenden  werten,  die  eine  anspielung  auf  die  schlacht 
bei  Gronspoi-t,  nicht  auf  die  NS  enthalten,  ab:  eigi  vil  ek  optar  spilla 
phimn  dffrligmn  drcn^um  at  vinna  mitt  land.  Abgesehen  von  dieser 
antwort  ist  es  nicht  wahrscheinlich,  dass  Attila  unmittelbar  nach  dem 
Untergänge  der  Nibelungen  im  stände  gewesen  wäre,  ausreichende  hülfe 
anzubieten;  man  beachte  die  werte  c.  393:  oc  epier  pessa  orrostu  hefer 
vordit  svd  mikil  andn  i  HiUmlande  storynennis,  at  ei  d  dqgum  Attila 
konungs  hefer  ordit  jamugott  manniml  i  HmiaUind^',  sem  ddr  var  en 
pesse  öfridr  höfx. 

C.  340  enthält  die  erzählung  von  Erkas  tode,  welche  Pidrekr  vor 
ihrem  hinscheiden  ihre  verwante  Herad  zur  gemahlin  gibt.   Aber  iMdrekr 

1)  Auch  das  algemeiuo:  hadhe  thet  narith  in  S  ist  der  lesart  ef  pat  Jiefäi 
kann  gort  vorzuziehen,  denn  damals,  als  fidrekr  vertrieben  wurde,  war  Alibrandr 
noch  nicht  geboren,  und  konto  abio  Sifka  nicht  töten. 


448  BOEB 

hat  sich  c.  240  mit  Gudilinda  af  Drekanfils  verheiratet,  welche,  soweit 
wir  wissen,  noch  nicht  gestorben  ist  Das  auftreten  der  frd  Herad  in 
der  I^S  ist  demnach  verdächtig,^ -und  die  stellen,  wo  sie  genant  wird, 
bedürfen  einer  gründlichen  prüfung.  Abgesehen  von  c.  393,  welches  zur 
NS  gehört,  tritt  frü  Herad  hauptsächlich  in  der  erzählung  von  Pidreks 
rückreise  nach  Bern  auf  (c.  395  fgg.).  Was  dort  über  sie  mitgeteilt 
wird,  spricht  nicht  dafür,  dass  sie  in  der  ursprünglichen  tS  erwähnt 
wurde.  Derjenige,  welcher  die  Überschriften  in  membr.  oder  deren 
vorläge,  vielleicht  schon  in  U,  verfasst  hat,  wolte  augenscheinlich  die 
aufmerksamkeit  auf  sie  lenken:  über  c.  393,  in  welchem  sie  gar  nicht 
genant  wird,  das  aber  die  erzählung  von  fidreks  rückreise  eröfnet, 
steht:  frd  piäreld  kümmgi  oc  fru  Herad,  als  ob  sie  die  hauptperson 
der  ganzen  episode  wäre,  und  über  c.  397:  frd  pUtreld  honungi  oc 
hans  frü.  Nichtsdestoweniger  weiss  der  Verfasser  manchmal  nichts  mit 
ihr  anzufangen.  C.  395  verabredet  f  idrekr  mit  Hildibrandr,  dass  sie 
zusammen  ohne  begleitung  nach  Bern  reiten  wollen,  tidrekr  sagt: 
oc  vceri  svd  vel,  ät  elc  hemi  l  Omlungaland  med  cigi  fleiri  menn 
cn  tveir  vceri  viä  saman,  pd  vil  ek  sverja  usw.  Etwas  weiter  Hildi- 
brandr: pessi  ferä  mun  pickja  vera  sieftid  med  lUilli  scemd,  ef  vit 
fqram,  heira!  tveir  einir  sama?i;  eti  heldr  ea  cigi  komim  v6r  i 
Onihuignland,  pd  em  ek  füss,  at  d  pessa  leid  gcri?n  vit.  Unmittelbar 
darauf  sagt  tidrekr  c.  396:  Frü  Herad  sJcal  fara  med  okr,  ef  hon  vil^ 
was  darauf  verabredet  wird.  In  der  tat  wartet  Hildibrandr  im  anfange 
von  c.  397  bei  der  pforto  mit  drei  reitpferden  und  einem  saumross,  wel- 
ches mit  gold,  Silber  und  kleidern  belastet  ist.  Als  aber  Pidrekr  darauf 
Attila  lebewol  sagt,  antwortet  er  auf  dessen  anerbieten,  ihm  mit  hilfs- 
truppen  beizustehen:  diinsaman  vil  ek  heim  fara  oc  Icynilega,  oc  mcisl- 
ari  Hildibrandr  med  mer.  Über  frü  Herad  kein  wort  Am  Schlüsse 
von  c.  397  taucht  sie  wider  auf,  an  Pidreks  seito  auf  einem  pferdo 
reitend.  C.  398  wird  sie  nicht  genant  —  das  capitel  erzälilt  Pidreks 
klage  über  Kodingeirs  tod  und  ist  also  von  demselben  Verfasser  wie 
die  NS.  Auch  wird  hier  Rodingeirs  weib  Godilinda  genant,  was  die 
unechtheit  des  capitels  entschieden  beweist  ^  In  c.  399  —  402,  welche, 
wie  aus  des  jarls  Eisung  auftreten  hervorgeht  (vgl.  -c.  365),  ebensowenig 

1)  Boiläufig  bemerke  ich,  dass  der  veifasser  von  c.  398  poetische  quellen 
Ix'nuzt  hat,  \vahi"Schoinlich  nonvegische  oder  dänische  volksliodor,  denn  der  reim  ist 
sogar  in  der  altn.  prosaerzähhmg  l^oi behalten.  Die  Zeilen  lauten:  hon  ijaf  mcr  ciim 
f/rffiian  gumifanaj  sd  vard  maryum  Ilnnum  at  bona,  oc  eitt  hü  Pycka  jmrptira 
pell,  fiat  pordi  at  bcra  ütloidr  hqfdlngi  cd.  Die  werte  vorweisou  auf  c.  280, 
vgl.  oben  s.  445. 


I*IDRRKS  SAOA  XOHD  NIFLTJNOA  SAOA  449 

• 

wie  c.  398  von  der  NS  getrent  werden  können  \  spielt  Herad  eine  frei- 
lich passive  rolle,  in  c.  403  fgg.,  welche  echt  zu  sein  scheinen,  ist  sie 
wider  ganz  überflüssig.  Pidre^r  und  Hildibrandr  reiten  südwärts  über 
die  Alpen*  in  einen  wald,  wo  Pidrekr  vom  pferde  steigt  und  zurück- 
bleibt, während  sein  genösse  die  gegend  recognosciert.  Natürlich  ver- 
weilt Herad  inzwischen  bei  Pidrekr  im  walde.  Nach  verschiedenen 
merkwürdigen  abenteuern  kehrt  Hildibrandr  c.  405  zurück,  begleitet 
vom  herzöge  Lodvigr  und  dessen  söhn  Konrädr,  die  beide  den  könig 
mit  der  grösten  ehrfurcht  begrüssen,  vor  ihm  auf  die  kniee  fallen  und 
seine  bände  küssen,  auf  frü  Herad  aber  gar  nicht  achten,  ja,  sie  eben- 
sowenig wahrzunehmen  scheinen  als  der  leser.  Mit  derselben  blindheit 
ist  eine  schar  ritter  geschlagen,  die  c.  411  unter  Alibrands  führung 
an  dei'selben  stelle  im  walde  ankommen,  par  er  fyrir  var  piärekr 
konungr  ok  heriugi  Lodvigr.  Keine  spur  von  fru  Herad  ist  zu 
erkennen. 

Die  einzig  mögliche  erklärung  aller  genanten  widerspräche  ist 
die,  dass  die  figur  der  frü  Herad  zuerst  von  einem  interpolator  in  die 
tS  aufgenommen  ist;  dieser  folgte  derselben  methode  wie  auch  früher: 
er  fügte  nicht  nur  ganze  erzählungen  hinzu,  sondern  er  änderte  auch 
in  der  saga  das,  was  ihm  unrichtig  oder  ungenügend  erschien.  Die 
werte:  oc  fru  Herad  hjd  honutn  in  c.  403  sind  z.  b.  sein  werk;  ebenso 
die  mitteilung  c.  404,  dass  Elsu7igr  jarl  i  Babilon  (sie)  tot  ist  (vgl. 
oben  s.  448). 

Dass  c.  415,  welches  Herads  tod  berichtet,  unecht  ist,  versteht 
sich  nach  dem  vorhergehenden  von  selbst  In  demselben  capitel  wer- 
den Eodingeirr  und  Gudilinda  noch  einmal  genant,  ohne  jeden  gewinn 
für  die  saga.  Hildibrands  strohtod  und  die  Verurteilung  von  Arius' 
ketzerei,  die  in  demselben  Zusammenhang  mitgeteilt  werden,  sind  also 
auch  ein  späterer  zusatz;  das  leztgenante  ereignis  hat  für  die  fS  gar 
keine  bedeutung,  das  erste  ist  entbehrlich,  denn  von  verschiedenen  von 
ftdreks  beiden  wird  der  tod  nicht  erzählt;  eine  anspielung  auf  Hildi- 
brands tod  bietet  c.  414:  Kn  meistari  Hildibrandr  sMlx  aldri  tnd 
piärek  konung,  svd  letigi  sern  peir  Ufa  bdäir.  Diese  bemerkung  wird 
die  erzählung  in  c.  415  veranlasst  haben. 

1)  C.  401 ,  wo  Sifka  wider  als  Verräter  dargestolt  wird  (er  gibt  den  rat,  Ermin- 
rekr  das  eingeweido  auszuschneiden!),  ist  aus  dem  gründe  auch  nicht  von  der  2.  Vilk. 
saga  zu  trennen.  Ein  argument  für  den  Zusammenhang  zwischen  der  2.  Vilk.  saga 
und  der  NS. 

2)  fara  alla  sina  leid  [suär  um  MundtufjallJ.  Hier  hört  die  interpola- 
tion  auf,  die  c.  397  mit  denselben  werten  anfangt 

ZEITSCHRIFT   P.    DEUTSCHE  PHILOLOGIE.      BD.    XXV.  29 


450  BOKB 

■ 

Mit  frü  Herad,  die  in  der  urspTünglichen  PS  nirgends  als  I^idreks 
gemahlin  erwähnt  wurde,  falt  nun  auch  c.  340,  wo  Erka  auf  dem  toten- 
bette  Pidrekr  mit  Herad  verlobt.  Aber  ohne  c.  340  kann  die  NS  nie- 
mals  zur  PS  gehört  haben.  In  der  PS  ist  Erka  eine  hauptperson;  die 
NS  ist  die  geschichte  von  Attilas  ehe  mit  Grlmhildr,  die  natürlich 
nicht  zu  Stande  kommen  konte,  so  lange  Erka  lebte.  Es  leuchtet  ein, 
dass  c.  340  —  341  eine  einleitung  zur  NS  bilden,  und  von  demselben 
interpolator  geschrieben  wurden,  der  ausser  der  NS  auch  c.  396,  den 
schluss  von  c.  397,  c.  398 — 402  hinzufügte  und  Pidreks  reise  nach 
Bern  zum  teil  umarbeitete.  Mit  der  NS  ist  nun  auch  c.  423 — 428. 
Attilas  [tod  zu  streichen,  eine  erzählung,  die  als  fortsetzung  der  NS 
nicht  älter  als  diese  sein  kann.  Die  möglichkeit,  dass  sie  jünger  sei, 
ist  nicht  ausgeschlossen  (vgl.  unten  s.  465  fgg.). 

Es  ist  hier  am  platze,  der  einwendung  zu  begegnen,  dass  die 
ursprüngliche  PS  nicht  mit  Sicherheit  einem  einzigen  Verfasser  zuge- 
schrieben werden  könne.  Man  könte  fragen,  ob  es  mcht  denkbar  wäre, 
dass  der  erete  Verfasser  nur  den  ersten  teil  der  saga  bis  zum  Schlüsse 
von  Pidreks  zug  nach  Bertangaland  geschrieben  hätte,  und  dass  ein 
zweiter  autor  später  eine  fortsetzung  hinzudichtete,  oder  dass  wenig- 
stens der  erste  autor  noch  am  anfange  des  zweiten  toiles  von  einem 
andern  abgelöst  wurde.  Wenn  dem  so  wäre,  liesse  sich  der  unter- 
schied in  der  bearbeitung  und  der  Widerspruch  zwischen  den  berichten 
des  anfanges  und  der  späteren  teile  der  saga  einfach  daraus  erklären, 
dass  an  der  bearbeitung  der  saga  verschiedene  Verfasser  beteiligt  gewe- 
sen, ohne  dass  man  deshalb  gezwungen  wäre,  Überarbeitung  und  Inter- 
polation anzunehmen.  Es  muss  aber  bemerkt  werden,  dass,  obgleich 
die  zweite  hälfte  der  PS  mehr  als  der  anfang  umgearbeitet  ist,  doch 
kein  bestirnter  punkt  bezeichnet  werden  kann,  wo  die  arbeit  des  ersten 
Verfassers  aufhörte,  die  des  zweiten  anfienge.  Im  gegenteil  sind  die 
spuren  des  ersten  autors  bis  ans  ende  der  PS  zu  verfolgen:  er  war  es, 
der  c.  293,  328  Rodolfr  schrieb  anstatt  Rodingeirr,  wie  die  Umarbei- 
tung hat,  der  c.  413,  429  erzählte,  dass  Pidrekr  20  jähre  landesflüch- 
tig gewesen ;  der  Verfasser  der  NS  aber  fängt,  abgesehen  von  den  inter- 
polationen  im  ersten  teile  der  PS,  für  welche  die  möglichkeit,  dass  sie 
jünger  sind,  vorläufig  zugegeben  wird,  doch  unmittelbar  hinter  c.  240 
an,  denn  die  NS  ist  von  der  2.  Vilk.  saga  nicht  zu  scheiden  (vgl. 
s.  449  anm.  1 ;  s.  463).  Da  nun  der  erste  Verfasser  auf  jeden  fall  bis 
c.  429,  und,  was  später  nachgewiesen  werden  wird,  wahrscheinlich 
noch  weiter  schrieb,  der  zweite  aber  nicht  später  als  unmittelbar  nach 
c.  240,   vielleicht  sogar  noch  früher,   anfieng,   so  ist  die  möglichkeit, 


I^DRKKS   SAOA   UND   NIFLÜNOA   SAGA  451 

dass  die  NS  mit  dem  was  dazu  gehört  keine  interpolation,  sondern  etwa 
eine  fortsetzung  wäre,  ausgeschlossen. 

Wir  kehren  zur  uDtersuchung  der  verschiedenen  partien  der  PS 
in  der  reihenfolge  der  Überlieferung  zurück.  Auf  fidieks  flucht  folgt 
zunächst  die  mit  der  2.  Vilk.  saga  zusammenhängende  zweite  erzäh- 
lung  von  Osantrix'  tode  c.  291  — 292,  über  die  ich  Arkiv  VII,  213 
gehandelt  habe.  Daran  schliessen  sich  Attilas  kriege  mit  Waldemar^ 
an.  Dass  diese  geschichte,  ein  ursprüngliches  dement  der  I^S,  erwei- 
tert wurde,  um  Rodingeirr  zu  einer  hauptperson  zu  erheben,  wurde 
oben  s.  443 — 44  ausgeführt.  Ausserdem  weist  die  episode  andere  spuren 
einer  freilich  so  ungeschickten  Umarbeitung  auf,  dass  man  dabei  an 
den  Schreiber  der  2.  Vilk.  saga  und  der  NS  kaum  denken  kann.  In 
der  erzähluDg  von  Hdreks  kämpf  mit  I^idrekr  Valdemarsson  (c.  303  — 
307)  ist  nämlich  eine  interpolation  aufgenommen,  welche  an  unwahr- 
scheinlichkeit  alles,  was  abschreiberweisheit  ersinnen  kann,  Übertrift. 
Pidrekr  Valdemarsson  ist  als  kriegsgefangener  nach  Susat  geführt;  Erka 
erlangt  von  Attila  die  Zustimmung,  während  er  in  den  krieg  zieht,  die 
schweren  wunden  ihres  vetters  zu  verbinden,  muss  aber  mit  ihrem 
leben  dafür  einstehen,  dass  er  nicht  entflieht.  Sobald  I^idrekr  Valde- 
marsson genesen  ist,  begibt  er  sich,  ohne  auf  Erkas  flehen  zu  achten, 
auf  den  weg  nach  Ruziland.  In  der  not  wendet  die  königin  sich  zu 
dem  im  vergangenen  kriege  gleichfals  schwer  verwundeten  I*ictrekr  af 
Bern ,  der  infolge  maugelhafter  pflege  noch  sehr  leidend  ist  Doch  rei- 
tet er  auf  Erkas  bitten  iMdrekr  Valdemarsson  nach  und  erreicht  kurz 
nach  ihm  die  wälle  der  stadt  Vilkinaborg,  die  hier  also  auf  dem  wege 
von  Soest  nach  Ruziland  liegt.  Einen  augenblick  später  holt  er  seinen 
feind  im  Borgarskogr  zwischen  Pulinaland  und  Hünaland  ein.  Dieser 
wald  liegt  so  nahe  bei  Vilkinaborg,  dass  tidrekr,  als  er  nach  langem 
kämpfe  auf  demselben  woge  zurückkehrt,  eine  dame,  welche  sich  c.  303 
auf  der  Stadtmauer  befand,  daselbst  noch  antrift,  und  die  damals  mit 
ihr  angeknüpfte  Unterhaltung  fortsezt.  Wir  wollen  uns  durch  diese 
wunderbaren  geographischen  anschauungen  nicht  stören  lassen  und 
unsere  aufmerksanikeit  darauf  richten,  was  weiter  von  Vilkinaborg 
erzählt  wird.  Zunächst  fält  es  auf,  dass  Pidrekr  Valdemarsson,  dessen 
verwanten  dort  regieren,  sich  nicht  in  die  Stadt  geflüchtet  hat.  Hier 
bekommen  wir  in  Übereinstimmung  mit  dem  interpolierten  c.  278  den 
aufschluss,  dass  dort  ein  jarl  regiert,  dessen  namen  nicht  genant  wird, 
der  aber  nach  demselben  c.  278  Osantrix'  dienstmann  ist  und  also  dazu 
geeignet  wäre,    Osantrix'  neffen  zu  retten.     Die  tochter  dieses  jarls  — 

29* 


452  BOSS 

d.  i.  die  dame,   mit  der  tidrekr  sich  vor  der  Stadtmauer  unterhielt  — 
verbindet   c.  305  seine  wunden,   und,    damit   die   zeit  in  Vilkinaborg 
ihm  nicht  zu  lang  werde,  liegt  sie  —  wie  es  scheint  mit  Zustimmung 
ihres  vaters  —  die  nacht  über  bei  ihm;  nichtsdestoweniger  muss  noch 
c.  306  die  firage  in  erwägung  gezogen  werden,   ob  man  besser  daran 
tue,  den  gast  zu  töten,  oder  ihn  ehrenvoll  aufzunehmen.     An  dem  hofe 
jenes  jarls  hielt  sich  nämlich  ein  verwanter  Sifkas  auf,   der  sich  des- 
sen erinnerte,    dass  vor   einigen  jähren  in  derselben   stadt  Erminreks 
söhn  fridrekr,   Pidreks  vetter  ermordet  war*;   dieser  fürchtet  Pictreks 
räche  und  gibt  daher  den  rat,  ihn  zu  töten  und  dadurch  zugleich  Sif- 
kas freundschaft  zu  verdienen;   der  jarl  aber  entschliesst  sich,   Pidrekr 
durch  ein  fest  zu  versöhnen,   was  c.  307  geschieht     Nach  beendigung 
dieses  mehrtägigen  festes  reitet  Pidrekr  nach  Hünaland  zurück;    als  er 
dann  Pidrekr  Valdemarssons  köpf,  den  er  während  der  ganzen  zeit  ver- 
borgen gehalten  hat,  vor  Erkas  füssen  hingeworfen  hat,  gengr  pidrekr 
tu  sinnar  smngar  oc  liggr  par  nü  i  särom  sem  fyrt\     Dass  Pidrekr 
verwundet  und  krank,  wie  er  war  —  das  blut  floss  durch  die  maschen 
seines  kollers  (c.  303)  —  aufstand,   um  seinen  feind  zu  verfolgen  und 
mit  ihm  zu  kämpfen,   war  schon  eine  äusserst  merkwürdige  heldentat; 
dass  er  aber,   statt  nach  dem  kämpfe  heimzukehren,   einige  tage  lang 
in    einer    fremden   Stadt    feste  feiert,    und   erst,    als   er   darauf   nach 
hause  komt,  wider  an  die  wunden  denkt,  die  ihm  nicht  nur  kurz  vor- 
her  das  aufetehen  schier  unmöglich  machten,   sondern   ihn   auch  jezt 
noch  zwingen,  sich  sofort  zu  bette  zu  legen,  das  wird  doch  kein  eini- 
germassen  vernünftiger  mensch  selbst  einem  beiden  zutrauen.     C.  303 
von  den  werten:   Nü  i'iär  kann  par  iil,   er  kann  keim'  firir  Vilcina 
borg  bis  zum  ende  und  c.  305  —  307    bis  zu  den  werten:    H&  epiir 
leypr  usw.  sind  also  ein  zusatz,   und  zwar  von  einem  anderen  Schrei- 
ber als  die  2.  Vilk.  saga,    was  sowol  aus  dem  sinlosen  inhalt  wie  aus 
dem  Widerspruch  mit  c.  278  hervorgeht*. 

Da  an  manchen  stellen  ein  bestimtes  kenzeichen  der  Interpolation 
fehlt,  ist  es  oft  schwer  zu  entscheiden,  ob  ein  capitel  die  arbeit  des 
Sagaschreibers  ist  oder  nicht.  Zuweilen  beleuchtet  die  vergleichung 
mit  solchen  teilen  der  saga,  über  deren  Verfasser  kein  zweifei  mögUch 
ist,  die  frage.     So  wird  in  c.  295  und  308  berichtet,  dass  die  Hunnen 

1)  C.  278  ist  der  jarl  selber  Sifkas  verwanter.  Die  anspielimg  auf  Fridreks 
tod  beweist  schon  genügend,  dass  diese  orzählung  nicht  älter  als  c.  278  ist 

2)  Dasselbe  gilt  für  einzelne  sätze  und  sazteile  in  c.  307,  welche  mit  dieser 
interpolation  zusammenhängen:  oc  med  honom  hans  VI  riddarar;  etwas  weiter:  oc 
huns  riddara;  so  der  lezte  satz  dieses  capitels. 


!*IDREKS  SAGA  UND  NIFLUN6A  SAGA  453 

vor  den  Bussen  fliehen.  Es  ist  nicht  wahrscheinlich,  dass  der  bear- 
beiter  der  2.  Vilk/saga,  der  Attila  sonst  mit  grosser  verliebe  behandelt 
und  sogar  in  der  Vilk.  saga  eine  niederlage  seines  lieblings  in  einen 
sieg  verwandelt  hat  (Arkiv  VEH,  235),  diese  capitel  geschrieben  habe. 

Auf  die  kriege  mit  Valdemar  folgt  c.  316  —  339  die  schlacht  bei 
Gronsport,  worüber  schon  s.  444  fgg.  gehandelt  ist.  Dass  c.  340 — 341 
nur  eine  einleitung  zur  NS  bilden,  wurde  s.  450  ausgeführt  Im  an- 
schluss  an  das  dort  gesagte  muss  noch  bemerkt  werden,  d$iss  der  Schrei- 
ber der  NS  in  dem  lezten  texte  von  c.  339  etwas  geändert  hat;  wo 
nämlich  von  Pidrekr  gesagt  wird:  oc  er  nü  med  Ättila  konungi  enn 
langar  hridir,  können  mit  rücksicht  auf  Kdreks  noch  im  selben  jähre 
folgende  reise  nach  Bern  (vgl.  s.  447)  die  werte  langar  hridir  nicht 
ursprünglich  sein  (1.  um  hrid?) 

C.  342  —  348  enthalten  den  schon  besprochenen  ersten  teil  der 
NS.  Darauf  folgt  c.  349  —  355  die  erzählung  von  Fasolds  und  Petleifs 
tod.  Dass  dieselbe  jünger  als  die  NS  ist,  beweist  die  s.  446  citieite 
Überschrift  von  c.  342,  woraus  hervorgeht,  dass  die  NS  einmal  ein 
einheitliches  ganze  innerhalb  der  PS  bildete.  Auch  wenn  man  annimt, 
dass  die  Überschriften  in  membr.  nicht  ursprünglich  sind,  so  leuchtet 
es  doch  ein,  dass  diese  Überschrift,  welche  sich  auch  auf  den  nach 
c.  355  folgenden  abschnitt  bezieht,  älter  als  c.  349  —  354  sein  muss, 
die  ausserhalb  des  Zusammenhanges  der  NS  stehen.  C.  356  —  394  ent- 
halten den  schon  besprochenen  zweiten  teil  der  NS. 

Über  c.  395 — 416,  Pidreks  rückreise  nach  Bern,  vgl.  s.  447  fgg.; 
ausser  den  dort  nachgewiesenen  Interpolationen  sind  keine  spuren  der 
Umarbeitung  deutlich  wahrnehmbar,  obgleich  man  durchaus  nicht  mit 
gewissheit  bekaupten  kann,  dass  eine  solche  nicht  statgefunden  hat 
Was  c.  414  von  den  bildsäulen,  die  iMdrekr  sich  selbst  zu  ehren  errich- 
ten lässt,  mitteilt,  erregt  verdacht;  es  lässt  sich  jedoch  hierüber  nichts 
sicheres  sagen. 

Hingegen  erhelt  es  beim  ersten  anblick,  dass  c.  414 — 422  nicht 
alt  sind.  Nachdem  es  sich  ergeben  hat,  dass  alle  stark  romantisch 
gefärbten  episoden  der  I^S  zusätze  sind,  welche  ganz  äusserlich  mit 
Pidrekr  in  Verbindung  gesezt  wurden,  kann  unser  urteil  über  diese 
episode  voll  der  wunderlichsten  abenteuer,  welche  nur  den  zweck  hat, 
Pidrekr  noch  einmal  sich  verheiraten  zu  lassen,  und  zwar  mit  einem 
weibe,  das  für  die  weitere  entwicklung  der  erzählung  nicht  die 
geringeste  bedeutung  hat  —  wir  vernehmen  nicht  einmal,  dass 
f idrekr   mit  ihr   einen   nachfolger  erzeugt  —    nicht  zweifelhaft  sein. 


454  BOEB 

Sämtliche  auftretenden  personen  stehen  ausser  dem  Zusammenhang  der 
saga:  Hertnit  I  Bergara,  sein  weib  Isolde  (c.  422)  und  ein  jarl  Artus, 
systurson  Isungs  konungs  (c.  422):  die  leztgenanten  namen  sind  natür- 
lich dem  brittischen  Sagenkreise  entnommen  und  erinnern  an  die  unech- 
ten c.  245  fgg.,  während  der  name  Isungr  zu  gleicher  zeit  eine  Ver- 
bindung mit  c.  189  —  224  herstellen  soll,  was  völlig  mislingt.  Die 
geographischen  Vorstellungen  sind  unklar:  Bergara,  wo  Hertnit  mit 
seinem  brittischen  weihe  regiert,  wird  c.  417  mit  Hünaland  verwech- 
selt. Schliesslich  falt  es  auf,  dass  Kdreks  pferd  hier  zuerst  Blanka 
heisst  —  so  in  c.  437,  438,  worüber  noch  gesprochen  werden  wird  — , 
während  das  tier  sonst  die  ganze  saga  hindurch  Falka  genant  wird. 
Die  geschichte  scheint,  nach  dem  Zusammenhang  mit  c.  245  fgg.  zu 
urteilen,  die  arbeit  des  zweiten  interpolators  zu  sein. 

C.  423  —  428  erzählen  im  anschluss  an  die  NS  Attilas  tod,  vgl. 
s.  450.  C.  429  fängt  wider  eine  echte  episode  an,  was  schon  aus  der 
dort  erhaltenen  bemerkung,  dass  fidreks  exil  20  jähre  gedauert,  her- 
vorgeht. Hier  tiitt  Heimir  wider  auf,  der  nach  c.  288  seit  I^idreks 
flucht  Erminreks  land  verheert  hat,  nun  aber  seine  Sünden  bekcnt 
und  in  ein  kloster  geht.  Obgleich  Heimirs  auftreten  zweifelsohne 
ursprünglich  ist,  scheint  doch  die  folgende  erzählung  nicht  in  ihrer 
ältesten  form  erhalten  zu  sein.  Wir  erfahren,  wie  Heimir  dadurch, 
dass  er  den  riesen  Aspilian  tötet,  so  berühmt  wird,  dass  Pidrekr 
an  dieser  heldentat  seinen  alten  genossen  wider  erkent  und  nicht 
ruht,  bevor  er  ihn  aus  dem  kloster  geholt  und  wider  an  seinen 
hof  gezogen  hat.  Die  hauptpersonen  sind  von  früher  bekant,  der  Zu- 
sammenhang ist  klar;  man  wäre  deshalb  geneigt,  die  episode  dem 
sagaschreiber  zuzuschreiben.  Im  Widerspruch  mit  früheren  berichten, 
(z.  b.  c.  45)  ist  der  Schauplatz  der  erzählung  nach  der  Tx)mbardei  ver- 
legt (c.  429),  wo  Aspilian  nach  der  darstellung  der  PS  nicht  zu  hause 
ist;  dieses  könte  eine  spätere  änderung  sein;  zu  beachten  ist  es  wenig- 
stens, dass  Heimirs  kloster  Vadincusan  zuerst  c.  4^34  genant  wird,  als 
Pidrekr  dahin  reitet,  um  Heimir  abzuholen.  C.  433  reitet  Aspilian  ^  einn 
alpandil  (Schreibfehler  für  alpandir)^  er  menn  kalla  /?/;  das  wort  alpan- 
dir  begegnet  auch  in  dem  echten  c.  118;  unserer  stelle  ungleich  näher 
stehen  aber  die  folgenden  werte  in  dem  interpolierten  c.  180:  pat  er 
pyäeskir  metin  kalla  alpandyr  en  Vceringjar  fil,  Dass  der  umarbeiter 
an  der  episode  teil  hat,   sei  es  nun,    dass  er  sie  geschrieben  hat,  oder 

1)  So  heisst  er  in  U,  in  mombr.'  Asplian. 


I^ORKKS  SAGA  UND  NIFLÜKGA  SAGA 


455 


dass  er  sie  nur  umarbeitete,  beweist  übrigens  die  Übereinstimmung  im 
einzelnen  mit  der  erzähiung  von  Vidgas  kämpf  mit  Edgeirr  c.  195  ent- 
schieden.    Man  vergleiche  nur  die  beiden  capitel: 


C.  195:  Nu  teer  risinn 
oc  sk^tr  at  Vidga.  En  Vütga 
leypr  i  möt  hanom,  oc  flygr 
atgeirrinn  ifir  kann  oc  svä 
i  jqräifia  at  ecki  stöä  tipp 
af.  Nu  heggr  Vidga  til  ri- 
Sans  ä  Uer  hanom,  oc  svä 
mikit  af  vqdvamim,  at  engl 
hestr  berr  meira,  oc  ^d  heggr 
hann  annat  h(}gg  fäda^ma  mik- 
it oc  hvert  at  adro,  par  til 
er  risinn  fellr,  oc  hevir  mqrg 

sär   ok   stör oc  keir 

hann  (risinn)  nü  fallax  til 
jardar,  ptyiat  hann  hyggr,  at 
Vidga  man  verda  undir  hau- 
mn  oc  drepa  hann  svä.  En 
Vidga  leypr  aptr  i  milli  föta 
fianom,  pä  er  hann  reidir 
sui  til  fallx,  oc  svä  hell  Vidga 
Sinti  lifi. 


C.  433:  Nu  keyrir  Heimir  sinn  best 
sporum  oc  rldr  at  honum  ok  leggr  spjöt- 
inu  undir  hqnd  risans  ....  petta  lag 
sakar  hann  ekki.  En  ri^nn  skytr  i 
gegn  Jionum  sffium  atgeir,  en  Heimir 
lytr  ufidan  fram^  ä  sqdulbogann  ok  fl^gf* 
atgeirrinn  firir  ofan  hann  ok  i  jqt^ä' 
ina  par  setn  nidr  kam,  svä  at  ekki  tök 
tipp,  ok  engl  madr  sidan  hefir  fundit 
{)enna  atgeir  —  Pä  hleypr  Heimir  ör 
SQdlinum  ....  prifr  um  medalkafla  slns 
sverdz  ok  bregdr  skyndiliga.  Risinn 
hleypr  ok  ofan,  hann  bregdr  ok  sverdi 
ok  reidir  upp  ok  hoggr  til  Heimis.  En 
Heimir  bregz  undan  hqgginu,  ok  missir 
risinn  hans  ok  heggr  1  JQrdina.  Heimir 
snV^z  aptr  —  ok  heggr  af  risanum  hqnd- 
ina  hcßgri  firir  ofan  sverdzhjaltit  .  . 
Heimir  veitir  pegar  annat  slag  risan- 
um  ä  hans  l^r;  sneid  ofan  IceHt  alt 
med  beininu,  ok  svä  segja  p^dersk  kvcedi 
(tyske  men  S),  at  svä  mikit  leysti  harnt 
af  hans  keri,  at  eigi  mundi  einn  hestr 

draga  meira Hanyi  (?^7i7i)  reidir 

sik  til  ok  viU  nü  falla  ä  Heimi,  ok  veit, 
at  hann  mä  fä  bana,  ef  hann  verdr 
undir  honum,  En  S'vä  er  Heimir  föt- 
hvatr  ok  djarfr,  at  pä  er  hann  sir,  at 
ri^nn  viU  falla  ä  hann  ofan,  vill  hann 
eigi  undan  renna  at  /leldr;  hanyi  hleypr 

at  risanum,  vid,  ok  s^vä  berr  til at 

risinn  fellr,  fcetr  risans  koma  äjqrdina, 
en  ä  vinstri  hlid  Heimir  annarr  fötr 
risans  en  annarr  ä  hegri,  En  Heiynir 
stendr  heill  ä  milli  leggja  risans. 
Die  PS  enthält  kein  anderes  beispiel  davon,  dass  der  Verfasser 
seine  eigene  arbeit  so  im  einzelnen  nachgeschrieben  hätte.    Nichtsdesto- 


456  BOKB 

weniger  ist  die  anwendung  stereotyper  ausdrücke  und  beschreibungen 
eine  in  der  altn.  litteratur  so  bekante  erscheinung,  dass  man  auch  hier 
annehmen  könte,  der  Verfasser  habe  zur  beschreibung  einer  ähnlichen 
Situation  dieselben  worto  widerholt,  welche  er  c.  195  benuzt  hatte, 
wenn  sich  gegen  diese  anschauung  keine  wichtigen  einwendungen 
erheben  Hessen.  Zunächst  ist  die  zweite  erzählung  viel  länger  als  die 
erste  und  mahnt  an  die  geschwätzigkeit  der  beiden  umarbeiter,  wäh- 
rend andererseits  mehr  die  ähnlichkeit  der  berichte  als  die  der  werte,  in 
denen  sie  mitgeteilt  werden,  aufFäJt.  Vor  allem  aber  ist  es  schwer, 
wenn  der  sagaschreiber  sich  selbst  plagiiert  hat,  die  Verweisung  auf 
die  aussage  deutscher  gewährsmänner  in  c.  433  zu  erklären.  Wir  müs- 
ten  in  dem  fall  von  selten  des  sagaschreibers  absichtliche  falschung 
annehmen.  Es  ist  bekant,  dass  die  oben  citierten  umstände  nach  sei- 
ner auffassung  zu  Vidgas  kämpf  mit  Edgeirr  gehören;  wir  wissen, 
dass  die  quelle  von  c.  195,  obgleich  er  sie  nicht  nent,  ein  deutsches 
gedieht  ist^  Er  verweist  aber  selten  oder  niemals  auf  deutsche  quel- 
len 2;  welchen  grund  könte  er  denn  wol  dazu  gehabt  haben,  in  einer 
erzählung,  welche  nur  eine  uachbildung  eines  früher  von  ihm  selbst 
geschriebenen  capitels  wäre,  eine  solche  quelle  anzugeben?  Anderer- 
seits ist  die  verliebe  des  umarbeiters  für  dergleichen  Verweisungen  auf- 
fallend, und  wird  uns  noch  öfter  beschäftigen.  Absichtliche  falschung 
braucht  man  bei  ihm  nicht  anzunehmen,  er  braucht  nicht  c,  195  nach- 
geschrieben zu  haben:  es  ist  nämlich  möglich,  dass  ihm  oder  seinen 
gewährsleuten  einige  verse  desselben  gedichtes  zu  ehren  gekommen 
sind,  welches  die  quelle  von  c.  195  ist,  und  dass  diese  verse  in  seiner 
quelle  in  einem  anderen  zusammenhange  vorkamen  3,  oder  etwa  zuerst 
von  ihm  auf  Heimirs  und  Aspilians  kämpf  bezogen  wurden. 

Die  geschichte  von  Heimirs  kämpf  mit  Aspilian  ist  also  in  der 
form,  in  der  sie  vorliegt,  nicht  die  arbeit  des  sagaschreibers.  Es  ist 
sogar  die  frage,  ob  der  ausgang  nicht  ursprünglich  ein  ganz  anderer 
war,  und  ob  nicht  Heimir  in  der  ursprünglichen  saga  von  Aspilian 
getötet  wurde.  Es  folgt  nämlich  c.  436  eine  erzählung,  die  den  ein- 
druck  macht,  als  sei  sie  nur  eine  Variation  von  jener.  Heimir  komt 
im  kämpfe  mit  einem  rieson  um;  der  kämpf  ist  dem  mit  Aspilian  sehr 
ähnlich.  —  pessi  risi  er  nü  ga^nall  at  aldri  ok  er  allra  risa  inestr 

1)  Gmndtvig,  D.  G.  F.  IV,  G26  fgg. 

2)  Die  ganze  tS  enthält  keine  Verweisung  auf  .deutsche  quellen,  welche  sicher 
von  ihm  ist. 

3)  Es  ist  eine  in  Volksliedern  des  nüttelalters  bekante  erscheinung,   dass  die- 
selben veree  zuweilen  in  verschiedenen  gedichten  widerkehren. 


I*IDBEX8  SAGA  UND  MIFLUMGA  8AGA  457 

ok  sterkasir,  svd  at  engt  fiU  fcer  kann  borit Hann  pHfr  sina 

stqng,  er  beeäi  er  Iqng  ok  digr;  hann  reidir  hana  upp  ok  lystr  Heimi 
usw.^  —  Die  erwähnung  eines  elefanten  als  des  tieres,  auf  dem  der 
riese  reiten  solte,  erinnert  an  c.  195  und  c.  433;  die  eisenstange  ist 
in  der  tS  das  feste  attribut  Asplians  und  seiner  brüder.  Der  riese 
hütet  einen  schätz  wie  Asplians  bruder  Etgeirr;  man  hat  demnach  grund 
anzunehmen,  dass  dieser  riese  der  lezte  der  vier  brüder  ist,  die  im 
ersten  teile  der  I^S  eine  so  wichtige  stelle  einnehmen.  Es  komt  hinzu, 
dass  die  widerholung  der  kämpfe  mit  riesen  ermüdend  wirkt  und  kaum 
lursprünglich  sein  kann.  Wenn  die  hier  ausgesprochene  Vermutung, 
die  sich  freilich  auf  grund  des  vorhandenen  materiales  nicht  zur  Sicher- 
heit erheben  iässt,  richtig  ist,  wird  man  sich  die  Sachlage  so  vorstellen 
müssen,  dass  der  umarbeiter  der  PS,  der  eine  von  c.  436  durchaus 
abweichende  Überlieferung  dieser  sage  kante,  zunächst  c.  433  hinzu- 
fügte, und  darauf,  damit  doch  ein  bericht  über  Heimirs  tod  nicht  feh- 
len möchte,  in  c.  436  das  nötigste  änderte,  an  die  stelle  des  namens 
Aspilian  einn  risi  schrieb,  und  das  schon  c.  430  angewendete  motiv, 
dass  Aspilian  vom  klostor  tribut  forderte,  durch  die  mitteilung  ersezte, 
dass  Heimir  im  namen  Pidreks  den  riesen  auffordei'te,  Steuer  zu  zah- 
len. Wie  weit  c.  429  —  432,  welche  die  veranlassung  zum  kämpfe 
erzählen,  alt  sind,  Iässt  sich  nicht  entscheiden. 

Wenn  c.  433  imd  436  sich  so  verhalten,  wie  oben  ausgeführt 
wurde,  so  geht  daraus  hervor,  dass  c.  434,  wo  Pidrekr  Heimir  aus 
dem  kloster  Vadincusan  holt,  und  c.  435,  wo  Heimir  das  kloster  nie- 
derbrent,  zusätze  sind  und  von  demselben  Schreiber  herrühren,  der 
Heimir  Aspilian  besiegen  liess.  Aus  dem  inhalte  der  betreffenden  capi- 
tel  lassen  sich  in  dieser  hinsieht  keine  genügenden  Schlüsse  ziehen. 
Die  quelle  von  c.  434  ist  zweifelsohne  ein  gedieht,  was  u.  a.  aus  den 
refrainartig  mit  geringer  abweichung  stets  widerkehrenden  werten: 
j^Brödir,  vü  hqfmn  s6t  7nargan  störan  snjd,  sidäfi  vit  skildumx  gödir 

1)  Merkwürdig  ist  auch  hier,  sowie  in  c.  195,  433  und  auch  sonst,  wo  die 
riesischen  brüder  in  der  I^S  beschrieben  werden,  die  Übereinstimmung  mit  einer 
beschreibung  Asprians  im  könig  Rother  652  fgg.: 

dö  sdn  sie  in  deine  nielme  gdn 

einin  wmiderlichen  mun, 

den  nemochte  nichein  ros  getragen, 

der  duMe  sie  ein  seltsene  knape. 

der  tröch  eine  stäline  stanyin, 

vier  und  xweinMch  ellene  lange. 

des  wart  sie  ein  michil  kaffen  an  getan; 

sie  hrähte  ein  riese,  der  hiex  Aspriän. 


458  BOEB 

vinir^  hervorgeht,  und  zwar  ein  gedieht,  welches  viele  anspielungen 
auf  früher  von  tidrekr  und  Heiniir  zusammen  erlebte  abenteuer  ent- 
hielt Darunter  findet  sich  eine  anspielung  auf  die  Irons  saga  jarls, 
was  den  gedanken  an  den  zweiten  interpolator  der  PS  nahe  legen  würde, 
wenn  das  capitel  nicht  daneben  anspielungen  auf  ereignisse  enthielte, 
welche  die  I^S  gar  nicht  mitteilt^,  sodass  die  Übereinstimmung  mit  der 
Umarbeitung  ebensowenig  wie  mit  der  ursprünglichen  saga  volständig 
ist.  Der  schluss,  dass  der  dichter  des  liedes,  welches  später  die  quelle 
von  c.  434  wurde,  sagen  kante,  welche  sowol  dem  sagaschreiber  wie 
den  beiden  interpolatoren  unbekant  waren,  liegt  nahe,  was  nichts  daran 
ändert,  dass  das  lied  selbst  diesen  sowie  jenem  bekant  gewesen  sein 
kann.  Die  oben  ausgesprochene  auffassung  von  c.  434  beruht  also  auf 
der  einfachen  Vermutung,  dass  c.  433  und  436  ursprünglich  zusam- 
men 6ine  erzähl ung  bildeten,  welche  Heimirs  tod  enthielt,  und  ist  daher 
nicht  über  jeden  zweifei  erhoben.  Dasselbe  gilt  von  c.  435.  Mit 
gewissheit  kann  man  über  c.  429 — 436  nur  behaupten,  dass  in  der 
ursprünglichen  tS  mit  c.  429  eine  episode  anfieng,  deren  held  Heimir 
war,  und  die  damit  endete,  dass  Heimir  von  einem  riesen,  wahrschein- 
lich Asplian,  erschlagen  wurde. 

C.  437  teilt  mit,  wie  Pidrekr  Heimirs  tod  rächt.  Die  einzelhei- 
ten  des  kampfes  stimmen  wider  zum  teile  wörtlich  mit  denen  von  Vid- 
gas  resp.  Heimirs  kämpf  mit  Etgeirr  resp.  Aspilian  überein  2.  tidreks 
pferd  heisst  hier,  wie  in  c.  416,  in  Widerspruch  mit  den  übrigen  berich- 
ten der  PS  Blanka^;  es  unterliegt  also  keinem  zweifei,  dass  c.  437  ein 
Zusatz  ist  Denselben  namen  Blanka  trägt  Pidroks  pferd  im  lezten 
capitel  von  üngers  ausgäbe  c.  438.  Pidrekr  wird  vom  teufel  in  der 
gestalt  eines  schwarzen  pferdes  fortgeführt     Der  lezte  abschnitt  der  PS 

1)  BrödiVf  minnxtu  nu  d  ßat^  hversu  okkrir  Iiestar  drukku  lU  cid  Fristd, 

svd  at   vatnit  ßvarr,    svd  mikit  sem  ßcU  er ok  nü  skaltu  minnax,    hversu 

vcr  kömum  l  Romaborg  Hl  Erminreks  konungs,  ok  hversu  vdrir  hestar  gneggjudu 
ok  allar  kurteisiskonur  stödu  ok  sd. 

2)  Ok  stendr  upp  skjött  ok  tekr  sina  stqng  ok  hleypr  i  gegn  honutn,  pidrekr 
konungr  bregdr  nu  sinu  sverdi  hinu  hvassa  Ekki^ax.  Risinn  reidir  nü  stqngina 
bddum  h(pi(lum  af  qllu  afli.  pidrekr  konungr  ser  mi,  hversu  stqngin  ridr  ok  legpr 
at  risanum  ok  vill  eigi  flt/ja.  Risinn  lystr  stqnginni  svd^  at  endirinn  kemr  i 
jqrdiiia  d  baki  pidreks  konungs.  pidrekr  sngx  ml  fast  i  moii  hqgginu  ok  heggr 
i  einu  hf^ggi  af  bddar  liendr  risans  vid  stqngina^  ok  er  hann  nü  sigrlauss  ok 
handlauss.    pidrekr  gengr  nii  eigi  fgrr  af  en  ßessi  ri^i  er  daudr. 

3)  Storm,  Sagiikredseno,  125  erklärt  diesen  umstand  daraus,  dass  züge  von 
Wolfdietrich  auf  Pidrekr  von  Bern  übertragen  seien;  die  inconsequenz  eines  Verfas- 
sers, der  in  demselben  buche  dasselbe  tier  einmal  Falka,  dann  Blanka  genant  hätte, 
wird  dadurch  aber  nicht  erkläi-t 


toBfiKS   SAGA  UND  NIFLUNGA  SAGA  459 

ist  ausser  in  AB  nur  in  der  schwedischen  überzetzung  erhalten;  da  nun 
die  Übersetzung  membr.^  näher  steht  als  die  hss  AB,  ist  die  frage, 
wie  die  lezten  capitel  in  S  lauten,  für  die  kritik  der  PS  vom  grösten 
interesse.  Auch  hier  begegnet  dieselbe  erzählung  wie  in  AB,  es  folgt 
darauf  aber  unmittelbar  eine  ganz  andere  nachricht  über  f  idreks  tod. 
Es  liegt  also,  wie  so  oft  in  früheren  partien  dertS,  ein  fall  von  dop- 
pelter redaktion  vor;  somit  erhebt  sich  die  frage,  welche  redaktion  die 
ursprünglichere  ist  Dass  das  fehlen  der  zweiten  in  AB  nichts  beweist, 
leuchtet  ein:  auch  sonst  fehlt  in  AB,  was  doch  in  einem  der  alteren 
Codices,  von  denen  A  und  B  abstammen,  gestanden  haben  muss  (z.  b. 
die  erste  Vilkina  saga).  Dass  die  redaktion,  welche  mit  AB  überein- 
stimt,  in  S  vor  der  anderen  steht,  beweist  auch  nichts,  denn  auch 
sonst  steht  in  der  umgearbeiteten  tS  bisweilen  eine  interpolierte  redak- 

« 

tion  vor  der  ursprünglichen,  (z.  b.  das  interpolierte  c.  169  vor  dem 
echten  c.  170).  Es  muss  also  der  inhait  beider  erzählungen  entschei- 
den, welche  ursprünglich  in  der  fS  gestanden  hat.  Bei  dieser  Sach- 
lage wird  das  vorkommen  des  namens  Blanka  in  c.  438  zu  einem 
umstände  von  grossem  gewicht.  Man  müste  wenigstens  sehr  gute 
gründe  für  die  priori  tat  von  c.  438  anführen,  wenn  man,  um  diese  zu 
behaupten,  annehmen  wolte,  dass  der  sagaschreiber  dem  tiere  in  dem 
lezten  kapitel  einen  namen  gegeben  hätte,  der  sonst  in  der  ganzen 
fS  nicht  begegnet;  dieser  name,  und  somit  das  ganze  kapitel,  kann 
nur  die  arbeit  desselben  Verfassers  sein,  der  c.  416  und  437,  wo  Blanka 
gleichfals  genant  wird,  schrieb.  Femer  ist  noch  die  Verweisung  auf 
deutsche  gewährsleute  ^,  welche  in  der  arbeit  des  sagaschreibers  ganz 
vereinzelt  dastehen  würde,  zu  beachten. 

Die  zweite  erzählung  von  Pidreks  tod,  nach  S  c.  383  —  385  teilt 
uns  mit,  dass  Vidga  nach  der  schlacht  bei  Gronsport  von  einer  haffru 
Jians  fadher  fadher  modher  (vgl.  c.  23)  nach  Seeland  geführt  wurde. 
Dann  hält  er  sich  auf  der  insel  Fimber  verborgen,  bis  Pidrekr,  der 
ihn  lange  gesucht  hat,  schliesslich  seinen  Schlupfwinkel  entdeckt  und 
ihn  im  Zweikampf  erschlägt  Pidrekr  reist  darauf  durch  Holstein  und 
Sachsen  südwärts,  stirbt  aber  unterwegs  an  seinen  wunden;  er  wird 
für  einen  kaufmann  angesehen  und  begraben.  Es  folgt  die  natürlich 
nicht  ursprüngliche  mitteilung,  dass  die  erstere  erzählung  mit  der  deut- 
schen Überlieferung  übereinstimme,  während  die  Römer  dafür  halten, 
dass  tidrekr  gestorben  sei,   som  for  scrifvith  stör.     Obgleich  es  nicht 

1)  en  svd  segja  pyäccrskir  memi,  at  vitrax  hafi  i  draumum,  at  pidrekr 
konungr  haß  notU  af  guäi  ok  Sancte  Marin,  at  kann  miniix  ßeira  nafns  vid 
bana  sinn. 


460.  BOBE 

sicher,  ja  nicht  einmal  wahrscheinlich  ist,  dass  die  geschichte  in  S  ihre 
älteste  form  bewahrt  hat  —  S  kürzt  fortdauernd  — ,  so  muss  man  doch 
erkennen,  dass  sie  im  ganzen  sehr  gut  in  den  Zusammenhang  der  fS 
hineinpasst  Der  Verfasser  behandelt  Vidga  mit  grosser  verliebe;  es  ist 
daher  durchaus  nicht  unwahrscheinlich,  dass  er  ihn  am  Schlüsse  der 
saga  noch  einmal  auftreten  liess,  damit  er  weniger  schmählich  umkom- 
men möchte,  als  man  nach  c.  336  glauben  würde.  Vidgas  wunderbare 
errettung  bei  Gronsport  hängt,  wie  schon  angedeutet  wurde,  mit  c.  23 
zusammen;  was  aber  am  meisten  für  die  ursprünglichkeit  dieser  redak- 
tion  spricht,  ist  der  umstand,  dass  die  erzählung,  wie  in  anderen  tei- 
len der  saga,  in  Nord -Europa  (Seeland,  Holstein,  Sachsen)  lokalisiert 
ist.  Man  denkt  dabei,  nicht  wie  S  angibt,  an  eine  tradition,  die 
in  Italien  zu  hause  ist,  sondern  vielmehr  an  eine  Volksüberlieferung, 
welche  aus  Nord -Deutschland  über  Dänemark  ihren  weg  nach  Nor- 
wegen fand,  wie  das  auch  mit  andern  erzählungen  der  tS  der  fall  ist 
(Arkiv  VII,  242).  Die  sage  hingegen,  welche  Pidrekr  vom  teufel  fort- 
führen lässt,  ist  in  Rom  (piäreks  baä)  lokalisiert  und  eher  süd-  als 
norddeutschen  Ursprunges;  ein  merkmal  mehrerer  Interpolationen. 

In  S  folgt  noch  ein  capitel  (386),  welches  fast  ganz  ausserhalb 
des  Zusammenhanges  der  tS  steht;  wie  weit  es  ursprünglich  ist,  wage 
ich  nicht  zu  entscheiden;  die  drei  verse  am  Schlüsse  sind,  wie  der 
inhalt  beweist,  vom  Übersetzer. 

Zu  dem  teile  der  tS,  der  nur  in  der  Umarbeitung  (U)  auf  uns 
gekommen  ist,  gehören  auch  c.  1  —  20.  Dass  diese  zum  grossen  teile 
alt  sind,  beweist  der  Zusammenhang  sowie  die  bekante  tatsache,  dass 
wenigstens  ein  beträchtlicher  teil  davon  einmal  in  membr.  gestanden 
hat.  Doch  ist  auch  hier  an  ein  paar  stellen  die  band  eines  umarbei- 
ters  deutlich  wahrnehmbar. 

Nachdem  in  c.  13  erzählt  ist,  dass  Samson  jedem  seiner  beiden 
söhne  Eiminrekr  und  fetmarr  ein  reich  gegeben  habe,  heisst  es  wei- 
ter: ok  borg  pd,  er  heitir  Fritila,  er  Vceringjar  kaUa  Fridscelu,  gaf 
hann  syni  sinum,  er  Akt  hat,  ok  "par  med  herttiga  nafn,  Möäemi 
ha7is  var  ekki  mikit  Aki  ist  also  ein  unechter  söhn  Samsons.  Aber 
etwas  ganz  anderes  erfahren  wir  c.  123,  wo  membr.*  berichtet:  Hafa 
peir  (tidrekr,  Vidga,  Heimir)  tekit  s6r  gisting  i  hüsum  pess  mannXy 
er  heiter  Aki  Amlungatrausti ,  hann  er  brödir  Erminreks  konongs 
sammcedra  oc  petmars  konoiigs  af  Bern,  pessi  stadr  heitir  Fritilaborg. 
Abgesehen  von  der  richtigen  lesart  Aurlungatrausti  statt  Anihmga- 
trmcsti  in  A  (Storm,  Aarboger  1877,  s.  303),  weichen  AB  insofern  ab, 


^IDREKS   SAGA  ÜNI>  NIFLUNOA   SAGA  461 

dass  die  mitteilung  über  Akis  mutter,  welche  c.  13  widerspicht,  fehlt  — 
AB  haben  nur:  Hann  er  brödir  Enninreks  konungs  ok  petmars. 
Man  könte  daher  die  lesart  von  membr.*  für  verderbt  halten,  wenn 
sie  nicht  durch  c.  275  gestüzt  würde,  wo  membr.^  hat:  En7i  gamli 
Akt  var  samfeäri  viä  Erminric  konung  oc  enn  rikasti  maär,  A  dage- 
gen hat:  Hinn  gamli  Akt  var  hrödir  Ertninreks  konungs  sammceddr 
ok  var  rikr  nuiär;  der  satz  fehlt  in  B,  S  kürzt  an  allen  genanten 
stellen  und  beleuchtet  die  frage  nicht.  Der  Vorstellung,  dass  Aki  die- 
selbe mutter  wie  Erminrekr  und  fetmarr  hat,  begegnen  wir  also  in  A 
sowie  in  membr.*,  sie  ist  demnach ,  soweit  wir  sehen,  die  der  ursprüng- 
lichen tS;  die  nachricht,  dass  Erminrekr  und  tetmarr  denselben  vater, 
aber  eine  andere  mutter  als  Aki  haben,  bieten  membr.^  und  AB;  sie 
stamt  daher  aus  der  gemeinschaftlichen  quelle  dieser  hss.,  d.  h.  aus  U. 
Zu  dieser  nachricht  stimmen  die  oben  aus  c.  13  citierten,  im  Zusam- 
menhang leicht  entbehrlichen  werte,  welche  demnach  ein  zusatz  sind; 
zweifelsohne  haben  sie  die  späteren  änderungen  in  c.  123  und  275  ver- 
anlasst^. In  demselben  c.  13  heisst  es  von  Erminrekr  in  volständigem 
Widerspruch  mit  dem  Inhalte  der  f  S:  Jiann  er  vinsceU  ok  friäsamr  hinn 
efra  lut  cefi  sinnar;  auch  diese  werte  werden  ein  zusatz  sein. 

C.  18  nent  zum  ersten  male  Brynhild  und  zwar  in  Verbindung 
mit  Heimir.  Die  Stadt,  .wo  sie  regiert,  heisst  wie  im  interpolierten 
c.  226  Ssegardr.  In  der  nähe  ist  Brynhilds  gestüt,  was  Zusammenhang 
mit  dem  gleichfals  interpolierten  c.  168  verrät.  Vor  allem  verdient  es 
beachtung,  dass  Brynhildr  später  nur  in  den  jüngeren  teilen  der  saga 
erwähnt  wird.  Was  hier  über  sie  mitgeteilt  wird,  hat  also  in  der 
ursprünglichen  f  S  gar  keinen  sinn  und  kann  nur  von  jemand  geschrie- 
ben sein,  der  die  absieht  hatte,  später  auf  sie  zurückzukommen.  Die 
Ursache,  dass  sie  gerade  an  dieser  stelle  zuerst  genant  wird,  ist  zwei- 
felsohne diese,  dass  sie  in  der  nordischen  sage  mit  Heimir  verbunden 
begegnet;  ein  interpolator  hat  hier  also  nordische  züge  in  die  nieder- 
deutsche sage  gemischt.  Es  ist  kein  grund  vorhanden,  in  c.  13  den 
beweis  zu  suchen,  dass  die  Verbindung  Brynhilds  mit  Heimir  auch 
niederdeutsch  ist.  Nirgends  in  der  I^S  greift  Heimir  sonst  in  Bryn- 
hilds geschichte  ein. 


1)  Eine  andere  önderung  hat  c.  275  nur  in  AB  statgcfunden ,  um  das  capitel 
mit  c.  13  in  Übereinstimmung  zu  bringeo.  In  membr.  steht:  andax  eitm  greift j  er 
lieUir  Aki  Orliingatrausti;  AB  haben  hertugi  statt  greift.  Nur  durch  einen  zufall 
ist  hier  in  meinbr.^  greift  bewahrt;  über  dem  capitel  steht:  (laude  Aka  hertuga; 
am  Schlüsse  aber:  oc  er  hann  (Yidga)  greiß  (so  auch  AB)  Erminriks  konungs. 


462  BORR 

Dass  c.  188,  welches  erzählt,  wie  Heirair  dem  fidrekr  das  pferd 
Falka  verschaft,  an  der  stelle,  wo  es  jezt  steht,  nicht  ursprünglich  ist, 
wurde  Arkiv  VII,  226  ausgeführt.  Da  nun  dieses  capitel  in  S  an 
anderer  stelle  (als  ein  teil  von  c.  16)  vorkomt,  erhebt  sich  die  frage, 
welche  damals  unbeantwortet  gelassen  wurde,  ob  es  auch  dort  als  ein 
Zusatz  aufzufassen  ist  Dass  es  nicht  vom  sagaschreiber  herrührt,  wird 
durch  c.  91  erwiesen,  wo  dieser  Falka  zum  ersten  male  nent  und  zu- 
gleich über  seine  herkunft  aufschluss  gibt^,  was  er  doch  gewiss  unter- 
lassen hätte,  wenn  dasselbe  schon  früher  viel  breiter  von  ihm  erzählt 
worden  wäre.  Es  ist  daher  kaum  wahrscheinlich,  dass  das  capitel 
jemals  in  doppelter  redaktion  bestanden  hat.  Da  es  nun  in  AB  an 
derselben  stelle  wie  in  membr.  steht,  also  auch  in  der  vorläge  dieser 
handschriften,  von  der  auch  S  stamt,  an  jener  stelle  gestanden  hat,  so 
erhelt  daraus,  dass  es  zugleich  mit  c.  172  — 187  interpoliert  ist.  In  S 
erhielt  es  zuerst  den  platz  in  c.  16,  der  zur  Chronologie  der  erzählten 
ereignisse  besser  stimt. 

Im  vorhergehenden  wurde  nachgewiesen,  dass  beträchtliche  par- 
tien  von  dem,  was  die  handschriften  als  teile  der  fS  überliefern,  spä- 
ter hinzugefügt  sind.  Gleichfals  hat  es  sich  ergeben,  dass  nicht  alle 
änderungen  und  zusätze  von  6inem  Schreiber  herrühren.  Es  erübrigt 
die  frage,  wieweit  es  möglich  ist,  im  einzelnen  zu  entscheiden,  wel- 
cher interpolator  die  betreffenden  teile  der  saga  hinzugefügt  resp.  um- 
gearbeitet hat.  Zunächst  unterscheiden  wir  die  Niflunga  saga  im  engem 
sinne,  d.  h.  die  beiden  abschnitte  c.  342  —  348,  356  —  394,  welche, 
wie  die  Überschrift  von  c.  342  ausweist  (vgl.  s.  446  anm.  2),  zusam- 
mengehören. Da  c.  340  —  341  (Erkas  tod)  in  keiner  anderen  absieht 
geschrieben  ist,  als  um  die  NS  anbringen  zu  können,  so  ergibt  es 
sich,  dass  auch  diese  capitel  von  demselben  Schreiber  sind,  und  ebenso 
die  mit  c.  340  nahe  zusammenhängenden  c.  396  —  402,  welche  auch  in 
anderer  hinsieht  der  NS  nahe  stehen  (vgl.  s.  447  fgg.)  Eine  zweite 
gruppe  von  interpolationen  hängt  unmittelbar  mit  der  zweiten  Vilkina 
saga  (der  widerholung  von  c.  21  —  56  nach  c.  240)  zusammen.  Hierher 
gehören  c.  276 — 283,  wo  Osantrix,  der  in  der  ursprünglichen  saga 
schon  c.  144  umkomt,  als  lebend  erwähnt  wird,  und  c.  291  —  292,  die 
zweite  redaktion  von  Osantrix'  tode. 

1)  hann  var  brödir  Skemmings,  er  Vidga  dtti  oe  brodir  Rispa,  er  Heimir 
dtti.  In  gleicher  weise  heisst  es  c.  190  voiiGrani:  Imnn  er  brodir  Falkn  ok  Skemm- 
ings ok  Rispa  (so  auch  S;  der  bericht  fehlt  in  AB).  Diese  worto  köDDen  die 
kombiiiatioii,  welche  in  c.  168  vorliegt,  veranlasst  haben. 


I>IDREK8   SAGA   UND   NIFLUNOA   SAOA  463 

Zwei  tatsachen  weisen  darauf  hin,  dass  diese  beiden  gruppen 
zusammengehören,  mit  andern  werten  dass  der  Schreiber  der  zweiten 
Vilk.  saga  und  der  NS  identisch  sind: 

1.  In  dem  mit  der  NS  zusammenhängenden  c.  401  treffen  wir  die- 
selbe der  ursprünglichen  pS  widersprechende  auffassung  von 
Sifkas  Charakter  an  wie  in  den  mit  der  zweiten  Vilk.  saga 
zusammenhängenden  c.  276  —  283  (s.  449  anm.  1). 

2.  In  der  NS,  sowie  in  der  zweiten  Vilk.  saga  ist  Rodingeirr, 
der  dem  Verfasser  der  ^  unbekant  war,  eine  hauptperson. 

Aus  diesem  gründe  ist  es  wahrscheinlich,  dass  auch  die  änderun- 
gen  in  c.  284—290  (j^idreks  flucht),  c.  293  —  315  (Attilas  kriege  mit 
Waldemar)  und  c.  316  —  339  (schlacht  bei  Gronsport),  die  den  zweck 
haben,  Eodingeirr  zu  einer  hauptperson  an  Attilas  hofe  zu  erheben, 
dem  Schreiber  der  NS  zuzuschreiben  sind. 

Von  einem  späteren  umarbeiter  rühren  einige  jüngere  zusätze 
her.  Mit  Sicherheit  gehören  hierher  c.  349  —  355,  die  den  Zusammen- 
hang der  NS  stören,  sodann  ein  bruchstück  von  c.  303,  sowie  ungefähr 
die  ganzen  c.  305  —  307,  welche  dem  vom  ersten  interpolator  geschrie- 
benen c.  278  widersprechen,  vgl.  s.  451  fgg.),  c.  241 — 274,  welche  den 
Zusammenhang  zwischen  der  zweiten  Vilk.  saga  und  c.  278  stören  und 
also  jünger  als  diese  sind. 

In  den  leztgenanten  erzählungen  (sage  .von  Walther  und  Hildegunde, 
Irons  saga  jarls)  herscht,  wie  schon  Treutier  (Germania  XX,  171)  be- 
merkte, eine  starke  verliebe  für  romantische  episoden,  liebesgeschich- 
ten  usw.  vor;  die  Vermutung  hat  daher  guten  grund,  dass  auch  c.  231 
— 239,  die  geschichte  von  Herburt  und  Hilde,  c.  416  —  422,  pidreks 
drachenkampf  und  seine  hochzeit  mit  Isolde,  und  wenn  dieses  der  fall 
ist,  auch  das  damit  zusammenhängende  c.  415,  welches  Herads  tod 
berichtet,  sowie  c.  437,  pidreks  räche  an  dem  riesen,  der  Heimir 
getötet,  c.  438,  die  erste  redaktion  von  |)idreks  tode,  (in  diesen  bei- 
den leztgenanten  erzählungen  heisst  pidreks  pferd  wie  in  c.  416  Blanka*) 
die  arbeit  desselben  Verfassers,  nicht  desjenigen,  der  die  zweite  Vilk.  s. 
und  die  NS  schrieb,  sind. 

Für  einige  Interpolationen  ist  die  verfasserfrage,  obgleich  von  gros- 
ser bedeutung,   nicht  so  leicht  zu  lösen;   es  sind  Sigurds  Jugend  und 

1)  Die  Verweisung  auf  deutsche  gewälii*sieute  in  c.  438  köute  den  gedanken 
an  den  ersten  interpolator  nahe  legen  (s.  459  anm.);  dieser  hätte  dann  auch  c.  416 
— 422,  437  geschrieben;  jedocli  ist  es  natürlich  sehr  wol  möglich,  dass  auch  dei 
zweite  umarbeiter  eine  solche  hinzugefügt  haben  kann. 


464  BOKR 

die  erste  redaktion  von  Hqgnis  geburt  (c.  152  — 169),  Sigurds  und  Gun- 
nars  hochzeit  (c.  226  — 230),  Attilas  tod  (c.  423  — 428).  Für  die  hei- 
denbeschreibung  (c.  171  — 188),  ist  die  frage  von  geringerem  belang. 
Es  kommen  die  änderungen  in  c.  13  und  c.  18  und  die  Umarbeitung 
von  c.  429  —  436  (Heimirs  lezte  heldentaten)  hinzu.  Mit  ausnähme  von 
c.  13,  171  —  188  und  429—436  enthalten  alle  diese  stücke  die  Vor- 
geschichte oder  die  fortsetzung  der  NS,  was  freilich  noch  nicht  beweist, 
dass  sie  von  demselben  Verfasser  herrühren,  wie  diese.  Schon  Rass- 
mann ^  hat  darauf  hingewiesen,  dass  sie  dem  NL  gegenüber  sich  ganz 
anders  verhalten  als  die  NS.  Er  macht  die  bemerkung^,  dass  die  NS 
im  engeren  sinne  viel  öfter  im  einzelnen  mit  dem  NL  übereinstimt  als 
die  hier  genanten  abschnitte,  und  schliesst  daraus,  dass  die  quellen 
der  NS  der  süddeutschen  Überlieferung  sehr  nahe  stehen,  während 
0.152—168,  226  —  230,  423—428  eine  davon  abweichende  sagen- 
form repräsentieren;  eine  folgerung,  die  sich  mit  den  bisherigen  resul- 
taten  dieser  Untersuchung  treflich  vereinigen  lässt  Es  wurde  nämlich 
oben  schon  öfter  darauf  hingewiesen,  das  der  Schreiber  der  NS  auch 
in  anderen  teilen  der  tS  von  süddeutschen  sagenformen  stark  beein- 
tlusst  worden  ist  Wie  man  sich  die  Überlieferung,  welche  später  die 
quelle  der  NS  wurde,  vorzustellen  hat  —  ob  als  eine  süddeutsche, 
welche,  noch  auf  einer  älteren  entwicklungsstufe  als  das  NL  stehend, 
sich  im  12.  oder  13.  Jahrhundert  über  Nord -Deutschland  verbreitet 
hatte,  oder  vielmehr  als  eine  norddeutsche  Überlieferung,  welche  durch 
berührung  mit  der  süddeutschen  mehrere  züge  aus  dieser  in  sich  auf- 
genommen hatte  ^,  entscheide  ich  hier  nicht;  es  genügt,  mit  Raszmann 
und  Edzardi  (Germania  XXIII,  92),  dessen  anzeige  Kassmanns  resul- 
tate  ergänzt,  zwischen  den  quellen  der  NS  und  denen  der  stotlich  mit 
ihr  zusammenhängenden  episoden  der  tS  zu  unterscheiden,  und  die 
erste  im  gegensatze  zu  den  zweiten,  welche  zum  teile  wenigstens  rein 
niederdeutsch  sind,  süddeutsch  zu  nennen. 

An  und  für  sich  ist  es  nicht  unwalirscheinlich,  dass  zwischen  der 
tatsache,  dass  die  quellen  der  Interpolationen  der  F*S  zweierlei  art  sind, 
und  der,   dass  die  Interpolationen  von  zwei  verschiedenen  Schreibern 

1)  Die  Niflunga  saga  und  das  Nibelungenlied,  Heilbronn  1877. 

2)  A.  a.  0.  8.  97  — 102. 

3)  Von  einer  rein  süddeuischon  Überlieferung  kann  aus  vorsobiedenen  gründen, 
—  u.  a.  der  lokalisation  in  Westfalen  (Raszmann,  s.  14 — 22)  —  nicht  die  rode  sein;  doch 
enthält  die  NS  von  anderm  abgesehen  auch  geographische  reminiscenzen  an  ihren 
süddeutschen  Ursprung.  Dies  ist  z.  b.  die  einfachste  «rkläining  für  den  so  vielbe- 
sprochenen bericht,  dass  die  Donau  und  der  Rhein  zusammenfliessen. 


T*I0REK8   SAGA   UND   NIFLÜNOA   SAGA  465 

herrühren,  ein  gewisser  Zusammenhang  besteht,  zumal  da  es  sich  erge- 
ben hat,  dass  bekantschaft  mit  hochdeutschen  sagenformen  ein  beson- 
deres kenzeichen  6ines  dieser  umarboiter  ist;  wenn  somit  eine  episode, 
welche  die  Vorgeschichte  oder  die  fortsetzung  der  NS  enthält,  auf  quel- 
len weist,  die  nicht  hochdeutsch  sind,  liegt  die  Vermutung  nahe,  dass 
sie  vom  zweiten  interpolator,  dessen  arbeit  keine  bekantschaft  mit 
hochdeutschen  quellen  verrät,  geschrieben  sei.  Diese  Vermutung  ist 
um  so  mehr  begründet,  wenn  eine  solche  episode  mit  der  NS  in  vol- 
ständigem  Widerspruche  ist. 

Die  erzählung,  welche  sich  mit  der  NS  am  wonigsten  vereinigen 
liisst,  ist  die  von  Attilas  tode.  Während  Grlmhildr  in  der  NS  ver- 
gebens Attila  gegen  ihre  brüder  aufzureizen  sucht,  und  schliesslich 
ohne  seine  hilfe  und  gegen  seinen  willen  ihre  räche  volzieht,  begegnen 
wir  c.  423  —  428  der  Vorstellung,  als  sei  Attilas  habgier  die  Ursache 
von  der  Nibelungen  Untergang,  weshalb  auch  ihn  die  räche  tritt,  und 
zwar  durch  einen  söhn  Hqgnis,  Aldrian,  den  er  nach  c.  393  in  der 
nacht  vor  seinem  tode  mit  einem  weibe,  das  Pidrekr  ihm  verschaft, 
erzeugte  Ein  Verfasser,  der  Attila  c.  376  auf  Grlmhilds  unaufhalt- 
sames flehen,  Sigurdr  zu  rächen,  antworten  lässt:  Fru,  hrett  oc  mml 
ei  petta  optar,  Ilvt  ynunda  ek  svikja  mi)ta  mdga,  er  peir  Jiafa  gerigit 
d  inina  trü;  oc  ei  shaltu  pai  gera  n6  einn  niailr  at  7Hwbjöita  peim,  und 
der  c.  392  erzählt,  dass  Attila  Pidrekr  aufträgt,  Grimhildr,  die  Ursache 
alles  Unheiles,  zu  töten,  niüsto  doch  aller  vemunft  beraubt  sein,  wenn 
er  c.  423  fgg.  mitteilte,  dass  Attilas  tod  die  strafe  für  seinen  verrat  an 
den  Niflungar  war.  Wenn  c.  423 — 428  von  einem  anderen  Verfasser 
als  die  NS  herrühren,  so  hat  derselbe  in  der  NS  einiges  geändei-t, 
denn  c.  393,  welches  von  H(jgnis  lezter  nacht  berichtet,  stelt  zwischen 
der  NS  und  Attilas  tod  eine  verbindiuig  her,  welche  nur  dem  Schrei- 
ber der  loztgenantcn  episode  zugeschrieben  werden  kann.  Vielleicht 
ist  auch  er  es,  dei*  c.  359  die  worte  hinzufügte:  Eit  Atiila  hmungr 
er  allra  maima  fegjarnasir,  ok  pykkir  iUa,  er  liami  skal  ei  fd  Niflunga 
skatf^,   was  mit  der  unmittelbar  folgenden  Weigerung,  zum  untergange 

1)  Dass  dieso  voi-stelluug  iiorddoutsch  ist,  beweist  dio  üboreinstimmung  mit 
den  Eddaliodern,  wo  Attila  der  feind  der  NibeluDgen,  Gudrun -Oriinhildr  ihre  rächerin 
ist;  Atlamul  88.  89  erzählt,  class  IfQgnis  söhn  Huiflungr  den  Atli  getötet  habe.  Einen 
söhn  Hi^gnis,  Ranclie,  der  Urimhildr  tütet,  nennen  die  Hvoenscho  kionik  und  das 
faröisoho  H^gnilied.  Tn  <lor  süddeutschen  sage  Iiiogegon  ist  alles,  was  sich  auf  Atti- 
las tod  bezieht,  bis  auf  wc^nige  spuren  vergessen  (Edzardi,  a.  a.  o.  s.  93). 

2)  Edzardi  (a.  a.  o.  s.  7G)  erklärt  Attilas  worte  als  eine  reniiniscenz  an  eine 
übergangsfonn  der  sage,  nach  der  Grimhildr  Attila  als  Werkzeug  ihrer  räche  benuzt. 

ZEITSCHRIFT   F.    DEUTSCHE   PHILOLOGIE.     BD.    XXT.  30 


466  BOBB 

der  Niflungar  mitzuwirken  (fö  er  OunrjMrr  konungr  vä/tr  enn  k(Brste 
vtnj ,  und  mit  seiner  ganzen  haltung  während  des  kampfes  schlecht 
harmoniert  An  und  für  sich  ist  gegen  die  annähme,  dass  der  zweite 
interpolator,  der  Attilas  tod  in  die  PS  aufnahm,  auch  in  der  NS  eini- 
ges änderte,  nichts  einzuwenden:  dasselbe  tut  er  auch  anderswo,  z.  b. 
in  der  erzählung  von  Pidreks  kämpf  mit  Pidrekr  Valdemarsson  c.  303. 
307,  um  die  Interpolation  c.  305  —  306  anbringen  zu  können  (vgl. 
s.  452  anm.  2);  ebenso  in  c.  224  (vgl.  s.437 — 38).  Andererseits  sprechen 
ausser  den  genanten  noch  einige  andere  tatsachen  dafür,  dass  die  NS 
ursprünglich  mit  c.  394  aufhörte.  Zunächst  c.  394  selbst.  Wenn  der 
Verfasser  der  NS  seine  arbeit  hier  als  nur  zum  teile  vollendet  betrach- 
tet hätte,  wäre  es  doch  mindestens  auffallend,  dass  er  seine  lange  aus- 
führung  über  die  glaubwürdigkeit  seiner  berichte  schon  an  dieser  stelle 
und  nicht  erst  nach  c.  428  angebracht  hat  Die  schon  citierte  Über- 
schrift von  c.  342  lässt  vermuten,  dass  die  NS  ein  geschlossenes  ganzes 
bildet,  und  dass  der  Schreiber  nicht  die  absieht  hatte,  sie  stückweise 
mitzuteilen  (vgl.  s.  446);  Attilas  tod  aber  ist  durch  ein  stück  der 
ursprünglichen  I'S  von  der  NS  getrent  Mag  der  leztgenante  umstand 
seinen  grund  darin  haben,  dass  Attila  c.  397  noch  als  lebend  genant 
wird,  so  ist  damit  doch  nur  eine  von  den  Schwierigkeiten,  welche  der 
annähme  von  der  Zusammengehörigkeit  der  NS  mit  der  erzählung  von 
Attilas  tod  sich  entgegenstellen,  gelöst  Nachdem  in  c.  393  HQgnis  tod 
erzählt  ist,  heisst  es  weiter:  oc  nü  e?'  lokit  cepi  Niflmiga,  eine  nach- 
richt,  die  der  unmittelbar  ^vorhergehenden  mitteilung  über  Aldrian  Hcjgna- 
sons  künftige  geburt  und  der  ganzen  erzählung  c.  423  fgg.  entschie- 
den widerspricht  Herrad,  welche  doch  niemand  anders  als  Pidreks 
u.  a.  c.  340.  396  genante  gemahlin  Herad  sein  kann,  heisst  c.  393  eine 
frce^ilcona  piäreks  konungs  und  wird  von  Pidrekr  gesant,  um  Hcjgnis 
wunden  zu  verbinden.  Verweisungen  auf  deutsche  quellen  begegnen 
in  Attilas  tod  nicht  Aus  all  diesen  gründen  scheint  es  sicher,  dass 
der  anfang  von  c.  393  bis  zu  den  werten:  oc  h&r  eptir  dceyr  Hqgni 
und  die  episode  c.  423—428  von  dem  zweiten  interpolator  herrühren; 
dieser  hat  dann  c.  392  einen  abweichenden  bericht  über  Hcjgnis  tod 
fortgelassen  ^ 

Wenn  seine  auffasstmg  richtig  ist,    liegt  hier  eine  von  den  kleineren  inconsequenzen 
vor,  wie  sie  in  der  NS  öfter  sich  finden. 

1)  Es  verdient  weiter  beachtung,  dass  c.  393  den  Sigisfroä  Igallara  nent, 
den  die  NS  sonst  nicht  ei^wähnt,  womit  aber  die  höhle  angedeutet  wird,  in  der  Attila 
c.  426  umkomt.  Auch  die  namensform  Sigisfroä j  die  ausschliesslich  hier  vorkomt, 
legt  den  gedauken  an  einen  anderen  Schreiber  nahe.  Am  nächsten  steht  Sigfrad 
wie  Sigurilr  in  der  erzählung  von  seiner  Jugend  öfter  heisst. 


^IDREKS   8A0A   T7ND  NITLUNaA   SAGA  467 

Die  betrachtung  der  composition  der  saga  führt  also  zu  demsel- 
ben Schlüsse  wie  die  ergebnisse  unsrer  erforschung  der  quellen,  näm- 
lich dass  die  NS  und  die  erzählung  von  Attilas  tod  keine  einheit 
bilden.  Dem  scheint  nun  die  tatsache  zu  widersprechen,  dass  auch 
sonst,  und  zwar  in  der  Hveenschen  chi'onik  und  dem  damit  nahe  ver- 
wanten  färöischen  Högniliede^  die  sagenform  der  NS  mit  der  von  At- 
tilas tode  verbunden  vorkomt  Wie  seit  Grundtvigs  Untersuchungen 
(D.  G.  F.  IV,  586  fgg.)  algemein  angenommen  wird,  ist  ^S  nicht  die 
quelle  von  H;  ebensowenig  kann  natürlich  H  die  quelle  der  viel  älte- 
ren fS  sein;  scheinbar  bleibt  daher  keine  andere  erklärung  der  Ver- 
bindung beider  sagenformen  in  fS  sowie  in  H  übrig  als  diese,  dass 
fS  und  H  beide  eine  dritte  quelle  benuzt  haben,  in  der  diese  Verbin- 
dung schon  vorlag.  Doch  dürfte  sich  die  sache  dennoch  anders  ver- 
halten. 

Als  die  süddeutsche  sagenform  —  ich  bezeichne  damit  hier  die 
der  NS,  ohne  dadurch  im  einzelnen  ein  urteil  über  ihre  entstehung 
auasprechen  zu  wollen  (vgl.  s.  464  fg.)  —  sich  stets  mehr  in  nördlicher 
richtung  ausbreitete  und  der  andern  echt  niederdeutschen  begegnete, 
entstanden  daraus  mischformen.  Diese  finden  wir  in  der  PS  und  der 
viel  jüngeren  H.  Den  mit  H  nahe  verwanten  dänischen  liedern  von 
Orfmhilds  räche  fehlt  diese  Verbindung  noch*.  Bei  der  vergleichung 
von  H  mit  der  PS  falt  sofort  ein  wichtiger  unterschied  auf.  In  der 
PS  wird  Grimhildr  von  pidrekr  von  Bern  auf  eine  weise  erschlagen, 
die  an  das  NL  erinnert;  H(^gnis  söhn  tötet  Attila.  Im  HQgniliede  tritt 
HQgni  Hcjgnasons  räche  sowol  Attila  als  Grimhildr;  in  der  Hveenschen 
Chronik,  welche  Attila  gar  nicht  nent,  komt  nur  Grimhildr  in  dem  mit 
schätzen  eifülten  berge  um.  Es  leuchtet  ein,  dass  die  darstellung  der 
PS  ursprünglicher  als  die  des  Högniliedes  und  der  chronik  ist.  Diese 
ist  mehr  zusammenhängend  und  daher  vom  ästhetischen  gcsichtspunkte 
aus  betrachtet  mehr  befriedigend;  aber  dieser  Zusammenhang  ist  durch 
die  entfornung  oder  entstellung  alter  züge,  welche  anderen  widerspra- 
chen, entstanden.  Das  Högniliod  bildet  in  dieser  hinsieht  eine  über- 
gangsform  von  der  PS  zur  Hveenschen  chronik.  Da  es  nun  undenk- 
bar ist,  dass  eine  minder  ursprüngliche  Überlieferung  die  quelle  einer 
ursprünglicheren  sein  solte,  so  können  in  einer  eventuel  gemeinschaft- 
lichen quelle  der  PS  und  H  die  beiden  sagenformen  nicht  so  conibiniert 

1)  Bio  Hvcensühe  chrouik  und  das  Högnilied  haben  eine  gemeiuschaftliche 
quelle  (Gruiulriss  der  gerin.  phil.  IT,  16),  welches  ich  hier  H  nenne. 

2)  Die  redaktion  C  dieses  liedes,  wo  sie  vorkomt,  ist  nach  Grundtvig  (I,  35) 
eine  kombination  Vedels  und  hat  also  keinen  wert 

30* 


468  BOKR 

gewesen  sein,  wie  das  im  Högnilied,  viel  weniger,  wie  es  in  der  Hveen- 
schen  chronik  der  fall  ist.  Im  gegenteil  müste  eine  solche  quelle  alle 
alten  züge,  welche  die  fS  aufweist,  enthalten  haben;  mit  andern  wer- 
ten: auch  dort  müste  Grimhildr  allein  die  schuld  am  untergange  der 
Niflungar  tragen,  die  räche  aber  ausschliesslich  Attila  treffen.  Solch 
eine  quelle  ist  aber  als  mündliche  Überlieferung  undenkbar;  am  wenig- 
sten könte  man  sich  ein  Volkslied  vorstellen,  das  solche  Widersprüche 
enthielte.  Die  annähme  einer  gemeinschaftlichen  quelle  für  die  J)S  und 
H,  in  der  die  nord-  und  die  süddeutsche  sage  schon  kombiniert  waren, 
führt  also  zur  annähme  einer  schriftlichen  quelle,  welche  mit  der  fS 
durchaus  übereinstimte,  an  der  also  wahrscheinlich  auch  zwei  Schrei- 
ber teil  hätten;  eine  Vermutung,  zu  der  gar  kein  grund  vorhanden  ist, 
und  welche  die  frage  zwar  verschiebt,  aber  zu  ihrer  lösung  keineswegs 
förderlich  ist.  Die  lieder  von  Grlmhilds  räche  beweisen  ausserdem 
klar  genug,  dass  im  volksmunde  lebende  lieder  die  quelle  von  H  sind. 
Andererseits  geht  es  auch  nicht  an,  die  Übereinstimmung  zwischen  der 
fS  und  H  für  zufällig  zu  erklären,  um  so  weniger,  da  die  entwick- 
lung  der  sage  von  der  f  S  über  das  Högnilied  zur  chronik  deutlich  zu 
verfolgen  ist.  Die  einzig  mögliche  erklärung  der  vorliegenden  tatsachen 
ist  daher  diese,  dass  der  bearbeiter  von  H  die  f  S  kante.  Man  braucht 
deshalb  nicht  anzunehmen,  dass  die  PS  die  einzige  quelle  von  H  war. 
Es  ist  möglich,  ja  wahrscheinlich,  dass  der  bearbeiter  von  H  nur  für 
die  räche  die  PS  als  quelle  benuzte;  man  könte  sogar  mit  gutem 
gründe  annehmen,  dass  er,  wenn  beide  sagen  ihm  bekant  waren,  aus 
der  PS  nur  den  gedanken,  sie  zu  verbinden,  entlehnte.  Das  fehlen 
der  räche  in  den  dänischen  liedem,  worauf  schon  hingewiesen  ist, 
spricht  auf  jeden  fall  dafür,  dass  diese  Verbindung  in  der  volks Über- 
lieferung jung  ist. 

Einen  söhn  Högnis  kennen  ausser  der  PS  und  H  nur  Atlamäl 
und  VqIs.  s.  Man  könte  sich  aus  diesem  gründe  zu  zweifeln  veran- 
lasst fühlen,  ob  in  Attilas  tod  in  der  tat  eine  norddeutsche  und  nicht 
vielmehr  eine  skandinavische  Überlieferung  zu  suchen  sei.  Aber  das 
schon  von  Edzardi  (a.  a.  o.  s.  93)  angeführte  märchen  vom  Simeliberg 
(Grimm  nr.  142)  beweist,  dass  dieser  zweifei  nicht  berechtigt  ist  Auf 
deutschen  Ursprung  weist  auch  der  name  Sigisfrod  (c.  393),  vgl.  dazu 
oben  s.  466  anm.  Aus  den  übrigen  namen  (Attila,  Grimhildr  usw.)  las- 
sen sich  für  die  episode  keine  Schlüsse  ziehen;  dieselben  könten  sich 
nämlich  der  form  nach  an  die  namen  der  NS  angeschlossen  haben, 
wie  z.  b.  die  ganze  NS  hindurch  namen  wie  Gunnarr,  H<}gni  sich  an 
die  nordische  Überlieferung  anschlössen. 


I*IDBEKS   SAGA   UND  NIFLÜNQA   SAGA  469 

In  bezug  auf  c.  152  —  168  (Sigurds  Jugend),  226  —  230  (Sigurds 
und  Gunnars  hochzeit)  kann  man  zugeben,  dass  keine  dieser  beiden 
episoden  sich  mit  der  NS  in  so  volständigem  Widerspruch  befindet, 
dass  sie  schon  deswegen  unmöglich  von  demselben  Verfasser  sein  kön- 
ten  wie  diese.  Doch  lassen  sie  sich  in  mehreren  punkten  nicht  mit 
ihr  in  Übereinstimmung  bringen.  Zunächst  muss  hier  widerholt  wer- 
den, was  schon  s.  466  bemerkt  wurde,  dass  die  Überschrift,  und,  wenn 
diese  auch  nicht  für  echt  gelten  darf,  doch  der  anfang  der  NS^  vor- 
auszusetzen scheint,  dass  die  auftretenden  personen  noch  nicht  genant 
sind,  was  sehr  auffallend  wäre,  wenn  ihn  der  Verfasser  von  c.  152  — 
168,  226  —  230  geschrieben  hätte  2. 

Ferner  gilt  auch  hier,  dass  die  beiden  episoden  vom  NL  ungleich 
weiter  abstehen  als  die  NS  (s.  464)^;  dass  sie  vielmehr  eine  nieder- 
deutsche sagenform  zu  repräsentieren  scheinen,  welche  sonst  in  der 
arbeit  des  ersten  interpolators  selten  oder  niemals  begegnet  Schliess- 
lich fehlen  auch  hier  die  Verweisungen  auf  deutsche  quellen.  C.  152  — 
168,  226  —  230  scheinen  demnach  vom  Schreiber  der  episode  von  Atti- 
las  tod  zu  sein.  Scheinbar  spricht  der  umstand  dagegen,  dass  die  bei- 
den erzählungen  von  Sigurds  Jugend  und  Gunnars  hochzeit  einander 
an  einer  stelle  widersprechen.  C.  168  nämlich,  wo  Sigurdr  sich  bei 
Brynhildr  ein  pferd  holt,  ist  von  einem  vertraulicheren  Verhältnisse 
gar  nicht  die  rede;  doch  wirft  c.  227  Brynhildr  Sigurdr  vor,  dass  er 
sich  früher  mit  ihr  verlobt  hat.  Diese  lezte  bemerkung  ist  augenschein- 
lich ein  zug  aus  der  nordischen  sage,  welche  auch  sonst  demselben 
Schreiber  vorgeschwebt  hat.  Dieser  Schreiber  ist  es  nämlich,  der  c.  18 
die  ihm  aus  der  nordischen  sage  bekante  Verbindung  Brynhilds  mit 
Heirair  hergestelt  hat*. 

1)  Citiort  oben  s.  446  anm.  1. 

2)  Hierher  gehört  auch  das  mitteilen  von  einzelheiten ,  welche  schon  in  einer 
der  genanten  episoden  erzählt  sind;  so  die  nachricht  über  Sigui'dr  c.  342:  hans  harond 
var  svd  hart  sem  sigg  villigaltar  eda  horn^  oe  engiskmiar  vdpn  rndtti  d  festa  nema 
tnilli  heräanna;  ßar  var  hans  horond  sem  annarra  marma,  vgl.  c.  166,  welches  die 
erwerbung  der  homhaut  im  einzelnen  berichtet.  Dieselbe  bemerkung,  aber  ganz  kurz, 
findet  sich  in  der  ui*sprünglichen  sage  c.  190;  vgl.  s.  446. 

3)  Die  abenteuerliche  erzählung  von  Sigurds  geburt.  Seine  erziehung  bei  Alimir, 
wie  im  Siegfriedsliede.     Ganz  anders  im  NL. 

4)  Wahrscheinlich  war  es  auch  dieser  Schreiber,  der  c.  359  in  der  NS  eine 
anspielung  auf  den  schätz ,  welchen  Sigurdr  in  dem  lager  des  getöteten  drachen  findet, 
hinzufügte:  ek  veit  früy  at  Sigurdr  sveinn  dtte  mikit  güll;  ßat  fyrst,  er  hann  tök 
undan  peim  mikla  dreka  er  hann  hafde  drepit.  Das  von  ihm  geschriebene  c.  166, 
wo  Sigurdr  Roginn  tötet,  nont  den  schätz  nicht,  was  gewiss  darin  seinen  grund  hat, 


470  BOJEB 

Dass  Sigiirds  Jugend  und  Gunnarrs  hochzeit  trotz  des  Wider- 
spruches zwischen  c.  168  und  227  von  demselben  Verfasser  sind,  beweist 
der  Zusammenhang  beider  episoden  mit  c.  18  (vgl.  s.  461)  zur  genüge. 
Dieses  capitel  ist  neben  c.  226  das  einzige,  das  SaBgardr  als  Brynhilds 
Wohnsitz  nent;  andererseits  lässt  sich  c.  18  von  c.  168  nicht  scheiden, 
wo  Sigurdr  aus  Brynhilds  gestüte  ein  pferd  holt.  Dass  c.  152  — 168 
und  226  —  230  zusammenhängen,  geht  weiter  daraus  hervor,  dass  Si- 
gurdr  c.  226  der  weg  nach  Brynhilds  Stadt  bekant  ist. 

fjine  einwendung,  die  sich  gegen  die  Scheidung  von  Sigui'ds 
Jugendgeschichte  von  der  NS  erheben  liosse,  muss  noch  widerlegt  wer- 
den. Brynhildr,  von  Grlmhüdr  beleidigt,  klagt  Gunnarr  und  Hqgni 
ihre  not  und  sagt  c.  344:  Oc  svd  kmn  harnt  iil  inin  fyrsta  s^iniii,  at 
eigi  vissi  kann  sinn  fador  eäa  sifia  mödor  ok  enya  sina  cett,  werte, 
die  auf  c.  168  anzuspielen  scheinen.  Abgesehen  von  der  freilich  gerin- 
gen möglichkeit,  dass  die  quellen  von  c.  168  und  344  in  diesem  punkte 
mit  einander  übereinstimten,  sodass  aus  der  gleichheit  der  berichte 
noch  nicht  auf  die  identität  der  Verfasser  geschlossen  werden  könte, 
muss  bemerkt  werden,  dass  der  angeführte  satz  in  einem  Zusammen- 
hang vorkomt,  durch  den  die  Übereinstimmung  mit  c.  168  zu  volstän- 
digem  Widerspruch  wird.  Unmittelbar  vorher  sagt  nämlich  Brynhildr: 
Sigurär  sveinn  kom  hingat  iil  ydar  sevi  einn  vaUari,  en  nü  er  hann 
svd  stolx  ok  svd  rikr,  at  ciffi  md  langt  hedan  lida^  dar  en  pör  mtmod 
allir  honom  pjöna.  Diese  werte  setzen  eine  ganz  andere  sagenform 
als  c.  168  voraus.  Meines  erachtens  können  sie  nur  so  gedeutet  wer- 
den, dass  Sigurdr  wie  ein  umherirrender  ritter  (sem  einn  vallari),  also 
auf  dem  wege,  Brynhildr  zu  suchen,  zufq-Uigerweise  nach  Gunnars  hofe 
kam  und  dort  —  wie  sich  versteht,  Grimhildr  zu  liebe  * —  blieb,  eine 
Vorstellung,  der  man  in  mehreren  Eddaliedern  begegnet  (vgl.  Sijmons, 
Ztschr.  f.  d.  phil.  XXIV,  17.  21  fgg.),  und  die  auch  einmal  in  Deutsch- 
land verbreitet  gewesen  sein  muss.  Aber  auch  wenn  man  die  worte 
sem  einn  vailari  nicht  in  dem  eben  angegebenen  sinne  verstehen  wolte, 
so  Hessen  sich  Brynhilds  worte  doch  auf  keinen  fall  mit  c.  168  in 
Übereinstimmung  bringen,  wo  Sigurdr  von  Brynhildr  sofort  zu  könig 
Isungr  in  Bertanga  reitet,  ohne  Gunnarr  oder  Högni  zu  begegnen. 
Dass  die  von  Brynhildr  gesprochenen  worte  echt  sind,   geht  aus  Gun- 

dass  dio  quelle  des  capitels  den  schätz  nicht  kante;  die  NS  und  Attilas  tod  nennen 
beide  einen  schätz,  der  Sigurdr  gehört  hat;  dieser  stamt  nicht  von  Reginn  -  Fafnir 
her,  wie  der  namo  Niflungaskattr  ausweist  (c.  424  u.  a.).  Die  angeführten  worte 
scheinen  also  eine  reminiscenz  an  die  nordische  sage  von  der  tötung  Fafnirs  zu  aein, 
was  sich  beim  Schreiber  der  NS  sonst  nicht  findet. 


I>IDREK8   SAGA   UND   NIFLUNOA   SAGA  471 

nars  antwort  hervor  i;  merkwürdigerweise  lässt  er  die  anspielung  auf 
Sigurds  besuch  bei  Biynhildr,  welche  doch  zwischen  jenen  werten  und 
seiner  antwort  steht,  unbeachtet  Diese  stört  also  einigermassen  den 
Zusammenhang  und  dürfte  eine  zutat  des  Schreibers  von  c.  168  sein. 
Für  einen  näheren  Zusammenhang  zwischen  c.  168  und  c.  344  beweist 
sie  jedesfals  nichts. 

Gegen  die  Vermutung,  dass  die  erzählungen  von  Sigurds  Jugend 
und  Gunnars  hochzeit  von  einem  andern  Schreiber  als  die  NS  herrüh- 
ren ,  lässt  sich  also  nichts  zwingendes  einwenden.  Das  entgegengesezte 
aber,  die  identität  beider  Verfasser  liesse  sich  nur  verfechten,  wenn 
man  annehmen  weite,  dass  der  interpolator  der  NS  viele  quellen  benuzt 
hat,  welche  der  süddeutschen  üborlieferimg  sehr  fem  stehen  (was  gerade 
ein  charakteristisches  kenzeichen  des  zweiten  interpolators  ist),  dass  er 
nordische  züge  in  die  erzählung  aufnahm  (was  in  den  episoden,  die 
sicher  von  ihm  sind,  nirgends  der  fall  ist),  dass  er  sich  selbst  manch- 
mal plagiierte,  indem  er  in  der  NS  vieles  als  etwas  neues  mitteilte, 
was  er  schon  früher,  zum  teil  ganz  ausführlich  erzählt  hatte;  schliess- 
lich, dass  er  die  Verweisungen  auf  deutsche  quellen,  die  er  sonst  mit 
so  freigebiger  band  ausstreut,  in  einem  teile  seines  werkes,  der  doch 
auch  nach  deutschen  quellen  bearbeitet  ist,  ganz  beiseite  liess.  Da  es 
überdies  feststeht,  dass  die  fortsetzung  der  NS  von  einem  anderen  Ver- 
fasser als  die  NS  selbst  ist,  wird  man  lieber  annehmen,  dass  dasselbe 
mit  den  episoden  c.  152  — 168  und  226  —  230  der  fall  ist,  welche 
sich  mit  der  von  Attilas  tod  treflich  verbinden  lassen,  als  seine  Zu- 
flucht zu  solchen  gewagten  und  wenig  wahrscheinlichen  hypothesen  zu 
nehmen. 

Es  kann  nach  dem  vorhergehenden  nicht  länger  zweifelhaft  sein, 
wer  der  Verfasser  von  c.  169  (Hcjgnis  geburt)  ist  Das  capitel  widerholt 
nachrichten,  welche  c.  342  richtiger  erzählt  werden  (Vemiza,  die  haupt- 
stadt  in  Niflungaland  wird  c.  169  nicht  genant);  sodann  enthält  es  eine 
aus  der  luft  gegriffene  anspielung  auf  c.  391  ^  und  eine  ungeschickte 
anspielung  auf  c.  390.  Bei  der  erwähnung  Gislers  unter  Aldrians  söh- 
nen wird  nämlich  hinzugefügt:  kann  er  pä  eitt  bam,  er  pessi  tiäendi 
gerax,     C.  390  berichtet,  dass  Gisler  ein  kind  war,  als  Sigurctr  getötet 

1)  Fru,  eigi  skaltu  grata y  ok  ßegi  pii  ßegar  i  staä,  Stgurär  sveinn  tnun 
eigi  lengi  vera  vdrr  herra^  ok  min  systir  Orinihildr  man  eigi  vera  ßin  droining. 

2)  Oc  vid  vor  st(^dd  ein  kona  oc  heyräi,  oc  sü  var  sidan  fridla  pidreks 
konungs  af  Bern  ok  sagde  honum  af  trwmdi  ßenna  lut,  oc  ßar  af  kam  upp  aU 
ßeita  mal  um  siäir. 


472  BOSB 

wurde;  c.  169  aber  erzählt  nicht  Sigurds  tot,  sondern  H^gnis  gcburt 
Die  anspielung  in  c.  169  ist  somit  an  ungeeigneter  stelle  angebracht 
Übrigens  gelten  für  die  beurteilung  dieses  capitels  zum  teil  dieselben 
aigumente  wie  bei  c.  152  — 168,  vor  allem  was  s.  469  über  den  anfang 
des  NS  gesagt  ist. 

C.  172  — 188  hängen  mit  keiner  andern  Interpolation  unmittel- 
bar zusammen;  mit  Sicherheit  ist  es  kaum  zu  entscheiden,  ob  diese 
partie  die  arbeit  des  ersten  oder  des  zweiten  interpolators  ist.  Die 
vielen  Verweisungen  auf  deutsche  gewährsleute  ^  lassen  das  erste  ver- 
muten 2.  Aus  demselben  gründe  ist  es  wahrscheinlich,  dass  c.  429— 
436  vom  Verfasser  des  NS  umgearbeitet  sind.  Abgesehen  davon,  dass 
c.  433  sich  auf  deutsche  quellen  beruft  (vgl.  s.  456),  fält  noch  der  s.  454 
besprochene  Zusammenhang  mit  der  holden beschreibung  (c.  180)  auf, 
der  zur  selben  auffassung  führt  Wer  der  umarbeiter  von  c.  13  ist, 
geht  aus  dem  zusammenhange  nicht  hervor;  vgl.  aber  imten  s.  474  anm. 

Als  ergebnis  dieser  Untersuchung  lässt  sich  die  geschichte  der  tS 
auf  folgende  weise  in  kurzen  zügen  darstellen: 

Der  sagaschreiber  hat  nach  den  ihm  bekanten  quellen,  wie  schon 
der  titel  angibt,  das  leben  tidreks  von  Bern  und  seiner  beiden  be- 
schrieben. Dabei  war  ihm  der  könig  bis  zu  dem  grade  die  hauptper- 
son ,  dass  mehrere  beiden  nur  eine  Zeitlang  in  seiner  Umgebung  auf- 
treten, ohne  dass  der  leser  erfährt,  was  weiter  aus  ihnen  wird^.  Der 
Verfasser  hat  seine  arbeit  breit  entworfen  und  verweilt  im  anfang  oft 
bei  den  Schicksalen  von  nebenpersonen,  später  hält  er  sich  mehr  an 
seinen  stofif,  was  leicht  zu  verstehen  ist,  da  Kdreks  leben  stets  interes- 
santer wird^.  Seine  quellen  waren  teilweise  niederdeutsche  Volkslieder, 
vielleicht  auch  mündliche  mittcilungen  von  personen  aus  Nord -Deutsch- 
land; dass  er  ausschliesslich  deutsche  quellen  benuzt  habe,  ist  nicht  zu 

1)  C.  ISO:  d  hans  vdpnum  er  markaä  ßat^  er  Pydeskir  menn  kalla  alpan- 
dyr  en  V<eringjar  fd.  —  C.  181:  Vildiffqltr,  fat  er  d  Pyäcsku  Vüdifer.  —  C.  184: 
Pat  er  7tu  aflekit  i  sqgum  ßf/äeskra  manna,  at  engt  skal  bera  d  hölm  süfrlcujdan 
skJQld  eäa  buklara.  —  C.  187:  oe  viä  ßat  samn  er  hans  (Hildibrands)  getity  hvar 
seni  hans  nafn  er  ritad  eäa  frd  honum  sagt.  (Hier  nur  eino  ganz  algemoine  Ver- 
weisung auf  fremde  quellen). 

2)  Man  beachte  noch,  dass  der  von  Sigurdr  getötete  dracho  hier  (c.  185)  Fadmir 
hoisst,  beim  zweiten  intorpolator  hingegen  (c.  163)  Reginn. 

3)  Z.  b.  Sintram,  Fasold,  fetleifr. 

4)  Die  arbeit  des  sagaschrcibers  sind  c.  [1  —  21],  22  —  56  kurze  redaktion, 
57  —  151,  170,  171,  189  —  225,  240,  275,  [284  —  290,  293  —  339,  395,  397,  403- 
414,  429  —  436],  schliesslich  ein  oder  mehr  capitel,  deren  inhalt  in  S  als  c.  383  — 
385  (386?)  mitgeteilt  wird.  Die  zwischen  klammem  gestalten  capitel  sind  nur  in 
volständiger  oder  partieller  Umarbeitung  erhalten. 


I1DBIK8  8AGA.  UND  NIFLTJNeA  SAGA.  47S 

erweisen:  es  ist  sehr  wol  möglich,  dass  ein  teil  der  von  ihm  bearbei- 
teten sagen  ihm  nur  in  nordischer  Überlieferung  bekant  waren.  In 
den  fallen,  wo  die  mitgeteilten  sagen  sicher  deutsch  sind,  weisen  sie 
gewöhnlich  eine  von  anderen  quellen,  namentlich  von  den  süddeutschen 
epen  abweichende  sagengestalt  auf.  In  den  teilen  der  fS,  welche,  so 
weit  man  sehen  kann,  nicht  umgearbeitet  sind,  begegnen  keine  grossen 
Widersprüche,  was  neben  der  Sorgfalt  des  Schreibers  dem  umstände 
zuzuschreiben  sein  wird,  dass  auch  die  quellen  des  sagaschreibers  ein- 
ander selten  oder  nie  widersprechen. 

Ein  abschreiber,  der  viele  sagen  aus  dem  mimde  deutscher  ge- 
währsleute  in  einer  den  süddeutschen  epen  ziemlich  nahe  stehenden 
form  vernommen  hatte,  wunderte  sich  über  den  in  mancher  hinsieht 
sehr  bedeutenden  unterschied  zwischen  dieser  Überlieferung  und  der 
der  PS.  In  der  Überzeugung,  dass  die  abweichenden  berichte  der  ^S 
unrichtig  seien,  fieng  er  an  sie  umzuarbeiten  und  berief  sich  dabei 
fortwährend  auf  seine  deutschen  quellen.  Seine  tätigkeit  ist  von  zweier- 
lei art: 

1.  er  fügt  neue  stücke  hinzu,  welche  nach  seiner  meinung  in  der 
PS  nicht  entbehrt  werden  konten  (Sifkas  räche  c.  276  —  283, 
die  NS  mit  dem  was  dazu  gehört  c.  340  —  348,  356  —  394,  396, 
398 — 402;  wahrscheinlich  auch  die  heldenbeschreibung  c.  172 
-187); 

2.  er  bearbeitete  stücke,  welche  in  der  PS  bereits  vorhanden  waren 
auf  seine  eigene  art  Diese  wurden  wider  auf  zwei  weisen  in 
die  saga  aufgenommen: 

a.  die  Umarbeitung  tritt  an  die  stelle  der  ursprünglichen  redak- 
tion  (Pidreks  flucht  c.  284  —  290,  die  kriege  mit  Valdemar 
c.  293  —  315,  die  schlacht  bei  Gronsport  c.  316  —  339,  Hei- 
mirs  lezte  heldentaten  c.  429  —  436); 

b.  die  ältere  redaktion  bleibt  stehen,  die  Umarbeitung  folgt 
später  (Vilkina  saga  c.  21 — 56  nach  240,  Osantrix  tod 
c.  132—144  als  c.  291  —  292). 

Eine  genügende  erklärung  der  tatsache,  dass  der  umarbeiter  ver- 
schiedene teile  der  saga,  die  er  doch  in  derselben  weise  beurteilte, 
auf  so  verschiedene  art  behandelte,  ist  noch  nicht  gefunden.  Als  die 
ansprechendste  erscheint  diese,  dass  er  sich  in  einer  ähnlichen  läge 
befand  wie  der  Schreiber  nr.  3  von  mcmbr.,  dass  nämlich  ein  teil  der 
handschrift,  die  er  bearbeitete,  und  zwar  mindestens  bis  c.  144,  höch- 
stens bis  c.  171  schon  von  ihm  oder  einem  andern  geschrieben  war, 
ehe  er  sich  vornahm,  die  saga  umzuarbeiten.    Was  vor  cap.  144  schon 


474  BOEB,    I^IDBXKB  SAGA  UND  KIFLÜNQA  SAGA 

erzählt  war,  muste  somit,  wenn  es  dem  umarbeiter  unrichtig  erschien, 
widerholt  werden,  was  nach  c.  171  (wo  die  erste  interpolation  von  sei- 
ner hand  anfangt)  folgte,  wurde  in  solchem  fall  nur  umgearbeitet^. 

Ein  zweiter  abschreiber,  der  gleichfals  viel  kentnis  von  fremden, 
besonders  romantischen  sagen  hatte,  sah  die  |>S  als  ein  zur  compilation 
äusserst  geeignetes  buch  an,  und  fügte  eine  anzahl  erzählungen  hinzu, 
deren  inhalt  von  haus  aus  der  J)S  völlig  fremd  war.  Der  umstand, 
dass  die  NS  einen  teil  der  ^S  bildete,  veranlasste  ihn,  an  den  dazu 
geeigneten  stellen  hinzuzufügen,  was  er  weiter  von  Sigurdr  und  Grlm- 
hildr,  von  Gunnarr,  Hqgni  und  Attila  zu  erzählen  wusste.  Um  seinen 
berichten  den  schein  zu  geben,  als  seien  sie  integrierende  teile  der  ^, 
lässt  er  ]^ictrekr  zuweilen  eine  statistenrolle  spielen,  welche  niemals 
anders  als  in  seiner  Imagination  bestanden  hat;  so  zieht  z.  b.  J>idrekr 
in  Widerspruch  mit  allen  anderen  Überlieferungen  auf  der  brautfahrt 
nach  Sa)gardr  mit  Gunnarr.  Mehrere  ganz  fremden  Sagenkreisen  ent- 
lehnte erzählungen  verknüpft  er  in  der  ungeschicktesten  weise  mit  der 
geschichte  pidreks.  Um  zwischen  der  pS  und  seinen  Zusätzen  den 
gewünschten  Zusammenhang  darzustellen,  ändert  er  mitunter  einiges  in 
der  arbeit  des  Verfassers  oder  des  ersten  umarbeiters  (c.  224,  Jidreks 
kämpf  mit  J)idr.  Valdemarsson,  NS);  diese  änderungen  aber  scheinen 
nicht  von  tief  eingreifender  art  zu  sein.  Bei  kleineren  episoden,  die 
seiner  auffassung  widersprechen  (H(jgnis  geburt,  Jidreks  tod),  nimt  er 
seine  Zuflucht  zur  doppelten  redaktion;  ein  anderer  grund  dafür  ist 
nicht  anzugeben,  als  etwa  dieser,  dass  er  schon  in  der  JS,  wie  er  sie 
kante,  falle  doppelter  redaktion  vorfand.  Beide  male  stelt  er  die  von 
ihm  geschriebene  redaktion  vor  die  ältere. 

Für  die  sagenforschung  besteht  die  bedeutung  der  hier  gewon- 
nenen resultate  darin,  dass  es  hinfort  leichter  sein  wird,  in  dem  bun- 
ten  gemische  hochdeutscher,  niederdeutscher  und  nordischer  sagenzüge 
den  weg  zu  finden.  Allerdings  verliert  die  J>S  durch  die  erkentnis, 
dass  drei  Schreiber  an  ihrer  gestaltung  ihren  selbständigen  anteil  haben, 
ihren  einheitlichen  Charakter.  Dieser  verlust  aber  ist  nur  scheinbar. 
Denn  es  muss  anerkant  werden,  dass  viele  Widersprüche,  welche,  so 
lange  man  die  längere  redaktion  der  J)S  als  die  arbeit  6ines  Verfassers 
auffassen  wolte,  unlösbar  schienen,  aufgehoben  werden,  wenn  man  ein- 
mal zur  einsieht  gelangt  ist,  dass  in  ihr  sehr  verschiedene  sagenschich- 

1)  Wenn  diese  auffassung  der  tätigkeit  des  ersten  interpolators  das  richtige  trift^ 
so  geht  daraus  hervor,  dass  nicht  er  c.  13  (vgl.  s.  472)  umgearbeitet  hat  Denn  seine 
arbeit  fängt  erst  nach  c  144  an. 


BÖHBICHT,  BERICHT  ÜBBB  SINE  JEBUSALBMFAHBT.    H  475 

ten  über  einander  gelagert  sind.  Hoffentlich  werden  die  vorhergehen- 
den blätter  dazu  beitragen,  diese  schichten  wenigstens  in  hauptzögen 
zu  unterscheiden. 

LEEUWASDEN,   DECEMBER   1891.  B.    C.    BOER. 


ZWEI  BERICHTE  ÜBEE  EINE  JERUSALEMFAHET  (1521). 

(Fortsetzung  zu  s.  163  —  220  dieses  bandes.) 

Am  Freyttag  vmb  Vesper  Zeit  do  khamen  wir  in  die  Haylig  statt 
Jherusalem^  vnd  ritten  dos  Ersten  auff  den  borg  Sion  für  das  kloster, 
do  stunden  mir  ab,  do  khamen  die  Barfusser  Münch  heraws  vnd 
empfingen  vns  mit  grossen  frewden.  Do  giengen  wir  gleich  inn  die 
kirchen  vnd  danckten  got  seiner  gnaden;  nach  dem  fürt  man  vnns  in 
ain  gartten,  da  gab  man  vnß  die  Brüder  ein  Collation  zimlich  genung, 
des  wir  notturiftig  waren,  dann  wir  vonRama  auß  nichts  betten,  dann 
Wasser,  keß  vnd  brot  vnd  nit  den  zehenden  thayl  wein,  also  sazte  man 
vnns  hoch  thewtschen  als  an  ain  TafFel,  nach  demselben  alls  wir  gös- 
sen betten,  do  gab  man  vns  herberg  auch  in  ain  hawß,  da  wir  auch  wol 
versehen  waren,  do  schickten  die  Prüder  ainen  yetlichen  ain  tcppich 
vnd  ain  lydero  küß  daruff  zw  ligen.  Also  plyben  wir  dieselb  nacht 
in  der  herberg  vnnd  richten  vnns  eyn.  — 

Vnnd  am  Sambstag  Morgen  ^  stunden  wir  hoch  thowtschen  frw 
auff,  zwu  stund  vor  tags  vnd  gingen  hinaufF  den  berg  Sion  zw  den 
uier  .  A  bruder,  do  hortten  wir  ain  stund  vor  tags  meß  vnd  betten  die 
brudor  vnnd  annder  bilger,  so  mit  vnns  khomen  warn,  stets  Meß,  das 
allso  bis  in  drew  stund  weret.  Darnach  hub  man  ain  loblich  ampt 
an.  Nach  dem  thet  man  vns  ain  schone  predig  vnd  vnderweysung, 
wie  wir  unß  hallten  sollten,  Lateinisch,  Thewtsch  vnd  Welsch.  Nach 
sollicher  scheuer  ermanung  zw  andacht,  do  zaigt  man  vnns  des  ersten 
in  der  kirchen  auff  dem  berg  Sion  in  Chor  der  fron  Alltar,  das  ist  die 
Stat,  da  got  mit  seinen  lyben  Jüngern  das  letst  Abentmal  gössen  hat 
vnd  das  New  Testament  anfing  vimd  machet  laut  des  Euangeliums,  da 
ist  Vergebung  aller  sündt.  Oleich  daneben  ain  wenig  auf  die  Recht 
handt,  da  ist  auch  ain  Alltar,  da  ist  die  Stat,  do  vnnser  lieber  herr 
seinen  Jüngern  die  fuß  wusch,  da  ist  Vergebung  aller  sündt.  Das 
ward   alles   mit   scheuer   proceß  vnd   lobgesang  gezaigt  vnnd   ersucht, 

1)  Itinerariuin  ins  b.  land.  II. 

2)  Vgl  obün  s.  178  (19.  juli).  3)  20.  juli,  vgl.  oben  s.  178.         4)  Lücke. 


476  BÖHBICHT 

auch  mit  schenen  ermanungen  zw  Andacht  den  Bilgem  inn  Latein, 
Teutsch,  Welsch  gesagt  vnnd  füigehalten.  Also  gingen  mir  aus  bemal- 
ter kirchen  mit  der  proceß  hinaus  auif  ain  scheue  Altar,  do  zaigt  man 
vnnß  oben  auf  diser  kirchen  ain  Cappel,  doch  yetz  zerstert  von  den 
Hayden  beschechen,  da  ist  die  Stat,  da  got  der  herr  den  hayligen 
gayst  am  Phingstag  zw  vnnser  lieben  frawen  seiner  Rainen  Mutter 
Maria  vnd  den  hayligen  Zwelflf  potten  sendet  laut  des  Euangely,  da 
ist  Vergebung  aller  sündt.  Damach  giengen  wir  ain  stigen  ab  in  den 
krewtzgang  vnd  zw  ennd  des  krewtzgangs,  aufF  der  Rechten  handt  ain 
Capell,  da  ist  die  khamer  gewest,  da  vnnser  lieber  herr  zu  seinen  Jün- 
gern zwaymal  durch  verschlosne  thür  einkham  nach  seiner  hayligen 
Vrstennde,  vnd  das  andermal  lies  er  im  Sant  Thoma  in  seine  haylige 
wunde  greyfifen  Inhalt  des  heyligen  Euangeliums.  In  dem  Altar  dyser 
Capell  ist  auch  ain  stück  stain  einer  Ellenbogen  hoch  von  dem  seull, 
daran  vnnser  lyeber  herr  gegayslet  worden  ist  In  dyser  KapeU  ist 
auch  Vei^gebung  aller  sündt  — 

Wen  man  herauß  gat  auß  dem  kloster  auf  die  gerecht  hanndt, 
lygt  zwen  schritt  von  der  Brüder  kirchen,  do  zaigt  sich  an  ain  groß 
aller  geraain,  ain  scheue  kirch,  darin  sein  die  hernach  volgenden  stet 
als  in  begriffen  gewest  Erstlich  gleich  neben  der  Stiegen  aussen  an 
der  Kirchen  auf  die  gerecht  hanndt,  da  ist  die  Statt,  do  vnser  liebe 
Fraw  gewonet  hat,  vnd  ain  schlafiFkamer  gewest  ist,  vnnd  auch  von 
den  Engeln  oflFt  da  erhept  worden,  da  ist  ablas  Syben  Jar  7  Karen. 
Etwa  X  schritt  dar  von  auff  die  lingk  handt  für  sich  gegen  der  Stat 
zw  ist  die  stat,  do  sant  Matheus  zu  ainem  zwelffpotten  an  Judas  stat 
erweit  worden  ist,  da  ist  ablaß  7  Jar  7  Karen.  Von  dyser  stat  an 
XII  schrit  da  ist  Sannt  Jacob  der  minder  zw  ainem  Bischoff  erweit 
worden,  ist  ablas  7  Jar  7  Karen.  Darnach  gleich  ain  XV  schrit  weit 
wider  für  sich,  da  ist  die  Stat,  do  vnnser  liebe  fraw  nach  irm  todt 
gesalbet  vnd  balsamiert  worden  ist,  da  ist  ablas  7  Jar.  Noch  ain  wenig 
für  sich  da  ist  die  Stat,  ist  ain  Capell  gestannden,  do  vnnser  fraw 
XIIII  Jar  nach  Cristi  vnsers  herrn  todt  gewonet  vnd  enthalten  hat  vnd 
auch  an  diser  Stat  verschyden,  da  ist  Vergebung  aller  sünd,  pein  vnnd 
schwld.  Ain  wenig  baß  hinumb  leicht  sechs  schrit,  dahe  ist  die  Stat, 
do  Sannt  Johanns  vnnser  lieben  Frawen  oflFt  meß  gehallten  hat,  da  ist 
Ablas  7  Jar  7  Karen.  Viertzig  schrit  von  dyser  Stat  auff  die  lincken 
hannd  sein  zwen  stain,  bedewtten  die  Stott,  do  vnnser  lyber  herr  sei- 
nen lieben  Jüngern  gepredigt  vnd  dem  Volck,  so  im  nachgeuolgt  hat, 
da  ist  vnnser  Fraw  gemaincklich  gegen  dem  herren,  als  da  ain  stain 
stat,  gesessen,  da  ist  Ablas  7  Jar  7  Karen.     Sechs  schritt  fürwartz  auf 


BESICHT    ÜBER  EINE  JERÜSALElfFARRT.  n  477 

die  Rechten  hannd  an  der  kloster  Maur  ainwarts  da  ist  Dauids  grab, 
das  haben  die  Hayden  inn ,  lassen  nymand  darein  von  Christen.  Syben 
schrytt  förwarts  auch  an  dem  Closter,  da  ist  die  Stat,  do  das  Oster- 
lamp  gepraten  worden  ist,  da  ist  ablas  7  Jar  7  Karen.  Drey  schrit 
dameben  ist  ain  Altar,  da  ist  der  erst  Marterer  sannt  Steffann  vnden 
begraben  worden,  ist  nit  mer  dann  auch  sonst  etlich  fronfasten,  da  ist 
ablas  Syben  Jar  7  Karen.  Drey  schrit  wider  hinder  sich  auf  die  ge- 
rechten handt  gegen  dem  Closter  ist  ain  hocher  stain,  da  hat.vnnser 
lieber  herr  Jhesus  seinen  Jüngern  beuolhen,  sy  sollen  ausgan  in  alle 
Land  ynd  sein  vrstennd  vnd  das  Euangelium  predigen,  also  haben  sich 
daselbs  die  lieben  Jüngern  von  stund  an  nach  dem  gepott  des  heiTen 
zerthailt  in  alle  Lannd  vnd  von  ainander  vrlaub  genomen  laut  der 
hayligen  geschriflft,  da  ist  ablas  7  Jar  7  Karen.  Dyse  haylige  Stet 
sein  all  in  vorgemellten  kirchen  gwest  vnnd  in  eren  gehalten  worden 
mer  dann  yetz,  so  sy  zerstert  seind,  das  ist  durch  die  hayden  zerstört 
worden.  — 

Von  dem  borg  Sion  biß  in  das  hawß  Caiphe  ist*  . .  schrit,  da 
ist  yetz  ain  kirchen  gepawt  — 

Vngefer*  ..  schritt,  da  ist  ain  stain,  bezaichnet  die  Stat,  do  die 
lieben  Jünger  den  todten  leyb  unser  lyben  frawen  in  das  Thal  Josaphat 
wollten  tragen,  da  haben  sie  gerwet,  da  sein  die  Juden  khomen  vnd 
haben  in  den  hayligen  leyb  wollen  nemen,  da  hat  ainer  die  bahr 
angriffen,  da  ist  er  von  stund  an  krumb  worden  vnd  seind  im  die 
hend  erdort,  do  das  die  anndem  ersachen,  das  hat  ir  gar  vil  zw  dem 
Christennlichen  glawben  kert,  da  ist  ablas  7  Jar  7  Karen.  — 

Darnach  gingen  mir  fürpas  etwo^  . .  schrit,  do  khamen  mir  abwärts 
zw  ainem  Alten  gemaur  vnd  ainem  Velsen,  da  ist  die  Stat,  da  Sant 
Petter  sein  stind  bewainet  vnd  büß  wircket  vmb  die  verleugung  Christi, 
laut  der  hayligen  geschrifft,  da  ist  ablas  7  Jar  7  Karen.  — 

Damach  ain  wenig  abwärts  do  sahen  wir  gar  sehen  staine  geng, 
do  das  Wasser  in  Salomons  Tempel  gelauffen  ist.  Also  gingen  wir  ain 
wenig  fürbaß,  do  zaigt  man  vnns  auf  der  lingken  handt  hinauf  in  den 
Tempel  Salomonis  ain  gezew,  da  ist  die  Jungfraw  Maria  auffgeopffert 
worden  in  den  Tempel  dreyunddreyssig  Staffel  hoch,  do  mag  man  nit 
hinkhomen,  dann  die  hayden  lassen  khain  Christen  in  im  Tempel,  wo 
aber  ainer  darinn  khem,  so  müst  er  sterben  oder  verleugnen  seins 
glawbens,  da  ist  Vergebung  aller  sünd  vnnd  missethat,  die  stat  anzu- 
sehen als  man  vnns  zaigt  hat.  — 

1)  2)  3)  Lücke. 


478  BÖBRICHT 

I 

Von  dannen  gingen  wir  abwartz  bis  zw  ainer  stainen  brugk,  die 
vber  den  pach  Cedron  gat,  daselbst  ist  gelegen  vor  der  Marter  Christi 
dos  holtz  das  man  nitt  mochten  brawchen  zw  dem  Tempel  Salomonis, 
wo  man  das  hin  maß  so  was  eß  zw  kurtz  oder  zw  lanng,   da  wolten 
die  khunig(in)  von  Saba  ainßnials  spacieren  gan  an  den  berg  Oliueti, 
do  khamen  sy  an  den  stegg,   da  wolten  sy  nit  hinüber  gon  sunder  sy 
knieten  nider  vnd  betten  das  holtz  an  vnd  sagten:    0  du  Edels  holtz, 
an  dir,  wirt  leyden  vnd  sterben  der  sun  gottes,  der  himel  vnd  erdtrich 
beschaffen  hat!     Vnd  ist  durch  den  pach  Cedron  geganngen,    also  sich 
weytter  ausweyst  die  geschrifift  der  propheten  die  Künigin  Sibilla  von 
Saba  genant,   in  dem  alten  Testament     Damach  ist  das  holtz  hinw^ 
genomen  worden  vnd  in  ain  Weyr  gesenckt  für  den  Tempel  Salomonis, 
als  ich  weytter  melden  will,   vnd  ward  ain  ander  holtz  da  her  gelegt, 
da  yrtz  die  brugk  stat,   da  ist  vnser  lieber  herr  vfift  durchganngen  in 
den  gartten  mit  seinen  lyben  Jüngern.     Vnd  als  er  gefangen  worden 
ist,  da  haben  die  Juden  den  lieben  herrn  Jhesum  Cristum  an  der  stat 
mehr  vnbarmhertzlich   mit  schlagen  vnd  Ziehen  durch  den  Pach  ge- 
schlayfft.     Da  ist  Vergebung  aller  sünd  für  pein  vnd  schwld.     Vnd  als 
mir  vber  die  pruck  khomen,  da  ist  ain  thurn  von  ainem  gantzen  Vell- 
sen  gemacht,  den  hat  der  schön  Absolon  lassen  machen,  ain  sun  Salo- 
monis,   vermaint  sein  aigen  Vatter  dardurch  zw  bezwingen,   seins  wil- 
lens zw  leben.     Er  beschlieff  auch  dem  Vatter  seine  weyber,   als  sy 
dann  in  der  alten  Ehe  vil  weyber  gehapt  haben,   vnd  vmb  der  vnge- 
horsam  willen  des  Suns  dem  Vatter,  so  haben  die  hayden  ain  prawch, 
wen  ainer  fürgat,  so  wirfft  er  mit  ainem  stain  in  den  Thurn  vnd  ver- 
fluchen den  Sone  in  abgrund  der  hellen,  des  werfiFen  ist  so  vil  gewest, 
das  zw  diseer  Zeit  ain  großer  hawff  Stain  in  vnd  vor  dem  thurn  lygen 
vnd  haben  ain  groß  loch  durch  den  gantzen  Velssen  geworffen.    Also 
gingen  wir  ain  wenig  auf  die  gerechten  hanndt  abwärts  vnd  darnach 
auf  der  lincken  hannd,  da  ist  ain  holer  berg,  da  hat  sich  Sanct  Jacob 
inn  verborgen  nach  der  gefenncknus  Christi,   bis   er  gekrewtziget  ist 
worden,   vnd  nit  weyt  dauon  ist  das  grab  Zacharie,   der  was  ain  Sun 
Bacharie  \  von  welcher  vnser  herr  vnd  heyland  sagt  im  euangelio.   Also 
gingen  mir  widerumb  hinder  sich  der  brugk  zw  vnd  für  auß  etwa  von 
der  brugk   bis   zw    der   Stat,   da   ist   gewesen   das  Doiff  Bethsemani' 
. . .  schrit,  in  welchem  Derffle  vnnser  lyber  her(r)  sein  acht  Apostl  ließ 
vnd  die  drey  mit  im  nani.     Da  ist  Ablas  7  Jar  7  karen.  — 

1)  Benichja;  vgl.  Matth.  XXIII,  35. 

2)  Gethsemane;  lücke. 


BERICHT  ÜBER  EINE  JERÜSALEMFAHBT.    U  479 

Darnach  gingen  mir  noch  bey^  . .  schrit  aufifwarts  gegen  der  gerech- 
ten handt,  do  fanden  mir  in  dem  garten  ain  großen  Stain  Yellsen,  do 
ließ  vnnser  lyber  herr  die  andern  drey  Jüngern,  Petrum,  Johannem 
vnd  Jacobum,  da  sieht  man  auf  dyse  stund  in  dem  hertten  stain 
Vellsen,  wie  die  lieben  Jünger  gelegen  seind.  Da  ist  ablas  7  Jar 
7  karen.  — 

Also  gingen  wir  etwas  bey  ^  . .  schritt  hinder  sich  wider  abwartz, 
do  khamen  mir  zw  der  Stat,  do  vnnser  herr  dem  Verretter  Juda  ent- 
gegen ging  vnd  sagt:  Frunt,  warzw  ist  es  khumen?  vnnd  zw  den  Juden 
redt  Er:  Wen  sucht  Ir?  Do  antworten  sy:  Jhesum  von  Nazareth.  Do 
sagt  der  Herr:  Ich  bins,  do  fielend  die  Juden  alle  nider  zw  Kuck,  nach 
laut  des  Euangeliums  vnd  Passions.  An  derselben  stat  ist  gleich  die 
stat,  do  der  herr  von  inn  auch  angefallen  vnd  gefianngen  ward,  ain 
wenig  hinder  sich  auf  die  Rechten  hannd  abwärts  ist  das  ort,  do  Pe- 
trus Malchum  das  ohr  abhawt.  In  dysen  stetten  ist  Vergebung  aller 
sünd.  — 

An  welcher  stat  man  gleich  gerad  gegen  der  gülden  Portten  sieht 
in  Tempel  Salomonis,  do  der  kayser^  frechlins  das  haylig  krewtz  mit 
großem  Triumpf  wolt  entfuer,  do  erschin  der  Enngel  auf  der  portten 
vnd  thet  sich  die  portten  zw  als  ain  Maur,  da  sagt  in  der  Engel:  Dein 
got(t)  vnd  dein  schöpffer  ist  in  großer  diemutigkhait  auß  Jherusalem 
gangen,  du  solt  die  nit  mit  solchem  Triumpf  eingon!  Da  stund  der 
kayser  abzw  fuß  mit  großem  schrecken  vnd  demutiget  sich,  do  thet 
sich  die  portten  wider  auff  vnd  do  trug  er  das  Crewtz  Cristi  in  dem 
Tempel  Salomonis,  als  die  haylig  geschriflft  weyter  außweyst  Auch  ist 
durch  dyse  porten  der  Herr  Jhesus  von  dem  garten  hineingangen  vnd 
hat  die  khauffer  vnnd  verkhauffer  außgetryeben.  — 

Zw  dyser  Portten  noch  in  den  Tempel  mag  man  nit  khomen  vor 
der  hayden  annderst  haimlich  doch  mit  großem  gefer,  daß  nit  wol  zw 
wogen  ist  Hie  dyse  portten  zw  sehen  mit  Andacht  vnnd  ein  pater 
noster  betten  und  ist  Vergebung  aller  sündt  — 

Damach  gingen  wir  wider  auffwarts  ain  wennig  auff  die  Rechten 
handt  bey*  ..  schrit,  da  ist  der  Stain  Vells,  darauff  sannt  Thoma  geses- 
sen was,  do  die  aller  Rainost  Jungfraw  Maiia  von  den  engehi  erhebt 
ward  vnnd  zw  den  hymeln  gefürt  AufF  dysem  Stain  Velß  ließ  die 
hochwirdig  Mutter  aller  gnaden  sannt  Thoman  die  gürttel  vnd  Ir  hay- 
ligen  klaider.     Da  ist  aplas  7  Jar  7  karen.  — 

1)  2)  Lücke. 

3)  Heraclius;  über  diese  sage  vgl.  G.  v.  Zezschwitz,  Vom  römischen  kaiser- 
tum  58.   174  fgg.  4)  Lücke. 


480  RÖHRICHT 

Demnach  gingen  wir  wider  abwärts  auff  die  lingen  handt,  als  die 
Stat  auff  die  Rechten  handt  ligt  Etwo^  ..  schrit,  do  khamen  mir  in  ain 
holl  des  Velssen,  do  der  herr  Jhesus  sein  gebet  verbracht  vnnd  plut- 
tigen  schwayß  schwitzet  vnnd  gott  sein  himlischen  Vater  patt,  Vatter 
(sprach  er),  ist  es  raüglich,  so  nim  den  keich  des  leyden  von  mir,  doch 
nit  mein,  sonnder  dein  will  geschech!  Do  ist  der  Stain,  drauff  der 
Enngel  gestannden  ist  vnd  kham  zw  dem  herrn  vnnd  tröstet  die  raen- 
schait,  das  ist  ain  ernstlich  andechtige  statt  zw  sehen,  das  warlich  khain 
mensch  glawb  ich  daher  kompt,  er  ersewfftzet  von  hertzen  vnd  wird 
gotforchtig.     Da  ist  aplas  Vergebung  aller  sünd.  — 

Ain  wenig  abwartz  von  dem  gartten  auff  die  linck  hannd  in  das 
thal  Josaphat  Etwo  ^  . .  schrit,  da  khomen  mir  zw  ainem  schonen  Alltar 
kirchen,  ist  gar  inn  die  Erd  gepawen,  Achtundviertzig  Staffel  ain  Ste- 
gen ab.  Damach  in  dem  vordern  pogen  des  Krewtz  auff  die  Rechten 
hanndt,  da  ist  der  Mutter  aller  gnaden  vnnser  lieben  frawen  der  Rai- 
nen Jungfraw  Maria  begrebnuß,  das  ist  ain  klains  Capellen,  in  deren 
großen  vnd  klainen  Capelln  ist  das  wirdig  grab  wie  ain  alltar  gemacht, 
brennen  stets  der  gantz  bogen  voller  ampeln,  gar  andechtlich  zw  sehen, 
gat  zw  ainem  klainen  thürlin  fürwarts  gegen  dem  grab  hinein  vnd  auff 
die  lingk  hanndt  wider  heraws.  In  der  kirchen  ist  ain  brunnen  vnd 
vast  kalt  wasser  darinn,  vnd  so  man  die  stygen  wider  auf  gat,  so  ist 
auff  dem  halbthayl  der  Stegen  auff  der  Rechten  seytten  das  grab  in  die 
seytten  Mur  in  ainer  Kapeil  des  hayligen  Sannt  Joachims,  vnnd  auf 
der  ander  seytten  in  ainer  Capell  das  grab  der  hayligen  Mutter  Sannt 
Anna.  Die  hayden  haben  die  kirchen  inn  vnd  verpringen  ir  beth,  da 
ist  gar  Vergebung  aller  sünd  für  pein  vnd  schwld.  Auffwarts  von  dyser 
kirchen  auff  die  gerechten  hannd  etwo  15  sehritt  da  ist  der  Stain,  do 
der  erst  Marter  sannt  Steffan  auffgelegen  ist  vnnd  mit  stainen  auff  der 
Stat  erworffen,  da  ist  er  also  pelyben,  bis  die  Christen  khomen  sein 
vnd  in  vergraben,  do  sieht  man  noch  scheinbarlich  in  stain  Vellsen, 
wie  der  lieb  haylig  gelegen  ist.     Da  ist  ablaß  7  Jar  7  karen.  — 

Noch  baß  hin  auffwarts  gegen  der  Stat  Jherusalem  ongefer  acht- 
undzwaintzig  schrit,  do  ist  ain  stain  Vells,  darauff  Sannt  Paulus  geses- 
sen vnd  hielten  den  Buben,  die  Sannt  Steffan  verstaingeten,  ir  klay- 
der,  damit  sy  deß  ringer  zu  werffen  hotten,  dann  er  deßmals  noch 
jung  vnd  nit  kristen  was.  Weytter  gingen  mir  fürhin  in  die  Stat  Jhe- 
rusalem, nit  weyt,  do  khamen  mir  auff  die  lingk  hannd  in  ain  gassen 
für  ain  portton  des  Tempels  Salomonis,  daselbs  auf  die  gerechten  handt 

1)  2)  Lücke. 


UERICHT  ÜBER  BINK  JERÜSALEMFAHRT.   II  481 

ist  der  weyer  gewest,  do  das  holtz  oder  stog,  der  vber  den  pach  Cedron 
gelegen  was  (alls  ich  vor  auch  gemelt  hab),  in  demselben  weyer,  wan 
ainer  kranck  was  vor  dem  leyden  Christi,  vnd  sobald  er  sich  darinn  ...^ 
so  ward  er  gesund.  Zw  der  Zeyt  des  leyden  Christi  kam  dasselb 
heraws  vnd  schwam  empor,  ward  eß  herauß  genomen  vnnd  das  haylig 
krewtz  von  gemacht     Da  ist  aplas  7  Jar  7  karen.  — 

Der  weyer  hayst  Depissyna^.  Deßmal  gingen  mir  gestracks  die 
lanngen  gassen,  do  vnnser  lieber  herr  das  krewtz  getragen  hat,  zw 
Herberg.  — 

Am  Sonntag  zwu  stund  aufif  den  tag,  do  ließ  man  vnns  wider 
auß  dem  hayligen  Tempel  des  hayligen  grabs  vnd  berg  Caluaria,  do 
gingen  mir  zw  herberg  vnd  aßen,  nach  mittag  do  rwentten  mir  biß 
zw  Vesper  Zeit,  do  kham  der  brüder  ainer  ab  dem  berg  Sion  vnd  fürtt 
vns  weitter,  haylig  Stett  zw  besuchen  vnnd  zw  sehen.  Erstlich  gingen 
wir  dem  Schloß  zw,  das  auf  der  Rechten  hanndt  des  wegs  gen  dem 
berg  Sion  ligt,  daruor  ist  ain  platz  vnd  ain  stain  bey  aineni  Brunnen, 
do  mag  man  die  drey  hayligen  Tempel  sehen.  Erstlich  den  Tempel  des 
hayligen  grabs  Cliristi  vnnd  des  bergs  Caluarie,  der  annder  den  Tem- 
pel Salomonis,  den  dritten  Tempel  vnd  Berg  Oliueti.  Dyse  Stet  zu 
sehen  mit  andacht  vnd  ain  Pater  nostcr  zw  sprechen,  ist  ablas  7  Jar 
7  kai'en.  — 

Weytter  für  sich  gen  dem  berg  Sion,  do  khomen  mir  zw  ainer 
kapeilen,  da  ist  die  Stat,  do  vnnser  lieber  herr  zw  den  drey  Maria 
khani  nacli  der  vrstenndo  vnnd  sprach:  Seyt  gegrüßt  Ir  Maria,  laut 
tJuangelio.  Da  ist  ablas,  wie  offtgemelt.  Ein  wenig  bas  für  sich  auff 
der  linckcn  handt  ist  ain  kirchon,  haben  die  Armenier  innen,  da  ist 
der  groß  Sannt  Jacob,  der  yetz  in  Oallicia^  ligt,  von  Herode  enthawpt 
worden,  die  statt  ist  ain  wenig  hinfür  auff  der  linck  hannd,  so  man 
hinein  gat,  ist  ein  kapellcn,  da  ist  7  Jar  7  karen.  — 

Von  dann  gingen  mir  in  das  haws  Cayphe,  da  ist  ain  kirchon 
in,  die  haben  die  Sürgani^  inn,  sein  auch  Christen,  da  ist  auff  dem 
vordem  Alltar  der  Stain,  der  vor  dem  hayligen  grab  Cristi  gelegen, 
darufT  der  Elnngel  stundt,  nach  dem  Euangelio.  Auff  der  Rechten 
hanndt  ist  ain  klains  thorlin,  darinn  ain  gewelblin  vast  enng,  da  ist 
vnnser  herr  eingefencklich  gelegt  worden,  dieweyl  die  Juden  Rath  bet- 
ten wider  den  lierrn  zw  todten,  vnd  alß  man  auß  der  kirchen  gat 
hinauß,  da  ist  ain  Ijoch  auff  der  linck  hannd  in  der  Maur,  da  ist  der 

1)  Lücko.  2)  Probatioa  pis(;inA.  3)  Santiago  di  Compostella. 

4)  Surianer,  syrische  Christen. 

ZUTSCIIBIFT  F.    DKUTSCHK  PiriLOLOOIE.      BD.   XXV.  31 


482  BdHRICHT 

han  gesessen,  (do  Petrus  verlaugnet)  do  er  dreymal  'krehet.  Vnd  ain 
wenig  für  sich  auff  die  Rechten  hannd,  da  ist  ain  platz  vmbmaurt, 
vnd  stat  yetz  ain  bäum  darinn,  do  ist  das  fewr  gewest,  do  Petrus  bey- 
stund  vnd  vnsern  lyben  herm  dreymal  verlaugnet  In  dyser  kirchen 
vnd  stat  ist  dem  herm  aller  verschmacht  bescheen  vnnd  auch  von 
Kayphe  beschworen.     Da  ist  Vergebung  aller  sünd,  pein  vnd  schwld.  — 

Von  Kaiphes  hawß  in  das  hawß  Anne  309  schritte  Aber  der 
herr  ist  auß  dem  gartten  in  Anne  hawß  gefüert  worden,  ist  auch  ain 
kirch,  haben  die  Armenier,  auch  Christen,  inn.  Bey  dem  vordem  Al- 
tar auf  der  lingken  hannd,  da  ist  der  herr  von  Anne  gefragt.  Da 
gab  im  der  knecht  Anne  ain  backen  straich  laut  des  hayligen  Euan- 
geliums,  da  ist  Vergebung  aller  sündt  Vnnd  alß  man  wider  ausgat 
auf  die  Rechten  band,  da  statt  ein  Ölbaum  yetz  in  ainem  Eck,  do  ist 
zw  der  Zeyt  des  leyden  Christi  ain  Feygennbaum  gestannden,  da  ist 
vnnser  lieber  herr  angebunden  worden,  ehe  das  er  für  Anne  gepracht 
was  in  das  hawß.    Da  ist  ablas  7  Jar  7  karen.  — 

Von  dann  gingen  wir  für  sich  auff  die  lingk  hannd  fürt  hinab 
ain  lange  gassen,  darnach  auf  die  Rechten  hannd  ein  lange  gassen 
vnnder  ainem  gewelb  hinauf  zw  ainer  Portten  des  Tempels  Salomonis 
porta  speciosa  genant,  da  sahen  wir  hinein  mit  gepett  ains  Patter  noster, 
gingen  also  vber  der  hayden  gewonhait  oder  prawch  die  stigen  mehr 
den  halb  auff,  das  sollten  wir  nit  gethon  haben,  sonnder  die  schwch 
ausgezogen,  deshalb  die  hayden  äer  zornig  wurden  vnd  vnnser  Vatter, 
der  vnns  füret,  die  hennd  zerkretzt,  auch  mit  wasser  geschüdt  vnd 
etlich  Bilgern  vbl  geschlagen  vnnd  gestossen,  welche  vast  hindennach 
giengen.  — 

Also  gingen  wir  dieselb  lang  gassen  wider  hinder  sich  vnnd  auff 
die  gerechten  hanndt  ab,  vnnd  darnach  wider  ain  gassen  ein  zw  ainer 
anndem  portten,  den  Tempel  Salomonis  zw  sehen,  do  vnns  kain  layd 
beschach,  da  ist  auch  aplas  usw.  — 

Von  dann  gingen  wir  wider  auffwarts  in  die  lang  gassen,  do 
vnnser  lieber  herr  das  krewtz  in  getragen  hat,  do  khomen  mir  zu  dem 
hawß,  do  Maria  Magdalena  vnserm  erloser  die  fuß  gewaschen  laut  vnd 
Inhalt  dos  Euangely,  do  ist  gleicherweyß  aplas  7  Jar  7  karen.  Da  ist 
ir  sünd  vergeben  worden.  Ain  wenig  baß  auffwarts  do  khamen  mu* 
zu  des  reichen  Manns  hawß,  der  Lazarum  ließ  vor  der  thür  lygen  lauts 
Ewangely.     Noch  baß  hinauff  khomen  mir  zw  dem  hawß,   do  vnnser 

1  —  7)  Alle  diese  angaben  sind  neu  und  variieren  erheblich  von  den  bei  Tob- 
1er,  Topogr.  I,  240  gegebenen  entfernungen. 


BRRICHT   ÜBKR   BIKB   JERÜSALEMFAHRT.   H  483 

liebe  Fraw  die  Mutter  aller  gnaden  iren  lieben  sun  dias  erstmal  sach 
das  krewtz  auf  seinem  bayligen  Bücken  tragen,  do  ir  ain  schwert 
durch  ir  hertz  ging,  da  ist  gleicher  ablas  wie  gemelt  ist  Darnach 
khamen  mir  zw  dem  hawß  Pilati,  do  zaigt  man  vnnß  den  gang  vber 
die  gassen  herüber  vnd  die  zwen  stain  in  die  Mawr  gemaurt,  darauif 
vnnser  lieber  herr  vnd  Pilatus  gestannden,  als  er  den  herni  den  Juden 
zaigt  vnnd  sprach:  Ecce  Homo,  da  schryen  sy  all:  Crucifigie  eum, 
lauth  deshalb  Euangeliums.     Da  ist  gemelter  Ablas  7  Jar  7  karen.  — 

Damach  gingen  mir  in  das  Hawß  Pilati,  do  mustlan  mir  auch 
ainer  ain  Medin  geben,  da  waren  Mamelucken  in,  zaigt  man  vnnß  ain 
schon  hoch  gewelb,  ist  oben  noch  gemalet,  inmitten  desselben  gewelbs 
da  ist  die  stat,  do  vnnser  lieber  herr  gegaislet  worden,  auch  in  dem- 
selben gewelb  gekronet,  da  ist  es  aber  alls  in  vneer  gehallten,  stond 
yetz  Roß  darinn,  das  die  Chiisten  pillich  zw  hertzen  sollten  nemen 
vnnd  helffen  die  vnglawbigen  von  sollichen  Stetten  vertreyben.  Da 
ist  auch  Vergebung  aller  sünd.  Es  wurden  auch  etlich  bilgerri  daselbs 
vbel  geschlagen  vnd  von  den  Mamülugken  vnderstunden  zw  versper- 
ren, vmb  gelt  auff  zw  hallten,  das  aber  durch  den  herm,  so  mit  vnns 
ging,  abgestelt  ward.  Von  Pilattus  hawß  khomen  mir  den  rechten  weg 
fürwartz  bis  aufF  ain  krewtz  gassen,  do  kham  auff  der  rechten  hanndt 
der  arm  Simon  von  ainem  Dorff  her  ganngen,  der  da  must  das  krewtz 
nemen  vnd  dem  herm  tragen  helffen,  da  ist  aplas  7  Jar  7  karen.  Ain 
wenig  furpaß  an  einem  Eck,  alß  man  vff  die  rechten  hanndt  in  die 
gassen  wil  gon  gen  dem  Berg  Caluarie,  da  stat  ain  stain,  ist  die  stat, 
do  der  herr  sprach  zu  dem  Volck:  Nit  wainet  vber  mich,  sunder  vber 
ewch  vnnd  ewre  khindter!  Das  ist  Ablas,  wie  obstet  Ain  wenig  baß 
auffwarts  gar  nach  bey  der  Alten  Statt  Thor  gen  borg  Caluarie,  da  ist 
das  hawß  der  hayligen  Frawen  Veronica,  die  heraws  ging  vnd  dem 
Herm  ain  Tuch  gab,  sich  daran  zw  trucken,  auch  im  also  nachuolgt, 
da  ist  ablas  7  Jar  syben  karen.  — 

Von  Pilatus  hawß  bis  zw  dem  hawß  vnnser  lyben  frawen,  do  sy 
in  sach  das  krewtz  tragen,  122  schrit,  vom  haws^  Pilati  bis  an  das 
Ennd,  da  Simon  das  krewtz  nam,  ist  210  schrit  3.  —  Mer  vom  hawß 
Pilati  bis  au  den  berg  Caluarie  ist*  950  schrit*.  — 

Vom  Bach  Cedron  biß  zy  dem  hoel  Petre  vorgemelt  vnd  angezaigt 
ist  225  schritte  — 

Von  dem  hoel  biß  zw  der  Stat,  do  sy  vnnser  fraw  nidersatzten, 
als  sy  zw  grab  trugen,  schritt  303^.  — 

Von  der  Stat  bis  an  die  Staffel  des  Bergs  Sion,  do  der  herr  das 
nachtmal  aß  mit  seinen  lyben  Jüngern,  ist  schrith  370^.  — 

31* 


484  RÖHRICHT 

Montag,  der  do  was  der  tag  Maria  Magdalena  frw  da  gingen  mir 
ain  stund  vor  tags  den  perg  Sion  zw  vnd  namen  die  prüder  sampt 
vnserm  Patron  ainsthayls  mit  vnnß,  des  Ersten  gein  der  lingken  hannd 
für  die  vorgmelten  stet,  so  da  lygen  bis  an  den  bach  Cedron  vber  die 
priigk,  do  der  herr  vnnser  Erloser  durch  das  wasser  geschlaiffl;  ward, 
da  ist,  als  ichs  vor  auch  gemeld  hab,  Vergebung  aller  sünd.  Do  gin- 
gen mir  auff  die  Rechten  hanndt  hin  vnnd  aufF  die  linck  band  dem 
perg  auif  etwon  ain  halb  welsche  meyl,  da  khomen  mir  zw  dem  hawß, 
ist  nit  mer  dann  noch  ain  alt  gemaur,  zw  des  verretters  Judas,  auch 
dapey  hat  er  sich  selbs  erhennckt,  das  ist  ain  böse  statt,  da  khain 
andacht  ist  zw  suchen.  Also  gingen  wir  den  weg  für  vnnß  liin  mer 
etwo  ain  halb  welsch  meyl,  da  zaigt  man  vnns  die  Stat,  do  derfeygen- 
paum  gestannden  ist,  den  vnnser  herr  verflucht,  da  sein  noch  mehr 
feygenbaum,  aber  sy  geben  noch  khain  guete  frucht  nit  Weytter  gin- 
gen mir  fürbas  noch  ain  halbe  welsch  meyl,  do  khomen  mir  gen  Be- 
thania,  ist  gar  zerstört,  aber  ain  zimliche  große  Stat  gewest,  alls  sich 
der  Zirckel  des  allten  gemewr  außweyst,  vnd  ist  vast  stainig,  boß, 
rauch  gepirg,  hat  doch  gut  frucht,  das  zuuerwundem  ist.  Da  gingen 
mir  des  Ersten  in  das  hawß  Simonis  leprosi,  da  hat  Maria  Magdalena 
dem  herm  die  füß  gewaschen  vnnd  gesalbet,  da  ist  ablas  7  (Jar)  7  ka- 
ren.  Aber  ir  sünd  ist  in  da  nit  vergeben.  Baß  abwärts  ain  wenig 
auff  die  Recht  hannd  für  sich,  do  khomen  mir  zw  dem  Castell  Tjazari, 
von  dann  noch  bas  für  sich  zw  dem  grab  Lazari,  ist  ain  Kirchen, 
haben  die  hayden  inn,  must  ainer  ain  Medin  geben.  Hinder  dem 
grab  binden  in  der  kirchen  da  ist  die  stat,  da  Jhesus  vnser  haylmacher 
gestannden  ist  vnnd  Lazarum  hieß  auffston.  Darnach  gat  man  noch 
baß  hinder  sich  in  ain  gewelb,  do  muß  man  vnnder  der  Erd  in  ain 
loch  schlieffen,  kompt  man  wider  in  ain  klains  niders  gewelblin  gantz 
on  licht,  das  ist  newn  schwell  brayt  vnd  X  schweb  lanng,  das  ist  die 
stat,  do  Maria  Magdalena  in  büß  gewürckt  hat  7  Jar,  an  den  drey 
stetten  ist  Vergebung  bey  yedem  ort  alle  sündt  Darnach  gingen  mir 
zw  dem  hawß  Martha,  do  ist  gar  khain  Maur  mehr,  aber  man  sieht 
noch,  daß  ain  schoen  Zister  oder  ...^  da  gewest  ist,  da  ist  vnnser  herr 
vast  vil  gewest  Auch  khamen  mir  gleich  zw  dem  hauß  Maria  Mag- 
dalena, das  hat  noch  gemeur,  da  ist  der  herr  auch  ye  gewest.  In 
yctlichem  hawß  ist  Ablas  7  Jar  7  karen.  Also  gingen  wir  abwartz  zw 
dem  Stain,  do  vnnser  lieber  herr  aufirwhet,  als  er  vom  Jordan  khomen 
was.     Do  khamen  die  Maria  Martha  zw  dem  herm,  klageten:    0  herr, 

1)  Lücke. 


BSRICHT  ÜBER  EINE  JEBUSALKMFAHBX.   n  485 

vnnser  bruder  ist  gestorben,  werst  du  hie  gewest,  Er  lebt  noch,  also 
sagt  der  herr  weyter  (im  Euangelio):  Gat  hin,  Lazarus  wirt  wider  auff 
ston;  da  ist  ablas  7  Jar  7  karen.  Damach  zugen  wir  weytter  für  auf 
die  gerechten  hanndt  den  berg  binden  auf  Oliueti,  do  khamen  mir  an 
die  stat,  do  das  dorfflin  Betphage  gewest  ist,  da  vnnser  herr  die  zwen 
Jünger  von  im  in  die  stat  schickt  auf  den  palmtag,  ime  die  zwen  Esel 
zw  pringen.     Da  ist  ablas,  wie  nechstgmelt  ist  — 

Ain  wenig  fürpas,  do  khamen  mir  zw  ainem  großen  stain,  ist  ein 
Yelß,  do  der  herr  auf  den  Esel  saß  vnnd  noch  all  Jar  so  khomen  alle  . .  .^ 
von  Cristen  vnd  die  briider  vom  berg  Sion  dahin,  vnd  setzen  den  Gar- 
dion auf  ain  Esell  auf  den  palmtag  vnnd  werffen  im  Zwoyg  von  dem 
Ölbaum  vnnder,  gleich  wie  vnnser  Erloser  eingeritten  ist  biß  auf  den 
berg  Sion.     Da  ist  aplas  7  Jar  7  karen.  — 

Vnnd  alls  mir  auff  den  berg  Oliueti  khomen,  do  gingen  mir 
abwärts  vnnder  die  Erdt,  da  ist  ain  kirch  der  hayden,  ist  die  stat,  do 
sant  Pelagia  büß  gcwürckt  hat,  mir  musten  auch  ain  Medin  geben.  Da 
ist  aplas  wie  vorgmelt  Demnach  gingen  mir  wider  auffwarts  in  den 
hayligen  Tempel  des  hayligen  berg  Oliueti,  da  ist  ain  schone  große 
kirchen  gewest,  darinn  ist  auch  ain  Mindere  Gapell,  die  ist  noch  ganntz, 
darinn  ist  der  Stain,  daraufF  vnnser  lyber  herr  gestannden,  do  er  zw 
Himel  fuor,  do  sieht  man  noch  den  drith^  gerayt  von  ainem  fuß  des 
herm,  wie  Er  gestanden  ist.  Die  kirchen  haben  die  Hayden  inn  vnd 
in  Eeren,  verpringen  auch  ir  gepett,  da  ist  Vergebung  aller  sünd  für 
pein  vnd  schwld.  Darnach,  als  wir  auß  der  kirchen  khomen,  do  gin- 
gen wir  ain  wenig  auff  die  Rechten  hanndt,  da  ist  die  Statt,  do  die 
zwolflf  Jünger  boy  ainander  waren  vnd  den  glawben  machten,  vnd 
hynach  den  an  allen  orten  vnd  Lannden  predigt  Da  ist  auch  souil 
Ablas.  — 

Darnach  gingen  wir  wider  auff  die  lingk  hanndt  hinumb,  nach 
aincr  stain  Maur,  da  sein  stain  Vells  vnd  locher  darinn,  da  hat  vnnser 
lyber  herr  vnd  heyland  seine  Jünger  das  Paternoster  gelernt  Da  ist 
Ablas  wie  uorgmelt  7  Jar  7  karen.  — 

Demnach  gingen  mir  wider  ain  wenig  auff  die  Rechten  hanndt,  do 
ist  die  stat,  do  die  Jünger  zw  dem  herrn  khamen  vnnd  fragten  in:  Herr: 
wie  baldt  wird  das  Jüngstgericht?  Antwort  der  Herr:  Ir  solt  nit  wis- 
sen die  haimlichait  meins  himlischen  Vatter  vnd  mein,  sonnder  Er  ver- 
sprach In  da  den  hayligen  gaist  zw  schicken ,  der  sy  solt  aller  warhait 
vnnderweysen  laut  Euangeliums.     Da  ablas,  wie  vorstet     Baß  abwärts 

1)  Lücko.  2)  Tritt 


486  BÖHEICHT 

auf  die  ling  hanndt,  da  ist  die  stat  bev  ainem  gartten  Thor,  da  ynnser 
liebe  Fraw  ofift  geniet  hat  nachdem,  alis  sy  die  hayligen  Stett  nach 
dem  leyden  Christi  gesucht  hat.  Da  ist  auch  gemelter  aplas.  Darnach 
gerad  für  sich  abwärts  khomen  mir  an  die  haylig  statt,  do  der  herr 
vber  die  Stat  weinet,  dauon  stond  noch  zwelf  Ölbaum,  die  zw  der  Zeit 
gestannden  seind,  do  die  Juden  die  Zweig  abprachen  vnd  dem  herrn 
vnderwurffen,  als  er  auf  den  palmtag  gen  Jherusalem  ryth.  Die  stat 
ist  auch  gerad  gegen  der  gülden  portten  vber,  aber  ligt  hocher  dan 
der  gartten,  do  der  herr  in  gepettet  hat.  Do  gerad  darob  da  haben 
die  hayden  auch  ein  bethhawß,  aber  offen,  da  ist  auch  aplas  wie  berürt 
7  Jar  7  karen.  — 

Demnach  gingen  wir  wider  abwartz  in  das  gewelb,  do  der  herr 
bettet,  vnd  von  dan  in  vnnser  lieben  frawen  kirchen,  do  sy  ward  be- 
graben, da  musten  mir  aber  ain  Medin  geben,  do  holten  mir  den  Aplas, 
do  ist  vergebimg  aller  sünd.  Nach  dem  gingen  wir  heim  vnd  rwheten 
in  der  herberg  bis  nach  dem  nachtmal.  — 

Am  Montag  zw  Abent  am  tag  Maria  Magdalena,  do  gingen  mir 
auß  mit  zwen  brüder  von  dem  Berg  Sion,  zaigt  vnns  etliche  mechtige 
allte  bow,  die  Christen  gethan  haben,  auch  die  Kodisser,  dieweyl  sy 
Jherusalem  inngehapt  Do  khamen  mir  zw  der  ersten  Portten,  als 
Hcrodes  Peti-um  gefanngen  hatt  vnd  wolt  in  todten  lassen  vnd  die  Chri- 
sten vertreyben,  alls  das  die  Christen  vernomen,  do  gingen  sy  in  ain 
Tempel,  do  waren  man  auch  inn  vnd  haben  in  noch  die  ...^  seind  die 
eltstcn  kristcn,  wir  Rochen  seyd  des  leyden  Christi  ^  vnd  betten  ain 
vcrsamlung,  wie  sy  sich  hallten  sollten,  waren  ganntz  verzweyfflt,  da 
ir  Herr  BischofF  Petrus  gefanngen  was  vnd  also  solt  gedoet  werden, 
do  kham  Sannt  Petter  auß  der  gefenncknus  vnd  ging  die  eysse  portten 
gen  inne  aufif^,  vnd  ging  zw  den  Christen  in  das  hawß,  trost  sy  laut 
der  Episteln:  Misit  Herodes  Rex*.  — 

Da  ist  an  bayden  orten  aplas  7  Jar  7  karen.  — 

Demnach  gingen  mir  wider  hinder  sich  zw  dem  hauß,  do  Sannt 

Joannes  in  geporen  was,   ist  gar  ain  alten  kirchen,   haben  die  Grecy 

innen,  die  haben  nur  ain  got,  ain  glauben,  ain  bett,  ain  Alltar,  musten 

wir  auch  ain  Medin  geben.     Da  ist  Aplas  wie  gemelt  ist  7  Jar  7  karen. 

Am  Zinstag  morgen  frw  komen  mir  auff  den  perg  Sion,  do  hor- 
ten mir  Meß,  nach  demselben  gingen  wir  auf  die  Rechten,  den  borg 
hinfücr,   da  wardt  vns  gezaigt  der  berg,   der  ligt  am  tall  Ennon^,   do 

1)  Lücke.  2)  üuverständüch.  3)  Vgl.  Tobler,  Topogr.  I,  413  fg. 

4)  Actor.  Xn,  19.  5)  Hinnoin. 


BERICHT  ÜBER  EINS  JEBU8AHMFAHRT.   n  487 

der  Eangel  zw  Abraham  kam  vimd  zaigt  im  den  berg  Galuarie,  da  soll 
er  sein  sun  opffern,  des  er^  ... 

Weytter  abwärts  gingen  wir  hinab  in  dem  Thall  Sillo^,  da  ist 
ain  brun  auff  der  gerechten  hanndt  tieff  in  Felssen,  da  hat  vnnser  liebe 
Fraw  dem  Herrn  Jesu,  irem  Sun,  die  windlen  oder  tüchlen  gewaschen 
in  seiner  Jagend,  da  ist  khain  aplas  nit  Wir  gingen  auffwarts  das 
thal  auff  die  gerechten  hannd,  do  khamen  mir  zw  ainem  Wasserfluß 
still.  Da  ist  ein  schon  allt  gepew,  der  fluß  eingefaßt,  auch  ain  weyer 
vnnd  ain  schonen  gartten  gewest,  yetz  aber  alls  zerstört,  dan  der  fluß 
ist  noch  vnnd  das  allt  gemeur  in  der  Erden  stat  noch.  Dis  hat  Salo- 
mon  gepaut.  Es  haben  auch  die  Eünig  gemaingklich  an  diesen  enden 
triumphiert  vnnd  auch  die  Abtgotter  angebett  In  dysem  wasser  ist 
der  vssatzig  gesund  worden,  alls  in  der  herr  hieß  darinn  gon  sich 
waschen,  laut  im  euaugelio.  Da  ist  alles  7  Jar  7  karen.  Auff  die 
ling  hannd  hinder  sich  da  zaigt  man  vns  die  stat  bey  ainem  bäum, 
da  ist  vor  Zeitten  ain  HoUderbaum  gestannden,  da  ist  Elesias^  der 
prophet  eingestossen  worden  vnd  mit  ainer  hilltzen  seggen  enntzway 
geschnitten.    Da  ist  ablaß,  wie  oben  gemelt  ist.  — 

Darnach  bas  auffwarts  auff  die  gerechten  hanndt  an  berg  der 
lincken  hannd,  da  khomen  mir  zu  vill  Jüdischen  begreben  vnd  dar- 
nach zw  ainer  Hoell  im  berg,  do  sich  die  lieben  Jünger  den  merer- 
thayl  in  verporgen  vnd  vorschlüffen  in  dem  leyden  Christi,  drey  tag 
vnd  drey  necht     Da  ist  gleicher  Aplas.  — 

Ain  wenig  bas  autfwartz  des  bergs  kamen  mir  auff  den  Acker 
Achel  domach,  der  vmb  die  dreyssig  pfenning  ward  kaufft,  darumb 
vnnser  erloser  verkhaufft  vnnd  verraten  was  worden,  den  hat  Sannt 
Helena  lassen  vmbmuoren  vnd  oben  gewelben,  hat  oben  newn  loecher, 
dreyssig  schritt  lanng,  XXV  braith*,  do  pflicht  man  die  Christen,  so 
es  begern,  die  zw  Jherusalem  sterbennd,  einzulegen,  da  wirfft  man  sy 
hoch  hinab  durch  die  loecher.     Da  ist  ablas  7  Jar  7  karen.  — 

Von  dissera  gotsacker  gingen  wir  durch  ein  Weingarten  vnnd  in 
ain  thayl,  haist  Ennon,  do  sahen  mir  auf  die  lingk  hannd  oben  lygen 
für  sich  ain  wenig  das  hauß  malo  consilio  des  bössen  Bats,  do  Judas 
einkam  zw  den  phariseyen  vnd  vnsern  herrn  verkhaufft  ^  — 

Demnach  ain  wenig  für  sich  in  dem  Thal,  da  ligt  gar  ein  schone 
Statt  aines  weyors  gewest,  auf  der  gerechten  hannd  ain  alter  thum, 
dapey  ein  schöner  lustgartt,  das  hat  Dauidt  im  zw  lust  gepawen^    Zw 

1)  Lücke.  2)  Siloah.  3)  Jesaias;  vgl.  Tobler,  Topogr.  IT,  205  —  6. 

4)  Andere  masse  obd.  262—263.  5)  Vgl.  ebd.  6  —  12.  6)  Ebd.  82. 


488  BÖHBICHT 

sollichem  wasser  was  daß  weyb  Vrios  ain  Ritter,  den  Dauidt  in  krieg 
schickt  mit  beuelch,  das  er  seit  erschlagen  \yerden,  Potsebea  genant, 
vnd  ließ  ir  ain  magt  ire  fiißh  waschen,  deshalb  Dauidt  vor  der  thür 
durchgesiebt  der  weyssen  pain,  in  lieb  entzünt  wardt  vnd  sündet, 
darumb  er  darnach  büß  gewürckt  vnnd  die  puß  Psalmen  gemacht 
Darnach  gingen  wir  das  thall  auö'  an  dem  berg  Sion  auff  die  gerecht 
hannd,  do  khamen  mir  zw  dem  starcken  schloß,  das  die  von  Pissa 
gepawet  haben,  aber  es  ist  auch  zerstört,  sonnder  eß  haben  ytz  die 
Ttirckischen  herrn  hawß  darinn.  Do  gingen  wir  in  vnser  herberg  vnd 
rweten  bis  zw  Vesper  Zeit  usw.  — 

Nach  vesper  ließ  man  vns  wider  in  den  Tempel  des  hayligen 
grabs  usw.  — 

Am  Sambstag  nach  mittag  vmb  vesper  Zeytt  wurden  wir  in  den 
wirdigen  hayligen  Tempel  des  hayligen  grabs  gelassen.  Vnnd  als  wir 
hinein  khomen,  da  samleten  wir  vnns  in  der  Brüder  Capell  von  dem 
berg  Sion,  vnd  darnach  hüben  die  brüder  ain  schone  proceß  an  vnnd 
gingen  des  ersten  in  die  Kapelle  der  vrstennd  Cristi,  geweicht  der  eer 
vnnser  lyeben  frawen,  mit  andechtigem  gesanng  vnnd  hotten  wir  Bil- 
ger  all  brünnend  kertzen  in  den  henden.  Also  des  ersten  so  zaigt  man 
vnns  den  ober  mitler  altar  der  Capell ,  da  hat  vnnser  liebe  fraw  genvet 
nach  dem  tod  Christi,  biß  sy  warlich  die  vrstennd  Christi  ires  lieben 
Sun  gewust  hat,  in  der  Capell  au£F  der  Rechten  hannd  ist  ain  altar, 
darinn  von  ain  stuck  von  der  seul,  daran  Christus  vnnser  erloser  ge- 
gayslet  worden  ist.  Auff  der  lingken  hannd  der  Capelln  vnnd  das  halb- 
thayl  von  dem  hayligen  krewtz  verborgen  in  die  maiir,  da  ist  auch 
ain  altar,  das  ander  thayl  ist  gen  Constantinopel  gefürt  worden.  Doch 
so  soll  noch  ain  stuck  in  dyser  Mur  lygen  von  dem  krewtz,  ich  habs 
aber  nit  gesechen.  Mer  inmitten  dyser  Capell  ist  ain  Rund  verzaich- 
net  mit  mancherlay  stain  in  Zircken,  do  ist  die  Stat,  do  man  nitt  hat 
erkhent  nach  erfindung  des  krewtz  Christi  vnnd  der  zwayer  Jünger, 
welches  deß  herrn  Jhesu  gewest  wer,  das  ward  daselbs  auff  ain  todte 
frawen  gelegt,  die  man  da  begraben  sollt,  die  ward  von  dem  hayligen 
Crowtz  Christi  lebenndig  laut  außweysung  Inuentionis  crucis.  In  der 
Kapel  ist  von  der  4  heyligen  stetten  Vergebung  aller  sünd.  — 

Darnach  gingen  wir  in  loblicher  proceß  mit  schöner  Andacht  vnd 
Lobgesanng  des  Salue  Regina  fünff  sprossen  ab  auß  der  Capell,  gleich 
ain  schrit  daruon  da  ist  die  stat,  da  der  herr  Jhesus  Maria  Magdalena 
nach  der  Vrstennd  in  ains  Gärtners  weiß  erschynen  ist,  vnd  gleich  für- 
paß ain  4  schritt  da  ist  die  Stat,  da  Maria  Magdalena  gestanden  ist  vnd 
den  herrn  Jesum  fraget,  ob  er  nit  west,  wer  den  herrn  auß  dem  grab 


BKBICHI   ÜBEB  VOSS  JIBüSALEMFAHBT.  n  489 

hett,  oder  ob  er  eB  thoa  hett  Das  beschach  auß  hytzigem  inbrünsti- 
gem liebe,  so  sy  zw  dem  herrn  hett,  dann  sy  erkhannt  in  nit,  biß 
das  der  Herr  Jesus  sy  anredt  laut  Euangely,  ist  ablas  7  Jar  7  karen.  — 

Darnach  gingen  wir  mit  der  proceß  53  schritt,  gat  auff  die  ling 
hannd  die  abseytten  auf  vnd  drey  sprotzel  ab  in  ain  Gapell,  da  ist  ain 
altar,  da  ist  die  spelunca  oder  gefenncknus  gewcst,  do  vnnser  lyber 
herr  Jhesus  in  gelegen  ist  am  berg  Caluarie,  biß  das  krewtz  gemacht 
ist  vnd  die  Juden  ir  sach  zw  dem  Marter  des  vnschwldigen  lamp  auf 
das  best  zwgericht  hetten.  Da  ist  aplas  vei^gebung  aller  sünd,  haben 
die  Gersy  oder  Grecy  inn.  — 

Weytter  so  gingen  mir  darnach  wider  ain  wenig  hinder  sich, 
vnnd  vmb  ain  bogen  hinumb,  noch  auff  ain  abseytten  neben  dem  Chor 
oder  kriechischen  kirchen  hin  vngefer  bey  80  schritten,  da  ist  ain  offne 
Capell  vnd  ain  Altar,  da  ist  die  stat,  do  die  Juden  vmb  vnnsors  Üben 
herrn  ßock  gespilt  haben,  den  im  vnnser  lybe  fraw  die  Mutter  gots 
in  seinen  Jüngern^  gemacht  hett  Da  ist  vorgebung  7  Jar  7  karen, 
haben  die  Armenier  inn.  — 

Von  der  Capellen  gingen  wir  drey  sprossen  ab  vnnd  drey  schritt 
für  sich  auff  die  lingk  handt,  do  gingen  mir  ain  stiegen  ab  acht  und 
zwantzig  staflfel  in  ain  Eapel,  ist  in  der  Eer  sant  Helena  gepawen,  es 
ist  auch  ir  bett  vnud  schlaffhawß  gewest,  da  haut  sy  sich  stets  geübt 
vnd  graben  lassen  das  haylig  Orewtz  zw  finden.  Es  ist  noch  ain  fen- 
ster  in  der  Kapell  auff  die  Rocht  hannd  pey  dem  großen  Altar,  daraus 
sy  stets  gelügt  hat  irn  leutten  zw,  die  in  ain  Vellsen  geprochen  haben 
nach  dem  hayligen  Crewtz,  da  ist  in  dem  graben  gelegen  der  alten 
Stat  Jherusalem  das  Vest,  sieht  noch  in  die  Capell,  vnnd  die  haylig 
Fraw  Sannt  Helena  die  ligt  zw  Venedig,  da  hab  ich  ir  hayligen  leyb 
gesehen.  In  diser  Capell  ist  aplas  vnd  Vergebung  aller  sünd,  haben 
die  Armenier  in.  In  diser  Capell  gingen  mir  von  dem  Alltar  vmb  ain 
pfeyller  zwainer  stygen  dreyzehen  schrit  vnnd  die  stigen  ab  12  Staffel 
vnnd  von  dann  in  ain  Capell,  12  schrit  lanng,  da  ist  die  stat,  do  das 
haylig  Crewtz  in  gefunden  ward,  vnnd  ift  auch  ain  alltar,  da  ist  ablas, 
Vergebung  aller  sünd.  Die  Capell  ist  oben  ain  halber  velß  vnd  das 
annder  thayl  geweiht  vnd  durch  die  stiegen  ab  ist  es  auch  ain  Vellß. 
Das  gemaurt  ding  ist  der  stat  graben  gewest,  als  ich  vor  auch  gmel- 
det,  die  stat  do  das  in  gefunden,  haben  die  Grei  inn  vnd  den  Alltar 
die  Brüder  vom  berg  Sion.  Also  gingen  mir  wider  die  gmelten  stigen 
auff  vnd  gleich  sechs  schrit  hinumb  aufT  die  lingk  Hannd  in  ain  Capel- 

1)  Mass  wol  hüisscn:  iu  seinen  jüngeren  jähren. 


490  BÖHBICHT 

len,  do  ist  aia  stain,  drauff  oder  daran  ynser  her  Gristus  gesessen  ist, 
als  er  krönet  worden  ist,  ligt  in  ainem  Altar.  Da  ist  aplas  7  Jar 
7  karen.  — 

Dise  Capell  haben  die  Indier  innen,  von  dyser  Capell  auch  hin- 
umb  für  sich  auff  die  lingk  Hanndt  als  in  ainem  Bund  hinumb  zw 
gan  gen  dem  berg  Galuarie,  da  ist  XYIII  schritt,  vnd  von  dann  ist 
noch  gar  den  berg  hinauf  zw  gan  biß  an  die  stat  Golgatha,  da  das 
krewtz  gestanden  ist,  zu  dem  hayligesten  loch  zweintzig  Staffel  hoch, 
wiewol  der  berg  vil  hocher  ist,  aber  der  gantz  Tempel  ligt  auf  dem 
porg,  das  macht,  das  die  minder  hoche  daher  nit  gerechnet  wirt,  bey 
dem  hayligen  loch  ist  kain  AUtar  vnnd  ist  weyt  mit  gar  ainem  . .  .i  vnnd 
Rund,  auch  oben  mit  ainem  Silbern  ploch  besetzt,  das  mir  nit  daruon...' 
vnd  ist  vmb  das  loch  zwen  schritt  brayt  vnd  3  lanng,  mit  merbel 
schoen  besetzt  vnnd  ist  das  loch  ain  elenbogen  tieff,  daruon  auff  die 
gerechten  Hanndt  ist  der  Yellß  von  ainander  gespalten,  alls  das  ich 
wol  nach  der  seytten,  dannen  nähet  durch  den  velß  ab  vnnd  ab  vnd 
gleich  hinumb  ain  schrit,  ain  wenig  herfuer  da  ist  ain  alltar,  die  statt, 
do  vnnser  lyeber  Herr  Jesus  Gristus  der  aller  Rainester  Jungfraw  sei- 
ner lyben  mutter  ward  tod  von  dem  krewtz  in  die  schoos  gelegt,  gleich 
dameben  ist  ain  Alltar  vnd  3  oder  vier  schrit  daruon  ist  die  stat,  do 
der  herr  vnser  Erloser  erstlich  ann  das  krewtz  vnbarmhertzigkUch 
geftreckt  vnd  genaglet  ward,  auff  der.  lingen  seytten  dyser  Gapeil  ist 
ain  Alltar,  do  deß  gerechten  Schachers  krewtz  gestannden  ist,  so  man 
aber  in  der  Gapell  ist,  so  sieht  man  den  . .  .^  Schacher  auff  der  gerechten 
Hannd.  Dyse  kapeil  ist  ganntz  gefiert  vnd  mit  schoen  marbel  gemacht 
versetzt  an  die  altar  vnd  Staffel  oder  bennck  gleich  XH  schrit  braytt 
vnd  12  lanng.  Da  ist  Vergebung  aller  sünd  vnd  haben  das  halbthail 
dyser  Gapell  auff  der  Rechten  Hannd  auch  die  prüder  vom  perg  Sion 
inn,  das  annderthayl  die  Grey  oder  Gersy.  — 

Zw  der  lincken  Hanndt  ausserhalb  des  Tempels  an  der  kapeil  do 
ist  die  stat  auch  in  ainer  kapeil,  do  die  Jungfraw  Maria  das  letzstmal 
stund  vor  dem  herm  wol  10  schritt  weyt  neben  im,  do  er  sy  trost 
vnd  ir  Johannem  zw  ainem  beschirmer  gab  vnnd  Sant  J.  ir  zw  ainem 
Sun  gab  laut  des  passions.     Da  ist  auch  usw.  — 

Auß  dyser  kapell  gingen  mir  wider  hinab  in  die  weytte  des  tem- 
pels  mit  der  proceß,  vnden  an  dem  berg  Sechszehen  schritt  von  der 
stiegen  vnnd  doch  glich  vnnder  der  Gapell,  da  sahen  mir  noch  mer  der 
grawssamliche  Riß,   so  in  den  vellsen  gethon  ist  in  dem  pitter  leyden 

1)  2)  3)  Lücke. 


BEBIGHT  ÜBEB  ONl  JXBU8ALKMFAHBI.   n  491 

vnd  sterben  Jhesu  Christi,  des  Sun  gottes.  In  dem  vmgang  der  kapei- 
len lygen  zwen  Christenlich  kunig  von  Jherusalem,  gnant  Gottfridas 
vnd  Gontabundus^  Bex.  Da  ist  aplas  7  Jar  7  karen,  haben  die  Gersy 
oder  Grey  inn.  — 

Auß  diser  Capell  khomen  wir  wider  in  die  wit  des  tempels,  gleich 
neben  dem  oingang  des  Tempels  fünff  schrit  von  dyser  kapeil  da  ist 
die  haylig  stat,  do  vnnser  liebe  Praw  Maria  Magdalena  vnd  ire  Schwe- 
ster vnd  Joseph  von  Arimathia  sampt  dem  fromen  Vatter  Nicodemo 
den  herrn  salbeten  vnd  balsamierten,  des  der  silß  Herr  nit  bedorfiPt 
het.  Da  ist  vil  vorgiessungh  der  ausserwelten  mutter  Maria  vnd  ir 
gesellschafft  der  traer^  geschechen,  es  ist  fürwar  gar  ain  andechtig  Hay- 
lig Statt,  da  ist  Vergebung  aller  sünd  für  pein  vnd  schwld.  Do  gin- 
gen wir  fürpaß  noch  XHI  schritt,  da  ist  die  statt,  do  die  Jungfraw 
Maria  ir  lyeben  Sun  das  erstmal  am  staine  des  hayligen  Crewtz  ersach, 
das  ist  auch  gleich  gegen  dem  krewtz,  da  hat  der  herr  nichts  mit  der 
Bainen  mutter  geredt,  des  sy  beschweret  besonnder,  dann  sy  was  im 
zw  weyt,  nach  dem  ist  sy  erst  an  die  vorgmelt  stat  khomen,  ain  wenig 
gegen  dem  krewtz  auff  die  Recht  Hanndt,  außwaits  vor  der  stat 
halben  die  kriechen  vast  vil.  Von  der  Stat,  do  der  herr  gesalbet 
ward,  da  ist  XLI  schritt  bis  in  das  haylig  grab,  da  mag  ain  yeder 
wol  denncken,  was  die  betrübt  Muttor  Maria  sampt  ir  hayligen  gesell- 
schafit  für  groß  sclimertzen  vnnd  Hertzlayd  gehapt  hat  mit  irem  lieben 
Sun  Jhesu  Christo,  der  ir  doch  gar  ser  verwannt  was  vnnd  allen  leip- 
lich  trost  verloren  hat.  0  we  des  grossen  schmertzen,  die  deßmals  die 
khunigin  aller  gnaden  hott  omb  vnnser  willen  vnd  sünd,  ir  lieber  sun 
da  also  vbel  gemartert.  Das  sollen  wir  pillich  bedenncken  vnd  got 
seins  pittern  leydon,  sterben  vnd  marter,  samt  seiner  gebenedeyten 
mutter  Maria,  vmb  alle  gnad  vnnd  Barmhortzigkait  dannckpar  sein. 
Also  gingen  mir  in  das  Haylig  grab,  das  stet  binden  im  Tempel  vnnd 
ist  der  Tempel  oben  nyt  gedeckt  vber  das  grab,  also  das  eß  vnnderm 
Himel  statt  Das  grab  hat  droy  Capellen,  in  der  mitten  das  grab,  aber 
außwendig  sieht  eß,  alls  sey  es  nur  ain  Capell,  da  ist  Vergebung  aller 
sünd,  das  haben  auch  die  prüder  vom  perg  Sion  in,  doch  haben  die 
annder  Secten  . .  .^  auch  darin  meß.  Do  gingen  wir  vnd  machten  kelch, 
gaben  vns  die  prüder  wein,  doch  betten  mir  selbs,  das  mir  des  nit 
bedoriften,  das  Haylig  grab  haben  auch  die  Brüder  vom  Berg  Sion 
innen.   — 

1)  Balduinus  I.  2)  Trauer. 

3)  Lücko. 


492  RÖHBICHT 

Zuuerstan,  das  ich  die  schrit,  so  ich  do  uor  schreyb,  also  man^ 
wie  ainer  sunst  zimlich  gatt.  — 

Die  Capell  hiaden  am  Heyligen  grab  haben  ina  die  Jacobitter, 
sein  der  kirchen  vnderworffen.  — 

Hinder  demselben  an  der  Bechten  kirchmaur  ist  ain  Capell,  seind ...' 
Mer  ain  Capell  aufF  die  lingk  hannd  des  Hayligon  grabs,  Priester  Johan 
glauben  vnnderworfifen,  doch  auch  Cristen  heyssen  die...^  Auf  dersel- 
ben Capell  in  dem  hoch  mer  dan  30  Staffel  ain  stigen  auff,  do  ist  ain 
Capell,  haben  die  Armenier  in,  sein  aber  vil  der  Nation,  die  vnnder 
dem  Türeken  vnd  Soldan  seindt  — 

Der  kor,  aber  die  groß  mitlest  Capell  in  der  kirchen  haben  inn 
die  Grey  vnd  haben  ain  guten  glawben,  seind  auch  frum  vnd  recht 
Christen,  dann  das  sy  der  kirchen  oder  Bepstlichem  stul  nit  vnder- 
worffen wollen  sein,  vnnd  das  Sacrament  ny  essen  sy  in  zwayerlay 
gestalt  vnder  wain  vnnd  prot,  glawben  sonst  alle  ding  Recht  vnd 
sing(en)  all  Horas,  die  Gersy  hangen  in  an,  seind  ine  in  allen  dingen 
gleich,  dann  das  sy  nit  ir  sprach  reden.  — 

In  dyser  grossen  kapeil  ist  inmitten  ain  stain,  darin  ain  Bund 
loch,  da  soll  es  mitten  in  der  weit  sein,  das  mag  sein,  aber  doch  lautt 
vns  Weyssagung  der  Bibel  oder  prophocey,  so  hat  Cristus  vnnser  erlo- 
ser inmitten  der  Wellt  gemartert  sollen  werden,  das  ist  nun  alß  im 
Hayligen  templ  des  bergs  Caluarie,  welches  ja  dasselb  mittel  sey,  will 
ich  gutlich  glawben.  — 

Am  Zinstag  abent  khomen  mir  in  den  hayligen  Tempel  vnd  ver- 
prachten  die  nacht  Vnser  gepett,  vnd  am  Mitwoch  morgen,  am  Abent 
des  hayligen  zwolffpotten  Sant  Jacobs  abent,  khomen  mir  wider  her- 
aws.  — 

Nach  dem  gingen  wir  zw  der  Herberg  vnd  rwten  biß  vesper  Zeyt 
do  sasson  wir  auff  die  essel  vnd  ritten  geen  Bethlehem.  — 

Am  mitwoch  zw  Abenndt  do  gingen  wir  zw  dem  kloster  auff  den 
borg  Sion,  funden  wir  die  Esel  vnnd  ritten  auß  gen  Bethlehaim.  — 

Zw  dem  ersten  von  Jherusalem  auß  bey  zwü  wellisch  meyln  mit- 
ten mir  durch  schon  weingartten,  daselbs  ist  ain  paum,  da  zaigt  man 
vnns  die  statt  bey  ainem  stain  in  ainer  Maur  aines  Weingartten,  do 
vnnser  Fraw  ofPt  gerwhet  hat,  als  sy  wider  vnd  für  ging  von  Jheru- 
salem vnd  Botlehaim.  — 

Nit  weytt  dauon  khamen  mir  zw  ainem  Zistern,  sollen  noch  zwen 
gewest  sein,  darob  soll  der  stern  den  hayligen  drey  khünigen  erschin- 

1)  Verschrieben  für:  nain.  2)  3)  Lücke. 


BESICHT  ÜBRR  UNS  JERUSALEM  PAHRT.   11  493 

nen  sein,  alls  sy  zw  Jherusalem  wider  außritten  von  dem  Künig  Herode, 
als  sy  in  verloren  betten  gehapt,  baß  hinfür  auff  der  gereebten  Hannd, 
do  ist  die  stat,  da  Abacuck  ward  von  dem  Engel  bey  dem  schopff 
genumen,  vnd  zw  Daniel  in  die  Lewen  grub  gefiirt  wart  laut  der  Bibell. 
Auff  der  lincken  hanndt,  da  stat  ain  kirch  Sant  Elia  genant,  die  haben 
die  Kriechen  inn,  da  ist  Helias  gepom  worden.  — 

Darnach  khonien  mir  fürpaß  zw  ainem  grab,  ist  vmbmurt  wie 
ain  kirch,  da  ist  Rachahelis,  Jacobs  des  patriarchen  hawsfraw  begra- 
ben. — 

Nach  dem  für  sich  auff  der  lingken  hanndt  ligt  ain  Acker,  do 
hat  zw  der  Zeit,  allß  vnnser  lybe  fraw  etwo  von  Bethlaem  gen  Jheru- 
salem wandlet,  ain  pawr  geackert  vnd  gesehet  erbß,  da  ist  vnnser  liebe 
Fraw  die  mutter  aller  gnaden  für  ganngon  vnd  dem  pawrn  zwgespro- 
chen  vnd  in  gegrüst,  darzw  in  gefragt,  was  er  doch  guts  see.  Da  hat 
der  pawr  gesagt:  stain,  vnnd  der  mutter  gots  Christi  gespott,  da  hat 
vnnser  lybe  Fraw  gesagt:  So  pleyben  eß  stain!  Also  sein  auf  dysem 
Acker  auß  den  erbisen,  so  der  pawr  geseet  hat,  also  stain  worden, 
denn  ich  auch  hab  scheut,  wie  die  arbais,  vnnd  fint  man  noch  hewt 
zw  tag  stets  derselben  stain.  — 

Von  dann  ritten  mir  gen  Bethleheim,  daselbs  musten  mir  in  das 
kloster  eingon,  gaben  ein  Modin,  do  gab  man  vnns  alle  gut  g^  vnnd 
wein  vnnd  prott  zimlich  genung,  vnd  gleich  do  gingen  mir  wider  auß 
in  Sanct  Katharina  Capell,  do  machten  mir  ain  proceß.  Erstlich,  do 
gingen  wir  mit  schonen  proceß,  alls  mit  brünnenden  lichtem  auß  der 
Capell  sannt  Katharina  in  den  krewtzganng,  daraus  in  ain  kapell  Newn- 
zehen  Staffel  ab  in  ein  schon  Capell  vnnder  der  erd.  Da  hat  Sannt 
Jheronimus  büß  gewirckt,  vnnd  die  Bibel  von  Hebraysch  vnd  von  He- 
bräisch *  zw  kriechisch  vnd  auß  kriechisch  zw  latoin  gemacht  Da  ist 
aplas  7  Jar  7  karen.  — 

Auff  der  Rechten  handt,  hinein  baß  in  die  kapell  binden  ein  da 
ist  der  haylig  Jheronimus  dos  ersten  begraben  bewest  vnd  sein  Sun 
Eusebius  auff  der  lingen  hannd  in  dyser  kapellen.  Do  ist  auch  Ablas 
7  Jar  7  karen. 

Damach  gingen  wir  auß  vnnd  khomen  in  den  grossen  Tempel, 
ist  gar  ain  schone,  kostliche  kirch  gewest,  aber  zergat  vast,  do  khamen 
mir  femer  auff  dis  die  Rechten  hannd  neben  dem  Chor  zw  ainem  AH- 
tar,  da  Cristus  vnnser  erloser  das  erstmal  sein  hayliges  plutt  von  vnn- 
ser aller  süud  wegen  vergossen,   daselbs  ist  der  Herr,   als  er  acht  tag 

1)  Nicht  ausgeschrieben.  2)  Sic. 


494  RÖHKICHT 

allt  was,  beschnitten  worden,  das  ist  Vergebung  aller  sündt  Von  dan- 
nen  gingen  mir  durch  den  Chor  ein  durch  vnnd  auf  die  linck  hanndt 
des  Chores  in  der  grossen  kirchen,  da  ist  ain  Altar,  do  der  stem,  der 
die  Haylig  drey  khünig  wyset,  still  stund  zw  ainem  Zaichen,  das  da 
der  grosmechtig  khünig  der  Juden  vnd  allen  gnaden  gebom  was,  do 
legten  sich  die  hayligen  drey  khünig  an,  vnd  richtet  ir  opfFer  zw,  bey 
diser  stat  des  altars  ist  ablas  Vn  Jar  TIl  karen.  — 

Darnach  gingen  wir  auff  die  Rechten  hannd  ain  stiegen  ab  Sech- 
tzehen  staflfel  gleich  an  der  dem  Chor  der  grossen  kirchen,  do  khamen 
mir  zw  dem  hayligisten,  frolichsten  stat,  so  ich  nie  gesehen  hab,  die 
hallt  ich  für  die  hayligsten  vnnd  frolichsten,  dann  da  der  an&ng  aller 
erlosung  des  Christenpluts  gewest  is  für  war.  Es  waren  vnnser  bey 
130  auff  einmal  in  dyser  Capell,  do  hortte  ich  von  dem  Maister.  Es 
war  mir  auch  also,  es  bezaigt  es  auch  vil  mit  den  Wercken,  das  ainem 
das  hertz  im  leyb  vor  frewden  lacht  in  diser  Capell  zw  khomen  vnnd 
die  haylig  Stat  zw  sechen.  Ich  will  das  glawben,  an  allen  andern 
haylig  Stott  zu  veracht,  so  ist  es  ain  stat,  die  in  mir  grossen  frewden 
vnd  gar  innigklich  zw  Andacht  ermant  vnd  warlich  ainem  yeden  Chri- 
sten besonder  danckbar  macht,  vmb  alls  guts.  Die  stat  ist  vnder 
ainem  alltar,  von  marbell  gemacht,  gantz  Bund  . .  .^  nit  gleich  auf  die 
lingk  hannd,  wen  man  hinabgatt  etwa  drey  schrit  von  der  stiegen  vnnd 
auf  der  anndern  seytten  gat  man  auch  ain  stygen  wider  auff,  do  der 
Altar  der  beschneydung.  Hie  ist  Vergebung  aller  sünd,  gleich  vor  den 
altar  vber  auf  die  gerecht  hannd.  Sechs  schritt  hinder  sich,  drey  Staf- 
fel ab,  ist  ain  Hoel  in  dem  Vellß,  da  ist  ain  altar,  darpey  hinder  dem 
altar  auff  der  Rechten  Hannd  das  kripple,  do  der  Herr  Jhesus  yngele- 
gen  was,  für  das  ochsle  vnd  Esele,  das  ist  aber  yetz  mit  Marbel  vber- 
zogen.  In  welchem  Marbel  ainer  das  angesicht  Sannt  Jheronimos 
gewichst  ist,  wie  er  büß  gewürckt  hat.  Hie  ist  auch  Vergebung  aller 
sündt.  — 

Weytter  gingen  wir  hinder  sich  die  leng  der  Capell  vnd  binden 
pey  der  thür  da  ist  ain  loch,  do  der  stern  durch  das  haws  vnd  da  in 
die  erdt  vei'schwunden  ist,  durch  das  loch  vnnd  nit  mer  gesehen  wor- 
den ,  dan  den  hayligen  drey  khünigen  geleucht  hat  zu  dem  Opffer.  — 

Auf  diser  Capell  auff  die  gerecht  Hannd  abwärts  khamen  mir  in 
ain  Capell,  da  sein  vill  der  vnschwldig  kindle  durch  gewalt  Herodis 
getodt  worden  vnd  da  begraben.  Da  ist  Aplas  Syben  Jar  7  karen. 
Darnach  auf  die  lingk  handt  auffwarts  wider  in  Sanct  Katharina  Capell, 

1)  Lücke. 


BKRicHT  Ober  unb  jkrusalkmfahrt.  n  495 

die  ist  in  der  Eer  der  hayligen  Jungkfraw  Sant  Eatharina  gewicht 
worden,  vnnd  yetz  allen  aplas  da  den  man  haben  mag  auf  Sannt  Ea- 
tharina berg,  vnd  wen  ainer  ain  fart  zw  dem  hayligen  berg  verhayssen 
hat,  so  wirt  sy  im  abgenomen,  das  er  nit  dahin  darff,  das  ist  darumb 
beschehen,  das  man  so  hart  dahin  khomen  mag  durch  die  wüsty  vnd 
man  die  glait  nit  vberall  hellt  In  dyser  Gapeil,  auch  in  allen  vorge- 
melten  hoyligen  stetten,  so  in  dyser  Kirchen  Bethlaem  begrifTen  sein, 
thet  ain  prüder  alweg  ain  schone  predig  vnd  ermanung  zw  Andacht, 
auch  mit  anzaygung  der  geschieht  der  hayligen  Stett  mit  schöner  Redt 
Latein,  Thewtsch,  yo  wellisch  auch,  allso  was  die  loblich  proceß  dysen 
Abent  auß,  vnd  ging  yederman,  wo  er  wolt,  die  ganntz  nacht  die  hay- 
ligen Stett  zw  besuchen.     Hie  ist  Vergebung  aller  sündt  — 

Ymb  mit  Nacht  fing  man  an,  meß  lesen,  das  treyb  man  bis  auff 
ain  stund  im  tag.  — 

Zw  Morgen  am  Donerstag  zaigt  man  mir,  wie  ain  track  an  ainer 
glatten  wandt  gebrochen  was  neben  dem  hochen  Alltar  auf  der  gerecht 
Hanndt,  von  wegen  das  ain  Soldan  . .  .^  wollt  denselben  stain  etlich  hin- 
weg haben  lassen  füren  vnd  seinen  pallast  mit  bawen,  dan  eß  vast 
schon  ...2  marbel  in  dyser  kirchen  seind,  also  die  ...^  ain  wenig  also 
durch  den  glatten  stain  gemacht,  das  doch  schier  vnglawbig  ist,  hot 
er  sein  fiimemen  abgestellt  vnd  die  stain  da  gelassen.  — 

Also  am  Dunerstag  morgen,  als  wir  nun  vnnser  gepett  verpracht 
hatten,  wiewol  wir  gern  lenger  an  der  hayligen  stat  belyben  waren, 
yedoch  musten  wir  auflf  sein  der  hitz  halb  wollten  mir  annderst  die 
hernach  volgenden  stett  auch  besehen,  vnnd  sassen  aufT  die  Esell, 
anderhalb  stund  auff  den  tag  vnnd  rytten  auß  von  Petlehem.  Alls 
wir  ain  wenig  außwarts  khomen,  do  sahen  mir  aufT  die  lingk  hannd 
sannt  Jheronimus  kloster,  auff  die  gerecht  hanndt  die  stat,  do  Sannt 
Jörg  gefangen  ward.  — 

Darnach  sahen  wir  ain  Dorft'  gerad  vor  vnnß  ain  wenig  auflf  die 
lingk  hanndt,  hayst  ...*  da  sein  eytel  Christen  inn,  müssen  aber  dem 
Türeken  vast  groß  tribut  geben.  — 

Do  ritten  wir  ain  längs  thall  ein,  vast  boß  weg,  vier  Wellisch 
meyl  zw  ainem  Brunnen,  da  hat  sannt  Philippus  Enochuni  getöflft  vnd 
vil  hayden.    Da  ist  Ablas  7  Jar  7  karen.  — 

Von  dem  prunnen  khanien  mii*  ain  hochen  berg  auff  vnd  wider 
ab,   vast  boß  weg,   auch  wol  vier  Wellisch  meyl,   do  khamen  mir  zw 

1)— 3)  Lücke. 

4)  Der  name  Bezoth  ist  zu  ergänzen;  vgl.  Conrady  147.  Zur  sage  von  des 
Sultans  beabsichtigtem  und  vereiteltem  raube  vgl.  Tobler,  Bethlehem  87. 


4d6  RÖHRICHT ' 

ainem  Allten  gemeur,  da  ist  das  hawß  Elizabeth,  do  die  mutter  gots 
zw  ir  kham  vnd  sy  haimsucht  vnd  Sant  Elizabeth  sy  grüst  laut  Euan- 
geliums.  Da  hat  vnnser  liebe  Fraw  das  Magnificat  gemacht,  das  ist 
ain  stat  vnnden  in  ainem  gewolb.     Da  ist  Vergebung  aller  sündt  — 

Demnach  oben  auff  demselben  gewolb  da  ist  die  Statt,  ist  auch 
ain  Capell  gewest,  do  sanntt  Johaims  Baptista  beschnitten  ist  worden. 
Da  ist  aplas  7  Jar  7  karen.  — 

Darnach  auf  die  gerechten  Hannd,  da  ist  ain  kirch,  aber  wirdt 
dyser  Zeyt  nit  in  eren  gehallten,  da  ist  das  hawß  Zachary  gewest,  gat 
man  aufP  die  gelingk  hannd  neben  dem  Altar  hinab,  do  ist  die  stat, 
do  Sannt  Elizabeth  sant  Johann  Baptista  geporn  hat.  Vnnd  als  sy 
empfanngen  hat,  do  waß  die  haylige  Fraw  ob  40  Jaren,  do  kham  der 
Enngel  vnnd  verkhündt,  Zacharias  sein  fraw  würde  ain  Sun  geporn, 
den  solt  er  Johannes  hayssen.  Das  wolt  er  nit  glawben  vnnd  ward  zu 
ainem  stummen,  vnnd  als  die  haylig  fraw  gepar,  do  weiten  die  frawen 
das  khindt  dem  Vatter  nach  gehaissen  hab(en),  do  stund  der  Vatter 
auff,  der  nichts  hot  mügen  Reden,  von  der  Empfengnus  biß  daliervnd 
schrieb:  Mein  Sun  soll  hayssen  Johannes,  aißbald  das  beschach,  do 
wart  Er  Reden  vnd  macht  das  Benedictus  dominus  deus  Israbel.  Da 
ist  Vergebung  aller  sünd.  — 

Demnach  khamen  mir  auf  die  lingk  hanndt  ain  borg  auff  vnd 
in  ain  weytte...^  ongefer  zwu  wellisch  meyl  von  der  Statt,  do  khamen 
mir  zw  ainem  kloster,  haben  die  Ebron  innen,  ain  zimlich  schone 
kirch,  davomen  vnnder  den  ...^  Alltar  ist  ain  loch,  da  ist  die  Stat,  do 
der  bäum  des  hayligen  krewtz  gewachssen  ist,  suchten  mir  auch  haim 
von  andacht  wegen.     Hie  ist  ablas  7  Jar  7  karen.  — 

Also  zochen  mir  fürttcr  hinein  gen  Jherusalem  vnnd  plyben  die- 
selb  nacht  Rowen.  — 

Am  freytag  Morgen  gingen  mir  zw  Meß  in  das  kloster  vnd  dar- 
nach den  tag  spaciern  vnd  Rwheten  ein  yeder,  wo  er  wolt  Wiewol 
man  vnns  gern  in  tempel  het  gelassen,  mir  weiten  aber  nit,  biß  mir 
von  dem  Jordan  khomen,  aus  vrsach,  wie  Ich  noch  hernach  melden 
will.  — 

Am  freytag  abent,  do  was  der  hayligen  Mutter  Sannt  Anna  tag, 
do  schickt  der  patron  zw  vnns  vnnd  ließ  vnns  sagen,  Er  het  mit  dem 
Türeken  gehanndlet,  sy  weiten  vnns  in  die  kirchen  lassen,  do  Sancta 
Anna  die  haylige  fraw  vnd  mutter  aller  geben  ^  hat,  do  must  ainer  geben 
ain  Modin,  noch  must  der  Patron  zwen  Ducatten  darzw  geben.     Es  ist 

1)  2)  Lücke.  3)  Soll  wol  heissen:  geboren. 


BERICHT   ÜBER   EINE   JERUSALEMFAHRT  497 

ain  kirch,  aber  man  helts  für  ain  hawß,  vnd  vnnder  dem  fron  AUtar 
ist  ein  gewelb,  da  ist  die  statt,  do  die  Jiingfraw  Maria  vnnd  mutter 
gots  geporn  ist  worden,  ist  ain  andechtige  statt,  ir  geschieht  aber  wenig 
Eer.     Hie  ist  Vergebung  aller  sündt.  — 

Am  Hingan  wurden  etlich  Bilgern  ir  Bareth  genomen  vnd  sunst 
ain  tail  geschlagen  vnd  mit  stainen  geworfifen,  dann  eß  vast  spat  was 
worden.  Aber  ich  ging  den  nechsten  mit  vnnserm  Fürsten  vnnd  sei- 
ner gesellschafft  in  das  kloster  auff  dem  berg  Sion,  do  plyben  wir 
vbernacht  vnd  in  der  nacht  do  beychten  wir.  Vnd  am  Sampstag  mor- 
gen ging(en)  wir  Hochthewtschen  bey  zwaintzig  zw  dem  hochwirdig- 
sten  Sacrament  an  der  hayligen  stat,  do  der  herr  Jhesus  vnnser  erloser 
das  auffgesetzt  vnd  das  new  Testament  gemacht  hat,  do  hett(en)  mir 
vor  mitnacht  messen  bis  schier  mittag  vnd  ain  schon  ampt.  Do  dannck- 
ten  wir  got  dem  herrn,  das  wir  das  haylig  Sacrament  an  der  heyligen 
statt,  do  eß  der  güttig  Herr  auffgesetzt  hat,  empfangen  haben.  Hie 
ist  Vergebung  aller  sünd,  als  ich  vor  auch  gemeldt.  — 

Nach  tisch  plyben  mir  zw  Herberg,  dann  eß  so  gar  haiß  was, 
das  wir  nindert  hinmochten.  Aber  zw  Abendt  waren  wir  des  willens, 
an  den  Jordann  zw  reytten,  do  khamen  mer  wie  wol  hundert  pferdt 
vnd  etlich  knecht  Arabier  an,  den  anndern  bilgern  gewest  weren  Ara- 
biern,  das  in  die  khainn^  entflohen  sein,  die  dasselb  mal  gen  Bethle- 
hem ritten,  die  auft'  der  andern  Naffen  gefaren  waren.  — 

Am  Sambstag  den  dritten  tag  Augusti  gingen  wir  hinauf  zw  den 
Brüder  auf  den  berg  Sion,  do  funden  mir  vnnser  Esell.  Also  namen 
mir  vrlawb  vnd  beualchen  sy  got  vnnd  sassen  etwo  vmb  vesper  Zeit 
auf  vnnd  ritten  auß  der  hayligsten  Statt  Hierusalem  vnd  namen  gleich 
den  weg  für  vnns,  den  mir  vordar  geritten  hetten,  vnnd  als  wir  nun 
bey 2  wellisch  meyl  geritten  waren,  do  khamen  mir  zw  ainem  AUten 
gemeur,  ist  ain  schloß  gewest,  darpey  was  gut  wasser  vnd  vil  Oelbaum, 
also  legten  wir  vnns  Nider  vnd  Ruheten  bis  zwu  stund  auf  den  tag, 
do  waren  wir  wider  auf  vnnd  ritten  fürtter  gegen  Rama  zw.  Vnnder- 
wegen,  als  mir  etwo  3  meyl  geritten  waren,  do  wolt(en)  die  glaytslewt 
von  Jherusalem  wider  hinder  sich,  wollten  nit  mer  gelaytten,  dann 
sy  sich  vast  hart  forchten  von  den  Arabiern,  hielten  den  Patron  für, 
die  Herrschafft  Jherusalem  hett  yetz  ain  ennd  vnd  gehört  wider  dem 
HeiTn  von  Rama  zw.  Also  hatten  sv  vnnsern  Patron  so  hoch  vnnd 
schannckten  im  XV  Ducaten,  das  sy  gar  plyben  bis  durch  das  Thall 
hinaus  oder  zw  dem  schloß  Aladron,   das  sy  thctten,   ging  aber  hart 

1)  keine.  2)  Lücke. 

ZEITSCHRIFT   F.    DEUTSCHE   PHILOLOGIE.      BD.    XXV.  32 


498  RÖHRICHT 

ZW,  dan  ir  waren  wenig,  zwar  eß  half  vnns  nit  vil,  dann  khaum  1  meyl 
daruor,  do  het  eß  gar  ain  engepaß,  musten  mir  durchziehen,  do  vber- 
fylen  vnns  bey  zwayhundert  pawren  auß  der  Lanndschafit  oder  Herr- 
schaflft  Rania  vnnd  all  mit  bogen,  verhielten  vnns  den  weg  mit  gewalt 
vnd  weiten  von  jedem  Bilger  haben  XV  Modin.  Daruor  halff  vnns 
der  Türeken  geklagt  gar  nichts,  dan  sy  vil  lieber  dan  vor  geflohen 
weren.  Es  waren  vber  Fünffzehen  pterd  nit  vnnd  XX  zu  fuß  vnd 
schrien :  die  pawren  komen  oben  im  perg  Arabia.  Das  sind  der  Türeken 
findt,  also  flohen  die  ainsthayls,  die  vnns  beschirmen  vnd  belayten 
sollten ,  ir  der  Ritter  zwen  oder  drey  herren  vnd  vnnser  patron  hinfüer 
vnd  die  Tollmetschen  vnd^  in  der  sach,  das  man  die  pawm  stillet,  doch 
must  er  in  etlich  Ducaten  schenncken,  das  sy  zwfryden,  aber  es  wur- 
den dannocht  vil  Bilgern  gestossen,  verspott  vnd  geschlagen,  welche 
etwo  zw  ferr  binden  plyben,  das  must  man  gedulden.  Dieselben  paa- 
ren sein  all  halb  schwartz  wie  die  weyssen  Moren  vnd  sein  geschickt 
mit  ir  wehr  oder  bogen  zw  dem  schiessen.  — 

Als  mir  mer  dann  ain  stund  da  wurden  auflgehalten ,  do  zochen 
mir  wider  fürt  vnd  an  dem  zerprochen  Stettlin  Alladron  hin  auf  Rama, 
vnd  plyben  die  Türckischen  glaitslewt  hinder  biß  an  fünfiF,  die  ritten 
noch  mit  vnns  biß  gen  Rama.  Do  gingen  mir  wider  in  vnnser  alt  her- 
berg,  das  ist  das  hawß,  das  hertzog  Philips  von  Burgundi  den  bilgern 
gestifift  hat.  Da  bracht  man  vnns  zw  khaufiFen  gnung  aller  ding  ain 
gut  nottui-fiPt.  — 

Also  plyben  mir  am  Sonntag  da  vnd  am  Montag  weiten  mir  gern 
hinweg  sein,  da  wolt  der  herr  von  Rama  vnnsern  Patron  nit  lassen 
faren.  Er  wolt  in  zwingen.  Er  sollt  im  wol  vmb  Viorthawsent  gülden 
aschcn  abkhauffen,  das  wolt  er  kurtz  nit  thun,  sonnder  wolt  er  in  nit 
ziehen  lassen,  so  wolt  er  in  vorclagen  vor  dem  grossen  Türeken.  Des 
verschmacht  in  haii;  vnd  sucht  allerlay  boß  weg  vnd  vrsach  wider  vnn- 
sern Patron,  damit  er  im  schmach  bewyse,  auch  vnns  hindert  vnd  den 
Patron  noch  vmb  mer  gelts  prechte,  alls  auch  beschach.  — 

Am  Montag  den  V.  tag  Augusti  zw  Abent  mainten  mir  hinweg 
zw  reytten,  dann  mir  fanden  khain  wein  mer  zw  khaufiFen  im  ganntzen 
Rama,  dann  die  hayden  trinckon  nit  wein,  offenbar  dergleich  der  art 
Türeken  nit,  es  ist  wider  ir  gesetz.  — 

Vnd  wie  mir  schier  auf  sollten  sein,  do  begab  sich,  das  ain  Pil- 
ger, ain  Frantzoß  auß  der  anndeni  Naft'en  ain  haiden  ins  maul  sclilug, 

1)  Lücke. 


BEaUCHT   ÜBER   EINE   JERUSALEMFAHRT.    11  499 

deshalb  er  gestrafift  von  der  Herrschaflt  vmb  4  Ducaten,  vnd  wart  gar 
ein  seltzams  gericht  vber  das  gesetz,  deßgleich  ich  nie  gehört  hab,  der 
pracht  Zewgknus,  das  er  deß  gut  vrsach  het,  das  halff  alls  nit,  sonnder 
er  solt  ain  hannd  verloren  hab(en)  vnd  khain  annders,  doch  hanndlet 
vnnser  Patron  so  vil,  das  sy  die  4  Ducatten  namen  für  den  frefell, 
Hessen  im  die  handt,  dan  sein  Patron  nit  geschickt  was,  die  vnd  ann- 
der  Sachen  bey  dem  Ttirgken  zwhanndlen.  Also  plyben  mir  den  Mon- 
tag auch  gar  da.  — 

Am  Zinstag  Morgens  den  VI.  tag  Augusti  frw  hieß  man  vnns 
aber  auf  die  Esel  sytzen  vnd  wir  sollten  reitten,  mitler  Zeit  wolt  der 
herr  von  Rama  kurtz  aber  mit  sampt  den  anndem,  das  die  zwen  Pa- 
tron die  Aschen  sollten  khauflfen  vnd  khain  annderß  oder  hie  pleyben, 
des  sy  vnains  wurden  vnd  khamen  mit  wortten  an  ainander,  das  vnn- 
ser patron  sagt:  Wer  Ich  zw  Jaflfen  bey  mein  schiffen,  Ich  wolt  von 
Euch  khomen,  es  wer  ewch  lieb  oder  layd.  Deshalb  der  herr  vnd  die 
anndern  erzürnet  vnnd  Hessen  vnns  ab  den  Eseln  schlagen  vnd  wider 
in  vnnser  herberg  jagen,  wie  das  Viech,  vnd  namen  vnnsern  Patron 
gefanngen  vnd  fürtten  mit  in  in  ir  hawß.  — 

Das  weret  bey  zwu  stunden,  das  der  Patron  dannocht  so  vil 
hanndlet,  das  sy  doch  die  pilgern  wegliessen  reytten,  dann  sy  khein 
wehr  mer  hetten  vnd  man  sunst  auch  nit  vill  speys  mer  fand,  das 
beschach.  — 

Also  zochen  mir  on  vnnser  bayd  Patron  dahin  auff  Jaffa  zw,  do 
waren  die  Türeken  vnnd  hayden  im  abschyd  gantz  hitzig  auff  vnns, 
was  sy  vnns  khunden  layds  thon,  damit  sy  sich  letzsten,  das  beschach 
vast  vnd  wurden  vil  gezannck,  also  thet  man  vnns  wider  in  die  loecher, 
do  plyben  mir  also  bey  4  stunden,  wiewol  mir  die  nacht  sollten  da- 
plyben  sein,  aber  wir  waren  in  zw  geschickt.  Do  mir  Sachen,  daß 
anfachen  wolt  also  der  Neyd  zwischen  den  Christen  vnnd  vnglawbigen, 
do  thet  der  Fürst  ains  vnd  macht  predick^,  ob  er  solbs  fünfift  mocht 
zw  schiff  faren  vmb  etlich  gelt.  Doch  kant  man  in  nit,  sonnder  man 
maint,  es  weren  gesellen,  die  kranck  weren  oder  die  den  andern  ir 
khamer  wollten  zwrichten.  Das  ward  von  der  Herrschafft  zugelassen, 
also  füren  ii'  fünff  vnd  ich  auch  vmb  etlich  gelt.  Damach,  alls  das 
beschach,  do  die  warcken^  würden  zw  lannd  khomen,  do  fielen  die 
pilgern  mit  gewalt  zw  schif,  doch  ainsthails  vbel  dapey  geschlagen, 
also  nach  vnd  nach,   bis  das  dieselb  nacht  am  Zinstag  den  6.  tag  Au- 

1)  predica  ital.  (straOpi'cdigt. 

2)  Barkou. 

32* 


500  RÖHRICHT 

gusti  die  Bilgern  all  in  die  naifen  khomen,   doch   mit  grosser  mühe, 
dan  der  sack  mit  dem^  gar  zerprochen  was.  — 

Demnach  ritten  vnnser  glaitslewt  vnnd  Tolmetsch  wider  hinder 
sich  zw  dem  Patron  gen  Rama,  der  da  sampt  dem  anndem  Patron  mit 
gwalt  vnd  wol  verhütt  aufgehalten  ward,  bis  auf  den  Sampstag,  der 
do  was  der  tag  Sant  Lorentzen^,  aber  das  sy  in  mit  gwalt  weiten 
zwingen  mer  dann  vmb  Tawsent  Ducaten  Aschen  von  in  zw  kaufiFen. 
auch  schetzten  sy  in  vmb  mehr  gelt  dorumb,  das  die  Bilgern  ains- 
thayls  am**  zw  schiff  gefallen  waren.  — 

Mir  hetten  vnns  vnsers  Patrons  ain  weyl  vorwogen,  ails  ich  wol 
weyter  melden  will,  mir  schickten  ime  auch  püchssen,  damit  man  in 
her  vor  den  Arabiern  zu  \tis  belaitten  mocht.  Do  vnnser  Patron  zw 
schif  kham  am  Sampstag  morgen,  do  hub  man  von  stund  an  die  Anckei 
vnd  zogen  die  Segeil  auff,  als  das  wir  ain  stund  nacher  von  Jaffa  hin- 
weg fuorn  mit  zimlichen  guten  windt.  — 

Am  Suntag  morgen  waren  beyde  schif  zwsamen  gefaren  vnnd 
waß  vnnser  groß  schif  auf  das  klain  ganngen,  daß  eß  ain  stück  binden 
daraus  gestossen  hett.  — 

Ynnser  patron  sagt  vnns,  wir  hetten  Recht  thun,  das  wir  zw 
schiff  geeylt  hetten,  dann  weren  mir  noch  dieselb  nacht  hie  auß  blyben 
am  lannd,  wer  vnns  nit  wol  erganngen,  Vrsach,  das  sy  den  Fürsten 
erst  erkhannt  hetten  vnd  sy  inen*  worden.  Vnd  het  sein  Hoffraaister 
Rainhart  von  Neweneck  ain  Türeken  mit  ainem  stain  in  das  gesiebt 
geworffen,  doch  nit  gern.  Darfür  het  er  im  ain  Ducatten  geschennckt 
das  er  schwig  vnd  der  Herrschaft^  nit  klagt,  Er  wer  sonnst  vmb  groß 
geschetzt  worden.  Vnnd  wie  wir  hinweg  warn  zw  schiff,  do  der  das 
geklagt,  vnd  sucht  man  den  vnnder  den  Andern  Bilgern.  — 

Auch  solt  der  Herr  von  Damasto^  gestorben  sein,  do  schrien  die 
Türeken,  als  ir  gewonhait  ist,  wan  das  hawpt  stürbt,  ist  kain  Recht 
im  lannd,  biß  man  ain  anders  setzt.  Da  hielten  sy  den  patron  auch 
des  lanng  auf  vnnd  hetten  sy  vnns  noch  zw  lanndt  gehebt,  wer  vnns 
nit  wol  erganngen.  — 

Am  Sonntag  nachmittag  sahen  mir  khain  lannd  mer  vnnd  füren 
also  Zipern  zw,  doch  mit  klain em  Windt,  der  hat  vast  nachgelassen.  — 

Also  füren  mir  hin  vnnd  her  vnd  lauierten,  dann  mir  nie  kain 
Rechten  fort  wint  hetten  vnd  sahen  nie  khain  lannd,  hetten  auch  kain 
frisch  prett,  sonnder  mir  musten^  essen  bis  in  Zypern.     Was  vast  hayß, 

1)  Lücke.  2)  10.  aiifjnst.  3)  4)  Lücke.  5)  Damascus. 

0)  Lücke. 


BKRICHT    ÜBKR    KINE    JKHUSALKMFAUHT.    II  501 

das  khain  wint  nit  mocht  Recht  gan,  das  weret  also  Sonntag,  Montag, 
Zinstag,  Mitwoch,  der  was  der  viertzehend  Augusti  vnd  vnnser  lyeben 
frawen  Abent  himelfart.  — 

Was  sich  mitler  Zeit  von  den  Bilgern  vnd  im  schiff  zwtragen  hat, 
ist  nit  vii  von  zw  schreyben,  mag  ain  yeder  selbs  gedenncken,  was 
solch  lanngweylig  wesen  erfordert  vnd  kurtzweyl  sucht.  — 

Am  Donerstag  hetten  mir  auch  nit  ander  windt,  doch  auif  den 
Abendt,  der  ain  wenig  starck,  also  das  mir  verhoiften,  noch  eÜich  ann- 
der  Lanndt  zu  sehen,  aber  die  Sonn  was  zw  bald  iiider,  das  wir  nit 
aigenntlich  wüsten,  ob  mir  Landt  gesehen  hetten  oder  nit  — 

In  der  Nacht  was  der  Windt  vast  starck  worden,  doch  hetten  mir 
in  nur  halb,  füren  aber  wol  von  statt,  also  das  mir  am  Freyttag  mor- 
gens frw  die  Insel  Cypem  gar  nache  vor  vnnß  sahen.  Demnach  als 
wir  nur  neben  die  Inssel,  do  wardt  der  windt  ye  lenger  ye  stercker, 
das  er  vnns  nur  mit  gwalt  an  das  Landt  wolt  werfFen,  mir  waren  auch 
noch  wol  X  mevl  von  der  Porta  Sallina,  also  wendten  mir  vnnser 
schiff  wider  zw  Rück  mer  dann  zwu  stundt  vnnd  füren  darnach  wider 
der  Port  zw,  do  kundten  mir  noch  mer  dann  vier  Meyl  nit  Recht  in 
die  portten  zw  anndern  schiffen  khomen.  Do  wurfFen  mir  ein  Ancker 
vnnd  plybcn  also  den  Freyttag  necht  da  am  angker  ligen.  Zw  Abendt 
do  ließ  der  wint  nach,  do  richtet  man  die  Segell  wider  auflf  vnd  rüsten 
zw,  das  mir  in  der  Nacht  auf  den  Angker  furon,  vnnd  zw  Morgen  am 
Sampstag  gegen  tag  hub  man  den  Angker  wider,  was  gar  ein  feiner 
zimlicher  hifft,  mit  dorn  füren  mir  in  die  portton.  AllJbald  darnach 
fingen  an  die  Bilgern  hinausfaren  zw  lanndt.  Mir  fundon  auch  in  der 
Portten  drey  Naflfen  auß  andern  lannden,  sagten  vnns  newe  merr,  wie 
das  der  Hertzog  von  Venedig^  todt  was  vnnd  der  Khünig  von  Vngern 
ain  Schlacht  dem  Türeken  abgewonnen  haben  solt.^ 

1)  2)  Vgl.  oben  s.  213  dieses  bandes. 
BERLIN.  R.    RÖHRICHT. 


JOHANN  SEBASTIAN  MITTERNACHT. 

Ein  bcitrag  zur  gcseliichte  der  schulkomffdie  im  17.  jahrliundert. 

Die  dramcn  Johann  Sebastian  Mitternachts  (geb.  am  24.  jiili  1613 
zu  Hardesleben  in  Thüringen,  seit  1646  rektor  am  gynmasium  zu  Gera, 
seit  1667   Superintendent  in  Zeitz,   wo    er   am  25.  febr.  1679  stirbt^) 

1)  Näheres  über  sein  loben  bis  zu  soinem  weggange  aus  Gera  bei  dr.  R.  Bütt- 
ner,   rektor   Joh.  Seb.  Mitternacht    und    seine    Wirksamkeit   am   Oeraer   gynmasium. 


502  ELLINQER 

haben  eine  eingehende  Würdigung  bis  jezt  noch  nicht  erhalten.  Zwar 
hat  Wolfgang  Menzel  in  dem  betreffenden  abschnitt  der  „Deutschen 
dichtung"  (II,  412  fg),  der,  obgleich  grade  er  die  gröbsten  flüchtig- 
keiten  des  ganzen  buches  enthält,  dennoch  ein  zur  Orientierung  noch 
immer  wichtiges  hilfsmittel  bietet,  der  Politica  dramatica  mit  warmer 
anerkennung  gedacht;  auch  neuerdings  ist  gelegentlich  auf  dieses  und 
das  zweite  drama  Mitternachts  hingewiesen  worden.  Aber  eine  genauere 
betrachtung  der  dichterischen,  insbesondere  der  dramatischen  tätigkeit 
Mitternachts  ist  noch  nicht  versucht  worden.  Und  doch  verdienen 
seine  beiden  dramen  namentlich  eine  solche  Würdigung  durchaus;  durch 
die  lebendigkeit  ihrer  spräche,  die  kraft,  mit  der  die  darzustellenden 
Situationen  erfasst  und  zur  veranschaulichung  gebracht  worden  sind, 
vermögen  sie  viel  besser  als  die  meisten  Alexandrinertragödien  uns 
eine  Vorstellung  von  dem  dramatischen  können  Deutschlands  im  17. 
Jahrhundert  zu  geben. 

In  der  nachfolgenden  Untersuchung  soll  der  versuch  gemacht  wer- 
den. Mitternachts  dichterische  produktion  zu  charakterisieren  und  ihr 
innerhalb  der  deutschen  poesie  des  17.  Jahrhunderts  ihren  platz  anzu- 
weisen. Wir  beschränken  uns  hierbei  nur  auf  die  Würdigung  des  dich- 
ters;  die  wissenschaftliche  tätigkeit,  die  er  auf  dem  gebiete  der  philo- 
logio  und  theologie  entfaltete,  bleibt  ausserhalb  des  kreises  unserer 
betrachtung;  ebenso  seine  pädagogische  Wirksamkeit,  zumal  dieselbe 
bereits  in  R.  Büttner  einen  kundigen  darsteller  gefunden  hat.  Das 
material  zu  der  vorliegenden  arbeit  boten  die  königliche  bibliothek  in 
Berlin,  die  Universitätsbibliothek  in  Göttingen  und  die  gymnasialbibUo- 
thek  in  Gera^  Namentlich  die  leztgenante  gewährte  reiche  aufschlüsse; 
denn  in  der  reichhaltigen  samlung  der  programme  Mitternachts,  welche 
die  Geraer  gymnasialbibliothek  besizt,  fanden  sich  Inhaltsangaben  ein- 
zelner von  Mitternacht  in  der  schule  veranstalteten  aufführungen,  welche 
nicht  allein  um  ihrer  selbst  willen  beachtung  verdienten,  sondern  auch 
für  die  betrachtung  der  beiden  deutschen  dramen  wichtige  gesichts- 
punkte  boten  2. 

Programin  des  gj^mnasiums  von  Gera.  1888.  Vgl.  daselbst  namentlich  die  schildeniDg 
der  drangsalo,  welche  Mitternacht  auszustehen  hatte,  als,  während  er  pfarror  in  Tcot- 
Icben  war  (seit  1638),  dieser  ort  von  den  Schweden  geplündert  wurde.     S.  6. 

1)  Herr  dr.  R.  Büttner  in  Gera  liat  mich  durch  seine  Unterstützung  bei  der 
bcschaffung  dos  in  (icra  bofnidlichen  materials  zu  grossem  dank  veipflichtet. 

2)  Der  einer  predif^t  Mitt£)niacht,s:  Kochtschaffenor  Christen  heim,  schilü 
und  wa^on.  Zeitz  1670.  (Exemplar  auf  der  grossh.  bibliothek  von  Weimar)  ange- 
fügte „Catalogus  oder  Verzeichnis  derer  wenigen  opusculonun  oder  Schrififten,  welche 


J.    S.    MITTERNACHT  503 

Die  frühsten  dichtungen  Mitternachts,  die  sich  erhalten  haben, 
sind  lyrische  stücke,  eine  kleine  samlung  kirchenlieder,  die  im  jähre 
1652  erschienen  ist^.  Der  gröste  teil  der  lieder  stamt  indessen  nach 
Mitternachts  eigenen  Zeugnissen  aus  früherer  zeit,  und  zwar  sind  die 
meisten  stücke  (57)  im  jähre  1640  entstanden.  Am  Schlüsse  finden  wir 
auch  einige  (10)  später  gedichteten  stücke.  Das  buch  wird  durch  eine 
längere  vorrede  eingeleitet,  die  sich  in  heftiger  polemik  gegen  das 
papsttum  wendet  2.  Die  gleiche  streitbare  gesinnung  tritt  übrigens  auch 
in  den  liedem  selbst  zu  tage  und  äussert  sich  in  einer  weise,  der  wir 
heute  unmöglich  noch  geschmack  abgewinnen  können.  So  malt  er  z.  b. 
in  der  „pindarischen  Danck-Ode  vor  die  Offenbahrung  des  reinen  Got- 
tes-Dienstes''  (nr.  58)  gegenüber  der  widerherstellung  des  göttlichen 
wertes  die  in  Rom  herschende  Verfinsterung  mit  den  schwärzesten  fär- 
ben aus: 

Zu  Rom  pflegt  iederman  zu  huren. 

Zu  Rom  ist  viel  Abgötterey; 

Die  Sund'  und  Schand  ist  mancherley. 

Da  feiert  man  nichts  als  Figuren  

Die  Ehre,  die  nur  Gott  gebühret. 

Gibt  man  zu  Rom  der  Bilder- Schaar: 

Da  ist  das  Volck  ersoffen  gar: 
Die  Bilder  sind  mit  Gold  gezieret. 

Das  Hertz  des  Mensclien  bleibet  leer. 

Versündigt  sich  ie  mehr  und  mehr. 
Wenigstens  in  der  form  originell  ist  eine  klage  der  religion    (zu- 

Ich,   Joh.  Sobast.  Mittemacht,    Füi*stl.  Sachs.  Ploffprediger nach  und  nach  auß- 

gefertigot"    enthält  folgende  drei  wahi-schoinlich   poetische   oder  sich   mit  der  poesio 
beschäftigende  Schriften,  die  ich  leider  nicht  habe  auftreiben  können: 
"  1.  SoufTtz-  Sing  und  Betstunde  auf  die  höchst  gefährlichen  damaliligen  Kriegs - 

Zeiten  gerichtet  anno  1639.     Erfurt. 

*  3.  Betrachtung  der  vier  Letzten  Dingo,  des  Todes,  des  jüngsten  Gerichtes,  der 
Höllen  und  des  ewigen  Lebens.    Jena.  1042. 

V  7.  Tractätlein  von  der  deutschen  Keimkunst.     Altenburg.  1648.    Leipzig.  1653. 

•  1)  M.  Johann  Seba-  |  stian  Mitter-  |  nachts  |  Feuer -heisso  |  Liebes- tlammon.  | 
Einer  in  Jesu  verliebte  |  und  in  der  Welt  betmbten  |  Seelen.  |  Leipzig,  |  Auff  Chri- 
stian Kirchners  Vorlag,  |  Drukkts  Qvirinus  Bauch.  |  1653.  67  lieder.  kl.  8°.  Exem- 
plar in  Göttingen. 

2)  Gelegentliche  polemik  gegen  das  papsttum  findet  sich  auch  in  dem  Vnglück- 
seligen  Soldaten  und  voi*witzigen  Barbieror,  (111,  5)  in  welchem  die  werte  des  Muso- 
philus,  der  für  seinen  verschollenen  söhn  Seelenmessen  halten  will,  vom  Morio  mit 
folgender  bemerkung  begleitet  worden:  „Sind  denn  alte  Leute  auch  Narren?  Was 
wei*den  den  Sohn  die  Seelmesson  helfen?" 


504  KLLINGKR 

gäbe  nr.  3)  über  den  unglückseligen  zustand,  in  dem  sie  sich  vor  Luthers 
auftreten  befunden;  wir  finden  in  diesem  gedieht  den  keim  zu  den 
klagen  der  Pietas  und  Hospitalitas  im  Unglückseligen  Soldaten  und  zu 
ähnlichen  scenen  in  der  Politica  dramatica.  Dieser  klage  steht  unmit- 
telbar gegenüber  ein  jubellied  der  religion  „nach  des  antichristes  falle**, 
in  welchem  wider  das  papsttum  heftig  angegriffen  wird. 

Der  gesamtein  druck,  den  man  von  den  gedichten  erhält,  ist  ein 
günstiger.  Natürlich  fehlt  es  in  ihnen  nicht  an  geschmacklosigkeiten, 
ohne  die  es  im  siebzehnten  Jahrhundert  nun  einmal  nicht  abgeht,  so 
wenn  der  dichter  singt  (nr.  4): 

Wenn  ich  dich,  o  Jesulein 
Nicht  empfind'  im  Hertzen- Schrein, 
Werd'  ich  schwach  und  sterbe -Kranck: 
Alles  ist  mir  lauter  Stanck. 

Oder  nr.  10:   Ein  kurtzes  Liebes-Fünckloin. 

Jesu  Breutigam, 

Low'  aus  Judas  Stamm', 

Ein  Trost  Abraham, 

Hilff:  ich  lig  im  Schlamm! 

Geradezu  isu  einer  gewissen  komik  versteigt  sich  der  dichter  in 
seiner  „pindarischen  Liebs-  und  Lobs-Ode'',  nr.  39: 

Keine  Wort  kan  ich  erfinden. 

Die  da  meine  Liebes- Glut 

Gegen  dich,  du  Höchstes  Gut 
In  die  Reime  möchten  binden. 

Ob  ich  gleich  die  Cantzelley 

Und  die  gantze  Liebrarey 
Von  dem  Anfang  biß  zum  Ende 
Durch  und  durch  herummer  wende. 

Find'  ich  doch  mein  wünschen  nicht. 

Indessen  würde  man  sehr  ungerecht  sein,  wenn  man  aus  diesen 
stellen,  bei  denen  wir  den  abstand  der  zeiten  fühlen,  ein  gesamturteil 
über  die  lyrische  poesie  Mitternachts  ableiten  wolto.  Der  gröste  teil 
der  lieder  ist  frei  von  derartigen  geschmacklosigkeiten  und  zeigt  ein 
warmes  und  lebhaftes  empfinden.  Und  von  besonderer  Wichtigkeit  sind 
die  lieder  um  ihrer  litterarhistorischen  Stellung  willen,  eine  tatsache, 
auf  die,  so  viel  ich  weiss,  bis  jezt  noch  nirgends  hingewiesen  worden 
ist.  Mitternacht  vertritt  nämlich  in  der  protestantischen  liederdichtung 
ganz  dieselbe  richtung  wie  Spoe  und  später  Scheffler  in  der  katholischen. 


J.    S.    MITTERNACUT  505 

Von  Spee  beeinflusst  kann  Mitternacht  nicht  sein,  da  die  Trutznach- 
tigall erst  acht  jähre  nach  der  abfassung  dieser  lieder  erschien;  wir 
haben  es  also  mit  verschiedenen  äusserungen  der  gleichen  Weichheit  des 
gefühls  zu  tun,  eine  Stimmung,  die  demgemäss  doch  damals  schon 
nicht  mehr  ganz  selten  gewesen  sein  kann  und  wie  eine  blurae  unter 
Schutt  und  moder  aus  den  gräueln  und  der  rohheit  des  entsetzlichen 
krieges  auftaucht. 

Zunächst  wird  ebenso  wie  bei  Spee  und  später  bei  Scheffler  auch 
bei  Mittemacht  das  geistliche  lied  förmlich  zum  liebeslied.  Die  Sehn- 
sucht, welche  die  seele  Jesu  entgegenbringt,  wird  mit  den  färben  der 
weltlichen  liebesglut  ausgemalt.  Wenn  bei  Spee  die  seele  Jesum  sucht 
(Trutznachtigall,  nr.  9  und  10,  s.  29  fgg.  und  34  fgg.  der  ausgäbe  von 
Balke),  so  findet  sich  die  gleiche  Situation  mehrfach  bei  Mitternacht, 
vgl.  nr.  ni  Str.  2: 

0  mein  Freund,  mein  Freund  und  Ehre, 

Meines  Lebens  höchste  Freud', 
Ach  komm  wieder  und  beschere 

Deine  schönste  Freundligkeit. 
Jesu!  Jesu!  Süß  und  Hold, 
Lieber  will  ich  dich  als  Gold; 

Wirst  du  dich  bald  wiedergeben? 

Ohne  dich  kan  ich  nicht  leben. 

Man  vgl.  auch  nr.  5: 

Alle  Winckel  seyn  durchkrochen, 

Sevt  ich  suche  meinen  Freund. 

*. 

Mein  Hertz  ist  mir  fast  zerbrochen. 
Jesu  komm!     Ach  komme  heunt! 
Weiter  fliehen  kan  Ich  nicht, 
Weil  mir  Wind  und  See  gebricht. 

Keine  Lieder  noch  Gesänge 

Stillen  mir  mein  Hertzeleyd. 
Denn  mein  Schmertz  ist  gar  zu  strenge, 

Tieff  ist  meine  Traurigkeit. 
Jesu  diese  scharife  Pein 
Führ  ich  nur  von  wegen  dein.  usw. 

Wenn  nun  gelegentlich  wohl  andre  gegenstände  auftauchen,  bit- 
ten, klagen,  danksagungen,  so  bleibt  doch  der  grundzug  derselbe  wie 
bei  Spee:  die  liebe  der  seele  zu  ihrem  bräutigam  Jesus,  dieser  mysti- 
sche   grundton  wird    immer   aufs    neue    wider   angeschlagen,    und    der 


506  BLUNOER 

dichter  sucht  in  die  behandluagen  des  gleichen  themas  möglichst  viel 
abwechslung  zu  bringen,  wenn  ihm  dies  auch  nicht' immer  gelingt ^.  — 
Aber  nicht  allein  im  Inhalt,  sondern  auch  in  der  äusseren  form  ähneln 
Mitternachts  gedichte  denen  Spees  in  auffallender  weise.  Spee  begint, 
wie  bekant,  seine  gedichte  sehr  häufig  mit  einem  natureingang,  der  zu- 
weilen nur  kurz  angedeutet,  manchmal  aber  auch  breiter  ausgeführt  ist; 
die  betreffenden  stücke  gehören  durch  die  innige  naturempfindung,  die 
aus  ihnen  spricht,  und  den  zarten  duft  der  poetischen  spräche  mit  zu 
dem  besten,  was  nicht  nur  Spee,  sondern  was  die  ganze  deutsche  dich- 
tung  des  siebzehnten  Jahrhunderts  hervorgebracht  hat  Diese  eigentüm- 
lichkeit  finden  wir  nun  in  den  geistlichen  dichtungen  Mitternachts  oft 
wider,  man  vgl.  z.  b.  die  anfange  der  beiden  ersten  lieder: 

Nr.  1:  Der  Morgen  kömt  gegangen, 
Last  sehen  seinen  Glantz: 
Nechst  Purpur-Farben-Wangen, 
Schmückt  ihn  ein  güldner  Krantz. 

Die  Vöglein  tireliren 

Mit  ihrer  Stimmen  Klang, 
Die  Nachtigall  muß  führen 

Den  süssen  Lobgesang. 

Der  Tag  hat  abgeleget 

Das  schwartze  Trauerkleid: 
Was  hin  und  her  sich  reget. 

Das  ist  nunmehr  erfreut. 

Und  nr.  2:  Die  Sonn  hat  sich  verkrochen 

Ins  tieffe  Meer  hinein: 
Es  ist  schon  angebrochen 
Der  bleiche  Monden -Schein. 

1)  Zuwoilen  werden  die  ausdrucksmittel  der  weltlichen  liebespoesie  etwas  zu 
unbefangen  verwendet;  man  vgl.  z.  b.  nr.  11  str.  2,  wo  es  von  Jesus  heisst: 

0  wie  mit  so  hellen  Schein, 
Wie  Rubin  im  Ringelein, 
Leuchtet  deiner  Augen  Licht, 
Wenn  es  ist  auf  mich  gericht. 

Ganz  im  geiste  Spoos  und  Schefflei-s  ist  folgende  stelle  nr.  39,  der  andere  satz: 

Berg'  und  Thälor  müssen  zeugen, 
Wie  ich  offt  so  jämmerlich 
RufFe  Jesu,  Jesu  dich. 
Keine  Stunde  kan  ich  schweigen. 


J.   S.  MITTBRNACHT  507 

Am  Himmel  läßt  sich  sehen 

Das  blancke  Sternen -Heer: 
Die  Fischer  lassen  stehen 

Das  aiifgeschwöllte  Meer. 

Das  Feld  beginnt  zu  schlaffen 
Mit  Winden  zugedeckt: 

Die  Hirten  bey  den  Schaffen, 
Die  liegen  ausgestreckt. 
Ähnliche  natureingänge  kommen  auch  sonst  vor  (z.  b.  nr.  24,  wo 
nr.  2  ziemlich  genau  kopiert  worden  ist;  vgl.  auch  nr.  53).  Die  frage, 
wodurch  Mitternacht  zu  diesen  frischen  und  einfachen  naturschilderun- 
gen  angeregt  ist,  wird  bei  ihm  ähnlich  zu  beantworten  sein,  wie  bei 
Spee:  wir  haben  es  hier  offenbar  mit  einflüssen  des  Volksliedes  zu 
tun^.  Die  ein  Wirkung  des  Volksliedes  auf  die  lyrische  dichtung  Mit- 
ternachts tritt  aber  noch  stärker  hervor,  wenn  er,  ganz  wie  das  Volks- 
lied, in  einem  gedieht  zuerst  ein  naturbild  entwirft,  daneben  ein 
kontrastierendes  ereignis  aus  dem  Seelenleben  stelt  und  dieses  in  der 
volkspoesie  so  häufig  auftretende  Schema  dann  durch  alle  Strophen 
durchführt.     So  in  dem  liede  nr.  XH,  Trochaische  nachtklage: 

1.  Aller  Bäume  Blätter  gläntzen 

Von  dem  Grase -grünen  Saflft: 
Und  die  Blumen  in  den  KJräntzen 

Geben  des  Geruches  Krafft: 
Und  ich  muß  bekleidet  sein 
Mit  der  schwartzen  Angst  und  Pein. 

Vor  des  hellen  Glantzes  Zierde 

Schutt'  ich  aus  mein'  Hertz -Begierde. 

2.  Sanfifte  blasen  letzt  die  Winde, 

Und  erqvicken  was  da  lebt, 
Wenn  der  Abend -Wind  gelinde 
Durch  die  blöden  Blätter  schwebt. 

1)  Es  möge  wonigstens  mit  einem  werte  ei'wähnt  werden,  dass  der  anfang  des 
liedes  nr.  50:  "Wo  soll  ich  mich  hin  wenden, 

0  tausent- schöner  Hold? 
an  ein  älteres  Volkslied  anklingt: 

Wo  soll  ich  mich  hinkehren, 
Ich  tummos  Brüderlein? 
Vgl.  auch  das  spätere  Volkslied  (Mittler,  s.  880): 

Wo  soll  ich  mich  hin  wenden 
Bei  der  betrübten  Zeit? 


508  KLLINOKR 

Auf  mich  stürmet  Ungestüm  m, 
Manches  kalten  Nordens  Grimm. 

Ach  daß  doch  die  Gnaden -Winde 

Bliesen  aufiF  mich  fein  gelinde! 

3.   Jetzo  fallt  aus  hohen  LüflFfcen 

Honigsüsser  Silber-Thau, 
Und  zerfleusset  in  den  Klüffteu 

Auf  das  Graß  in  feuchter  Au'; 
Aber  ich  bin  ausgedürrt 
Meine  matte  Seele  girrt. 

Ach  ich  muß  vor  Durst  vergehen, 

Weil  mich  auch  die  Freunde  schmähen. 

In  der  gleichen  weise  verlaufen  dann  auch  die  drei  übrigen 
Strophen. 

Neben  diesen  einflüssen  des  Volksliedes  auf  die  lieder  Mitternachts 
fehlt  natürlich  auch  die  einwirkung  der  kunstpoesio  nicht.  Äusserlich 
zeigt  sie  sich  zunächst  in  der  sehr  häufigen  Verwendung  der  damals 
in  der  lyrik  so  beliebten  daktylischen  metren,  ohne  dass  es  Mitternacht 
gelungen  wäre,  dieses  metrum  wirklich  für  das  kirchenlied  frachtbar 
zu  machen,  was  erst  Neander  vorbehalten  blieb.  Die  fast  bei  jedem 
der  damaligen  modepoeten  vorkommenden,  aus  der  neulateinischen  dich- 
tung  stammenden,  echospielereien  dienen  zur  grundlage  eines  gedich- 
tes  (nr.  26);  bekantlich  hat  auch  Spee  diese  Spielerei  für  die  geistliche 
dichtung  verwendet.  Dass  Mitternacht  auch  von  Opitz  nicht  unbeein- 
flusst  geblieben  ist,  ergibt  sich  aus  der  tatsache,  dass  er  von  Opitzens 
berühmten  lied:  „Wol  dem,  der  weit  von  hohen  dingen''  eine  art 
geistlicher  umdichtung  gegeben  hat  (nr.  16);  an  die  stelle  der  worte 
Opitzens:  „Ein  jeder  lobe  seinen  sinn  —  Ich  liebe  meine  Schäferin", 
tritt  bei  ihm :  „Dies  mag  die  weit  nach  lüsten  treiben :  —  Ich  will  bey 
meinem  Jesu  bleiben."  Von  der  art  der  bearbeitung  möge  str.  5  eine 
Vorstellung  geben: 

Viel  brennen  nach  den  hohen  Gnaden 
Der  Fürsten,  die  doch  Menschen  seyn: 

Und  wollen,  ob  sie  gleich  nur  Maden, 
Doch  prangen  in  dem  falschen  Schein. 

Diß  mag  die  weit  nach  lüsten  treiben. 

Ich  wil  bey  meinem  Jesu  bleibend 

1)  Auch  hierin  zeigt  sich  eine  Übereinstimmung  mit  Scheffler,  der  ebenfals  das 
liod  geistlich   umgedichtet  hat;    vgl.  v.  Waldberg,    Rcnaissancelyiik,  s.  121  fg.,   der 


J.    S.    MITTKRNAOHT  509 

Unter  dem  kriegselend  hatte  Mitternacht  selbst  schwer  zu  leiden; 
wir  werden  später  noch  davon  zu  reden  haben,  wie  die  schmerz- 
lichen erfahrungen  aus  dieser  trüben  zeit  für  den  dramatiker  fruchtbar 
geworden  sind.  Es  ist  daher  nicht  wunderbar,  dass  wir  auch  in  sei- 
nen gedichten  nachklängen  der  not,  schmerzlichen  klagen  und  bit- 
ten begegnen.  In  dem  sonnet  nr.  29  bittet  er  Jesus  um  abwendung 
der  durch  den  krieg  verursachten  hungersnot;  die  gleiche  bitte  spricht 
er  in  dem  folgenden  gedieht  aus.  In  dem  liede  nr.  43  fleht  er  Jesus 
um  schütz  in  der  schlacht  an  für  die,  die  ihm  anhängen.  Und  in  zwei 
gedichten  aus  dem  jähre  1646  und  49  (zugäbe  nr.  6  und  8)  hat  er 
seiner  freude  über  die  almähliche  besserung  der  zustände  und  die  end- 
liche erlangung  des  friedens  ausdruck  gegeben. 

Von  der  günstigen  seite,  von  welcher  Mitternacht  sich  im  wesent- 
lichen doch  in  diesen  liedem  zeigt,  lernt  man  ihn  aus  einem  sechs 
jähre  später  entstandenen  gelegenheitsgedicht  eben  nicht  kennen.  Diese 
„lob-  und  wünsch-gedanken'' ^,  die  zur  feier  des  fünfundzwanzigsten 
geburtstages  des  fürsten  Heinrichs  X.  von  Beuss  verfasst  sind,  stellen 
sich  als  ein  ziemlich  trockenes  machwerk  dar,  das  sich  durch  nichts 
von  dem  gewöhnlichen  banalen  stil  der  gelegenheitspoesie  des  siebzehn- 
ten Jahrhunderts  unterscheidet. 

Indessen  so  lohnend  es  auch  ist,  Mitternacht  als  lyrischen  dich- 
ter kennen  zu  lernen,  ein  weit  grösseres  Interesse  flöst  er  uns  doch 
durch  seine  dramatischen  Schöpfungen  ein.  Mittemacht  ist  erst  durch 
sein  amt  zur  dramatischen  dichtung  angeregt  worden.  In  der  Ordnung 
der  schule,  deren  leitung  er  übernahm,  war  vorgeschrieben,  dass  der 
rektor  in  jedem  jähre  mit  seinen  schülem  eine  theatralische  aufführung 
halten  solte.  Und  wenn  auch  die  ausführung  dieser  Vorschrift  unter 
dem  elend  des  krieges  lange  zeit  unterblieben  war,  so  erkante  der 
trefliche  pädagoge  doch,  welchen  wert  ihre  befolgung  für  die  belebung 
des  Unterrichtes  gewinnen  könte.  Deshalb  begann  Mitternacht  bereits 
ein  jähr  nach  seinem  amtsantritt  wider  in  der  schule  dramatische  auf- 
führungen  zu  veranstalten.  Wenn  wir  von  der  darstellung  der  „mate- 
ria  von  dem  Päbstischen  Fasten"  —  wahrscheinlich  ein  stück  mit  star- 
ker antipäbstlicher  tendenz  — ,  dem  concilium  Deorum  ac  Dearum  de 
statu  Germaniae  deliberantium  —  offenbar  ein  rückblick  auf  den  krieg, 

eine  an  zahl  von  umdichtungen  zusamnienstelt.     Zwei  weitere  geistliche  parodien  siehe 
Blätter  f.  hymnologie,  1889,  s.  23. 

1)  Den  nach  der  bekannten  anordnung  der  gelegenheitsgedichte  des  17.  Jahr- 
hunderts sehr  ausgedehnton  titel  widerzugeben,  schien  mir  unnötig.  Exemplar  in 
Göttingen,  Poet.  Genn.  1719. 


510  ELLINQEB 

eine  betrachtung  über  die  wunden,  die  er  Deutschland  geschlagen, 
vielleicht  mit  einem  hofnungsvollen  ausblick  auf  die  Zukunft  — ,  der 
geschichte  der  Stiftung  des  gymnasiums  zu  Gera  und  dem  „philoso- 
phischen gedieht  von  den  tugenden  und  lästern",  wovon  wir  uns  keine 
deutliche  Vorstellung  zu  machen  im  stände  sind,  absehen,  so  begegnen 
wir  in  diesen  schulkomödien  ^  durchweg  stofiFen,  die  im  drama  des  16. 
und  beginnenden  17.  Jahrhunderts  vielfach  behandelt  worden  sind.  Die 
„reformation  der  kirchen  durch  Lutherum  geschehen"  erinnert  uns  an 
die  stücke  zur  hundertjährigen  Jubelfeier  der  reformation,  unter  denen 
Kielmanns  Tetzelocramia  so  bedeutsam  hervorragt.  Unter  den  bibli- 
schen stücken  finden  wir  ausser  den  noch  gleich  zu  besprechenden: 
Judith,  Isaacs  geburt  (Abraham)  und  Tobias;  novellistische  Stoffe  behan- 
deln die  bereits  von  Frischlin  dramatisierte  geschichte  von  Hildegard, 
Karls  des  gr.  gemahlin,  und  Griseldis,  der  im  16.  Jahrhundert  u.  a. 
durch  Hans  Sachs,  Mauricius  und  Pondo  eine  dramatisierung  zu  teil 
geworden  war.  Die  reichhaltige  samlung  von  programmen  Mitternachts, 
seiner  kollegen  und  nachfolger,  welche  die  Geraer  gymnasialbibiiothek 
besizt,  bietet  uns  einige  Inhaltsangaben  der  von  Mittemacht  veranstal- 
teten auffuhrungen,  die  uns  eine  ungefähre  Vorstellung  von  diesen 
stücken  gewähren. 

Von  den  biblischen  komödien  liegen  vier  Inhaltsangaben  vor.  Die 
erste,  im  jähre  1650  aufgeführte,  behandelt  die  geburt  Jesu.  Das 
stück  muss  sich  nach  dem  lateinischen  berichte  recht  seltsam  ausgenom- 
men haben;  denn  in  seinem  bestreben,  die  aufführung  so  viel  als 
möglich  für  seine  schulzwecke  auszunützen,  gieng  Mittemacht  so  weit, 
ein  wunderliches  sprachgemenge  eintreten  zu  lassen,  indem  er  die 
Juden  hebräisch,  die  griechen  griechisch  reden  liess  und  auch  die 
lateinische  und  deutsche  spräche  gelegentlich  verwendete.  So  weit  man 
aus  der  Inhaltsangabe  schliessen  kann,  war  in  diesem  stücke  die  dra- 
matische form  noch  nicht  streng  durchgefühi-t,  sondern  manches  wurde 
ohne  weiteres  erzählt.  Zuerst  traten  die  patriarchen  und  propheten  auf 
und  beklagten  in  hebräischer  spräche  das  elend  des  menschlichen  ge- 
schlechtes, indem  sie  zugleich  ihre  hofnung  auf  die  baldige  ankunft 
des  messias  aussprachen;  ihnen  gibt  gott  aus  dem  feuer  einen  gün- 
stigen,  ihren  wünschen  erfüllung  verheissenden  boscheid,   ebenfals  in 

1)  Die  titel  der  von  ihm  iu  der  schule  aufgeführten  stücke  verzeichnet  Mitter- 
nacht selbst  in  den  widmungsworten  dos  Vnglückseligen  Soldaten  und  vorwitzigen 
Baibierors,  iij  bf.,  wo  er  sich  auch  für  den  nutzen  theatralischer  Vorstellungen  auf 
Luthoi*s  bekaute  und  verbreitete  äusserung  beruft. 


J.    8.   MITTRRNAGHT  511 

hebräischer  spräche.  Damit  auch  die  deutsche  spräche  nicht  fehle  \ 
folgt  ein  Zwischenspiel,  in  welchem  Pamphilus,  Thraso  und  Philumena 
betrachtungen  über  die  menschen  anstellen,  die  an  den  hohen  festen 
in  prachtvoller  kleidung  erscheinen  und  einen  glaubenseifer  an  den  tag 
zu  legen  sich  bemühen,  den  sie  tatsächlich  doch  nicht  besitzen.  Hier- 
auf folgt  die  eigentliche  geburtsgeschichte  von  Gabriels  Verkündigung 
bis  zum  erscheinen  des  engeis  bei  den  hirten.  Dann  unterhält  sich  ein 
priester  von  Delphi  mit  einem  bauer  über  den  verfall  des  orakels, 
worauf  auch  noch  Apollo  selbst  erscheint  und  sich  heftig  darüber 
beklagt,  dass  ihm  durch  einen  hebräischen  knaben  der  mund  verstopft 
werde.  Die  wunder  bei  der  geburt  Christi,  die  uns  von  vier  Jünglin- 
gen in  lateinischer  spräche  erzählt  werden,  sind  unterdessen  auch  nach 
Rom  gedrungen,  und  kaiser  Augustus  erbittet  sich  über  diese  wunder 
und  deren  bedeutung  aufklärung  bei  der  Sibylla,  die  ihm  den  rat  gibt, 
dem  erstgeborenen  Gottes  einen  altar  aufstellen  zu  lassen. 

Das  zweite,  1652  aufgeführte  stück:  Hlustratio  vaticinii  Jacobaei, 
quod  Genes.  XLIX.  v.  10.  habetur,  scheint  von  Harsdörffers  gesprächs- 
spielen  beeinflusst  worden  zu  sein,  deren  einfluss  auf  Mitternachts  dra- 
matische Produktion  wir  auch  sonst  verfolgen  können.  Das  stück  ist 
eigentlich  noch  weniger  ein  wirkliches  drama  als  das  vorhergehende. 
Ein  fürst  hört  mit  seinen  hofleuten  einem  gespräch  seiner  geistlichen 
zu,  in  welchem  über  die  Weissagung  Jakobs  gesprochen  und  die 
falschen  auslegungen  der  Juden  und  einzelner  katholischer  schrift- 
stoller bekämpft  werden.  Der  fürst  verfolgt  das  gespräch  mit  sol- 
chem an  teil,  dass  er  sich  auch  nicht  stören  lässt,  als  ihm  ein  Sekre- 
tär die  nachricht  überbringt,  ein  verwanter  von  ihm  sei  angekommen 
und  wünsche  sogleich  mit  ihm  zu  sprechen.  Erst  nachdem  das  gespräch 
beendet  ist,  verlässt  er  unter  danksagung  das  haus. 

Während  das  1652  aufgeführte  drama:  Magorum  historia,  soweit 
sich  aus  der  Inhaltsangabe  ersehen  lässt,  nur  eine  trockene  schulübung 
in  der  hebräischen  und  griechischen  spräche  war  und  keine  ausätze 
zur  selbständigen  ausgestaltung  des  Stoffes  zeigt,  ist  das  1657  gespielte 
stück:  de  cruento  Herodis  infanticidio  wider  selbständiger  gearbeitet. 
Hier  erscheinen  zuerst  die  vier  magier  —  Mitternacht  hatte  bereits  in 
dem  soeben  erwähnten  stück  die  vier  weisen  aus  dem  morgenlande  auf- 
treten und  mitten  im  stück  durch  einen  schüler  die  katholische  ansieht 
von  der  drei  zahl   der  weisen  oder  könige  bekämpfen  lassen  —  und 

1)  Mitternacht  sagt  hierüber  in  dem  programm,  welches  die  inhaltsangabe  ent- 
hält: Nam  et  huic  liuguao  suus  non  doost  decor,  et  adsuefaciendi  sunt  etiam  pau- 
latim  inferiores,  et  primis  coloribus  imbuendi. 


512  ELLINaER 

rüsten  sich  zu  der  heimfahrt.  Hierauf  tritt  ein  kaufmann  aus  Betle- 
heni  auf,  der  einen  lobspruch  auf  Betlehem  vorträgt,  und  zwar  latei- 
nisch, da  er  häufig  in  Rom  gewesen  ist;  während  die  weisen  grie- 
chisch sprechen.  Es  folgt  ein  gespräch  zwischen  Herodes  und  sei- 
nem rat;  jener  klagt  über  die  nichtigkeit  der  menschlichen  anschlage 
und  über  die  treulosigkeit  der  weisen  und  fragt,  wie  sich  wol  der 
neugeborene  Judenkönig  werde  beseitigen  lassen.  Der  rat  sucht  ihn 
zu  beruhigen  und  ihm  die  furcht  vor  dem  leeren  gerücht  auszureden. 
Ein  gespräch  Josephs  mit  Maria  und  das  geheiss  des  engeis  an  beide, 
mit  dem  kinde  nach  Ägypten  zu  ziehen,  schliessen  den  akt,  nachdem 
vorher  noch  ein  studiosus  der  theologie  mit  einem  theologon  einige  fra- 
gen über  die  engel  erörtert  hat.  Der  zweite  akt  führt  uns  zunächst 
Simeon  und  Hanna  in  freudigem  gespräche  über  die  endliche  geburt 
des  erlösers  vor.  Sie  werden  von  einem  edlen  aus  der  Umgebung  des 
Herodes  belauscht;  dieser  berichtet  den  Inhalt  ihrer  Unterredung  dem 
Herodes  und  entflamt  diesen  dadurch  zur  wut.  Sodann  werden  uns 
Joseph  und  Maria,  einander  gegenseitig  tröstend,  auf  der  flucht  gezeigt, 
und  nachdem  das  stück  wider  durch  ein  z^vischen  vier  personen  geführ- 
tes theologisches  gespräch  über  die  flucht  nach  Ägypten  unterbrochen 
ist,  wird  der  akt  mit  einer  auseinandersetzung  zwischen  Herodes  und 
seinem  rat  geschlossen,  der,  da  er  die  Unmöglichkeit  einsieht,  den 
Herodes  zu  beruhigen,  sich  ihm  endlich  fügt.  Im  dritten  akt  erscheint 
zuerst  die  Conscientia,  die  dem  Herodes  seine  vielen  morde  vorhält 
Die  Tyrannis  dagegen  bestärkt  den  Herodes  in  seinem  vorhaben.  Ein 
Sekretär  Thrasybulus  überbringt  dem  Herodes  das  dekret,  welches  den 
kindeimord  befiehlt,  zur  Unterschrift,  worauf  Herodes  durch  einen  die- 
ner  zwei  centurionen  herbeirufen  lässt,  um  diesen  die  ausführung  zu 
übertragen.  Mit  einer  klage  der  Conscientia  über  ihr  loos  schliesst  der 
akt.  Die  beiden  hauptleute  erscheinen  am  anfang  des  vierten  aktes; 
der  eine  erklärt  sich  zu  dem  kindermorde  bereit,  der  andre  verweigert 
seine  mithilfe.  Hierauf  wird  uns  nun  in  einer  reihe  von  scenen  der 
kindemiord  vorgeführt:  drei  frauen,  die  die  Soldaten  flehentlich  um  das 
leben  ihrer  kinder  bitten,  aber  von  ihnen  verhöhnt  und  ihrer  kinder 
beraubt  werden;  eine  frau,  die  ihrem  manne  jammernd  die  ermordung 
ihres  kindes  erzählt,  worauf  dieser  in  der  Verzweiflung  dem  Soldaten 
mit  gezücktem  schwort  entgegentritt  und  von  diesem  getötet  wird.  Auch 
die  klagen  des  älteren  sohnes  über  den  tod  des  vatere  bleiben  uns 
ebenso  wonig  erspart  wie  die  freude,  die  der  entmenschte  soldat  bei 
der  erinnerung  an  den  kinderinord  äussert.  —  Im  fünften  akt  hören 
wir  zunächst  wider  khigeii    über  das  elend;    dann  wird  Herodes  vor- 


J.    8.    MITTERNACHT  513 

geführt,  gequält  von  den  geistern  derer,  die  er  gemordet,  und  unter 
denen  Mariamne  zuerst  erscheint.  Auch  Conscientia  und  die  schatten 
der  gemordeten  kinder  beängstigen  ihn;  hierauf  erscheinen  auch  noch 
die  drei  furien,  und  vergeblich  bittet  Herodes  seine  höflinge  und 
Soldaten,  diese  zu  verscheuchen.  Nachdem  dann  noch  Maria  und  Joseph 
die  gute  Gottes  gepriesen  haben,  der  sie  so  wunderbar  behütet,  berich- 
tet Fama  das  traurige  ende  des  tyrannen. 

Um  seines  Stoffes  willen  noch  interessanter  ist  das  Celeberrimi 
pictoris  Apellis  fatum  (aufgeführt  1655),  die  dramatisierung  der  bekan- 
ten  erzählung  von  der  Verleumdung  des  Apelles  durch  einen  neben- 
buhler  —  eine  fabel,  welche  schon  der  vortref liehe  Micyllus  während 
seines  Frankfurter  rektorats  (1531)  dramatisch  behandelt  hat,  um,  da 
er  wie  der  griechische  maier  von  einem  nebenbuhler  verdächtigt  wor- 
den war,  in  dem  Schicksal  des  Apelles  sein  eignes  abzuspiegeln.  In 
Mitternachts  stück  tritt  zuerst  der  maier  Antiphilus  auf  und  beklagt 
sich  über  die  Verachtung,  der  er  anheim  gefallen;  Invidia  erfült  dann 
sein  herz  noch  mit  immer  heftigerem  hass  gegen  Apelles;  Calumnia 
gibt  ihm  rat;  trug  und  hinterlist  treten  ebenfals  auf  und  gewähren  ihm 
Waffen,  Audacia  endlich  reizt  ihn  zur  tat  und  erweckt  die  nötige  Unver- 
schämtheit in  ihm.  Im  zweiten  akt  wird  dem  könig  Ptolemäus  nach- 
richt  von  einem  aufstand  gegeben,  der  in  Syrien  durch  Theodota  ent- 
standen ist  und  viele  anhänger  gefunden  hat.  Nachdem  der  könig  die 
üblichen  klagen  über  das  schwere  loos  der  könige  und  die  vielen 
gefahren,  denen  sie  ausgesezt  seien,  vorgetragen  und  sich  mit  seinen 
raten  beraten  hat,  lässt  er  durch  einen  herold  dem  einen  hohen  preis 
bieten,  der  ihm  mitschuldige  des  empörers  angebe.  Im  dritten  akt 
erscheint  nun  Antiphilus  und  nent  den  Apelles  als  mitverschwörer;  in 
der  Umgebung  des  königs  stimt  man  für  einen  schnellen  tod  des  Apel- 
les. Dieser,  durch  Fama  von  dem,  was  ihm  droht,  benachrichtigt, 
bejammert  das  schwere  Schicksal,  das  ihn  trotz  seiner  Unschuld  getrof- 
fen, und  wird  deshalb  von  Calumnia  verspottet.  Am  anfange  des  drit- 
ten aktes  treten  wider  drei  allegorische  personen:  Innocentia,  Justitia 
und  Conscientia  auf,  diese  tröstend,  jene  sich  über  das  unrecht  beklagend, 
das  dem  Apelles  angetan.  Dann  ei*scheint  des  Apelles  söhnchen  vor 
Ptolemäus,  fält  vor  ihm  nieder  und  fleht  um  gnade  für  seinen  vater; 
da  es  beim  königo  nichts  erreicht,  wendet  es  sich  mit  seiner  bitte 
an  den  kanzler.  Dieser  bestimt,  dass  die  sache  von  einem  gerech- 
ten richter  untersucht  werden  soll.  Jedoch  dieser  wird  von  den  ran- 
ken des  durch  trug  und  list  unterstüztcn  Antiphilus  so  bestrickt,  dass 
er  den  Apelles  für  schuldig  erklärt  und  ihn  zum  tode  verurteilt.     Im 

ZEITSOHIUFT   F,    DEUTSCHE   PHII.OLOOIK.     BD.  XXV.  33 


514  ELLINGER 

fünften  akt  endlich  erfolgt  die  befreiung:  der  kanzler  befragt  die  gefan- 
genen, ob  Apelles  zu  ihnen  gehört  habe;  sie  sagen  für  ihn  aus,  und 
so  spricht  der  könig  den  Apelles  los  und  übergibt  ihm  den  Äntiphilus 
als  Sklaven. 

So  weit  man  aus  den  inhaltsangaben  einen  schluss  ziehen  kann, 
wird  das  drama  vom  betlehemitischen  kindemiord  die  stärkste  Wir- 
kung ausgeübt  haben.  Namentlich  die  scene,  in  der  Herodes  von  den 
schatten  der  von  ihm  gemordeten  geängstigt  wird  und  vergeblich  den 
furien  zu  entrinnen  sucht,  scheint,  wenn  wir  uns  ähnliche  Situationen 
aus  den  beiden  deutschen  stücken  vergegenwärtigen,  gross  angelegt 
gewesen  zu  sein.  Freilich  ein  künstlerischer  eindruck  konte  mit  die- 
sen stücken,  so  stark  auch  das  eingesezte  dramatische  talent  des  Ver- 
fassers war,  kaum  erzielt  werden:  eine  wirkliche  entfaltung  der  hand- 
lung,  eine  anpassung  des  ausdrucks  an  die  darzustellende  Situation  war 
durch  das  seltsame  sprachgemenge  sehr  erschwert,  welches  selbstver- 
ständlich in  der  spräche  viel  Schablonen-  und  phrasenhaftes  herbeifüh- 
ren muste. 

Daher  lernen  wir  die  eigentliche  kraft  des  dramatikers  erst  aus 
den  beiden  deutschen  dramen  kennen.  Jedesfals  aber  sind  für  die  cnt- 
wicklung  des  dichtei-s  diese  schulkomödien  nicht  zu  unterschätzen:  sie 
haben  ihm  zweifellos  eine  gewisse  theatralische  gewantheit,  eine  bedeu- 
tendere Sicherheit  in  der  handhabung  der  form  gegeben.  Im  aufbau 
ähneln  denn  nun  auch  diese  vielsprachigen  schulkomödien  den  deut- 
schen dramen  volständig,  wie  wir  noch  sehen  werden,  wenn  wir  uns 
von  der  art  der  bühneneinrichtung,  die  seine  stücke  voraussetzen,  eine 
Vorstellung  zu  machen  suchen.  Auch  andre  züge,  wie  das  auftreten 
der  gleichen  allegorischen  figuren,  die  neigung  zum  ausmalen  leiden- 
schaftlich bewegter  und  rührender  scenen  finden  wir  in  den  deutschen 
stücken  wider;  ja  einzelne  scenen  der  deutschen  dramen  scheinen  in 
diesen  stücken  gewissermasson  schon  im  keim  enthalten  zu  sein,  so 
z.  b.  die  scene,  in  der  die  kinder  des  barbiers  den  richter  um  gnade 
für  ihren  vater  anflehen  (s.  u.  s.  525  fg.),  in  dem  gleichen  oben  s.  513 
angeführten  Vorgang  aus  dem  Apelles.  Ebenso  muten  uns  andre  sce- 
nen wie  Vorstudien  zu  ähnlichen  auftritten  in  den  deutschen  stücken 
an.  Dass  der  gleiche  reichtum  an  pcrsonen  hier  wie  dort  vorhanden, 
ist  selbstverständlich  imd  erklärt  sich  ebenso  wie  später  bei  Christian 
Weise  aus  dem  wünsche,  möglichst  viele  schüler  an  der  aufführung  teil- 
nehmen zu  lassen. 

Bevor  wir  uns  indessen  den  deutschen  dramen  Mitternachts  selbst 
zuwenden,   sei   ein   kurzer  ausblick  auf  die  nachwirkung  gestattet,  die 


J.    S.    MITTERNACHT  515 

sein  eifer  für  schul aufführungen  in  Gera  ausübte.  So  führte  rektor 
Köber,  Mitternachts  nachfolger,  mehrfach  eine  komödie  zum  lobe  des  alten 
Griechenlands  auf,  mit  benutzung  des  Cornelius  Nepos.  In  dieser  wird 
im  ersten  akt  Jupiter  vorgeführt,  den  die  Providentia  divina  auffor- 
dert, Griechenland  aus  seinem  jetzigen  zustande  zu  befreien,  worauf 
dann  Griechenland,  gefesselt  von  der  Barbaries  (in  der  Inhaltsangabe 
der  späteren  aufführung  ist  es  der  Türke  selbst:  vinculis  Turci  con- 
stricta)  erscheint  und  ihr  trauriges  Schicksal  beklagt.  Im  zweiten  akt 
erscheint  dann  Jupiter  auf  der  erde  mit  Graecia  und  Attica,  und  er 
lässt  durch  Mercurius  götter,  holden,  totenrichter,  gesclüchtsschreiber 
und  viele  allegorische  figuren  herbeirufen,  welche  entweder  das  los 
Griechenlands  verkünden  oder  dieses  durch  ihr  zeugnis  bekräftigen 
müssen.  Man  sieht:  es  ist  eigentlich  mehr  ein  redeakt  als  ein  wirkliches 
draraa;  nur  im  fünften  akt  komt  durch  die  klagen  der  aus  der  unter- 
weit heraufbeschworenen  Athener  Themistokles,  Aristides  und  Cimon  über 
die  Ungerechtigkeit  ihrer  ehemaligen  Verbannung  aus  dem  vaterlande 
ein  neues  motiv  in  die  handlung.  Überhaupt  nehmen  sich  diese  stücke, 
ebenso  wie  die,  welche  Mitternachts  kollegen  noch  während  seiner 
amtszeit  aufführten  (wie  die  vom  conrektor  Berger  1657  zur  darstellung 
gebrachte  vergilischc  tragödie :  Aeneas  und  Lavinia)  Mitternachts  stücken 
gegenüber  recht  kahl  und  dürftig  aus,  so  dass  man  aus  dieser  verglei- 
chung  erst  erkent,  mit  wie  grossem  theatralischen  geschick  Mittemacht 
seine  aufgäbe  angriff. 

Grösseres  Interesse  bringen  wir  von  diesen  späteren  schulkomö- 
dien  in  Gera  nur  einer  entgegen,  nämlich  der  vom  rektor  Köber  1669 
veranstalteten  aufführung,  die  ähnlich  wie  Mitternachts  deutsche 
stücke  auf  dem  rathause  zur  fei^r  des  landtagsschlusses  statfand.  Das 
stück  verdient  um  deswillen  beachtung,  weil  es  eine  neue  bearbeitung 
von  Cornoilles  Polyeuct  ist,  und  deshalb  möge  hier  die  inhaltsangabe, 
die  sich  erhalten  hat,  mit  auslassung  der  namon  der  dai-steller  wider- 
gegeben werden.  Corneilles  name  selbst  ist  freilich  in  dem  dnicke 
nicht  erwähnt,  wie  denn  auch  in  demselben  nirgends  vermerkt  wird, 
dass  das  stück  nach  einem  fremden  vorbilde  gedichtet  ist.  (Es  sind 
4  blätter  in  4®;  auf  die  bcschrcibung  des  ausführlichen  titelblattes  kann 
wol  verzichtet  werden).  Das  offenbar  in  deutscher  spräche  geschriebene 
stück  führte  den  titel:  „Der  Christon  Marter -Krohn  und  Ehren -Thron." 
Nach  den  üblichen  worton  des  Prologus,  des  Argumentator  generalis 
und  des  Admonitor  folgt  zunächst  in  der  ersten  abhandlung  der  „Ar- 
gumentator specialis",  den  inhalt  der  gantzcn  ersten  handlung  mit  kur- 
zen  Worten    erzehlend:    Im  I.   auftritto    dancket  Antonius,    ein    einsie- 

33* 


516  ELUNGEB 

del  Gott  vor  friede  und  ruhe,  so  er  bisher  seiner  kirchen  verliehen. 
Im  IL  auftritt  praesentirt  sich  Szaramuza  als  ein  unwissender  und  in 
christlicher  religion  unerfahrener  bauem -junge,  welchen  der  einsiedel 
mit  sich  nimt,  und  in  der  erkäntnus  Gottes  unterrichtet  Im  III.  tritt 
ein  der  kaiserliche  herold  und  eröfnet  aus  des  kaysers  Decii  ernst- 
liches edict,  die  Verfolgung  der  Christen  betreffend.  Im  IV.  tut  Sza- 
ramuza dem  einsiedel  sein  erlerntes  glaubens-bekäntnüs.  Im  Y.  dis- 
curriren  Polyeuctus  das  haupt  des  adels  in  Armenien  und  Majoranus 
ein  rat  des  füi*sten  in  Armenien  von  dem  kayserlichen  befehl,  und 
improbiren  denselben,  als  heimliche  Christen.  Im  VI.  erkläret  sich 
Felix,  ein  Fürst  in  Armenien  dem  kayserlichen  befehl  treulichst  nach- 
zukommen, welches  ihm,  wie  wol  vergeblich,  Polyeuct  widerratet 
Im  VII.  erzählt  Scaramuza,  was  er  in  der  stadt  von  der  Christen  Ver- 
folgung gehört,  und  gehet  hin,  solches  seinem  alten  einsiedel  zu  erzäh- 
len. Im  VIII.  kömt  Polieuct  und  Nearcus,  ein  afrikanischer  landes- 
fürst,  vor  diesmal  ein  mitglied  des  hohen  rats  in  Armenien,  und 
erinnern  einander  ihres  Christentums  und  der  beständigkeit,  bey  dem- 
selben zu  verharren.  Im  IX.  stellt  sich  ein  Felix  mit  seinen  raten, 
so  da  sind  Polyeuct,  Majoran,  Seleucus,  Nicander,  Brutus  und  Aure- 
lius,  teils  Römer,  teils  Persianer;  vor  sie  werden  gebracht,  und  zum 
tode  verurteilet  zween  pei'sianische  Christen,  sonst  vornehme  reichs- 
vasaJlen.  Im  X.  klagt  Scaramuza  über  den  todes-fall  seines  frommen 
einsiedlei-s.  Im  XL  begegnen  Polyeuct  und  Nearc  der  Paulinae  und 
Stratonicae,  und  eilen  von  diesen  hinweg.  Daher  Paulina,  des  fürsten 
tochter  und  vertraute  des  Pulyeucti,  im  XII.  eintritt  über  Polyeuct  klagt, 
Scaramuza  aber  um  die  Camillam  freyet,  und  repuls  bekömt  Im  XIIL 
bittot  Paulina  bey  ihrem  vater,  dem  füi*sten  Felici,  umb  gnade  vor  die 
gefangenen  Christen,  bekömt  aber  abschlägliche  antwort,  weil  er  sich 
vor  des  Severi,  eines  römischen  ritters  und  des  kaysers  geheimdesten 
freundes  ankunfft,  so  ihm  Albin,  ein  römischer  kriegsbedienter  in  Arme- 
nien, ankündiget,  gar  hefTtig  fürchtet,  in  sorgen  stehende,  Sever  möchte 
vom  römischen  kayser  abgeordnet  seyn ,  uft*  Felicis  beginnen  wider  die 
Christen  achtung  zu  geben.  Im  XIV.  agirt  Scaramuza  und  Pantalon 
und  gibt  jener  bey  dieser  seyner  tochter  Freyens  vor.  Im  XV.  falleo 
Severus  und  Fabian  nider  uff  die  knie,  und  dancken  den  Göttern  vor 
verliehenes  glück  zur  reise.  Im  XVI.  kömt  Albin  und  mit  ihm  Seleu- 
cus, Brutus,  Nicander,  Aurel,  Majoran  und  Scaramuza,  Severum  zu 
benoventiroii.  Im  XVII.  reden  Severus  imd  Fabian,  beyde  römische 
rittor  und  vertraute  freunde,  von  der  Paulinen  Vermählung  an  den  Po- 
iyouct     Denn  die  Paulinani   hatte  hiebovor  Severus  zu  Rom  geliebet, 


J.   S.   MITTERNACHT  517 

kam  auch  niinniehro,  sie  ihme  zur  gemahlin  zu  begehren,  und,  damit 
solches  desto  heimlicher  möchte  zugehen,  gab  er  vor,  er  hätte  den 
göttem  in  Armenien  ein  grosses  opfer  zu  tun,  und  das  sei  die  Ursache 
seiner  ankunfft  von  Rom.  Im  XVIII.  kommen  zu  diesen  beyden  rit- 
tem  Paulina  und  Stratonice,  so  denn  Severus  die  unglückseligkeit  sei- 
ner liebe  beklagt.  Scaramuza  menget  sich  hiermit  ein  und  agiert.  Im 
XIX.  tröstet  Polyeuctus  die  Paulinam,  dass  sie  sich  vor  Sever  nicht 
zu  fürchten,  noch  etwas  böses  zu  befahren  habe.  Im  XX.  berufft  Cleon, 
hauptmann  über  die  leib -wache,  den  Polyeuct  im  tempel  zum  opfFer, 
ufif  des  fürsten  befehl.  Im  XXI.  Polyeuct  sich  stellend,  als  wolte  er 
dahin  gehen,  wird  von  Nearc  seines  christenthumbs  scharfF  erinnert: 
Daher  sie  beyde  beschliessen  zu  öffentlicher  bekäntnus  ihres  glaubens, 

den   öffentlichen   angestelten   götzen- dienst   zu   zerstören  Zu   der 

andern  abhandlung  wird  einen  anfang  machen  Argumentator  11.  Im 
1.  eintritt  aber  agiert  Pantalon  und  Scaramuza,  da  jener  diesen  als  einen 
Christen  höhnisch  hält,  dieser  aber  jenes  heidnische  götzen  verlacht. 
Im  n.  auguriert  ein  heidnischer  wahrsag -priester,  wie  treulich  die 
götter  in  zukunfft  ihre  religion  beschützen  würden.  Im  III.  agiert 
Scaramuza.  Im  IV.  steht  der  hohepriester  vor  Jupiters  altar  mit  dem 
räucher-fass,  der  opffer- priester  beym  opffor  und  verrichten  nebenst 
dem  wahrsag -priester  ihren  götzendienst.  In  welchem  sich  auch  befin- 
det fürst  Felix  mit  fünff  raten,  wie  auch  Stratonice.  Zu  ihnen  kom- 
men im  V.  eintritt  Polyeuct,  und  Nearc,  ihnen  den  schändlichen  götzen- 
dienst verweisende,  die  anwesenden  verjagende,  die  bilder  stürmende. 
Im  VI.  kömt  Albin  mit  der  wache  und  nehmen  Polyeuct  und  Nearc 
gefangen.  Im  VII.  lässt  fürst  Felix  seinen  zorn  und  Unwillen  wider 
die  missetäter  hören.  Im  VIII.  erzählt  Stratonice  der  Paulinen,  was 
im  tempel  vorgegangen,  worüber  diese  gar  sehr  bestürzt  wird.  Im 
IX.  praesentiert  sich  das  gefängnis  mit  den  gefangenen  Polyeuct,  Nearc, 
obgedachten  2  Persianern  und  Scaramuza.  Im  X.  kömt  Albin  vors 
gefängnis  mit  der  wache,  und  holt  Nearcum  vors  hohe  gerichte  ab.  Im 
XL  bringt  Albin  den  gefangenen,  Felix  und  seine  rate  verdammen 
Nearc  zum  tote,  und  befehlen,  dass  ihm  das  hertz  solle  aus  dem  leibe 
gerissen  werden.  Im  XII.  tröstet  Majoran  die  Paulinam,  berichtend, 
dass  Polyeuct  noch  lebe,  und  dass  er  sich  wolle  angelegen  seyn  lassen, 
ihn  vom  tode  zu  erretten.  Im  XIII.  wehklagt  Paulina  über  den  elen- 
den zustand  ihres  liebsten  Polyoucts,  wird  aber  von  Stratonice  getrö- 
stet. Im  XIV.  werden  die  bevden  Persianischen  Christen  im  feuer 
geschmäuchet.  Im  XV.  wird  Noarcus  nach  gcfältem  ui'teil  justificiert, 
und  siehet  diesem  handel  Polyeuct  mit  hertzhafftigkeit  zu.     Im  XVI. 


518  ELLINaSB 

wehklagt  die  christon -Unschuld,  ein  engol  aber  tröstet  sie.  Im  XVII. 
berichtet  Oleen  den  Felicem,  wie  die  hinrichtung  des  Nearei  abgelauf- 
fen.  Im  XYIII.  fält  Paulina  ihrem  herrn  vatter  zu  fusse,  vor  ihren 
breutigam,  Polyeuct,  umb  gnade  bittende,  aber  Felix  will  sich  darzu 
nicht  bcqvemen.  Im  XIX.  erzehlt  gleicher  massen  Albin,  was  bey 
justificierung  des  Nearei  vorgelauffen,   und   bittet  zugleich  um  des  Po- 

lyeucts  erledigung,  erlanget  aber  nichts Und  hierauf  wird  gesdirit- 

ten  zur  dritten  und  lezten  abhandlung.  Den  Inhalt  derselben  erzehlet 
Argumentator  III.  Und  darauf?  in  dem  I.  eintritt  erscheint  des  ertö- 
teten Nearei  geist  mit  einer  krohnen  und  palmenzw^eige  dem  Polyeuct, 
so  uff  einem  stule  sitzet  und  schläift.  Im  11.  eintritt  erscheinet  ihm 
die  ewigkeit  im  schlaffe,  ihn  mit  betrachtung  der  ewigkeit  auffrichtende. 
Im  III.  praesentiert  sich  Cleon  mit  der  wache  vor  dem  gefangnis,  Po- 
lyeuct begehrt  mit  seiner  Paulina  noch  nicht  zu  reden.  Im  IV.  erklärt 
sich  Polyeuct  zur  beständigkeit  in  seiner  christlichen  religion.  Inzwi- 
schen kömt  im  V.  eintritt  Paulina  zu  ihrem  Polyeuct,  weil  sie  ihn 
aber  durchaus  uff  keinerley  weise  von  dem  christenthumb  abwendig 
machen  kann,  gehet  sie  endlich  in  unmuth  darvon.  Im  VI.  imploriert 
Paulina  den  Sever,  er  w^oUe  ihr  doch  zu  liebe  und  gefallen  ihren  Po- 
lyeuct vom  tode  erretten,  worzu  er  sich  auch  erklärt,  iedoch  dass  ihm 
solches  Fabian,  nach  der  princessin  hinwegscheiden,  eiferichst  wider- 
räthet,  wiewohl  Sever  uff  seiner  gefassten  meinung  bleibt,  und  die 
gethane  verheissung  in  der  that  zu  leisten  gedenket.  In  dem  Vn. 
kömt  fürst  Felix  mit  einem  mohr,  sezt  sich  an  einen  tisch,  und  nach- 
dem er  den  mohr  von  sich  gelassen,  und  schreiben  w^ill,  schlummert 
er  darüber  ein.  DaraufF  erscheinet  das  Fatum  und  erinnert  den  for- 
sten im  träume,  wie  vergeblich  sein  beginnen  sey  wieder  den  rath- 
schluss  gottes.  Und  so  Felix  hier  auff  erwachet,  und  von  neuem  das 
blut-urtheil  wieder  seinen  eydam  den  Polyeuct  unterschreiben  will 
kömt  Nearei  geist,  löschet  ilime  das  liccht  aus,  rüttelt  an  dem  tisch 
und  nimt  ihm  das  pappier  aus  der  hand,  und  fleucht  darvon^;  worüber 
Felix  zwar  bestürtzt  wird,  doch  aber  bey  seiner  meinung  wieder  den 
Polyeuct  zu  verharren  gedenkt.  Im  VIII.  tritt  Severus  ein,  den  für- 
sten  zu  bereden,  dass  er  Polyeuct  möchte  das  leben  schencken,  aber 
Felix,  als  der  ihm  nicht  trauote,  will  sich  nicht  bereden  lassen.  Im 
IX.  hält  Felix  rath  wieder  Polyeuct,  welcher  sich  auch  als  einen 
gefangenen   im  X.   vor  dem    hohen    rath   darstellig   macht:    wird   zum 

1)  Derai-tigo  Situationen  kommen  im  drama  des  siebzehnten  Jahrhunderts  sehr 
häufig,'  vor,  man  vgl.  z.  1>.  den  ganz  ähnlicluui  Vorgang  in  Beckhs:  Polintc  oder  die 
klägliche  liodizoit;  vgl.  Viorteljahrsschrift  f.  litteraturgcsuhichte  V,  372. 


J.    S.   BOTTKRNACHT  519 

todte  verurtheilt.  Im  XL  wird  Polyeuct  zur  richtstätte  hinaus  geführt, 
Pauline  eilt  ihm  nach,  bekennet  sich  öffentlich  zum  christenthumb, 
und  kniet  nieder,  mit  bitte,  man  wolle  ihr  doch  noch  eher,  als  ihrem 
Polyeuct  den  kopff  nehmen.  Über  dieser  wunderlichen  geschieht  wird 
alles  perplex,  und  werden  die  gefangenen  uflf  des  fürsten  befehl,  bis 
uff  fernere  anordnung  zurücke  geführt.  Fürst  Felix  wird  durch  so 
wunderseltzame  begebenheiten  hefftig  coustemirt,  und  zugleich  in  seinem 
hertzen  kräfftiglich  gerührt,  dass  er  sich  zum  christlichen  glauben  zu 
bekennen  nicht  wenig  geneigt  ist,  und  solches  wird  er  bekennen  im 
XII.  eintritt.  Im  XIII.  wird  er  rath  halten  und  deliberiren,  ob  es 
nicht  rathsam,  dass  man  sich  zur  Christen -religion  wende,  lind  nach 
dem  allerley  discurrirt  worden,  erklärt  er  sich  mit  den  räthen  dahin, 
dass  sie  mit  dem  gantzen  lande  Christen  wollen  werden.  Im  XIV.  wer- 
den die  heydnischen  priester  aus  dem  lande  gejagt.  Im  XY.  und  letz- 
ten wird  Gott  vor  die  bekehrung  zur  göttlichen  warheit  von  Feiice, 
Polyeuct  und  Paulina  gedancket,  sie  auch  werden  von  einem  engel 
zur  beständigkeit  im  glauben  angemahnet.  Und  also  wird  frölich,  was 
sich  so  traurig  und  jämmerlich  anliess,  beschlossen 

Diese  bearbeitung  darf  gewiss  Interesse  für  sich  in  anspruch  neh- 
men. Wir  erhalten  keine  sich  genau  an  das  original  anschliessende 
Übersetzung,  wie  sie  vom  Polyeukt  drei  jähre  vor  Köbers  stück  Tobias 
Fleischer  in  seinen  „Erstlingen  von  Tragoedien,  Helden -Reimen  vnd 
anderen  Tichteroyen  (1666.  Exemplar  in  Berlin;  vgl.  Goedeke,  IIP, 
222  und  die  freilich  nicht  zui*eichenden  mitteilungen  in  Sehnorrs  archiv 
f.  1.  III,  249  fgg.)  gegeben  hatte,  sondern  eine  auseinandergezogene 
und  mit  vielen  zutaten  verbrämte  Überarbeitung.  Tatsachen,  die  Cor- 
neille erzählt,  werden  auf  der  bühne  selbst  dargestelt,  namentlich 
dann,  wenn  sie  gelegenheit  zu  pomphaften  scenen  geben.  Die  scene 
im  tempel,  die  bei  Corneille  nur  berichtet  wird,  führt  der  Verfasser 
unmittelbar  vor,  ebenso  die  hinrichtung  des  Nearch;  wodurch  aller- 
dings der  übelstand  entsteht,  dass  das,  was  wir  eben  auf  der  bühne 
haben  vorgehen  sehen,  nachher  noch  zweimal  erzählt  wird. 

Ein  teil  dieser  änderungon,  wie  die  einfügung  der  komischen 
personen  und  des  einsiedlers  rührt  offenbar  von  Köber  selbst  her;  die 
wesentlichsten  zusätzc  dagegen  berühren  sich  so  mit  einer  in  dem 
gleichen  jähre  erschienenen  bearbeitung  des  Polyeukt,  dass  ein  Zusam- 
menhang nicht  in  abrede  gestclt  werden  kann.  Es  ist  der  „Polyeuctus 
oder  Christlicher  Märtyrer"  von  Christophorus  Kormart  (1669;  exem- 
plar  in  Berlin  Xv  3590;  Analyse  in  Gottscheds  Beyträgen  zur  criti- 
schen  historie  der  deutschen  spräche   und  beredsamkeit,  VI,  385  fgg.), 


520  ELUNGEB 

bekaot  namentlich  durch  die,  freilich  so  wie  sie  überliefert  wird, 
unglaubwürdige  nachricht,  dass  in  diesem  von  Studenten  dargestelten 
stück  Veitheim  zuerst  aufgetreten  und  infolge  dieser  aufführung  nei- 
gung  zum  theater  gewonnen  haben  soll.  Die  Umarbeitung  Kormarts 
zeigt  in  ihren  steifen  gedrechselten  prosaischen  reden,  den  unerträg- 
lichen reimereien,  die  hie  und  da  neben  der  prosa  auftauchen,  nament- 
lich aber  in  den  von  Köber  zum  teil  entlehnten  „eigenen  erfindungen** 
einen  sehr  schlechten  geschmack.  Dieses  stück  muss  bald  nach  seiner 
drucklegung  Köber  zugekommen  sein,  denn  die  wesentlichsten  Verän- 
derungen sind  aus  ihm  entnommen,  sowol  die  kleineren  wie  der  dialog 
zwischen  Severus  und  Fabian  nach  ihrer  seereise  (Köber  I,  17.  Kor- 
mart  II,  1),  die  einfügung  der  um  ihres  Christentums  angeklagten  Per- 
ser (Köber  I.  9.  11,  14.  Kormart  I,  2.  III,  9^,  als  die  vorführuog 
der  scene  im  tempel  und  die  geistererscheinungen  des  Nearch  (die 
scene  ÜI,  7  bei  Köber  ist  genau  Kormart  lY,  11  nachgebildet).  Die 
von  Kormart  verwendeten  mythologischen  imd  allegorischen  figuren 
sind  von  Köber  fortgelassen ;  doch  werden  bei  Köber  gelegentlich  andere 
allegorische  gestalten  verwendet.  Dagegen  ist  die  rettung  Polyeukts 
am  schluss  Köbers  eigentum;  der  schluss  Kormarts  schliesst  sich  im 
wesentlichen  an  Corneille  an.  — 

Die  beiden  deutschen  dramen  Mitternachts,  denen  wir  uns  jezt 
zuwenden,  können  eigentlich  nicht  durchweg  als  schulkomödien  betrach- 
tet werden.  Sie  wurden  zwar  von  schülern,  aber  nicht  in  der  schule, 
sondern  öffentlich  auf  dem  rathaus  dargestelt,  und  zwar  das  eine  zur 
feior  des  landtagsschlusscs,  das  andre,  um  die  tätigkeit  Mitternachts 
als  rektor  bei  seinem  weggange  nach  Greiz  würdig  abzuschliessen. 
Wenn  nun  aber  auch  diese  Art  der  ontstehung  dem  autor  mehr  frei- 
heit  sowol  in  der  wähl  des  Stoffes  als  in  der  ausführung  des  einzelnen 
gab,  so  lässt  sich  doch,  wie  bereits  oben  hervorgehoben  ist,  nirgends 
der  Zusammenhang  mit  den  eigentlichen  schulkomödien  verkennen.  — 
Mitternacht  hat  auf  die  ausarbeitung  der  dramen  grosse  Sorgfalt  gewant 
Er  wendet  sich  daher  aufs  schärfste  gegen  die  stücke  der  fahrenden 
englischen  und  deutschen  komödianten  und  die  nach  seiner  ansieht  in 
diesen  dramen  herschenden  regellosigkeiten  und  Unsitten.  „Zwar  die 
Engollünder'',  lässt  er  den  Prologus  zu  seinem  Vnglückseligen  Soldaten 
und  Vorwitzigen  barbierer  sagen  ^,  „und  andere  im  lande  herumbstrei- 
chendc  comoedianten,    als  welche  entweder  gar  nichts,   oder  nicht  viel 

1)  Ein  teil  der  stelle  ist  sclion  augefühi-t  worden  von  C.  Reuling,  die  komi- 
sohe  figur  in  den  wiclitigsten  deutschen  dramen  bis  zum  endo  des  XVH.  Jahrhunderts. 
1890.     S.  131. 


J.   S.   MITTEBNACHT  521 

besonders  studiret  haben,  sind  hierumb  wenig  bekümmert,  wie  aus 
denen  Engelländischen  comoedien,  so  in  zwoyen  voluminibus  zusam- 
mengedrückt, satsam  zu  ersehen  stehet,  als  in  welchen  fast  nicht  eine 
einige  zu  befinden,  die  nach  den  vorgeschriebenen  legibus  und  prae- 
ceptis  durchgängig  eingerichtet  wäre;  und  pflegen  doch  nichts  desto 
weniger  solche  comoedianten  hin  und  wieder  beliebet  und  gelobet  zu 
werden,  alldieweil  sie,  was  ihren  comoedien  ermangelt,  theils  durch 
kloider-pracht,  theils  durch  einen  geübten  und  kurtzweiligen  Jean  puta- 
gen  ersetzen ,  und  sich  getrösten ,  dass  unter  viel  hundert  Spectatoribus 
oder  zuschauem  offt  kaum  einer  sey,  der  da,  was  zu  einem  solchen 
wercke  gehöret,  gründlich  vei-stehe,  und  consequenter  davon  judiciren 
könne,  sondern  die  meisten  Spectatores  mit  hindansetzung  des  haupt- 
werkes  sich  an  den.possen,  und  gemeiniglich  groben  zoten  belustigen''. 
(A  2  a.)  —  Namentlich  darauf  hat  Mitternacht  grosse  mühe  verwendet, 
jeden  die  spräche  sprechen  zu  lassen,  die  seinem  bildungsgrade  ent- 
spricht, „sintemahl  am  hellen  tage  lieget,  dass  anders  ein  vornehmer 
potentat,  anders  ein  gelehrter  mann,  anders  ein  bescheidener  bürger, 
anders  ein  knecht  oder  magd,  anders  eine  manns-  und  anders  eine 
weibs-person,  anders  ein  erwachsener  mensch,  und  anders  ein  kind  zu 
reden  pflege",  (a.  a.  6.  liij  b.)  Für  die  borechtigung  dieses  strebens 
nach  natürlichkeit  des  ausdrucks  und  abstufung  der  spräche  nach 
herkunft  und  bildung  der  einzelnen  personen  beruft  er  sich  auf  Plau- 
tus,  während  Teronz  alle  figuren  in  der  gleichen  eleganten  spräche 
reden  lasse. 

In  seinem  trauei-spiel :  Der  unglückselige  soldat  vnd  vorwitzige 
barbirer^  ergriff  Mitternacht  ein  eroignis  zur  dramatischen  behandlung, 
welches  unmittelbar  vorher  geschehen  war.  Die  schauererzählung,  die 
durch  fliegende  blättor  in  Deutschland  verbreitet  wurde,  kam  dem 
erfahrenen  pädagogen  offenbar  rocht  gelegen,  denn  sie  eignete  sich  vor- 
züglich zur  einscliärfung  einzelner  cardinalsätze,  die  der  Jugend  einzu- 
piägen  waren.  Zunächst  predigte  die  geschichte  laut  und  vernehmlich 
den  gehorsam  gegen  eitern  und  lehrer,  und  Mitternacht  unterliess  es 
nicht,  das  bereits  im  Stoffe  liegende  motiv  noch  deutlicher  herauszu- 
arbeiten. Das  drama  zeigte  an  einem  erschütternden  beispiele,  wie  es 
einem  Jüngling  ergieng,  der  sich  durch  ungehorsam,  trotz  und  Undank- 
barkeit an  seinen  eitern  vergangen  hatte.     Aber  noch  nach  einer  andern 

1)  1662.  Goodcko  1^I^  221.  Gottscliod,  Nüthiger  vorrath  I,  225  hat  das 
stück  irtümli(;bor  weise  unter  das  jalir  1670  ^'cstelt.  Daraus  ist  denn  die  voi^stcllmig 
ontstandon,  als  oh  das  stück  noch  eionial  in  spätf.Tor  aufläge  erschienen  wäre;  tat- 
sächlich existiert  aber  keine  ausgäbe  von  1670. 


522  BLLINGEB 

richtiing  hin  war  die  geschichte  für  den  erzieher  auszubeuten.  Nach 
dem  entsetzlichen  kriege  waren  noch  nicht  anderthalb  Jahrzehnte  ver- 
flossen; der  schwedisch -polnische  krieg  war  soeben  verübergegangen, 
und  die  neigungen  der  Jünglinge,  an  dem  wilden  kriegstreiben  teilzu- 
nehmen, das  ihnen  befreiung  von  jeder  fessel  verhiess  und  rühm,  ehre 
und  reiche  beute  vorspiegelte,  werden  zwar  nicht  mehr  ebenso  stark 
gewesen  sein  wie  im  dreissigj ährigen  kriege,  waren  aber  noch  immer 
keineswegs  verschwunden.  Da  galt  es,  warnende  beispiele  vorzuführen, 
welche  davon  zeugnis  ablegten,  wie  trügerisch  die  von  der  phan- 
tasie  vorgespiegelten  träume  seien  und  wie  anstatt  rühm  und  reich- 
tum  nur  mühsal,  besch werden  und  ein  siecher  oder  verstümmelter 
körper  dort  zu  holen  wären;  es  galt,  die  abneigung  vor  den  Studien 
und  die  abenteuerlust  zu  bekämpfen.  Diese  pädagogischen  tendenzen 
beherschten  Mitternacht,  als  er  an  die  dramatisierung  der  geschichte 
gieng,  deren  inhalt  kurz  folgender  ist: 

Musophilus,  ein  kaufmann  von  Trient,  hat  einen  söhn  Ariophilus, 
den  er  sorgfältig  hat  unterrichten  lassen,  da  er  ihn  später  in  einem 
hohen  amte  zu  sehen  wünscht  Des  sohnes  gedanken  aber  sind  nur  auf 
den  krieg  gerichtet;  und  als  sein  vater  ihn  auf  eine  Universität  senden 
will,  komt  der  Zwiespalt  in  beider  anschauungen  zum  ausdruck.  Ario- 
philus lässt  sich  anwerben;  er  verlangt  von  seinem  vater  ungestüm  das 
mütterliche  erbteil  und  zieht,  nachdem  er  es  erhalten,  von  dannen  in 
der  stolzen  hofnung,  bald  zu  den  höchsten  militärischen  ehren  empor- 
zusteigen. Aber  um  sein  geld  betrügen  ihn  die  andern  Soldaten;  an- 
statt der  erwarteten  ehren  lernt  er  nur  die  mühseligkeiten  und  placke- 
reien  seines  neuen  Standes  kennen,  auch  schlage  werden  ihm  nicht 
erspart.  Da  deseitiort  er,  wird  verfolgt  und  sucht  bei  einem  berühmten 
arzt  (barbier)  in  Padua  Zuflucht.  Der  arzt  ninit  ihn  scheinbar  freund- 
lich auf,  gedenkt  ihn  aber  zur  ausführung  eines  entsetzlichen  planes 
zu  gebrauchen.  Schon  längst  hatte  er  nämlich  den  wünsch  gehabt, 
einem  lebendigen  menschen  die  brüst  aufzuschneiden,  um  die  bewe- 
gung  des  herzens  zu  beobachten.  Er  hatte  schon  vordem  versucht, 
diesem  wünsch  auf  gesetzliche  weise  zu  genügen,  indem  er  den  padua- 
nischen  gerichtshof  ersucht  hatte,  ihm  zu  diesem  zwecke  einen  zum 
tode  verurteilten  Verbrecher  zu  überliefern.  Damals  war  er  abgewiesen 
worden.  Darum  komt  ihm  jezt  der  landflüchtige  Soldat  sehr  gelegen. 
Er  nimt  seinen  gehülfen  einen  cid  ab,  dass  sie  über  alles  schwei- 
gen wollen;  hierauf  wird  das  grausige  werk  vor  den  äugen  der 
Zuschauer  volzogen,  und  Ariophilus  stirbt  einen  entsetzlichen  tod. 
Aber  trotz  der  furchtbaren  eidc  bleibt  die    tat   doch   nicht  verborgen. 


J.    S.   MITTEBNACHT  523 

Der  arzt  wird  eingezogen,  muss  seine  tat  gestehen  und  wird  hinge- 
richtet. 

Gleich  der  erste  akt  führt  uns  alle  für  den  weiteren  fortgang  des 
Stückes  wichtigen  faktoren  vor.  Der  akt  begint  mit  einem  gespräch 
zwischen  Musophilus  und  Ariophilus:  jener  wünscht  seinen  söhn  auf 
die  Universität  zu  schicken,  um  ihn  dereinst  in  amt  und  würden  zu 
sehen;  dieser  bekent  seine  abneigung  gegen  die  Studien  und  reizt  durch 
die  einwürfe,  die  er  den  emiahnungen  seines  vaters  entgegensezt, 
diesen  so,  dass  er  zornig  abgeht  Ein  werber,  der  allen  denen,  die 
sich  zum  kriege  Spaniens  gegen  Portugal  anwerben  lassen  wollen,  gol- 
dene berge  verheisst,  wird  von  Ariophilus  begierig  angehört;  bei  Muso- 
philus, der  das  gespräch  von  fern  vernommen,  überwindet  die  väter- 
liche liebe  die  Verstimmung,  er  komt  und  warnt  seinen  söhn,  dem  er 
den  allerdings  für  die  gemütsart  dos  Jünglings  möglichst  unpassen 
den  rat  gibt,  sich  aus  der  weit  zurückzuziehen  und  ein  mönch  zu  wer- 
den. Aber  die  antwort  des  Ariophilus  überzeugt  ihn  bald,  dass  alle 
seine  Vorstellungen  nutzlos  sind.  Deshalb  geht  er,  und  nun  erscheint, 
umgeben  von  gewafneten,  Mars.  Nachdem  er  erzählt  hat,  wie  trotz 
der  verschiedenen  versuche,  seiner  herschaft  ein  ende  zu  machen,  sein 
reich  doch  nicht  aufhöre,  fordert  Martis  lieutenant  die  „junge  Pursche 
und  generöse,  lebhaffte  Gemühter"  auf,  herbeizukommen  und  dem  Mars 
in  dem  bevorstehenden  feldzuge  zu  dienen.  „Zwar  ich  kan  wohl 
geschehen  lassen,  dass  ihr  zu  hause  hinter  dem  Ofen  oder  Kamin  sitzet, 
und  die  Aepffel  bratet:  aber  dadurch  werdet  ihr  wenig  Ehre,  und 
noch  viel  weniger  Geld  und  Gut  erlangen.  Im  Gegentheil,  wer  sich 
in  meines  Generals,  den  ihr  da  in  seiner  Majestät  stehen  sehet, 
Dienste  einlassen  wird,  der  darfif  weder  vor  dignität  und  Ehre,  noch 
vor  Güter  und  Reichthum,  am  wenigsten  aber  vor  Lust  und  Ergetz- 
Hchkeit  sorgen".  Ariophilus,  ohnehin  schon  geneigt  soldat  zu  werden, 
erklärt  sich  bereit  sich  anwerben  zu  lassen  und  erscheint  gleich  darauf 
voller  freudc,  um  sich  von  dem  handgelde  eine  schöne  ausrüstung 
anzuschafiTen  und  so  verändert  vor  seinen  vater  zu  treten.  Aber  wie 
trügerisch  die  hofnungen  sind,  mit  denen  er  in  den  krieg  zieht,  wird 
uns  schon  jezt  gezeigt,  zunächst  durch  einen  monolog  des  Secretarius 
Martis,  der  die  Verblendung  der  Jugend  beklagt,  die  in  dem  kriege 
nur  angenehmes  zu  finden  hoffe,  tatsächlich  aber  die  bittereten  erfah- 
rungen  mache  und  auf  sein  eignes  Schicksal  hinweist,  da  er  sich  eben- 
fals  als  junger  mann  durch  den  scheinbaren  glänz  des  kriegcs  habe 
betören  und  von  den  büchern  weglocken  lassen.  Dann  tritt  ein  alter 
verstümmelter   soldat    an    krücken    auf   und  bejammert  sein  Schicksal: 


524  XLIJNGEB 

trotz  der  Warnungen  seiner  eitern  hat  er  sich  in  den  krieg  begeben 
und  dort  nichts  als  elend,  Jammer  und  not  kennen  gelernt;  als  betler 
und  krüppel  muss  er  jezt  in  der  weit  umherziehen;  er  beklagt  die  jun- 
gen leute,  die  es  ebenso  machen  wie  er  es  einst  gemacht  und  so  auch 
demselben  Schicksal  entgegengehen.  Ein  neuangeworbener,  junger  Sol- 
dat, gewissermassen  das  ebenbild  des  Ariophilus,  komt  dazu,  fahrt  ihn 
heftig  an  und  meint,  der  alte  werde  wol  seinen  elenden  zustand  durch 
feigheit  verschuldet  haben ;  er  selbst  lässt  sich  in  seiner  Zuversicht  durch 
den  alten  nicht  irre  machen.  Nach  einem  improvisierten  Zwischenspiel 
von  narren  wird  die  scene  gewechselt  (wovon  der  dichter  freilich  nichts 
sagt);  wir  befinden  uns  in  Padua.  Der  barbierer  tritt  auf  und  erzählt 
von  dem  rühm,  den  ihm  seine  chirurgischen  bücher  erworben  hätten, 
und  wie  er  nun  nur  noch  über  die  bewegung  des  menschlichen  her- 
zens  unsicher  sei  und  diese  an  einem  lebendigen  menschen  kennen  zu 
lernen  wünsche.  Sodann  erscheint  der  präsident  und  die  beisitzer  des 
gerichtes,  bei  deren  auftreten  sich  der  barbier  zurückzieht  Der  Präsi- 
dent eröfnet  den  beisitzern  die  schriftlich  an  ihn  gelangte  bitte  des 
barbierers,  ihm  den  zum  tode  verurteilten  Verbrecher  auszuliefern, 
„damit  er  seinem  curieusen  Gemüht  ein  Genügen  thun,  und  nach  dem 
er  denselben  lebendig  auffgeschnitten,  besehen  möge,  wie  das  Mensch- 
liche Hertz  im  Leibe  beweget  werde",  und  fordert  sie  auf,  sich  über 
diese  angelegenheit  zu  äussern.  Der  erste  beisitzer  spricht  sich  dage- 
gen aus,  worauf  der  präsident  den  barbierer  hereinrufen  lässt  und  ihm 
den  abschläglichen  beschcid  des  gerichtshofes  mitteilt.  Der  barbierer 
aber  beschliesst,  von  seinem  plane  doch  nicht  abzulassen,  und  nach- 
dem die  gerichtspersonen  sich  entfernt,  sagt  er  „trutzig'':  „So  muss 
ich  doch  noch  zu  meinem  Zwekke  gelangen,  es  geschehe  recht-  oder 
unrechtmässiger  weise.  Aber  hiervon  ist  ietzo  nicht  viel  zu  sagen. 
Die  Sache  wird  sich  wol  geben.  Ich  weiss  schon,  was  ich  thun  will''. 
Man  wird  aus  der  analyse  dieses  aktes  schon  eine  ungefähre  Vor- 
stellung von  der  art  des  Stückes  erhalten  haben;  es  ist  natürlich  unmög- 
lich, die  anderen  akte  in  der  gleichen  ausführlichkeit  durchzugehen. 
Trotz  aller  Ungeschicklichkeit  und  eckigkeit  sind  doch  überall  hübsche 
ansätzc  zu  einer  wirklichen  Charakteristik  der  auftretenden  personen 
vorhanden.  So  finden  wir  auch  in  dem  zweiten  akte,  in  welchem 
Ariophilus  die  eigentliche  natur  des  soldatenlebens  kennen  lernt,  die 
gestalten  des  lagers  ganz  hübsch  herausgearbeitet:  die  Soldaten,  die 
sich  an  den  neugeworbenen  horandrimgen  und  ihm  schmeicheln,  um 
ihm  sein  gold  abzulocken,  ihn  aber  hinter  seinem  rücken  auslachen 
nud  verspotten;    die  geldgierige,   aber  wenigstens  bis  zu  einem  gewis- 


J.   8.    MITTERNACHT  525 

sen  gi-ade  gutherzige  soldatendirne;  den  armen,  von  den  Soldaten  ge- 
plagten, aber  von  dem  officier  in  schütz  genommenen  baiier.  Auch 
zur  Charakteristik  der  mutter  des  Ariophilus  werden  am  ende  des  aktes 
einige  gute  züge  beigebracht.  Im  vierten  akt  sind  die  gesellen  des 
barbierers  in  ihrer  rohen  umbarmherzigkeit  nicht  ohne  glück  gezeich- 
net, und  die  kinderscenen  im  fünften  akt,  wo  der  barbierer  nach  län- 
gerem läugnen  seine  tat  eingesteht  und  zum  tode  verurteilt  wird,  zeu- 
gen ebenfals  von  guter  beobachtung  und  zeigen  uns,  wie  die  neigung, 
kinderscenen  rührend  auszumalen,  welche  im  Zeitalter  der  reformation 
so  stark  war*  auch  im  siebzehnten  Jahrhundert  sich  noch  erhalten  hatte. 
Die  frau  und  die  kinder  des  barbierers  treten  im  fünften  akt  dreimal 
auf,  zuerst  vor  dem  gericht,  wo  sie  die  gnade  der  richter  anflehen, 
dann  im  kerker,  um  von  dem  vater  abschied  zu  nehmen,  schliesslich 
widerum  vor  dem  gerichtshof,  dessen  barmherzigkeit  sie  nochmals  ver- 
geblich anrufen.  Der  dichter  hat  sich  bemüht,  das  verschiedene  alter 
der  kinder  durch  eine  gewisse  abstufung  in  den  empfindungen  und 
Worten,  die  er  sie  äussern  lässt,  zu  charakterisieren,  und  es  ist  ihm 
das  bis  zu  einem  gewissen  grade  gelungen.  Man  vgl.  z.  b.  folgende 
stelle,  in  welcher  die  kinder  unmittelbar  vor  der  angesezten  hinrich- 
tung  noch  einmal  um  gnade  für  ihren  vater  bitten  (V,  7.  Ib.  f.): 

Der  andere  Sohn.  Ach  ihr  hertzliebsten  Herren,  können  eure 
sonst  so  sanfftmüthigen  Hertzen  durch  kein  bitten  und  flehen  erweichet, 
und  zur  Barmhertzigkeit  beweget  werden?  Ach  sehet  doch  mich  armes 
Band  in  Gnaden  an,  und  gebet  mir  meinen  liebsten  Vater  wieder.  Denn 
wer  wolte  mir  zu  essen  geben,  wenn  ich  keinen  vater  hätte?  Ach! 
unsre  liebste  Mutter  will  auch  sterben.  Ach!  wo  wollen  wir  denn 
hin?  Ach!  wer  will  uns  aufnehmen?  Ach!  wer  will  uns  essen  und 
trinken  geben?  Ach!  wer  will  uns  neue  Schuhe  und  Kleider  kaufen? 
Darum  ach  hertzliebste  Herren,  erbarmet  euch  doch  über  uns  und 
schenket  uns  unsren  Vater.  Wenn  ich  nur  ein  wenig  grösser  werde, 
so  will  ich  euch  gerne  die  Schuhe  putzen,  und  hin  gehen,  wohin  ihr 
mich  schicken  werdet.  Ihr  sollt  mir  so  lieb  seyn,  als  mein  Vater 
selbst. 

Praeses.  Wir  erbarmen  uns  recht  hertzlich  über  euch,  ihr  lie- 
ben kinder.  Aber  euren  Vater  können  wir  euch  nicht  wieder  geben. 
Denn  demselben  muss  nach  Urtheil  und  Recht  der  Kopf  abgeschlagen 
werden. 

Der  andere  Sohn.  Wenn  mein  liebster  Vater  todt  ist,  so  be- 
gehre ich  nicht  mehr  zu  leben.  Bitte  dcrowegen,  dass  ihr  mir  auch 
den  Kopf  wollet  abhakken  lassen. 


526  ELLINQER 

Der  dritte  Sohn.  Wenn  meines  lieben  Vaters  und  meiner  lie- 
ben Brüder  Kopf  abgehakket  ist,  so  will  ich  meinen  Kopf  auch  abhak- 
ken  lassen.  Denn  wenn  mein  lieber  Vater  kein  Wammes  hat  angehabt, 
so  hab  ich  meins  flugs  auch  ausgezogen.  Wenn  nun  er  keinen  Kopf 
hat,  so  begehre  ich  auch  keinen. 

Das  kleine  Töchterlein.  Schweigt  stille,  ihr  lieben  Brüder, 
und  lasst  euch  den  Kopf  immer  abhakken.  Ich  will  eure  Köpfe  und 
des  lieben  Vaters  Kopf  wolil  wieder  aufsetzen.  Neulich  setzte  ich  auch 
meiner  Dokken  ihren  Kopf  wieder  an. 

Der  erste  Sohn.  Ach  liebes  Schwesterlein,  mit  ansetzen  ist  es 
nicht  aussgerichtet.  Der  liebe  Vater  bliebe  doch  todt,  wenn  du  ihm 
gleich  den  Kopf  wieder  ansetztest.  Darum  bitte  die  lieben  Herren,  da.ss 
sie  dem  Vater  den  Kopf  nicht  abhakken  lassen. 

Das  Töchterlein.  Wenn  der  liebe  Vater  gleich  todt  und  gestor- 
ben ist,  so  will  ich  beten,  dass  ihn  der  liebe  Gott  wieder  lebendig 
mache. 

Der  erste  Sohn.  Ach!  sehet  doch,  hertzliebste  Hen-en,  was  das 
vor  ein  Jammer  ist,  wenn  ein  solch  armes  Kind  keinen  Vater  haben 
soll.     Dai-um  bitt  ich  nochmals  um  Gottes  willen,  erbarmet  euch  unser. 

Der  dichter  bemüht  sich  auch  im  verlauf  des  Stückes  noch,  die 
verirrung  des  Ariophilus  zu  erklären.  So  erfahren  wir  z.  b.  im  drit- 
ten akt,  dass  der  präceptor  des  Ariophilus  sich  über  diesen  bei  der 
mutter  oft  hatte  beklagen  lassen,  dass  aber  die  mutter  dann  immer  die 
Sache  vertuscht,  ja  gradezu  die  schuld  auf  den  lehrer  geschoben  und 
dadurch  mit  zu  dem  unglück  ihres  sohnes  beigetragen  habe.  Natürlich 
unterlässt  der  Verfasser  es  nicht,  auch  hieraus  seine  pädagogische  nutz- 
an Wendung  zu  ziehen  und  den  eitern  zu  empfehlen,  sich  bei  klagen 
der  kinder  gegen  die  lehrer  nicht  immer  auf  die  seite  der  kinder  zu 
stellen:  ,.Wenn  nun  die  Eltern  den  Verleumdungen  der  Kinder  glau- 
ben, und  den  treuen  praecoptoribus  des  wegen  feind  werden,  was  ists 
wunder,  dass  sie  hernach  an  den  kindern  alles  Hertzelevd  erleben? 
Gott,  dessen  stelle  treue  praeccptores  vertreten  müssen,  hat  ein  lang 
Godächtnüs,  schreibet  hinter  ein  Ohr,  was  den  praeceptoribus  vor 
Lohn  wiedoL-fahret,  und  pflegets  zu  rechter  Zeit  zu  vindiciren  und  zu 
straften". 

Von  den  im  drama  des  siebzehnten  Jahrhunderts  so  beliebten 
allegorischen  liguron  hat  Mitternacht  einen  reichlichen  gebrauch  gemacht. 
Wenn  wir  von  der  prologisch  eingeführten  Veritas  absehen,  sind  nicht 
weniger  als  acht  begriffe  allegoi'isiert  und  dargestclt  worden;  den  mei- 
sten sind  wir  schon  in   den  schulkonuklien  begegnet     Sobald  Ariophi- 


J.   S.   MITTERNACHT  527 

Ins  der  bösen  folgen  seiner  veriming  inne  wird,  erscheint  sein  gewis- 
sen, die  Conscientia  Ariopiiili  „in  einem  zwar  weissen,  aber  mit  viel 
blut  besudelten  hemde*'  und  hält  ihm  in  eindringlicher  rede  seine  Sün- 
den vor;  ebenso  wird  das  gewissen  des  barbierers  und  das  eines  seiner 
gehülfen  personificiert,  der  sich  vergeblich  bemüht,  den  anklagen  der 
Conscientia  zu  entgehen.  Bevor  der  barbierer  seine  blutige  tat  aus- 
führt, treten  Ambitio  und  Conscientia  zu  ihm  (IV,  1),  jene  reizt  ihn 
an,  diese  mahnt  ab;  jene  spiegelt  ihm  vor,  dass  er  die  tat  ja  nur  zum 
besten  der  menschheit  unternehme  und  gewint  ihn  dadurch,  während 
die  Conscientia  ihn  zornig  verlässt.  Ebenso  klagen  nach  dem  volbrach- 
ten  mord  Hospitalitas  und  Pietas,  dass  sie  nicht  mehr  geachtet  werden 
und  in  der  Verbannung  herumziehen  müssen,  und  vor  dem  gericht, 
das  über  die  tat  des  barbierers  zu  urteilen  hat,  erscheint  Justitia  und 
ermahnt  die  richter,  gerechtigkeit  zu  üben  (V,  2,  vgl.  auch  IV,  5).  — 
Eine  halb  allegorische  figur  ist  der  treue  Eckhard,  der  einmal  auftritt 
(III,  5),  um  den  vater  daran  zu  erinnern,  wie  alle  seine  früheren  War- 
nungen vergeblich  gewesen  sind. 

Will  Mittemacht  durch  derartige  allegorische  figuren,  wie  sie 
ganz  ähnlich  in  derselben  zeit  z.  b.  in  den  dramen  Joh.  Jos.  Beckhs 
verwant  wurden,  zuweilen  offenbar  die  Schwierigkeiten  eines  monologs 
umgehen,  so  fehlen  die  monologe  doch  sonst  nicht.  —  Uns  von  der 
art  der  bühneneinrichtung,  die  das  stück  voraussezt,  eine  Vorstellung 
zu  machen,  hält  nicht  leicht.  Die  wahrscheinlichste  annähme,  die  sich 
ergibt,  wird  die  sein,  dass  dekorationen  überhaupt  nicht  zur  anwen- 
dung  kamen  oder  eine  dekoration  von  anfang  an  durch  das  ganze  stück 
beibehalten  wurde,  und  dass  die  Zuschauer  aus  den  autftretenden  per- 
sonen  und  ihren  werten  schliessen  musten,  an  welchem  ort  die  hand- 
lung  vor  sich  gienge.  Anders  lässt  sich  der  schnelle  scenenwechsel 
nicht  erklären.  So  spielt  z.  b.  im  vierten  akt  die  erste  scene  in  Padua 
(es  ist  die  Unterredung  des  chirurgus  mit  Conscientia  und  Ambitio), 
in  scene  II  befinden  wir  uns  aber  in  Tricnt:  die  mutter  des  Ariophilus 
äussert  in  einem  ganz  kurzen  monolog  ihre  trüben  ahnungen  über  das 
Schicksal  ihres  sohnos  und  klagt  sich  der  mitsehuld  an.  Die  übrigen 
scenen  spielen  dann  wider  in  Padua.  Ähnliche  ortsveränderungen 
begegnen  uns  auch  sonst  in  dem  stücke. 

Ti'otz  des  schalten  tadols,  den  ilitternacht  über  die  dramen  der 
englischen  komödianten  ausspricht,  ist  der  dichter  doch  von  dieser 
dramatik  nicht  unbeeinflusst  geblieben  und  hat  sich  manches  daraus 
angeeignet.  Die  beiden  spassmacher,  moriones,  von  denen  der  eine 
den   Ariophilus   begleitet,    dann    aber   plr)tzli(rh   vei-schwindet,    während 


528  ELLINOKB 

der  andere  zu  hause  bleibt,  weisen  zwar  schon  durch  ihren  namen  auf 
das  lateinische  drama  des  16.  Jahrhunderts  hin,  zeugen  aber  in  der  art 
ihres  auftretens  und  ihrer  witze  ebenfals  von  dem  einfluss  der  komi- 
schen person  der  fahrenden  komödianten.  Auch  andre  moriones  treten 
auf,  und  zwar  bringen  sie  ihre  extemporierten  spässe  meist  am  ende 
eines  aktes  oder  vor  einem  scenenwechsol  vor.  —  Auch  die  neigung 
greuelscenen  auf  die  bühne  zu  bringen  und  der  realismus,  mit  dem 
dieselben  ausgemalt  sind,  erinnert  an  die  art  der  englischen  komödian- 
ten. Man  vergleiche  in  dieser  beziehung  nur  die  scene,  in  welcher 
Ariophilus  getötet  wird,  und  man  wird  den  einfluss  des  englischen 
komödianten  nicht  verkennen.  (IV,  4.) 

Ariophilus.  Ach!  um  Gottes  willen,  schonet  meiner!  schonet 
meiner!     Ich  hab  euch  ja  niemals  etwas  gethan. 

Barbirgesel  1.  Hier  ist  kein  schonen  zu  hoffen,  fort,  fort,  mein 
Kerlat,  fort. 

Ariophilus.  Was  wollt  ihr  denn  mit  mir  armen  Soldaten  machen? 

Der  dritte  Gehülfe.  Hast  du  nicht  wohl  ehe  neben  andern 
Soldaten  gesungen:  Ein  Soldat  und  ein  Mast-Schwein 

Sollen  immer  lustig  seyn. 
Denn  sie  wissen  beyde  nicht, 
Wenn  man  ihnen  den  Hals  absticht? 

Ariophilus.     Das  hab  ich  freylich  wohl  ehe  gesungen. 

Der  vierdte  Gehülfo.  Drum  soll  ietzt  erfüllet  werden,  was  du 
gesungen  hast.  Sperre  dich  nur  nicht  gross.  Du  kriegst  sonst  14  maul- 
schellen  nach  einander,  und  eine  zur  Zugabe,  dass  die  mandol  voll 
werde. 

Ariophilus.  Ach!  erbarmet  euch  doch!  erbarmet  euch  doch  um 
Gottes  willen!  erbarmet  euch  doch  über  mich  junges  Blut. 

Barbirsgesell.  Ich  habe  nie  gewust,  was  erbarmen  sey.  Barm- 
hertzig  seyn,  und  einen   Barbirer  agii^en,  fallen  nicht  zusammen. 

Ariophilus.     Ihr  werdet  ja  nicht  Christenblut  vergiessen. 

Der  andere  Gehülfe.  Nicht  Christenblut,  sondern  Soldatenblut 
wollen  wir  vergiessen. 

Ariophilus.     Die  Soldaten  werden  ja  auch  Christen  seyn. 

Der  dritte  Gohülfc.  Hier  ist  nicht  disputirens,  sondern  schlacli- 
tens  Zeit. 

Ariophilus.     Ach  schonet  doch  meiner  Eltern. 

Der  vierdte.     Was  gehen  uns  deine  Eltern  an? 

Ariophilus.  Lasset  mich  lebendig,  und  bringet  mich  nachTriont 
Ich  will  euch  600  Kronen  vor  mein  Leben  geben. 


J.  S.  lattfcRKACHT  52d 

Chirurgus.  Was  wechselt  ihr  viel  Wort  mit  dem  Soldaten? 
werffet  ihn  stracks  zu  Boden.  Haltet  ihn  fest  an  Händen  und  Füssen. 
Kniehet  auf  seine  Schenkel  und  Arme,  und  halte  ihm  einer  das  Maul  zu. 

Ariophilus.  Ach  mein  Herr,  ist  dies  das  gute,  das  ihr  mir  zu 
thun  versprochen  habt?  Ach  vergeh  euchs  Gott,  dass  ihr  mich  junges 
Blut  so  grausamlich  aufopfern  wollet.  Was  hab  ich  euch  denn  zuwie- 
der  gethan?  worum  dürstet  euch  denn  so  sehr  nach  meinem  Blute? 

Chirurgus.     Es  antworte  ihm  mir  niemand  nicht. 

Ariophilus.  Ach  hertzliebster  Vater!  Ach  hertzliebste  Mutter! 
Ach  hertzliebster  Praeceptor!  Ach  was  hab  ich  gethan?  letzo  denk 
ich  erst  an  eure  Worte,  die  ich  zu  unterschiedenen  mahlen  von  euch 
gehöret  habe.  Ach  dass  ich  doch  nur  so  glückselig  seyn  solte,  dass 
ich  euch  eine  Abbitte  thun  könnte!  Ach  hertzliebster  Vater!  Ach 
hertzliebste  Mutter!     Ach  hertzliebster  Praeceptor! 

Chirurgus.     Haltet  dem  Hunde  das  Maul  zu. 

Ariophilus.  Ach!  ich  bitte  ums  jüngsten  Gerichtes  willen,  wenn 
ihr  mich  ja  ums  Leben  bringen  wollen,  gönnet  mir  doch  einen  Prie- 
ster, dem  ich  meine  grossen  Sünden  beichten,  und  absolution  von  ihm 
erlangen  könne. 

Chirurgus.  Bei  dieser  Sachen,  die  ich  vorhabe,  sind  die  Pfaf- 
fen nichts  nütze.  Sie  verstehen  sich  auch  nicht  darauf.  Wissen  viel 
weniger  davon,  als  der  blinde  von  der  färbe. 

Ariophilus.  Ach  die  Angst  meines  Herzens  ist  gross!  Ach 
schonet  doch! 

Chirurgus.  Die  Hertzens- angst  soll  dir  bald  benommen  wer- 
den. Jetzo  will  ich  gleich  den  ersten  Schnitt  in  deine  Brust  thun, 
und  dir  Raum  zu  deinem  Hertzen  machen. 

Ariophilus.  0  ihr  Steine  erbarmet  euch  meiner,  weil  sich  die 
Menschen  nicht  erbarmen  wollen!  Gute  Nacht  hertzliebster  Vater!  gute 
Nacht,  hertzliebste  Mutter!  Ach  dass  nur  mein  Bruder  wissen  solte, 
wie  mirs  ergangen:  dass  er  auch  desto  fleissiger  gehorchte. 

Chirurgus.    Seht  doch,  seht  doch,  wie  sich  das  Hertz  beweget. 

Barbirgeseil.  Zappele  nur  nicht,  du  guter  Kerl,  wenn  wir  dein 
Hertz  genug  besehen  haben,  werden  wir  dich  wieder  gehen  lassen, 
wo  du  hin  willst 

Ariophilus  röchelt. 

Der  andere  Gehülfe.     Soll  ich  ihm  das  Maul  zuhalten? 

Chirurgus.     Es  ist  unvonnöthen.     Er  wird  nicht  mehr  schreyen. 

Trotz  des  grauenliaften  realismus,  mit  welchem  diese  scene  aus- 
geführt ist,   schlägt  doch  aucii  in  ihr  die  pädagogisch- moralische  ten- 

ZMJTSCURIFT   F.    DEUTSCHE   PHILOLOGIE.       BD.    XXV.  34 


530  ELLINORR 

(lenz  hervor,  wie  sich  aus  dem  beständigen  hin  weis  des  Ariophilus  auf 
die  folgen  seiner  nichtachtung  der  befehle  von  eitern  und  praeceptor 
ergibt;  wir  haben  gewissermassen  einen  abkömling  der  dramen  vom 
verlornen  söhn  vor  uns.  Diese  moralische  tendenz  überall  durch  das 
stück  selbst  hervortreten  zu  lassen,  genügte  indessen  dem  Verfasser 
nicht,  sondern  er  liess  am  Schlüsse  jedes  aktes,  zuweilen  auch  inner- 
halb eines  aktes  bei  einem  grösseren  einschnitte,  die  sich  aus  den 
einzelnen  vergangen  ergebenden  lehren  ausdrücklich  formulieren.  Die- 
ses fabula  docet  wurde  einem  Philosophus  in  den  mund  gelegt,  deren 
sich  mehrere  im  laufe  des  Stückes  ablösten,  und  von  denen  jeder  nach 
dem  akt  oder  innerhalb  des  aktes  hervortrat  und  sich  in  längerer  rede 
über  das,  was  geschehen  war,  aussprach.  Natürlich  sind  diese  mora- 
lischen auseinandersetzungen,  die  also  gewissermassen  den  chor  der 
alten  vertreten  selten,  zuweilen  nicht  frei  von  der  pedanterie  des  sieb- 
zehnten Jahrhunderts;  aber  einzelne  dieser  betrachtungen  sind,  wenn 
man  den  verschiedenen  geschmack  der  Zeitalter  in  erwägung  zieht,  als 
wolgelungen  zu  bezeichnen. 

Das  fünf  jähre  später  verfasste  drama:  Politica  Dramatica^  über- 
trift  das  erste  Schauspiel  in  den  drei  ersten  akten  und  in  der  fassung 
einzelner  scenen,  bleibt  aber  als  ganzes  hinter  ihm  zurück.  Die  schuld 
dafür  ist  weniger  dem  dichter  selbst  als  dem  stoflf  zuzuschreiben,  den 
er  sich  ausgewählt.  Mittemacht  weite  zeigen,  wie  eine  bedrückung 
der  unteren  stände,  Verletzungen  der  Interessen  der  oberen  stände  und 
Verweigerung  der  gerechtigkeit  zu  algemeinem  aufruhr  gegen  die  Obrig- 
keit führen  müsten,  wie  dann  nach  der  gewaltsamen  beseitigung  der 
regierenden  ein  zustand  algemeiner  rechtsunsicherheit  eintrete,  jeder- 
manns band  gegen  die  andre  sei,  so  dass  die  meisten  einer  derartigen 
beschaffenheit  des  Staatswesens  gegenüber  den  früheren  druck  von  sel- 
ten der  Obrigkeit  noch  immer  für  das  bessere  halten  werden.  Er  wolte 
dann  ferner  zeigen,  wie  die  königliche  macht  vertreten,  beschränkt, 
unterstüzt  und  beraten  werden  muss,  wenn  sie  wirklich  zur  wolfahrt 
des  landes  gereichen  soll.  Auch  die  Schilderung  des  gesetzlosen  zustan- 
des  solte  natürlich  mit  dazu  dienen,  die  Vorzüge  eines  wolgeordneten, 
den  billigen  ansprüchen  der  einzelnen  stände  nach  kräften  gerecht  wer- 
denden, Staatswesens  um  so  deutlicher  hervortreten  zu  lassen.  Natür- 
lich liess  sich  der  aufruhr  der  einzelnen  stände  gegen  die  obrigkeit, 
ebenso  wie  die  algemeine  Verwirrung,  die  nachher  entsteht,   im  drama 

1)  M.  Joh.  Sebast.  Mitternachts  Politica  Dramatica.  Das  ist  Die  Edle  Regi- 
ments-Kunst  In  der  Form  oder  Gesalt  einer  Comoedien,  in  Hoher  Standes-  und 
anderer  vornelimer  Poreonen  Gegenwart  vorgestellet. 


3.   S.  HITTKRNACHT  531 

leichter  darstellen  als  die  darauf  folgende  widerherstellung  des  könig- 
tums.  Gab  jene  die  möglichkeit,  leidenschaftlich  bewegte  volksscenen 
auf  die  bühne  zu  bringen  und  gut  beobachtetes  in  kräftiger  darstellung 
lebendig  werden  zu  lassen,  so  muste  diese  bei  den  absiebten  Mitter- 
nachts zu  einer  blossen  lehrhaften  abhandlung  werden,  die  auf  die 
dauer  unmöglich  zu  fesseln  im  stände  war.  So  komt  es,  dass  in  die- 
sem drama  zwar  die  ersten  drei  akte  starke  und  wirkungsvolle  scenen 
aufweisen,  die  beiden  lezten  aber  keinen  bedeutenden  eindruck  hin- 
terlassen. 

Der  erste  akt  führt  zunächst  zwei  parallele  Vorgänge  aus  dem 
bäuerlichen  und  bürgerlichen  leben  vor.  Zunächst  treten  zwei  bauern 
Corydon  und  Menalkas  auf  und  beklagen  sich  über  die  mühseligkeiten 
ihres  Standes  und  die  schlechte  nahrung,  die  ihnen  zu  teil  wird,  beson- 
ders aber  darüber,  dass  sie  den  geringen  erwerb,  den  sie  gern  für  ihre 
familien  verwendeten,  als  steuern  zu  geben  gezwungen  werden.  In 
ihren  Zwiegesprächen  werden  sie  durch  das  weib  eines  anderen  bauern 
unterbrochen,  welches  sie  unter  jammern  und  schreien  anfleht,  ihr  zu 
hilfe  zu  kommen;  die  bauern  versehen  sich  mit  stocken  und  folgen  ihr. 
Wir  erfahren  nachher,  dass  der  mann  des  weibes  durch  den  büttel  aus- 
gepfändet werden  solte  und  dass  dieser  dem  einen  bauern,  der  dem 
ausgepfändeten  zu  hilfe  kommen  wolte,  mit  dem  seh  wert  über  den 
arm  gehauen  und  ihm  eine  wunde  beigebracht  hat.  Zwei  bürger,  Eras- 
mus  und  Urbanus,  beklagen  sich  im  gespräch  über  die  Steuerlasten, 
welche  ihnen  der  rat  auferlegt;  ein  dritter  bürger,  namens  Ernst  komt 
jammernd  hinzugelaufen  und  erzählt,  dass  der  stadtknecht  in  seiner 
abwesenheit  in  sein  haus  eingedrungen  sei  und  ihm  das  bett  weggenom- 
men habe.  Sie  sind  noch  im  gespräch,  als  drei  musketiere  hinzukom- 
men und  den  Ernst  unter  mishandlungen  gefangen  nehmen,  weil  er 
Schmähungen  gegen  den  stadtknecht  und  gegen  den  rat  ausgestossen 
habe.  Nachdem  uns  auf  diese  weise  die  härte  veranschaulicht  ist, 
mit  der  die  regierenden  bürgern  und  bauern  gegenüber  ihre  rechte 
ausüben,  erscheint  es  erklärlich,  dass  es  der  auftretenden  Anarchia  leicht 
gelingt,  zuerst  die  bauern  und  dann  die  bürger  zum  aufstand  zu  rei- 
zen. Schliesslich  tritt  dann  noch  ein  ratsherr  auf,  der  sein  bedenken 
über  die  harte  behandlung  der  unteren  stände  ausspricht,  einen  auf- 
stand voraussieht  und  sich  deshalb  entfernt,  um  seines  lebens  sicher 
zu  sein.  —  Im  zweiten  akt  bricht  nun  die  empörung  wirklich  los,  und 
zwar  sind  es  jezt  nicht,  allein  die  bürger  und  bauern,  die  sich  an  ihr 
beteiligen,  sondern  auch  der  adel  erhebt  sich  gegen  den  könig.  Am 
anfang  des  zweiten   aktes    erscheint   vor   dem   könig  ein   adliger,   der 

34* 


532  KLUNOER 

sich  darüber  beklagt,   dass  ein  anderer  beim  könige  in  grosser  guüst 
stehender   adliger  seine   tochter  mit   gewalt  geschändet,    so    dass    die 
Jungfrau  sich  aus  Verzweiflung  selbst  den  tod  gegeben  hat     Er  verlangt 
die  bestrafung  des  schuldigen;  der  könig  aber,  der  seinen  liebling  nicht 
preisgeben  will,   weist  ihn  mit  harten  werten  ab.     Als  er  dringender 
wird,    will  ihn  der  könig  fesseln  und  in  das  tiefste  gefängnis  werfen 
lassen;    da  zieht  der  adlige  eine  pistole  hervor  und  erschiesst  sich  vor 
den    äugen   des   köuigs.     Die   dabeistehenden   äussern   ihre   bedenken; 
Fama   verbreitet   die   tat,    unter    den    adligen    entsteht   eine   gährung. 
Sie   beschliessen,   einen  abgesanten  zum   könig   zu   schicken    und  um 
bestrafung  des  Schänders  zu  bitten.     Unterdessen  hat  die  empörung  von 
bauern  und  bürgern  schon  zu  blutigen  taten  geführt;   in  höchst  leben- 
digen scenen  wird    uns  gezeigt,   wie   der   amtmann   und   schöffe   von 
den  bauern,   der  bürgermeister  und  die  büttel  von  den  bürgern  mis- 
handelt  und  getötet  werden.     Aber  schon  bricht  unter  den  empörem 
Zwietracht  aus;   die   beiden  bauern,    die   uns  im   ersten  akt  begegnet 
sind,  geraten  mit  einander  in  streit;  der  eine  schlägt  den  andern,  und 
als  dieser  erklärt,  er  werde  ihn  verklagen,  ruft  jener  ihm  höhnisch  zu: 
„Bey  dem  toten  Hunde?    Da  hast  du  noch  eine  auf  diesen  Bakken. 
Gehe  hin  und  verklage  mich!^,  worauf  der  andere  erwidert:  „Lebte  nur 
der  Amtmann  noch.     Es  selten  dich  die  2  Maulschellen  theuer  genug 
ankommen!"     Am  anfange  des  dritten  aktes  komt  nun  auch  die  empö- 
rung   der   ritterschaft    zum   ausdruck.     Wir   erfahren   im    ersten   auf- 
tritt durch  einen  königlichen  lakaien,   wie  der  könig  das  iinheil,   das 
ihn  betrift,   selbst  heraufbeschworen  hat,   indem  er  den  an  ihn  abge- 
santen adligen,  welcher  die  bestrafung  des  schuldigen  verlangte,  anstatt 
ihn  anzuhören,   in  das  gefängnis   hatte  werfen   lassen.     Wie  die  auf- 
tretende Fama  mitteilt,   hat  er  ihn  sodann  auf  der  bastei   erschiessen 
lassen  und  die  ärgsten  drohungen  gegen  den  adel  dabei  ausgestossen. 
Der  adel,  darüber  aufs  höchste  empört,  rottet  sich  zusammen,  belagert 
und  stürmt  die  residenz,  haut  den  ehrenschänder  zusammen,  tötet  die 
gemahlin  des  königs  samt  ihren  kindern  und   nimt  den  könig   selbst 
gefangen,  um  ihn  vor  ein  gericht  zu  stellen.     Unmittelbar  darauf  wird 
dann    auch    der   könig   von   einem   bürger   vor   das  gericht    des  adels 
geführt  und  von  dem  bürger  angeklagt.     Von    dem  versitzenden   des 
gerichtes  und   den   einzelnen   adligen   beisitzern   aufgefordert,   sich  zu 
rechtfertigen,  bestreitet  der  könig  die  kompetenz  des  gerichtshofes  und 
verweigert  jede   antwort   auf  die   ihm   vorgelegten   fragen,    indem  er 
erklärt,    dass  dem  Untertanen   nicht  die  macht  zustehe,   den  könig  zu 
richten.     Diese  hartnäckigkeit  erbittert  die  ritter;    der  könig  muss  sich 


J.    S.    MITTERNACHT  533 

entfernen,  das  gericht  beschliesst  seinen  tod;  hierauf  wird  der  könig 
wider  herbeigerufen  und  ihm  das  urteil  angekündigt,  gegen  welches  er 
vergebens  protestiert.  Durch  einen  alten  bürger  erfahren  wir  darauf, 
dass  das  urteil  volstreckt  worden  ist.  Er  schildert  uns  die  traurige 
scene  und  knüpft  seine  betrachtungen  daran  ^.  Nach  dem  tode  des 
königs  bricht  nun  im  lande  algemeine  rechtsunsicherheit  aus.  Schon 
nach  seiner  gefangennähme  treten  die  uns  aus  dem  ersten  akte  bekan- 
ten  bürger  Erasmus  und  Urbanus  auf;  zuerst  geben  sie  gemeinsam 
ihrer  freude  über  die  ermordung  von  bürgermeister  und  büttein  ans- 
druck,  bald  aber  geraten  sie  um  der  Verteilung  des  geraubten  gutes 
willen  in  streit,  und  da  der  dichter  uns  schon  im  ersten  akte 
gezeigt  hat,  wie  schnell  Streitigkeiten  zwischen  den  beiden  zu  tätlich- 
keiten  führen  (I,  2),  so  ist  es  leicht  zu  begreifen,  dass  der  zank  end- 
lich in  gewaltsamkeiten  ausartet.  Urbanus  ersticht  den  Erasmus  mit 
den  werten:  „So  muss  man  den  Schnarchern  begegnen.  Und  ist  mein 
Glükk,  dass  wir  keine  Obrigkeit  haben".  Weiter  ersehen  wir  dann  aus 
einem  gespräch  zwischen  einem  gastwirt,  einem  kaufmann  und  einem 
kaufinannsdiener,  wie  schlecht  dem  volke  die  empörung  gegen  die 
Obrigkeit  bekommen  ist:  jeder  klagt  über  Ungerechtigkeiten  und  placke- 

1)  in,  6.  Civis  senex:  Ach  war  das  nicht  ein  jämmerlich  Spectacul!  Ach 
dz  ichs  doch  nicht  angesehen  hätte!  Ich  kan  den  König  nimmermehr  vergessen. 
Wer  hätte  meinen  sollen,  daß  einen  so  hohen  und  gewaltigen  Potentaten  ein  so 
schmählicher,  ein  so  erbärmlicher  Tod  begegnen  könte?  Wie  Elend  war  er  anzu- 
sehen, da  er  auß  dem  Rahthause  herauß  auff  die  Bühne  gebracht  wurde?  Wie  rung 
er  die  Hände?  Wie  blikkto  er  nach  dem  Himmel,  die  Götter  vielleicht  um  Hülife 
oder  Rache  aniniffende?  Aber  da  war  keine  Gnade  weder  bey  den  Göttern  noch  bey 
den  Menschen.  Wie  sähe  er  sich  auff  allen  Seiten  um,  da  er  itzt  niederkniehen  und 
den  Kopf  auif  den  Stock  legen  solte?  Aber  es  wolte  nichts  helffen.  Der  Scharfrich- 
ter hieb  zu,  daß  der  Kopf  in  die  Höhe  spniug,  und  er  mit  dem  Königlichen  Blut 
überall  besprenget  wurde.  Dieser  Fall  soll  uns  sterbliche  Menschen  lehren,  daß  den 
Göttern  keiner  so  hochgesessen,  oder  so  mächtig  sey,  den  sie  nicht  stürtzen  könten, 
wenn  er  Tugend  und  Gerechtigkeit  aus  den  Augen  setzet.  Zwar  der  liebe  König  war 
vor  sich  gut  genug,  aber  die  Hofschrantzen  verführten  ihn,  weil  er  ihnen  allzu  viel 
gehör  gab,  und  sich  durch  sie  regieren  ließ.  Man  schwatzte  ihm  vor,  wenn  die 
Unterthanen  nur  so  viel  hätten,  daß  sie  das  leben  erhalten  könten,  so  hätten  sie 
genug.  Das  übrige  wäre  des  Königes.  Darauff  denn  die  Unter -thanen  so  außgomer- 
gelt  wurden,  daß  sie  endlich  in  desperation  gerahten.  Zu  erbarmen  ists,  daß  der 
König  so  gar  wenig  darvon  genossen,  was  den  Unterthanen  unrechtmässiger  weise 
abgepresset  worden.  Denn  thoils  die  Hofschrantzen,  theils  die  Beamten  auf  dem 
Lande,  theils  die  Rathsverwandten  in  den  Städten  wurden  dadurch  bereichert.  Aber 
Sie  haben  nun  alle  ihren  Lohn  bekommen,  den  sie  verdienet.  Und  wie  wird  es  uns 
armen  Leuten  gehen,  weil  niemand  vorhanden,  der  Gericht  und  Gerechtigkeit  admi- 
nistxiret? 


534  ELUKOER 

reien,  die  er  erdulden  muss,  und  gegen  die  ihn  niemand  in  schütz 
nimt.  Das  gleiche  ergibt  sich  aus  den  klagen  eines  entehrten  bauem- 
mädchens,  deren  eitern  bei  dem  versuch,  sie  vor  der  schände  bewah- 
ren, ums  leben  gekommen  sind,  und  die  nun  hingeht,  um  sich  selbst 
den  tod  zu  geben.  Daher  bricht  denn  die  auftretende  Salus  publica 
in  bittere  klagen  über  die  herschende  rechtlosigkeit  aus;  ihre  bitte  an 
Jupiter  um  hilfe  wird  erhört,  dieser  verspricht  ihr,  die  Politica  zu 
schicken,  die  das  reich  wider  aufrichten  solle.  Die  Politica  erscheint 
dann  auch,  mit  kröne  und  scepter  versehen,  und  verspricht  der  Salus 
publica,  die  Ordnung  im  lande  wider  herzustellen. 

Die  beiden  lezten  akte  schildern  nun  diese  neuordnung  des  regi- 
mentes;  eine  ausnähme  bildet  nur  die  episode,  die  uns  die  Verzweif- 
lung der  einzigen  hinterbliebenen  tochter  des  hingerichteten  königs  vor- 
führt, die  vor  kummer  über  den  verlust  ihrer  freiheit  sterbenskrank  wird, 
während  ihre  mit  ihr  gefangene  hofmeisterin  aus  gram  sich  durch  gift 
tötet;  einen  eigentlichen  zweck  dieser  scene  im  drama  vermag  man 
freilich  nicht  einzusehen.  {II,  6.)  Abgeordnete  des  adels,  der  bürger 
und  der  bauern  treten  zusammen  und  beraten,  wie  man  dem  elende 
des  landes  am  besten  abhelfen  könte:  Politica  steht  ihnen  in  ihren 
beratungen  bei,  wägt  die  verschiedenen  Verfassungen  ihrem  werte 
nach  gegen  einander  ab  und  komt  schliesslich  zu  dem  ergebnis,  dass 
eine  durch  gute  gesetze  und  die  mitwirkung  erfahrener  rate  weise 
beschränkte  monarchie  für  das  land  die  angemessenste  regierungsform 
sei.  In  einem  gespräch  zwischen  einem  priester  des  Jupiter  und  Mer- 
cur  erfahren  wir  dann,  dass  ein  neuer,  in  jeder  beziehung  zu  dem 
amte  geeigneter  könig  dem  lande  gegeben  werden  soll.  Dann  sezt 
Politica  mit  den  abgeordneten  ihre  Verhandlungen  fort;  der  könig  tritt 
selbst  auf  und  verspricht  sich  die  beschränkungen,  die  eine  ausartung 
der  königlichen  macht  verhüten  sollen,  gefallen  zu  lassen.  P]ndlich 
ermahnt  dann  noch  Politica  die  Pietas,  Justitia  und  Fides,  sich 
des  königs  anzunehmen.  Im  fünften  akt  finden  sich  dann  die  tugen- 
den  bei  dem  könige  ein,  dieser  sezt  tüchtige  rate  und  lässt  sich  von 
ihnen  in  den  wichtigsten  regierungsgrundsätzen  unterweisen.  Die  freude 
des  Volkes  über  die  widererlangte  Ordnung  komt  in  einem  gesprach 
zwischen  edelmann,  bürger  und  bauer  zum  ausdruck. 

Im  algemeinen  muss  man  sagen,  dass  im  vergleich  zu  den  drei 
ersten  akten  die  schlussakte  dürftig  und  trocken  sind.  Es  ist  Mitter- 
nacht nicht  gelungen,  die  wideraufrichtung  des  reiches  lebensvoll 
darzustellen;  von  dem  neuerwälilten  könig  erhält  man  kein  richtiges 
bild,  während   der  angeklagte   und   hingerichtete   könig  eine  gut  cha- 


J.   S.   lOTTERNACBT  535 

rakterisierte  gestalt  ist,  bei  der  dem  dichter  vielleicht  Karl  I.  vorge- 
schwebt hat  An  einzelnen  hübschen  zügen  fehlt  es  zwar  auch  den 
beiden  lezten  akten  nicht,  man  vgl.  z.  b.  die  treuherzige  naivetät,  die 
aus  den  werten  des  bauern  am  anfange  des  vierten  aktes  zu  uns 
spricht;  das  ganze  indessen  zeigt  nicht  aus  dem  leben  gegrifPenes  und 
gut  beobachtetes,  sondern  bewegt  sich  in  abstraktionen.  Die  gründe 
dafür  sind  leicht  zu  finden.  Wo  es  darauf  ankam,  rohe  Vergewaltigun- 
gen, empörungen  des  bedrückten  volkes  zu  schildern,  da  konte  Mitter- 
nacht aus  lebendiger  anschauung  schöpfen.  Man  vergegenwärtige  sich 
nur  immer,  wie  schwer  er  selbst  unter  dem  grauenhaften  elend  des 
dreissigjährigen  krieges  hatte  leiden  müssen.  Wie  oft  mag  er  scenen 
selbst  mit  erlebt  haben  wie  die,  welche  er  in  den  ersten  drei  akten 
der  Politica  dramatica  und  auch  im  Unglückseligen  Soldaten  geschildert 
hat  Wie  Grimmeishausen,  so  gab  auch  ihm  das  unmittelbare  erleb- 
nis  die  kraft  zu  so  anschaulicher  Schilderung.  Während  er  hier  also 
aus  dem  vollen  schöpfen  konte,  fehlte  ihm  bei  den  vergangen,  die  er 
im  vierten  akt  schilderte,  die  rechte  anschauung,  und  er  kam  daher 
über  ein  unsicheres  tasten  und  suchen  nicht  heraus. 

Indessen  so  sehr  die  drei  ersten  akte  auch  litterargeschichtlich 
zu  beachten  sind  und  eine  so  hohe  bedeutung  ihnen  in  der  entwick- 
lung  der  dramatischen  litteratur  des  siebzehnten  Jahrhunderts  auch  zu- 
komt,  weit  bedeutungsvoller  ist  das  ganze  stück,  wenn  man  es  vom 
kulturgeschichtlichen  Standpunkt  aus  betrachtet  Man  hat  sich  gewöhnt, 
die  zeit  nach  dem  dreissigjährigen  kriege  bis  zum  anfange  des  sieb- 
zehnten Jahrhunderts  hin  als  die  blütezeit  des  servilismus  zu  bezeich- 
nen; aber  man  hat  bei  dieser  abschätzung,  wie  mir  scheint,  zu  viel 
wert  auf  einzelne,  allerdings  ungeheuerliche,  äusserungen  dieser  art 
gelegt  Die  sitliche  und  geistige  Verwilderung,  welche  der  entsetzliche 
krieg  mit  sich  bringen  muste,  legt  ja  allerdings  die  meinung  nahe, 
dass  das  übrig  gebliebene  gebrochene  geschlecht  nun  zu  nichts  weiter 
als  zu  hündischer  Unterwürfigkeit  fähig  gewesen  wäre.  Allein  man 
übersieht  dabei,  welche  summe  von  unverwüstlicher  kraft  doch  damals 
im  deutschen  volke  gelebt  haben  und  im  wesentlichen  unversehrt  aus 
dem  kriege  hervorgegangen  sein  muss.  Nur  so  lässt  sich  die  Wirksam- 
keit etwa  des  grossen  kurfürsten  erklären;  nur  so  die  gewaltige  kraft, 
mit  der  die  bösen  folgen  des  dreissigjährigen  krieges  in  verhältnis- 
mässig kurzer  zeit  überwunden  wurden.  Und  hier  haben  wir  auch 
den^erklärungsgrund  für  die  verhältnismässig  freie  politische  gesinnung 
zu  suchen,  die  das  ganze  stück  atmet  Zwar  die  frage,  ob  die  bürger 
einen   offenbaren   tyrannen    umzubringen   das   recht    haben,    wird  von 


536  ELUNGER,   J.    S.   MITTERNACHT 

Mitternacht  vorsichtig  zurückgeschoben.  Aber  aus  den  vorgetragenen 
erwägungen  spricht,  wenn  wir  den  aus  der  zeit  sich  ergebenden  mass- 
Stab  anlegen,  so  viel  gesunder  politischer  sinn,  so  viel  ruhe  und  mäs- 
sigung  in  der  abwehr  der  übergriffe  von  oben  und  unten,  dass  man 
sich  der  besonnenen  und  freidenkenden  persönlichkeit  freuen  muss  und 
durch  sie  ein  ganz  andres  bild  von  den  schulmeistern  unmittelbar 
nach  dem  dreissigjährigen  kriege  erhält,  als  es  sich  aus  den  landläu- 
figen Vorstellungen  ergibt. 

Die  politischen  nutzanwendungen  sind  widerum  mehreren  Philo- 
sophen in  den  mund  gelegt;  in  diesem  stück  aber  hält  der  betrefTende 
Philosoph  nicht  wie  in  dem  Unglückseligen  Soldaten  einen  monolog, 
sondern  er  wird  im  gespräch  mit  einem  jungen  prinzen  voi^eführt, 
dem  er  auf  seine  fragen  antwortet  und  der  aus  den  vorgeführten  ereig- 
nissen  wie  aus  den  erläuterungen  der  nacheinander  auftretenden  philo- 
sophen  heilsame  lehren  schöpft  und  diese  in  seiner  zukünftigen  regen- 
tentätigkeit  zu  befolgen  verheisst.  Durch  diese  anläge  erhält  das  ganze 
stück  noch  mehr  den  Charakter  eines  fürstenspiegels,  und  die  Widmung 
an  seinen  landesherm  zeigt,  dass  Mittemacht  wol  auch  in  dieser  bezie- 
hung  eine  praktische  absieht  verfolgte.  —  Einen  praktischen  zweck 
hatte  Mitternacht  mit  seiner  komödie  auch  insofern  im  äuge,  als  es 
ihm  darauf  ankam ,  mit  ihr  den  Unterricht  zu  unterstützen  und  gewisse 
hauptsätze  der  politik  besser  einzuprägen,  ähnlich  wie  etwa  Isaak  6il- 
husius  im  16.  Jahrhundert  mit  seiner  Grammatica  den  grammatischen 
Unterricht  zu  fördern  gedachte.  Ja  Mittemacht  beklagt  es  in  der  vor- 
rede, dass  es  ihm  nicht  möglich  gewesen  wäre,  alle  lehrsätze  des  Prä- 
torius  in  das  stück  hineinzupacken  und  es  dergestalt  zu  einem  vol- 
ständigen  compendium  der  politik  zu  machen.  Das  werk,  auf  das  er 
sich  bezieht,  ist  doch  wol  das  buch  von  Martin  Praetorius,  opusculum 
de  administrando  principatu,  cum  praeceptis  politicis.  Strassburg.  1594; 
es  ist  mir  leider  nicht  zugänglich  gewesen.  Beziehungen  Mitternachts 
zu  den  gleichzeitigen  politischen  theorieen  (etwa  zu  Hobbes,  an  den 
manches  in  der  konstruktion  des  Verhältnisses  von  fürst  und  volk  erin- 
nert) sind  wol  nicht  anzunehmen;  die  vorhandenen  Übereinstimmungen 
scheinen  zufälliger  natur  zu  sein. 

Eine  nachwirkung  auf  die  dramatische  litteratur  war  den  beiden 
dramen,  wenn  wir  von  den  späteren  schulkomödien  in  Gera  absehen, 
nicht  beschieden.  Dennoch  hätten  sie  eine  solche  viel  eher  verdient 
als  manches  elende  stück,  das  auf  der  bühne  der  fahrenden  fortlebte. 
Denn  die  verhältnismässig  einfache  und  schlichte  spräche,  die  sich  im 
wesentlichen   frei  von    hochtrabenden   werten   und   schwulst  halt,   die 


ENQLBRT,   HANDSCHRIFTEN   IN   ZWEIBRÜCKEN  537 

unverkenbare  kraft,  mit  der  Situationen  herausgearbeitet  und  persön- 
lichkeiten gezeichnet  worden  sind,  sichern  den  beiden  stücken  inner- 
halb der  dramatischen  poesie  des  siebzehnten  Jahrhunderts  einen  her- 
vorragenden platz  zu. 

BERLIN.  G.    ELLINGER. 


MITTEILUNGEN  ÜBEK  HANDSCHEIFTEN  DER  ZWEI- 
BEÜCKENER  GYMNASIALBIBLIOTHEK 

Die  älteren  werke  der  Zweibrückener  gymnasialbibliothek  stammen 
zum  grösten  teil  aus  der  von  herzog  Wolfgangs  jüngstem  söhne  Karl 
(gest.  1600)  gegründeten  Birkenfelder  bibliothek,  die  um  die  mitte  des 
lezten  Jahrhunderts  nach  Zweibrücken  verbracht  wurde;  zum  teil  auch 
aus  Überresten  der  alten  herzoglichen  bibliothek  zu  Zweibrücken,  deren 
gründer  Wol%angs  Zweitältester  söhn  Johann  I.  gewesen  war,  sowie 
aus  der  bibliothek  des  ehemaligen  herzoglichen  gymnasiums.  Leider 
ist  die  alte  herzogliche  bibliothek  zu  Zweibrücken,  die  den  vorhan- 
denen berichten  zufolge  neben  einer  sehr  grossen  anzahl  gedruckter 
werke  auch  eine  menge  von  handschriftlichen  schätzen  barg,  durch 
zweimaligen  kriegsraub  fast  gänzlich  abhanden  gekommen.  Während 
des  dreissigjährigen  krieges,  in  dem  für  Zweibrücken  schreckensvollen 
jähre  1635,  wurde  die  bibliothek  von  den  kaiserlichen  geplündert.  Es 
blieben  damals  nur  c.  5000  bände  übrig.  Der  Zweibrückener  gelehrte 
G.  Chr.  Crollius,  der  in  seiner  schritt  „De  illustri  olim  bibliotheca 
ducali  Bipontina",  Bip.  1758,  die  Schicksale  dieser  bibliothek  beschreibt, 
hat  (nach  s.  29)  noch  selbst  ein  Verzeichnis  eines  grossen  teiles  der 
damals  übrig  gebliebenen  werke  vor  äugen  gehabt  und  teilt  daraus  die 
titel  von  33  handschriften ,  fast  ausschliesslich  geschichtlichen  Inhalts, 
mit^.  Dieses  Verzeichnis  scheint  leider  verloren  gegangen  zu  sein. 
Mit  den  französischen  eroberungskriegon  brach  ein  neues  geschiek  über 
die  bibliothek  herein.  Im  jähre  1677  wurde  dieselbe  bis  auf  einige 
Überreste  nach  Frankreich  fortgeführt*^. 

1)  Dai'unter  (s.  30  a.  a.  o.):  ^Pfaltzgraf  Friedrich  des  sieghaftigen 
leben,  reimen  weis  geschrieben'*.  Crollius  widerholt  hioboi  die  von  G.  Chr. 
Joannis  in  seiner  vorrede  zu  „Dan.  Parei  Histoiia  ßav.-Palat.",  Frf.  1717,  s.  35, 
ausgesprochene  Vermutung,  dass  diese  handschrift  ein  exemplar  des  von  Michael 
Beheim  verfassten  gedichtos  gewesen  sei,  worin  dieser  das  leben  des  genanten  pfalz- 
grafen  beschrieben  hat. 

2)  Einer  nachricht  zufolge  wurde  sie  nach  Metz  verbracht.  Nach  einer  ande- 
ren mitteilung  wäre  sie  dem  erzbischof  von  Reims  Charles  Maurice  Le  Tellier,    dem 


538  ENQLEBT 

Gegenwärtig  besizt  die  Zweibrückener  gymnasialbibliothek  an  5000 
werke,  von  denen  weitaus  die  meisten  älteren  datums  sind^  Darunter 
befindet  sieh  eine  grosse  anzahl  von  Seltenheiten  aus  den  verschieden- 
sten gebieten  der  litteratur.  So  z.  b.  besizt  die  bibliothek  wertvolle 
Originalausgaben  von  werken  französischer  schriftsteiler  des  16.  und 
17.  Jahrhunderts,  eine  grosse  anzahl  älterer  theologischer  Schriften, 
wertvolle  ausgaben  deutscher  gesangbücher  des  16.  Jahrhunderts  und 
andere  seltene  werke  aus  der  deutschen  litteratur  des  reformationszeit- 
alters-.  Auch  befinden  sich  in  der  bibliothek  noch  c.  50  handschrift- 
liche werke,  von  denen  ich  nachstehend  einige  in  das  gebiet  der  deut- 
schen dichtung  einschlägige  in  kürze  beschreiben  will^. 

1)  Kat.  nr.  33.  Lederband  in  4®.  ^Pfalzgrav  Friedrichs  des  II, 
Kurfürstens  Vermählung  mit  Dorothea,  gebohmen  Prinzessin  von  Dä- 
nemark, König  Christierns  des  11  und  Isabella,  einer  Schwester  Kaiser 
Karls  V,  Tochter,  vollzogen  d.  27.  Sept.  1535  zu  Heidelberg,  poetisch 
beschrieben*'.  Dieser  titel,  auf  dem  ersten  blatte,  ist  von  späterer 
band  geschrieben.  Ebenso  der  titel  auf  dem  folgenden  blatte:  „Teut- 
sche  Keime  von  Pfaltzgrav  Fridrichs  Hochzeit.  1535  *'.  Das  gedieht 
selbst  umfasst  246  blätter.  Auf  einer  seite  stehen  durchschnitlich 
16 — 18  verszeilen.     Reimpaare. 

Anfang:         König  Salamon  von  Gott  begabt 

Das  er  die  höchste  Weissheit  gehabt, 

bnider  des  marquis  do  Louvois,  geschenkt  worden.  Vgl.  Molitor,  Zweibrücken,  bürg 
und  Stadt,  Zweibrücken  1879,  s.  63  und  Crollius,  a.  a.  o.  s.  33,  anm.  CroUius 
bemerkt  hier  noch:  Si  illius  Catalogi  ab  Ant.  Fabro  [Faure]  et  Nie.  Clementio  [Cle- 
ment] . . .  doctissime  conscripti  ...  et  Parisiis  a.  1693  fol.  editi  copia  mihi  fuisset, 
melius  cognoscere  licuisset  fatum  bibliothecae  Bipontinae.  Telleriana  illustrissimi  soi 
possessoris  liberalitate  legata  est  Abbatiae  S.  Genovefao,  ea  lege,  ne  unquam  dissi- 
pata  ex  huius  carceribus  emitteretur.  —  Ich  habe  ein  in  der  k.  hofbibliothek  zu 
Aschaifenburg  befindliches  exemplar  des  genanten  kataloges  genau  durchgesehen  und 
dabei  nichts  gefunden,  was  auf  die  einverleibung  der  Zweibrückener  bibliothek  in  die 
Bibliotheca  Telleriana  hindeuten  könte. 

1)  Kat.  der  bibl.  der  kl.  b.  studienanst.  zu  Zweibrücken,  herausg.  von  Butters, 
Zweibrücken  1871. 

2)  So  die  2.  und  die  3.  ausgäbe  des  „ Teuerdank **,  Fischarts  „Lautenstück* 
(1572),  „ Jesuitonhütiein «^  1580,  „Feldbau''  1580,  „Binenkorb*'  1581  (ausg.  b  nach 
Goedekes  l)ezeichnung) ,  ^cheits  „Grobianus**  1551. 

3)  Über  ein  handschriftliches  betgesangbuch  von  einem  unbekanten  liederdich- 
ter  des  16.  Jahrhunderts  und  eine  ältere  geschriebene  samlung  geistlicher  lieder  habe 
ich  in  dem  vorjährigen  progranmi  der  kreisrealschule  München  „Beiträge  zur  litte- 
ratur des  geistlichen  liedes"  berichtet 


HANOSCHBIFTEN  IN  ZWEIBBÜCKSN  539 

Für  andere  Menschen  hie  auf  Erdt 
Hat  in  Sprüchbuchlin  wolgemehrt,  usw. 

2)  Kat.  nr.  3547.  Lederband  in  folio.  ^Dialogus  oder  Gesprech 
zwayer  Personen  Nemlich  aines  Büchsenmaisters  mit  ainem  Fewrwerckher 
von  der  waren  kunst  vnd  rechtem  gebrauch  des  Büchsen  geschoss  vnd 
Fewrwerckhs.  Inn  zwen  Theil  getheüt  . . .  Durch  Samuelen  Zimmer- 
mann vonn  Augspurg  ...  1574".  166  gezählte  blätter,  16  blätter  regi- 
ster.  Der  eigentliche  dialog  ist  in  prosa  verfasst  und  durch  ein  ge- 
spräch  in  versen  eingeleitet,  welches  4  blätter  einnimt  Das  exemplar 
gehörte  ursprünglich  dem  bereits  oben  erwähnten  pfalzgrafen  Karl,  wie 
aus  der  eigenhändigen  einzeichnung  desselben  auf  dem  titelblatt  „Carll 
Pfaltzgrawe  1584*^  hervorgeht.     Vgl.  Goedeke,  Grundr.  U,  276  (91.  1). 

3)  Kat.  nr.  47.  Pergbd.  in  8^.  „Christliche  Reütter  Lieder  gestelt 
durch  Herrn  Phüipsen  den  Jungem  Freiherrn  zw  Winnenberg  vnd 
Beihelstein.  Nicht  spot  mit  Gott  mein  Sprichwort  ist  Wolt  Gott  solchs 
thet  ein  jder  Christ  Der  reVter  Wels  VnD  gVt  gesang  FVr  Gott 
haben  ein  anDem  kLang".  Auf  das  titelblatt  folgt  ein  leeres  blatt, 
dann  3  blätter  vorrede,  dann  ein  leeres  blatt,  hierauf  46  ungezählte 
blätter  (einige  darunter  unbeschrieben)  mit  den  reuterliedern.  Damach 
1  leeres  blatt,  12  blätter  „Zeugnus,  usw.",  4  blätter  mit  einem  liede: 
„Der  vollen  bruderschafft  zw  Ehrenn".  Den  liedem  sind  melodieen 
vorgesezt.  Auf  dem  vorderen  deckel  des  einbandes  ist  in  gold  ein- 
gepresst:  PDJFHZWVB  [=  PhUip  d.  J.  freih.  z.  Winnenb.  u.  Beih.]. 
1581.  Auf  dem  hinteren  deckel  stehen  in  den  ecken  die  4  buchstaben: 
NS  I  MG  [=  „Nicht  spot  mit  Gotf  —  Wahlspruch  des  Verfassers]. 

Auf  der  inneren  seite  des  vorderen  deckeis  ist  ein  holzschnitt 
aufgeklebt,  das  Winnenbergsche  wappen  darstellend i. 

Vielleicht  rührt  das  manuscript  von  der  band  des  dichters  selbst 
her.  Leider  ist  das  vorsetzblatt,  das  eine  diesbezügliche  notiz  enthal- 
ten mochte,  herausgerissen. 

1)  Dasselbe  befindet  sich  auch  auf  der  fahne  des  geharnischten  ritters,  welcher 
das  titelblatt  der  1582  zu  Strassburg  erschienenen  gedmckten  ausgäbe  (s.  unten)  ziert. 
Der  dichter  war  pfälz.  rat  und  burggraf  zu  Alzey.  Nach  L.  A.  Gebhardi  Geneal. 
gesch.  der  erbl.  reichsstände  in  Teutschl.,  I  (Halle  1776),  684  war  sein  vater  im  jähre 
1571  reichshofratspräsident.  Seine  niutter,  Ursula,  war  eine  geb.  gräfin  von  Ritberg. 
Eine  tochter  unseres  dichtere  heiratete  1586  den  grafen  Henrich  von  Ortonburg. 
Wenn  das  geschlecht  im  jähre  1636  ausstarb,  wie  Gebhard  angibt,  so  ist  dessen 
Vermutung,  dass  der  dichter  der  lezte  des  Stammes  war,  unrichtig,  da  deraelbe  1619 
schon  verstorben  war.  Im  jähre  1613  lebte  er  noch;  in  diesem  jähre  unterschrieb 
er  den  reichstagsabschied.  S.  anm.  a.  a.  o.  Vgl.  Goedeke,  Elf  bücher  deutscher  dich- 
timg  I,  225  und  Grundriss  II,  518  fg. 


540  KN6LEBT 

Der  umstand,  dass  sich  auf  dem  deckel  die  Jahreszahl  1581  befin- 
det, während  das  eteostichon  in  das  jähr  1582  verweist,  erklärt  sich  viel- 
leicht in  der  weise,  dass  die  handschrift  1581  fertig  gestelt  wurde, 
das  eteostichon  aber  auf  das  jähr  berechnet  war,  in  welchem  der  druck 
erscheinen  solte.  Für  diesen  mag  die  handschrift  als  vorläge  gedient 
haben. 

Die  erste  gedruckte  ausgäbe  ist  die  im  jähre  1582  bei  Jobin  in 
Sti'assburg  erschienene,  welche  Wackernagel  in  seinem  „Deutschen  kir- 
chenlied"  I,  522  nach  einem  in  Wolfenbüttel  befindlichen  exemplar 
genau  beschrieben  hatK  Die  reihenfolge  der  stücke  ist  hier  dieselbe 
wie  in  der  handschrift,  nur  mit  der  ausnähme,  dass  das  in  dieser 
am  ende  stehende  lied  „Der  vollen  bruderschafFt  zw  Ehrenn"  in  der 
gedruckten  ausgäbe  sich  an  die  „Keuter  Lieder"  anreiht.  In  dieser 
ausgäbe  ist  auch  ein  register  hinzugekommen.  Der  text  des  druckes 
weicht,  von  der  Orthographie  abgesehen,  nur  wenig  von  dem  der  hand- 
schrift ab.  Die  Verschiedenheiten  beschränken  sich  auf  kleinere  Vari- 
anten. 

Die  Zweibrückener  bibliothek  besizt  auch  ein  exemplar  dieses 
druckes,  welches  nach  dem  auf  dem  titelblatte  befindlichen  handschrift- 
lichen monogramm  PWB  [=  Philip  Winnenberg  Beihelsteyn]  ursprüng- 
lich dem  dichter  selbst  gehörte  2. 

4)  Kat.  nr.  36.  Pergbd.  in  breitem  quartformat.  Titelblatt: 
„Historische  Reimen  vonn  dem  Vngereimbtem  Reichstage  Anno  1613. 
Durch  einen  kurtzweiligen  liebhaber  der  Warheit  ans  licht  gebracht 
desselben  Jars,  inn  der  Weinlese,  nach  der  Stroerndte". 

Das  gedieht  umfasst  108  gezählte  blätter;  meist  stehen  12  vers- 
zeilen  auf  einer  seite.  Es  schildert  in  satirischer  weise  den  verlauf 
des  reichstages,  welchen  kaiser  Matthias  auf  kardinal  Klesls  treiben  im 
jähre  1613  nach  Regensburg  berief,   um  einen  ausgleich  zwischen  den 

1)  Die  angäbe  in  Goedekes  Grundr.  II,  519,  nr.  2,  ist  ungenau.  —  Die  Jah- 
reszahl 1580  der  daselbst  an  zweiter  stelle  angeführten  ausgäbe  ist  wol  unrichtig. 

2)  In  der  Zweibrückener  bibliothek  befindet  sich  auch  ein  exemplar  der  von 
Philip  d.  J.  1588  veröffentlichton  psalmen.  (Vgl.  Wackemagel,  a.  a.  0.  547  undOoe- 
deko,  Grundr.  II,  519.)  Auf  der  inneren  soite  des  vorderen  deckeis  ist  eine  holz- 
schnittabbildung  des  AVinnenbergschen  Wappens,  auf  der  des  hinteren  deckeis  eine 
abbildung  des  Beihelsteinschen  Wappens  eingeklebt.  Auf  dem  ersten  holzschnitt  steht: 
„Niclit  spot  mit  Gott'',  auf  dem  zweiten:  „Gott  allein  dielEhre**.  Vgl.  das  namenlied 
auf  den  dichter,  Wackernagel  a.  a.  0.  V,  38  (nr.  46),  wo  sich  diese  beiden  symbola 
aus  den  anfangswortcn  der  lezten  strophe  ergeben.  —  Das  Zweibrückener  exemplar 
gehörte  dem  oben  er^vähnten  pfalzgrafen  Karl.  Derselbe  hat  eigenhändig  seinen 
nanicu,  seine  symbola  und  die  Jahreszahl  1589  in  das  buch  eingetragen. 


BANDSOHRIFTSN  IK  ZWEIBRÜCKEN  541 

kathüliken  und  Protestanten  zu  erzielen,  der  jedoch  an  der  unversöhn- 
lichkeit  der  religionsparteien  scheiterte.  Der  imbekante  Verfasser  der 
Satire,  welcher  nach  einer  darin  enthaltenen  andeutung  der  katholischen 
konfession  angehörte,  steht  auf  dem  Standpunkte  absoluter  Unparteilich- 
keit Sein  spott  und  sein  unwille  richtet  sich  in  gleichem  masse  gegen 
die  unnachgiebigkeit  seiner  glaubensgenossen  wie  gegen  die  der  ande- 
ren Parteien.  Was  den  dichter  zur  satire  herausfordert,  ist  die  tiefste 
entrüstung  über  die  starköpfigkeit  der  geistlichen  und  weltlichen  grossen 
und  das  aufrichtige  bedauern  mit  dem  loose  des  volkes,  das  in  ahnungs- 
vollem bangen  dem  grenzenlosen  elende  entgegensieht,  welches  der 
hader  der  parteien  über  Deutschland  heraufbeschwören  wird. 

Die  spräche  des  dichters  ist  nicht  frei  von  härte  und  unbehol- 
fenheiten. Immerhin  ist  ein  entschiedenes  satirisches  talent  in  dem 
gedieh te  zu  erkennen,  das  für  den  litterarhistoriker  sowol  wie  für  den 
kulturhistoriker  sehr  beachtenswert  ist 

Nachfolgend  teile  ich  eine  sehr  gelungene  stelle  als  probe  der 
darstellungsweise  des  dichters  mit 

Der  Keiser^  solte  reissen  vnnd  hat  kein  heller  gelt, 
Welches  ein  grosses  Creutz  in  dieser  argen  weit. 
^      Man  hilt  geheimen  rhat,  wie  man  solt  gelt  bekommen, 
Vnnderschiedtliche  weg  wurden  da  vorgenommen. 
Einer  schlug  vor,  man  solt  die  gemähldt  all  verkaufFen*, 
Weil  sie  da  ohne  das  legen  vber  einem  hauffen, 
Es  könne  diese  wahr  keinem  menschen  nicht  nutzen, 
Oder  man  solt  damit  die  Oottes  heusser  putzen; 
Vnnd  wass  sie  kosten  möchten,  solt  man  dargegen  nehmen 
Auss  den  kirchen  gefellen,  dass  wer  nit  vnbequemen. 
Fändt  man  aber  drunder  etlich  weltlich  Sachen, 
So  solts  diess  nötig  werck  drumb  nit  stutzig  machen; 
Dann  man  hett  in  Gott  lob  des  weihewassers  gnug. 
Mit  dem  könnt  man  abwaschen  allen  diesen  vnfug. 
Hernach  muss  man  mit  vleiss  vf  die  weltliche  Sachen 
Ein  Catholisch  aussieg  darüber  zierlich  machen. 
Nemlich  waun  man  solt  finden  die  geschieht  von  der  Biblis^, 

1)  Matthias. 

2)  Rs  handelt  sich  um  gem«älde  aus  der  von  kaiser  Rudolf  IL  im  Hradschin 
zu  Prag  angelegton  kunstsamluug.     Voraus  geht: 

Zu  Prag  inns  Kaisers  schätz,  fannde  mann  inn  der  erdt 

Sehr  kunstereich  gemähldt,  die  soindt  viel  tausent  ¥rordt,  usw. 

3)  Biblis  (Byblis),  tochter  des  Miletos  und  der  Eidothea,  war  von  heftiger 


542  ENQLERT 

So  schreibe  man  drunder,  es  sei  Cathrin  von  Senis. 

Findt  man  auch  Jouis  Schwanschneblein  mit  seiner  Leda, 

Macht  man  drauss  die  andacht  von  St.  Eliesabetha. 

Findt  man  den  BlumentopfF,  so  Geyn^  hat  gemacht, 

So  kann  kein  besser  schein  darüber  werden  erdacht, 

Alss  das  er  komme  her  auss  Dorothee  garten. 

Des  Heiligen  St  Frantzen  sein  hellische  wallfarth. 

Wie  er  vmb  ein  seei  sich  mit  3  teufein  geschmissen. 

Die  hat  der  Goltzius*  sehr  künstlich  abgerissen. 

Da  er  ein  Satyram  mit  der  feder  abgemahlet 

Die  schieff,  darfür  Vroom^  viel  tausent  hat  gezalet, 

Drunder  schreib  mann,  es  sei  die  gross  blutige  schlacht, 

Welche  St  Michael  mit  dem  Teufel  volbracht 

Des  Brogels^  Fassnacht  grillen,  dess  Vulcani  gedieht^, 

Kann  aufF  die  Hochzeit  zu  Cana  werden  gericht 

Da  der  vmb  Ganimedes,  der  Jovem  hett  entzündt, 

(Wie  mann  von  Bäbsten  auch,  solch  ding  geschrieben  findt) ^, 

Drumb  ihn  sein  vogel  muss  aufheben  von  der  Erden, 

Loiolae  himmelfarth  kann  drauf  gedeutet  werden. 

Findt  man  wie  Juppiter  inn  seinem  gülden  regen  ^ 

Von  oben  kombt  vnnd  sich  zu  Danae  thut  legen, 

Mann  schreib  drunder,  es  sei,  wie  an  dem  borg  Syna 

Auff  die  Söhne  Jacobs  Gott  regnen  liess  Manna. 

Wenn  Venus  vnnd  Atonis  vfif  heimlich  discuwiren, 

So  kann  man  diess  gespräch  gar  geistlich  figuriren 

Auff  vnsem  St  Albanum,  von  dem  geschrieben  steth, 

Dass  er  an  vnser  frauwen  brüsten  gesogen  hett, 

Vndt  dass  er  mit  derselben  nicht  anders  sei  vmbgangen 

liebe  zu  ihrem  brud«r  Kaunos  entbrannt  und  starb,  da  sie  dieser  vei-schmähte.    Aus 
ihren  tränen  entstand  ein  quell.     Ovid,  Met.  9,  446  fgg. 

1)  Gheyn.  Es  gibt  mehrere  niederländische  künstler  dieses  uamons.  Der 
hier  genante  ist  wahrscheinlich  Jakob  Jansz  de  G.  (gest.  1582)  oder  sein  söhn,  Jakob 
de  G.    Vgl.  Nagler,  künstlerlexikon. 

2)  Wol  Hendrik  Goltzius,  der  berühmteste  von  den  künstlern  dieses  namens 
(gest.  1616). 

3)  Vroom  Hendrik  Conielissen ,  geb.  zu  Haarlem  1566,  gest.  daselbst  1640, 
malte  viele  marinebilder.     Auch  zwei  söhne  von  ihm  waren  maier. 

4)  Brueghel,  Pieter  —  der  ältere?  oder  der  jüngere? 

5)  Apposition?  Oder  solte  ein  bild  des  von  Nagler  erwähnten  Zeichners  und 
kupferstech ers  H.  Vulcanus  gemeint  sein,  dessen  lebensverhältnisse  Nagler  nicht 
bekant  sind?    (N.  vermutet,  dass  er  dem  17.  Jahrhundert  angehörte.) 

G)  Am  rande  steht:  Paulus  3.    Julius  3. 


HANDSCHRIFTKN  IN  ZWEIBRÜCKBN  543 

Alss  wie  ein  Breutgam  sein  braut  pflegt  zu  vmbfangen. 
Da  Pyramis  vnnd  Thysbe  sich  selber  thun  erworgen, 
Das  kann  man  füglich  deuten  vf  den  Ritter  St.  Görgen; 
Pyramis  sei  St  Görg,  Thysbe  sei  königs  kindt, 
Der  drach  sei  die  löwin,  welche  den  Schleyer  findt, 
Vnnd  auss  St.  Görgen  lantz  mach  man  Pyramis  schwerdt, 
Der  bäum,  darbeys  geschach,  das  sey  St  Görgen  Pferdt 
Findet  man  aber  gar  vnzüchtige  geberdten, 
Darauf  kein  geistlich  geschieht  könnt  abgebildet  werden, 
Die  muss  ein  reicher  Abt  oder  Bischoff  bezalen, 
Vnnd  schlag  sie  bei  sein  bett,  so  darf  ers  nit  mahlen; 
Wann  er  etwa  vor  lieb  nit  schlaffen  kann  die  nacht, 
So  kann  er  drauss  schöpffen  manch  geistliche  andacht 
Noch  sei  der  epilog  des  gedichtes  hier  mitgeteilt,   der   in  einer 
von  herbem  Unwillen  beseelten  apostrophe  an  die  geistlichen  und  welt- 
lichen herm  und  in  einem  verzweiflungsvollen   hülferuf  zu  Gott  den 
bangen  gefühlen  des  Volkes  in  jener  gewitterschwülen  zeit  ergreifenden 
ausdruck  gibt 

Ihr  Herren  alzumal,  wie  ihr  euch  möget  nennen, 

Catholisch,  Evangelisch,  ihr  müst  es  wol  bekennen. 

Ihr  habet  harte  köpf,  keiner  will  gerne  weichen; 

Wie  könt  ihr  dann  zu  häuf  kommen  vnd  euch  vergleichen? 

Ein  theil  soll  von  dem  andern  nichts  vnbillichs  begeren. 

So  soll  ein  theil  dem  andern  wass  recht  ist  auch  nit  wehren. 

Befleisst  euch  ja  dess  Medens,  fanget  kein  krig  nit  ahn, 

Sonnsten  muss  es  entgelten  der  arme  Pauwers  Mann, 

Welcher  vnschuldig  ist,  weiss  nichts  von  euerm  Zanck, 

Den  wolt  ihr  so  mutwillig  legen  vf  die  schlachtbanck. 

Woher  nembt  ihr  das  gelt  zufüUen  euere  Taschen, 

Wann  Dörfer,  Stett  vnd  Schlösser  da  liegen  in  der  aschen? 

Ihr  Herrn  weltliche,  wie  man  euch  also  nennet. 

Bleibt  doch  bei  euerer  Jagt,  weil  ihr  die  weit  selbst  kennet 

Wolt  ihr  ja  führen  krieg,  so  lasts  beim  alten  pleiben, 

Last  eure  Secretarios  vnnütze  Briefe  schreiben, 

Zanckt  euch  ein  weil  mit  werten,  dörft  ihr  euch  doch  nit  schlagen. 

Es  muss  einer  den  andern  inn  etwas  vbertragen. 

Greift  ia  nit  zum  schwerdt,  dan  das  ist  auss  dem  schertz, 

Dass  verderbt  nur  landt  vnd  bringt  euch  auch  in  schmertz. 

Ihi-  Herren  geistliche,  wolt  ihr  es  recht  besehen. 

So  würdt  nur  vber  euch  der  krieg  allein  aussgehen; 


544  JEITTKLBS 

Ihr  wist  wol,  das  ihr  nur  ad  vitam  Fürsten  seit, 

Das  auch  viel  euers  todts  warten  mit  schwerem  leidt, 

Weil  ihr  zu  lange  lebt:  drumb  dan  eure  Bastarten 

Von  eurigem  erbgut  nichts  haben  zugewarten.  —  — 

Herr  Gott,  behüt  für  krieg,  wendt  vns  ab  vnser  schmertzen. 

Tröste  doch  mit  gnaden  alle  betrübte  hertzen, 

Stercke  mit  deiner  kraflft,  welche  für  angst  verschmachten, 

Lass  die  zuschanden  werden,  die  nach  ihrem  vnglück  trachten, 

Erhalte  deine  kirch  vnd  zerstreuw  ihre  feinde. 

Vermehre  vns  den  glauben  vnd  sterck  deine  gemeinde. 

So  werden  dan  die  frommen  hoch  loben  deinen  nahmen, 

Diess  wünsch  ich  von  hertzen,  drumb  Sprech  ich  fröhlich  Amen. 

Dominus  misereatur  nostrj 

Et 

Sustentet  Egenos. 

MÜNCHEN.  ANTON   ENGLERT. 


LIED,  GENANT:  DAS  MENSCHLICHE  LEBEN  EIN 

TEAUM. 

Unter  diesem  titel  befindet  sich  in  meinen  reichhaltigen  hand- 
schriftlichen liedersamlungen,  wie  mich  eine  kürzlich  vorgenommene 
durchsieht  lehrte,  u.  a.  ein  aus  einem  gedrückten  fliegenden  blatte 
stammendes  gedieht,  das  die  zehn  altersstufen  des  menschen  in 
engem  anschluss  an  den  spruch,  über  welchen  in  dieser  Zeitschrift 
widerholte  erörterungen  gepflogen  wurden  (XXIH,  385.  XXIV,  161 
fg.),  behandelt.  Da  es  in  weiteren  kreisen  schwerlich  bekant  und  zu- 
dem nicht  ohne  eine  gewisse  poetische  gewantheit  verfasst  ist,  so  dürfte 
es  sich  für  einen  Widerabdruck  wol  empfehlen. 

Unterhalb  des  titeis  steht  die  angäbe:  „Iglau,  1864.  Johann 
Ripp".  Der  Verfasser  ist  ungenant.  In  Hoffmanns  v.  Fallersleben 
„Unsere  volkstümlichen  lieder"  (3.  aufl.  1869)  ist  das  lied  nicht  ver- 
zeichnet. Erwägt  man  einerseits,  dass  die  ausführung  der  dem  spniche 
von  den  altersstufen  zu  gründe  liegenden  gedanken  nicht  nur  lebens- 
voll, sondern  im  ganzen  auch  formell  ziemlich  gelungen  ist,  dass  aber 
andrerseits  die  Strophenbildung  und  beschafienheit  der  reime  —  man 
vergleiche  die  assonanzen  Jüngling  —  Dümmling,  Mitte  —  Blicke, 
Oreis  —  Lebenszeit  —  einen  berufsmässig  geschulten  dichter  nicht 
erkennen  lässt,  so  wird  man  kaum  irre  gehen,  wenn  man  annimt,  dass 


UED  vom  MKNSCfiLICHBN  tEB£N  545 

der  Verfasser  den  halbgebildeten  volkskreisen  angehöre.  Ob  die  auf 
dem  titelblatte  stehende  jahrszahl  1864  das  jähr  der  entstehung,  bezie- 
hungsweise ersten  Veröffentlichung,  oder  aber,  was  wahrscheinlicher, 
des  blossen  neudruckes  einer  älteren  dichtung  bezeichnet,  muss  dahin- 
gestelt  bleiben.  Die  in  Strophe  4,  vers  4 — 5,  vielleicht  auch  nur 
scheinbar,  enthaltene  corruptel  habe  ich  dadurch  einigermassen  zu  ord- 
nen gesucht,  dass  ich  vor  „sich  nützlich"  und  nach  „Geschäften"  ein 
komma  sezte.  Strophe  10,  vers  5  dürfte  als  optativischer  ausruf  zu 
fassen  sein. 

Wird  euch  das  Lied  denn  auch  gefallen, 

Von  zehn!  bis  hundert  angeführt? 

Es  wird  hier  in  den  zehen  Zahlen 

Das  Menschenalter  explizirt. 

Was  ist  der  Mensch?  — 
Ein  Meisterstück  aus  Schöpfers  Händen, 
An  Körper  schwach,  an  Weisheit  blind. 
Trotz  seiner  Gaben  und  Talenten 
Ist  er  noch  bis  zehn  Jahr  ein  Kind. 

Und  dann  mit  zwanzig  — 
Ist  er  ein  lebensfroher  Jüngling, 
Der  alles  wißen,  können  will; 
Da  kommt  die  Lieb,  macht  ihn  zum  Dünmiling, 
Verdirbt  sein  ganzes  Lebens -Ziel. 

Und  dann  mit  dreissig  — 
Ist  er  ein  Mann  in  vollen  Kräften 
Und  die  Vernunft  tritt  wahrhaft  ein. 
Weil  er,  sich  nützlich  in  Geschäften, 
Kann  einstens  sich  des  Lebens  freun. 

Und  dann  mit  vierzig  — 
Das  ist  die  schönste  Lebensstufe, 
Sie  schaukelt  Sprossen  in  der  Schooß, 
Und  ist  er  glücklich  im  Berufe, 
So  ist  beneidenswerth  sein  Loos. 

Und  dann  mit  fünfzig  — 
Umrungen  im  Familien -Kreise, 
Wo  er  als  Vater  sich  entzückt, 

1)  Sämtliche  in  dem  gedieht  vorkommende  zahlen  sind  in  dem  originale  durch 
zifTem  bezeichnet.  Sonst  habe  ich  an  der  Schreibweise  nichts  geändert,  nur  die  Inter- 
punktion geordnet. 

ZKITSCHRIFT   P.    DEUTSCHE   PHILOLOGIE.     BD.  XXV.  35 


546  BBEBfER 

Steht  er  nun  still  an  seiner  Reise 
Und  lebt  zufrieden  und  beglückt 

Und  dann  mit  sechzig  — 
Da  sieht  man  schon  am  Angesichte, 
Daß  sich  nun  fängt  das  Alter  an, 
Erwartet  er  die  süßen  Früchte, 
Wenn  er  einst  Gutes  hat  gethan. 

Und  dann  mit  siebzig  — 
Sitzt  er  in  seiner  Lieben  Mitte 
Und  freut  sich  immer  noch  als  Greis 

Und  wirft  empfindungsvolle  Blicke 
Zurück  auf  seine  Lebenszeit. 

Und  dann  mit  achtzig  — 
Da  geht  die  Weisheit  schon  zu  Gru^ide, 
Er  bittet  täglich  Gott  den  Herrn 
Um  eine  süße  Abschiedsstunde, 
Und  lebt  doch  immer  herzlich  gem. 

Und  dann  mit  neunzig  — 
Da  wird  er,  was  er  einst  gewesen. 
Ein  End,  doch  andern  nur  zum  Spott; 
Drum  sind  die  Worte  auserlesen: 
Lebt'  er  noch  hundert  Jahr,  bei  Gott! 

Und  dann  mit  hundert  — 
Dieß  Loos  ist  wenigen  beschieden. 
Drum,  Menschen,  strebt  nach  Tugend,  Ruhm 
Und  wandelt  froh  im  süßen  Frieden 
Hinüber  ins  Elisium. 

WIEN.  A.    JEITTELES. 


LITTEEATUE. 

Deutsche  alter tumskundo.    Yod  Karl  MUllenhoiT.    Dritter  band.    Berlin,  Weid- 
mannsche  buchhandlung.  1892.    XVI,  352  s.     10  m. 

„Der  in  den  vorarbeiten  so  gut  wie  ganz,  in  der  ausarbeitung  nur  zum  teil 
vollendete  dritte  band  soll  aus  der  Stellung  und  dem  sprachlichen  Verhältnis  der 
ältesten,  historisch  bekanten  Völker  des  mitleren  Europas  in  dem  striche  von  deo 
Pyrenaeen  bis  zum  Kaukasus  den  beweis  führen,  dass  die  väter  der  Germanen  nicht 
später''  ihren  wohnsitz  um  Oder  und  Elbe  „eingenommen  haben  können,  als  die  urver- 
wanten  stamme  der  Italiker  und  der  Griechen  ihre  sitze  in  Italien  und  Griechenland, 
und  auf  grund  der  nachrichton  der  Römer  und  Griechen  darauf  die  aiLsbreitong  und 
Verzweigung  der  Germanen  um  den  anfang  unserer  Zeitrechnung  darlegen*^.     So  schrieb 


ÜBER  MÜLLENHOFF,   DEUTSCHE   ALTERTUMSKUNDE,   m  547 

Müllenhoff  am  2.  decbr.  1881.  Tatsächlich  enthält  der  vorliegende  dritte  band  folgen- 
des: 1)  Cber  die  Skythen,  Sai-maten,  Geten  und  Daken  (s.  1  — 163);  2)  einwanderung 
der  Arier  und  Urbevölkerung  Europas  (s.  164  — 170);  3)  eine  unvollendete  abhandlung 
über  dieligurer  (s.  171  — 193);  4)  einige  sprachliche  bemerkungen  (s.  194 — 204);  dazu 
5)  anhänge  (s.  205  —  332).  Und  dieser  band,  das  fünfte  buch,  nent  sich  „der  Ursprung 
der  Germanen^!  In  der  tat,  die  enttäuschung  konte  nicht  grösser  sein!  Zwar  hatte 
schon  1887  Eoediger  gesagt,  dass  Müllenhoff  den  dritten  band  „nur  zu  einem  gerin- 
gen teil*^  ausgearbeitet  habe;  doch  vertröstete  er  uns  auf  „beträchtliche  ungedruckte 
samlungen  und  entwürfe*^  und  die  Vorlesungen  über  Tacitus  Geimania  und  meinte, 
dass  „wir  selbst  hier  nicht  ungünstig  gestelt^  seien,  „wo  es  sich  um  den  schwierig- 
sten der  noch  fehlenden  bände  handelt**.  Im  vorwort  zum  dritten  bände  berichtet 
nun  Eoediger,  dass  der  kommentar  der  Germania  ungeteilt  im  vierten  bände  vor- 
gelegt werden  soUe.  Und  das  ist  allerdings  nur  zu  billigen,  da  Müllenhoff  über  das 
besondoi'S  wichtige  kapitel  der  ausbreitung  und  Verzweigung  ddr  Germanen  gar  nichts 
hinterlassen  hat  Die  aufgäbe  der  herausgeber,  Eoediger  und  Pniower,  war  unter 
diesen  umständen  nicht  eben  eine  dankbare.  Die  130  selten,  welche  dieser  band  an 
ungedrucktem  bringt  (s.  1  —  90,  164 — 204),  stammen  in  dieser  fassung  gröstenteils 
aus  den  jähren  1872  und  1873.  200  Seiten  dieses  bandes  (s.  91  — 163  und  205  — 
332)  sind  nur  verbesserte  abdrücke  früherer  abhandlungen  aus  den  jähren  1851, 
1856,  1857,  1862,  1866,  1869,  1870  und  1875.  Ich  kann  mein  befi-emden  nicht 
unterdrücken,  dass  diese  samlung  einzelner  abhandlungen  uns  unter  dem  titel  einer 
Deutsehen  altertumskunde  geboten  wird.  Da  es  sich  herausgestelt  hat,  dass  lei- 
der Müllenhoff  sein  grosses  werk  mehr  im  köpfe  als  auf  dem  papiere  fortig  gehabt 
hat,  so  hätten,  w^enn  sich  keiner  fand,  der  in  seinem  sinne  den  bau  volständig 
auszubauen  gowagt  hätte,  die  herausgeber  violleicht  besser  getan,  solche  fragmente 
wie  diese  nicht  unter  dem  titel  von  Müllenhoffs  Altertumskunde  herauszugeben.  Mül- 
lenhoff selbst  würde  schwerlich  einen  derartigen  schritt  gebiUigt  haben.  Alles,  was 
dieser  band  bringt,  gehört  ausnahmelos  allein  in  eine  samlung  von  Müllenhoffs 
Schriften  zur  deutschen  altertumskunde.  Es  ist  gewiss  dankenswert,  dass  die  älteren 
abhandlungen,  in  verbesserter  gestalt,  zusammenhängend  wider  abgedruckt  werden; 
aber  nicht  an  dieser  stelle!  Und  sollen  wir  auf  die  in  der  „Altertumskunde"  nicht 
zum  abdruck  kommenden,  anderen  aufsätze  verzichten?  Oder  sollen  in  einer  ausgäbe 
der  kleineren  Schriften  die  arbeiten  fehlen,  welche  in  der  „Altertumskunde"  stehen, 
oder  sollen  diese  dann  zum  dritten  mal  gedmckt  werden? 

Eine  besprechung  des  inhaltes  des  vorliegenden  buches  kann  sich  naturgemäss  nur 
auf  die  130  soiten  erstrecken,  welche  dasselbe  an  bisher  ungedruckten  abhandlungen 
enthält.  Es  sind  dies  1)  mehrere  aufsätze  über  die  Skythen  (s.  1 — 90);  2)  ein  auf- 
satz  über  die  einwanderung  der  Arier  (s.  164  — 169);  3)  ein  solcher  über  die  Urbevöl- 
kerung Europas  (Finnen  s.  169  — 170,  Iberer  s.  171,  Sikanen,  Sarden,  Corsen  s.  172 
— 173,  Ligurer  s.  173  — 193);  4)  unter  der  verlockenden  Überschrift  „der  Ursprung 
der  Gormanen"  bemerkungen  über  die  ältesten  und  wesentlichsten  sprachlichen  noue- 
rungen,  durch  wolclie  sicli  die  germanische  spräche  von  der  indogermanischen  abhebt 
(s.  194  —  204).  Wie  diese  inhaltsangabe  zeigt,  betreten  wir  eigentlich  nur  mit  dem 
leztgenantcn  aufsätze  den  boden  der  germanischen  philologie.  Die  anderen  aufsätze 
betreffen  die  germanische  altertumskunde  nur  insofern,  als  sie  mittelbar  „den  beweis 
führen",  dass  die  Gormanen  sich  im  nordöstlichen  Deutschland  nicht  später  angesie- 
delt haben  als  die  Italikor  und  Griechen  in  ihrer  heimat.  Wir  fragen:  ist  dieser  beweis 
geführt? 

35* 


548  fiftRIUEft 

Ich  möchte  zuvor  die  frage  aufwerfen:  ist  es  überhaupt  möglich,  einen  sol- 
chen  beweis   zu   führen?     Gewiss   dürfen   Müllenhofis   werte    nicht   gar   so   genau 
genommen  werden,    als  ob  die  Germanen  völlig  gleichzeitig  mit  den  Griechen  und 
Italikem  ihre  späteren  sitze  eingenommen  hätten.    Es  liegt  ja  auf  der  band,  dass  es 
sich  nur  um  eine  ganz  ungefähre  gleichzeitigkeit  handeln  kann,    bei  der  es  auf  ein 
paar  Jahrhunderte  nicht  ankomt.    Ist  es  aber  möglich  nachweisen  zu  können,    ob  die 
Germanen  auch  nur  vor  dem  jähre  1000  v.  Chr.  bereits  die  gebiete  an  der  Oder  und 
Elbe  eingenommen  haben?    Ich  muss  diese  frage  verneinen.    Keinerlei  geschichtliche 
Zeugnisse  lassen  eine  beantwortung  auch  nur  insofern  zu,  als  sich  etwa  daiiun  Hesse, 
dass  seit  1000  v.  Chr.  andere  Völker  diejenigen  gebiete  bewohnt  hätten,  welche  die  Ger- 
manen notwendigerweise  durchzogen  haben  müsten,  um  nach  Deutschland  zu  gelangen 
Als  einen  vorsuch  nach   dieser  richtung  hin  müssen  vnr   im  rahmen  seiner  „Alter- 
tumskunde*^ offenbar  Müllenhoffs  auseinandersetzungen  über  die  Skythen  betrachten. 
Dass  dieser  versuch  resultatlos  sein  muste,   zeigen  Müllenhoffs  eigene  worte   (s.  9): 
„Das  innere  des  heutigen  Russland,  das  ganze  gebiet  des  obem  Dnjeprs,  die  quellen 
des  Dons  wie  der  "Wolga  waren  den  gewährsmännom  Herodots  unbekant".    Und  He- 
rodot  danken  wir  unsere  ältesten  nachrichten  über  die  länder  nöixilich  des  Pontus. 
Es  steht  uns  also  kein  mittel  zu  geböte,  um  die  frage  zu  beantwoiien ,  ob  zu  Hero- 
dots zeit  Gormanen  etwa  in  Polen  oder  am  Waldai-gebirge  gesessen  haben.    Doch 
vielleicht  hat  Müllenhoff  es  für  ausgeschlossen  gehalten,    dass  die  Germanen  durch 
das  mitlero  Russland  gezogen  seien.    Vielleicht   hat   er   allein   den  weg   durch  das 
Skythenland  für  möglich  gehalten.     Selbst  dann  würden  wir  nicht  mehr  sagen  kön- 
nen, als  dass  die  Germanen  um  500  v.  Clir.  schon  an  der  Weichsel  gewohnt  haben. 
Für  die  erste  hälfte  des  ersten  jahitausends  v.  Chr.  aber  wäre  damit  gar  nichts  aus- 
gesagt.   Müllenhoff  fi*agt  (s.  29),  „ob  unser  weitteil  bereits  vor  der  einwanderung  der 
Skythen  über  den  Don  seine  spätere  geschichtliche  bevölkerung  hatte,   oder  ob  sie 
durch  die  Skythen  oder  violleicht  noch  spätere  zuzüge  erst  ihren  abschluss  erhalten 
hat**.    Er  durchmustert  daher  einmal  „auf  der  von  Herodot  gegebenen  grundlage  die 
übrigen  alten  diathesen  des  östlichen  Europas*^,   um  „die  tatsache  festzustellen,   dass 
nach  der  skythischen  in  alter  zeit  nur  noch  eine  grosse  invasion  über  den  Don  stat- 
gefunden  hat**.    Sodann  —  dieser  teil  ist  aus  den  Monatsberichten  der  Berliner  aka- 
demie  von  1866  abgedmckt  —  sucht  er  „aus  den  übeiTOsten  ihrer  spräche  die  ethno- 
logische Stellung  der  Skythen  und  Sarmaten  zu  bestimmen"  und  komt  zu  dem  ergebnis, 
dass   diese    keine   Slawen,    vielmehr  Asiaten   gewesen  seien,    und   sieht   hierin  den 
beweis  dafür,    „dass  schon  vor  der  oinwanderung  jener  die  bevölkerung  des  Weltteils 
abgeschlossen  war**.     „Der  wert  dieses  ergebnisses",  sagt  Müllenhoff  (s.  31),  „für  die 
geschichte  der  bevölkerung  unseres  Weltteils,   insbesondere  auch  für  die  entscheidung 
der  frage  wegen  der  herkunft  der  Germanen  wird  sich  dann  schon  später  herausstel- 
len".    Leider  bringt  er  hierüber  nichts.     Ich   wüste   auch   nicht,    was   aus  diesem 
ergebnis,  welches  bereits  lange  gem eingut  der  Wissenschaft  ist,  weiter  gefolgert  wer- 
den könto,   als  dass  um  500  v.  Chr.  die  Germanen  bereits  an  der  "Weichsel  gesessen 
haben.     Ein  früheres  datum  würde  nur  dann  zu  gewinnen  sein,    wenn  sich  die  zeit 
der  skythischen    einwanderung   bestimmen    liesse.     Herodot   und   Ephorus   glaubten, 
dass  die  Skjihen  um  634  die  Kimmerier  aus  dem   lande  nördlich  des  Pontus  ver- 
trieben hätten.     Diese  nachricht  verwirft  Müllenhoff  mit  recht  und  zeigt  (s.  22  fg.), 
dass  die  Skythen  wenigstens  schon  im  8.  Jahrhundert   am  Pontus   gewohnt  haben. 
"Weiter  können  wir  nicht  kommen.     Wir   köimen    also    auf  grund    der   darlegungen 
Müllenhoffs  höchstens  sagen,    dass,    gosezt  die  Gormanen  sind  einmal  nördlich  des 


ÜBKB   MÖLLENHOFF,   DEUTSCHE    ALTERTUMSKUNDE.   III  549 

Schwarzen  meeres  westwärts  gezogen ,  sie  diese  sitze  schon  spätestens  im  8.  Jahrhun- 
dert mit  westlicheren  vertauscht  haben  müssen.  Der  beweis  aber,  dass  sie  die  Oder 
und  Elbe  schon  im  zweiton  Jahrtausend  v.  Chr.  erreicht  haben,  ist  weder  von  Mül- 
lenhoff  erbracht  worden,  noch  lässt  er  sich  überhaupt  erbringen  —  es  sei  denn,  dass 
diese  gebiete  als  ein  teil  der  Urheimat  der  Indogermanon  nachgewiesen  würden. 

Die  frage  nach  der  Urheimat  der  Indogermanon  behandelt  oder  richtiger  streift 
Müllenhoff  auf  zwei  und  einer  halben  seite  (s.  164 — 16G).  Ohne  auf  die  auch  von  den 
herausgebern  nicht  citierte  neuere  litteratur  über  diese  frage  näher  einzugehen,  nimt 
er  das  „nordöstliche  Iran,  auf  der  Westseite  von  Hochasien "  als  den  sitz  des  urvolks 
an  und  fragt,  auf  welchem  wege  die  Indogermanon  in  Europa  eindrangen.  Er 
entscheidet  sich  für  die  Strasse,  „die  südlich  um  das  kaspische  meer  an  dem  niedem 
Östlichen  Kaukasus  vorbei  führte^.  „Auf  ihr  sind  sämtliche  Arier  in  die  neue  heimat 
gezogen**.  Müllenhoff  fährt  fort,  über  die  „marschordnung**  der  Europäer  berichtend: 
„An  der  spitze  des  keilförmigen  zuges  befanden  sich  die  ahnen  der  Kelten,  hinter 
ihnen  folgten  Schulter  an  Schulter  die  häufen  der  Urgermanen  und  Uritaliker,  den 
Italikem  die  Urhellenen,  den  Gormanen  die  Eisten  und  Slawen*.  „Geteilt  haben 
müssen  sie  sich  an  den  Karpaten*.  „Auf  deren  ostseite"  „trenten  sich"  „die  Urger- 
manen von  den  künftigen  Italikem **,  um  „nordwärts  um  das  gebirge  herum*  zu  zie- 
hen und  in  dem  „lande  zwischen  Oder  und  Elbe  sich  zu  einem  volk*  auszubilden. 
Wiewol  man  hieraach  auf  manches  vorbereitet  sein  solte,  wirkt  die  Schlussfolgerung 
doch  überraschend  (s.  169):  „Bestand  aber  vor  der  trennung  der  Westainer  an  den 
Karpaten*  die  „periode  der  einheit  des  volkes*  und  erfolgte  die  besiedelung  Europas 
in  der  geschilderten  weise*,  „so  muss,  wenn  auch  die  urväter  der  Germanen,  wie 
nicht  zu  bezweifeln  ist,  an  dieser  periode  teil  haben,  wenigstens  irgend  ein  punkt 
des  grossen  gebietes,  den  wir  im  anfang  unserer  künde  von  Germanen  bewohnt  sehen, 
ebenso  früh  oder  doch  nicht  wesentlich  später  eine  arische  bevölkerung  erhalten 
haben  als  etsva  Griechenland  und  Italien*.  —  Allerdings,  wunderbar  einfach!  Der 
beweis  ist  geliefert!    Es  hätte  der  Skythen  gar  nicht  bedurft. 

Als  einen  oxkurs  dai*f  man  die  folgende  Untersuchung  über  die  vorindogerma- 
nische Urbevölkerung  Europas  ansehen.  Die  Finnen  durften  nach  der  daretellung,  die 
sie  im  zweiten  bände  gefunden,  auf  einer  seite  abgetan  worden.  „Ihre  ausbreitung 
von  dem  Ural  und  der  Wolga  um  die  "Waldaihöhe  herum  bis  an  die  Ostsee  nach 
Scadinavien  muss  entweder  gleichzeitig  mit  oder  nach  der  einwanderung  der  Arier 
in  die  südlicheren  teile  Europas  erfolgt  sein*  (s.  170).  Über  die  Sikanen  und  Bar- 
den wird  (s.  171  — 173)  gesagt,  dass  sie  keine  Iberer,  über  die  (Morsen  (s.  373),  dass 
sie  Ligurer  seien.  Die  ethnographische  Stellung  der  Ligurer  solte  dann  eine  grössere 
abhandlung  dartun.  Leider  hat  sich  im  nachlass  nur  der  anfang  derselben  vorgefun- 
den (s.  173  — 193).  Müllenhoff  zeigt  zunächst  das  geographische  Verbreitungsgebiet 
der  Ligurer  und  sucht  dann  aus  der  spräche  ihre  etlinographische  Stellung  zu  bestim- 
men. Viel  zu  kurz  ist  die  frage  abgetan ,  ob  sie  zu  den  Iberern  in  näherer  beziehung 
stehen.    Es  hätte  wol  einer  „weiteren  ausfühnmg*  bedurft,  ehe  man  den  satz  unter- 

1)  Dieses  yrird  begründet  durch  1)  das  bewahren  der  idg.  urvokalo  0,  E,  A  gegenüber  ostari- 
schem A,  2)  „eine  strengoro  unterscheidang  des  LundR,  ja  überwiegend  sogar  eine  neue  bildang  des  L 
ans  dem  R'^,  3)  ,,gonanero  begrifsl)estimmnng  alter  wörtor  wie  z.  b.  die  >>edeatung  der  prttposition  abhi 
im  skr.  noch  sehr  unbostimt  ad  ist,  gr.  ri/n(fi%  lat.-kelt.  ambi,  ahd.  umbi  dagegen  fest  eingeschränkt 
erscheint",  4)  ,,die  bildang  neuer  oder  die  bewahning  alter,  im  osten  nicht  mehr  bekanter  wurzeln  and 
stftmme'S  „ modiiicationen  an  wurzeln,  wortstämmen  und  suftixon",  5)  „die  Schöpfung  einer  grossen 
anzahl  neuer  würter,  von  denen  einige  zugleich  auf  deren  cnlturfortschritt ,  wie  den  Übergang  vom  hirten- 
lebon  zam  ackerbaa  deuten". 


550  BREMER 

schreiben  kann:  „an  einen  näheren  Zusammenhang  der  ligurer  mit  den  Ibereiii  ist 
auf  keinen  fall  zu  denken*^.  Müllenhoff  fragt  weiter,  „ob  sie  den  Ariern  vei-want 
waren",  und  findet  neben  wesentlichen  abweichungen  eine  reihe  von  sprachlichen 
Übereinstimmungen  mit  dem  italischen  und  keltischen.  Der  hauptteil,  in  welchem 
bewiesen  werden  solte,  dass  die  Ligurer,  wie  die  Baeter,  zu  der  voiindogermanischen 
bevölkei-ung  Europas  gehörten,  fehlt. 

„Den  eigentlichen  inhalt  der  Urgeschichte  eines  volkes  bildet  —  das  lehrt  die 
geschichte  der  Griechen  so  gut  wie  die  der  Gormanen  —  die  ausbildung  und  Schei- 
dung seiner  stamme.  Nirgend  können  wir  diese  phase  in  der  entwicklung  einer  nation 
besser  erkennen  als  bei  unsern  vorfahren".  „Vor  der  ausbildung  und  Scheidung  der 
Stämme  gibt  es  im  leben  einer  nation  nur  noch  eine  epoche :  das  ist  die  genesis  der  nation 
selbst,  ihre  entstehung  und  bildung  zu  einem  von  ihi^er  Umgebung  und  ihren  stam- 
verwanten  imterschiedenen ,  eigentümlichen,  in  sich  gleichen  ganzen.  Zu  bestimmen, 
wann  die  genesis  des  ganzen  germanischen  volksstammes  zum  abschluss  gekommen 
ist,  dafür  besitzen  wir  zwar  nicht  das  einzige,  aber  doch  sicherste,  untrüglichste  und 
volkommen  ausreichende  mittel  in  der  spräche.  Die  spräche  macht  die  nation.  Sie 
ist  dasein  und  loben  eines  volkes,  und  ohne  sie  ist  es  tot.  Die  giossen  perioden  und 
Wandlungen,  die  es  bald  rascher  und  gewaltsamer,  bald  langsamer  und  almählichcr 
durchmacht,  prägen  sich  daher  auch  ihr  ein,  und  so  unvertilgbar,  dass  es  die  merk- 
zeichen  einer  jeden  und  damit  die  seiner  ganzen  Vergangenheit  in  ihr  allezeit  gegen- 
wäiiig  mit  sich  herumträgt.  Je  gi'össer  aber  die  Wandlungen,  desto  tiefer  greifen  sie 
auch  in  die  spräche  ein,  und  die  Wirkung  seiner  grösten  epoche,  des  anfangs  seines 
eigentümlichen  und  selbständigen  lebens,  muss  in  ihr  am  deutlichsten  sichtbai*  sein*^. 
Ich  habe  diese  herlichen  werte  (s.  194)  unverkürzt  widergeben  wollen.  Sie  entrollen 
ein  verheissungsvolles  programm.  Der  leser  erwartet  hiernach  ein  zwiefaches:  ein- 
mal auf  grund  sprachlicher  unterauchungen  eine  ungefähre  Zeitbestimmung  der  „gene- 
sis der  nation";  zum  andern  vor  allem  eine  psychologische  analyse  der  urgerma- 
nischen Sprachgeschichte.  Es  bedarf  wol  nicht  des  hinweises,  dass  diese  analyse, 
welche  Müllenhoff  allein  gibt,  nicht  auf  10  Seiten  erschöpft  werden  kann.  Und  doch 
hätte  Müllenhoff,  wäre  es  ihm  beschieden  gewesen  sein  werk  zu  vollenden,  wol 
kaum  erheblich  mehr  und  erheblich  andres  gegeben,  als  uns  vorL'egt.  Nach  dem 
ui'sprung  unseres  volksstammes  fragend,  bestimt  Müllenhoff  als  den  anfangspunkt 
germanischen  sonderlebens,  „sprachlich  ausgedrückt",  „die  Verschiebung  der  stummen 
konsonanten,  die  sogenante  lautverschiebung".  „Sie  ist  das  erste  und  älteste  merk- 
mal  der  volzogenen  abtrennung  und  das  erste  anzeichen  einer  besonderen  entwicklung 
der  Gei-manen"  (s.  196).  „Trägheit  oder  erschlafifung  der  organe  offenbart  sich"  in 
der  vei*schiebung  der  idg.  aspiraten  und  tenues.  „Dagegen  zeigt  sich  in  dem  Über- 
gang der  alten  medien  zu  tenues  augenscheinlich  ein  aufraffen  zu  neuer  kraftan- 
strenguug".  „Die  regebnässigkeit,  mit  der"  sich  die  ganze  lautverschiebung  volzioht, 
offenbart  eine  „stätigkeit  und  ruhig  ausdauernde  kraft"  (s.  197).  „Dieselbe  ausdauer 
und  energie  muss  die  nation  oder  der  stamm  bewiesen  haben,  als  er  sich  in  die 
rauhe  natur  seiner  heimat  einlobte".  „Das  aufraffen  zu  neuer  kraft  lässt  uns  die 
Sprachgeschichte  auch  weiterhin  noch  erkennen"  (s.  198).  Ebenso  unzulänglich  ist, 
was  Müllenhoff  über  das  „euphonische"  konsonantische  auslautgesetz  beibringt,  über 
das  vokalische,  „wonach  alle  kurzen  A  imd  I  im  wertende  oder  in  der  lezten  wort- 
silbc  abfallen  rauston",  über  das  Vemereche  gesetz  und  über  den  germ.  acceni  In 
dem  „  betonungsgesetz "  und  dem  durch  dieses  bewirkten  vokalischen  aoslautsgesetz 
sieht   Müllenlioff  „das    eigentlich    unterscheidende   moment   zwischen   dem  alt-  und 


ÜBER  MÜLLENHOFF,    DEUTSCHS   ALTERTUMSKUNDE,    m  551 

ui'germanischon  und  dorn  neugeimanischen.  Hierdurch  erst  wird  eine  neue  epoche 
der  entwicklung  herbeigeführt,  der  eintritt  des  rechten  Germanentums,  der  abschluss 
und  die  Vollendung  des  eigentümlichen  wesens  und  chai'akters  unserer  nation"  (s.  200 
fg.).  Es  „entspricht  die  durchgängige  betonung  der  haupt-  und  stamsilbe  ganz  und 
gar  der  wucht  und  einseitigkeit  des  kriegerischen  chai'akters,  mit  dem  die  Gennanen 
in  die  geschichte  eintreten*  (s.  201).  „Die  verlüsto  namentlich  in  der  conjugation  . . . 
zeugen,  wenn  nicht  von  einem  mangel  und  einer  abnähme  au  feinem  sinlichen  unter- 
scheidungsvermögen,  so  doch  von  einer  trägheit,  unlust  und  lÄssigkeit,  feinere  unter- 
schiede festzuhalten,  auf  der  andern  seite  die  neue  accentregel  von  einer  gewissen 
rohheit.  Aber  durch  die  schliessliche  gestaltung  unserer  flexion  geht  wie  schon  durch 
die  lautverschiebung  derselbe  mächtige  zug  nach  einfacher,  klarer  Ordnung,  der  zum 
siege  verhalf  imd  wodurch  der  spräche  neben  dem  starken  auch  nicht  das  zarte, 
neben  dem  rauhen  nicht  das  milde  versagt  blieb.  Das  zeigt  sich  auch  in  der  her- 
schaft, die  die  melodie  des  ablauts  in  ihr  gewann,  in  dem  gegengewicht,  das  der 
nebenaccent  dem  hochton  gegenüber  behauptete.  Zugleich  aber  verrät  sich  hierin  ein 
tiefer  musicalischer  und  rhythmischer  sinn,  der  unserer  nation  von  anfang  an  eigen 
war*  (s.  203  fg.).  Dies  ist  im  wesentlichen  Müllenhoffs  psychologische  analyse. 
Nichts  von  den  einer  solchen  doch  in  erster  reihe  zugänglichen  nicht -lautlichen  neu- 
bildungen,  nichts  über  syntax,  nichts  über  Stilistik!  Was  würde  die  kritik  wol 
sagen,  wenn  ein  anderer  forscher  uns  heute  derartiges  brächte?  Es  ist  kein  zweifei: 
dieser  aufgäbe  ist  MüllenhofP  nicht  gewachsen  gewesen.  Seine  sache  war  es,  das 
deutsche  altertum  lebendig  nachzuempfinden  und  vor  unseren  äugen  wider  erstehen 
zu  lassen,  soweit  es  galt  geschichtliche  zusammenhänge  äusserer  wie  geistiger  art 
aufzudecken.  Tiefere  blicke  in  das  leben  der  spräche  zu  tun  ist  ihm  versagt  geblie- 
ben. Und  die  aufgäbe,  um  welche  es  sich  hier  handelt,  ist  wol  die  allerschwierigste, 
welche  der  historisch  -  vergleichenden  Sprachwissenschaft  harrt:  sie  ist  (oder  sie  solte 
sein!)  das  endziel  aller  Sprachforschung. 

Ich  habe  das,  was  das  buch  neues  bietet,  geglaubt  an  dieser  stelle  nur  in- 
soweit besprechen  zu  sollen,  als  es  das  gebiet  der  germanischen  philologie  betrift.  Es 
braucht  bei  einem  werke  Müllenhoffs  nicht  besonders  hervorgehoben  zu  worden,  dass 
im  übrigen  die  grosse  gelehrsamkeit  und  die  scharfsinnige  kritik  des  Verfassers  übeitdl 
eine  fruchtbare  ist.  Den  hauptgewinn  aus  dem  buche  zieht,  wie  es  bei  dem  ersten 
bände  der  fall  gewesen  ist,  die  antike  geographie,  welcher  dieser  band  eine  kritik  der 
nachrichten  über  das  östliche  Europa  von  Hekataeus  von  Milet  und  Herodot  an  bis  auf 
Ptolemaeus  und  Ammianus  Marcellinus  bringt.  Roediger  hat  diesem  abschnitt  (s.  1  — 
90)  die  abhandlung  MüUenhofife  über  Ptolemaeus  und  Marinus  aus  den  Berliner  monats- 
berichten  1866  (s.  91  — 100)  angefügt,  dann  diejenige  über  die  spräche  der  pontischen 
Skythen  und  Sannaten  ebd.  (s.  101  — 125),  dann  den  aitikel  Geten  aus  Ei-sch  und 
Gruber  (s.  125  — 163).  Die  anhänge  bringen  1)  „Griechische  Inschriften  aus  Südruss- 
land* aus  Hermes  bd.  3  und  4  (s.  205  —  211),  2)  „Über  die  weitkarte  und  chorogra- 
phie  des  kaisers  Augustus*  Kieler  Universitätsprogramm  1856  (s.  212 — 295),  3)  „Die 
Völkertafel  der  Genesis*  aus  den  Gott.  gel.  anz.  1851  (s.  295  —  298),  4)  „Über  die 
römische  weltkarto"  aus  Hermes  bd.  9  (s.  298 — 311),  5)  „Über  den  anliang  zu  dem 
provinzialverzeichnis  von  297*,  abhaudlungen  der  Berliner  akademie  1862  (s.  311  — 
325),  6)  „Die  fränkische  völkertafel *,  ebd.  (s.  325  —  332).  Das  meiste  ist  mit  Ver- 
besserungen Müllenhoffs  abgedruckt.  Sehr  dankenswert  ist  das  von  B.  Wenzel  ange- 
fei-tigte  register  (s.  333  —  352). 


552  KAUFFMANN 

Es  liegt  jezt  von  Mülleuhoffs  lebooswcrk  der  erste,  zweite,  dritte  und  fünfte 
band  vor.  Schon  jezt  können  wii*  nach  einer  richtung  hin  ein  abschliessendes  ai*teil 
über  das  ganze  werk  fällen,  das  schwerlich  anders  ausgefallen  sein  wiirde,  wenn  es 
dem  veifasser  vergönt  gewesen  wäre,  dasselbe  selbst  zu  vollenden.  Es  galt  eine 
zwiefache  arbeit  zu  tun:  eine  kntik  unserer  quellen  war  die  erste  und  notwendigste 
aufgäbe;  die  zweite  war  eine  zusammenfassende  darstellung.  Müllenhoff  hat  wesent- 
lich nur  die  erste  aufgäbe  angegriffen,  wie  sehr  es  seinem  herzen  auch  um  die  zweite 
zu  tun  war,  und  wie  sehr  er  auch  geglaubt  haben  mag,  in  diesem  sinne  zu  schrei- 
ben und  zu  wirken.  Er  ist  über  jene  elementarere  tätigkeit,  in  der  seine  gelehrsam- 
keit  und  sein  kritischer  Scharfblick  glänzend  zu  ihrem  rechte  kommen,  im  gründe 
nicht  hinausgekommen.  Auch  in  der  anläge  des  ganzen  Werkes  zeigt  sich,  wie  wenig 
Müllenhoff  den  einen  gesichtspunkt  dem  andern  unterzuordnen  vermocht  hat.  Der 
erste  band  gibt  ausschliesslich  eine  quellenkritik ;  er  endigt  mit  Pytheas.  Der  zweite 
band  fängt  von  neuem  an  und  gibt,  wenn  auch  gröstenteils  eine  solche  kritik  im  rah- 
men grösserer,  algemeiner  gesichtspunkte,  so  doch  zum  teil  auch  wirklich  zusam- 
menfassendes (besonders  über  Aestier,  Finnen  und  Slawen).  Der  dritte  band  sezt 
wider  ein,  wo  der  erste  aufgehöi't  hat:  auf  Pytheas  folgt  Herodot.  Dann  abermals 
ein  ganz  neuer  anfang  in  jenem  andern  sinne:  die  Indogeimanen.  Der  vierte  band 
scheint  wesentlich  ein  kommentar  zu  der  Germania  des  Tacitus  werden  zu  sollen. 
Der  fünfte  band  war  als  eine  gormanische  mythologie  gedacht  —  und  ist  doch  nur 
eine  kritik  der  Edda  und  ihrer  mythen. 

Müllenhofifs  werk  ist  —  und  das  tut  seinem  Verdienste  keinen  eintrag  —  eine 
Vorarbeit.  Eine  zusammenfassende  germanische  altertumskunde  soll  noch  geschrie- 
ben werden. 

HALLE  A.   8.,   DEN  2.  JULI   1892.  OTTO   BBEMSR. 


Zur  geschichte  der  altdeutschen  verskunst.  Von  Andreas  HeuBlen  [Ger- 
manistische abhandlungen,  herausgegeben  von  Karl  Wein  hold.  8.  heftj  Bres- 
lau, Wilhelm  Koebner.    1891.    VIÜ  und  161  s.     5,40  m. 

Das  buch  ist  flott  und  frisch  geschrieben:  besizt  der  autor  doch  in  seltenem 
masso  die  gäbe,  sich  von  der  gebundcnheit  unseres  Wissens  frei  zu  machen.  Die 
schwungvollen  prolegomena  zu  einer  neubegründung  der  metrischen  principienlehre 
(s.  38  fgg.)  habe  ich  mit  besonderem  gonusse  gelesen.  In  der  diction  liegt  hier  ein 
packender  rhythmus,  der  den  zweifelnden  mitreisst.  Nur  steht  nach  meinem  geschmack 
der  abschnitt  nicht  an  der  richtigen  stelle.  Er  stört  an  seinem  orte  den  Zusammen- 
hang des  3.  und  4.  kapitels  und  wirft  eine  anzahl  von  begriffen  in  die  diskussion, 
die  nicht  gründlich  genug  für  ihre  Verwendung  gerüstet  erscheinen.  Die  stilistischen 
Vorzüge  und  der  standpimkt  des  Verfassers  (s.  58),  dass  in  der  Verslehre  nur  selten 
beweise  und  Widerlegungen  möglich  seien,  binden  zuweilen  dem  rccensenten  die  band. 
Heusler  spricht  von  kinder-  und  ammenversen,  kindersprüchen,  kinderlie- 
dern.  Er  vergleicht  s.  10  einen  abzählspruch,  dessen  strophe  er  im  anord. /brtiyr- 
dala^  widerfindet,  mit  gliedern  des  Ijöpahdttr,  Nun  ist  es  unter  allen  umständen 
unzulässig,  wie  s.  9  geschieht,  einzelne  halbverse  des  Hildebraudsliedes  und  Mu- 
spilli  nicht  bloss  an  dem  masstab  einzelner  strophentcile  moderner  reimverse,  son- 
deiTi  gar  an  dem  Ijöpahdttr  zu  messen,  ohne  bewiesen  zu  haben,  dass  auch  jene 
halbverse  nicht  stichisch,  sondern  strophisch  zu  verstehen  sind.  Möller  hat  ganz 
richtig  die  konsoquonz  seines  Systems  gezogen,  wenn  er  die  ahd.  bruchstücke  in  Stro- 
phen auflöst.    Heusler  hat  in  seiner  anzeige  des  Möllerschen  buches  und  jezt  wider 


ÜBER  BEUSLER.   ALTDEUTSCHE  VERSKUNST  553 

in  dem  vorliegeuden  werko  sich  gegen  strophische  ciuteiluug  ausgesprochen,   muss 
sich  nun  aber  selbst  zu  strophischen  gebilden  flüchten,  uni  seine  theorio  zu  illustrie- 
ren.   Das  ist  ein  cardinalfehler,   dass  Heusler  die  taktmessung  strophischer  ictan- 
reihen   auf  die   unstrophischen  gedichte    des  alliterierenden  Zeitalters  übertragen 
hat.    £s  nüzt  nichts  s.  5  zu  dekretieren:  „der  vors  uiksorer  hauspoesie  ist  die  unmit- 
telbare foi'tsetzung  des  altgormanischen  verses^    (vgl.  bei  Möller  s.  171),   wenn  s.  2 
gesagt  ist,   der  einzelvers  führe  keine  sondorexistenz.     Den  kindervers  kennen  wir 
nur  als  festgefügtes  glied  der  strophe.    TVenn  er  die  fortsetzung  des  altgermanischen 
vorses  wäre,  müste  auch  dieser  als  glied  einer  strophe  überliefert  sein.   Da  dies  nach 
Ileuslers  entscheidung  nicht  der  fall  ist,  so  kann  die  Identität  des  altgermanischen  und 
des  kindcrliedverses  nicht  aufrecht  erhalten  werden,   und  sie  hätte  nicht  behauptet 
werden  sollen.    Wie  wäre  es  auch  möglich!    Heusler  legt  so  viel   gewicht  darauf, 
dass  die  metrische  forschung  sich  von  der  last  der  buchstaben   frei  mache.     Aber 
ihm  selbst  hängt  diese  last  noch  am  ränzel.    Denn  was  soll  es  hoissen,   den  kinder- 
vers mit  dem  alliterationsvers  zu  identificieren,  ohne  dabei  zu  beachten,  dass  w4r  das 
kinderlied  nur  kennen  als  „gesungen  oder  gesprochen  zu  den  ringeltänzen,  zum  gänsc- 
marech,   während  man  die  kinder  auf  armen  oder  knien  schaukelt"  (s.  38),   also  nur 
als  getanztes  oder  algemein  ausgedrückt  von  taktmässiger,   rhythmischer  körperbewe- 
gung  begleitetes.     Wo  wäre  von  alle  dem  bei  unserer  alliterationsdichtung  auch  nur 
entfernt   die   i*edeV    Es   hat  noch  niemand  den  versuch  gewagt,    das  versmass  des 
Hildebrandsliedes  als  getanztes  auszugeben.    Denn  es  ist  etwas  ganz  anderes,   wenn 
Schei-er  behauptet  hat,   an  die  tanzbewegungen   seien  ursprünglich   auch  die  werte 
gebunden  gewesen.    Scherer  hat  auch  betont,   dass  darnach  eine  zeit  gekommen  ist, 
in  der  das  lied  sich  vom  tanze  losgelöst  hat,  und  er  ist  es  auch  gewesen ,  der  behaup- 
tet hat,  schon  in  gi'auer  vorzeit  habe  es  eine  poesie  —  die  epische  —  gegeben,  die 
weder  getanzt  noch  gesungen  worden  sei,    für  deren  rhythmik   folglich   auch  ganz 
andere  Voraussetzungen  zu  gelten  haben.  "Weder  Möller  noch  Heusler  haben  die  durch 
die   Verschiedenheit    der    poetischen    gattung    bedingte    vei"schiedenheit    der 
rhythmischen  sti'uktur  bedacht.    So  ist  also  von  vornherein  die  unmittelbare  Zusammen- 
gehörigkeit des  heutigen  kinderverses  mit  dem  alliterationsvers  unserer  epen  hinfällig  ^ 
Dann  verliert  aber  Heusler  jegliche  stütze  für  seine  einschi-änkung  der  dipodie 
auf  die  ictenfolge  x'  x*  x'  x\    Sievers  hat  gerade  im  volkstümlichen  vers  wechselnde 
gruppierung  von  haupt-  und  nebenictus  belegt.    Heusler  gibt  das  Volkslied  ganz  preis 
und  lässt  nur  in  den  kiudcrsprüchen  die  uralte  sitte  nachklingen.    Er  hat  auch 
nichts  dazu  getan,  was  den  methodologischen  fehler  ausgliche,  die  Strophen  dos  min- 
nesaugs  mit  der  stichischen  alliterationsdichtung  zu  verknüpfen  (s.  91  fgg.)-    Es  wäre 
die  aufgäbe  gewesen,    sich  ernsthaft  mit  Müllenhoif  Z.  f.  d.  a.  23,  151  auseinandei-zu- 
setzcn,    der  in  der  bündigsten  weise  die   annähme  strophischer   gliederung   für  die 
westgermanische  cpik  ad  absurdum  geführt  hat.    So  fält  auf  Heusler  selbst  zurück, 
was  er  von  dem  zur  voi*sicht  mahnenden  Wilmanns  sagt:    sein  oxperiment  erinnert 
an  das  niesser  ohne  klinge,    dem  der  griff  fehlt.    Die  frage:    warum  muss  denn  mit 
dem  stabreimvei-s  selbst  aucli  alles  andere  der  stabreimdichtung  vei-schoUen  sein?  — 
diese  frage  hätte  Heusler  nicht  stellen  sollen.    Wird  doch  s.  11  fg.  eine  reihe  von 
faktoren,  die  den  eigentlichen  cliaraktor  der  Stabreim verse  bestimmen,  wie  die  lang- 
reihigen  auftakte,    die  alliteration  selbst,  ja  sogar  die  straffe  regel  von  der  hebungs- 

1)  "Was  (liosen  selbst  bolrift ,  so  ist ,  nebonboi  bomorkt .  «lio  Roansion ,  die  Mnilcr  und  Heuslor 
vertioten,  mit  den  nfu«^n  an«chauniigen  ü>»er  die  gormanipchon  iKJtonnngyformon  nicht  vereinbar  (Beitr. 
14,  68.    15,  262  u.  a;. 


554  KAUFFMANN 

ftihigkeit  der  verschiedenen  Wortklassen  preisgegeben  —  was  bleibt  aber  dann  noch 
vom  alten  stabreimverse  übrig? 

Die  bedeutung  der  alliteration  ist  von  Möller  und  Heusler  nicht  genügend 
gewürdigt  worden.  Zwar  hält  auch  Heusler  den  grundsatz  aufrecht,  dass  die  gewich- 
tigen Satzglieder  im  guten  taktteil  stehen  und  durch  den  reim  noch  energischeren 
nachdruck  bekommen  haben  werden.  Auch  Möller  hat  s.  165  anm.  hervorgehoben, 
der  takt  des  allitcrationsverses  Verstösse  niemals  gegen  die  nachdrucksaccente.  Ich 
sehe  mich  ausser  stände,  auf  dem  boden  dieses  grundsatzes  verse  wie  her  was  Oia- 
chrcj  cnti  mit  fastun ,  sumifatarungo  u.  a.  zu  verteidigen.  Wenn  nämlich  seoli- 
ddnth.  simufätarüngö  nicht  zulässig,  so  bleibt  nur  sunu  —  fdtarungo  übrig,  d.  h.  dann 
müssen  die  compositionsglieder  um  takt  und  dipodie  zu  retten  durch  eine  ^/^^a,nsQ 
getrent  werden.  Hoinzel  hat  sich  bereits  (Anz.  XVII,  3)  hiergegen  ausgesprochen. 
Heusler  sucht  diese  Schwierigkeit  möglichst  zu  umgehen.     Otfrids  fuaxfallonti  soll 

die  form  |     |  i     |  i     |  (     haben.    Warum  denn  nicht    f  \  "  |  f  f  [  f  1    ?   oder  Otfrids 

ubar  sunnun  Höht  als    *  f  |  |     |  |     |  |      und  nicht  als      p  U  I  T'  J  I  1     '  "  ?    Wenn 

Otfrids  vors  nicht  unter  4  silben  sinken  kann,  so  wird  zunächst  jeder  unbefangene 
darin  eine  bedeutsame  Übereinstimmung  mit  dem  Stabreim vere  erkennen;  wenn  aber 
Heusler  sich  auf  den  Ijöpahdttr  bezieht,  so  folgt  doch  aus  der  zweigliedrigkeit  des 
Schemas,  das  mindestens  duich  2  silben  vertreten  sein  muss,  nicht  die  viergliedrig- 
koit  der  taktierung,  die  Heusler  als  gegeben  betrachtet. 

Nun  ist  aber  nach  Heusler,  was  man  im  gewöhnlichen  sinne  Volkslieder  nent, 
nicht  dipodisch  (s.  5),  vielmehr  wie  Otfrids  vers  monopodisch;  d.  h.  nicht,  dass  im 
vei"se  die  4  hebungen  mit  gleicher  stärke  scandieii:  würden,  die  icten  sind  nur  prin- 
cipiell  gleichwertig;  es  besteht  freie  abwechslung,  es  dominieren  nicht  immer  diesel- 
ben hebungen  (hebung  1.  3  wie  im  kinderlied),  sondern  auch  2.  4  usw.  Der  vier- 
gliodrige  vers  könne  von  seinen  4  guten  taktteilen  nach  belieben  bald  diese  bald  jene 
stärker  hervortieten  lassen.  Heusler  gibt  zu,  dass  gegen  die  von  Sievers  gegebene 
formulierung  des  begrifs  dipodie  an  sich  nichts  einzuwenden,  dass  wenigstens  ein  teil 
germanischer  reimdichtung  auch  in  seinem  sinne  dipodisch  gemessen  sei.  Die  beschran- 
kung des  Schemas  x'  x  x'  x  auf  den  kindervers  erklärt  sich  ganz  einfach  aus  dessen 
schon  erwähnter  besonderheit,  dass  er  mit  gleichmässig  wechselnder  körperbewegung 
vorgetragen  wird.  Wo  diese  fehlt,  haben  wir  auch  jene  strenge  abfolge  des  nach- 
druckswechsel  nicht  zu  erwarten.  Die  freiheit  Otfridischer  versraessung  mit  ihren 
principiell  gleich-  und  ungleichwertigen  icten  eignet  der  gesamten  reimdichtung.  Die 
aussonderung  der  kinderlicder  aus  dem  gesamtschatze  der  volkspoesie  kann  ich  nicht 
gutheisscn.  Hier  gilt  es  nach  einer  höheren  einheit  für  den  volkstümlichen  vers  zu 
suclien  und  diese  ist  von  Sievers  gefunden  woixien. 

S.  13  fgg.  gibt  Heusler  eine  neue  bourteilung  von  Otfrids  ictenzeichen 
Hier  finden  sicli  ganz  ausgezeichnete  beobachtungen,  denen  ich  freudig  beistimme. 
Sehr  richtig  wird  s.  15  als  kern  des  ganzen  problems  die  frage  gestelt,  ob  für  Otfrids 
Sprache  überhaupt  noch  jene  satztongosetze  gegolten  haben,  von  welchen  wir  die 
spräche  der  stabreimenden  dichtmigen  gebunden  wissen.  Heusler  meint  nun,  ohne 
leider  auf  eine  diesbezügliche  Untersuchung  sich  einzulassen,  eine  acceutuation  wie  in 
himilgiiallichi  mit  ictus  auf  zweiter  hebung  solte  vcrhindeni,  dass  dieselbe  unter 
die  dritte  herabsinke,  solte  mit  andern  werten  verhüten,  dass  der  vertrag  in  die 
dipodie  "  "  verfalle.    Dies  zugegeben,   wird  man  die  von  Heusler  gezogenen  folge- 


ÜBER  HKÜ8LKR,  ALTDEUTSCHE  VERSKUNST  555 

ruDgen  nicht  in  den  kauf  nehmen.  Otfrid  selbst  und  seine  hörer  und  leser  seien  an 
dipodische  dichtung  gewöhnt  gewesen.  Kurz  vorher  hatte  Heusler  es  abgelehnt, 
Otfrids  versmessung  als  einen  ummodelungsprocess  aufzufassen  —  und  hier  lässt  er 
Otfrid  abwägend  vorbeugen,  dass  ein  vers  wie  tcortmi  frenkisgen  ja  nicht  als  wor- 
tmi  frhnkisghi  gelesen  werde!  Hält  es  Heusler  überhau)>t  für  denkbar,  dass  bei  der 
auch  von  ihm  giundsätzlich  anerkanten  einheit  von  wort-  und  versbetonung  über- 
haupt jemand  zu  Otfrids  zeiten  auf  die  ganz  unmögliche  sprechform  frenkisgen  hätte 
verfallen  können?  Und  wenn  man  gerne  zugeben  wird,  der  ictus  sei  in  solchen  fäl- 
len mahn  zeichen  podischen  Vortrags,  was  folgt  daraus  anders,  als  dass  gerade  diese 
vei'so  des  £vangelienbuchcs  nicht  wie  die  andern  gelesen  werden  solten;  dass  tatsäch- 
lich auch  Otfrid  die  mehrzahl  seiner  verse  dipodisch,  die  minderheit  podisch  gelesen 
haben  wolte  (auf  die  saeculares  voces  hätte  sich  Heusler  nicht  berufen  sollen,  denn 
sie  sind  formelhaft  und  stammen  vermutlich  aus  dem  Sedulius,  vgl.  Huemers  ausg. 
s.  361  fg.)^  Heusler  geht  doch  selbst  so  weit,  dass  er  sagt,  der  erste  takt  habe 
accentlos  bleiben  können,  da  er  auch  im  dipodischen  vertrag  den  starkton  getragen 
habe.  Das  hat  aber  docli  nur  dann  sinn,  wenn  wie  gesagt  die  majorität  unserer 
Otfridverse  dipodisch  (sowol  als  1.  3  wie  2.  4  vgl.  s.  19  fg.)  gelesen  worden  ist  — 
(juod  erat  demonstrandum.  Heusler  selbst  erhebt  s.  20  gegen  seine  theorie  noch  den 
durchschlagenden  einwand,  dass,  wenn  es  dem  urheber  der  accentzeichen  darum  zu 
tun  gewesen,  monopodische  lesung  zu  markieren,  er  nicht  bei  den  versen  1.  3  und 
2.  4  die  stärksten  Silben,  gerade  die  gipfel  als  dipodien  bezeichnet  hätte,  während 
umgekehrt  bei  vei-sen  1.  3  die  Senkungen  2.  4  (vgl.  s.  22),  bei  versen  2.  4  die  Sen- 
kungen 1.  3  hätten  ausgezeichnet  werden  müssen,  wenn  die  absieht  bestand,  dipo- 
dische lesung  zu  verhüten.  Ich  erkläre  mich  aber  mit  Heusler  einverstanden,  dass 
ein  Zusammenhang  der  ictenzeichen  mit  der  structur  des  alliterationsverses ,  ^ie  ihn 
Sievers  durchzuführen  verauchte,  tatsächlich  niclit  besteht  (s.  25  fgg.).  Es  kann  von 
einem  widerstreit  zwischen  rhythmischem  Schema  und  Satzbetonung  schlechterdings 
nicht  die  rede  sein.  Ich  gehe  jezt  noch  weiter  als  Heusler.  Diejenigen  verse,  deren 
accentuicrung  sich  nicht  mit  der  prosabetonung  deckt,  sind  nicht  bloss  nicht  aus  den 
alten  typen,  sie  sind  überhaupt  nicht  aus  der  Vortragsweise  alliterierender  dichtung 
zu  erklären;  es  handelt  sich  auch  nicht  um  einen  konflikt  zwischen  dem  neuen 
monopodischen  versmass  und  der  alten  gewöhnung  an  die  dipodie,  sondern  es  handelt 
sich  um  die  erst  mit  der  i*eimposie  volzogene  einführung  dipodisoher  versmessung. 
Die  Stabreimdichtung  hat  nichts  vergleichbai'es.  Otfrid  hat  zum  ersten  mal  ein  um- 
fängliches deutsches  buch  in  dem  versmass  lateinischer  rhythmen  geschrieben, 
nachdem  scliou  geraume  zeit  vor  ilun  mit  der  alten  technik  gebrochen  worden  war. 
Die  kurz  verse  des  lateinischen  rhythmus  —  man  solte  nicht  immer  auf  den  hym- 
nonvei-s  sich  berufen'  —  zeigen  ganz  denselben  bau  wie  die  kurz  verse  Otfrids,  wovon 
man  sich  leicht  überzeugen  kann,  wenn  man  einen  beliebigen  lateinischen  rhythmus 
nach  den  regeln  deutscher  Satzbetonung  liest.  Das  von  W.  Meyer  aufgestclte  priii- 
cip  des  taktwechsels  ist  nichts  anderes  als  die  freiheit  der  ictenstellung.  Es  ist  auch 
für  die  lateinischen  rhythmen  nicht  zulässig,  das  dipodische  mass  auf  "  '*  einzu- 
schriiiiken,  sondern  hier  wie  dort  bilden  das  gerüste  zwei  volle  icton,  neben  denen 
2  schwUchoro  nebonicten  das  taktmass  füllen.     Dazu  komt,   wie  R.  M.  Meyer  schon 

1)  ^^S^-  jozt  dio  guten  darlegungen  boi  J.  Kello,  Gcschichto  dor  doutschen  littoratur  s.  17  fg. 
60  u.  ü. 

1)  })eda,  do  arte  mothca  z.  b.  citiort  hymnon,  dio  nach  klassischen  metron  gel>aut  sind.  Vgl. 
Walahfridus  Strabo,  do  oxurdüä  ot  incremontis  usw.  c.  2C  (ed.  Kuuopflor). 


-  554  KAUFFMANN 

fähigkeit  der  verschiedenen  Wortklassen  preisgegeben  —  was  bleibt  aber  dann  noch 
vom  alten  Stabreim verse  übrig? 

Die  bedeutung  der  alliteration  ist  von  Möller  und  Heusler  nicht  genügend 
gewürdigt  worden.  Zwar  hält  auch  Heusler  den  grundsatz  aufrecht,  dass  die  gewich- 
tigen Satzglieder  im  guten  taktteil  stehen  und  durch  den  reim  noch  energischeren 
nachdruck  bekommen  haben  werden.  Auch  Möller  hat  s.  165  anm.  hervorgehoben, 
der  takt  des  alliterationsverses  Verstösse  niemals  gegen  die  nachdrucksaccente.  Ich 
sehe  mich  ausser  stände,  auf  dem  boden  dieses  grundsatzes  verse  wie  her  was  Ota- 
chre,  cnti  mit  fastun,  sunufatarungo  u.  a.  zu  verteidigen.  "Wenn  nämlich  seoU- 
däntl,  sünufätarungö  nicht  zulässig,  so  bleibt  nur  sunu  —  fätarungo  übrig,  d.  h.  dann 
müssen  die  compositionsglieder  um  takt  und  dipodie  zu  retten  durch  eine  ^/^^Buse 
getrent  werden.  Hoinzel  hat  sich  bereits  (Anz.  XVII,  3)  hiergegen  ausgesprochen. 
Heusler  sucht  diese  Schwierigkeit  möglichst  zu  umgehen.     Otfrids  fuaxfallonti  soll 

die  form  |     |  i     |  |     |  |     haben.     Warum  denn  nicht    f  \  "  |  f  f  |  f  i    ^   ^^®^  Otfrids 

ubar  sunnun  lioht  als    *  f  |  f    |  |     |  |      und  nicht  als      p  p  I  T'  P  I  1     l       ^    Wenn 

Otfrids  vers  nicht  unter  4  silben  sinken  kann,  so  wird  zunächst  jeder  unbefEugene 
darin  eine  bedeutsame  Übereinstimmung  mit  dem  Stabreim vei*s  erkennen;  wenn  aber 
Heusler  sich  auf  den  Ijößakdttr  bezieht,  so  folgt  doch  aus  der  zweigliedrigkeit  des 
Schemas,  das  mindestens  duich  2  silben  vertreten  sein  muss,  nicht  die  viergliedrig- 
keit  der  taktierung,  die  Heusler  als  gegeben  betrachtet. 

Nun  ist  aber  nach  Heusler,  was  man  im  gewöhnlichen  sinne  Volkslieder  nent, 
nicht  dipodisch  (s.  5),  vielmehr  wie  Otfrids  vors  monopodisch;  d.  h.  nicht,  dass  im 
vei-se  die  4  hebungen  mit  gleicher  stärke  scandiert  würden,  die  icten  sind  nur  prin- 
cipiell  gleichwertig;  es  besteht  freie  abwechslung,  es  dominieren  nicht  immer  diesel- 
ben hebungen  (liebung  1.  3  wie  im  kinderlied),  sondern  auch  2.  4  usw.  Der  vier- 
gliodiige  vers  könne  von  seinen  4  guten  taktteilen  nach  belieben  bald  diese  bald  jene 
stärker  hörvortreten  lassen.  Heusler  gibt  zu,  dass  gegen  die  von  Sievers  gegebene 
formulierung  des  begrifs  dipodie  an  sich  nichts  einzuwenden,  dass  wenigstens  ein  teil 
germanischer  reimdichtung  auch  in  seinem  sinne  dipodisch  gemessen  sei.  Die  beschrän- 
kung  des  Schemas  x'  x  x'  x  auf  den  kindervers  erklärt  sich  ganz  einfach  aus  dessen 
schon  erwähnter  besonderheit,  dass  or  mit  gleichmässig  wechselnder  körperbewegung 
vorgetragen  wird.  "Wo  diese  fehlt,  haben  wir  auch  jene  strenge  abfolge  des  nach- 
druckswechsel  nicht  zu  erwarten.  Die  freiheit  Otfridischer  versmessung  mit  ihren 
principiell  gleich-  und  ungleichwertigen  icten  eignet  der  gesamten  reimdichtung.  Pw 
aussonderung  der  kinderlioder  aus  dem  gesamtschatze  der  volkspoesie  kann  ich  nicht 
gutheissen.  Hier  gilt  es  nach  einer  höheren  einheit  für  den  volkstümlichen  vers  ro 
suchen  und  diese  ist  von  Sievers  gefunden  worden. 

S.  13  fgg.  gibt  Heusler  eine  neue  beurteilung  von  Otfrids  icten  zeichen 
Hier  finden  sich  ganz  ausgezeichnete  beobachtungen,  denen  ich  freudig  beistimme. 
Sehr  nchtig  wird  s.  15  als  kern  des  ganzen  problems  die  frage  gestelt,  ob  für  Otfrids 
Sprache  überhaupt  noch  jene  satztongesetze  gegolten  haben,  von  welchen  wir  die 
Sprache  der  stabreimendon  dichtungen  gebunden  wissen.  Heusler  meint  nun,  ohne 
leider  auf  eine  diesbezügliche  Untersuchung  sich  einzulassen ,  eine  accentuation  wie  in 
himilgüallichi  mit  ictus  auf  zweiter  hebung  solte  verhindern,  dass  dieselbe  unter 
die  dritte  herabsinke,  solte  mit  andora  werten  verhüten,  dass  der  vertrag  in  die 
dipodie  "  "  verfalle.    Dies  zugegeben ,   wird  man  die  von  Heusler  gezogenen  folge- 


ÜBEB  HEÜ8LRR,  ALTDEUTSCHE  VER8KÜN8T  555 

ruDgen  nicht  in  den  kauf  nehmen.  Otfrid  selbst  und  seine  hörer  und  leser  seien  an 
dipodische  dichtung  gewöhnt  gewesen.  Kurz  vorher  hatte  Heusler  es  abgelehnt, 
Otfrids  versmessung  als  einen  ummodelungsprocess  aufzufassen  —  und  hier  lässt  er 
Otfrid  abwägend  vorbeugen,  dass  ein  vers  wie  ivortan  frenkisgen  ja  nicht  als  wör- 
ton  frhnkisghn  gelesen  werde!  Hält  es  Heusler  überhaupt  für  denkbar,  dass  bei  der 
auch  von  ihm  gnindsätzlich  anerkanten  einheit  von  wort-  und  versbetonung  über- 
haupt jemand  zu  Otfrids  zeiten  auf  die  ganz  unmögliche  sprechform  freiikisgen  hätte 
verfallen  können?  Und  wenn  man  gerne  zugeben  wird,  der  ictus  sei  in  solchen  fäl- 
len mahn  zeichen  podischen  voilrags,  was  folgt  daraus  anders,  als  dass  gerade  diese 
vei*se  des  Evaugelienbuches  nicht  wie  die  andern  gelesen  werden  selten ;  dass  tatsäch- 
lich auch  Otfiid  die  mehrzahl  seiner  verse  dipodisch,  die  minderheit  podisch  gelesen 
haben  wolte  (auf  die  sa^culares  voces  hätte  sich  Heusler  nicht  berufen  sollen,  denn 
sie  sind  formelhaft  und  stammen  vermutlich  aus  dem  Sedulius,  vgl.  Huemers  ausg. 
s.  361  fg.)^  Heusler  geht  doch  selbst  so  weit,  dass  er  sagt,  der  erste  takt  habe 
accentlos  bleiben  können,  da  er  auch  im  dipodischen  vertrag  den  starkton  getragen 
habe.  Das  hat  aber  doch  nur  dann  sinn,  wenn  wie  gesagt  die  majorität  unserer 
Otfrid  verse  dipodisch  (sowol  als  1.  3  wie  2.  4  vgl.  s.  19  fg.)  gelesen  worden  ist  — 
quod  erat  demonstrandum.  Heusler  selbst  erhebt  s.  20  gegen  seine  theoiie  noch  den 
durchschlagenden  einwand,  dass,  wenn  es  dem  urheber  der  accentzeichen  darum  zu 
tun  gewesen,  monopodLsche  lesung  zu  markieren,  er  nicht  bei  den  versen  1.  3  und 
2.  4  die  stärksten  silben,  gerade  die  gipfel  als  dipodien  bezeichnet  hätte,  während 
umgekehrt  bei  vei-sen  1.  3  die  Senkungen  2.  4  (vgl.  s.  22),  bei  versen  2.  4  die  Sen- 
kungen 1.  3  hätten  ausgezeichnet  werden  müssen,  wenn  die  absieht  bestand,  dipo- 
dische lesung  zu  verhüten.  Ich  erkläre  mich  aber  mit  Heusler  einverstanden,  dass 
ein  Zusammenhang  der  ictenzoichen  mit  der  structur  des  alliterationsverses ,  wie  ihn 
Sievers  durchzuführen  verauchte,  tatsächlich  nicht  besteht  (s.  25  fgg.)«  Es  kann  von 
einem  widerstreit  zwischen  rhythmischem  Schema  und  Satzbetonung  schlechterdings 
nicht  diu  rede  sein.  Ich  gehe  jezt  noch  weiter  als  Heusler.  Diejenigen  verse,  deren 
accentiüerung  sich  nicht  mit  der  prosabetonung  deckt,  sind  nicht  bloss  nicht  aus  den 
alten  typen,  sie  sind  überhaupt  nicht  aus  der  Vortragsweise  alliterierender  dichtung 
zu  erklären;  es  handelt  sich  auch  nicht  um  einen  konflikt  zwischen  dem  neuen 
monopodischen  versmass  und  der  alten  gewöhnung  an  die  dipodie,  sondern  es  handelt 
sich  um  die  erst  mit  der  reimposie  volzogene  einführung  dipodischer  versmessung. 
Die  Stabreimdichtung  hat  nichts  vergleichbares.  Otfrid  hat  zum  ersten  mal  ein  um- 
fängliches deutsches  buch  in  dem  versmass  lateinischer  rhythmen  geschrieben, 
nachdem  schon  geraume  zeit  vor  ilun  mit  der  alten  technik  gebrochen  worden  war. 
Die  kurz  verse  des  lateinischen  rhythmus  —  man  solte  nicht  immer  auf  den  hym- 
nenvers  sich  berufen'  —  zeigen  ganz  denselben  bau  wie  die  kurz  verse  Otfrids,  wovon 
man  sich  leicht  überzeugen  kann,  wenn  man  einen  beliebigen  lateinischen  rhythmus 
nach  den  regeln  deutscher  Satzbetonung  liest.  Das  von  AV.  Meyer  aufgestelte  prin- 
cip  des  taktwechsels  ist  nichts  anderes  als  die  freiheit  der  ictenstellung.  Es  ist  auch 
für  die  lateinischen  rhythmen  nicht  zulässig,  das  dipodische  mass  auf  "  "  einzu- 
schränken, sondern  hier  wie  dort  bilden  das  gerüste  zwei  volle  icton,  neben  denen 
2  schwächere  nebenicteu  das  taktmass  füllen.     Dazu  kernt,    wie  R.  M.  Meyer  schon 

1)  Vgl.  jozt  die  ffuton  darlegungeu  bei  J.  Kollo,  Goschichto  dor  doutschen  littoratur  s.  47  fg. 
69  a.  ö. 

1)  Beda,  do  arto  motnca  z.  b.  citiort  hymnou,  die  nach  klassischen  metron  gebaut  sind.  Vgl. 
Walahfridus  Strabo ,  do  oxurdiiä  ot  incrtimcntis  usw.  c.  'JG  (od.  Kuuopftor). 


556  KAUFFMANN 

gezeigt  hat,    dass   die  existenz  einer  halbierenden  cäsiir  bei  Otfrid  wie  in  den  latei- 
nischen rhythmen  das  gewichtigste  argument  für  dipodische  versmessung  liefert  (QF. 
58,  38  fgg.).    Nicht  bloss  die  Spielerei  mit  dem  akrostichon  in  den  widmungsgedich- 
ten  weist  uns  in  die  lateinische  schule,  in  der  Otfrid  seine  reimerei  gelernt  hat.    Es 
lassen   schon  Commodian  und  Sedulius   genau   wie  Otfiid   die   namensformen  durch 
anfangs-  und  endbuchstaben  der  vei-sreihen  gebildet  werden;   ich  verweise  noch  auf 
Poctao  Latini  aevi  Cai'olini  I,  4.  35.  423.  620  (der  herausgeber  hat  hier  das  doppelte 
akrostichon  nicht  bemerkt);  U,  4.    H,  421   (wie  bei  Otfrid  und  "Walahfridus  Strabo, 
so  auch  bei  ihrem  gemeinsamen  lehier  11,  167).    Der  ganze  apparat,    mit  dem  das 
Evangelienbuch  in  die  öffentlichkeit  gegeben  worden  ist,  zeigt  die  mode  der  zeit  und 
die  liebhabereien  lateinischer  schulpoesie.    Wandalbert  von  Prüm  schickt  seinem  Mar- 
tyrologium   (c.  a.  848.     Poetae  latini  IT,   567.     Neues  archiv  IV,  305)   nicht   bloss 
eine  epistola  voran:    ad  illustrem  virum  Otricum  clericum  super  eis  quae  sequenii 
opere  continentur  metrarum  gmieribus  —  dem  grammatisch -metrischen  Sendschreiben 
an  Liutbert  vergleichbar  — ,  sondern  er  fügt  auch  widmungsgedichte  ad  Caesarem  sowie 
an  seinen  freund  Floru^s  bei  und  vei^säumt  so  wenig  als  Otfrid  die  vorbildlicho  bedeu- 
tung  der  Juvenous  Arator  Prudentius  hervorzuheben ;  vgl.  auch  Neues  archiv  IV,  523. 
Es  ist  bekant,    dass  auch  Otfrid  in  seinen  lehrreichen  selbstbekentnissen  die 
eigene  verskunst  als  nicht-metrische  bezeichnet  hat  (no^^  quo  series  scriptionis 
hvjus  metrica  sit  subtilitate  eonstrieta)    und  widerholt  davon   spricht,    dass  der 
reim  das  einzige  gesetz  für  seine  verse  abgegeben  habe.    Zamcke  hat  mit  präciser 
deutlichkeit  dargestelt  (Bor.  d.  sächs.  geselsch.  1871,  38  fgg.),   wie  almählich  unter 
rhythrmis  eo  ipso  ein  gereimtes  gedieht  verstanden  worden  ist    Es  sei  auf  die  bedeu- 
tende Stellung,  welche  die  Afrikaner  mit  ihrer  verliebe  für  den  endreim  einnehmeo, 
verwiesen;  vgl.  die  samlungen  im  Archiv  für  lat.  lexicographie  und  grammatik  I,  350. 
576*.    Der  erete,  der  systematisch  den  [vorerst  stets  einsilbigen]  endreim  durch- 
geführt hat,  scheint  Ck)mmodian  gewesen  zu  sein;  sodann  hat  Augustin  seinen  psalm 
gegen  die  Donatisten  durchgereimt   (jede  verszeile  endet  auf  — e).    In  dem  zweiten 
hymnus  des  Sedulius  ei*scheint  der  endreim  gleichfals  eingebürgert,   aber  noch  der 
hymnus   rex   aeierne  domine    (Daniel  I,  85  fg.)   zeigt  unvolkommene  reime;   etwas 
genauer  ist  der  hymnus:  apparebit  repentina  (Du  Meril  s.  135  fgg.).     Im  gegensatz 
zu  dem  hymnus  des  Sedulius  können  die  reimunvolkommenheit^n  merkwürdig  erschei- 
nen.    Es  unterliegt  keinem  zweifei  mehr,  dass  die  im  mittelalter  ganz  algemein  ver- 
breitete ansieht,  der  reim  stamme  aus  der  rhetorischen  figur  des  homoeoteleuton,  das 
richtige  getroffen  hat  (Zarnoke,  Ber.  d.  sächs.  geselsch.  1874,  56).    Diese  rhetorische 
figur  ist  von  einer  unbekanten  autorität  zum  zwecke  volkstümlicher  Wirkung  in 
die   poesie    eingeführt   worden   (Augustin   sagt:    ad  ipsitis    humillimi  vulgi  ei 
omnino  Imperitorum  atqtie  idiotartun  notitiatn).    In  älterer  zeit  ist  der  gewohoheit 
der  rhetoren  folgend  nur  hie  und  da  der  endreim  am  Schlüsse  rhythmischer  kola  nutzbar 
gemacht  worden,  während  andere  teile  der  gedichte  ungereimt  blieben  (vgl.  z.  b.  die 
von  Beda  citierien  hymnen).     Otfrid  verlangt  consequenz  in  der  Verwendung  des 
homoeoteleuton  (assidue).   Trotzdem  sind  auch  ihm  bekantlich  einzelne  reimlose  verse 
entgangen,  die  sich  nicht  alle  als  stabroimende  reste  auffassen,  dagegen  als  auslaufer 
eines   älteren   stils   lateinischer   dichtung   sich  vortreflich   deuten  lassen.     Otfrid  ist 
indessen  nicht  der  erste  gewesen,  der  den  endreim  als  gesetzmässige  veraregel  anem- 
pfohlen hat.     Lange  vor  ihm  bewundern  wir  den  wolklang  stetig  reimender  gesänge 

1)  Korrekturnoto :    Inzwischon  ist  erschienen  0.  Dingeldoin,   Der  reim  bei   den  Griechen  und 
Kömom.    Leipzig  1802. 


ÜBER  HEVSLER,   ALTBRÜTSCHE  TERSKüNST  557 

in  dem  kunstgeübten  kreise  irischer  klosterdichter.  Indem  ebenmass  irischer  roim- 
technik  komt  uns  zum  ersten  mal  die  schöne  errungenschaft  der  harmonio  des  laut- 
Spiels  zum  bewustseiu.  Es  wäre  ein  falscher  anachronismus  mit  Zeuss  gram.  celt.  II, 
910  fgg.  die  in  den  irischen  klöstern  üben-aschende  reimfülle  aus  der  einheimischen 
verskunst  herzuleiten  (vorsichtiger  ist  Edzardi,  Beitr.  Y,  581).  Die  lateinischen  Vor- 
bilder sind  für  die  poesie  der  muttersprache  massgebend  gewesen.  Unmittelbare 
Schüler  irischer  gelehrter  waren  die  strebsamen  Angelsachsen,  die  wie  vieles  andere, 
so  auch  die  reimkunst  von  Iren  gelernt  haben.  Aldhelm,  Aethelwald,  Bonifatius, 
ohne  weitere  namen  zu  nennen,  stehen  in  der  pflege  des  reims  auf  demselben  Stand- 
punkt wie  Hiboruicus  exul-Dicuil.  Die  ganze  scala  der  dazumal  üblichen  reim- 
formen lässt  sich  dui'ch  die  gedichte  der  genanten  Angelsachsen  vei-folgen  (JafTe,  Mo- 
numenta  Moguntina  s.  38  fgg.).  Gibt  nicht  das  akrostichon  in  den  versen  des  Boni- 
fatius an  Nithardus  die  beste  antwoii:  auf  die  frage,  wo  Kynewulf  es  gelernt  hat,  in 
der  Elene  endreime  anzuwenden  und  seinen  namen  akrostichisch  einzulegen  (vgl.  auch 
Kluge,  Beitr.  9,  443)?  Gewiss  sind  es  die  Angelsachsen  gewesen,  die  in  die  pflauz- 
stätten  deutscher  klöster  die  roimtechuik  gebracht  haben.  Auf  dem  hintergrunde  der 
angelsächsischen  mission  in  Deutschland  hebt  sich  wie  eine  unscheinbare  coulisse  — 
aber  die  scenerie  des  geistigen  lebens  im  8.  —  9.  Jahrhundert  vervolständigend  —  die 
durch  die  einführung  des  lateinischen  rhythmus  reformierte  verskunst  ab. 

AV.  Grimm  hat  in  seiner  geschichte  des  reims  viel  mühe  aufgewendet,  die  ent- 
stehung  des  endreims  im  hexameter  zu  verfolgen,  ohne  andere  i*esultate  zu  erzielen, 
als  dass  jahrhundeiio  hindurch  assonanzen  oder  reime  in  dem  heroischen  versmass 
anklingen.  Weltliche  und  geistliche  gedichte  sind  lange  durchgereimt  worden,  ehe 
der  leoninische  hexameter  für  deutsche  dichtung  anregung  bringen  konte.  Es  ver- 
dient nur  die  ansieht  gründliche  envägung,  ob  tatsächlich  regelmässig  zweisil- 
biger reim  zuerst  im  hexameter  herschend  geworden  und  von  da  in  rhythmische 
dichtung  übergegangen  ist  (Sitzungsber.  d.  Münch.  akad.  1882,  143  fg.). 

"Wenn  wii-  für  Otfrid  nach  dem  meister  fragen ,  in  dessen  schule  er  zur  pflege 
des  endreims  erzogen  worden  sein  mag,  so  bietet  sich  der  name  Hmbanus  Maurus 
ganz  von  selbst.  Das  grosse  gedieht  de  fide  catholica  ist  von  Hrabanus  selbst  als 
rhythmo  Carmen  cmnpositum  bezeichnet  worden  (Poetae  lat.  II,  197).  Es  finden 
sich  in  der  lateinischen  dichtung  alle  Schattierungen  des  ein  -  und  mehrsilbigen  reims 
bis  zum  rührenden  reim.  Wir  haben  hier  die  kategorien  der  deutschen  reime  Otfrids 
(vgl.  auch  Bartsch,  Sequenzen  s.  129  fgg.)-  Ich  möchte  nicht  versäumen,  auf  die 
versus  de  eversiono  monasterii  Glonnensis  aufmerksam  zu  machen  (c.  a.  850.  Poetae 
lat.  n,  14G.  Sitzungsber.  der  Münch.  akad.  1882,  96.  Neues  archiv  IV,  296. 
W.  Grimm  a.  a.  o.  s.  164).  Denn  das  lied  besteht  aus  einer  zweizeiligen  Strophe, 
die  mit  der  Strophe  Otfrids  identisch  ist.  Da  jede  möglichkeit  ausgeschlossen 
ist,  dass  die  strophe  der  versus  aus  deutscher  kunstübung  übernommen  sei,  so  dürfte 
die  abhängigkeit  Otfiids  evident  erscheinen.  Seine  strophe  stamt  aus  dem  repertoire 
der  lateiner. 

Es  ist  zu  bedauern,  dass  Heusler  die  volkstümUch  lateinische  rhythmik  nicht 
in  den  bereich  seiner  arbeit  gezogen  und  die  ältere  deutsche  verskunst,  statt  sie  an 
ihr  geschichtliches  Vorbild  anzulehnen,  durch  seine  übei"schätzung  der  kinderheder  in 
eine  falsche  Perspektive  gebi-acht  hat  Auf  die  weitgreifende  bedeutung  der  lateiner 
gerade  auch  für  die  modernen  volkstümlichen  gesangsformen  ist  neuerdings  von 
Tobler  in  höchst  lehrreicher  weise  aufmerksam  gemacht  worden,  wie  ich  der  Viertel- 
jahrsschrift für  musikwissenschaft  1891,  444  fgg.  entnehme  (Kühreihen  oder  kührei- 


558  KAUTFMANN 

gen,  jodel  und  jodellied  in  Appenzell).  Man  wird  der  Wahrheit  um  ein  beträchtliches 
näher  kommen,  wenn  man  den  kindervers,  den  volkstümlich  deutschen  vers,  nicht 
an  die  alliterationsdichtung,  sondern  an  die  vulgären  lateinischen  rhythmen  unmittel- 
bar anschUesst. 

liegt  nun  aber  in  der  deutschen  reimdichtung  ein  radikaler  bruch  mit  der 
einheimischen  älteren  tradition  —  wer  wolte  es  füi*  zulässig  halten ,  wenn  Heusler  sich 
ein  hinterpföiichen  offen  halt  und  am  schluss  eines  durch  schärfe  der  kritik  ausge- 
zeichneten kapitels  behauptet:  mehr  als  Otfrid  haben  andere,  spätere  dichter  von  dem 
germanischen  verse  herübergenommen!  Jüngere  sollen  in  engerem  Zusammenhang 
mit  dem  alten  stehen  als  ältere.  D&s  erscheint  geschichtswidrig.  Auch  Notker  baut 
im  Boothius  eine  doppel- Strophe  wie 

Unde  in  der  tvuoft  scuntay        der  luxxel  getnaktaf 

Unde  in  des  wibes  niinna  lerta        diu  imo  den  wuoft  rakia. 
Dax  sang  er  unde  rox        unx  is  kella  erdrox 

Und  sus  suoxo  bat  er  gnadon        die  herren  dero  selon. 
Heusler  ist   der   meinung,    eine   unterströmung   der   metiischen   Überlieferung   habe 
Otfrids  reform  nicht  mitgemacht  (s.  56).    Er  constatiert  selbst,   wie  nahe  die  kleine- 
ren deutschen  reimdichtungen  in  ihrem  versbau  an  Otfrid  sich  anlehnen  und  findet 
sodann  uin  wonig  mehr  als  ein  Jahrhundert  später  eine  grosso  reihe  geistlicher  und 
weltlicher  dichtungen,  die  sich  in  wesentlich  anderen  bahnen  bewegen.     £s  fallen  die 
sehr  kurzen  und  sehr  langen  reimzeilen  ins  äuge.    Heusler  glaubt,  dass  für  die  dich- 
tungen  des  11.  12.  jahrhundei-ts    dreihebige   veree   ausreichen,   und  die  verse,  bei 
denen  man  meist  mehr  als  4  hebungcn  angenommen  hat,   doch  viertaktig  zu  lesen 
sind.     Auf  einen  beweis  hat  Heusler  freiwillig  verzichtet   (s.  58).     Bei   dreihebigen 
versen  ist  die  lezto  hebung  durch  eine  pause  ereezt.     Während  nun  aber  Heusler 
mit  eifer  dagegen  kämpft,    die  silbenfolge  ^  x  von  _  x  metrisch  zu  unterscheiden 
(z.  b.  s.  46)  —  ich  stimme  ihm  darin,  soweit  die  gesamte  deutsche  reimdichtung  in 
betracht  komt,  volkommen  und  mit  freuden  zu  — ,  während  er  selbst  behauptet,  dass 
bei  Heinrich  von  Veldeke  die  dreihebigen  verse  sowol  bei  dem  ausgang  ^  x  als  bei 
—  X  vorkommen,  hält  er  es  aufrecht,  dass  in  diesem  falle  ^  x  nicht  als  ^  x'  ge- 
nommen sein  könne!    Es  streitet  von  Seiten  des  satzrhythmus  durchaus  nichts  gegen 
die  annähme   (s.  65  anm.),    dass  auch  Vorsilben  wie  ne  ge  ir  fir  xe  (Germ.  11,  445) 
den  schwachen  taktteil  füllen  könten.    Es  ist  folglich  eine  grosse  zahl  von  belegen 
zu  streichen.    Es  bleiben  nur  11  fälle  übrig,  die  nach  dem  Wortlaut  der  Überlieferung 
als  dreihebig  in  anspruch  genommen  weitien  können.    Bei  den  sog.  überlangen  ver- 
sen lässt  Heusler  nun  auch  das  lebende  Volkslied  als  verwante  formen  bergend  mit- 
reden  (s.  67),   und  er  unterscheidet   sehr   treffend   zwischen   leichter   und   schwerer 
taktfüUung,  die  in  der  metrik  der  klassischen  werke  einem  säubern,  gefalligen  gleich- 
gewicht  der  taktglieder  gewichen  ist.    Ich  hätte  in  diesem  abschnitt  nur  gewünscht, 
dass  das  vorkommen  von  doppel  versen  in  grösserem  umfang  anerkant  worden  wäre- 
Noch  schroffer  gegen  Otfrid  stehen  die  sogenanten  verse  mit  4  hebungen  bei 
klingendem  ausgang.     "Wenn  Heinrich  von  Veldeke  stotide  :  gonde  wie  dage  :  kla9^ 
reime,  so  stehe  er  damit  auf  dem  boden  der  altheimischen  alliterationsdichtung,  wah- 
rend Otfrid  dem  lateinischen  usus  folge.     Andere  werden  an  der  romanischen  her- 
kunft  dieser  klingenden  roime  noch  länger  festhalten.     Es  kann  doch  nicht  zufall  sein, 
dass  klingender  reim  nach  fester  regel  angewendet  sich  zuerst  bei  höfischen  dichtem 
findet  (Pilatus.  Veldeke);    wie  solte  höfische  dichtung  gerade  in  diesem  stück  etwas 
einheimisch  volkstümliches  conserviert  haben,    während  sie  sonst  so  willig  das  ein- 


ÜBER   HEUSLER,    ALTDEUTSCHE  VERSKUNST  559 

heimische  vornehm  bei  seite  geschoben  hat?  "Wenn  es  nun  Heusler  gar  untemimt, 
den  rhythmus  der  ältesten  minnolieder  unmittelbar  an  den  Stabreim vers  anzuknüpfen, 
wenn  er  z.  b.  MF.  39,  18  den  dipodischen  bau  des  vierhebungsverees  in  einer  roin- 
heit  findet,  wie  er  seit  der  stabreimenden  zeit  kaum  in  einem  denkmal  altdeutscher 
dichtung  zu  tage  trete,  so  wollen  wir  über  die  duichführbarkeit  dieser  sogenanten 
rein  dipodischen  voiiragsweise  mit  Heusler  nicht  rechten,  wol  aber  die  stabreimdich- 
tung  dagegen  verwahren,  als  ob  in  ihr  Verstösse  gegen  den  satzrhythmus  vorkämen, 
gegen  die  Heusler  bei  Otfrid  so  tapfer  ins  treffen  gegangen  ist.  Mir  ist  es  unerfind- 
lich, wie  man  Musp.  37  als  etwas  anderes  denn  als  reim  vers  aufifasson  konte. 

Sehi'  schön  hat  Houslor  den  dipodischen  bau  der  ältesten  minnelieder  nach- 
gewiesen, womit  nicht  gesagt  sein  soll,  dass  ich  seine  ictensetzung  in  allen  fällen 
korrekt  finde.  Trotz  der  begoisterung  für  den  rhythmus  jo  enicds  ich  niht  ein  kher 
mildty  ziehe  ich  . .  2cäs  . . .  eber  wilde  vor  und  kann  nicht  mit  moderner  empfind- 
samkeit  eber  unter  den  tisch  fallen  lassen.  Ich  sehe  nicht  ein,  waiiim  nie  frö  wer- 
den sit  ein  schlechter  vierhebiger  vers  sein  soll;  man  müste  sich  denn  der  besseren 
einsieht  verschliessen ,  dass  nie  frö'  werden  stt  eine  ebenso  gute  dipodie  ist  wie 
d^  engdn  ich  dir  ntet.  tciex-  nnder  ufis  xwein  ist  getan,  iemer  darbende  sin, 
ex  ist  den  livihi  gelich.  Es  rächt  sich,  dass  Heusler  nicht  die  dipodien  '  "  '  und 
'* '  '  (z.  b.  göt  d^n  dinen  Ifp)  zulassen  will.  Sievers  formulierung  bewährt  sich  bei 
der  reiradichtung  ebenso  wie  die  mannigfaltigkeit  seiner  typen  für  die  alliterations- 
dichtung. 

Für  die  bedeutung  der  Nibelungenstrophe  (s.  104  fgg.)  hebt  Heusler  zu- 
nächst  hervor,    dass   reichere   taktfüUung   (mehrsilbige   Senkung)    eine  altertümliche 
erscheinung  ist,  wie  unreiner  reim  und  mehrsilbiger  auftakt,  und  dass  die  verschie- 
denen redaktionen  von  dem  bestreben   geleitet  waren,    die   reichere   taktfüUung   zu 
beschränken.     Auch  in  den  versschlüssen  ist  eine  glättondo  band  zu  verspüren.    So 
wenig  als  die  Kiirefiberges  uise  ein  kiystallisches  Strophengebilde  gewesen,  so  wenig 
wird  in  dem  original  des   Nibelungenliedes  gleichmässigkeit  des  vei'sausganges  gegol- 
ten haben  *.    Der  normalschluss  der  ungeraden  halbverse  ist  klingend.    Es  ist  zu  ver- 
muten,   dass  das  original  zahlreiche  halbvei'se  mit  stumpfem  ausgang  enthalten  hat, 
desgleichen   eine   nicht  unbeträchtliche  zahl  von  vei*sen   mit  klingendem  schluss  in 
der  zweiten  Strophenhälfte.    Beim  Kürenberger  sind  diese  lozteren  entschieden  4 -hebig 
zu  lesen,   für  das  Nibelungenlied  soll  das  nicht  gelten,   weil  verse  wie  dise  degene, 
sich  ux  hnobeii  vorkommen:  als  ob  diese  nicht  4 -hebig  gelesen  werden  könten.   Den 
Nibelungen  fehlt,  was  beim  Kürenberger  bestimmend  war,  der  dipodische  bau.    Mag 
auch  da  und  dort  eine  strophe  in  leidlich  dipodischem  tonfall  erklingen  (s.  112),    im 
Nibelungenlied  ist  dies  zufällig.     Wo  bleibt  hier  der  eifer,  der  in  der  ungleich mässig- 
keit  der  Kürenbergstrophen  so  viel  sinn  zu  ahnen  wüste  und  zu  linden  glaubte?  Auch 
Uas  Nibelungenlied  geht  in  vortreflichcn  dipodien,    nur  lassen  sie  sich  in  das  enge 
Schema  Heuslers  nicht  einzwängen,    so  wenig  als  die  lyrischen  Strophen.     Dass  die 
bearbeiter    vielfach    unter   anschluss    an    formen    der   höfisch -romanischen    kuost    in 
3 -hebige    messung   übergegangen    sind,    ist   gerne  zuzugeben.      Heusler    meint   nun 
aber,  auch  die  8.  halbzeile  sei  ursprünglich  3 -hebig  gewesen  und  (um  vierhebigkeit 
zu  gewinnen)  von  den  rodaktoreu  geändert  worden ;  es  habe  sich  der  hang  nach  zwei- 
silbiger taktfüUung  mehr  oder  weniger  stark  geltend  gemacht.     In  diesem  .sinn  recon- 

1)  Es  wäro  mit  fremlen  /u  iHigrüsson,  wonn  künftii,'  niclit  mohr  von  oiner  (bloss  thuorotischon) 
Nibelangen  - ,  Qadran-,  Murolt  -  strophe  usw.  als  von  absolut  oinheitlichon  systemon  (wie  die  griechischen) 
die  rede  wEre. 


560  LÖBKKfi 

struiert  Heusler  dreihebige  schlusszeücn  und  ist  dor  ansieht,  dass  durchschnittlich 
von  6  Strophen  eine  dreihebig  in  der  schlusszeüe  gewesen  sei.  Was  mochte  die 
bearbeiter,  die  nach  Heusler  ausserhalb  der  volkstümlichen  tradition  stehen  und  in 
andern  fällen  dem  glcichmass  höfischer  kunst  so  willig  nachgeben,  vei'anlassen ,  die 
Schlusszeile  um  eine  hebung  zu  erweitern?  Eine  solche  cadenz  will  mir  gänzlich 
unwahi-scheinlich  vorkommen.  Der  volle  schlussvers  hat  sich  nach  Heuslers  eigenem 
urteil  nicht  als  lebenskräftig  ei'wiesen,  die  jüngeren  Strophenformen  gehen  bekantlich 
immer  nachhaltiger  gerade  auf  dreihebigkeit  des  Schlusses  aus..  Von  den  zahli'eichen 
dreihebigen  Schlusszeilen  der  handschrift  A  stimmen  nach  Heuslei'S  Zählung  nur  16 
mit  erschliessbaien  original versen.  Ich  glaube  auch,  dass  unter  den  formalen  rück- 
sichten  das  streben  nach  goregelter  strophenform  eine  der  wichtigsten  gewesen  ist; 
aber  nach  Heusler  müstc  den  bearbeitem  ein  ideales  strophenschema  vorgeschwebt 
haben,  wenn  sie  einheitliche  gleichmässigkeit  überhaupt  hätten  erreichen  w^ollen.  Das 
Strophenschema  war  vielmehr  für  sie  gegeben  durch  die  modernere  form  der  1.  —  3. 
langzeile.  Mir  scheint  bei  Heusler  der  Sachverhalt  geradezu  auf  den  köpf  gestelt  zu 
sein;  die  ästhetischen  anforderungen,  die  er  s.  158  geltend  macht,  wird  wol  die  mehr- 
zahl  der  leser  mit  einem  fragezeichen  versehen. 

HALLE   A.    S.  FRIEDRICH  EAUFFHANN. 


„Vom  Rechte"  und  „Die  Hochzeit**.  Eine  littei^ar- historische  Untersuchung  von 
Carl  Kraus.  Wien  1891.  In  kommission  bei  F.  Tempsky.  (Sitzungsberichte  der 
kaiserl.  akademie  der  Wissenschaften  in  Wien,  philosophisch -historische  klasse. 
Band  CXXllI.  IV.    Ausgegeben  am  22.  mai  1891.)    126  s.     2,50  m. 

In  meiner  dissertation  über  die  hochzeit  1887  hatte  ich  eine  kritische  und 
kommentierte  ausgäbe  des  gedichtes  in  aussieht  gestelt.  Äussere  vorhältnisse  nötig- 
ten mich,  meine  arbeiten  hierzu  abzubrechen.  Inzwischen  erschien  die  ausgäbe  von 
AVaag,  später  das  vorliegende  vortrefliche  buch  von  Kraus,  das  sich  zum  teil  mit 
meinen  materialien  deckt,  zum  teil  aber  (in  der  suche  nach  der  theologischen  quelle 
des  mutmasslich  echten  gedichts  und  in  den  übrigen  nachweisungen  aus  der  theolo- 
gischen litteratur)  mir,  wie  ich  gern  bekenne,  weitaus  den  rang  abgelaufen  hat. 

Indem  ich,  was  die  erörterungen  über  herkunft,  spi'ache,  reimkunst,  text  und 
Verhältnis  zu  anderen  geistiichen  gedichten  betrift,  mich  an  die  auch  durch  glückliche 
emendationen  bereicherte  besprechung  Edw.  Schröders  im  Anz.  f.  d.  a.  XVII,  287  fg. 
anschliesso,  möchte  ich  mich  hier  mehr  an  verfahren  und  ergebnis  der  höheren  kritik 
und  an  die  untorauchung  der  theologischen  grundlage  halten. 

Ich  hatte  Diss.  36  gesagt:  über  dem  gedieht  vom  Recht  und  über  gewissen 
interpolationen  der  Hochzeit  ist  dieselbe  band  beschäftigt  gewesen,  und  38:  nur  die 
(von  mir  angenommenen)  interpolationen  weisen  die  verwantschaft  mit  dem  Recht 
auf.  Später  —  hiervon  konte  Schröder  leider  nichts  wissen  (vgl.  a.  a.  o.  289)  — 
erkante  ich  eine  direkte  mnarbeitung  der  parabel  duich  den  dichter  des  Rechts,  deren 
Wirkungen  sich  sowol  auf  die  erzählung  als  auf  die  deutungen  ersti'eckten ;  bis  zu 
einer  reinlichen  und  befriedigenden  Scheidung  der  demente  war  ich  noch  nicht  gekom- 
men. Eine  weitere  arbeit  ist  für  mich  durch  das  vorliegende  buch  überflüssig  gewor- 
den; ich  habe  aber  wenigstens  den  trost,  dass  ich  auf  dem  richtigen  wege  war. 

Kraus  ist  durch  verändeiie  Stellungnahme  weiter  gekommen  als  ich,  schliesst 
jedoch  an  manchen  punkten  noch  immer  mit  einem  non  liquet:  die  höhere  kritik  ist 
zurückhaltender  geworden.    Dies  ist  natürlich  kein  Vorwurf;  der  fehler  hatte  auf  mei- 


ÜBER  EltAUS,  VOM  RECHTE  UND  DIE   UOOHZEIT  561 

ner  seite  gelegen.  Kraus  geht  vom  Hecht  aus.  Stil,  ideeokreise  und  anscbauungen 
des  gedichtes  ergeben  das  bild  einer  dichterischen  pei'sönlichkeit,  die  sich  auch  in 
fremder  Umgebung  widererkennen  liosse.  Sie  ist  zu  finden  in  der  Hochzeit,  und 
sEwar  vorwiegend  in  den  stücken,  die  bereits  Scherer  —  der  uns  alle  in  dieser  sache 
den  richtigen  weg  gewiesen  hat  —  als  interpolationen  erkante.  Die  beweisfüh- 
rung  von  Kraus  ist  für  die  partien  7  — 144  (der  eingang  ist  vielleicht  —  vers  6  doch 
noch  echt?),  484—580,  607—695,  707—779  (rund  400  verse)  überzeugend  und 
abschliessend.  Die  grosse  Schlussinterpolation  821  — 1054  weist  in  stil  und  ideen- 
kreis  dasselbe  bild  auf,  wenn  auch  mit  echten  teilen  durchsezt.  Die  partie  von  der 
himlischen  Jerusalem  und  den  arbeitern  im  Weinberge  405 — 481  hat  in  der  Überlie- 
ferung gelitten ,  enthält  aber  vielleicht  auch  noch  einiges  echte.  Von  diesen  6  stücken 
unterscheidet  sich  nach  erfindung  und  stil  die  erzählung  von  der  Hochzeit:  sie  weist 
nur  eine  —  schon  von  Schcrer  erkante  —  einschaltung  auf.  Einige  echte  deutungen 
sind  erhalten,  die  meisten  kleineren  partien  lassen  keine  sichere  beurteilung  zu,  die 
verlorenen  deutungen  können  nicht  umfangreich  gewesen  sein.  —  So  weit  Kraus. 
Ungefähr  so  stellte  sich  auch  mir  das  Verhältnis  der  teile  dar,  nur  dass  ich  an 
einigen  punkten  wegen  Unterbrechung  des  Zusammenhanges  einschaltungen  innerhalb 
einer  interpolation  annehmen  zu  müssen  glaubte.  Ich  beruhige  mich  jezt  bei  der 
ansieht  von  Kraus;  das  für  den  dichter  aufgestelte  stilprincip  der  ideenassociation  (die 
manchmal  am  blossen  wort  klebt)  und  logischen  inkonsequenz  reicht  volkommen  aus, 
die  auoh  für  diese  partien  von  ihm  behauptete  einheit  der  herkunft  zu  erhärten. 
Eins  nur  vermisse  ich  in  seinen  ausführungen:  er  erkent  einflüsse  der  Überlieferung 
auf  das  vom  Verfasser  des  Rechts  interpolierte  gedieht  von  der  Hochzeit  an,  lässt 
aber  nicht  deutlich  genug  werden,  wie  weit  er  sich  etwa  noch  eine  dritte  band,  und 
sei  es  die  des  lezten  abschreibcrs,  über  dem  uns  vorliegenden  texte  beschäftigt  denkt. 
Die  alternative:  ursprüngliche  parabel  oder  zutat,  bez.  Umarbeitung  des  dichters  vom 
Recht,  ist  nicht  immer  gestelt;  es  ist  aber  in  solchen  fällen  das  m'teil  über  die  etwaige 
lierktuift  des  betreffenden  Stückes  überhaupt  ausgesezt. 

Ich  hatte  eine  dii-ekte  lateinische  vorläge  für  das  echte  gedieht  angenommen, 
aber  nicht  nachweisen  können.  Der  grundstock  schien  mir,  nach  Schere rs  vorgange 
(den  Kraus  an  der  entscheidenden  stelle:  dax  der  brotäegom  dar  cham  unde  die 
braut  xuo  im  nam,  dax  bexeiehent  aller  meist  den  heiligen  geist,  der  in  dax  nien- 
niseh  chumet,  da  ex  mit  [minjnefi  (weitienj?  ende  genimit  839  fg.  bekämpft)  der 
mystischen  ausdeutuug  des  motivs  von  der  geistlichen  hochzeit  zu  entsprechen, 
wonach  der  bräutigam  der  heilige  geist,  die  braut  die  seelc,  die  hochzeit  das  zu 
bezeichnen  habe,  was  die  deutsche  mystik  später  „vcrgottuug"  nante;  die  deutimgen, 
die  auf  das  geistliche  motiv  Christus  sponsus  ccclesiae  hinauslaufen,  schienen 
mir  hineingearbeitet,  die  auf  Maria  fremder  anhang.  Ich  habe  später  eingesehen, 
dass  die  konsequente  durchführung  der  einen  mystischen  deutung,  ohne  abschwen- 
kong  nach  der  viel  geläufigeren  heilsgeschichtlichcn ,  von  einem  geistlichen  dichter 
des  Xn.  Jahrhunderts  zu  viel  vorlangt  wäre.  Kraus  geht  auch  hier  von  einem  ande- 
ren punkte  aus.  Er  stelt  zwei  lateinische  parabeln  zusammen,  eine  aus  Ilonoriius 
Spec.  Eccl.  Dominica  29  Migno  172,  1065  fg.  (dazu  1.  c.  1093  D),  und  eine  pseudo- 
bemhardinische  parabel  ebd.  183,  767  fgg.  de  Christo  et  ecclesia,  welche  im  stil 
imseres  gedichtes  erzählen,  wie  Christus  die  Ecclesia  als  braut  sich  en^ählt,  boten 
zur  Werbung  schickt,  sie  heimholt,  sich  ihr  vermählt,  sie  der  hut  starker  männer 
übergibt,  fortzieht,  um  sein  reich  einzunehmen,  und  wie  dann  Lucifer,  der  schon 
firfiher  aus  neid  gegen  gott  sich  erhoben,  ihm  die  l)mut  verunebi-t:  das  ist  der  jetzige 

ZraSCHRin  F.   ÜKUTSCHK   PHILOLOail::.      BD.   XXV.  36 


562  LÖBNEB,  ÜBEB  KRAUS,  VOM  RECHTK  UND  DIE  HOCHZEIT 

stand  der  kirche,  wir  hoffen  aber  und  harren  der  erlösung  (d.  i.  der  hochzeit  am 
jüngsten  tage).  Eine  derartige  bereits  kontaminierte  parabel  sei,  meint  Ki*aus,  die 
vorläge  unseres  gedichtes.  Ich  hatte  in  meinen  späteren  Untersuchungen  von  diesen 
parabeln,  die  ich  in  ähnlicher  Fassung  auch  anderwärts  fand,  abstand  genommen, 
weil  dabei  eine  sache,  an  der  auch  Kraus  anstoss  nimt,  nicht  zum  austrag  komt 
nämlich  die  geschichte  mit  Luzifer.  In  den  Ecclesiaparabeln  ist  sie  integriei'onder 
bestandteil,  in  der  erzählung  des  gedichtes  findet  sich  ein  kurzer  hinweis,  in  den 
deutimgen  fehlt  sie,  an  ihre  stelle  tiitt  die  ausführliche  Interpolation  vom  fall  der 
ongel,  Schöpfung,  sündenfall  und  erlösung.  Mit  der  mystischen  doutung  hat  sie 
nicht  viel  zu  tun,  wenn  auch  bei  der  weit  ausholenden  manier  der  geistlichen  dich- 
tung  ihre  erwähnung  am  anfang  nicht  besonders  aufTält.  Für  die  Ecclesiaparabel  ist 
die  bewachung  der  braut  wichtig,  das  gedieht  dagegen  sagt:  si  mohten  si  vil  lihte 
hewarerij  sine  wolde  doch  nicht  missesaren.  Eine  bereits  in  die  erzählung  einge- 
schobene und  deswegen  verdächtige  deutung  bezieht  die  hut  auf  die  anfechtungen, 
die  die  seele  vom  teufel  zu  erleiden  hat  Dem  widerspiicht:  do  vUxxete  sich  diu 
fnaget  ha%  ir  iccBte,  danne  si  e  tcpie,  was  aber  sehr  gut  zur  Ecclesiaparabel  stimt, 
nach  der  die  braut  sich  in  Ägypten  in  luto  et  latere  befand.  Dem  schluss  der 
Ecclesiaparabel,  welcher  die  venrnglimpfung  durch  Luzifer  enthält,  entspricht  der 
schluss  des  gedichtes,  die  fröhliche  hochzeit,  in  keiner  weise.  Kraus  hat  zu  allen 
motiven  der  parabel  theologische  gnindlageu  nachgewiesen;  das  bild,  das  er  von  der 
direkten  vorläge  gibt,  ist  auch  deutlich  genug,  aber  eine  herzhafte  Stellung  zu  den 
dennoch  bleibenden  Widersprüchen  nimt  er  nicht.  Nur  so  viel  entnehme  ich,  dass 
or  sich  eine  Ecclesiaparabel  als  vorläge  denkt,  deren  deutungen  zum  teil  erbalten, 
zum  teil  verändert  und  ausgangspunkte  für  die  erweiternden  zusätze  des  dichters  vom 
Recht  geworden  sind.  Seine  nachweisungen  für  die  deutungen  ergeben,  dass  der 
bearbeiter  sich  nicht  an  eine  bestimte  der  \ier  bekanten  auslegungen  des  motivs  von 
der  Hochzeit  hat  binden  wollen.  Die  mystische  auslegung  der  pai'abel  hat  Kraus  wol 
absichtlich  weniger  bemcksichtigt.  Ob  mit  recht,  ist  allerdings  schwer  zu  entschei- 
den, zumal  da  er  mit  seiner  auffassung  weit  genug  gekommen  ist.  —  Da  Kraus  die 
metrik  als  kriterium  aufgegeben  hat,  konte  er  in  der  aufhellung  der  bedeutenden 
Schwierigkeiten  des  interessanten  gedichtes  auch  nicht  weiter  kommen.  Die  Unter- 
suchung dos  Rechts  hat  nicht  mit  solchen  Schwierigkeiten  zu  kämpfen ,  da  das  gedieht 
keine  interpolatiouon  erfahren  hat.  Die  noch  vorhandenen  dunkelheiten  bat  Kraus 
meiner  Überzeugung  nach  durch  seine  von  umfassender  belesenheit  zeugenden  nach- 
weisungen aus  der  theologischen  litteratur  gehoben. 

Man  gestatte  mir  einige  kleine  nachtrage. 

Vom  Recht  363  fg.  got  mage  vil  wol  sin  undir  ir  (der  eheleute)  dechin 
der  dritte  geselle:  Tertullian  sagt:  Wo  solche  zwei  (nämlich  christliche  eheleute),  da 
ist  er  (Christus)  der  dritte.  Hase,  Kirchengeschichte  I,  375.  Genaueres  anzugeben 
ist  mir  nicht  möglich. 

Hochzeit  854:  die  cngel  sollen  den  ersten  menschen  anbeten,  geht  zurück  auf 
Hebr.  1,6:  Und  widerum  da  er  den  erstgeborenen  auf  den  erdkreis  eingeführt,  da 
heisst  es:  Und  alle  engel  gottes  sollen  vor  ihm  niederfallen  (=  Ps.  97,  7).  —  Vgl. 
Droyer,  Der  teufel  in  der  d.  dichtung  des  m.-a.  Diss.  Rostock  1884,  13.  Er  ver- 
weist auf  Hagen,  Ges.  Ab.  I,  Adam  und  Eva.  Der  hinweis  auf  die  biblische  grund- 
lago  findet  sich  bei  Dreyer  nicht. 

Zur  mystischen  hochzeit:  Hugo  v.  St.  Victor.  Migne  175,  798  De  amore  Sponsi 
ad  Spousam:    Spousus  est  Deus,    sponsa  est  anima.    Tunc  autem  sponsos  doml  est, 


BOLTE,    ÜBER   RBULIN6,    DIR   KOMISCHE   FIOUR   IM   DEUTSCHEN   DRAMA  563 

quaodo  per  ioternum  gaudium  mentem  replct;  tunc  recodit,  quando  dulcedinem  con- 
templationis  subtrahit.  Sed  qua  similitudine  anima  sponsa  Dei  dicitur?  Idco  sponsa, 
quia  donis  gratiamm  subarrhata.  Idee  sponsa,  quia  casto  amore  Uli  sociata.  Idco 
spoDsa,  quia  per  aspirationem  Spiritus  sancti  prolo  virtutum  fecuDdanda  .  .  .  quod 
quisquc  habet,  hoc  cuiquo  arrha  est. 

LANDSBERG  A.  W.  H.  LÖBNER. 


Die  komische  figur  in  den  wichtigsten  deutschen  dramen  bis  zum  endo 
des  17.  Jahrhunderts.  A^on  C.  Reuling:.  Stuttgai-t,  G.  J.  Göschensche  ver- 
lagshandlung.  1890.     181  s.    gr.  8.    4  m. 

Eine  geschichte  der  lustigen  pei*son  und  der  wichtigen  rolle,  die  sie  in  ver- 
schiedenen Perioden  auf  der  deutschen  bühne  von  den  mittelalterlichen  mystorien  bis 
zur  feierlichen  Verbrennung  des  Hanswurst  durch  Gottsched  gespielt  hat,  wäre  ein 
dankbares,  freilich  auch  umfassende  Studien  erforderndes  unternehmen.  Die  vorlie- 
gende arbeit  zeigt  schon  durch  den  titel,  dass  sie  diese  aufgäbe  nicht  in  vollem 
umfange  lösen  will,  sondern  sich  auf  eine  auswahl  von  dmmen  beschränkt.  Reuling, 
ein  Schüler  Baechtolds,  behandelt  in  zehn  kapiteln  (leider  fehlt  sowol  eine  inhalts- 
übei-sicht  wie  ein  register):  1.  das  erste  orecheinen  der  komischen  figui*  in  den 
geistlichen  spielen,  2.  die  fastnachtspiole,  3.  das  schweizerische  drama,  4.  Uans 
Sachs,  5.  die  englischen  komödianten,  G.  Jacob  Ayrer,  7.  herzog  Julius  [soll  hoissen: 
Heinrich  Julius]  von  Braunschweig,  8.  die  zeit  des  dreissigjährigen  krieges,  9.  Chri- 
stian Weise,  10.  die  extemporierte  komödie  Sti*anitzkys.  Fleissig  und  genau,  aber 
etwas  trocken  excerpiert  der  autor  die  einzelnen  stücke  auf  ihre  handlung  und  die 
mehr  oder  mindei'  gelungene  Verbindung  der  lustigen  person  mit  derselben  und  stelt 
am  Schlüsse  jedes  kapitels  die  erhaltenen  charakterzüge  in  einer  tabellarischen  Über- 
sicht zusammen.  Seit  der  ältesten  zeit  erscheint  der  lustigmacher,  sei  er  nun  teufel 
oder  bauer  oder  ein  knecht  niederer  abkunft,  als  ein  fressgieriger,  trunkliebondcr,  gei- 
ler und  zugleich  feiger  geselle,  spottlustig,  boshaft  und  unflätig  wie  Eulenspiegel  und 
dann  wider  gutmütig  oder  bitter  moralisierend;  auch  die  einzelnen  komischen  motive, 
Wortwitz,  wörtliche  auslegung  von  befehlen,  mis Verständnis  fremden  dialekts,  pantof- 
felhoi-schaft,  hanreitum  u.  a.,  werden  aufgezählt  und  durch  vergleich  mit  früheren 
kapiteln  die  neuheit  einzelner  züge  hervorgehoben.  Die  Verwendung  des  narren  als 
cinschreiers  und  prologsprechei*s  in  schweizerischen  stücken  des  16.  Jahrhunderts 
ist  nicht  vergessen,  die  verechiedenen  namen  des  Hanswurst  vom  knecht  Rubin  bis 
zum  Fuchsmundi  werden  angegeben  (s.  86.  79.  107.  125.  150.  166),  auch  über  seine 
kleiduug  wird  berichtet  (s.  69.  84).  Damit  bietet  Reuling  uns  ein  verlässliches  und 
gut  geordnetes  material,  das  als  Vorarbeit  für  eine  umfassendere  und  eingehendere 
Untersuchung  sich  jedesfals  nützlich  erweisen  wird. 

Denn  wenn  auch  die  auswahl  der  dramen  verständig  getroffen  ist,  so  zeigen 
sich  doch  in  der  betrachtung  des  16.  und  17.  Jahrhunderts  manche  lückon.  Dass 
s.  50  der  name  des  Valentin  Apelles  (Goedeke,  Gmndriss'  2,  368)  fehlt,  ist  ein 
geringes  versehen;  aber  wir  hören  gar  nichts  von  der  niederdeutschen,  von  der  neu- 
lateinischen  komödie,  von  Macropedius,  Frischlin,  Gramer,  Rosefeld;  das  drama  der 
fahrenden  komödianten  wird  nur  eben  gestreift,  während  doch  eine  Untersuchung  des 
Juden  von  Venedig,  der  stücke  Kormarts,  auch  Christian  Reutera  hier  zu  fruchtbaren 
betrachtungen  hätte  führen  müssen.  Eine  tiefergehende  quellenuntersuchung  der 
komischen  stoffe  und  motive  wird  allerdings  auf  manche  seitcnpfade  leiten,  an  denen 

36* 


564  HOLTE,    ÜBEB  RBULIN6,    DIE   KOMISCHE   HGUB   IH   DEUTSCHEN   DRAMA 

der  Verfasser  als  an  irwegen  rasch  vorübergeschritten  ist,  aber  auch  vielen  gewinn 
bringen.  Die  oinflüsso  des  französischen,  des  italienischen,  des  englischen  theaters 
dürfen  nicht  übergangen  werden.  S.  2  heisst  es:  „Der  knecht  Rubin  ist  die  erste 
frei  erfundene  figur  in  der  dramatischen  deutschen  litteratur^.  Nun  hat  aber  Martin 
im  Anzeiger  für  deutsches  altertum  8,  311  gerade  hierin  eine  nachahmung  des  altfran- 
zösischen Robin  nachgewiesen.  Der  name  Oalliopius  für  den  als  regisseur  auftre- 
tenden nai'ren  (s.  37)  mahnt  uns  an  den  fortwirkenden  einfluss  des  Terenz;  vgl.  Bolte, 
Märkische  forschungen  18,  213  zu  Wolfg.  Herman;  femer  Gnapheus,  Hypocrisis  1544. 
Ziegler,  Abel  iustus  1559.  A.  Moyenbrunn,  Johannes  der  tfiuffer  1573.  Rollenhagen, 
Terentius  1592  vonede.  Pape,  Christiani  hominis  sors  1612  vorrede.  Für  Hans  Sachs 
wäre  die  neuerdings  wider  von  Stiefel  vorgenommene  betrachtung  seiner  unmittelbaren 
quellen,  ebenso  bei  Ayrer  die  rücksicht  auf  die  von  ihm  benuzten  schwanke  Kirch- 
hoffs  (Wendunmut  1,  139.  363.  371.  425),  Valentin  Schumanns  u.  a.  förderlich  gewe- 
sen, trberhaupt  wird  man  den  engen  Zusammenhang  von  bühnendichtung  und  anek- 
dotensamlungen  nicht  aus  den  augcn  verlieren  dürfen  imd  auch  die  Stellung  der 
lustigen  person  im  wirklichen  leben  als  hofhan*,  pritschmeister  und  Spruchsprecher 
beachten  müssen.  Die  zunehmende  bedeutung  des  Hanswursts  während  des  17.  Jahr- 
hunderts erkent  man  daraus,  dass  viele  beliebte  darsteller  dieser  rolle  sich  zu  prin- 
cipalen  von  schauspielergeselschaften  emporgeschwungen  haben,  wie  sie  ja  auch 
bestirnte  charaktermasken  bildeten  und  schufen.  So  trat  Robert  Reynolds  als  Pickel- 
häring,  Sackeville  als  John  Bouset,  Andreini  als  capitano  Spavento  auf,  Spencer  als 
Junker  Stockfisch,  Tiberio  Fiorilli  als  Scaramuzza\  Job.  Valentin  Petzold  als  Kilian 
Brustfleck  ^,  Stranitzky  als  Fuchsmundi,  Kurz  als  Bernardon.  In  den  hauptaktionen 
wüsten  diese  komiker  in  ihren  dienerrollen  durch  unflätige  karikatur  der  hauptper- 
sonen  das  wolgefallen  des  grossen  publikums  auf  sich  zu  lenken  und  trugen  gerade 
dadurch  zur  herabziehung  des  ernsten  Schauspieles  am  meisten  bei.  Der  schon 
genante  Kormart  gibt  durch  seine  bearbeitung  des  Timocrate  von  Thomas  Corneille 
hierfür  ein  lehrreiches  beispiel  (vgl.  Herrigs  archiv  82,  120  fg.).  Die  wachsende 
berühm theit  der  clowndarsteller  lässt  sich  kaum  besser  illustriei'eu  als  durch  die 
häufige  tatsache,  dass  schwanksamlungen  unter  ihrem  namen  veröffentlicht  wurden. 
Ich  stelle,  da  hierauf  bisher  kaum  geachtet  worden  ist,  kurz  zusammen,  was  mir  zur 
band  ist: 

1)  Außbündige  gute  bossen,  oder  außgeklaubte  schnadriaken,  durch  herm  Hen- 
sel  Wui-st.  0.  0.  1610.  8*^.  —  auch  1618.  8^     (Hayn,  Bibl.  Genn.  erot.  1885  s.  354). 

2)  De  geest  van  Jan  Tamboer  of  uyt-gelese  Stoffe  voor  de  kluchtlievende 
jonckheydt.  Amsterdam  1656  (Grässo,  Tresor  3,  450).  —  Amsterdam  1664.  3  bl.  -f 
268  s.  12°.  (Berlin  Zh  10176).  —  Amsterdam  o.  j.  (Leiden).  —  Deutsch:  Der 
geist  von  Jan  Tambaur.  gedruckt  in  diesem  itzigen  jähre  [vor  1692].  290  s.  12*. 
(Berlin  Yt  9901,  3.    Hayn  citiert  deutsche  ausgaben  von  1669  und  1673).   —   Jan 

1)  La  vio  de  Scaramoache  par  Mezetin  (A.  Constantini)  1695.  r^impr.  par  L.  Moland  1876.  — 
Crebiirth,  liOben  und  Todt  des  berühmten  Scaramozza.  1728  zugleich  mit  dem  italienischen  texte  (Berlin 
Xx  7098).  —  Ck)nstantini ,  Het  leven  van  Scharamonche  door  L.  L.  2.  drack.  Amsterdam  1715  (Leiden). 
Vgl.  Hayn ,  Bibliotheca  Gennanoram  erotica  1885  s.  274 ,  der  deutsche  ausgaben  Leipzig  1696  und  o.  j. 
anführt. 

2)  Vgl.  Scherer,  Aus  Goethes  frühzeit  1879  s.  122—125.  R.  M.  Werner,  Ztschr.  f.  d.  altert. 
26,  289.  -  Eulonspiogel streiche  des  Kilian  Brustfleck  werden  erzählt  bei  O.  G.  Ruckard,  Die  lachende 
schul.  Hall  1725  nr.  2.  51.  93.  127.  155  fg.  162  (Berlin  Tt  10631)  und  in  den  ScheiT^iafften  einfiUen  und 
lustigen  historien  1753  nr.  50.  71.  72.  75.  172  (Berlin  Yt  10431,  2). 


EBDMANN,   ÜBER   RKIGKE,   GOTTSCHEDS   LEBBJAHBE  565 

Tamboer  war  ein  Amsterdamer  Schauspieler;  vgl.  Worp,  Tijdschrift  voor  noderL  taal- 
en  letterkonde  3,  64. 

3)  FilamoD  aus  Miseioen,  Der  geist  von  monsieur  Pickel -bering  oder  histori- 
scher blumenthal.  gedruckt  im  jähr  1666.  87,  bogen  12®.  (Berlin  Yt9266,  1.)  — 
1670.    8  bogen  12«.    (Berlin  Yt  9380a,  2). 

4)  Philamon  aus  Miseinen,  Der  geist  von  monsieur  Cortesan,  oder  historischer 
lust-wald.  gedruckt  im  jähr  1666.  200  s.  12<».  (Berlin  Yt  9266,  2).  —  Hayn  citiert 
noch  einen  druck  von  1670. 

5)  Filamon  aus  Miseinen,  Der  geist  dos  pussierlichen  Pussonellon.  o.  o.  1668. 
(Hayn  a.  a.  o.)  —  Auszüge  aus  nr.  2,  4  und  5  in  „Des  uhralten  jungen  Leyor-Matzs 
lustiger  correspondentz- geist''.  1668  und  1670.  (Berlin  Yt  9376  und  9380.  Goe- 
deke,  Grundriss*  3,  266). 

6)  Der  kurtzweilige  und  noch  niemals  auff  der  schau -bühne  dieser  weit  auff- 
getretene  Arlequin  . . .  durch  J.  M.  M.  Leipzig  1691.  2  +  549  s.  12°.  (Berlin  Y't 
9901,  1). 

7)  Der  schnaack  und  geckhaffte,  dabey  ergötzende  Scai*amutza,  worin  allerhand 
lustige  unp  lächerliche  begebenheiten  enthalten.  Leipzig,  verlegts  Hieron.  Frieder. 
Hoffmann.    (Leipziger  messkatalog  ostern  1694,  bl.  H  1  a). 

8)  Der  kurtzweilige  Hanß -Wurst  von  Frölichshausen  . . .  von  N.  L.  1718.  334  s. 
12°.    (Berlin  Yt  10431,  1). 

9)  Halecius  Eyer- platz  [=  Joh.  Paul  Waltmann],  Der  in  allen  wissenchaftcn 
erfahrne  und  wohlstudirto  Pickelhering.  1720.  2  +  334  s.  12°.  (Berlin  Yt  10511).  — 
Röthenbach  1733.    308  s.     12°.    (BerUn  Yt  10516). 

Man  sieht  also,  dass  der  forschung  auf  diesem  gebiete  noch  viel  zu  tun 
übrig  bleibt. 

BERLIN.  JOHANNES   HOLTE. 

Zu  Joh.  Christ.  Gottsched's  lehrjahren  auf  der  Königsberger  Univer- 
sität. Von  Johannes  Reieke.  [Abdruck  aus  der  Altpreussischen  monatsschrift 
XXIX,  1.  2.]    Königsberg  i.  Pr.,  Ferd.  Beyer.    1892.    81  s.    2  m. 

Die  abhandlung,  deren  kleinerer  teil  (s.  1  — 16  und  anmerkungen  s.  40 — 60) 
als  Königsberger  doctordissertation  1892  erschienen  ist,  gibt  alles,  was  aus  neuer 
durchforsch ung  der  quellen  —  Schriften  Gottscheds  und  seiner  Zeitgenossen,  kirchen- 
bücher,  universitätsacten  und  seltene  drucke  von  gelegenheitsschriften  —  für  die 
kentnis  von  Gottscheds  äusserem  und  innerem  leben  bis  zu  seinem  unfreiwilligen 
fortgange  aus  dem  geliebten  vaterlande  (1724)  zu  gewinnen  war.  Auf  Gottscheds 
eigene  persönlichkeit  wie  auf  die  seiner  freunde,  lehrer  und  gönner  (namentlich 
Pietsch's,  dessen  1718  verteidigte,  sehr  pharakteristische  thesen  über  dichtkunst  und 
Stil  im  anhange  s.  72 — 81  abgedruckt  sind),  wirft  dr.  J.  Reickes  schritt  neues  licht. 
Der  pfaiTorssohn  aus  Juditten  hat  fast  ein  jahrzehent  an  den  brüsten  der  Albertina 
gelegen  und  galt  —  wie  z.  b.  aus  der  ihm  bei  seiner  promotion  gewidmeten  fest- 
schrift  hervorgeht,  vgl,  s.  38.  68  fg.  —  als  ein  besonders  hervorragender  und  viel- 
versprechender Zögling  der  Universität.  Zu  fest  allen  bestrebungen ,  die  er  in  seinem 
späteren  leben  mit  eifer  und  Zähigkeit  verfolgte,  hat  er  den  grund  schon  in  Königs- 
berg gelegt.  Eigene  anschauung  des  theaters  freilich  hat  er  nach  seiner  ausdrück- 
lichen angäbe  in  der  vorrede  zum  „Cato''  (dr.  Reieke  machte  mich  brieflich  auf  die 
stelle  aufmerksam)  dort  nicht  gewinnen  können;  aber  seine  auf  buchgelehrsamkeit 
gegründeten  ansichten  von  der  „theatralischen  poesie**  sind,   wie  man  aus  derselben 


566  lOSGKLLBN 

voiTede  schliessen  kann,  ebenfals  schon  in  Königsberg  im  wesentlichen  ausgebildet 
worden.  Die  fleissige  und  von  bibliothekarischer  Sorgfalt  zeugende  schrift  J.  Reicke's 
ist  lehrreich  für  jeden,  der  eine  richtige  Würdigung  des  oft  oberflächlich  beurteilten 
und  verurteilten  mannes  gewinnen  will;  viele  der  gesammelten  Zeugnisse  haben  aber 
auch,  typisch  gefasst,  ihren  wert  für  die  erkentnis  des  geschmackes  und  der  geistes- 
richtung,  die  zu  anfang  des  18.  Jahrhunderts  in  den  gelehrten  kreisen  Preussens  und 
Deutschlands  vorhersehend  waren. 

KIEL.  0.   EBDMANN. 

MISCELLEN. 

Zu  den  neutraleii  engreln. 

Mit  bezug  auf  die  von  prof.  Seeber  in  unserer  Zeitschrift  XXIV,  32 — 37 
gegebene  darstellung  macht  prof.  dr.  Ph.  Strauch  darauf  aufmerksam,  dass  die  dort 
8.  35  angezogene  baudschrift  Sentlingoi's  zu  den  sogeoanten  Schwellhandschriften  der 
Weltchronik  gehört.  Die  von  den  „neutralen  engein*  handelnden  verse,  die  s.  35  fg. 
unter  2)  und  3)  citiei-t  sind,  finden  sich  schon  in  der  "Weltchronik  von  Jansen  Eni- 
kel,  siehe  Strauch,  ausgäbe  derselben  (Monumenta  Germanica,  deutsche  chroniken 
m,  1.    Hannover,  Hahn.  1891)  v.  229—236.  259—270.  320—326. 


Die  Zeichen  >  und  <• 

Da  Hugo  Schuchardt  seinen  zuei'st  im  Litteraturblatt  für  germanische  und 
romanische  philologie  (1892,  sp.  40)  veröffentlichten  vorachlag  (es  handelt  sich  darum, 
eine  gleichmässige  Verwendung  der  zeichen  >  und  <C  in  sprachwissenschaftlichen 
Publikationen  herbeizuführen)  auch  in  der  Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachfor- 
schung (bd.  32,  s.  595  fg.),  in  den  Beiträgen  zur  geschichte  der  deutschen  spräche 
und  litteratur  (bd.  16,  s.  566)  und  vielleicht  noch  andei*wärts  hat  abdrucken  lassen, 
mithin  seine  meinung  nach  kräften  zu  verbreiten  sucht,  scheint  es  mir  nötig,  hier- 
durch ausdrücklich  darauf  hinzuweisen,  dass  ich  in  dem  zuerst  genanten  blatte  (1892, 
sp.  182  —  184)  den  beweis  geführt  habe: 

1)  dass  die  zeichen  >*  und  '^  ungefähr  gleichzeitig  von  Francis  A.  March 
und  Karl  Yerncr  zuerst  angewendet  worden  sind  und  dass  beide  gelehrte  sie  in  der- 
selben geltung  gebrauchen  (x  >  y  heisst:  x  wird  zu  y;  x  <.  y  heisst:  x  ist  aus 
y  entstanden); 

2)  dass  die  Verwendung  der  zeichen  in  dem  umgekehrten,  von  Schuchardt  ver- 
teidigten sinne  nur  ganz  ausnahmsweise  statgefunden  hat,  vielmehr  die  weit  über- 
wiegende mehrzahl  deijenigen,  die  sich  später  dieser  zeichen  bedient  haben,  dem  bei- 
spiele  von  March  und  Yemer  gefolgt  sind. 

Meine  ausführungen  scheinen  algemein  als  zutreffend  anerkant  worden  zu  sein; 
wenigstens  habe  ich  nicht  erfahren,  dass  auch  nur  eine  stimme  für  Schuchardt  sich 
erhoben  hat,  während  mir  zahlreiche  briefliche  Zustimmungen  zugegangen  sind  und 
öffentlich  Behaghel  (Germania  37,  375),  Sievers  (Beiträge  16,  566)  und  Gaston 
Paris  (Romania  21,  469  fg.)  für  mich  sich  erklärt  haben.  Gaston  Paris  sieht  sogar 
die  ganze  frage  als  abgetan  an  und  ist  der  Überzeugung,  dass  nun  einmütig  sämt- 
liche Sprachforscher  den  beiden  zeichen  den  von  March  und  Verner  ihnen  beigelegten 
wert  belassen  werden.  Diese  erwartung  des  berühmten  französischen  romanisteu  ist 
leider  (wie  z.  b.  nr.  9  des  litteraturblattes  beweist)  alzu  optimistisch  gewesen;   doch 


NEUE  ER8CHEINTJN0EN  567 

darf  ich  meinerseits  wol  die  hofnung  aussprechen,  dass  die  herausgebor  linguistischer 
Zeitschriften  in  ihren  spalten  fortan  nur  die  Verwendung  der  beiden  zoichen  dulden 
werden,  die  von  mir  als  die  historisch  allein  berechtigte  und  fast  algemein  im  in- 
und  auslande  gebräuchliche  erwiesen  ist. 

KIEL.  HCGO   GERING. 


NEUE   ERSCHEINUNGEN. 

Engelien,  Angrust,  Grammatik  der  nhd.  spräche.  4.  aufläge.  VUI  und  608  s. 
7,50  m.  —  Leitfaden  für  den  deutschen  Sprachunterricht.  II:  für  die 
mittelklasson.  Neue  stereotypierte  aufläge.  160  s.  Im.  —  Die  deutsche 
Wortbildung  für  den  schulgebrauch  methodisch  dargestelt.  45  b.  0,30  m.  Ber- 
lin C,  W.  Schnitze.  1892. 

Die  weite  Verbreitung,  welche  die  beiden  ersten  bücher  bereits  gefunden 
haben,  ist  nicht  unverdient;  sie  sind  aus  gründlicher  arbeit  und  von  nachdenken 
begleiteter  pädagogischer  erfahrung  ei'wachsen  und  bewältigen  in  klarer  dai'stellung 
eine  grosse  menge  lehn-oichen  Stoffes.  Über  manche  theoretische  frage  kann  man 
abweichender  meinung  sein;  unter  den  grammatischen  benennungen  beklage  ich 
die  beständig  gebrauchte  „  imperfectum "  für  das  geiinanische  praeteritum.  Die 
tatsächlichen  mitteilungen  sind  aus  fleissigem  Studium  ginindlegendcr  wissenschaft- 
licher werke,  sowie  aus  eigener  lektüre  der  nhd.  litteratur  geschöpft  und  fast 
durchweg  zuverlässig;  eine  ausnähme  macht  die  unrichtige  notiz  über  ahd.  fieixan 
und  giheixan  (s.  176  der  grammatik).  Wenig  eindringend  ist,  was  s.  100.  375 
über  den  artikel,  s.  514  (nur  ganz  nebenbei!)  über  die  woi*tstellung  gesagt  ist  — 
In  döm  dritten,  jezt  zum  ersten  male  erschienenen  büchlein  über  die  Wortbildung 
wären  die  ableitungen  von  getrost  s.  20,  glück  s.  21  bosser  fortgeblieben,    o.  s. 

Heyne 9  Moriz,  Deutsches  Wörterbuch.  Vierter  halbbaud:  licht  —  Quittung, 
XXIV  (erstes  quellenverzeichnis !)  und  sp.  641  — 1238.  Leipzig,  S.  Hirzel.  1892. 
5  m. 

Learned,  Marion  Dexter,  the  sage  of  Walther  of  Aquitaine.  Baltimore  1892. 
VI,  208  s. 

Marold,  K»,  Die  schriftcitate  der  Skeireins  und  ihre  bedeutung  für  die  text- 
geschichte  der  gotischen  bibel.  10  s.  4.  [Festschrift  des  königl.  Friedrichskolle- 
giums zu  Königsberg  i.  Pr.  1892.    s.  65  —  74.] 

Wunderlich,  Hermann,  Der  deutsche  satzbau.  Stuttgart,  J.  G.  Cotta  nachfol- 
gor.  1892.    XIV  und  252  s.    4  m. 

Inhalt:  I.  Verbum  (1.  abgrenzung  von  anderen  Wortklassen;  2.  formen; 
3.  Stellung).  11.  Substantivum  (1.  algemeine  abgrenzung;  2.  gebrauchsformen). 
III.  Adjectivum.  IV.  Pronomen.  V.  Partikeln  (1.  algemeinos;  2)  praepositionen ; 
3.  bindepartikeln.)  —  Der  herr  Verfasser  teilt  uns  mit:  „Im  Verzeichnis  der  druck- 
fehler  und  nachtrage  (s.  252)  sind  einige  berichtigungen  leider  in  folge  eines  mis- 
vcrständnisses  ausgefallen.  Wenn  auch  der  sinn  in  den  meisten  fällen  unschwer 
zu  erraten  ist  (so  auch  wol  212,  17  Verstrennung  für  Vertrennnng;  182,  21 
bedrängt  statt  bedingt)^  so  muss  doch  zu  59,  11  bemerkt  werden,  dass  der  satz 
wie  überhaupt  —  Präsens  zu  streichen  ist,  und  dass  236,  17  die  ursprüngliche 
fassung  in  einem  Falle  sich  bei  der  korrektur  irtümlich  in  einmal  umgewan- 
delt hat  ^ 


568 


NACHRIOHTKN 


NACHKICHTEN. 

Es  habilitierteu  sich  für  deutsche  philologie:  in  Wien  dr.  Max  Hermann 
Jellinek,  in  Münster  dr.  Karl  Drescher,  in  Bern  dr.  0.  v.  Greyerz.  Der  pri- 
vatdocent  dr.  Oswald  von  Zingerle  wurde  als  extraordinarius  nach  Czemowitz 
berufen. 

Am  15.  august  1892  verschied  zu  Weimar  dr.  Reinhold  Köhler,  grossher- 
zogl.  sächsischer  oberbibliothekar  (geb.  in  Weimar  24.  juni  1830).  Er  war  ein  her- 
vorragender forscher  auf  dem  gebiete  der  vergleichenden  litteraturgeschichte,  besonders 
auch  ein  feinsinniger  kenner  der  mittelalterlichen  novellistik  und  der  märchenlitte- 
ratur.  Unserer  Zeitschrift  hat  er  bis  zum  XVI.  bände  eine  reihe  wertvoller  beitrage 
gesani 

Am  17.  September  1892  verstarb  dr.  Ignaz  Vinzenz  Zingerle,  edler  von 
Summersberg,  k.  k.  regieinmgsrat,  von  1859  bis  1890  professor  der  deutschen  philo- 
logie an  der  Universität  Innsbruck  (geb.  6.  mai  1825  in  Meran).  Eine  Schilderung 
seines  lebensganges  von  der  band  K.  Weinholds  enthält  die  beilage  zui*  Allg.  zeitung 
vom  1.  Oktober;  eine  Übersicht  seiner  Schriften  (vgl.  auch  C.  v.  Wurzbach,  österr. 
biograph.  lexicon  XL)  ist  in  demselben  blatte  am  22.  September  gegeben.  Eine  reihe 
kleinerer  arbeiten  Zingerles  enthält  Pfeiffers  Germania,  sowie  unsere  Zeitschrift  (in 
band  n.  IV.  VI.  IX.  XI.  XIE.  XVII.  XVIÜ.  XXI.  XXIV.  XXVI). 

Am  .30.  Oktober  1892  starb  zuAarau  der  sagenforscher  Ernst  LudwigRoch- 
holz  (geb.  3.  märz  1809  zu  Ansbach). 


Beriehtigrnng:. 

In  der  anzeige  des  buches  von  Bechtel  ist  zu  lesen:  s.  368,  zeile  12:  „mit 
Brugmaim;  s.  372,  z.  11:  >);  s.  374,  z.  12:  a';  s.  375,  anm.  1,  z.  2:  ä',  s.  376,  z.  8 
V.  u.:  skr.  de'va,  lit.  devt;  s.  377,  z.  3  v.  u.:  pddm\  s.  378,  z.  17:  lit.  nakt'(f\  s.  379, 
z.  7  V.  u.:  gkveres\  s.  385,  z.  27:  erklärt **.') 


I.   SACHREGISTER. 


Acrosticha  in  lateinischen  gedichten  und 
bei  Otfrid  556. 

Adelungs  Wörterbuch:  Wielands  wertschätz 
im  Geron  verglichen  damit  240 — 252. 

alamodischo  hobelbank  418  fg.  vgl.  gro- 
bianische Schriften. 

alliteration  siehe  raetrik. 

altnordisch:  eddische  kosmogonie  siehe 
Edda. 

Arnolds  lateinische  Übertragung  des  Hart- 
mannschen  Gregorius  126  fgg.  vgl.  Hart- 
mann. 

begräbnis  moro  Teutonico  139. 

bibel Übersetzung,  niederdeutsche,  Bugen- 
hagens  anteil  daran  134  fg. 

Boccaccio :  Hans  Sachs  als  nachahmer  des 
B.,  siehe  H.  Sachs. 

Bugenhagons  anteil  an  der  nd.  bibelüber- 
setzung  134  fg. 

(.-apions  schauspielerti'uppe  siehe  dieses. 

Carmina  Burana  27. 

Chauken,  Wohnsitze  129. 


Cicogninis  stück  Statua  in  Dänemark  ge- 
spielt 321;  vgL  Schauspielertruppen. 

Comeilles  Polyeuct:  deutsche  bearbeitun- 
gen  519. 

Dänemark:  deutsche  schauspielertruppen 
in  D.  313  fgg. 

Dennei-s  schauspielertruppe  324. 

drama  vom  verlornen  söhn  140.  deut- 
sche schauspielertruppen  in  Dänemark 
314  fg.  kinderscenen  525.  allegorische 
figuren  527.  komische  figuren  563  fg.  — 
Vgl.  Faust,  A.  Gryphius,  Klinger,  Mit- 
temacht, Puppenspiele,  Gottsched. 

Eckenbergs  schauspielertruppe  338. 

Eckenlied:  metiische  abhängigkeit  der 
Carmina  Burana  von  der  weise  des 
Eckenliedes  1  fg.,  27  fg.  die  in  Car- 
mina Burana  überlieferte  Strophe  stelt 
den  ursprünglichen  an£Emg  des  Ecken- 
liedes dar  2  fg.  —  Helfrich  von  Lutrin- 
gen  oder  Lune  ursprünglich  aUein  in 
der  ersten  strophe  der  alten  dichtung 


I.    SACHBEGISTES 


569 


vertreten  3  fgg.  bedeutau^  des  namens 
5  — 11.  —  ursprüngliche  reihenfolge  der 
Strophen  vom  anfemg  des  originales  bis 
zum  beginn  des  kampfes  in  der  näch- 
sten grundlage  von  L das  11  —  22.  Ver- 
hältnis der  texte  bei  der  Überlieferung 
des  kampfes  22 — 24.  Dietrichs  kämpf 
mit  Fasolt  und  Dietrichs  besuch  bei  den 
königinnen  24 — 27. 

Edda:  eddische  kosmogonie  399 — 402. 

Egbert  v.  Lüttich,  fecunda  ratis  423  —  430. 

englische  komödianten,  ihr  einfiuss  auf 
Mitternacht  527  fg. 

Enikel,  Weltchronik  566. 

Faust:  Verhältnis  des  böhmischen  Puppen- 
spieles zu  den  volksliedera  von  Faust 
421  fg. 

(loraer  gymnasium :  aufführungen  von  dra- 
men  im  17.  jahrh.  510  fg. 

Germanen:  zeit  ihrer  ansiedlung  im  nord- 
östlichen Deutschland  547  fgg.  —  Urhei- 
mat der  Indogermanen  549.  vorindo- 
germanische bevölkerung  Europas  549. 

—  bestimmung  des  anfanges  der  ger- 
manischen Sondersprache  550  fg. 

geselschaftslied  des  17.  Jahrhunderts,  siehe 
liederbücher. 

Gloim:  briefe  Herders  und  seiner  gattin 
an  ihn  36  —  70.  briefe  Gleims  an  Her- 
der 37  fg.  51  anm.  7;  an  Herders  gat- 
tin 42  anm.  2.  54  anm.  1.  —  sein  urteil 
über  Jean  Paul  40  anm.  6.  über  Stol- 
borgs übertritt  zum  katholicismus  58 
anm.  1.     über  die  Xenien  47  anm.  1. 

(Inaphaous  Acolastus,  Schaffhauser  manu- 
script  140. 

Goethe:  urteil  Gleims  über  die  Xenien  47 
anm.  1.  —  gedieht:  Der  ewige  Jude, 
zeit  der  entstehung  289  fg.  das  gedieht 
als  angebliches  zeugnis  für  Goethes 
damaligen  religiösen  Standpunkt  289 — 
300.  einfluss  der  Verlobung  auf  seine 
Stimmung  294  fg.  widei*aufnahme  des 
planes  auf  dem  wege  nach  Rom  296  fgg. 
tendenz  des  gedichtes  299  fg.  Verhält- 
nis zu  gleichzeitigen  dichtungen  300  fg. 
Goethes  späteres  urteil  301  fgg. 

Gottsched  in  Königsberg  565. 

grammatik.  neuhochdeutsche:  gebrauch 
des  pronomens:  persönliches,  unge- 
schlechtiges  pronomen  305  fgg.  per- 
sönliches, geschlechtiges  pronomen  307 

—  311.     pronomen  j)0ssessivum  311  fgg. 

—  hauptprobleme  der  indogermani- 
schen lautlehre:  Verhältnis  von  ablau- 
tendem e  und  o  368.  Schwächung  des 
mit  muten  und  Spiranten  verbundenen 
vokals  369.  des  mit  nasalen  oder  liqui- 
den verbundenen  vokals  vor  folgendem 
vokal  370  fg.     vor  folgendem  konsonan- 


ten  371  —  374.  Schwächung  der  Ver- 
bindungen, eu  374  fg.  dehnung  375 — 
382.  ^gen  und  diphthonge  mit  lan- 
gem ersten  komponenten  382  —  390. 
die  gutturale  390  —  393.  /  der  Ur- 
sprache 393  fg. 

grobianische  Schriften:  alamodische  hobel- 
bank  418  fg. 

Gryphius,  Andreas:  sein  Papinian  nach 
Haskerls  bearbeitung  gespielt  von  der 
Spiegelbergschen  schauspielertruppe  331. 

Hanswurst  564. 

Hartmann  von  Aue:  Gregorius,  Verhältnis 
der  einleitung  zur  lateinischen  überti-a- 
gung  Arnolds  126  fg. 

Haskerls  bearbeitung  des  Papinian  von 
A.  Gryphius  331  fg. 

Helfrich  von  Lutringen  oder  Lune  in  der 
ersten  Strophe  des  alten  Eckenliedes, 
bedeutung  des  namens  3  fgg.  vgl  Ecken- 
lied. 

Herder:  briefe  von  ihm  und  seiner  gat- 
tin an  Gleim  36 — 70.  brief  Gleims  an 
Herder  37  fg.  51  anm.  7.  an  Herders 
gattin  42  anm.  2,  54  anm.  1. 

höfisches  leben  zur  zeit  der  min- 
ne Singer:  fragespiel  91.  tanz  91  fg. 
musikinstrumente  92  fg.  vorlesen  93. 
spielleute,  das  spilwip  93  fg.  Stellung 
der  kirchonfüi'sten  zu  den  spielleuten 
93.  s.  Gertruden ,  s.  Johannis  minne  95. 
lebenswandel  der  geistlichkeit  95  fg.  sit- 
lichkeit  96.  ideale  des  ritters,  minne- 
dienst 97  fg.  einteilung  der  frauen  98. 
eheschliessung  98  fgg.  sper  100  fg.  ban- 
ner  101.  rüstung,  kleidung  102  fg. 
waffenröcke  103  fg.  zimier  104.  reise- 
gewand  104  fg.  schild  105  fg.  kover- 
tiure  106.  turnier  106.  109.  ordale 
109.  zeit  110  fg.  kampflieder  111. 
heilmittel  für  wunde,  Operation  111  fg. 
die  gefallenen  112.    schwur  113. 

Jean  Paul :  Gleims  urteil  über  ihn  40  anm.  6. 

Jerusalemfahrt  des  pfalzgrafen  Otthein- 
rich 166  —  220.  475  —  501.  Vgl.  pü- 
gerfahrten. 

indogermanische  lautlehre,  haupt- 
probleme derselben  siehe  grammatik.  — 
Urheimat  der  Indogermanen  549.  vor- 
indogeimanische  bevölkerung  Europas 
549.  bestimmung  des  anfanges  einer 
gennaoischen  Sondersprache  550  fg. 

Joacliims  Karl  von  Braunschweig  lieder- 
buch  29 — 32.    vgl.  liederbücher. 

klage,  diu:  Unterscheidung  von  zwei  tei- 
len 146.  inhalt  des  zweiten  teiles  146 — 
150.  rechtfertigung  Kriemhilts  150  fgg. 
Hagens  veiiirteüiing  153.  degeneration 
der  alten  recken  153 — 157.  wörtliche 
Übereinstimmungen   mit  dem  Nibelun- 


570 


I.     SACHREGISTER 


genliedo  158.  widersprücho  zwischen 
beiden  teilen  dos  gedieh tes  158  fg.  Ver- 
knüpfung beider  teile  159  fg.  lateinische 
und  deutsche  quelle  160  fg. 

Klinger,  Maximilian  v. :  Henri  P^ons  L'Hi- 
stoire  des  trois  fils  quelle  seines  lust- 
spiels:  Der  der  wisch  357  fgg.  bearbei- 
tung  Kliugers  359  —  362. 

Köbers  auffühiningen  am  Geraer  gymna- 
sium  514. 

Köhler,  Reinhold  568. 

Konrads  von  Hirschau  dialogus  super  aucto- 
res  sive  didascalon:  inhalt  268  —  272. 
Sprache,  quellen,  pädagogischer  Stand- 
punkt 272.    methode  272  fg. 

Kormaiis  Polyeuctus  siehe  Mitternacht. 

Kümberger,  der:  als  Verfasser  der  ihm 
zugeschriebenen  Strophen  408  fgg.  als 
angeblicher  dichter  des  Nibelungenliedes 
408  fgg. 

Lassonius,  Johann,  seine  angebliche  lauf- 
bahn  als  Schauspieler  314  anm.  7. 

lautlehre,  hauptprobleme  der  iodogerma- 
nischon,  siehe  grammatik. 

Lexer,  Matthias  von,  nekrolog  253 — 256. 

liederbücher  des  16.  und  17.  Jahr- 
hunderts: liederbuch  des  prinzen  Jo- 
achim Karl  von  Braunschweig  29  —  32. 
der  Prinzessin  Luise  Charlotte  v.  Braun- 
schweig 32  —  36. — Venusgärtlein :  nach- 
weise zu  nr.  50  s.  65.  273  fg.  zu  ni*. 
53,  s.  68.  274  —  280.  zu  nr.  63  — 65 
s.  280.  zu  nr.  69  s.  280—283.  zu  nr. 
81,  s.  122.  283.  zu  nr.  107  s.  283.  zu 
nr.  114  s.  283.  Charakter  des  gesel- 
schaftsliedes  283  fg.  Verhältnis  zum  mo- 
dernen volksliede  284.  s.  138:  Ein 
hirschlein  usw.  anfang  der  modernen 
jägerromantik  284.  nachgeahmt  von 
SchefPler  284  fg.  —  Des  Neu  weltlichen 
liederbüchleins  imd  ähnlicher  Verhältnis 
zum  modernen  volksliede  285  fg.  — 
vgl.  Zweibrückenor  handschriften. 

Luise  Chai'lotte  von  Brandenburg,  lieder- 
buch derselben  32  —  36. 

metrik:  zur  geschieh te  der  altdeutschen 
verskunst  552  fgg.  alliteration  554.  Ot- 
frieds  iktenzoichon  554  fgg.  endreim 
556  fg.  der  reim  bei  den  irischen  klo- 
sterdichtern  557.  in  der  lateinischen 
dichtung  557.  drei-,  vier-  und  mehr- 
hebige  vei-se  nach  Otfried  558  fg.  Ni- 
belungenstropho  559.  —  motiische  ab- 
hängigkeit  der  Strophen  der  Carmina 
Burana  von  der  weise  des  Eckenliedes 
1  fg.  27  fg.  —  vgl.  Eckonlied. 

minncgesang:  natureingänge  der  minnelie- 
dor  122  fg.  124.  —  höfisches  leben  zur 
zeit  der  minuesinger  91  — 113. 


Mitternacht:  lioder  503  — 509.  drameo 
509  fg.  seine  lateinischen  dramen  auf- 
geführt von  Schülern  des  Geraer  gym- 
nasiums  510 — 514.  aufführungen  durch 
roktor  Köber,  den  nachfolger  Mitter- 
nachts 514;  darunter  eine  bearbeitung 
von  Corneilles  Polyeuct  514 — 519;  Zu- 
sammenhang mit  Korroarts  Polyeuctus 
519  fg.  —  die  beiden  deutschen  dramen 
Mitternachts  520  fg.:  1)  der  unglück- 
selige Soldat  vnd  vorwitzige  barbierer 
521  —  526.  auftreten  allegori.scher  figu- 
ren  526  fg.  einfluss  der  englischen  ko- 
mödianten  527  fgg.  pädagogisch -mora- 
lische tendenz  des  Stückes  529  fg.  2) 
Politica  dramatica  530 — 537. 

Müllers,  Wilhohn,  romanze:  Est,  est  142  fg. 

nekrologe:  Friedr.  Zarncke  71 — 90.  Mat- 
thias V.  Lexer  253 — 256.  Theodor  Wi- 
son  362—366. 

Neuberin,  die,  mitglied  der  Spiegelberg- 
schen  schauspielerinippe  siehe  das  lozte. 

Nibelungenlied:  Verhältnis  der  klage 
zum  N.,  siehe  klage.  —  Verhältnis  des 
VIT.  und  VIII.  Lachmannschen  liedcs 
407  fg.  der  Kümberger  als  angeblicher 
Verfasser  des  N.  4Cß  fgg.  bedeutung 
des  namens  Nibelung,  Nibelungen  410  fg. 
burgundische  könige  41 1 .  goldhaltigkeit 
des  Rheinsandes  hat  zur  sage  von  dem 
Nibelungenschatze  beigetragen  411  fg. 
Verhältnis  der  geschichte  von  der  or- 
weckung  Sigrdrifas  zur  gowinnung  Bnin- 
hilds  413  fg.  Wechsel  der  rollen  des 
Etzel  imd  der  Kriemhilt  im  nordischen 
und  deutschen  Nibelungenliede  415  fg. 
Verhältnis  des  epos  zur  spiolmannspoesie 
416.  —  Nibelungenstrophe  559. 

Otfrieds  iktenzeichen  554. 

Ottheinrichs,  pfalzgrafen  bei  Rhein,  Pil- 
gerfahrt 164. 

PajoDS,  Henri,  L'Histoire  des  trois  fils 
usw.  quelle  von  Klingers  derwisch,  siehe 
Klinger. 

Pandszensche  schauspielertmppe  315  fg. 

Paulsensche  schauspielertimppe  315  fg. 

Pilgerfahrten:  entstehuug  sogenanter 
pilgerbrüder  163  fg.  pilgerfimrt  des 
pfalzgrafen  Ottheiniich  164.  bericht 
eines  bäuerlichen  Schweizers  darüber 
164.  166-220.  475—501.  bericht 
eines  geistlichen  daiübcr  164. 

Puppenspiele :  Zugehörigkeit  zum  reperteiro 
der  Wanderbühnen  des  17.  Jahrhunderts 
420  fg.  —  böhmisches  Puppenspiel  von 
dr.  Faust  421  fg. 

von  Quotens  schauspielertruppe  340  fg. 

reim:  siehe  metrik. 

i'outerlioder,  siehe  Zweibrüokener  hand- 
schriften. 


n.     YERZEICHlilS  D£B  BESPROCHENEN  STELLEN 


571 


Sachs,  Hans:  behandlung  des  Boccaccio 
344  fg.  erklärang  des  von  ihm  beibe- 
haltenen anstössigen  845  fg.  Verhältnis 
der  menschen  zu  Gott  in  den  fastnacht- 
spielen 346  fgg.  Verhältnis  der  men- 
schen mitereinand  er:  Warnung  mächtiger 
348  fg.  achtbarkeit  aller  stände  349  fg. 
tadel  unzüchtigen  lebens  351  fg.  lob 
der  ehe  352  fgg.  kindererziehung  354 
fgg.     quellen  564. 

schauspielortruppen,  deutsche,  in 
Dänemark:  des  Wulff  und  Treu  314. 
des  Pandszen  315.  des  Paulsen  315  fgg. 
des  üblich  316  fg.  der  witwe  Veiten 
317.  theaterzettel  ihrer  truppe,  betr. 
das  stück  Statua  und  Inhalt  desselben 
318  —  321.  vergleich  mit  dem  italieni- 
schen onginal  des  Cicognini  321.  — 
anschlagzettel,  vermutlich  des  Denner, 
betr.  das  stück:  Der  verirte  liebes -stand 
322  fgg.  die  Denner -Spiegelbergsche 
truppe  324  fgg.  Neuber  und  frau  Neu- 
berin  mitglieder  dei-selben  325.  plan 
des  von  der  Spiegelbergschen  truppe  in 
Kopenhagen  gespielten  Stückes :  der  ver- 
wirto  Soldat  326  —  331.  des  von  Has- 
kerl bearbeiteten  Papinian  des  A.  Gry- 
phius  331  —  334.  änderungen  des  ori- 
ginales 334  fgg.  nachweis  eines  zweiten 
im  norden  spielenden  Spiegelberg  337  fg. 
Call  V.  Eckenbergs  auftreten  338  fg. 
Etienne  Capions  bühüe  338  fg.  v.  Quo- 
ten und  die  von  seiner  tmppe  gespiel- 
ten stücke  340 — 342.  —  Puppenspiele 
im  repertoire  der  Wandertruppen  des 
17.  Jahrhunderts  420  fg. 

SchclTler  ahmt  lieder  des  Veuusgärtleius 
nach  284. 

Scheror,  Wilhelm,  urteile  über  ihn  287  fg. 

Schiller:  Gleims  urteil  über  die  Xenien 
47  anm.  1. 

Spiegelbergsche   schauspieleiiruppen    326 

spielmannspoesie ,  Verhältnis  zum  Nibe- 
lungenliede 416. 

Sprachvergleichung,  siehe  grammatik. 

Stolbergs  übertritt  zum  katholicismus,  ur- 
teil Gleims  58  anm.  1. 

Thidreksagaj  ui-sprüngliche  und  inter- 
poliei-te  teüe:  c.  197  —  283.  433  —  441. 


c.  21  — 196  435.  vgl.  455  fg.  c.  197  — 
240  435—438.  c.  241—274  438  fg. 
c.  276  —  290  439 — 442.  Verhältnis  Ro- 
dingeirrs  zur  sage  442 — 445.  Stellung 
der  Niflungasaga  (342  —  348.  356 — 394) 
zur  sage  445—450.  c.  303  —  307  451 
fg.  c.  295.  308  452  fg.  c.  316  —  339 
444  fgg.  c.  340—341  450.  c.  349— 
355  453.  c.  395—422  447  fgg.  453  fg. 
c.  423  —  428  450.  454  fg.  c.  429 — 436 
454 — 458.  c.  437  458  fg.  S  c.  383  — 
386  459  fg.  c.  1  -20  460  fgg.  Schei- 
dung der  intei-polationen  nach  den  Ver- 
fassern 462—475. 

Treusche  schauspielertruppe  314. 

ühlichsche  schauspielertruppe  316. 

Veltensche  schauspielertruppe  317. 

Venusgäitlein,  lioderbuch  des  17.  jahr- 
hundei-ts  273  fg. 

Volkslieder  des  16.  Jahrhunderts:  einfluss 
auf  das  moderne  Volkslied  285.  —  Ver- 
hältnis des  böhmischen  Puppenspieles 
von  dr.  Faust  zu  Volksliedern  von  Faust 
421. 

Wanderbühnen,  siehe  schauspielertrnppen. 

Wielands  dichterische  manier  221  fgg. 
Geron:  composition  des  gedichtes  und 
Verhältnis  zur  quelle,  Gyron  lo  Cour- 
tois  221  —  236.  Wielands  auffassung 
vom  hochdeutschen  236—240.  Verhält- 
nis zu  Adelungs  Wörterbuch  240  fg. 
Wortvorrat  im  Geron  verglichen  mit 
Adelung  241  —  252. 

Winnenbergs,  freiherrn  von,  reuterliedcr 
in  einer  Zweibrückener  handschrift  539. 

Wisen,  Theodor,  nekrolog  362—366. 

Wulffscho  schauspielei-truppe  314. 

Xenien:    urteil   Gleims  47  anm.  1. 

Zarncke,  Friedrich,  nekrolog  71 — 90. 

zehn  altersstufen  des  menschen,  gedieht 
544  fg. 

zeichen  >  und  <.  566. 

Zingeiie,  I.  v.,  568. 

Zweibrückener  handschriften:  ge- 
dieht auf  die  Vermählung  pfalzgraf  Frie- 
drichs II.  538  fg.  dialogus  539.  reu- 
terliedcr des  freiherrn  v.  Winnenberg 
539  fg.  historische  Reimen  voun  dem 
Vngereimbden  Reichstage  Anno  1613 
540—544. 


IL    VERZEICHNIS  DER  BESPROCHENEN  STELLEN. 


Mittellateinisch. 

Egberts  von  Lütticli  Fecunda 
ratis  2';i  s.  429. 
46  -    ''^ 


52 


s.  427. 
s.  429. 


73  s.  429. 
174.  178  S.427. 
319.  327.  415  s.427. 
428.  434  8. 427. 
440.  448  s.  429. 
459  s.  427  fg. 


464.  523  s.  428. 
526—538  S.429. 
571  fg.  605  S.428. 
628.  659  8.  428. 
701—722  8.428. 
871  fgg.  s.  428. 


572 


in.     WOBTBEaiSTER 


Egberts  von  Lüttich  Focunda 
ratis. 

931.  967  S.430. 
999  s.  428. 
1005.  1015  s.  430. 
1023  S.428. 
1080  s.  430. 
1129.  1180  s.428. 
1205  S.429.  430. 
1218  s.  429. 
1237  S.430. 
1243.  1322  s.  429. 
1341  S.420.  430. 
1347  s.429. 
1469.  1582  s.  4.30. 
II.    33.  66  s.  430. 
185  s.429. 
373.  433.  444.   463 
s.  430. 

Altnordisch. 

Volsungasaga  ed.  Ranisch. 
C.29,  z.  113  s.  395. 
Str.  22*  S.396. 


Thidreksaga  siehe  das  Sach- 
register. 

Mittelhochdeutsch. 

Altdeutsche  predigten,  her- 
ausgegeben V.  «ohönbach 
29,  8  s.  261. 
29,  22.  40,  7  s.  259. 
42,  24  s.  261. 
49,  2.  52,  24  s.  259. 
59,  2  s.  261. 
64,  7.  25  8.  259  fg. 
80,  8  s.  261, 
101,  21.  105,  28.  107,  5 
8.  260. 

132,  33.  38  s.  260  fg. 

133,  31  s.  260. 
139,  6  fg.  s.  261. 
142,  3  s.  260. 
147,31.  149,38.  154,28 

s.  26] . 
159,  21.   161,  32  s.  260. 
162,  3.  167,  9  8.  260. 
173,  38  s.  261. 


184,  6  8.  260  % 
186,  9.  192,  22  s.  261. 
208,  29.  212,  9  s.  261. 
355,  1  8.  262. 
I  Nibelungenlied. 

1528  s.  407. 
i  Klage. 

I         1398  fgg  8. 161  ig. 
i         1473—1555  s.  162. 

1633  s.  161. 
Minnesangsfrühling 

8,  lund  9,  29  8. 408  fgg. 
Neidhart 

48,  20  fg.  s.  124. 
Vom  rechte. 

363  fg.  8.  562. 
Hochzeit 
.   854  8.  562. 

I  Niederdeatseh. 

,  Stricker,    De  Dudosche 
Schlömer. 

185.  733.  2242  s.  130. 
!       3599.  5009  s.  131. 


Altnordisch. 

Walls  (eigenuanie)  s.  .398  fg. 

AltMesisch. 

T'NVoii  (eigeimanio)  s.  129. 

Mittelhochdeutsch . 

arm  brüst  s.  109  fg. 
barmhcrzunge  s.  262. 
hast  (f.  pabst)  s.  257. 
bezocheneu  (f.  bezeichnen) 

s.  258. 
brutgou  s.  258. 
büwewerch  s.  262. 
chunschc  (f.  kiusche)  s.  258. 
dietland  s.  262. 
doruslehe  s.  263. 
ebeugenozsam  s.  263. 
ebenmäzunge  s.  263. 
eigensuu  s.  263. 
ergrauten  s.  263. 
erscemen  s.  263. 
vorteilaero  a.  263. 
visk-schiflin  s.  263. 
viwer-eitor  s.  263. 
flatscho,  fletsche  s.  110. 
Vül-Gren  s.  263. 


III.     WOETREGISTER. 

vül-lOnen  s.  263.  I 

vurfrit  s.  257. 
gcmande  s.  263. 
gomüozegen  s.  263. 
gcnozsamen  s.  263. 
giegen  (giengin)  s.  258. 
gigirsch,  gigirschhoit  s.  263. 
gots-gelichnusse  s.  263. 
gotsun  s.  257  fg. 
hei-sal  s.  264. 
hersedol  s.  264. 
hersenier  s.  110. 
heimladunge'  s.  264. 
hinnebedcs  s.  264. 
horwelin  s.  264. 
ir  (pron.)  s.  258  fg. 
kiulc,  kolbe  s.  110. 
kolzo  s.  102,  anm.  1. 
kouft  (f.  gek.)  s.  258. 
lantsite  s.  264. 
lecken  s.  259. 
leigolich  s.  264. 
mirrensraac  s.  264. 
uedehein  s.  264. 
paore  s.  262. 
pfaffensanienunge  s.  264. 
reismantel  s.  264. 
riusaerinne  s.  264. 
sumbalde  s.  264. 


I  sce£stiuraore  s.  264. 
I  sines  willen  s.  258. 
j  spaldenier  s.  102. 
I  toufbotege  s.  264. 
;  unanesihtik  s.  264. 

uugewislicheu  s.  264. 

wenig!  s.  264. 

woldan  s.  1 10. 

zuo  weten  s.  264. 

MittelfransMseh. 

haubergeon  s.  130. 

NenhoehdeatBeh. 

Füglisthal  (orten.)  8.  267. 
Giuxiinenwiese  8.286  fg. 
thäte  (im  bedingungssatxe) 

8. 138.  431. 
Wölflingen  (ortan.)  s.  267. 

NiederdeutBeh. 

dribolde  scheren  s.  140  fg. 
grindt  s.  131. 
putz  s.  131. 

NenfhuuMBeh« 

Vauffelin  (ortsn.)  s.  267. 


Halle  u.  S. ,  Budidnickorei  des  WaiseiihaUbes. 


THE  UNIVERSITY  OF  MICHIGAN 
GRADUATE  LIBRARY 


YMIM.' 


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JUL      l^ 


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MAY  '  J 


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